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Im Bann des stolzen Griechen

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1. KAPITEL

„Tut mir leid, Ms. Turner, aber Kyrie Simonides kann Sie heute nicht mehr empfangen. Sein Terminkalender ist voll. Würden Sie nächsten Dienstag um fünfzehn Uhr wiederkommen?“

Unwillkürlich verstärkte Gabi den Griff um den Riemen ihrer taupefarbenen Handtasche. „Dann bin ich nicht in Athen.“ Dieser Besuch würde darüber entscheiden, wann sie Griechenland verlassen musste – falls man sie jetzt vorließ.

Sie bemühte sich um Fassung gegenüber der älteren Empfangsdame, die wahrscheinlich gut dafür bezahlt wurde, dass sie diese nicht verlor. „Ich warte schon über drei Stunden. Sicher kann er mir dann fünf Minuten seiner Zeit widmen.“

Die Frau mit den grauen Strähnen im dunklen Haar schüttelte den Kopf. „Es ist Freitagnachmittag. Er hätte schon vor einer Stunde aus Athen wegfahren sollen.“

Da die Uhr bereits zwanzig nach sechs zeigte und es unerträglich heiß war, glaubte Gabi ihr das gern. Doch sie war nun so weit gekommen, dass sie sich nicht abwimmeln lassen wollte. Es stand zu viel auf dem Spiel. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, erwiderte sie deshalb: „Ich sage es nur ungern, aber er lässt mir keine andere Wahl. Es geht um Leben und Tod – richten Sie ihm das bitte aus.“

Offenbar merkte die Empfangsdame, wie ernst sie es meinte. „Falls das ein Scherz sein soll, wird er nach hinten losgehen.“

„Es ist kein Scherz“, erklärte Gabi unbeirrt. Beim Betreten des Gebäudes hatte sie die Sicherheitskontrolle passieren müssen. So wusste die Sekretärin, dass sie keine Waffen bei sich trug und keine Bedrohung darstellte.

Nach kurzem Zögern stand die große Frau, die sich offenbar in einem Dilemma befand, auf und ging in das Büro ihres Chefs, wobei sie deutlich hinkte.

Erleichtert atmete Gabi auf. Das war ein Fortschritt. Während zahlreiche Geschäftsmänner seine Privaträume im Obergeschoss des Gebäudekomplexes, der sich im Zentrum von Athen befand, betreten und wieder verlassen hatten, hatte er sie bisher ignoriert. Hätte sie ihr Anliegen gleich vorgebracht, wäre sie sicher umgehend zu ihm vorgelassen worden, aber sie wollte ihn schützen.

Sie wusste lediglich drei Dinge über den dreiunddreißigjährigen Andreas Simonides. Erstens war er angeblich der neue Generaldirektor der familieneigenen Unternehmensgruppe, zu der zahlreiche Holdings in der metall- und plastikverarbeitenden Industrie gehörten und die weltweit einen hervorragenden Ruf genoss.

Ihre Informationsquelle besagte, dass zu dem Imperium, das die Familie im Laufe von Jahrzehnten aufgebaut hatte, achtzig Firmen gehörten. Die Simonides beschäftigten über zwölftausend Angestellte in aller Welt.

Zweitens war er ungewöhnlich attraktiv – wenn das Foto in der Zeitung nicht log.

Und drittens – diese Tatsache war niemandem außer ihr bekannt, nicht einmal ihm selbst. Aber sobald sie mit ihm redete, würde sein Leben sich für immer grundlegend verändern, ob es ihm gefiel oder nicht.

Während sie der ersten Begegnung mit ihm angespannt entgegensah, hörte sie die Schritte der Empfangsdame.

„Kyrie Simonides gibt Ihnen zwei Minuten, mehr nicht.“

„Einverstanden!“

„Gehen Sie den Flur entlang und dann durch die Flügeltür.“

„Vielen Dank“, sagte Gabi aus tiefstem Herzen. Dann eilte sie auf die Tür zu, wobei ihre kinnlangen blonden Locken wippten. Zuerst konnte sie niemanden sehen, als sie das Allerheiligste betrat.

