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Im Bann des italienischen Millionärs

PROLOG

Santo cielo! Sie war es wirklich!

Ohne sich anmerken zu lassen, was in seinem Inneren vorging, setzte Damiano das Gespräch mit der Chefin von Redwood Interiors fort. Sein Blick aber folgte der jungen Frau, die eben im Korridor hinter der Glastrennwand aufgetaucht war.

Ihr rotes Haar war nicht so lang, wie er es in Erinnerung hatte, sondern kurz und modisch gestylt. Mit ihren natürlich geschwungenen Lippen und den zarten Gesichtszügen wirkte sie wie eine schelmische kleine Elfe. Dabei war sie eher gefährlich als schelmisch. Daran konnte er sich auch trotz des Schocks, sie so plötzlich wiederzusehen, noch erinnern. Gefährlich, nur auf ihren Vorteil bedacht und geldgierig!

„Signore D’Amico?“

Die Frage seiner Geschäftspartnerin riss Damiano aus seinen Gedanken, und er rief sich ungehalten zur Ordnung. Wie kannst du dich nur so gehen lassen? Reichte der flüchtige Anblick ihres roten Haars tatsächlich, um ihn dermaßen aus dem Konzept zu bringen? Ausgeschlossen! Hier ging es um einen Geschäftsabschluss! Er wollte in Großbritannien eine neue Kette von Einkaufs- und Freizeitzentren eröffnen und zum Erfolg führen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass er beim letzten Meeting mit dem Design-Team mit seiner Vergangenheit konfrontiert würde.

„Diese junge Frau …“ Sie bemerkte ihn nicht einmal, als sie die Tür des gegenüberliegenden Büros aufschloss. Er hingegen wurde das Bild der seidigen roten Locken nicht los, die sich in ihrem schlanken weißen Nacken kringelten. Und das, obwohl die Locken und ihre hübsche Besitzerin längst seinem Blick entschwunden waren.

„Sie meinen Miss Singleman?“ Seine Geschäftspartnerin war eine scharfsinnige Frau in den Fünfzigern; ihr schwarzes hochgestecktes Haar und der knallrote Lippenstift passten zu der kompromisslosen Unternehmerin, als die er sie kennengelernt hatte. Und nun kannte sie auch noch den Grund für seinen plötzlichen Mangel an Konzentration! „Riva?“

„Riva …“ Er empfand es als nahezu sinnliches Erlebnis, wie ihm ihr Name über die Lippen glitt! Also hatte sie nie geheiratet. „Si“, erwiderte er ruhig. Ruhiger, als ihm zumute war, wie er ärgerlich feststellte. Doch sein Schweigen schien eine Aufforderung zu enthalten.

„Sie ist eine unserer neuen Mitarbeiterinnen“, erklärte seine Geschäftspartnerin lächelnd. „Im Augenblick arbeitet sie vor allem als Innenarchitektin für Privathäuser. Sie ist jung, enthusiastisch, manchmal ein bisschen unkonventionell – aber sehr, sehr talentiert.“

Und darüber hinaus eine berechnende und mit allen Wassern gewaschene Betrügerin!

Für den Bruchteil einer Sekunde war Damiano versucht, einfach zu gehen und das Geschäft platzen zu lassen. Das wäre wahrscheinlich besser, als einer Firma, die so fragwürdige Personen wir Riva Singleman einstellte, mein Geld anzuvertrauen, überlegte er. Doch dann gewann seine Neugierde die Oberhand – seine Neugierde und die unauslöschliche Erinnerung, wie sich ihre weichen Lippen auf seinen angefühlt hatten. Wie war diese unseriöse kleine Studienabbrecherin nur in solch ein renommiertes Team von Innenarchitekten und Designern hineingeraten? In seinem ganzen Leben hatte ihn noch nicht etwas so aus der Fassung gebracht. Aber wieso sollte er nicht seine Geschäfte abwickeln und gleichzeitig seine Neugierde befriedigen? Das Schicksal hatte ihn in diese Situation gebracht, und davonlaufen war nicht seine Art.

