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Im Bann des stolzen Wüstenprinzen

1. KAPITEL

Kies knirschte unter Amirs Stiefeln, als er unter dem sternenübersäten Himmel auf das große Zelt zuging, das ihm zu seiner Verfügung stand. Es war ein langweiliger Abend in öder Gesellschaft gewesen. Gast eines abtrünnigen Stammesführers im Nachbarstaat zu spielen, entsprach nicht seiner Vorstellung davon, wie er seine Zeit verbringen wollte. Insbesondere, da er im eigenen Land einige private Angelegenheiten zu regeln hatte.

„Hoheit …“ Faruq eilte ihm nach. „Wir sollten uns beraten, bevor die Verhandlungen beginnen.“

„Nein.“ Amir schüttelte den Kopf. „Geh schlafen. Der morgige Tag wird anstrengend.“ Vor allem für Faruq. Amirs persönlicher Assistent war ein Stadtmensch und nicht gewöhnt an eine derart karge Umgebung, in der noch alt hergebrachte Regeln galten und Diplomatie eher schroff gehandhabt wurde.

„Aber Hoheit …“

Faruq verstummte, als Amir vielsagend mit dem Kopf zu den Wachen deutete, die Mustafa vor dem Zelt postiert hatte – offiziell zu Amirs Schutz, eindeutig jedoch mit dem Hintergedanken, zu spionieren.

Faruq verstand. „Da ist das Mädchen“, murmelte er.

Amirs Schritte verlangsamten sich. Das Mädchen, das Mustafa ihm heute Abend so großtuerisch überlassen hatte. Blondes Haar, das im Lichtschein wie Seide schimmerte. Violette Augen, die Amirs Blick offen und direkt erwidert hatten, wie es nur wenige Männer und keine Frau in dieser Region wagen würden. Die Mischung aus Schönheit und Widerspenstigkeit hatte ihm für einen Moment den Atem geraubt.

Bis er sich daran erinnerte, dass er auf allen Kontinenten aus den schönsten und elegantesten Frauen wählen konnte. Er war nicht auf Liebesdienerinnen angewiesen, die auf Befehl ihres Herrn dem hohen Gast zu Diensten sein mussten. Er suchte sich seine Bettgespielinnen selbst aus.

Und doch … etwas an ihr hatte für einen kurzen Moment seine Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht lag es an der Art, wie sie ihre Augenbrauen in die Höhe gezogen hatte – mit einem Hochmut, der nur einer Königin zustand.

„Zweifelst du daran, dass ich mit ihr umgehen kann?“

Faruq unterdrückte das Lachen. „Natürlich nicht, Hoheit. Aber … irgendetwas ist ungewöhnlich.“

Ungewöhnlich … Faruq hatte recht. In Monte Carlo, Moskau oder Stockholm wäre eine blonde Frau nie aufgefallen. Hier jedoch, in dem rauen Grenzgebiet, in dem man vornehmlich einfachen Bauern, Straßenräubern und Nomaden begegnete … „Keine Sorge, Faruq. Ich bin sicher, sie und ich werden zu einer Einigung kommen.“ Amir betrat das Zelt.

Im Vorraum zog er die Stiefel aus, und seine Füße sanken in den weichen Teppich. Ob sie schon nackt auf ihn wartete und sich ihm mit der Finesse einer geübten Liebesdienerin anbieten würde? Trotz seiner Abneigung begann bei der Erinnerung an ihre vollen Lippen tief in ihm ein Puls zu pochen. Dieser üppige Mund versprach sinnliche Freuden, gegen die kein Mann immun war – auch wenn die blitzenden Augen in seltsamem Gegensatz dazu standen.

Amir zog den schweren Vorhang beiseite und tat einen Schritt ins Zeltinnere. Nur eine einzelne Laterne brannte. Von dem Mädchen war nichts zu sehen. Suchend ließ Amir den Blick durch den Raum wandern, und plötzlich spürte er ein alarmierendes Prickeln im Nacken.

Gerade noch rechtzeitig konnte er den Angriff abwehren. Er schwang herum und packte seinen Angreifer, drehte ihm den Arm auf den Rücken.