„Es geht um Leben und Tod, sagten Sie?“, ließ sich im nächsten Moment eine wohlklingende Männerstimme ironisch vernehmen.

Erschrocken wirbelte Gabi herum. Vor ihr stand ein großer Mann, der gerade ein teuer aussehendes graues Jackett aus einem Schrank genommen hatte und im Begriff war, es anzuziehen. Das Spiel seiner Muskeln unter dem weißen Hemd ließ erahnen, dass er nicht seine ganze Zeit im Büro verbrachte. Unwillkürlich blickte sie tiefer und stellte fest, dass sich unter seiner Hose durchtrainierte Schenkel abzeichneten.

„Ich warte, Ms. Turner.“

Sie fühlte sich ertappt und spürte, wie sie errötete. Doch sobald sie ihm in die Augen sah, die grau und von langen Wimpern gesäumt waren, verschlug es ihr die Sprache.

Er hatte schwarzes, nicht zu kurz geschnittenes Haar, einen dunklen Teint und markante Züge, die sie ungemein faszinierten. Auf dem Foto in der Zeitung hatte man die feine Narbe an seiner linken Braue genauso wenig erkennen können wie die feinen Fältchen in seinen Augenwinkeln, die von Lebenserfahrung sprachen.

„An Sie kommt man schwer heran“, brachte Gabi schließlich hervor.

Nachdem er die Schranktür geschlossen hatte, durchquerte er den Raum zu seinem privaten Aufzug. „Ich bin schon auf dem Weg nach oben. Da Sie nächsten Dienstag nicht wiederkommen wollen, sagen Sie, was Sie zu sagen haben, bevor ich gehe.“ Schon stand er im Lift und hob die Hand, um auf den Knopf zu drücken. Zweifellos wartete ein Hubschrauber auf dem Dach, der ihn übers Wochenende an irgendeinen exotischen Ort bringen würde.

Als sie eben neben ihm stand, hatte sie sich so klein und unbedeutend gefühlt wie nie zuvor. Selbst wenn sie keinen Termin bei ihm hatte, war seine herablassende Haltung zu viel für sie. Da dies allerdings vielleicht die letzte Gelegenheit war, an ihn heranzukommen, ließ Gabi sich nichts anmerken.

Ohne Zeit zu vergeuden, öffnete sie ihre Handtasche und zog den großen braunen Umschlag heraus. Da Andreas Simonides keine Anstalten machte, diesen entgegenzunehmen, öffnete sie ihn und nahm den Inhalt heraus.

Unter den Ergebnissen der Gentests lag die Titelseite eines griechischen Boulevardblatts, das ein Jahr zuvor erschienen war und ihn feiernd inmitten seiner Partygäste an Bord seiner Jacht zeigte. Gabis ältere Halbschwester Thea, eine griechische Schönheit, gehörte auch zu der Gesellschaft und hob sich von den anderen weiblichen Gästen ab. Die Titelzeile lautete: „Neuer Boss bei Simonides gibt Anlass zum Feiern“.

Zu den Unterlagen gehörte außerdem ein nur wenige Tage alter Schnappschuss von zwei Zwillingsjungen im Babyalter, die T-Shirts und Windeln trugen. Gabi hatte ihn extra vergrößern lassen.

Jetzt hielt sie alles hoch, damit ihm auch das Foto der Kleinen nicht entging, die den gleichen dunklen Teint und das gleiche schwarze Haar wie er und Thea hatten.

Nun, da sie ihm gegenüberstand, fielen ihr auch die anderen Gemeinsamkeiten auf – der spitz zulaufenden Haaransatz in der Stirnmitte und die geschwungenen Brauen.

Allerdings schien der Anblick all dieser Unterlagen ihn nicht im Mindesten zu beeindrucken, wie seine reglose Miene verriet. „Ich sehe Sie nicht auf dem Foto, Ms. Turner. Tut mir leid, wenn Sie in einer so verzweifelten Situation sind, aber auf meiner Schwelle zu erscheinen und Almosen zu verlangen, wird Ihnen nichts nützen.“

Ärgerlich presste Gabi die Lippen zusammen. „Und Sie sind nicht der Erste, der nichts von den Kindern wissen will, die er gezeugt hat.“

„Was für eine Mutter schickt jemanden mit so einem Anliegen?“, erkundigte er sich.