Aufmerksam hörte er seiner Geschäftspartnerin zu, die ihm versicherte, dass alles genau nach Plan verlaufen und seine Vorstellungen präzise umgesetzt würden. „Jeder Mitarbeiter meines Teams ist bereit, Sie hundertfünfzigprozentig zufriedenzustellen.“

Das ist genau das, was ich erwarte, hundertfünfzigprozentige Zufriedenheit! Und während er jenes charmante Lächeln lächelte, dessen unwiderstehlicher Wirkung sich seine Geschäftspartnerin ebenso wenig entziehen konnte wie jedes andere weibliche Wesen in den vergangenen zweiunddreißig Jahren, begann Damiano über seinen neuen, faszinierenden Plan nachzudenken.

1. KAPITEL

Langsam fuhr Riva an der Steinmauer vorbei und parkte ihren Wagen am äußersten Ende der Straße. Das Anwesen musste einmal ein florierendes Landgut gewesen sein, dem großen alten Herrenhaus nach zu urteilen, das am Ende der langen Einfahrt lag. Jetzt allerdings waren die Fenster mit Brettern vernagelt und ein „Zu verkaufen“-Schild baumelte an einem der rostigen Torflügel.

Als sie aus dem Auto gestiegen war und den kiesbestreuten Innenhof überquerte, fiel ihr Blick auf das Gebäude unmittelbar vor ihr – das ehemalige Kutschenhaus.

Inzwischen wurde das Gebäude anscheinend von den Besitzern bewohnt. Außer ihrem eigenen Auto standen noch mehrere andere Fahrzeuge davor – unter ihnen ein schwarzer Porsche.

Rivas ohnehin gute Laune besserte sich noch, als sie, begleitet vom fröhlichen Zwitschern der Vögel, durch den Frühlingssonnenschein auf die Eingangstür zumarschierte. Ihr erster richtig großer Auftrag! Und man ließ ihr völlig freie Hand bei der Gestaltung des Zimmers, sowohl bei der Möblierung als auch bei der Auswahl der Farben und Stoffe! Was für eine unglaubliche Gelegenheit, ihr Talent unter Beweis zu stellen.

Ihre Hand zitterte vor Aufregung, als sie auf den glänzenden Messingknopf der Türklingel drückte. Offensichtlich hatten ihre Entwürfe bei irgendjemand Aufsehen erregt. So großes Aufsehen, dass man für das Projekt speziell nach ihr gefragt hatte. Wenn sie den Auftrag zur Zufriedenheit ausführte, musste sie sich um ihre Karriere keine Sorgen mehr machen! Nie wieder von der Hand in den Mund leben. Nie wieder Angst um das Dach über ihrem Kopf haben. Und wenn man sie für so gut hielt, dass man ihr die Chance gab, an einem solchen Projekt zu arbeiten – wer weiß? Vielleicht würde sie ja eines Tages sogar ihren Traum von einem eigenen Innenarchitekturbüro verwirklichen können. Dann wären endlich alle Qualen der letzten paar Jahre überwunden.

„Madame Duval?“, erkundigte sie sich, als eine gut aussehende junge Frau im stylishen dunkelgrauen Kostüm ihr die Tür öffnete.

„Nein, Madame ist nicht da.“ Mit einem spöttischen Lächeln musterte die Blondine Rivas weniger klassisches Outfit. „Aber man erwartet Sie schon. Miss Singleman, nicht wahr?“

Nickend folgte Riva der von einer Wolke Parfüm umhüllten Frau die Stufen hinauf in den Hauptteil des Gebäudes. Mit ihren gerade mal ein Meter sechzig fühlte sie sich winzig klein neben der hochgewachsenen blonden Schönheit. Vielleicht hätte sie doch ein Paar hochhackige Schuhe anziehen sollen? Und einen Blazer. Aber ein solcher Stil, den sie insgeheim „die Geschäftsuniform“ nannte, lag ihr nun einmal nicht. Bis eben hatte sie sich auch eigentlich recht gut angezogen gefühlt in ihrer schwarz-grau gestreiften Tunika mit dem schwarzen Rock, zu dem sie einen schwarzen Gürtel, dunkle Leggings und Ballerinas trug.