Das helle Klingeln von Münzen an einem Gürtel verriet Amir die Identität seines Gegners. Er hatte mit ausgewachsenen Männern gekämpft, besaß den über Jahre geschliffenen Instinkt und die trainierten Fähigkeiten eines Kriegers, doch diese Taktiken konnte er bei einer Frau kaum anwenden – selbst wenn diese ihn in der eigenen Unterkunft attackierte.

Sie kämpfte wie eine Tigerin, trat wild um sich und versuchte, sich von ihm loszureißen. Es war der Kriegerinstinkt, der Amir warnte. Sein Arm schoss hoch, seine Finger umklammerten mit eisernem Griff ihr Handgelenk, genau in dem Augenblick, in dem die Messerspitze die Haut an seinem Hals aufritzte.

„Das reicht jetzt!“ Seine Geduld war erschöpft. Mit einer schnellen Bewegung riss er sie zu Boden, ließ sich mit ihr auf den Teppich fallen und hielt sie mit seinem Gewicht gefangen.

Er fasste sich an den Hals, als etwas Nasses über seine Haut lief. Sie hätte ihn tatsächlich fast erstochen!

Es war reiner Reflex, dass der Griff an ihren Handgelenken, mit dem er ihr die Arme über den Kopf gezogen hatte, härter wurde. Sie stieß einen scharfen Schmerzensschrei aus, unterdrückte ihn jedoch sofort.

Amir lockerte seinen Griff, fasste mit einer Hand nach dem Messer, das auf den Boden gefallen war. Es war ein kleines Messer mit einem verzierten Griff, gerade scharf genug, um Obst zu schälen – oder einem Unachtsamen ernsthafte Verletzungen zuzufügen.

Mit einem gemurmelten Fluch warf er es so weit fort wie möglich. „Wer hat dich geschickt? Mustafa?“

Es ergab keinen Sinn. Sein Gastgeber hatte keinen Grund, ihm den Tod zu wünschen. Auch fiel Amir niemand sonst ein, der einen Königsmord in Auftrag geben sollte. Dennoch … das Blut an seinem Hals war echt.

Was für eine Art, einen unangenehmen Pflichtbesuch interessant zu machen!

In ihm kämpften Wut und Neugier, während er ihr Gesicht musterte. Ihre roten Lippen teilten sich, um tief Luft zu holen, viel zu stark geschminkte violette Augen starrten ihn an. „Wer bist du?“

Nichts in ihrer Miene regte sich, so als wäre sie darin geübt, keine Angst zu zeigen, ganz gleich, wie groß die Gefahr sein mochte. Fluchend stützte Amir sich auf einen Arm auf. Die Bewegung drückte seine Lenden härter in ihren Schoß, und ein Teil seines Verstandes registrierte ihre weiche Weiblichkeit als Einladung, die trotz der Wut nicht gänzlich zu ignorieren war.

Er berief sich auf seinen Verstand. Es war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt, um sich ablenken zu lassen. Wo es ein Messer gab, konnten auch mehrere sein.

Amir rollte sich von ihr, wobei er darauf achtete, sie mit seinem Schenkel weiterhin auf den Boden niederzudrücken und ihre Hände festzuhalten.

Prüfend ließ er den Blick über ihren Körper gleiten. Das Bustier des Bauchtänzerinnenkostüms war zu knapp, um eine Waffe zu verdecken. Die nackte Haut von Busen bis Hüfte bot kein Versteck, ebenso wenig wie der durchsichtige lange Rock. Doch der traditionelle Münzengürtel, der auf ihrer Hüfte saß, könnte breit genug sein, um darin etwas zu verbergen …

Amir legte die Hand auf ihren Bauch und spürte, wie sie zusammenzuckte. Noch nie hatte er eine unwillige Frau berührt, aber jetzt und hier musste er es tun. Es lag keine Erotik in seiner Bewegung, hier ging es allein darum, dass er sich schützen musste.

Entschlossen schob er die Hand unter den Gürtel.

Sie bäumte sich auf, versuchte mit aller Macht, sich freizustrampeln. „Nein! Bitte … bitte nicht!“

Amir drehte erstaunt den Kopf. Sie hatte die Worte in einer Sprache ausgestoßen, die man in dieser Gegend nur selten hörte. „Sie sind Engländerin?“

Und er erstarrte, als er den Ausdruck in den aufgerissenen violetten Augen erkannte: pure Panik.