„Ich wünschte, meine Schwester hätte selbst kommen können, aber sie ist tot.“

Plötzlich schien er es sehr eilig zu haben.

„Das ist eine Tragödie. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden …“

Andreas Simonides war gefühlskalt. Sie würde nicht zu ihm durchdringen. Als er auf den Knopf drücken wollte, fragte sie schnell: „Heißt das, Sie haben diese Frau noch nie in Ihrem Leben gesehen?“

Gabi deutete auf das Gesicht ihrer Schwester auf dem Foto. „Vielleicht hilft Ihnen das hier auf die Sprünge.“ Sie klemmte sich die Unterlagen unter den linken Arm, während sie auf ihn zu ging und dabei Theas griechischen Pass aus der Tasche nahm. „Hier.“

Zu ihrer Überraschung nahm er ihr diesen aus der Hand und schlug ihn auf. „Thea Paulos, vierundzwanzig, Athen. Vor fünf Jahren ausgestellt.“ Forschend betrachtete er sie. „Ihre Schwester, sagten Sie?“

„Meine Halbschwester. Daddys erste Frau war Griechin. Nach ihrem Tod hat er meine Mutter geheiratet, die Amerikanerin ist. Dies war Theas letzter Pass, bevor sie sich hat scheiden lassen.“ Gabi biss sich auf die Lippe. „Sie … hat sie mit Freunden auf Ihrer Jacht gefeiert.“

Er gab ihr das Dokument zurück. „Tut mir leid, dass Sie Ihre Schwester verloren haben, aber ich kann Ihnen nicht helfen.“

Schmerz wallte in ihr auf. „Mir tun die Zwillinge leid“, erklärte sie leise. „Dass sie ihre Mutter verloren haben, ist eine furchtbare Tragödie. Wenn sie allerdings alt genug sind, um nach ihrem Vater zu fragen, und ich ihnen sagen muss, dass er irgendwo im Ausland lebt, aber nie etwas von ihnen wissen wollte – das wäre eine noch größere Tragödie.“

Im nächsten Moment schloss sich die Aufzugtür. Wütend und enttäuscht zugleich wandte Gabi sich ab. Sie war drauf und dran, die Unterlagen der Empfangsdame zu überreichen, damit diese ihre Schlüsse daraus ziehen konnte.

Allerdings wollte sie keinen Skandal heraufbeschwören, nicht wenn es auf ihre Familie zurückfallen konnte und vor allem auf ihren Vater, der als Diplomat im Konsulat auf Kreta arbeitete. Er hatte beruflich viel mit wichtigen Geschäftsleuten und Regierungsbeamten zu tun.

Niemand hatte sie gebeten, nach Athen zu fliegen, und außer Mr. Simonides kannte niemand den Grund für ihre Reise, auch nicht ihre trauernden Eltern. Thea hatte während der Schwangerschaft Herzprobleme bekommen und war bei der Geburt an Herzversagen gestorben. So hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, für die Rechte ihrer kleinen Neffen zu kämpfen.

„Mission verfehlt“, flüsterte Gabi. Sie fühlte sich unendlich leer.

Nachdem sie die Unterlagen wieder in den Umschlag getan und diesen eingesteckt hatte, verließ sie das Büro und ging dann an der Empfangsdame vorbei, die ihr höflich zunickte. Wenige Minuten später eilte sie aus dem Gebäude und wollte sich ein Taxi rufen, das sie zum Hotel zurückbrachte.

Doch zu ihrer Überraschung stieg aus einer wartenden Limousine ein Chauffeur aus und kam auf sie zu.

