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Im Bann des Vermächtnis - Eine Prinzessin muss gehorchen (4-teilige Serie)

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1. KAPITEL

Die skandalumwitterte Prinzessin hatte es wieder getan. Evangelina Drakos war einem weiteren seiner besten Sicherheitsbeamten entwischt. Das war unverzeihlich. So etwas hätte nie passieren dürfen. Und trotzdem war es geschehen. Drei Mal in drei Wochen.

Makhail Nabatov duldete keine Fehler. Ganz egal, ob jemand sich beim Autofahren versehentlich heißen Kaffee über die Hose schüttete oder die Prinzessin aus den Augen verlor, die bewacht werden sollte. Jeder Fehler konnte eine Katastrophe auslösen.

Wütend schlug er die Wagentür zu und rollte mit den Schultern, um die Verspannung in seinem Körper zu lösen. Er hätte nie gedacht, dass ihn so ein Vorfall derart erschüttern würde. Wieder einmal hatte Prinzessin Evangelina es geschafft, sein wohlgeordnetes Leben völlig durcheinanderzubringen.

Als er sie kennenlernte, eine beeindruckende Gestalt mit glänzenden braunen Locken, leuchtenden Augen und goldbrauner Haut, schien sie ihm ganz die schüchterne Prinzessin. Damals war nichts zu spüren gewesen von dem forschen, lebenslustigen Partygirl, das mit schöner Regelmäßigkeit für Schlagzeilen in der Klatschpresse sorgte. Weshalb er sich schon gefragt hatte, ob die Medien in ihrer Darstellung vielleicht übertrieben.

Doch im letzten halben Jahr hatte er erkannt, dass sie recht hatten und er falschlag. Dabei irrte er sich nie. Aber die Prinzessin hatte ihn eines Besseren belehrt.

Das gefiel ihm nicht.

Es war unglaublich, dass ein einzelnes zierliches Persönchen der Königsfamilie so viel Ärger machen konnte. Aber sie hatte den Bogen ganz eindeutig heraus.

Er drückte die Kurzwahltaste seines Handys und hatte sofort den Mann am anderen Ende, der die Prinzessin hatte beobachten sollen. „Wo haben Sie sie zuletzt gesehen, Ivan?“

„Im Casino. Sie ist in der Menge untergetaucht“, erklärte Ivan mit vor Angst angespannter Stimme. Eine weitere Schwäche, die Makhail verachtete.

„Sie sind gefeuert.“ Damit beendete Makhail das Gespräch, steckte das Handy wieder in die Tasche und rückte seine Krawatte zurecht. Dann machte er sich auf den Weg zum Casino. Er würde wetten, dass Evangelina immer noch dort war. Zweifellos verspielte sie gerade das Geld ihres Vaters.

Geschickt schlängelte er sich an all den Menschen vorbei, die hier ihr Glück suchten. Prinzessin Evangelina hielt sich sicher nicht in der Vorhalle an den Spielautomaten auf, sondern irgendwo am Spieltisch. Der einzig passende Ort für ein verzogenes Gör mit einem Hang zum Drama und zu roséfarbenem Champagner.

Schnell durchquerte er die Lobby und steuerte auf die schwarze Doppeltür, die zwei Wachmänner im Anzug flankierten.

„Name?“, fragte einer der Männer knapp.

„Mak“, entgegnete er. „Ich bin hier mit der Prinzessin verabredet.“

„Ich fürchte, Sie können nicht einfach …“

Eine der Türen ging auf und eine Dame in hautengem Kleid schwebte heraus, umweht von einer Alkoholfahne. Er nutzte die Gelegenheit, griff nach der Tür, zog sie weiter auf und schlüpfte hindurch.

Mak entdeckte sie sofort. Sie saß an einem der Tische und sah lachend dem Mann zu ihrer Rechten zu, der ein Paar Würfel über den Spieltisch rollte. Als die richtigen Zahlen kamen, jubelte sie. Dann sah sie auf, zu Mak.

Die dunklen Augen weiteten sich, und ihre Lippen teilten sich ein wenig. Sie berührte den Arm ihres Begleiters, sagte schnell etwas zu ihm und wandte sich dann wieder von ihm ab. Sie versuchte nicht einmal, vor Makhail davonzulaufen, da es ohnehin sinnlos wäre.

Als einer der beiden Wachmänner von der Tür herbeieilte, sahen alle vom Spieltisch auf. „Prinzessin“, sagte er, „ist alles …“

Missbilligend schaute sie zu Mak hinüber. „Mir gefällt nicht, dass dieser Mann hier herumsteht, aber Sie können sicher sein, dass er sich nicht fortschicken lässt“, sagte sie scharf. „Er ist bei meinem Vater beschäftigt. Darum könnte die Sache problematisch werden.“ Sie klang überheblich in ihrem Befehlston, und ihre dunklen Augen leuchteten vor Wut, als sie Mak direkt ansah. „Werde ich jetzt in meine Zelle zurückgebracht?“

„Ihre Zelle?“, fragte er. „So bezeichnen Sie also Ihr Schlafzimmer mit dem rosa Rüschenzeug?“

Leichte Röte überzog ihre Wangen. „Nicht offiziell.“

„Wie sind Sie den Sicherheitsbeamten entwischt?“

Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Haben Sie die Frauen vorn an den Spielautomaten gesehen? Die den Stammkunden das Geld aus der Tasche ziehen?“

Kurz schüttelte er den Kopf. „Nein.“

„Nun, Ihr Wachmann schon. Oder besser gesagt ist ihm aufgefallen, dass deren Ausschnitt bis zum Bauchnabel geht. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, nach hinten zu verschwinden. Er hat vermutlich angenommen, ich hätte das Casino verlassen, was er mir geraten hat.“

„Er wurde getäuscht und war naiv genug zu glauben, Sie würden seiner Anweisung folgen.“

Mit übertrieben unschuldiger Miene hob Evangelina die Brauen. „Allerdings.“

„Ich bin nicht so dumm.“

Sie zog einen Mundwinkel hoch. „Das habe ich bemerkt.“

Einen Moment musterte er sie. Sie hatte etwas Katzenhaftes, geschmeidig, anmutig und mehr als bereit, ihre Krallen zu zeigen, wenn es erforderlich war. Er wusste genau, wie sie die Palastwachen einschüchterte und seine Männer austrickste.

Aber bei ihm würde sie keinen Erfolg damit haben.

„Ich würde Ihnen empfehlen, mit mir zu kommen, Prinzessin.“

„Und wenn ich es nicht tue?“

„Wird Ihr Vater davon erfahren.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lenkte so seinen Blick darauf. Das machte sie noch reizvoller für ihn. Er fragte sich, ob ihre Haut überall so goldbraun war. Und wie wohl ihre Brüste aussahen.

Mak ballte die Hände zu Fäusten und kämpfte die Bilder nieder, die ihn bestürmten. Er ließ sich von Frauen nicht ablenken. Niemals.

Doch gerade hatte er diesen Grundsatz missachtet, was ungewöhnlich und höchst ärgerlich war. So etwas würde nie wieder geschehen.

„Es bekümmert mich nicht sonderlich, dass mein Vater davon erfahren könnte. Was soll er schon machen? Mich ins Verlies sperren? Oder mich mit einem Fremden verheiraten, wann es ihm gerade passt? Wir wissen beide, dass er Ersteres nicht tun wird und Letzteres ohnehin momentan versucht.“

„Ich werde Sie einfach über meine Schulter werfen und hinaustragen.“

Sie kniff ihre dunklen Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Das würden Sie nicht tun.“

Als er einen Schritt vortrat, wich sie nicht einmal zurück. „Ach nein?“

Einen Moment musterte sie ihn, dann sagte sie: „Ich erlaube Ihnen, mich hinauszubegleiten.“

Er griff nach ihrem Arm. Ihre Haut fühlte sich weich unter seiner Berührung an. Dann zog er sie näher an sich und beugte sich zu ihr, bis seine Lippen fast ihr Ohr berührten. „Und ich erlaube Ihnen, auf Ihren eigenen zwei Beinen dieses Haus zu verlassen.“

Mit loderndem Blick wandte sie sich zu ihm. „Was auch besser ist, denn die Alternative wäre weder für Sie noch für mich besonders reizvoll.“

„Dann haben Sie ja die richtige Entscheidung getroffen.“ Während er sie aus dem Raum führte, hielt er ihren Arm fest umklammert. Sie reckte ihr Kinn und hielt sich sehr aufrecht.

Sie gingen durch das Foyer nach draußen, wo sie die feuchte Abendluft empfing, die nach Salz schmeckte. In der Ferne toste das Meer. Mak öffnete die Beifahrertür seines Wagens.

„Einsteigen“, befahl er.

Evangelina kam seiner Anordnung nach und nahm steif im Wagen Platz, den Blick stur nach vorn gerichtet. Nachdem er ebenfalls eingestiegen war, startete er den Motor und lenkte den Wagen Richtung Palast.

„Und“, bemerkte sie im Plauderton, „Sie werden meinem Vater doch nichts erzählen?“

„Nein.“ Niemand hätte einen Vorteil davon, den König von diesem Vorfall zu unterrichten.

„Ich könnte es ihm verraten“, meinte sie leichthin.

„Warum das?“

„Wie ich schon sagte, meinetwegen würde er nichts unternehmen. Aber Sie … könnte er feuern.“

Makhails Griff um das Lenkrad verstärkte sich. „Das wird er nicht.“

„Ach ja?“

„Nein. Ich habe Ivan gefeuert und werde Sie nun persönlich bewachen. Ihr Vater weiß, dass niemand für diesen Job besser geeignet wäre.“

„Weiß er das?“, gab sie tonlos zurück.

„Die Palastwache kann Sie nicht im Auge behalten. Diese Männer müssen für die nationale Sicherheit sorgen und können sich nicht um eine Göre kümmern, die sich keinen Deut um ihre eigene Sicherheit schert. Das bleibt mir überlassen Ich bin sehr geschult auf diesem Gebiet. Und ich mache nie Fehler – im Gegensatz zu einem meiner Angestellten, was bedauerlich ist.“

„Zwei“, warf sie ein.

„Wie bitte?“

„Ich bin zwei Ihrer Angestellten entwischt, während sie sich wegen irgendeiner Frau die Hälse verrenkt haben.“

„Ehemalige Angestellte. Ihnen mangelte es an Disziplin, also haben Sie in meinem Team nichts mehr zu suchen. Ihnen ist das vielleicht nicht bewusst, weil Sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, aber hier geht es um mehr als nur Ihren guten Ruf.“

„Ach ja? Und ich dachte, es würde hauptsächlich darum gehen, dass ich eine gute Figur mache, um mögliche Ehekandidaten nicht abzuschrecken.“

„Es geht um Ihre Sicherheit, weil Sie für die politischen Machtverhältnisse von Bedeutung sind, Prinzessin.“

„Ist das so?“ Die Überraschung in ihrer Stimme klang aufgesetzt. „Und ich dachte, ich wäre einfach nur Evangelina.“

„Sobald man einen Titel trägt, ist man nicht nur irgendjemand.“

Sie wandte sich ihm zu, doch er hielt den Blick weiter auf die Straße gerichtet. „Bei mir nicht. Ich bin tatsächlich nur eine politische Schachfigur.“

„Aber eine wichtige“, entgegnete er.

Sie schnaubte und ließ sich in den Ledersitz fallen. „Was könnte ein Mädchen denn noch mehr verlangen?“

Eva glaubte, aus der Haut fahren zu müssen. Ihr Arm brannte immer noch von Makhails Berührung, und sie war wütend. Und hilflos.

Vor sechs Monaten, als ihr Vater ihr Makhail vorgestellt hatte, hatte sie erleichtert aufgeseufzt, weil er sie nicht selbst bewachen würde. Denn er verwirrte sie viel zu sehr. Er war zu groß. Zu männlich. Breite Schultern und kurzes braunes Haar, ausgeprägte Kiefermuskeln und ein Mund, der so aussah, als hätte sich noch nie ein Lächeln auf ihn verirrt. Und erst seine Augen … grau wie der Lauf einer Waffe. Grau – und kalt.

Jetzt saß er neben ihr. Es war eine Sache, mit seinen idiotischen Angestellten Spielchen zu treiben. Sie hatten es ihr einfach gemacht, weil sie viel zu sehr an dem interessiert gewesen waren, was um sie herum vorging. Aber Makhail war in einer Weise nur auf sie konzentriert, wie sie es bei keinem anderen erlebt hatte. Es war, als würde er in sie hineinsehen, und das gefiel ihr überhaupt nicht.

„Habe ich richtig gehört? Ein Mädchen, das im goldenen Käfig sitzt, bittet noch um ein paar zusätzliche Diamanten?“

„Glauben Sie, nur weil ich reich bin, dürfte ich mich nicht beschweren?“, erwiderte sie gekränkt.

„Ganz und gar nicht. Meine Aufgabe besteht allerdings nicht darin, eine Meinung zu haben, die eine gewisse Art von Mitgefühl erfordern würde. Ich bin hier, um für Ihre Sicherheit zu sorgen und dafür, dass Sie keine Skandale verursachen.“

„Bis zu meiner Hochzeit?“

„Auch danach, wenn ich muss.“

War das verwunderlich? Schließlich war sie ein Mitglied der Königsfamilie und dazu bestimmt, einen Mann aus einer anderen Königsfamilie zu heiraten. Seit ihrer Geburt wurde ihr Leben durch andere bestimmt, das ging bis zu den Schuhen, die sie morgens anzog.

Und natürlich wurde auch der Mann, den sie heiraten würde, mit großer Sorgfalt ausgewählt.

Es war über sechs Monate her, dass sie mit der entsetzlichen Angst aufgewacht war, niemals eine eigene Entscheidung treffen zu können. Seit diesem Tag begehrte sie ernsthaft auf. Da konnte Makhail Nabatov noch so viel über Pflichten reden. Er hatte keine Ahnung, wie es war, in ihrer Haut zu stecken.

Er war der Feind.

„Ich wage zu behaupten, dass mein Mann seine eigenen Wachleute haben wird, die sicherstellen müssen, dass ich brav bin.“

„Und Sie glauben, dass die auch nur einen Deut besser sind als die Wachleute Ihres Vaters?“

Immer noch sah er sie nicht an, sondern starrte weiter auf die Straße. Seine leicht gebogene Nase sah aus, als wäre sie schon mindestens einmal gebrochen gewesen.