„Wenn Sie so nett wären, einen Augenblick hier zu warten …“

Nachdem die Blondine den lichtdurchfluteten Salon verlassen hatte, sah Riva sich neugierig um. Wer auch immer für die Einrichtung dieses Zimmers verantwortlich war, besaß eindeutig Geschmack! Dekor und Möblierung harmonierten perfekt. An den Wänden hingen einige erlesene Fotodrucke – die Luftaufnahme einer Südseeinsel, ein Bild mit exotisch bunten Fischen und eines, das einen atemberaubend schönen, von Palmen gesäumten schneeweißen Strand zeigte.

„Na, sieh mal einer an! Wenn das nicht Miss Riva Singleman ist.“

Die samtig tiefe Stimme und der nur allzu vertraute Akzent versetzten jede Faser ihres Körpers in Alarmbereitschaft. Mit einer heftigen Bewegung fuhr sie herum. Dabei stieß sie gegen ein kleines Ziertischchen, auf dem eine teuer aussehende Porzellanvase thronte.

„Ich hoffe, derartige Unfälle sind bei dir nicht an der Tagesordnung.“

Groß, braun gebrannt, mit markanten Gesichtszügen, die nicht im konventionellen Sinn schön zu nennen waren. Der Mann, der im dunklen Maßanzug in der Tür lehnte, entsprach genau dem Bild ihrer Erinnerung: makellos gekleidet, das schwarze Haar glatt nach hinten gekämmt. Auch sein Gesicht hatte sich nicht verändert. Die hohe Stirn, die fein modellierten Wangenknochen, die gerade Nase und der sinnliche Mund, um den eine gewisse Härte lag und den er nun zu einem spöttischen Grinsen verzog.

Falls er überrascht war, sie wiederzusehen, verbarg er es gut. Jeder Zentimeter seines schlanken, muskulösen Körpers strahlte Durchsetzungskraft und Selbstbewusstsein aus. Genau wie sein geschmeidiger Gang, als er ins Zimmer trat, den Blick forschend auf sie gerichtet. Oh, diese schwarzen Augen! Schon einmal war sie seinem durchdringenden Blick verfallen. Und bereute es bis heute, Damiano jemals vertraut zu haben.

„Ich dachte …“ Nervös spielte sie mit der schwarz-grauen Perlenkette, die über ihren kleinen, festen Brüsten lag. Was zum Kuckuck hatte er in diesem Haus zu suchen? Wenn man der Klatschpresse Glauben schenken konnte, wohnte er in einem Apartment im derzeit angesagtesten Vorort Londons. Nicht auf einem stillen, ländlichen Anwesen wie diesem.

„Was dachtest du?“ Ihrem Blick folgend, sah er über die Schulter. „Meine Sekretärin“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. „Sie kümmert sich um meine Termine.“

Und vermutlich noch um einiges mehr! Ärgerlich schob Riva den Gedanken an die lange Liste prominenter Frauen beiseite, mit denen die Regenbogenpresse ihn in den letzten Jahren abgelichtet hatte. An einen Artikel erinnerte sie sich besonders gut. Darin behauptete Magenta Boweringham, Society-Girl, Erbin eines Supermarkt-Imperiums und neueste Exgeliebte des dynamischen Italieners, dass es auf der Welt wohl keine Frau gab, die Damiano D’Amico auf längere Zeit halten könne. Er sei einfach viel zu schnell gelangweilt.

„Madame Duval …?“, begann Riva und schüttelte verwirrt den Kopf.

„Meine Großmutter“, erklärte er gelassen. „Anscheinend hat man dir nicht gesagt, dass sie zurzeit auf Reisen ist.“

„Nein, das hat man mir nicht gesagt“, bestätigte sie errötend und ließ abrupt die Halskette los, als sie bemerkte, dass sein Blick auf ihren Fingern ruhte. Seine Großmutter ist Französin? Das war ja das Allerneuste! Ihr gegenüber hatte er davon jedenfalls nie etwas erwähnt. „Wusstest du, dass Redwood Interiors mir das Projekt zugeteilt hat?“ Ihr Name hätte ihm doch wohl auffallen müssen.