„Ms. Turner?“

Verwirrt blinzelte sie. „Ja?“

„Kyrie Simonides meinte, Sie hätten lange auf ihn gewartet. Ich soll Sie fahren, wohin Sie möchten.“

Sofort beschleunigte sich ihr Puls. Hatte der Vater der Zwillinge etwa doch kein Herz aus Stein? Wenn das Foto der beiden ihn nicht überzeugt hatte, dann würde es der Vaterschaftstest tun.

Da er ihr eine Limousine geschickt hatte, wollte er sich womöglich noch einmal mit ihr treffen, doch er musste Diskretion wahren. Offenbar hatte ein Mann in seiner Position und mit seinem Aussehen gelernt, seine früheren Affären geheim zu halten.

„Danke. Würden Sie mich bitte zum Hotel Amazon bringen?“ Dies befand sich in der Nähe des Firmengebäudes im Herzen der Plaka, einem der ältesten Stadtteile Athens.

Der Chauffeur nickte, während er ihr den Schlag aufhielt.

Ihren Eltern hatte sie erzählt, dass sie sich mit einer Kollegin aus Virginia traf, die gerade in Athen war und mit der sie zusammen etwas Sightseeing machen wollte. Es war ihr schwergefallen zu lügen, doch sie hatte ihnen nicht die Wahrheit sagen können.

Bis zum fünften Schwangerschaftsmonat, als Thea ernsthafte Herzprobleme bekam und ihr Arzt sie ins Krankenhaus einwies, hatte Gabi nicht einmal den Namen des Vaters gekannt. Sobald sich dann abzeichnete, dass sie die Geburt vielleicht nicht überstehen würde, hatte Thea sie gebeten, in ihre Schmuckschatulle zu Hause zu sehen und den Umschlag mitzubringen, den sie darin aufbewahrte.

Gabi hatte ihr die Bitte erfüllt und diesen auf ihre Anweisung hin an ihrem Krankenbett geöffnet. Als sie sah, um wen es sich handelte, war sie schockiert gewesen.

„Das ist alles, was ich von ihm habe“, hatte Thea daraufhin geflüstert. „Wie alle anderen an Bord hatten wir beide zu viel getrunken.“

Gabi hatte entsetzt gestöhnt.

„Ihm hat es überhaupt nichts bedeutet. Er wusste nicht einmal, wie ich heiße. Mir ist das Ganze sehr unangenehm, und er soll nicht für einen Fehler bezahlen müssen, der genauso meiner war. Ich wollte ihn dir nur zeigen, damit du weißt, welche Gene die Kinder geerbt haben. Und nun versprich mir, es gleich wieder zu vergessen.“

Gabi hatte Verständnis dafür gehabt und ihr den Wunsch erfüllen wollen. Von dem ahnungslosen Vater einmal abgesehen, wäre es für die Familie Simonides ein Skandal gewesen. Außerdem wollte sie ihren Eltern zusätzlichen Kummer ersparen.

Da sie tief in Gedanken versunken gewesen war, zuckte sie erschrocken zusammen, als jetzt die Wagentür plötzlich geöffnet wurde.

„Bitte richten Sie Ihrem Arbeitgeber meinen Dank aus“, bat Gabi den Chauffeur, nachdem sie ausgestiegen war.

„Natürlich.“

Zuerst eilte sie in die Snackbar, um eine Kleinigkeit zu essen, bevor sie in ihr Zimmer ging. Egal, was Mr. Simonides vorhatte, er würde bestimmen, wann ihr nächstes Treffen stattfinden würde. Falls es noch eins geben würde …

Sie hoffte nur, er würde sich schnell entscheiden, denn am nächsten Tag musste sie zu ihren Eltern nach Heraklion zurückfliegen. Die beiden hatten mit den Zwillingen, die sechs Wochen zu früh geboren waren, alle Hände voll zu tun.

Als Theas Gesundheitszustand sich so plötzlich verschlechterte, hatte Gabi bis auf Weiteres Urlaub in der Werbeagentur genommen und war von Virginia nach Kreta geflogen. Seit der Geburt kümmerte sie sich um die Babys, weil ihre Eltern als Diplomaten beruflich sehr eingespannt waren und die beiden nicht rund um die Uhr versorgen konnten.