„Vielleicht nicht. Aber es könnte ja auch sein, dass ich gar nicht mehr vorhabe wegzulaufen. Das hängt von der Wahl meines Vaters ab. Oder ob ich mich in meinen zukünftigen Mann verliebe.“

Was sie jedoch bezweifelte. Denn sie hatte eine vage Vorstellung, wen ihr Vater unter den wenigen möglichen Kandidaten auswählen würde. Bastian, König von Komenia, einem kleinen Fürstentum in Osteuropa, der sich nach einer Königin umsah. Eva empfand nichts für ihn, auch wenn sie es versucht hatte.

Bastian besaß sehr großen Einfluss, sowohl finanziell als auch militärisch. Und das würde Kyonos enorm zugutekommen.

Für ihren Vater spielte es keine Rolle, ob sie sich zu dem Mann hingezogen fühlte oder ihn liebte. Bastian war fraglos attraktiv. Sogar ziemlich. Aber es sprang kein Funke über. Wenn er sie berührte, spürte sie nichts. Er war nicht der Richtige.

Doch wie es aussah, würde sie nie die Gelegenheit bekommen, den Richtigen zu finden.

„Sie wollen Liebe, stimmt’s?“, fragte Mak.

„Natürlich. Wollen wir das nicht alle?“

„Nein“, antwortete er. Ohne eine Erklärung. Einfach nur nein. Sie wusste nicht, warum sie das überraschte. Außerdem machte es sie wütend. Denn er könnte lieben, wen er wollte. Er könnte heiraten, wen er wollte. Und trotzdem wehrte er die Liebe ab. Wahrscheinlich weil er mehr an einer Affäre interessiert war als an wahrer Hingabe.

„Ich schon.“ Sie sah aus dem Fenster, und ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie sich dem Palast näherten.

„Warum?“

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Jeder – außer Ihnen natürlich – will Liebe. Denn Liebe ist …“

„Eine Menge Arbeit.“

Eva sah auf seine Hände, die das Lenkrad fest umklammert hielten. An seinem linken Ringfinger saß ein breiter Platinring. „Sind Sie verheiratet?“

„Nicht mehr.“ Seine Stimme klang tonlos und verriet nichts.

„Warum nicht?“

Zum ersten Mal, seit sie losgefahren waren, warf er ihr einen Blick zu. „Ich wusste nicht, dass wir Freunde werden müssen, nur weil ich Sie beschütze.“

„Lassen Sie mich eines klarstellen“, erwiderte Eva verärgert. „Sie werden mich nicht beschützen. Nicht wirklich. Sie bewahren mich nur vor Ärger – oder vermeintlichem Ärger. Ich bin eine erwachsene Frau von zwanzig Jahren. Fast schon einundzwanzig.“

„Uralt“, gab er trocken zurück.

„Wie auch immer. Nein, wir müssen keine Freunde werden. Das wäre sowieso nicht möglich, weil wir verschiedene Pläne verfolgen.“

„Und wie sieht Ihr Plan aus, Prinzessin?“

Sie hielten vor einem großen schmiedeeisernen Tor in der hohen Mauer, die den Palast umgab. Im Hintergrund schimmerte blau die Ägäis.

„Wenn ich Ihnen das verrate, Mr Nabatov, wäre es viel zu einfach für Sie, die Oberhand zu gewinnen.“

2. KAPITEL

„Die Sache war schon überall online, bevor du das Casino überhaupt verlassen hast, Eva.“ Mit grimmiger Miene ging ihr Vater vor ihr auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Würfelspiel, ein Mann an deinem Arm. Du sahst aus wie eine gewöhnliche Studentin.“

Was aus dem Mund ihres Vaters einer Beleidigung gleichkam. Denn alles Gewöhnliche war für Stephanos Drakos unter der Würde der verehrten königlichen Familie von Kyonos.

„Vater …“

„Königliche Hoheit.“ In diesem Moment trat Makhail ein. „Eva sollte eigentlich von einem meiner Männer beobachtet werden. Er wurde inzwischen für seine Unachtsamkeit entlassen. Ich habe beschlossen, die Prinzessin in Zukunft selbst zu bewachen.“

Verdammt zuvorkommend von ihm, dachte sie und hätte ihrem neuen Bewacher dafür am liebsten seine selbstgefällige Miene aus dem Gesicht geprügelt. Stattdessen räusperte sie sich und wandte sich an ihren Vater. „Glaubst du wirklich, ich komme keine Sekunde ohne ein … ein Kindermädchen aus?“

„So ist es“, erwiderte König Stephanos.

Mit funkelndem Blick sah Makhail sie an. „Ich bin kein Kindermädchen, Prinzessin.“

„Sie verfügen auch über eine größere Waffe als die meisten Kindermädchen“, gab sie zurück.

Er hob eine Braue. „Unter anderem.“

„Wie reizend“, meinte sie knapp.

„Woher weiß ich, dass ich Ihnen vertrauen kann, Mr Nabatov, wenn Ihre Agenten unfähig zu sein scheinen, meine Tochter nicht zu verlieren?“

Mit grimmiger Miene wandte Makhail sich dem König zu. „Das waren Anfänger. Im Gegensatz zu mir. Aber die Möglichkeiten sind begrenzt, Königliche Hoheit. Normalerweise sind die Menschen, für deren Sicherheit man sorgt, vernünftig genug, diesen Schutz auch zu wollen. Bei Prinzessin Evangelina sieht das anders aus.“

„Weil ich vor mir selbst beschützt werde“, entgegnete sie. „Und das ist eine Beleidigung.“

„Du benimmst dich wie ein Kind und wirst deshalb auch so behandelt“, erklärte Stephanos. „Ich bin dabei, eine Verbindung für dich zu schaffen, die dem Wohl von Kyonos zugutekommt, eine Verbindung zugunsten unseres Volkes. Aber du verschmähst sie.“

„Ich will ja nur ab und zu mein eigenes Leben führen, ein bisschen …“

„Du bist Mitglied des Königshauses, Eva. So einfach ist das nicht.

Eva schluckte ihre Erwiderung hinunter. Auch wenn es ihr überhaupt nicht gefiel, hatte ihr Vater recht. Jedes Privileg hatte seinen Preis. An jeder Unze Gold hing ein schweres Gewicht, ganz egal, ob sie es akzeptierte oder nicht.

Trotzdem lag ihr eine Gegenantwort auf der Zunge, Worte, die sie nie aussprechen würde.

„Bin ich entlassen?“, fragte sie.

„Du kannst gehen.“ Ihr Vater nickte.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und marschierte in die Halle. Als sie allein war, schlug sie die Hände vors Gesicht und presste die Handflächen gegen die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Sie hatte keine Zeit für Schwäche – und, was noch wichtiger war, sie konnte es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen.

Nicht gegenüber ihrem Vater, und ganz sicher nicht der Presse gegenüber. Und vor allem nicht bei Makhail, ihrem neuen Gefängniswärter. Der Einzige, der sie zumindest ein bisschen verstand, war ihr Bruder Stavros. Aber er hatte im Moment seine eigenen Probleme.

Versonnen ging sie durch den langen leeren Gang. Ihre High Heels klackten laut auf dem Marmorboden. Wenn sie eine Vorstellung davon hätte, was sie tun sollte, wäre alles einfacher. In den letzten Monaten war sie vor allem mit ihren Skandalen beschäftigt gewesen und damit, die Pläne ihres Vaters zu vereiteln, der einen passenden Ehemann für sie suchte.

Aber was könnte sie darüber hinaus noch tun?

Eva wusste, was sie wollte, und ihr war auch klar, dass sie es vermutlich nie bekommen würde. Einen Mann, der sie liebte. Nur sie allein. Und den auch sie über alles liebte. Eine Ehe, die nichts mit Politik oder Geschäften zu tun hatte.

Aber das war nichts als Fantasie. Es gab kleine Mädchen, die davon träumten, Prinzessin zu sein. Sie hingegen träumte davon, sie selbst sein zu dürfen, ihr eigenes Leben zu führen. Auch wenn das nicht möglich war, hatte sie sich an diese Hoffnung geklammert. Viel zu lange schon.

Und wenn sie erst einmal verheiratet war … wäre alles verloren, jede Hoffnung dahin, zermalmt unter diesem schweren Gewicht. Dann würde nicht mehr ihr Vater die Kontrolle über sie haben, sondern ihr Ehemann.

Es war trostlos.

„Prinzessin.“

Die tiefe volle Stimme mit dem russischen Akzent konnte nur einem Mann gehören. Sie wandte sich um und sah Makhail dastehen, in seinem schwarzen Anzug ganz das Abbild eines Geheimagenten.

„Ich habe mit Ihrem Vater alles festgelegt.“

„Ach ja?“

„Er sagt, Sie haben noch sechs Monate Zeit bis zur Hochzeit.“

Sie verdrängte die Übelkeit, die in ihrem Magen aufstieg. „Also bin ich jetzt verurteilt?“

„So sehen Sie das?“

Sie lachte, ohne zu wissen, warum. Denn ihr war ganz und gar nicht danach zumute. „Wie würden Sie sich denn fühlen, wenn Sie einem völlig Fremden als Ware angeboten werden? Um seine Kinder zur Welt zu bringen und … und mit ihm zu schlafen.“

„Ich denke, das würde mir nicht gefallen“, gab er trocken zurück. „Allerdings war ich auch nie daran interessiert, mit Männern ins Bett zu gehen.“

„Sie wissen genau, was ich meine.“

„Hören Sie zu, Prinzessin …“

„Eva. Bitte nur Eva. Das ist einfacher, wenn wir die nächsten Monate miteinander zu tun haben.“

„Dann sollten Sie mich Mak nennen.“ Es war kein Angebot, das er aus Freundlichkeit machte.

„Das möchte ich nicht.“ Sie sprach bewusst scharf.

Er lachte. „Warum das?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Weil es Sie vermenschlichen würde. Und ich ziehe es vor, so lange wie möglich wütend auf Sie zu sein.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das jedoch nicht seine Augen erreichte. Er machte einen Schritt auf sie zu, dann noch einen und umkreiste sie langsam wie ein Raubtier eine besonders verlockende Beute. „Sie werden genug Gründe finden, wütend auf mich zu sein, Eva. Also müssen Sie sich keinen aus den Fingern saugen.“

„Dann sind wir uns in diesem Punkt einig.“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Und, was hat mein Vater für die nächsten sechs Monate vorgeschlagen? Galas und Einladungen zum Tee?“

„So in etwa.“

„Wie nett“, bemerkte sie trocken.

„Ganz sicher nicht, weder für Sie noch für mich. Und wenn Sie nicht wollen, dass ich während unserer gemeinsamen Zeit übermäßig gereizt bin, würde ich vorschlagen, dass Sie aufhören, sich wie ein Kind zu benehmen.“

Sie versteifte sich, während die Wut in ihr hochkochte. „Ich benehme mich nicht wie ein Kind. Vielmehr werde ich wie eines behandelt.“

„Glauben Sie etwa, dass Sie die wichtigen Antworten des Lebens in einem Casino oder in einer Bar finden, Eva? Dass diese Art von Freiheit wichtiger ist als Ihre Pflicht gegenüber Ihrem Land? Wenn Sie so denken, sind Sie wirklich noch ein Kind.“

Als er sich zum Gehen wandte, verspürte Eva den seltsamen Drang, ihn darum zu bitten, bei ihr zu bleiben. „Moment“, rief sie.

Er drehte sich wieder zu ihr um. „Ja?“

„Wo werden Sie wohnen? Haben Sie ein … ein Heim auf Kyonos?“

„Ich bleibe hier.“ Jetzt lächelte er. „Damit ich Sie besser beschützen kann.“

„Sagte der böse Wolf?“

Amüsiert hob Mak eine dunkle Braue. „Wenn Sie meinen?“

Flirtet er mit mir? Und habe ich gerade mit meinem Bodyguard geflirtet?

Auf eine sehr zurückhaltende Art sah er umwerfend aus, auch wenn er mit seinen markanten Zügen nicht im eigentlichen Sinne schön war. Aber … männlich. In seiner Nähe war sie sich ihrer Weiblichkeit sehr bewusst. Sie stellte sich vor, dass die dunklen Bartstoppeln auf seinen Wangen sich unter ihrer Handfläche sicher rau anfühlten.

Schnell versuchte sie, das Bild zu verscheuchen, und atmete tief durch, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

„Es muss nicht notwendig zu Problemen zwischen uns kommen, Eva.“ Sein Akzent färbte ihren Namen in einer Weise, wie sie es noch nie gehört hatte. Es war … faszinierend.

„Doch. Weil wir verschiedene Ziele haben, Mak.“

„Und was ist Ihr Ziel, Prinzessin?“ Eindringlich sah er sie an. Sein Blick wirkte viel zu aufmerksam, sodass sie am liebsten die Arme um sich geschlungen hätte, um so viel wie möglich von sich zu bedecken. Weil sie glaubte, er könnte durch ihr dünnes Kleid hindurchsehen, direkt in ihr Innerstes, was verwirrend war. Denn dort würde er ihre Ängste, ihre Wünsche entdecken, die sie noch nie einem Menschen offenbart hatte. „Wollen Sie Ihren Ruf ruinieren, um einer arrangierten Ehe zu entgehen?“

„Der Gedanke ist mir tatsächlich gekommen. Außerdem sollte der Glückliche, der mich zur Frau nimmt, wissen, auf was er sich einlässt. Dass ich nämlich nicht nur eine lammfromme Partybegleitung bin.“

Wieder warf er ihr diesen kühl-abschätzenden Blick zu. Mak wählte jedes Wort mit Bedacht, als er weitersprach. „Kein Mensch glaubt wohl allen Ernstes, dass Sie lammfromm sind.“

„Dann habe ich meinen Job ja halbwegs gut erfüllt“, entgegnete sie gelassener, als sie sich fühlte. „Ich bin jetzt müde und werde in mein Zimmer gehen.“ Damit wandte sie sich von ihm ab und ging den Gang entlang.

Hinter sich hörte Eva schwere Schritte. „Ich sagte, dass ich in mein Zimmer gehe. Sie sind allerdings nicht eingeladen.“ Ihr Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass sie es doch tun könnte.

„Ich will nur sichergehen, dass Sie auch dort ankommen“, erwiderte er, völlig unbeeindruckt von ihrer bissigen Antwort.