Es war seine Reglosigkeit, die sich schließlich einen Weg in Cassies Bewusstsein bahnte. Und die Tatsache, dass er die Hand hochhielt, als ob er ihr signalisieren wollte, dass er sie nicht anrühren würde.

Schweißperlen standen ihr auf Stirn und Oberlippe, sie rang nach Luft und meinte doch zu ersticken.

„Sind Sie Engländerin?“, wiederholte er seine Frage in ihrer Sprache. „Oder Amerikanerin?“, hakte er nach, als sie nichts erwiderte. Sein Stirnrunzeln betonte nur die harten Züge seines markanten Gesichts. Er sah wild und einschüchternd männlich aus.

Cassie überlegte fieberhaft. Welche Nationalität garantierte mehr Sicherheit – in einem Land, in dem Reisende entführt und gefangen gehalten wurden? Der Mann sah nicht mehr wütend aus, doch noch immer hielt er sie unnachgiebig fest. Sie war seiner Gnade ausgeliefert, er würde sie mühelos unterwerfen können.

„Bitte, tun Sie es nicht.“ Ein heiseres Flehen kam über ihre Lippen, während ihr Blick über den blutenden Kratzer an seinem Hals huschte.

Jetzt riss er die Augenbrauen hoch. „Ich soll Sie loslassen? Nachdem Sie mich verletzt haben?“ Er deutete auf seine Wunde.

Cassie atmete bebend. Seine tiefe Stimme mit dem exotischen Akzent verdeutlichte ihr die albtraumhafte Situation nur noch. All dies konnte einfach nicht wahr sein!

„Ich entschuldige mich. Ich wollte nur …“

Die Welt geriet plötzlich in eine Schieflage und begann sich zu drehen. Verzweifelt wehrte Cassie sich gegen die Ohnmacht. Angst und Wut hatten sie die letzten vierundzwanzig Stunden durchstehen lassen, sie weigerte sich, jetzt das Bewusstsein zu verlieren. Nur solange sie redete, war sie in Sicherheit vor diesem Mann.

„Bitte“, brachte sie erstickt hervor. „Tun Sie mir keine Gewalt an.“

Abrupt richtete Amir sich auf. Angewidert riss er die Augen auf, sein Griff an ihren Handgelenken wurde härter. Cassie biss sich auf die Lippen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien.

„Sie glauben …?“ Er schüttelte den Kopf und murmelte wütend einige Worte auf Arabisch. Durchdringend sah er sie an, Cassie empfand die Intensität seines Blickes wie das Brennen von Eis auf nackter Haut. Jetzt holte er tief Luft, seine Brust dehnte sich beeindruckend aus. Gegen den Schwindel ankämpfend wurde ihr klar, dass sie keine Chance hätte, sollte er seine Stärke gegen sie einsetzen.

Erinnerungen stürzten auf sie ein. Sie sah sich wieder an die Tür gedrückt von einem Mann, der doppelt so groß und dreimal so alt gewesen war wie sie. Er hatte seine fleischige Hand unter ihre Bluse geschoben, hatte sie mit seinem Gewicht schier zerquetscht … Damals war sie sechzehn gewesen, doch sie erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen.

„So tief könnte ich niemals sinken. Niemals!“

Die Stimme des zutiefst empörten Fremden zerschmetterte die Bilder der Vergangenheit. Cassie sah in sein Gesicht. Er wirkte, als hätte sie ihm die schlimmstmögliche Beleidigung entgegengeschleudert.

„Ich lasse mich nur mit willigen Frauen ein.“

Der Turban war ihm bei dem Handgemenge vom Kopf gefallen und hatte kurz geschnittenes, glänzendes dunkles Haar freigegeben. In seinen Augen blitzte Feuer, unterschiedlichste Gefühle zogen deutlich erkennbar über ein Gesicht, für das die Hauptdarsteller, mit denen Cassie spielte, alles gegeben hätten.

Dieser Mann würde immer gefügige Frauen finden.