Er zuckte die Schultern. „Ich wüsste gern, wie jemand, der erst vor wenigen Jahren mit Innenarchitektur angefangen hat, heute schon eine so gehobene Position erreicht haben kann“, wich er ihrer Frage aus.

„Durch harte Arbeit!“, rief sie erbost und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. „Ich habe dafür gearbeitet, Damiano. Und das werde ich für dich auf keinen Fall tun!“

Wütend marschierte sie an ihm vorbei Richtung Tür. Dabei streifte ihr Arm seinen. Wie konnte er sie nur verdächtigen, sich hochgeschlafen zu haben! Und wieso brachte die flüchtige Berührung seines Arms sie dermaßen aus der Fassung?

Mit zitternder Stimme murmelte sie: „Ich werde Miss Redwood informieren, dass hier ein Fehler passiert ist. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich finde allein hinaus.“

Als sie sich zum Gehen wandte, kämpften die widersprüchlichsten Emotionen in ihr. Doch ehe sie die Treppe erreicht hatte, hielt seine samtige Stimme sie zurück.

„Das solltest du lieber nicht tun, Riva.“ Die ruhig gesprochenen Worte enthielten eine kaum verhüllte Drohung.

„W… was soll das heißen?“, stotterte sie und drehte sich zu ihm um. In dem schmalen Korridor wirkte er noch größer, noch gebieterischer, als er es ohnehin schon war. Hier stand sie nun und fühlte sich trotz ihrer vierundzwanzig Jahre wieder genauso hilflos wie damals mit neunzehn, hingerissen von seiner Stimme, seinem umwerfenden Aussehen, seiner Intelligenz und seinem unwiderstehlichen Charme!

„Es gab gute Gründe, dich mit diesem Projekt zu betrauen. Und ich erwarte, dass du das respektierst. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, deiner Arbeitgeberin mitzuteilen, dass ich mir eine andere Firma suchen werde.“

Das Aufheulen eines Automotors vor dem Haus zerriss die gespannte Stille, die sich über den Raum gesenkt hatte.

Seine Sekretärin verließ also gerade das Anwesen. Riva erschauerte. Jetzt war sie mit Damiano allein.

Bei dem Gedanken schien das Blut in ihren Adern plötzlich schneller zu pulsieren. Natürlich hatte er recht. Dieser Auftrag war für Redwood Interiors wesentlich wichtiger als sie, eine neue Mitarbeiterin. Und wenn sie sich weigerte, mit Damiano zusammenzuarbeiten, würde man sie für den Verlust eines wichtigen Kunden verantwortlich machen. So viel stand fest.

Mit ihren grünen Augen blitzte sie Damiano an. „Soll das heißen, du würdest für meine Entlassung sorgen?“, rief sie halb ungläubig, halb entsetzt.

Abermals zuckte er die Schultern. „Das würdest du ganz ohne mein Zutun bewerkstelligen, Riva. Aber du musst den Auftrag ja nicht ablehnen. Es ist ganz und gar deine Entscheidung.“

Und wenn sie nicht die richtige Entscheidung traf, also nicht genau das tat, was er von ihr wollte, würde er ihre Karriere zugrunde richten. So wie er damals ihre arme, verletzliche Mutter zugrunde gerichtet hatte. Ohne seine grausame Einmischung wäre Chelsea Singleman noch am Leben. Davon war Riva überzeugt.

„Komm zurück in den Salon“, befahl er in einem Ton, der Widerspruch weder erwartete noch duldete.

Alles, wofür sie in den letzten Jahren so hart gearbeitet hatte, wäre verloren, wenn sie den Auftrag hinwarf. Riva holte tief Luft und marschierte hoch erhobenen Hauptes an ihm vorbei. Dabei streifte ihr Arm abermals seinen. Natürlich hatte er sich nicht einen Zentimeter zur Seite bewegt, um sie vorbeizulassen.