Normalerweise war es kein Problem für Eva, ihre Bodyguards abzuhängen. Die Palastwachen hatten aufgegeben, und Makhails Männer hatten es ebenfalls nicht geschafft.

Doch Makhail war … gelassen. Was sie verrückt machte. Als würde er nichts fühlen. Er amüsierte sich lediglich ein wenig über ihr Leben, das eine einzige Katastrophe war.

„Glauben Sie, ich werde die Bettlaken zusammenknoten und mich aus dem Fenster hangeln?“

„Das ist bei Ihnen schon vorgekommen.“

Hitze färbte ihre Wangen rot. „Einmal. Und da war ich vierzehn. Mein Gott, hat man eine Akte über mich angelegt?“ Für ihren Vater war sie nur ein Gegenstand, kein Mensch, das war ihr noch nie so deutlich gewesen wie in diesem Augenblick.

„Natürlich gibt es eine Akte über Sie. Und das ist auch gut so, wenn man bedenkt, dass Sie den Wachen immer wieder entwischt sind. Für mich ist es so viel einfacher, etwas über Sie zu erfahren.“

Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten. „Sie können diese Akte so oft lesen, wie Sie wollen, aber Sie werden mich trotzdem nicht kennen.“ Damit wandte sie ihm den Rücken zu und eilte durch den Flur, ohne darauf zu achten, dass er ihr folgte.

Als sie die Tür zu ihren Zimmern erreichte, zitterten ihre Hände, während sie den Code eingab, um die Tür zu öffnen.

„Es gehört zu meinem Job, meine Klienten zu kennen“, erklärte Mak. „Ich lege ein Profil von ihnen an. Das erleichtert meine Arbeit. Halten Sie sich für so besonders, dass ich nichts über Sie herausfinden könnte?“

Ihr Herz hämmerte, als sie sich zu ihm umdrehte. „Ich bin keine Auflistung von Merkmalen. Ich bin ein Mensch. Und ich …“

„Sie sind verwöhnt. Selbstsüchtig. Sie fühlen sich eingeengt, während Sie von einem Luxus umgeben sind, von dem andere nur träumen können. Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man nichts zu essen hat und kein Dach über dem Kopf. Ja, ich denke, ich kenne Sie, Eva. Vermutlich besser, als Sie sich selbst kennen.“

Bei seinen Worten wurde ihr übel. War es denn falsch, mehr vom Leben zu erwarten, als nur ein Objekt zu sein? Sie war kein Kunstgegenstand, den man ausstellte.

Tief sog sie die Luft ein und begegnete Maks Blick, wobei sie den Schauer ignorierte, der sie dabei durchlief. „Von mir aus können Sie denken, was Sie wollen. Ehrlich gesagt ist es nur zu meinem Vorteil, wenn Sie mich unterschätzen.“

Er lachte. „Vielleicht überschätzen Sie sich ja.“ Dann trat er näher, und ihr Herz schlug noch schneller. Mak beugte sich vor und legte die Hand gegen die Tür. Sein Gesicht war ihrem so nah, dass sie kaum noch atmen konnte. Einen Wimpernschlag lang hörte die Welt auf, sich zu drehen. Es gab nur noch Mak und seinen Duft, der ihre Sinne reizte.

„Schlafen Sie gut, Prinzessin.“

Damit drehte er sich um und ging davon. Sie blieb zitternd zurück, und ihr war kalt, weil er gegangen war.

„Bastard“, sagte sie laut genug, dass er es hören konnte.

Aber er drehte sich nicht um, sondern lachte nur.

Sie stieß die Tür auf und schloss sie entschieden hinter sich. Was für eine Katastrophe! Ein Albtraum. Sie hasste diesen Mann. Diesen lächerlichen, umwerfenden, schrecklichen Mann.

Kurz spielte Eva tatsächlich mit dem Gedanken, aus dem Fenster zu klettern. Aber sie wusste nicht, wohin. Außerdem wäre es dumm, nur um des Aufbegehrens willen aufzubegehren.

Dass sie im Casino gewesen war, hatte dazu gedient, der Presse Futter zu geben. Aber es hätte nicht den gleichen Effekt, sich mitten in der Nacht unbemerkt davonzustehlen.

Müde ließ sie sich auf das Sofa fallen und schloss die Augen. Sie konnte förmlich spüren, wie die Schlinge um ihren Hals enger wurde. Pflicht. Ehre. Das sollte ihr eigentlich wichtig sein. Aber sie wollte nur ihr eigenes Leben.

In ihrer Position galt der Wunsch, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen, als selbstsüchtig, bei jedem normalen Menschen hingegen als verantwortungsbewusst.

3. KAPITEL

Die Eva in enger schwarzer Hose, weißer Bluse und langer Perlenkette war eine ganz andere als die, mit der Mak am Abend zuvor zu tun gehabt hatte. Mit ihren schimmernden braunen Haaren, die zu einem Knoten aufgesteckt waren, und dem zurückhaltenden Make-up sah sie von Kopf bis Fuß aus wie eine anständige Prinzessin.

Aber er wusste es besser. Denn ihm ging ihr Bild von gestern Abend nicht aus dem Sinn. Wütend, aber auch ein bisschen erregt war sie gewesen. In seinen Träumen hatte sie ihm zugesetzt, ein weiterer seltsamer Vorfall. Denn selbst im Schlaf behielt er normalerweise die Kontrolle. Schon seit Langem war es für ihn notwendig, sich in jeder nur erdenklichen Weise souverän zu verhalten. Und er hatte einen Job gewählt, in dem er sich das zunutze machen und das Beste daraus entwickeln konnte.

Diese Fähigkeit jetzt zu verlieren, konnte er sich nicht leisten.

Mak war schon früh am Morgen am Strand gewesen und gerannt, bis seine Lungen brannten und seine Muskeln zitterten. Bis das Verlangen nach Eva der Erschöpfung gewichen war. Eine Technik, die ihm in der Vergangenheit immer geholfen hatte. Aber nicht heute.

„Guten Morgen, Mak“, grüßte sie und sah von ihrem Frühstück hoch. Ihr Ton verriet, dass es für sie ganz und gar nichts Gutes bedeutete, ihn zu sehen. Also unterschied sie sich doch nicht so sehr von der Eva gestern Abend.

„Guten Morgen.“

„Was steht heute auf meinem Plan?“

„Hausarrest.“

Grimmig sah sie ihn an. „So soll das also jetzt laufen?“

„Ende des Monats findet ein Ball statt.“

„Ach ja, ein Ball. Was glauben Sie wohl, welchen Sinn und Zweck so eine Veranstaltung hat? Mich den potenziellen Kandidaten vorzuführen.“

„Und die Frauen präsentieren sich Ihrem Bruder, stimmt’s?“

„So ist es. Solange Stavros noch Single ist, wird es solche Bälle geben. Genauso wie rangniedere Schönheiten aus anderen Königshäusern, die danach gieren, den zukünftigen König zu heiraten.“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, ist Ihr Bruder genauso wenig an einer Hochzeit interessiert wie Sie?“

„Noch weniger.“ Erneut sah sie zu ihm hoch, und zum ersten Mal entdeckte er Verletzlichkeit in ihrem Blick. Doch ihm wurde auch bewusst, wie schön sie war. „Trotzdem wird er es tun, ohne Widerrede. So ist er nun einmal. Er tut das, was das Beste ist. Gefühle … spielen für Stavros dabei keine Rolle. Habe ich wirklich Hausarrest, bis ich verlobt bin?“

„Was würden Sie denn machen wollen, Eva?“ Er ging zum Tisch und nahm ihr gegenüber Platz. „Abgesehen von einem neuen Skandal?“

„Irgendetwas. Wo ich die Möglichkeit habe, eine Weile ich selbst zu sein. Ein Stück Freiheit. Leben.“

Die leichte Enge in seiner Brust verdrängte Mak energisch. „Ihr Leben sieht anders aus, Eva.“

„Stimmt, ich bin ja Prinzessin. Was ironischerweise heißt, dass ich weniger Kontrolle über mein Leben habe als der Durchschnittsmensch.“

„Es fällt mir schwer, Mitleid für Sie aufzubringen.“

„Stattdessen wollen Sie mich beim Frühstück beobachten?“ Sie hob eine gezupfte Braue.

Sie sah atemberaubend aus. Ein Abbild erlesener Schönheit. In einem anderen Leben, oder besser gesagt, dem Abschnitt seines Lebens, der schon so lange zurücklag, dass er gar nicht mehr wahr zu sein schien, hätte er nicht einmal mit einer Frau wie ihr sprechen dürfen. Doch die Dinge hatten sich geändert. Inzwischen war er sehr erfolgreich. Aber mit jedem Dollar mehr auf dem Bankkonto verlor er einen Teil seines Herzens. Dinge, die er geliebt hatte.

Längst war er Millionär und der anerkannteste Mann in seiner Branche. In vielerlei anderer Hinsicht hingegen war er bankrott. Widerwillig musste Mak einräumen, dass er Eva in Teilen ähnlicher war, als sie sich hätte vorstellen können.

Und trotzdem – sie konnte ihre Beine benutzen, ihren Mund, den Verstand. Sie hatte so vieles und schien nichts von alldem zu schätzen.

„Frühstück, dann vielleicht ein Kaffee draußen auf der Terrasse? Später Lunch. Was für ein aufregender Tag für uns beide.“

Sie verdrehte die Augen und ihre Miene wirkte wie die eines aufmüpfigen Teenagers. Er war nur neun Jahre älter als sie, doch es schienen ihm unendlich viel mehr. „Wie können Sie das aushalten?“

„Ganz einfach. Ich werde dafür bezahlt, hier zu sein.“

„Sie brauchen das Geld nicht.“

„Da haben Sie recht.“

„Warum dann?“

Er zuckte die Schultern. „Ich habe nichts anderes zu tun, halte aber nichts von Faulheit. Mein Unternehmen habe ich aus dem Nichts aufgebaut. Ich habe einen Ruf zu schützen und werde es auch tun. Außerdem muss ich einen Job zu Ende bringen und habe nicht vor, mittendrin abzubrechen.“

„Nun, Sie haben sich Ihr Leben ausgesucht, Mak. Aber ich mir das meine nicht.“

Darüber musste er lachen. Was eine Seltenheit bei ihm war, doch Eva schien es leichtzufallen, ihn zum Lachen zu bringen. Wenn auch unabsichtlich. „Ich habe mir mein Leben genauso wenig ausgesucht wie Sie sich Ihres. Aber ich habe etwas daraus gemacht.“

„Sie sagten doch, Sie müssten nicht arbeiten …“

„Muss ich auch nicht, aber ich tue es trotzdem. Weil ich an das glaube, was ich tue. Ich habe aus dem gleichen Grund mit meinem Geschäft angefangen wie jeder andere. Um Geld zu verdienen. Das ist mir gelungen. Und jetzt bin ich hier.“ Sein Blick schweifte durch den hellen Speiseraum mit den großen Fenstern, hinter denen sich das türkisblaue Meer erstreckte. „Ich habe einen Job von Ihrem Vater angenommen und werde ihn ebenso beenden wie sonst auch. Mein Wort und mein guter Ruf sind mir wichtiger als Geld. Was Sie nicht verstehen, wie mir bewusst geworden ist.“

„Das ist gemein.“ Sie stieß ihren Teller von sich. „Sie sind wohl stolz darauf, Menschen zu durchschauen. Aber Sie wissen nichts von mir. Und das wird sich nicht ändern, außer Sie sehen sich vor eine Zukunft gestellt, in der nichts als endlose … Dunkelheit herrscht. Weil nur das zählt, was andere wollen.“

Im Geiste konnte Mak sich nur zu gut vorstellen, wieder neben Marina im Bett zu liegen. Ihr Gesicht zu betrachten, das in einem Moment so lieblich aussah und im nächsten verzerrt war vor Schmerz, während ihre Lippen sich zu stummen Schreien öffneten, die ihr zerstörter Geist jedoch nicht herausbrachte. Nur manchmal hatte sie geschrien. Manchmal …

Mak versuchte, das wütende Hämmern in seinem Herzen zu bezwingen. Er konnte es sich nicht erlauben, Gefühle zu zeigen. Nicht jetzt. Niemals.

„Ich schlage Ihnen einen Deal vor, Prinzessin. Ich gebe nicht vor, Sie zu kennen, solange Sie keine Vermutungen über mein Leben anstellen. Nur eines: Es gibt noch andere Wege im Leben als die, von denen Sie gesprochen haben. Orte, wo es so finster ist, wie Sie es sich nicht einmal vorstellen können. Sind Sie fertig mit dem Essen?“

„Ja.“ Ein Anflug von Neugier blitzte in ihrem verärgerten Blick auf.

„Dann macht es Ihnen sicher nichts aus, mir das Anwesen rund um den Palast zu zeigen.“

Eva wollte nicht einmal so tun, als wäre sie glücklich darüber, Mak herumzuführen, zumal sie glaubte, dass er mit dem Palast und dem Anwesen bestens vertraut war.

„Nachdem wir jetzt jeden Flügel im Palast und den halben Garten besichtigt haben, sollten Sie mir eine Frage ehrlich beantworten“, sagte sie. „Sie kennen all das, was ich Ihnen gezeigt habe, bereits, nicht wahr?“

Seine Miene blieb unbewegt, als er den kleinen Pavillon betrachtete. Er lag am Ende des Gartens, umgeben von Hecken. Wein rankte sich an dem Holzgitter entlang, überwucherte das Kuppeldach und bot Schutz und Abgeschiedenheit. Der Steinboden war verziert mit Szenen aus der antiken Geschichte. Ein ehrwürdiger Platz, für den ihre Familie nie Zeit zu haben schien. Doch Eva hatte ihn immer gemocht.

„Ich habe mir die Pläne des Palasts genau angesehen und bin die Grundstücksgrenzen abgegangen.“

„Also wollten Sie mich damit nur beschäftigen.“

Ein verhaltenes Lächeln umspielte seinen Mund. „Ich muss selbst für meinen Spaß sorgen.“

Einen Moment musterte sie seine harten Züge. „Sie sehen nicht so aus, als ob Spaß Ihnen überhaupt wichtig wäre.“

Der Blick aus den grauen Augen war eindringlich. „Da haben Sie recht.“

„Dann können Sie mein Problem nicht wirklich verstehen.“

„Ihr Problem?“

„Ja. Die Tatsache, dass ich ein eigenes Leben will. Das können Sie nicht verstehen, weil Sie nicht den Wunsch auf ein eigenes Leben verspüren.“

Er schwieg eine ganze Weile, bevor er ihr antwortete. „Es ist lange her, dass ich eins hatte. Aber das heißt nicht, dass ich Sie nicht verstehe.“

Noch mehr Rätsel. Was für ein komplizierter Mann. Er hatte eine Mauer zwischen sich und der Welt errichtet, das spürte Eva ganz deutlich. Er redete mit ihr, scherzte mitunter sogar und gab trotzdem kaum etwas von sich preis. Der wahre Makhail hatte sich hinter der Mauer verschanzt. Sollte sie je einen Blick dahinter erhaschen, würde sie dort vermutlich auf eine Dunkelheit stoßen, die sie zerstören würde.