„Dann lassen Sie mich gehen.“ Ganz gleich, wie entrüstet er schien … Sie würde ihm nicht trauen. Sie lag halb nackt unter ihm und war sich seines muskulösen Körpers nur allzu bewusst … der lässigen Mühelosigkeit, wie er mit einer Hand ihre Handgelenke hielt … seines männlichen Dufts.

„Sobald ich sicher sein kann, dass Sie keine weitere Waffe an Ihrem Körper verstecken.“

Cassie riss die Augen auf. Er hatte sie nur nach Waffen abgesucht? Das hysterische Lachen ließ sich nicht unterdrücken. Dieser knappe Aufzug verhüllte doch kaum etwas – wo hätte sie da eine Waffe verbergen sollen?

„Hören Sie damit auf!“

Mit festem Griff wurde sie bei den Schultern geschüttelt, und ihr schrilles Kichern erstarb abrupt. Der Fremde hockte vor ihr. Er hatte sie losgelassen, sie konnte es kaum glauben.

„Danke“, wisperte sie. Vierundzwanzig Stunden Angst hatten ihr alle Energie geraubt, und jetzt, da der Adrenalinschub verebbte, dauerte es einen Moment, bevor sie ihre letzte Kraft sammeln konnte, um sich überhaupt zu regen.

Unter seinem argwöhnischen Blick rollte sie sich auf die Seite, von ihm weg, konzentrierte sich auf die simple Aufgabe, aufzustehen. Jede noch so kleine Bewegung kostete sie eine immense Anstrengung.

„Was ist das?“, fragte er scharf.

Cassie sah erschrocken über die Schulter. „Was?“

„Auf Ihrem Rücken.“ Er zeigte nur auf die Stelle, berührte sie nicht. „Und da, auf Ihrem Schenkel.“

Mit zusammengepressten Lippen rappelte Cassie sich auf die Knie. „Vermutlich blaue Flecken. Die Wache wollte mir zeigen, wer hier das Sagen hat.“ Und sie hatte den Fehler begangen und sich gewehrt.

Ein Schwall arabischer Worte ließ sie herumschwingen. Das Gesicht des Fremden war wütend verzerrt, und instinktiv hob sie verteidigend die geballten Fäuste.

„Sehen Sie mich nicht so an!“ Seine Miene wurde noch finsterer. „Von mir haben Sie nichts zu befürchten.“

Erst jetzt erkannte sie, dass sein Blick der dünnen Kette um ihre Taille zu der schwereren gefolgt war – der Kette, die sie an das große Bett am anderen Ende des Raumes fesselte. Stundenlang hatte Cassie versucht, eines der Glieder aufzuzwängen, doch alle Versuche waren vergeblich geblieben. Das Blut schoss ihr in die Wangen. Die Kette war ein Symbol, das nicht zu missverstehen war: Sie war eine Sklavin, einzig hier, um einem Mann zu Diensten zu stehen.

Cassie kannte das Ungleichgewicht, das zwischen Mann und Frau herrschen konnte, wenn der Mann seine finanzielle Überlegenheit ausnutzte und die Frau sich entsprechend fügen musste. Auch wenn der Kulturkreis, aus dem sie stammte, es nicht ganz so offensichtlich machte … es war eine Rolle, die sie geschworen hatte zu vermeiden. Aufgrund ihrer Vergangenheit brach ihr allein bei dem Gedanken, das Sexspielzeug eines Mannes zu sein, der kalte Schweiß aus. Ein makabrer Scherz des Schicksals, dass ausgerechnet sie sich jetzt in dieser Situation befand.

„Wo ist der Schlüssel?“

Cassie schob ihr Kinn hoch. „Meinen Sie, wenn ich das wüsste, wäre ich noch hier?“

Er musterte sie, dann hob er ihren Umhang auf und legte ihn ihr um die Schultern. „Bedecken Sie sich.“ Sein Ton war brüsk, so als würde ihr spärlich bekleideter Anblick ihn beleidigen.

„Danke.“ Sie zog den rauen Stoff um sich. Doch die Wärme konnte nichts gegen die Eiseskälte ausrichten, die in ihrem Innern herrschte. Der Schock holte Cassie ein, sie zitterte wie Espenlaub.