„Wenn du das noch einmal tust, muss ich davon ausgehen, dass du auf mehr aus bist als kollegiale Zusammenarbeit“, kommentierte er grinsend. „Und wir wissen wohl beide noch, wohin es uns beim letzten Mal geführt hat. Oder nicht?“

Allerdings! Ausgenutzt hast du mich! Rücksichtslos und kaltherzig! Mit seiner tödlichen Mischung aus Charme und Charisma hatte er sie in die Falle gelockt, aber mit neunzehn war sie viel zu naiv und unerfahren gewesen, um zu begreifen, welch falsches Spiel er mit ihr trieb. Erst hinterher hatte sie es erkannt. Als es zu spät war.

„Ich wünsche keinerlei Zusammenarbeit mit dir, Damiano! Egal welcher Art. Du zwingst mich bloß dazu.“

„Natürlich. Genau wie damals, nicht wahr? Vor viereinhalb oder beinahe fünf Jahren …“

Zu ihrem größten Erstaunen brachten die Bilder, die seine Worte vor ihrem inneren Auge heraufbeschworen, ihr Herz noch immer zum heftig zum Klopfen. Die Erinnerung an seine großen, starken Hände auf ihrer nackten Haut trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht.

Wie willig hatte sie sich von diesen Händen erobern lassen! Hatte sich seinen Zärtlichkeiten hingegeben und kalt berechnete Verführungskunst für wahre Zuneigung gehalten.

Voll Bitterkeit murmelte sie: „Nein, das war nichts als meine eigene Dummheit.“

„Du kannst mir kaum vorwerfen, dass ich die Wahrheit herausfinden wollte“, erwiderte er mit einem kalten Lächeln.

„Die Wahrheit! Ha! Du hättest die Wahrheit noch nicht einmal erkannt, wenn sie sich selbst ans Licht gezerrt und dir an den Hals geworfen hätte!“

„Die Signale waren eindeutig.“

Signale! Ja, sie hatte ihn angelogen. Und wie! Und das eine, besonders wichtige intime Detail hätte sie ihm tatsächlich nicht verschweigen dürfen. Aber es war ihr so unsagbar peinlich gewesen, nur darum hatte sie es getan. Später hatte sie sich dafür verachtet. Obwohl, eigentlich glaubte sie eher, dass er sich mit Selbstvorwürfen quälte. Wahrscheinlich hatte er Gewissensbisse, weil er eine Jungfrau dazu benutzt hatte, Chelsea Singleman auszuschalten.

Gewissensbisse? Dazu müsste er erst einmal ein Gewissen haben! Riva spürte, wie die Wut in ihr hochstieg.

Ihre grünen Augen blitzten gefährlich, als sie hervorstieß: „Du hast das Leben meiner Mutter zerstört!“

„Weil ich die Heirat zwischen ihr und meinem Onkel verhindert habe? Das war meine Pflicht! Außerdem bin ich ziemlich sicher, dass sie sich ziemlich schnell damit abgefunden hat. Frauen wie Chelsea – und leider auch wie du, cara – verschwenden keine Zeit damit, einer verpassten Gelegenheit nachzutrauern. Ich bin mir sicher, sie wird bald einen anderen reichen … wie soll ich sagen? … Trottel finden, der ihrem zweifelhaften Charme erliegt. Das heißt, falls sie noch keinen gefunden hat.“

Die Worte trafen Riva wie Peitschenhiebe. Am liebsten hätte sie Damiano einen Fausthieb mitten in sein arrogantes Gesicht verpasst. Vielleicht würde dann diese kaltschnäuzige Geringschätzung daraus verschwinden.

„Meine Mutter ist tot!“

Unter andern Umständen hätte sie den Schock, den die Mitteilung bei ihm auslöste, sicher genossen. Doch dazu fühlte sie sich viel zu verletzt.

„Das tut mir leid“, murmelte er nach einem Moment angespannten Schweigens.