Das wusste sie, weil sie auch diese Dunkelheit spürte und sie manchmal in seinen Augen sah. Auch wenn er nach außen noch so hart wirkte, war es der Mann dahinter, der ihr am meisten Angst machte.

Und sie faszinierte. So sehr, dass ihr Atem schneller ging und ihr Körper viel zu heftig auf ihn reagierte. Was noch beängstigender war als Mak selbst.

„Wenn Sie sich das vorstellen können, warum versuchen Sie dann nicht, mich zu verstehen, anstatt mich einfach wie eine verzogene Göre zu behandeln?“

„Weil Verständnis nicht zu meinem Job gehört.“

„Aber Sie können mich doch beschützen, ohne mich wie eine Gefangene zu behandeln …“

„Ich arbeite nicht für Sie. Eva. Darum ist jeder Vorschlag, den Sie machen, Zeitverschwendung.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen. „Sie haben recht. Ich weiß auch nicht, warum es mir überhaupt wichtig war. Sie sind genauso wie die anderen. Wie mein Vater.“

Als sie sich umdrehte, griff er nach ihrem Arm. Hitze durchströmte sie, und ihre Haut brannte dort, wo er sie berührte. „Und das heißt?“

Scharf atmete sie ein, darum bemüht, Haltung zu wahren. Stark zu bleiben. „Für meinen Vater geht es um Kyonos. Für Sie um Ihren Job. Aber ich bin ein Mensch, Mak. Und ich bin es so müde, dass die Leute das immerzu vergessen.“ Ihre Stimme brach, und es entsetzte sie, dass sie so schwach war. Denn sie wollte keine Schwäche zeigen, weil das auch nichts änderte. Vielmehr brachte man ihr dann noch weniger Respekt entgegen. Sie räusperte sich. „Und daher fühle ich mich auch nicht schlecht, nur weil ich mehr will.“

Damit eilte sie davon, verzweifelt darum bemüht, die Tränen zurückzudrängen.

Es war schon spät, als Eva beschloss, doch einen Fluchtversuch zu unternehmen. Sie wusste nicht, wohin, und es war ihr auch egal. Aber Mak sollte auf keinen Fall glauben, dass er hier das Sagen hatte.

Sie war die Prinzessin. War sie nicht diejenige, die über Macht verfügen sollte? Die selbst über ihr Leben bestimmte?

Eva zog den Gürtel an ihrem schwarzen Trenchcoat fester und öffnete mit klopfendem Herzen ihre Tür. Normalerweise schlich sie sich nicht aus dem Palast. Vielmehr beschwatzte sie ihren Aufpasser, sie irgendwohin zu bringen, und verschwand dann von dort. Aber in ihrer Verzweiflung musste sie zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen.

So leise wie möglich schloss sie die Tür hinter sich. Ihre High Heels hielt sie in der Hand, als sie den Flur entlangging. Der Marmor­boden fühlte sich zwar kalt an ihren Füßen an, aber das war immer noch besser, als durch das laute Klicken ihrer Absätze auf sich aufmerksam zu machen.

Es war dunkel und ungewöhnlich ruhig in ihrem Flügel, obwohl sonst immer etwas im Schloss zu hören war. Sie konnte nur hoffen, dass sich niemand unten in der Halle herumtrieb.

Als sie um die Ecke bog, stieß sie gegen eine warme, feste Mauer. Eine Hand auf ihrem Mund erstickte ihren scharfen Aufschrei, starke Arme drehten sie rüde herum und drückten sie gegen die Mauer. In der dämmrigen Halle begegnete sie Maks Blick. Eva atmete tief ein, wobei ihre Brüste seinen muskulösen Oberkörper berührten.

Wut, Aufregung und Verlangen durchzuckten sie. Mit aller Macht versuchte sie, sich an der Wut festzuhalten.

Ganz langsam ließ er die Hand sinken.

„Ich wollte nicht, dass Sie das ganze Schloss aufwecken.“ Seine Miene wirkte bedrohlich.

„Und deshalb tun Sie mir Gewalt an?“ Sie würde sich nicht einschüchtern lassen. Wollte nicht, dass er das Zittern in ihrer Stimme hörte. Ein Zittern, das seine Nähe verursachte und nicht so sehr die Angst, die sie ebenfalls hatte.

„Sie wollten sich davonstehlen.“

„Woher wissen Sie das?“ Ihr war durchaus bewusst, dass sie bockig und kindisch klang, aber das war ihr egal.

„Ich habe einen Alarm an Ihrer Tür angebracht. Einen stummen, natürlich.“ Ein selbstgefälliges Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Überraschung.“

„Bastard.“

Er lockerte seinen Griff. „Das ist durchaus möglich. Sehr wahrscheinlich sogar.“

„Ich meinte das nicht wörtlich.“ Sie strich über ihren Arm, wo seine Hitze sich durch ihre Jacke gebrannt hatte. „Dass Ihre Eltern nicht verheiratet waren. Vielmehr wollte ich damit sagen, dass Sie ein Idiot sind.“

„In beiden Fällen liegen Sie wahrscheinlich richtig. Wo wollten Sie hin?“

„Auf eine ausgelassene Party“, entgegnete sie knapp.

So etwas wie ein Lächeln lag auf seinen Lippen. „Ich glaube Ihnen kein Wort. Also, wo wollten Sie hin?“

Sie wandte den Blick ab. „Ich weiß es nicht. Irgendwohin.“

„Mitten in der Nacht. Ganz allein.“ Dass er so ruhig klang, regte sie mehr auf, als wenn er geschrien hätte. „Auch wenn Sie derzeit vielleicht nicht in Gefahr sind, scheint mir, Sie wollten damit etwas heraufbeschwören.“

„Nein, das ist es nicht. Ich …“

„Was ist es dann, Eva? Ihre Dickköpfigkeit ist reiner Selbstzweck.“

„Nein. Ich wollte ausgehen. Und da ich erwachsen bin, sollte ich doch die Freiheit haben …“

„Sie glauben, erwachsen zu sein, weil Sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, und trotzdem beweisen Sie Ihre Unfähigkeit, intelligente Entscheidungen zu treffen.“

Sein Duft nach Seife und Haut stieg ihr in die Nase – moschusartig und verführerisch. Es fühlte sich gefährlich an, auch wenn sie nicht wusste, warum.

„Seit meinem dreizehnten Lebensjahr treffe ich meine eigenen Entscheidungen“, sagte er und sein Atem strich über ihre Wange. „Gute Entscheidungen, aber auch sehr, sehr schlechte. Also können Sie sicher sein, dass ich den Unterschied kenne, wobei ich bei Ihnen nur die schlechte Variante bemerkt habe.“

Sie schluckte schwer. Ihr Körper schien ihr nicht länger zu gehören. „Ob schlecht oder gut, Sie durften jedenfalls etwas entscheiden.“

„Und es gibt ein paar Entscheidungen, die würde ich noch in dieser Nacht zurücknehmen, wenn ich könnte. In diese Lage wollen Sie nie geraten, glauben Sie mir.“

Eva wollte ihn berühren. Ihre Hand an sein Gesicht legen. Die Muskeln unter der dunklen Anzugjacke spüren. Sie ballte die Hände zu Fäusten und presste sie gegen die Wand, um diesem Impuls zu widerstehen.

Einen Moment sah er sie an, und die Luft zwischen ihnen schien zu schwer zum Atmen zu sein. Dann drehte er sich um und wandte ihr seinen breiten Rücken zu.

„Gehen Sie zurück ins Bett“, sagte er.

„Wollen Sie jetzt einfach so … verschwinden?“

Da drehte er sich wieder zu ihr um. „Möchten Sie, dass ich mitkomme und Ihnen die Hand halte? Und Sie zudecke?“

Ihr Herz schlug gegen das Brustbein. „Nein.“

„Dann gute Nacht.“

Sie stand nur da und sah zu, wie er davonging. Und versuchte sich nicht zu fragen, warum sie sich wünschte, dass er zurückkommen würde.

Makhail fluchte, weil er sich wegen Eva schlecht fühlte. Und weil er überhaupt etwas fühlte. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht gestern, als sie eilig den Garten verlassen hatte, und ihr Fluchtversuch eben hatten an den kleinen Rest Menschlichkeit gerührt, der ihm geblieben war. Obwohl er ihn längst ausgelöscht glaubte.

Den Rest des gestrigen Tages hatte sie in ihrem Zimmer verbracht. Ihr Vater hatte schon an einen Sieg geglaubt, weil sie so zumindest nicht der Presse in die Arme lief.

Mak sah das allerdings anders. Er wollte in seinem Job nicht mit Menschen zu tun haben, die seine Dienste nicht wünschten.

Eva war unglücklich. Sogar verzweifelt.

Ich will leben.

Dieses Wort Leben hatte ihn im Innersten getroffen. In dem Moment hatte sie ihn an Marina erinnert. Als sie noch lebendig war und das ganze Leben noch vor sich hatte.

Ich brauche nur dich, Mak. Alles andere kann warten.

Doch es gab keine Zukunft für sie, um all das zu erleben, wonach sie sich gesehnt hatte. In einem Augenblick hatte sich alles verändert. Immer wieder hatte er überlegt, was er anders machen würde, könnte er die Zeit elf Jahre zurückdrehen.

An nichts anderes hatte er denken können, seit Eva sich in ihrem Zimmer eingeschlossen hatte.

Am nächsten Morgen ging er zum Speisezimmer, wo Eva allein beim Frühstück saß. An einem Tisch, an dem leicht dreißig Menschen Platz hatten.

„Morgen“, grüßte sie knapp, ohne aufzusehen.

„Guten Morgen, Eva.“

Er sah sie an und wusste, dass er ihre Situation ändern, ihr zu ein wenig Freiheit verhelfen könnte. Aber er wollte sich keine Gedanken um sie und ihre Situation machen. Dies war nur ein Job. Doch seit er im Geiste eine Verbindung zwischen Eva und Marina hergestellt hatte, konnte er sie nicht mehr abschütteln.

Wäre Marina in der gleichen Situation gewesen und hätte um die Chance gebeten, einmal vom Leben zu kosten … er wünschte, das wäre möglich gewesen.

Aber so war es nicht. Ihr war die Chance genommen worden.

Und das war zum größten Teil seine Schuld.

Mit Eva würde er nicht den gleichen Fehler machen.

Und dass du dich zu ihr hingezogen fühlst, ist nichts als eine Illusion? Er verbannte den Gedanken aus seinem Kopf.

„Was möchten Sie heute machen, Eva?“ Selbst für ihn klang seine Stimme zu rau.

Wachsam sah sie ihn an. „Was … was meinen Sie damit?“

„Ich habe über gestern Abend nachgedacht. Und über das, was Sie gesagt haben.“

„Vor oder nach meinem Gefühlsausbruch?“

„Vorher“, entgegnete er. „Ich kann nichts an den Erwartungen Ihres Vaters ändern. Das ist eine Sache zwischen Ihnen und dem König, die auch das Land betrifft. Aber ich muss Sie nicht die nächsten Monate im Palast festhalten, solange Sie bereit sind, mit mir zu kooperieren.“

„Und das heißt?“, fragte sie vorsichtig.

„Was ist erforderlich, um Sie glücklich zu machen?“

„Abgesehen davon, dass ich einen Mann heiraten soll, den ich nicht will?“

„Wie ich bereits sagte, ist das eine Sache zwischen Ihnen und dem König, mit der ich nichts zu tun habe. Aber ich kann einiges für Sie arrangieren, wenn Sie wollen. Ausflüge. Einkaufsbummel. Dinner.“

„Ich … mein Vater hält das für zu schwierig, weil das gesamte Wachpersonal erforderlich wäre …“

„Ihre Sicherheit ist meine Sorge. Für die Wachleute von Kyonos mag es zu schwierig gewesen sein, aber nicht für mich.“

„Und Sie nehmen mich nicht auf den Arm?“, fragte sie misstrauisch.

„Nein.“

„Ich … ich möchte mir meine Kleider selbst aussuchen.“

„Sie haben sich Ihre Partykleider nicht ausgesucht?“ Er hob überrascht eine Braue.

„Ich … nein. Die Sachen wurden alle von dem Designer des Palasts zusammengestellt.“

„Was sonst noch?“

„Ich will ausgehen und mir mein eigenes Abendessen bestellen.“ Bisher hatte sie langsam gesprochen, doch jetzt sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. „Ich möchte zum Strand gehen. Und … und ich möchte … Mir fällt nicht einmal mehr all das ein, was ich will, weil viel zu lange für mich entschieden worden ist.“

Sie stand auf, und ihre Brüste hoben und senkten sich bei jedem Atemzug. „Ich … Bitte lügen Sie mich nicht an.“

„Das tue ich nicht.“ Er spürte einen Knoten im Magen. „Ich kann nichts an dem ändern, was in den letzten sechs Monaten passiert ist. Aber an dem, was wir in Zukunft tun. Doch Sie müssen die ganze Zeit bei mir bleiben. Sollte ich Sie auch nur einen Moment aus den Augen verlieren, werde ich Sie persönlich für die Dauer meines Auftrags in Ihr Zimmer sperren.“

Eva schluckte. Er bot ihr einen Rettungsanker an. Das war mehr, als sie von jedem anderen bekommen hatte. Sicher, es war nur ein Hauch dessen, was sie wirklich wollte. Seichte Erfahrungen, obwohl sie sich so sehr nach Tiefe sehnte. Aber es war zumindest etwas.

Die anderen Wachleute waren nur lästig gewesen, hatten kein Wort mit ihr gesprochen und ihr deutlich gemacht, dass sie unter ständiger Bewachung stand.

Mak war der Letzte, von dem sie Anteilnahme erwartet hätte, aber er schien sie tatsächlich zu verstehen.