Die Zwillinge waren nun seit drei Monaten auf der Welt, und ihre Stelle als PR-Managerin bei Hewitt and Wilson war vorübergehend mit einer anderen Mitarbeiterin besetzt worden. Deswegen stand sie vor einer wichtigen Entscheidung. Falls Mr. Simonides das Sorgerecht für die beiden beanspruchen würde, musste sie ihre Tätigkeit in Virginia so schnell wie möglich wiederaufnehmen.

Ihr Vorgesetzter war zum Gebietsleiter für die Ostküste ernannt worden und hatte ihr eine höher dotierte Position in Aussicht gestellt. Um Karriere zu machen, musste sie allerdings nach Hause zurückkehren. Noch wichtiger wäre ihr gewesen, für Theas Kinder zu sorgen, aber dann hätte sie ihren Job aufgeben müssen, bis die beiden zur Schule gingen.

Nach der großen Enttäuschung, die sie fünf Jahre zuvor mit dem texanischen Rancher und Ölbaron Randy McCallister erlebt hatte, kamen eine Heirat und Kinder für sie nicht infrage. Wenn Andreas Simonides seine Söhne nicht wollte, würde sie die beiden jedoch aufziehen, weil es ihre Neffen waren. Aber sie würde nach Virginia zurückkehren, in ihre gewohnte Umgebung.

Ihr Elternhaus in Alexandria wäre das perfekte Zuhause, denn es gehörte zu einer bewachten Anlage, in der zahlreiche andere Diplomatenfamilien wohnten. Immer wenn ihre Eltern nicht in Griechenland waren, hatten sie sich dort aufgehalten. Und da es ihrem Vater gehörte, musste sie auch keine Miete oder Hypothekenzinsen zahlen.

Mit ihren Ersparnissen und der finanziellen Unterstützung durch ihren Dad würde sie sich ganz den Kindern widmen können, bis diese eingeschult wurden, und dann wieder berufstätig sein. Inzwischen hatte sie die beiden so lieb gewonnen, als wären es ihre eigenen Kinder.

Vermutlich hatte Mr. Simonides kein Interesse an den Kindern und nur sicherstellen wollen, dass sie verschwand. Also würde sie die Zwillinge in der darauffolgenden Woche mit nach Alexandria nehmen. Bestimmt würde ihre Mutter sie begleiten und ihnen helfen, sich einzugewöhnen, bevor sie nach Kreta zurückkehrte.

Nachdem sie eine Kleinigkeit gegessen hatte, ging Gabi auf ihr Zimmer in der vierten Etage. Kaum hatte sie es betreten, sah sie das rote Licht am Telefon blinken. Neugierig und ängstlich zugleich nahm sie den Hörer ab, um die Sprachnachricht abzuhören.

„Vor dem Hotel wartet eine andere Limousine auf Sie, Ms. Turner. Wenn Sie bis zwanzig Uhr dreißig nicht mit Ihrem Gepäck unten erscheinen, geht es wohl doch nicht um Leben und Tod.“ Sie blickte auf die Uhr. Es war zehn Minuten nach acht. „Ihre Hotelrechnung ist schon bezahlt.“

Als sie auflegte, hatte sie das Gefühl, als wäre alles nur ein Film und nicht das wirkliche Leben. Andreas Simonides hatte sie beobachten lassen. Offenbar waren ihm alle Mittel recht, wenn es um seine Sicherheit ging und darum, seine Privatsphäre zu wahren.

Vermutlich stellten die Paparazzi eine große Bedrohung für ihn dar, vor allem wenn jemand wie sie auftauchte und ihm vor Augen führte, dass eine einzige leidenschaftliche Nacht Folgen haben konnte. Eine Nacht, an die er sich nicht einmal richtig erinnerte, weil er, wie alle, angetrunken gewesen war.

Theas Schilderungen zufolge hatte Andreas Simonides wie ein griechischer Gott ausgesehen. Anders als sie selbst, die die weibliche Figur ihrer Mutter geerbt hatte, hatte ihre Halbschwester schon immer Modelmaße und zahlreiche Verehrer gehabt. Als Andreas Simonides sie unter allen anderen Frauen an Bord ausgesucht und mit in seine Kabine genommen hatte, war sie schwach geworden und seinen Verführungsversuchen erlegen.