Sie sah dem Fremden zu, wie er weitere Laternen anzündete und die Kohlenpfanne entfachte. Goldener Lichtschein und das Knistern des Feuers erfüllten jetzt das Zelt, dennoch fror Cassie erbärmlich.

„Kommen Sie, essen Sie etwas. Dann wird es Ihnen besser gehen.“

„Mir geht es erst besser, wenn ich hier weg bin!“ Sie funkelte ihn an, alle Feindseligkeit galt jetzt diesem Mann, der groß und dunkel und verboten attraktiv vor ihr stand.

Wie konnte sie in dieser Situation einen solchen Gedanken haben? Hatte der Schock ihr den Verstand geraubt?

Einladend hielt er ihr seine Hand hin, und der Instinkt warnte sie, dass es gefährlich sein würde, ihn zu berühren. „Wer sind Sie?“, fragte sie herausfordernd.

„Mein Name ist Amir ibn Masud Al Jaber.“ Er deutete eine knappe Verbeugung an und wartete offensichtlich auf eine Reaktion.

„Den Namen habe ich schon gehört.“ Wenn sie doch nur wüsste, wo. Fest stand, dass sie ihm noch nie begegnet war. Daran würde sie sich erinnern. Sein Gesicht und seine Präsenz waren unvergesslich.

„Ich bin der Scheich von Tarakhar.“

„Der Scheich von …“ Cassie verschlug es die Sprache. Kein Wunder, dass ihr sein Name bekannt vorkam. Der Reichtum und die absolute Macht des Scheichs waren weltbekannt. Noch gestern war sie durch sein Land gereist. Aber warum war er hier? Steckte er etwa mit den Männern, die ihr das angetan hatten, unter einer Decke?

Die Angst kehrte schlagartig zurück. Cassie schlang die Arme um sich und wich rückwärts.

„Und Sie sind?“

Seine tiefe Stimme ließ sie unvermittelt stehen bleiben. „Ich heiße Cassandra Denison. Cassie.“

„Cassandra.“

Wie er ihren Namen aussprach … es klang exotisch und geheimnisvoll. Sie sagte sich, dass es an seinem leichten Akzent liegen musste.

„Kommen Sie, Sie brauchen eine Stärkung.“

Nein, es war kein Befehl, dennoch steuerte Cassie automatisch auf den niedrigen Tisch zu – und ärgerte sich über sich selbst, dass sie so prompt reagierte. Es gab Wichtigeres, über das sie nachdenken musste.

Ihr Blick fiel auf den schweren Vorhang. Dahinter lag der Ausgang, und davor wiederum standen die Wachen. Eine Flucht war unmöglich, selbst wenn es ihr gelingen sollte, diese barbarische Kette irgendwie loszuwerden.

Die Hand an ihrem Ellbogen ließ sie alarmiert zusammenzucken. Sie schwang herum und traf auf den Blick aus dunklen Augen. Etwas wie Verständnis spiegelte sich darin.

„Sie können nicht fliehen. Mustafas Wachen würden Sie nach wenigen Metern einholen. Außerdem haben Sie in den Bergen keine Chance, erst recht nicht in der Nacht.“

War sie so durchschaubar? Sie hob ihr Kinn. „Wer ist Mustafa?“

„Unser Gastgeber. Der Mann, der Sie mir angeboten hat.“ Die Hand noch immer an ihrem Arm, führte er sie auf die Sitzkissen zu.

Sie ließ sich darauf fallen, und nur einen Augenblick später sank er geschmeidig an der anderen Seite des Tisches auf seinen Platz.

Selbst im Sitzen wirkte er einschüchternd groß. Er hielt Cassies Sinne gefangen. Sie nahm seinen Duft nach Sandelholz und Mann wahr, und die Flammen der Kohlenpfanne warfen flackernde Schatten auf sein Gesicht, ein Gesicht wie aus den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Dieses Mal war es nicht die Angst, die ihre Nerven zum Flattern brachte. Bemüht setzte Cassie sich auf und zwang sich, seinem Blick zu begegnen.