„Etwas hat sich verändert. Gestern Abend haben Sie mir noch vorgeworfen, eine verzogene Göre zu sein, und wären liebend gern bereit gewesen, mich einzusperren.“

„Das stimmt.“ Er strich mit den Fingern über die polierte Holz­oberfläche des Tischs. „Es ist nicht meine Aufgabe, die Entscheidungen Ihres Vaters zu billigen oder nicht. Ich bin hier, um Sie zu beschützen.“ Er ging um den Tisch herum und stand nun vor ihr. „Sie erinnern mich an jemanden.“

Unbewusst rückte sie näher zu ihm. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen wie zu einem außergewöhnlichen Kunstwerk, das man von Nahem betrachten wollte. „Ach ja?“

„Ja. Sie … Könnte ich ihr einen Tag am Strand schenken, würde ich es tun. Aber das kann ich nicht. Darum schenke ich Ihnen diesen Tag.“

Die Kälte in seinem Blick hielt sie davon ab, weitere Fragen zu stellen. Denn sie wusste, dass er ihr nicht mehr sagen würde. In seiner Stimme hatte etwas Tiefes gelegen. Gefühl.

„Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Bedanken Sie sich nicht bei mir.“

„Warum nicht?“

Eindringlich sah er sie an. „Weil das, was ich tue, zu meinem Job gehört. Für den ich bereits bezahlt wurde. Mehr verlange ich nicht.“

Er mochte nicht mehr darin sehen, Eva hingegen schon. Sogar sehr viel mehr. „Na schön. Akzeptiert.“

„Also gut. Wann soll es losgehen?“

„Haben Sie heute frei?“

„Zufällig soll ich heute ein Auge auf eine gewisse Prinzessin haben, und das kann ich überall tun.“

Sie bezwang den Wunsch, wie ein ausgelassener Teenager auf und ab zu springen. Oder die Arme um ihn zu schlingen. „Ich danke Ihnen. Danke.“

„Es gibt gewisse Regeln“, erklärte er in hartem Ton. „Sie werden die ganze Zeit in meinem Blickfeld bleiben. Und meine Anordnungen nicht infrage stellen. Wenn ich sage, wir gehen, dann gehen wir. Und wenn ich Ihnen sage, dass Sie sich auf den Boden legen und den Kopf mit den Händen schützen sollen, dann tun Sie das. Sollten Sie auch nur einmal gegen meine Anweisungen verstoßen, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie im Palast eingesperrt werden, und das will keiner von uns beiden.“

Eva nickte. Sie konnte nur an eines denken. Ein Tag draußen. Alles andere war egal.

4. KAPITEL

„Wohin zuerst, Prinzessin?“

Unwillkürlich glitt Evas Blick zu Makhails Hand, als er den Schalthebel umfasste. Blasse Narben verunstalteten seine Haut, und die Muskeln an seinem Unterarm spannten sich an, als er den Rückwärtsgang einlegte. Alles, was er tat, strahlte Stärke aus, selbst etwas so Einfaches, wie einen Wagen zu lenken.

Allein sein Muskelspiel ließ ihr Herz schneller schlagen. Die Männer im Casino hatten nicht diese Wirkung auf sie gehabt, obwohl sie mit ihr geflirtet hatten.

Makhail flirtete nicht und machte auch keine anrüchigen Angebote. Er war einfach nur da. Und seine Gegenwart weckte so viele Gefühle in ihr, dass ihr Körper zu klein dafür schien.

„Es wäre schön, irgendwo einen Kaffee zu trinken“, sagte sie. Statt zu antworten, legte er den ersten Gang ein und rollte durch die Palasttore nach draußen, den Blick auf die Straße gerichtet. „Und danach vielleicht ein paar Boutiquen.“

Im Grunde war Shoppen langweilig für sie. Hätte sie Freunde, die sie begleiten würden, sähe das anders aus. Aber die Einzigen, die man in ihrem Leben zumindest vage als Freunde bezeichnen konnte, waren Sidney und Marlo Gianakis. Die beiden griechischen Erbinnen verbrachten regelmäßig die Sommermonate auf der Insel. Aber richtige Freundinnen, denen man alles anvertraute, waren sie nicht.

Ihre Verbindung hatte eher etwas damit zu tun, dass sie der gleichen Gesellschaftsschicht angehörten. Und da sie mit ihrem eigenen Sicherheitspersonal reisten, bot das Eva die seltene Gelegenheit, ohne Begleitung den Palast zu verlassen.

„Das macht bestimmt Spaß“, sagte sie, eher um sich selbst zu überzeugen.

„Für mich klingt das nicht so, aber es ist ja nicht meine Party“, gab er zurück.

Erneut warf sie aus dem Augenwinkel einen Blick auf seine Hand. „So schlimm wird es schon nicht.“ Ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus und fuhr mit den Fingern über seine Knöchel. Die Berührung durchzuckte sie wie ein Blitz, der Feuer durch ihre Adern jagte, das sich in ihrem Bauch sammelte.

Mak saß steif da, wie immer, die Augen nach vorn gerichtet. Nur sein zuckender Kiefermuskel verriet, dass er ihre Berührung wahrgenommen hatte.

Blinzelnd zog sie ihre Hand fort. „Warum tragen Sie immer noch Ihren Ring?“ Ihr Blick war zu seiner anderen Hand gewandert, an deren Ringfinger der breite Ehering aus Platin glänzte.

Wieder zeigte er kaum eine Reaktion. „Wenn man Sie im Café kidnappen und Ihnen eine Waffe an den Kopf halten würde, würde Ihnen diese Information dann irgendetwas nutzen?“

„Nein, aber …“

„Dann brauchen Sie auch keine Antwort darauf.“

„Ich dachte, wir wollten uns wie zivilisierte Menschen verhalten, Mak“, sagte sie, wobei sie seinen Namen besonders betonte.

„Zivilisiert, ja. Händchen halten und Gefühle, nein.“

Ihre Fingerspitzen prickelten. Hoffentlich spielte er damit nicht auf ihre Berührung an. Sie hatte es auf einen Flirt abgesehen, sich selbstbewusst gegeben und sich so verhalten, wie die Klatschpresse sie sah.

In Maks Gegenwart verspürte sie jedoch nichts von alldem. Vielmehr brachte er sie dazu, sich wie das verzogene Kind zu fühlen, für das er sie hielt. Ein sengender Blick ihres bewaffneten Kindermädchens reichte, um all ihre Bemühungen, sich einen Anschein von Individualität und Unabhängigkeit zu geben, zunichtezumachen.

„Na schön, ich denke, wir können das auf ein Minimum reduzieren.“

„Auf null wäre mir sehr viel lieber.“

„Ich war nur neugierig, und das können Sie mir nicht verübeln. Natürlich stelle ich mir Fragen über Sie. Schließlich verbringen wir einige Zeit miteinander …“

„So sollten Sie das nicht sehen“, warf er ein, sein Akzent war stärker als sonst, sodass sie gezwungen war, genauer hinzuhören. „Denken Sie einfach an Autos im Straßenverkehr.“ Er nahm eine Hand vom Steuer und deutete auf den Verkehr, der immer dichter wurde, je näher sie der Stadt kamen. „Wir befinden uns für eine Weile auf derselben Straße, aber wir haben nicht das gleiche Ziel.“

„Stimmt“, erwiderte sie. „Außer dass Sie und ich im selben Wagen sitzen.“

Als sie an einer roten Ampel hielten, sah er sie endlich an. „Sie haben nicht verstanden, worum es geht.“

„Na ja, es ist einfach verwirrend, weil wir doch im selben Wagen sitzen, Sie mir aber erklären, wir befänden uns in verschiedenen Autos, allerdings auf derselben Straße.“

„Jetzt tun Sie so, als wären Sie begriffsstutzig.“ Sein Mundwinkel hob sich zu einem Lächeln, dann richtete er den Blick wieder auf die Straße.

In ihrem Bauch flatterte es, und ein Prickeln durchlief ihren Körper. „Vielleicht. Es ist nur so … wenn wir nicht einmal reden können, bin ich allein.“

„Mir war nicht bewusst, dass mein Job auch beinhaltet, Sie zu unterhalten.“

„Ich bin sicher, dass mein Vater Ihnen für all das genug bezahlt.“

„Tatsächlich hat er mich für gestern nicht bezahlt.“

Eva blieb der Mund offen stehen. „Wie bitte?“

„Meinen Männern sind unverzeihliche Fehler unterlaufen. Auch wenn ich nicht persönlich dafür verantwortlich bin, ist es meine Sache, den Fehler wieder auszubügeln. Und wie ich schon sagte, geht es nicht um Geld, sondern um meinen guten Ruf und mein Ansehen bei potenziellen Klienten. Es mag Sie überraschen, aber grundsätzlich habe ich es in meinem Job mit Menschen zu tun, die einer viel größeren Gefahr ausgesetzt sind, als Sie sich vorstellen können.“

„Zum Beispiel?“, fragte sie neugierig und vergaß darüber die Beleidigung, die in seinen Worten mitschwang.

„Männer, die es wagen, sich gegen Despoten zu stellen, die Wahlergebnisse manipulieren. Menschen, die für Veränderungen kämpfen und sich dadurch in Gefahr begeben. Manchmal haben meine Klienten auch nicht so hehre Absichten. Wie zum Beispiel ein Scheich, der schlicht die falschen Leute beleidigt hat.“

„Also sind Sie tatsächlich als Babysitter tätig?“

Die Antwort darauf war ein abfälliges Brummen.

„Möchten Sie ein bisschen spazieren gehen?“, fragte er etwas später, als sie die Hauptstraße der alten Stadt Thysius entlangfuhren.

„Das wäre schön. Ich könnte in ein Café gehen und danach die Boutiquen durchstreifen. Ich brauche ein Paar Stiefel.“ Sie wusste nicht einmal, ob sie wirklich Stiefel haben wollte. Zeit mit Mak zu verbringen erschien ihr allmählich interessanter als Boutiquen.

„Ich suche einen Parkplatz und folgte Ihnen dann mit einigem Abstand.“

„Wie romantisch.“

„Mit Romantik hat das nichts zu tun“, sagte er barsch, als er geschickt den Wagen am Straßenrand in eine enge Parklücke manövrierte.

„War nur ein Scherz.“

Mak stieg aus, umrundete den Wagen und setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf. Seine Bewegungen wirkten geschmeidig, und seine Aufmerksamkeit war auf die Umgebung konzentriert. Da er mit seinem Aussehen überall auffallen würde, blieb ihm nur die Möglichkeit, sich den Anschein absoluter Autorität zu geben.

Er öffnete die Beifahrertür, legte einen Unterarm auf das Auto und beugte sich vor. „Die Luft ist rein. Setzen Sie die Sonnenbrille auf. Wir wollen ja keinen Menschenauflauf riskieren.“

Ein alter Trick, der bei ihr nicht so gut wirkte wie bei anderen, aber zumindest würde man sie aus der Ferne nicht erkennen.

Sollte sie von einer größeren Menschenmenge erkannt werden, könnten die Dinge aus dem Ruder laufen. Und darauf hatte Eva heute keine Lust. Ein bisschen Normalität war ihre Devise für diesen Tag.

Obwohl sie sich allmählich fragte, ob Normalität in Maks Gegenwart überhaupt möglich war.

Sie setzte ihre große runde Sonnenbrille auf und nahm die Handtasche vom Boden. „Fertig.“

Mak trat zur Seite, damit sie aussteigen konnte. Sie schlüpfte unter seinem Arm hindurch und spürte die Hitze, die sein Körper verströmte. Es war warm an diesem Nachmittag. Vom Meer wehte eine erfrischende Brise, die die Hitze erträglich machte. Trotzdem wollte sie sich an Maks Körper schmiegen. Seine Wärme suchen.

Hastig verdrängte sie den Wunsch, ging schnell an ihm vorbei und betrat den Gehsteig. Obwohl Mak eine dunkle Sonnenbrille trug, spürte sie seinen Blick auf sich ruhen. Am liebsten hätte sie ihr enges schwarzes Kleid heruntergezogen, um ihre Beine ein bisschen mehr zu bedecken.

Gleichzeitig kämpfte sie gegen das Verlangen, so viel wie möglich von ihren Beinen zu zeigen. Warum sie derart hin und her gerissen war, vermochte sie nicht zu sagen.

„Gehen Sie einfach los“, sagte er.

„Wir sind zusammen aus dem Wagen gestiegen, Mak. Also ist es doch ziemlich offensichtlich, dass ich mit Ihnen hier bin.“

„Gehen Sie los“, wiederholte er mit fester Stimme, während er die Tür schloss.

Die Enttäuschung, die sie überfiel, saß wie ein harter Knoten in ihrer Brust. Auch wenn diese Reaktion völlig unangemessen war.

„Na schön.“ Sie wandte sich ab und steuerte auf ihr Lieblingscafé zu. Es war lange her, dass ihr erlaubt worden war, einen Kaffee trinken zu gehen. Ausflüge in die Stadt waren ein seltenes Vergnügen, das Eva nur gestattet wurde, wenn Marlo und Sidney mit ihrem Sicherheitsteam da waren. Es war immer ein Spektakel und weitab der Normalität, wie Eva sie sich vorstellte. Diesmal war es ganz anders und hatte dennoch kaum etwas mit Normalität zu tun, da ein großer muskulöser Mann in schwarzem Anzug ihr wie ein Raubtier nachstellte.

Als sie das Café betrat, spürte sie, dass Mak ihr folgte. Doch sie konzentrierte sich auf ihre Umgebung, statt sich zu ihm umzudrehen. Sie war immer gern in dieses kleine Café gekommen, das mit viel Liebe zum Detail eingerichtet war. Alte Bücher füllten die Holzregale, und jeder Sessel vor den kleinen runden Tischen hatte eine andere Form.

Es war gemütlich. Und schrullig. All das, was der Palast nicht hatte. Und was ihr doch so gut gefiel.

Eva ging zur Theke und sprach auf Griechisch mit der Frau, die an der Kasse arbeitete.

„Kaffee. Mit Milch und Zucker, bitte.“ Adrenalin schoss durch ihre Adern. Mak hatte sich ihr genähert. Seltsam, dass sie sich seiner so bewusst war.

„Und noch einen zweiten, bitte. Ohne Zucker.“

Mak schien ihr nicht der süße Typ zu sein.