Was für eine Ironie des Schicksals, dass sie schwanger geworden war, als sie ihre Scheidung feierte, und dann bei der Geburt ihrer Kinder gestorben war …

Gabi konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Andreas Simonides ihre Schwester vergessen hatte. Aber wenn er ein Mann wie Randy war, hatte es viele schöne Frauen in seinem Leben gegeben. Was für ein Schock musste es für ihn gewesen sein, festzustellen, dass er zwei Jungen gezeugt hatte, die ihm wie aus dem Gesicht geschnitten waren!

Sie hatte nur wenige Minuten Zeit, um sich frisch zu machen und ihre kleine Reisetasche zu packen, bevor sie nach unten ins Foyer eilte. Da sie nicht geplant hatte, länger als eine Nacht in Athen zu bleiben, hatte sie nur ein Outfit zum Wechseln mitgenommen.

Durch die Türen sah sie eine Limousine mit getönten Scheiben, neben der diesmal allerdings ein anderer Fahrer stand. Vermutlich würde er sie zu einem unbekannten Ort bringen, an dem Andreas Simonides sie erwartete.

„Guten Abend, Ms. Turner.“ Er öffnete ihr die hintere Tür, um ihr hineinzuhelfen. „Ich bringe Sie zu Kyrie Simonides.“

„Danke.“

Wenige Minuten später befanden sie sich mitten im dichten Feierabendverkehr. Wieder hatte Gabi das Gefühl, dass sie in einem Film mitspielte, und bei der Vorstellung, einem Fremden gegenüberzutreten, der ihr hoffnungslos überlegen war, schauderte sie.

Es wurde schon dunkel. Falls sie spurlos verschwand, würde ihre Familie niemals erfahren, was ihr zugestoßen war. In ihrem Bestreben, die Zwillinge mit deren Vater zusammenzubringen, hatte sie überhaupt nicht über die damit verbundenen Risiken nachgedacht. Nun gab es jedoch kein Zurück mehr.

Gabi wusste inzwischen nicht genau, was sie zu erreichen hoffte. Ein Junggeselle, der gern feierte und wahllos mit irgendwelchen Frauen schlief, würde keinen besonders guten Vater abgeben, es sei denn, er war bereit, sein Leben zu ändern. Andererseits konnte sie die Zwillinge auch nicht einfach mit nach Virginia nehmen, ohne ihn zumindest über deren Existenz zu informieren. Würde er am Leben der beiden teilnehmen wollen?

Sie wollte, dass er das Sorgerecht für die beiden beanspruchte, sie bei sich aufnahm und immer für sie da sein würde. Ihnen seinen Namen gab und sie als seine Erben anerkannte.

Aber natürlich gab sie sich keinen Illusionen hin. Zweifellos glaubte er, sie wollte Geld von ihm, und ihr anbieten, sie auszuzahlen. Er würde bald erfahren, dass sie nichts Dergleichen im Sinn hatte und die Jungen mit nach Virginia nehmen würde.

Vor ihrem Tod hatte Thea sie gebeten, die Kinder von einem griechischen Ehepaar adoptieren zu lassen, damit sie in ihrem Heimatland aufwuchsen. Ihnen war klar gewesen, dass es für ihre Eltern eine zu große Belastung gewesen wäre, und so hatte Gabi es ihr versprochen.

Nach dem Tod ihrer Schwester war ihr allerdings klar geworden, dass sie ihr den Wunsch nicht erfüllen konnte. Da der Vater der Zwillinge noch lebte, musste er einer Adoption zustimmen.

Außerdem hatte sie die Babys in den letzten drei Monaten lieb gewonnen. Sie selbst war zweisprachig aufgewachsen und wollte ihnen Griechisch beibringen. Die beiden würden es gut bei ihr haben. Niemand außer ihrem leiblichen Vater würde sie ihr jetzt noch wegnehmen können.