„Und nun, Cassandra Denison, erklären Sie mir, was Sie hier machen.“

Er nahm das Schälmesser auf und begann, eine Orange zu schälen. Wie hypnotisiert verfolgte Cassie jede Bewegung seiner schlanken starken Finger.

„Ich bin es nicht gewohnt, warten zu müssen.“

Sein stahlharter Ton riss sie aus ihrer Trance. „Und ich bin es nicht gewohnt, entführt zu werden.“

Schwarze Brauen wurden jäh in die Höhe gerissen. „Entführt? Das ändert natürlich alles.“

Cassie hatte plötzlich das Gefühl, dass er mit diesem intensiven Blick die Frau hinter der übertriebenen Schminke erkannte, die ihre Angst unter allen Umständen zu beherrschen versuchte. Das Schweigen dauerte an, zog sich in die Länge. Dabei sollte Cassie sich um Hilfe an ihn wenden, ihn anflehen, sie von hier fortzubringen. Doch die Worte wollten ihr nicht über die Lippen kommen.

Als er schließlich sprach, war sein Ton leicht und salopp. „Sie müssen meine Neugier entschuldigen, aber mit einem Messer angegriffen zu werden, ist neu für mich. Daher meine Frage.“

Ein Lächeln spielte um seine Lippen, und Cassies Herz machte prompt einen kleinen Hüpfer.

Sie wollte ihm vertrauen, aber konnte sie das? „Sie meinen, an der Kette haben Sie nicht erkannt, dass ich gegen meinen Willen hier festgehalten werde?“

„Ich fürchte, ich war mit anderen Dingen beschäftigt, bevor ich sie bemerkte.“

Er besaß Humor! Und seine Selbstbeherrschung war erstaunlich. Von einer verzweifelten Frau mit einem Messer attackiert zu werden, hatte seiner Haltung keinen Abbruch getan. Auch nicht seinen Manieren, denn jetzt hielt er die Schüssel mit warmem Wasser für sie, damit sie sich die Hände waschen konnte, und reichte ihr danach eines der bereitliegenden Handtücher.

„Außerdem hätte die Kette auch Dekoration sein können“, fuhr er dabei fort.

„Dekoration?“ Fassungslosigkeit machte es ihr unmöglich, sich zu kontrollieren. Ihre Stimme wurde schrill. „Sie glauben, ich würde dieses Ding zum Spaß tragen? Es ist schwer und unbequem und unmenschlich.“ Mit der Kette fühlte sie sich wie ein Ding, sie war einfach auf einen Gegenstand reduziert worden.

Cassie zog den Stoff des Umhangs enger um sich. Die Entführung war schrecklich genug gewesen, aber dann auch noch eine Kette umgelegt zu bekommen wie ein Tier, hatte unvorstellbare Angst in ihr geschürt. Ihre Mutter, der es immer nur darum gegangen war, den Männern zu gefallen, hatte nie so etwas unbeschreiblich Schreckliches mitmachen müssen.

„Selbst in diesem gesetzlosen Teil der Welt hatte ich nicht damit gerechnet, mit Entführung und Sklaverei konfrontiert zu werden“, sagte Amir leise. „Früher hielt man die Sklaven auf diese Art.“ Er nickte knapp zu der Kette, die in Schlangenlinien auf dem Boden lag. „Das ist eine solche Sklavenkette. Ich hielt es für durchaus möglich, dass Mustafa die Kette vielleicht als symbolische Geste nutzt.“

„Sie glauben, ich hätte meine Einwilligung zu so etwas gegeben?“ Cassie presste die Lippen zusammen und dachte daran, wie die Stammesfrauen sie ausgezogen hatten. Sie hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt. Dann der Schock, als sie dieses durchsichtige Kostüm anziehen musste, das kaum ihren Busen bedeckte und jede einzelne Kurve ihres Körpers betonte. Und sie erinnerte sich auch an den Blick des Fremden, als sie in das Hauptzelt gebracht und zur Schau gestellt worden war. Dieser Blick hatte eine Hitze in ihr entfacht, wie sie es nie zuvor erlebt hatte.

„Ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Ich kannte Sie ja nicht.“

Cassie holte tief Luft. Er hatte recht. Woher hätte er es wissen sollen? Die Kette hätte ebenso gut Dekoration sein können – das besondere Gewürz, um den Appetit eines Mannes anzuregen. Eines Mannes, dem es gefiel, wenn eine Frau ihm völlig ausgeliefert war.

War Amir ein solcher Mann?

Ohne Vorwarnung drängte sich die Erinnerung aus der Vergangenheit wieder in den Vordergrund. Die eine Erinnerung, die Cassie sonst immer sicher verschlossen hielt – an Curtis Bevan, der in jenem Jahr, als Cassie sechzehn wurde, der Liebhaber ihrer Mutter gewesen war. Wie ein Pfau war er durch die Wohnung stolziert, in dem Wissen, dass alles mit seinem Geld gekauft worden war. Sogar die Frau. Und dann, als Cassie zu Weihnachten nach Hause gekommen war, hatte er seinen gierigen Blick auf das junge Mädchen gelenkt …

„Cassie?“

Amirs leise Stimme ließ die Erinnerung zersplittern. Sie blickte in seine dunklen Augen, und sie hätte schwören mögen, dass er zu viel sah. Für einen Moment schien sie in ihrem Albtraum gefangen, in dem der Vergangenheit und dem der Gegenwart.

Sie reckte die Schultern. „Um es unmissverständlich klarzumachen … Ich bin nicht freiwillig hier. Ich dachte …“ Sie konnte nicht weitersprechen. Sie dachte, er sei gekommen, um mit ihr Sex zu haben. Und dass es unwichtig sei, ob sie willig war oder nicht.

„Sie dachten, dass Ihnen keine andere Wahl blieb. Es war sehr mutig, mich anzugreifen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Verzweifelt.“ Und es hatte ja auch nur Sekunden gedauert, bevor er sie überwältigt hatte und ihr klar geworden war, dass sie nichts gegen ihn ausrichten konnte. Noch einmal würde sie einen solchen Vorstoß nicht versuchen. Sie würde nicht gegen ihn kämpfen, sondern sie musste ihn dazu bringen, für sie zu kämpfen. „Wer ist dieser Mustafa? Woher nimmt er sich das Recht, mich wie eine Ware anzubieten?“

Amir zuckte mit den Schultern, zog somit unwillkürlich ihren Blick auf sich. Sie sagte sich, dass er sie nur deshalb so faszinierte, weil er ihre einzige Hoffnung war, von hier wegzukommen. „Mustafa ist Anführer der Banditen, die die Berge hier an der Grenze nach Tarakhar unsicher machen. Wir befinden uns in seinem Lager.“ Er bot ihr den Teller mit Orangenscheiben und Datteln an.

Über vierundzwanzig Stunden lang hatte Cassie sich geweigert, etwas zu essen, aus Angst, dem Essen könnte irgendein Gift beigemischt worden sein. Auch jetzt zögerte sie. Doch dann überlegte sie, dass für Amir kein Grund bestand, sie zu betäuben. Sie war ihm bereits ausgeliefert.

Sie griff nach einer Orangenscheibe und steckte sie sich in den Mund. Der köstliche Geschmack explodierte auf ihrer Zunge, vor Wonne schloss sie einen Moment die Augen, dann griff sie nach einem zweiten Stück.

„Sie wollten mir erzählen, wie Sie in diese Lage gekommen sind.“

Cassie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann, der ihr gegenübersaß. Etwas lag in seinem Blick, das sie nicht zu deuten wusste. War es nur Neugier, wie er gesagt hatte? Hatte sie sich das Aufblitzen von männlichem Interesse, als sie ihm präsentiert worden war und dann später, als er sie mit seinem Körper zu Boden gedrückt hatte, nur eingebildet? Sie erinnerte sich an seine Hand auf ihrer nackten Haut und erschauerte leicht. „Ich reiste mit dem Bus durch Tarakhar.“

„Allein?“

Hörte sie da Missbilligung in seinem Ton? Sie versteifte sich. „Ich bin dreiundzwanzig und durchaus in der Lage, allein zu reisen!“

Die Umstände hatten Cassie gezwungen, sehr früh selbstständig zu werden. Den Luxus, sich auf andere verlassen zu können, kannte sie nicht.

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