Eva zahlte beide Getränke und nahm die weißen Tassen entgegen, nachdem die Frau den starken Kaffee eingeschenkt hatte. „Efharisto“, sagte sie und war dankbar, dass die Frau sie nicht zu erkennen schien.

Seit das Debakel im Casino die Klatschspalten beherrschte, glaubten die Leute sie vermutlich zu Hause unter Arrest gestellt. Und wenn nicht, dann vermuteten sie die Prinzessin zumindest in auffälligerer Kleidung als der, die sie gewählt hatte. Kein glitzerndes Kleid und auch kein greller Lippenstift.

„Ich habe Ihre Tasse“, sagte sie. „Wir können uns dort drüben hinsetzen.“

„Ich bin nicht als Ihre Begleitung hier“, entgegnete Mak, ohne sie direkt anzusehen.

„Jetzt kommen Sie schon.“

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen mir nicht widersprechen?“

„Vielleicht, aber ich habe irgendwann abgeschaltet.“

Würde sie nicht so wunderschön aussehen, sodass ein Mann zu Worten oder Taten verleitet werden könnte, die er später bereuen würde, hätte er sie über seine Schulter geworfen und kurzerhand wieder ins Auto verfrachtet. Was bei ihrem Verhalten sicher eine gute Idee war. Und eine Entschuldigung dafür, sie berühren zu können.

„Sie missachten meine Anweisungen.“

Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Ich bin nicht so gut darin, Befehle zu befolgen.“

„Prinzessin …“

„Keiner weiß, dass ich hier bin. Lassen Sie uns doch einfach so tun, als wäre ich eine emanzipierte Frau. Ich habe Ihnen gerade einen Kaffee bezahlt, und Sie könnten eine Weile mit mir plaudern. Wie wäre es damit?“

„Solche Frauen wimmle ich normalerweise ab.“ Mit diesen Worten ging Mak zu einem Ecktisch. Sie war auf eine Szene aus, die er am besten vermied, wenn er auf ihre Wünsche einging. Er rückte ihr den Stuhl zurecht, und sie stellte ihm den Kaffee hin, die vollen Lippen zu einem Lächeln verzogen. Voller Zufriedenheit war sie durch das Café geschlendert, und jeder Schritt entblößte ein Stückchen mehr von ihren langen, braunen Beinen.

Sie war schön, daran gab es keinen Zweifel. Das war ihm schon am ersten Abend aufgefallen, als sie sich ganz bewusst zur Schau gestellt hatte. Aber sie war es auch jetzt, in ihrer zurückhaltenden Aufmachung, die an frühere Zeiten erinnerte, die von kultivierter Eleganz erzählten. Sein Blick wanderte immer wieder zu ihren langen Beinen.

Nicht zum ersten Mal fragte Mak sich, ob er sich eine Geliebte suchen sollte. Ja, lautete die Antwort, es war höchste Zeit. Obwohl es dann nur Komplikationen geben würde.

Als Eva ihm gegenüber Platz nahm, fing er einen Hauch ihres Dufts ein – Blumenseife und frische, saubere Haut. Sein Blut pumpte heißer, schneller durch die Adern. Im gleichen Atemzug an eine mögliche Geliebte und an sie zu denken war keine gute Idee gewesen.

Ein weiterer Riss, den sie seiner eisernen Selbstbeherrschung zufügte. Aber er würde der Frage nicht nachgehen, warum das so war. So handhabte er derlei Dinge in seinem Leben. Er sortierte aus, was er nicht brauchte, und konzentrierte sich nur auf das Wesentliche, um schnell und gezielt handeln zu können.

„Und warum wimmeln Sie diese Frauen ab?“, fragte sie mit schräg gelegtem Kopf, sodass ihre dunklen Locken über ihre linke Schulter fielen.

„Sie versuchen wieder, mich auszuhorchen. Warum gehen Sie ins Casino?“

„Das hatten wir doch schon.“ Sie sah in ihre Tasse.

„Um Ihren guten Ruf zu zerstören?“

„Ja, auch, um ehrlich zu sein. Aber auch weil ich ein bisschen Spaß haben will. Mein Vater … Ich liebe ihn, aber Kontrolle und die öffentliche Meinung sind ihm nun einmal sehr wichtig. Darum wurde mein Leben bis ins Kleinste geregelt, seit ich geboren wurde. Ich hatte immer eine ganze Schar Palastangestellte um mich, wenn ich einmal Ferien mit Freunden machen durfte. Damit für meine Sicherheit gesorgt war, wie er immer sagte. In Wahrheit wollte er mich auf Linie halten. Je älter ich wurde, desto stärker wurde mir das bewusst. Und umso mehr hasste ich es, dass ich nie aus der Reihe tanzte.“

Sie hob den Kopf, und er spürte ihren Blick, obwohl sie eine Sonnenbrille trug.

„Sie steigern sich zu sehr in diese Dinge hinein, Eva, und nehmen die Dinge zu persönlich.“

„Wollen Sie mir jetzt Ratschläge geben?“ Ihr Mund wurde plötzlich ganz schmal.

„Sie wollten reden. Also rede ich. Gefühle verändern sich immer wieder. Das einzig Beständige im Leben sind Ehre und Pflicht. Man entscheidet sich, bestimmte Dinge zu tun, und hält sich daran. Das verschafft einem Befriedigung.“

„Klingt nobel.“ Sie nippte an ihrem Kaffee.

„Als nobel habe ich mich noch nie gesehen“, entgegnete er. „Aber so lebe ich nun einmal.“

Sein Blick war immer auf das Ziel gerichtet. Und er tat das, was getan werden musste, um dieses Ziel zu erreichen. Darum hatte er auch zugestimmt, Eva für die nächsten sechs Monate zu bewachen. Er wollte das erfüllen, was er versprochen hatte. Das war ihm viel wichtiger als ein behagliches Leben oder Glück.

„Sind Sie glücklich?“, fragte sie.

Er presste die Kiefermuskeln aufeinander. „Glück ist meiner Meinung nach die größte Lebenslüge überhaupt. Menschen zerstören so viel bei ihrem Streben nach Glück. Verträge, Ehen, das Leben anderer Menschen, nur um einmal vom Glück kosten zu können. Aber es hält nie lange. Es muss etwas Dauerhafteres geben, für das man lebt.“

Eine kleine Falte erschien zwischen Evas perfekt geformten Brauen. „Sie halten es also für wichtiger, über das große Ganze nachzudenken als über Ihre eigenen Gefühle?“

„Ich traue Gefühlen nicht. Sie verleiten einen oft dazu, Dummheiten zu machen. Die Menschen wären besser dran, wenn sie ihren Kopf benutzen würden, statt blind ihrem Herzen zu folgen.“

„Selten so gelacht.“

Widerwillig glitt ein Lächeln auf seine Lippen. „Soll das heißen, ich bin … witzig?“

„So ist es, aber es war sarkastisch gemeint. Was heißt, Sie sind es nicht.“

„Warum lassen Sie mich dann nicht auf der anderen Seite des Cafés sitzen?“, fragte er.

„Weil es so interessanter ist.“

„Und das Casino? Macht das Spaß?“

„Es ist anders. Da muss man sich keine großen Gedanken machen.“

„Und die Männer?“

„Ich kann mich nicht einmal an ihre Namen erinnern.“

Ihm zog sich der Magen zusammen, doch diesmal nicht vor Verlangen. „So etwas macht Ihnen also Spaß?“ Eifersucht nagte an ihm, ein unvernünftiges Gefühl, das er sonst nicht kannte. Seine Muskeln verspannten sich, und sein männlicher Instinkt befahl ihm zu handeln und seine Vernunft zu vergessen. Er sollte sie zu der Seinen machen, sie sollte nur ihm gehören.

Mak biss die Zähne aufeinander und bemühte sich um Kontrolle. Er zählte fest darauf, dass dieser tote Stein in seiner Brust, der einmal sein Herz gewesen war, ihn retten würde.

„Was glauben Sie denn, was ich mit denen gemacht habe? Wir saßen die ganze Zeit nur am Spieltisch. Außerdem, mein Privatleben geht nur mich etwas an.“ Sie lachte angespannt. „Wobei wir beide wissen, dass ich gar keines habe.“

Ihr Eingeständnis erleichterte ihn viel zu sehr, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. „Das ist eben der Preis, wenn man zur Königsfamilie gehört.“

„Stimmt. Sagen Sie, was steht in meiner Akte, Mak?“

So einiges. Ihre Fluchtversuche und dass sie Bastian Van Saant heiraten sollte. Dass sie sehr schlechte Noten in Mathematik gehabt hatte, im Aufsatzschreiben aber überdurchschnittlich gut gewesen war. Er wusste einiges über sie und hatte geglaubt, dass ihm dieses Wissen seine Aufgabe erleichtern würde. Weil es ihm half, jeden ihrer Schritte im Voraus zu berechnen.

Jetzt fragte er sich, ob sie nicht doch recht hatte. Und ob er sie überhaupt kannte. Denn sie überraschte ihn auf eine Weise wie noch niemand zuvor.

„In Ihrer Akte sind keine größeren Verstöße verzeichnet“, antwortete er vage.

„Aha. Keine größeren Verstöße. Damit ist wohl auch ein Dreier mit irgendwelchen Fremden mitten in der Öffentlichkeit gemeint?“

„Ja. Das wäre sicher erwähnenswert.“ Mak schluckte. Das Thema interessierte ihn nicht. Aber Eva hatte sein Interesse erregt. Sie weckte in ihm den Wunsch, die Dinge würden anders stehen. Aber das war sinnlos und führte zu nichts.

„Steht denn irgendetwas Interessantes drin?“, wollte sie wissen. „Oder bin ich auf dem Papier genauso langweilig, wie mein Leben es bisher ist?“

„Nein, langweilig nicht“, erwiderte er. „Das mit den Betttüchern hat mir gefallen. Es verrät Initiative.“

„Schön, dass Sie es zu schätzen wissen. Im Gegensatz zu allen anderen.“

„Das kann ich mir vorstellen. Aber ich muss zugeben, dass ich selbst als Jugendlicher aus dem Fenster geklettert wäre, wenn ich mein Elternhaus nicht spätabends einfach durch die Tür hätte verlassen können.“

„Sie hätten gegen Regeln verstoßen? Das kann ich kaum glauben.“

Dass ihre Bemerkung ihn berührte, konnte er nicht leugnen. „So ist es aber“, sagte er. „Und ich habe in meinem Leben mehr als nur Regeln gebrochen.“

5. KAPITEL

Mak hielt sich während Evas Shoppingtour im Hintergrund und blieb am Eingang stehen, als sie in einem kleinen Schuhgeschäft Stiefel anprobierte und dann mehrere Paar kaufte. Genauso verhielt er sich vor der Designerboutique, in der sie einige Kleider aussuchte.

Als sie wieder herauskam, stand Mak an der Tür, um ihr all die Tüten abzunehmen.

Sie gingen zum Wagen und verstauten die Einkäufe im Kofferraum.

„Können wir jetzt zum Palast zurückfahren?“, fragte er.

Nein! Allein bei dem Gedanken schnürte sich ihr die Kehle zu. Als würde sie ersticken.

„Nein. Könnten wir zum Strand gehen?“

Er nahm seine Sonnenbrille ab und musterte sie von oben bis unten. „So wie Sie gekleidet sind?“

„Ich möchte aber. Nur kurz.“

Also ließen sie den Wagen stehen und gingen den Boulevard hinunter, bis der Gehsteig im Sand endete.

Eva zog die schwarzen Pumps aus und hielt sie in einer Hand, als sie zum Wasser gingen, das ihre Zehen sanft umspülte.

Sie schloss die Augen. Ihre Haut fühlte sich warm an, aber innerlich war ihr kalt. Irgendwie fühlte sie sich wie eine Gefangene. Weil ihr Leben verplant wurde.

Eva wollte sich gar nicht ausmalen, was ihr Vater tun würde, wenn sie sich ihm widersetzte und sich weigerte zu heiraten. Darum hatte sie sich für die feige Variante entschieden und versuchte, die Männer abzuschrecken.

„Vielleicht sollte ich einfach versuchen, in die Freiheit zu schwimmen“, sagte sie und spürte Mak hinter sich. Sie drehte sich zu ihm um und musste bei seinem Anblick lachen, weil er mit schwarzem Anzug und in glänzend polierten Schuhen am Strand stand.

„Bis zur nächsten Insel oder zum Festland zu schwimmen dauert sehr lange.“

„Stimmt. Außerdem würde mein Vater einfach einen Helikopter losschicken und mich zurückholen lassen.“

„Würde er das wirklich?“

„Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was er tun würde, wenn ich mich weigern würde, den Mann zu heiraten, den er für mich ausgesucht hat. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Ich habe meinen Ruf genutzt, um die Männer davonzujagen, also kann ich ihnen die Schuld geben.“

„Was einfacher ist, als selbst die Verantwortung zu übernehmen.“

„Ja. Ich bin ein Feigling.“ Sie sah ihn an. „Ein Feigling, der bald verheiratet wird.“

„So schlimm ist eine Ehe nun auch wieder nicht“, meinte er mit rauer Stimme.

„Sie scheinen mir aber kein großer Verfechter der Ehe zu sein, da Sie nicht einmal an die Liebe glauben.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht daran glaube, sondern dass ich es nicht will. Liebe ist real, sehr real und hat nichts mit romantischen Vorstellungen zu tun. Jemanden zu lieben kann sehr wehtun. Ein Schmerz, den Sie nicht einmal Ihrem Feind wünschen würden. Sie wollen Liebe, weil Sie an Märchen und an ein glückliches Ende glauben. Aber das wirkliche Leben sieht anders aus. Man weiß nie, was passiert.“

Die Überzeugung, mit der er gesprochen hatte, und seine Worte schnitten ihr ins Herz. Sonst tat sie derlei Äußerungen ab, aber diesmal war es anders. Seine Worte sprachen von Aufrichtigkeit und kamen tief aus seinem Inneren.

„Ist es denn so falsch, mehr zu wollen als eine gefühllose Verbindung, die nur politischen Zwecken dient?“

Der Blick, mit dem Mak sie bedachte, fühlte sich an wie eine Liebkosung. „Es ist nicht falsch. Aber Sie wissen doch gar nicht, ob es eine gefühllose Ehe wird. Vielleicht wächst in Ihnen mit der Zeit ein Gefühl der Liebe für ihn.“

„Ich habe den Spitzenreiter kennengelernt, und er … ich habe nichts gefühlt für ihn. Nichts.“

Das war ihr jetzt noch stärker bewusst. Ihre Gefühle für Bastian konnten höchstens als lauwarm bezeichnet werden. In Maks Nähe jedoch fühlte sie ganz anders als je zuvor. Ihr Herz schlug schneller, und ihre Knie wurden weich.