Wenn sie nicht genau gewusst hätte, dass er zu keinerlei Mitgefühl fähig war, hätte sie ihm das sogar abgenommen.

„Nein, es tut dir nicht leid!“ Wie konnte er so etwas behaupten? Wo er doch die Ursache der ohnmächtigen Verzweiflung war, die zum frühen Tod ihrer Mutter geführt hatte!

„Was ist denn passiert?“

„Was geht dich das an?“

Für einen kurzen Moment verhärteten sich seine Züge. Dann wiederholte er leise: „Was ist passiert?“

Sie wollte es ihm nicht erzählen. Der Schmerz über den Verlust ihrer einst so temperamentvollen, jugendlichen Mutter saß zu tief. Chelsea … ihre Mutter hatte stets darauf bestanden, auch von ihrer eigenen Tochter beim Vornamen genannt zu werden.

„Wenn du es unbedingt wissen musst …“, begann Riva widerstrebend. „Sie starb an einer versehentlichen Überdosis Antidepressiva.“ Eigentlich eher an der tödlichen Kombination aus den Medikamenten, die Chelsea gegen ihre Depression hatte einnehmen müssen, und Alkohol. Aber das brauchte Damiano nicht zu wissen.

„Wann?“

„Vor etwas über einem Jahr.“

Er runzelte die Stirn. „Wie ich schon sagte, es tut mir leid.“

Mit einem bitteren Lachen erwiderte sie: „Das muss es nicht. Schließlich war es ja nicht deine Schuld, dass sie an einer Depression erkrankte, nachdem ihre Verlobung zerbrach und sie den Mann verlor, den sie liebte.“

„Du machst mich dafür verantwortlich?“

„Wenn du dir den Schuh anziehen möchtest.“

„Bedauere, nein!“ Nachdenklich blickte er zum Fenster. Ein dunkler Bartschatten war auf seinem kantigen Kinn zu sehen, obwohl er sich zweifellos erst vor ein paar Stunden rasiert hatte. „Du weißt ganz genau, warum Marcello die Verlobung mit deiner Mutter gelöst hat“, versetzte er mit brutaler Sachlichkeit. „Ihre Motive haben genauerer Überprüfung nicht standgehalten. Ebenso wenig wie deine.“

„Vor dir haben sie nicht standgehalten.“

„Weil Marcello viel zu sehr in ihr hübsches Gesicht und ihre strahlend blauen Augen verliebt war, um hinter die Fassade zu blicken.“

„Dir könnte so etwas natürlich nicht passieren.“

„Nein. Und mein Onkel hätte vermutlich irgendwann ein paar Halbwahrheiten von deiner Mutter zu hören gekriegt. Die schlimmsten Lügen stammten schließlich gar nicht von ihr!“

Riva wusste genau, auf wen er anspielte. Noch heute krampfte sich ihr Magen zusammen, wenn sie daran dachte, was für eine irrwitzige Geschichte sie Damiano damals aufgetischt hatte. Über ihr Elternhaus und ihre feine Erziehung. Wie hatte sie nur so naiv sein können, zu glauben, er würde ihre Schwindeleien nicht durchschauen? Aber die Zeit ließ sich nun einmal nicht zurückdrehen. Und sie würde ihm wohl nie ehrlich sagen können, weshalb sie ihn angelogen hatte.

„Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich jetzt gern mit der Arbeit beginnen. Dafür bist du schließlich hergekommen“, wechselte er das Thema. Mit ausgestrecktem Arm bedeutete er ihr, ihm voran den Salon zu verlassen.

Nur zu gerne kam Riva seinem Wunsch nach.

Fasziniert beobachtete Damiano jede ihrer Bewegungen, als er sie die Treppe hinunter zu dem Zimmer geleitete, das sie ausstatten und dekorieren sollte. Wie stolz und aufrecht sie sich hielt. Temperament hatte sie. Das musste er ihr lassen.