Plötzlich wurde der Schlag geöffnet. „Ms. Turner?“, rief der Fahrer ihr zu. „Wenn Sie mir bitte folgen würden …“

Erst als sie aus dem Wagen stieg, merkte Gabi, dass sie sich im Hafen von Piräus befand. Der Fahrer führte sie zu einer etwa fünfzehn Meter langen weißen Luxusjacht, die nur wenige Schritte entfernt an der Mole vertäut lag.

Ein männliches Crewmitglied mittleren Alters nahm ihr die Reisetasche ab und half ihr an Bord. „Meine Name ist Stavros“, stellte der Mann sich vor. „Kyrie Simonides erwartet Sie bereits. Bitte kommen Sie, Ms. Turner.“

Sie folgte ihm zu einer ganz mit Ledersitzen ausgestatteten Panoramalounge, deren Dach geöffnet war. Ihr Gastgeber stand vor den hohen Fenstern und blickte auf den Hafen mit den großen Fähren und den unzähligen Booten. Das Jackett hatte er ausgezogen, die Krawatte abgenommen und die Hemdsärmel hochgekrempelt. Insgeheim musste Gabi ihrer Schwester recht geben. Er sah fantastisch aus.

Nachdem sein Mitarbeiter ihn auf Griechisch informiert hatte, dass die Amerikanerin nun an Bord sei, wandte Andreas Simonides sich zu ihr um.

„Setzen Sie sich, Ms. Turner“, forderte er sie auf. „Möchten Sie etwas essen oder trinken? Stavros bringt Ihnen, was Sie möchten.“

„Nein, vielen Dank. Ich habe gerade gegessen.“

Sobald Stavros den Raum verlassen hatte, zog sie den Umschlag aus ihrer Handtasche und legte ihn neben sich auf den Sitz. Andreas Simonides kam auf sie zu, machte jedoch keine Anstalten, ihn zu nehmen, sondern betrachtete sie stattdessen.

Sie hatte ein ovales Gesicht, einen etwas zu großen Mund, widerspenstiges lockiges Haar und einen hellen Teint. Ihr Dad hatte einmal behauptet, ihre Augen hätten die Farbe von Waldveilchen. Zwar hatte sie diese Blumen noch nie gesehen, aber er hatte so liebvoll geklungen, dass ihre Augen wohl das einzig Bemerkenswerte an ihr waren.

„Mein Name ist Andreas“, erklärte ihr Gastgeber plötzlich zu ihrer Überraschung. „Und Ihrer?“

„Gabi.“

„Meinen Quellen zufolge wurden Sie auf den Namen Gabriella getauft. Ich mag die Kurzform.“

Wenn er seinen Charme spielen ließ, konnte keine Frau ihm widerstehen, so viel stand fest. Thea hatte keine Chance gehabt.

Auch sie selbst hatte Erfahrungen mit Männern wie ihm gesammelt. Früher einmal hatte sie Randy geliebt. Tauschte man die Unternehmen dieses griechischen Tycoons gegen siebenhunderttausend Morgen Ackerland in Texas, eine große Rinderherde und Ölquellen – und voilà … die beiden Männer waren austauschbar. Zum Glück hatte sie ihre Lektion nur einmal lernen müssen. Thea war es genauso ergangen, doch sie hatte dafür mit dem Leben bezahlt.

Fragend zog Andreas Simonides eine Braue hoch. „Wo sind diese Zwillinge jetzt? Bei Ihnen zu Hause in Virginia oder bei Ihren Eltern in Heraklion?“

Da er natürlich viele Leute in hohen Positionen kannte, kostete es ihn nur einen Anruf, um derartige Informationen in weniger als einer Stunde zu bekommen. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass er die Antwort doch kannte, aber das konnte sie nicht.

„Sie sind auf Kreta.“

„Ich möchte sie sehen“, verkündete er ohne Umschweife.

Dass die Kinder ihn interessierten, schockierte sie ein wenig. Widerstrebend zollte sie ihm Respekt, weil er eingestand, dass er der Vater der beiden sein konnte, so flüchtig seine Affäre mit Thea auch ...

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