Dabei mochte sie ihn nicht einmal.

Nein, das stimmte nicht ganz. Im Moment mochte sie ihn beinahe. Mehr als das, sie fühlte sich ihm seltsam verbunden. Warum das so war, konnte sie nicht sagen, denn das, wovon er gesprochen hatte, lag jenseits ihrer Erfahrung.

„In einer Ehe geht es um mehr als nur Sex“, meinte er tonlos.

„Aber Sex ist wichtig.“ Röte überzog ihre Wangen.

Obwohl seine Miene nichts preisgab, hatte sich etwas verändert, auch wenn sie es nicht bestimmen konnte. Er wirkte angespannter.

„Können wir jetzt zurückfahren?“, fragte er wieder.

„Ja.“ Nein, dachte sie, merkte aber, dass er zum Palast zurückwollte. Und sie spürte, dass nicht Langeweile der Grund dafür war. Das brachte sie ins Grübeln. Obwohl sein Beweggrund ihr eigentlich egal sein sollte. Aber so war es nicht.

„Bastian kommt heute Abend.“ Evas älterer Bruder Stavros, der künftige König von Kyonos, goss sich einen Drink ein und setzte sich in einen der Sessel, die in Evas Wohnraum standen.

Seit drei Wochen war Mak nun ihr Bodyguard – und machte sie komplett nervös. Seine ständige Präsenz ließ ihren Blutdruck in die Höhe schnellen, und ihr Bauch war ständig verkrampft. Darum war sie froh, dass Stavros nun da war.

„Ach ja?“, erwiderte sie und bemühte sich, uninteressiert zu klingen. Obwohl ihr übel war.

„Unser Vater hofft wohl immer noch, dass du dich Hals über Kopf in ihn verliebst.“

„Keine Chance. Wir haben nicht …“

„Die gleiche Wellenlänge?“, vollendete er, als sie zu lange schwieg.

„Ja.“ Es ging noch tiefer, aber das war die einfachste Art, es auszudrücken. Sie wollte nicht schon wieder über Liebe sprechen, nicht mit Stavros. Er war vermutlich der einzige Mann, der es mit Maks Zynismus aufnehmen konnte. Aber vielleicht war Zynismus auch das falsche Wort. Der Familie gegenüber verhielt er sich sehr fürsorglich, in allen anderen Bereichen des Lebens jedoch schien er seine Gefühle auszuschalten.

„Er ist eine gute Wahl für Kyonos“, bemerkte er.

„Und mehr ziehst du nicht in Erwägung bei deiner Brautsuche?“

Ihr Bruder zuckte mit den breiten Schultern. „Das ist das Wichtigste.“

„Nicht … Kameradschaft oder … etwas anderes?“ Ihrem Bruder gegenüber würde sie das Thema Sex nicht zur Sprache bringen.

„Ich tue das, was das Beste ist.“

„Für Kyonos, aber nicht für dich“, warf sie ein.

„So ist es nun mal im Leben, Evangelina.“

„Xander hat das anders gesehen.“ Jedes Mal, wenn sie diesen Namen ins Spiel brachte, folgte bedrückende Stille. Stavros zog es vor, ihren gemeinsamen Bruder für tot zu halten. Doch Eva versuchte, sich an die guten Erinnerungen zu klammern. Er war der ursprüngliche Erbe gewesen und fünfzehn Jahre älter als sie. Aber er hatte sie zum Lachen gebracht und sie ermutigt, ausgelassen draußen herumzutoben.

Xander war zumindest so etwas wie ein Verbündeter gewesen. Stavros hingegen schien Maks Blickwinkel zu teilen. Pflicht und Ehre, oder Tod. Na toll!

„Wie ich hörte, hast du einen neuen Bodyguard“, sagte er. Das Thema zu wechseln war ebenfalls schon Tradition, wenn Xan­ders Name fiel.

„Ach ja, mein Kindermädchen. Hast du ihn schon kennengelernt?“

Stavros schüttelte den Kopf. „Aber er wird sich vermutlich heute Abend auf dem Ball herumtreiben. Für den Fall, dass du flüchten willst.“

„Du vielleicht. Ich nicht.“ Selbst wenn sie es wollte. „Wirst du heute Abend potenzielle Prinzessinnen kennenlernen?“

„Nein.“ Er stellte sein leeres Glas auf den Beistelltisch. „Ich habe jemanden engagiert, der die Sache für mich in die Hand nimmt.“

„Wie bitte?“

„Ich habe eine Frau gefunden, die für mich die qualifiziertesten Kandidatinnen aussucht.“

„Eine Heiratsvermittlerin?“

„Nicht ganz. Sie ist Expertin darin, passende Paare zusammenzustellen, und hat ausgezeichnete Verbindungen.“ Er stand auf. „Wir sehen uns dann sicher heute Abend, Eva. Sei brav und lauf nicht davon.“ Damit ging er und schloss die Tür hinter sich.

Sie dachte an Bastian und dass sie mit ihm würde tanzen müssen. Nicht dass er sie anekelte, aber es war schrecklich, in seinen Armen zu liegen und nichts zu fühlen. Und sie dachte daran, dass sie als seine Frau mit ihm im Bett ebenfalls nichts fühlen würde.

Unwillkürlich gingen ihre Gedanken zu Mak und dem Abend, als er sie in der Halle an die Wand gepresst hatte. Wie es wohl wäre, mit Mak zu tanzen? In seinen Armen zu liegen?

Entschieden schüttelte sie den Kopf und stand vom Sofa auf. Es war sinnlos, so etwas zu denken, weil es nie geschehen würde.

Zum Glück war es sein Job, sich auf Eva zu konzentrieren. Denn für Mak gab es keine andere Frau im Raum. Die schönsten Kleider verblassten für ihn und hatten keine Bedeutung. Nur Eva.

Sie trug Rot. Ein tiefes Rot in edlem Satin, mit engem Oberteil und weich fließendem Rock. Der tiefe Ausschnitt ließ volle Brüste erahnen. Ihr glänzendes braunes Haar fiel in weichen Locken über die Schultern, und die sinnlichen Lippen glänzten in einem passenden Rot zu ihrem Kleid. Sie sah perfekt aus und verkörperte all das, was ein Mann sich von einer Frau wünschte. Einer Geliebten.

Sein Körper verspannte sich vor Verlangen, das er so lange zu verleugnen gesucht hatte. Würde sie zu ihm kommen und ihn berühren, würde seine Kontrolle, an der er sich seit neunundzwanzig Jahren festhielt, unter seinem drängenden Verlangen zusammenfallen.

Er musste sich Erleichterung verschaffen. So wie im Fitnesscenter während der letzten zehn Jahre. Er hatte seinen Körper bestraft und sich bis zum Äußersten erschöpft, sodass er Nacht für Nacht zu ausgelaugt gewesen war, um seine Begierde zu stillen.

Mit zu Fäusten geballten Händen sah er, dass ein Mann sich Eva näherte. Er war fast so groß wie Mak. Und er kam ihm bekannt vor.

Als er sich hinunterbeugte und Evas Hand küsste, erkannte Mak ihn. Bastian Van Saant, aller Wahrscheinlichkeit nach Evas zukünftiger Ehemann. Es sei denn, ihm ginge auf, dass es ein verhängnisvoller Fehler wäre, Eva zu heiraten.

Was unmöglich schien in diesem Kleid. Denn sie sah heute einfach makellos aus.

Van Saant zog sie in seine Arme und führte sie zur Tanzfläche. Evas Miene wirkte angespannt, als sie sich zur Musik bewegten, ihre Haltung war steif.

Mak schob sich an den Menschen vorbei und ging zu den Säulen, die an der Tanzfläche standen, um Eva und ihren Freier im Auge zu behalten. König Stephanos hatte Sorge gehabt, Eva könnte sich während des Balls hinausstehlen oder mit jemand Unpassendem verschwinden. Doch Mak zweifelte, dass sie dergleichen tun würde.

Dass mit den Männern im Casino nicht mehr gewesen war, glaubte er ihr. Denn ihr Blick war offen und aufrichtig gewesen, als sie darüber gesprochen hatte. Sollte er sich täuschen, wäre er erschüttert.

Eva wandte den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Sie öffnete leicht den Mund und fuhr mit der Zungenspitze über ihre volle Unterlippe. Er konnte es förmlich spüren, und Hitze schoss in seine Lenden.

In diesem Moment hatte er keine Kontrolle mehr über seinen Körper und war so nervös wie ein Teenager. So hatte er nicht mehr gefühlt seit Marina.

Eva stand unter seinem Schutz, das hieß, dass er diesem dunklen, lüsternen Gefühl ein Ende setzen musste.

Was hat sie nur an sich? Ist es ihr Körper? Diese perfekten Rundungen? Oder ist es ihr herausfordernder Blick, wenn sie mich ansieht? Ihr sprühender Witz, ihr fehlgeleiteter Wagemut? Ganz sicher war sie anders als alle Frauen, die er bisher kennengelernt hatte.

Ihr Blick war weiter auf ihn gerichtet, während sie sich mit Bastian im Rhythmus der Musik bewegte. Ihre kleine Hand lag auf seiner Schulter. Als sie die schlanken Finger spreizte, hatte Mak das Gefühl, als würde sie mit den Händen über seinen Körper streichen.

Er lehnte sich gegen die schwere Marmorsäule, ohne Eva aus den Augen zu lassen. Dass auch sie den Blick bei ihm behielt, erfüllte ihn mit Zufriedenheit. Ganz egal, wie nah sie Bastian war, sie war doch bei ihm. Wenn auch nur in Gedanken.

Als die Musik endete, löste Eva sich aus Bastians Armen. Sie sagte etwas zu ihm und verließ die Tanzfläche. Einen Moment blieb sie stehen, und ihr Blick schweifte über die Menge, ehe er zu Mak zurückkehrte. Dann ging sie zur rückwärtigen Tür des Ballsaals. Mak stieß sich von der Säule ab und folgte ihr, ohne darauf zu achten, wie heiß sein Blut pulsierte.

Er tat nur seinen Job. Nichts anderes.

Sie verließ den Saal und hielt sich links, Richtung Ausgang des Schlosses. Eilig wand Mak sich durch die Menge und kam gerade noch rechtzeitig in den leeren Flur, um zu sehen, wie Eva durch die Tür nach draußen schlüpfte.

Er folgte ihr und schloss die Tür hinter sich. Der Garten war menschenleer und nur erhellt von den Lichtstrahlen, die aus dem Ballsaal fielen. Eva stand mitten auf dem Rasen im Schatten, doch ihr rotes Kleid leuchtete in der Dunkelheit.

„Wo wollen Sie denn hin?“, fragte er.

„Nirgendwohin.“ Sie sah ihn an. Ihre großen Augen und der leicht geöffnete Mund zogen ihn magisch an. „Ich wollte nur ein bisschen Luft schnappen.“

„Hat der Tanz mit Bastian so eine starke Wirkung auf Sie gehabt?“, fragte er und näherte sich ihr noch ein Stück.

„Nein. Er hatte keine Wirkung auf mich. Wie immer. Aber diesmal war es noch erschreckender, weil der Verlobungstermin nun offiziell festgesetzt worden ist. Sehr wahrscheinlich werde ich mit ihm verlobt. Falls sein Angebot hoch genug ist. Aber ich war zu feige, um nachzufragen, welcher Preis auf meinen Kopf, oder in diesem Fall, auf meine Hand ausgesetzt ist.“

„Sie möchten sich zu ihm hingezogen fühlen?“

„Ich will zumindest irgendetwas fühlen, egal was. Sonst könnte er genauso gut mein Bruder sein.“

Mak blieb vor ihr stehen und bemerkte den Glanz in ihren dunklen Augen, in denen sich das fahle Mondlicht spiegelte. Ein Glanz, der die Tiefe ihrer Gefühle verriet. Er legte seine Hand auf ihr Gesicht. Um ihr Trost zu spenden, nur für einen Augenblick. Dagegen war nichts einzuwenden.

Das Gefühl ihrer seidenweichen Haut unter seiner Hand sandte unbändiges Verlangen durch seinen Körper. Stark. Fremd. Intensiv.

Sie schloss die Augen und atmete langsam aus. Ihr warmer Atem strich über sein Handgelenk.

„Tanzen Sie mit mir?“, fragte sie.

„Wie bitte?“ Er ließ seine Hand sinken.

„Tanzen Sie mit mir. Bitte.“

Ohne weiter nachzudenken, legte Mak die Hand auf ihre Taille. Eva war so weich, so warm. Voller Leben. Sie trat näher und legte ihre Hand auf seine Schulter.

Er nahm ihre Hand und umschlang ihre Finger mit seinen. Sie presste sich an ihn, und er spürte, wie ihr Herz an seiner Brust schlug.

Berührung. Echte menschliche Berührung hatte so lange nicht mehr zu seinem Leben gehört. Wie anders fühlte sich das an als damals, als er seine Frau hochgehoben hatte, um sie im Krankenhausbett umzulagern. Oder um Marina die Kleidung zu wechseln. Wenn er sie berührte, wusste er, dass sie zwar noch lebte, aber trotzdem nicht wirklich da war.

Das Atmen fiel ihm schwer, und er verdrängte die Erinnerung. Marina war gegangen. Wahrhaftig gegangen. Nicht nur im Geist, wie seit dem ersten Tag nach ihrer Hochzeit, sondern auch körper­lich.

Einen Moment bewegte er sich nicht, sondern nahm diesen Augenblick ganz in sich auf. Er wollte Evas Kleid unter seiner Hand spüren, die Hitze ihres Körpers. Den leichten Duft der Bougainvilleen in der warmen Abendbrise, der sich mit Evas Duft vermischte. Und ihre seidenweichen dunklen Locken, die sich über ihre Schultern ergossen und darum bettelten, von ihm berührt zu werden.

Mak schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Musik, die leise aus dem Ballsaal herüberklang. Noch einmal atmete er ein, dann machte er den ersten Schritt. Er wusste nicht einmal, ob sie sich im Rhythmus bewegten, zu sehr hatte er sich im Gefühl ihres Körpers verloren. Seine Hand glitt von ihrer Taille zu ihrer leicht gerundeten Hüfte.