Der frische Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase, und sofort loderte Verlangen in ihm auf. Mit ihrem roten Haar, der elfenbeinweißen Haut und den anmutigen Kurven entsprach sie eigentlich überhaupt nicht seinem Typ. Normalerweise fühlte er sich eher zu langbeinigen und vollbusigen Blondinen hingezogen. Doch aus irgendeinem Grund fand er Riva unwiderstehlich. Unwiderstehlich und zugleich unausstehlich! Aber wieso machte er sich etwas vor? Er begehrte sie heute noch genauso sehr wie vor mehr als vier Jahren, als er ihr in der Villa seines Onkels zum ersten Mal begegnet war.

Die Nachricht, dass Marcello wieder heiraten wollte, hatte ihn zunächst in Begeisterung versetzt. Doch als er dann die zukünftige Ehefrau kennengelernt hatte, war seine Begeisterung schlagartig abgekühlt. Es hatte ihn entsetzt, das die Frau nicht nur halb so alt war wie sein Onkel, sondern auch noch eine erwachsene Tochter mit in die Ehe brachte.

Zuerst hatte er geglaubt, die beiden Frauen wären Schwestern. Immerhin nannten sie einander beim Vornamen. Und sie sahen sich frappierend ähnlich. Sie hatten den gleichen Körperbau, die gleichen Gesichtszüge, das gleiche lange lockige Haar. Der einzige Unterschied bestand in der Haarfarbe: Die eine war rotblond, die andere platinblond.

Von Anfang an hatte Damiano den beiden misstraut. Wer waren diese Frauen? Woher kamen sie, mit ihren Räucherstäbchen und den Strohsandalen? Und welche Frau Mitte dreißig – später hatte er herausgefunden, wie jung die ältere der beiden tatsächlich war – band sich schon freiwillig an einen wesentlich älteren Witwer? Und wenn sie es tat, aus welchem Grund? Weil sie sich von seiner Warmherzigkeit und Intelligenz angezogen fühlte? Oder vielleicht doch eher, weil er das Oberhaupt einer der reichsten und einflussreichsten Familien Italiens war?

Dass Marcello die beiden auf einem Jahrmarkt kennengelernt hatte, wo sie selbst gemachten Schmuck verkauften, hatte Damianos Misstrauen auch nicht eben zerstreuen können. Im Gegenteil: Danach war es ihm erst recht wichtig erschienen, alles über sie herauszufinden. Sein Onkel jedenfalls hatte sich so in Chelsea verliebt, dass er sich nicht im Geringsten für ihre Vorgeschichte interessierte.

Als pflichtbewusster Neffe hatte er einen Detektiv engagiert, der für ihn Nachforschungen anstellen sollte. Er selbst hatte sich bemüht, die etwas zurückhaltendere, aber seiner Meinung nach ebenso habgierige Tochter auszuhorchen, ohne dabei ihrem gefährlichen Charme zu erliegen.

Sie hatte ihm erzählt, ihr verstorbener Vater sei Offizier der Royal Navy, der britischen Kriegsmarine, gewesen; ein mutiger, für seine Verdienste um das Vaterland hoch dekorierter Mann, der leider nur wenig Zeit mit Frau und Tochter verbringen konnte. Und während Chelsea auf eine vielversprechende künstlerische Laufbahn verzichtet habe, weil ihr Ehemann es für nicht standesgemäß hielt, dass seine Frau eine Erwerbsarbeit aufnahm, habe seine Tochter die bestmögliche Ausbildung genossen, denn, so hatte Riva behauptet, ihr und ihrer Mutter sei es finanziell nie schlecht gegangen, und das Haus, in dem sie aufgewachsen war, habe ihre Mutter nach dem Tod des Vaters verkauft, weil es viel zu groß für sie gewesen sei.

Damiano runzelte die Stirn. Noch heute belastete es ihn, dass er sich seine Informationen damals nicht nur von ihr beschafft hatte. Das hätte nicht passieren dürfen! Andererseits war ihm dadurch klar geworden, dass Riva alles aufs Spiel setzte, um sich einen reichen Mann zu angeln. Sogar ihre Jungfräulichkeit!

Was, wenn er ihr damals ins Netz gegangen wäre?

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