Und plötzlich reichte ihm das nicht mehr. Er wollte mehr. Wollte ihre Haut unter seiner Hand spüren. Nackt.

Seine Fingerspitzen wanderten über ihre Schultern. Ihre Lippen waren sich so nah, dass es ein Leichtes gewesen wäre, sie zu küssen. Viel leichter, als weiter die Kontrolle zu behalten.

Er lockerte seinen Griff und trat einen Schritt zurück.

„Mak?“ Es klang wie eine Frage. „Die Musik ist noch nicht zu Ende.“

„Es reicht“, presste er hervor. Mit rasendem Herzen wandte er sich ab, obwohl sein Körper protestierte. „Kommen Sie, Eva. Sie sollten wieder hineingehen, bevor jemand Ihre Abwesenheit bemerkt.“

„Ich … ja, sicher.“ Sie ging an ihm vorbei und verschwand im Palast.

Zitternd atmete Eva ein und drängte die Tränen zurück. Schon früher an diesem Abend hatte sie sich ausgemalt, mit Mak zu tanzen. Seine Hitze zu spüren, wenn sie in seinen Armen lag. Doch was sie in Maks Nähe empfand, überstieg all ihre Vorstellungskraft.

Sie brannte, wo er sie berührt hatte, Hitze durchströmte ihren Körper. Und nachdem das Feuer erlosch, blieb nur noch Leere, Verwüstung zurück.

Eva begriff nicht, wie ein Mann, der kalt war wie ein Stein, sie derart in Flammen setzen konnte.

Aber Mak war nicht der Mann, den sie heiraten würde. Sich etwas anderes zu wünschen, egal, wie tief es gehen mochte, war unmöglich und verboten.

Und selbst wenn es nicht so wäre, würde er sie gar nicht wollen.

6. KAPITEL

„Sie müssen sie von Kyonos wegbringen. Sofort.“ König Stephanos knallte die Tageszeitung auf die glänzende Tischplatte vor sich.

Drei Tage waren seit dem Ball vergangen. Drei Tage, seit Mak Eva in den Armen gehalten hatte. Und jeder Tag davon eine so süße Qual, dass Mak sich beinahe daran erfreut hatte. Sein Verlangen nach ihr und das Gefühl, sie zu berühren … all das hatte ihn nachts wach gehalten und seinen Körper in Hochspannung versetzt. Es schien ihm fast unmöglich, sie zu sehen und nicht wieder in die Arme nehmen zu können.

Trotzdem hatte er sie seither nicht mehr berührt.

Drei Tage seit dem Ball und mehr als zwei Wochen, seit er sie aus dem Casino geholt hatte. Ein Ereignis, das Eva nun mit aller Härte treffen sollte. Aber vielleicht war das sogar ihre Absicht gewesen.

„Vater …“ Eva trat näher.

„Du hast den Bogen überspannt, Evangelina“, grollte König Stephanos und wandte sich wieder an Makhail. „Wie können wir dieses Problem lösen?“ Der König deutete auf die anzügliche Schlagzeile, die ein Interview mit den beiden Männern ankündigte, die angeblich eine wilde Nacht mit Prinzessin Evangelina verbracht hatten, nachdem sie sie aus dem Zimmer ihres Liebhabers geholt hatten.

„Ihr Vorschlag ist vollkommen richtig. Sie muss Kyonos verlassen“, bekräftigte Mak. „Sie muss untertauchen, bis die Wogen sich geglättet haben.“

„Ich habe mit den Männern nichts zu tun gehabt.“ Evas Stimme zitterte vor Wut.

„Tun Sie nicht so, als kämen Ihnen solche Schlagzeilen nicht gelegen“, warf Mak ein.

„Aber nicht diese“, erklärte Eva.

„Sie können die Medien nicht kontrollieren“, hielt Mak ihr entgegen.

„Du selbst bist verantwortlich für dieses Desaster und kannst jetzt nicht so tun, als wärst du unschuldig“, sagte Stephanos. „Genau darum habe ich diesen Mann hier ja engagiert, damit er dafür sorgt, dass du dich anständig verhältst.“

„Ich wüsste einen Ort“, erklärte Mak, dessen Magen sich schon bei diesem Vorschlag verkrampfte. „Er liegt völlig abgeschieden. Zwei Wochen dort sollten Ihre Tochter vor dem Schlimmsten bewahren. Sie könnten der Presse sagen, sie sei auf Erholungsurlaub.“

„Gut. Dann bringen Sie sie dorthin“, entschied Stephanos augenblicklich.

„Vater …“

„Nein, Eva. Wir unterhalten uns später. Jetzt gehst du erst einmal mit ihm. Und du wirst tun, was er sagt.“

Mak sah, wie Eva sich verspannte und den Protest hinunterschluckte, der ihr auf der Zunge lag.

„Kommen Sie“, meinte er zu Eva. „Packen Sie Ihre Sachen ein.“

Noch einmal sah Eva zu ihrem Vater, bevor sie das Arbeitszimmer verließ. Mak gab ihr den Vortritt und folgte ihr in die menschenleere Eingangshalle.

Ihr drehte sich der Magen um. Zwei Wochen würden sie allein sein. Sie und Mak. Dabei schlug ihr Herz jetzt schon in Maks Nähe schneller.

Aber wenn sie erst richtig allein mit ihm wäre … Die Vorstellung sollte sie eigentlich ängstigen, doch stattdessen empfand sie eine ihr unbekannte freudige Erwartung.

Sie schüttelte den Kopf, um das Gefühl loszuwerden, und dachte stattdessen daran, was sie laut Presse angeblich mit den Männern im Casino getan haben sollte.

„Schauen Sie nicht so griesgrämig“, forderte Mak. „Sie wollten doch fort.“

„Aber ich will nicht eingeschlossen sein in Ihrem geheimen … Horrorhaus, oder was immer das ist.“

„Es ist ein Chalet. In der Schweiz Und ähnelt eher dem Ritz Carlton als Alcatraz“, erwiderte er, entlockte ihr damit jedoch kaum ein Lächeln. „Wo ist also das Problem?“

„Ich bin in einer peinlichen Lage.“

„Ach ja?“

„Was würden Sie denn sagen, wenn zwei Frauen der ganzen Welt erzählten … ach, vergessen Sie es. Sie sind ein Mann. Wahrscheinlich würden Sie damit noch prahlen. Das ist es ja gerade. Wäre ich ein Mann, würde ich als Held gefeiert. Und nicht als Sünderin.“

„Wir sind alle Sünder“, bemerkte Mak trocken.

„Wie wahr.“ Eva gab den Code ein und öffnete ihre Tür. „Ich weiß, dass ich einige dumme Dinge getan habe, aber das habe ich nicht getan. Niemals. Schließlich habe ich gewisse Moralvorstellungen.“ Sie ging durch den Wohnraum zu ihrem Schlafzimmer. „Ich habe versucht, mir einen schlechten Ruf zuzulegen, das ja, aber nicht … nicht so schlecht.“

Sie holte einen Koffer und legte ihn aufs Bett.

„Möchten Sie jemandem Bescheid geben, der das für Sie erledigt?“, fragte Mak.

„Nein, das mache ich selbst“, entgegnete sie scharf. „Ich bin ja nicht gebrechlich. Oder ein Kind. Und eine Schlampe bin ich auch nicht.“ Wahllos räumte sie Kleidung aus ihrem großen Schrank und stopfte sie in den Koffer. „Ich will nicht, dass … dass irgendjemand denkt, ich hätte die beiden …“

„Niemand wird sich viele Gedanken darum machen.“

„Doch, genau das werden die Leute tun, und darum muss ich verschwinden.“

„Vielleicht wird Bastian so denken und sich dann entschließen, Sie nicht zu heiraten“, sagte er und beobachtete, wie sie Schuhe in den großen Koffer packte. „Er könnte aber auch fasziniert sein und Sie noch dringender heiraten wollen.“

Abrupt hob sie den Kopf und sah ihn entsetzt an. „Das ist ja … schrecklich.“

„Wir gehen in die Schweiz, halten uns eine Weile bedeckt, und wenn Sie zurückkommen, wird sich die Aufregung gelegt haben. Natürlich wird der Palastsprecher eine Erklärung abgeben und dafür sorgen, dass niemand diese Geschichte für die Wahrheit hält.“

„Und was werden wir dort tun?“

Ihm fiel einiges ein, was sein Blut in Wallung brachte. Aber er würde es weder sagen noch wollte er weiter darüber nachdenken. Zwei Wochen mit Eva allein zu sein war ein Spiel mit dem Feuer. „Wir spielen Brettspiele.“

Wütend starrte sie ihn an. „Scrabble? Könnte interessant sein. Wir können in Griechisch, Russisch oder Englisch spielen.“

Ihr verschlagener Blick überraschte ihn. Sie war wirklich eine ungewöhnliche Frau. Und viel zu faszinierend.

„Italienisch und Französisch auch, wenn Sie mögen“, neckte er sie.

„Ich spreche kein Italienisch.“

„Dann bringe ich es Ihnen vielleicht bei.“

„So wäre die Zeit jedenfalls sinnvoll genutzt.“ Eva klappte den Kofferdeckel zu und versuchte, die Schlösser einrasten zu lassen. „Bitte helfen Sie mir.“

Lachend drückte Mak den Deckel mit einer Hand herunter und ließ die Schlösser einschnappen. Dann trat er schnell zurück, ehe ihr Duft ihn umfangen und in Versuchung führen konnte. Er hob den Koffer hoch.

„Sind Sie bereit für Ihr Luxusexil?“

„Nur als Alternative für Alcatraz.“

Mak orderte seinen Privatjet für den Flug. Eine Zurschaustellung von Reichtum, die jenseits von Evas Erfahrung lag. Eine luxuriös ausgestattete Maschine, die jeden nur erdenklichen Komfort bot.

All das erschien ihr vollkommen surreal. Und doch begann sie langsam zu begreifen, wer er wirklich war. Dass er ein erfolgreicher Millionär war, wusste sie. Doch erst als sie dreißigtausend Fuß über dem Ozean schwebte, wurde ihr klar, dass Mak mehr Geld und Macht besaß als die königliche Familie Drakos.

Sie verfügten über Tradition, Macht und ihre kleine Insel. Aber mit alldem hier konnten sie nicht mithalten. Offenbar hatte sie ihn ein wenig unterschätzt.

Sicher, er arbeitete für ihren Vater, aber er war kein Untergebener, für niemanden.

„Möchten Sie einen Drink?“, fragte er von seinem Platz ihr gegenüber.

„Ja, bitte. Champagner?“

„Natürlich.“ Er drückte auf einen Knopf in der Sitzlehne. Ein Steward tauchte hinter dem Vorhang auf, nahm die Bestellung auf Russisch entgegen und verschwand wieder in der kleinen Küche.

„Wir fliegen also zu Ihrem Ferienhaus?“

„So in etwa. Dort halte ich mich auf, wenn ich nicht gestört werden will.“

„Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, da Sie mich mitgenommen haben.“ Obwohl ihr überhaupt nicht danach zumute war, kicherte Eva bei den letzten Worten.

Denn das, was in den Zeitungen stand, war empörend. Sie sollte Dinge getan haben, von denen sie bisher nicht einmal gehört hatte. Und alle würden glauben, dass sie mit zwei Männern im Casino Sex gehabt hatte. Dieser Ruf würde ihr bis zum Lebensende anhaften.

Dankbar nahm sie den Champagner entgegen, hob das Glas an die Lippen und genoss den ersten Schluck.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Oh, ja, mir ist es nie besser gegangen. Mein Ruf ist ruiniert, und ich bin auf dem Weg in die Schweiz, mit einem Mann, der mich ganz und gar nicht mag.“ Einem Mann, der sie atemlos machte. „Ja, mir geht es wirklich verdammt gut.“

„Sie wussten, dass so etwas passieren könnte, Eva. Sie haben es herausgefordert.“

„Ich weiß“, schnappte sie „Und das ist das Schlimmste. Ich habe mir das selbst angetan, Mak, ohne richtig darüber nachzudenken oder zu verstehen, was passieren könnte. Auch wenn die Männer gelogen haben, habe ich die Fotos für die Schlagzeilen geliefert. Ich habe mich selbst in eine denkbar schlechte Lage gebracht, und das in dem Wissen, dass die Presse die Story ungeheuer aufblähen wird.“

„Was andere davon halten, ist egal.“

„Sie haben leicht reden. Die Leute kümmern sich nicht um das, was Sie tun. Die Presse weiß kaum, dass Sie existieren. Sie sind wie ein Geist. Selbst im Internet sind Sie kaum zu finden.“

„Anonymität ist wichtig für meinen Job. Ich muss in der Lage sein, mich unauffällig zu bewegen.“

„Natürlich.“ Sie musterte sein Profil. Die gerade Nase, die ausgeprägte Kieferpartie. Mak war ein Mann, der nur sich selbst verantwortlich war. „Sie müssen sich sehr … frei fühlen.“

Mit einem etwas gequälten Lachen lehnte er sich zurück. „Nicht ganz.“

„Was ich seltsam finde, ist meine Reaktion auf all das. Wenn Bastian oder die anderen Bewerber sich aufgrund der schlechten Presse zurückziehen, dann war’s das. Und ich bin nicht glücklich darüber.“

„Niemand möchte, dass so schlecht über ihn geredet wird.“ Er sah sie an, das Grau in seinen Augen war kalt wie Stahl. „Sie sind zu weich, Eva. Sie fühlen zu viel.“

Angestrengt schaute sie in ihr Glas und sah zu, wie die kleinen Bläschen an die Oberfläche stiegen. „Das haben Sie schon einmal zu mir gesagt.“

„Weil es gesagt werden muss.“

„Macht es Ihnen denn wirklich etwas aus? Dass ich zu viel fühle? Oder wenn ich verletzt bin?“

„Ja.“

„Und warum?“

Mak schwieg einen Moment, den Blick aus dem Fenster gerichtet. Und als er ihre Frage beantwortete, wählte er seine Worte mit Bedacht. „Sie erinnern mich an jemanden. Das habe ich Ihnen schon einmal gesagt.“ Er sah auf seine Hände. „Sie erinnern mich an meine Frau.“

„Ich dachte, Sie wären nicht mehr verheiratet.“ Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie war nicht an einem verheirateten Mann interessiert.

„Bin ich auch nicht. Meine Frau ist tot.“

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