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im Bann des Verlangens

1. KAPITEL

Nicodemus Marcussen stand auf, um seinem Anwalt die Hand zu schütteln. Seine Muskeln taten vor Anspannung schon weh, so sehr hatte Nic sich angestrengt, um seine Reaktionen auf diese Besprechung für sich zu behalten.

„Ich weiß, es ist ein heikles Thema“, versuchte der Anwalt ihn zu beschwichtigen.

Nic schmetterte das Mitgefühl des anderen Mannes mit einem kalten Blick ab. Nein, das tun Sie nicht! schien er sagen zu wollen. Zwar vertraute er Sebastyen – aber nur hinsichtlich der geschäftlichen Aspekte für das Medienunternehmen, das Nic seit Olief Marcussens Verschwinden mühsam über Wasser hielt.

Sebastyen war einer von Nics ersten Förderern gewesen und hatte an dessen Führungsqualitäten geglaubt, trotz seiner geringen Erfahrung. Und obwohl Nic dankbar für dieses Vertrauen war, waren sie beide nie echte Freunde geworden. Nach Möglichkeit ging Nic allen engeren zwischenmenschlichen Beziehungen aus dem Weg.

„Danke für Ihren Rat.“ Nic war sich seiner Sache sicher. Sebastyens sachliche Ausführungen hatten jede sentimentale Anwandlung erstickt, die Nic eventuell noch hätte zurückhalten können. „Es ist definitiv an der Zeit, es in Betracht zu ziehen, nachdem fast ein Jahr um ist. Ich werde Sie wissen lassen, wie ich weiter verfahre“, schloss er.

Sebastyen zögerte, als ob er noch etwas hinzufügen wollte, aber Nic sah ungeduldig auf seine Uhr. Sein Tag war auch ohne oberflächlichen Smalltalk schon zu kurz.

„Ich möchte nur noch einmal darauf hinweisen, wie hilfreich es wäre, wenn beide nahen Angehörigen zustimmen würden“, stieß der Anwalt hastig hervor.

„Ist klar“, murmelte Nic, und sein Tonfall machte unmissverständlich klar, was er von diesem Hinweis hielt.

Der Anwalt verstand den Wink und nickte entschuldigend, bevor er sich eilig verabschiedete. Nic war ziemlich sicher, dass die gesamte Firma ebenso wie der Rest der Welt den anderen Angehörigen auch weiterhin jede Eskapade durchgehen lassen würde. Er selbst würde nicht preisgeben, auf welche Weise er sich ihre Kooperation sichern wollte. Darum hatte er bereits einen konkreten Plan. Während des Gesprächs mit Sebastyen hatten Nics Vorstellungen immer mehr Form angenommen …

Nachdem Sebastyen die Bürotür hinter sich geschlossen hatte, setzte Nic sich wieder an seinen Schreibtisch und nahm den Brief in die Hand, den er morgens per Kurier erhalten hatte. Er überflog die geschwungenen Zeilen auf dem himmelblauen Papier.

Nic,

meine Kreditkarten funktionieren nicht. Kümmere dich doch bitte darum und lasse die neuen Karten dann nach Rosedale schicken! Ich ziehe dieses Wochenende für eine Weile dorthin.

Ro.

Zuerst war er verärgert gewesen. Doch auf den zweiten Blick konnte ihm Rowans egozentrisches Verhalten endlich einmal von Nutzen sein. Da sie offenbar nicht darüber informiert worden war, warum ihre Kreditkarten vor zwei Monaten gesperrt worden waren, würde Nic sie eben persönlich mit der Wahrheit konfrontieren müssen – so wie Olief es schon vor Jahren hätte tun sollen. Sie musste erwachsen werden und die Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Rosedale.

Ein warmes, heimeliges Gefühl beschlich Rowan O’Brien, als sie den Hügel bestieg und auf die ausgedehnten Weinberge dahinter blickte, in deren Mitte sich das graue Steinhaus mit den Stabwerkfenstern erhob. Ein altes Herrenhaus im englischen Stil, das vor dem weißen Strand und dem türkisblauen Meer sehr untypisch wirkte. Auf dieser Mittelmeerinsel bestimmten überwiegend weiß gestrichene Gebäude in lokal geprägter Architektur das Bild. Aber Rowan liebte das Anwesen von ganzem Herzen. Nur hier fühlte sie sich frei.

Sie hatte ein Lasttaxi mit all ihren Sachen vorausgeschickt und war selbst mit der Personenfähre übergesetzt, die sie ganz gemächlich ihrem Ziel näher gebracht hatte. Die Überfahrt entpuppte sich als notwendige, therapeutische Maßnahme, da Rowan etwas Zeit brauchte, um sich auf die Leere in dem geliebten Haus vorzubereiten.

Mit einem bittersüßen Geschmack in der Kehle überquerte sie den Rasen vor den Eingangsstufen und bemerkte, dass ihr Gepäck bereits auf der Veranda stand. Hoffentlich war die Tür nicht abgeschlossen, denn Rowan hatte ihren eigenen Schlüssel verlegt. Sie hatte der Haushälterin zwar eine Nachricht hinterlassen, war aber nicht sicher, ob Anna sie bekommen hatte. Rowans Handy hatte nämlich den Geist aufgegeben, und es war nicht das einzige in ihrem Leben, was nicht funktionierte.

Die Haustür war unverschlossen. Rowan trat ein und seufzte. Sie hatte schon viel früher herkommen wollen, es aber nicht übers Herz gebracht. Zu sehr war ihr bewusst, dass die Seele des Hauses fehlte.

Ein gedämpftes Geräusch über ihr ließ sie innehalten. Es waren Schritte im zweiten Stock, die sich in Richtung Treppe bewegten. Schwere Schritte, wie die eines Mannes …

Für einen Sekundenbruchteil hegte sie die unrealistische Hoffnung, ihre Mutter und ihr Stiefvater hätten doch überlebt und wären im Haus. Doch dann erschien Nic auf der Treppe. Rowan war wie vom Donner gerührt. Sie versuchte zwar, sich einzureden, das läge nur an der langen Zeit, die sie sich nicht gesehen hatten. In Wahrheit reagierte sie jedoch immer so heftig auf ihn. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, und ihr Atem stockte. Vor knapp zwei Jahren hatte sie sich ihm in einem schwachen Moment schamlos an den Hals geworfen. Seitdem litt sie zusätzlich noch unter seiner kränkenden Zurückweisung, was sie natürlich wohlweislich verbarg.

Er war einfach hinreißend! Obwohl das eigentlich keine Rolle spielte. Schließlich gab es jede Menge gutaussehender Männer auf der Welt. Vielleicht nicht so häufig in Form einer perfekten Mischung aus blondem Wikingerkrieger und diszipliniertem Soldaten, aber immerhin! Jedenfalls hatten auch viele andere Kerle ein kerniges, kantiges Kinn und leuchtende, stahlblaue Augen. Dafür musste sie sich nur bei den Filmleuten in den Kreisen ihrer Mutter umsehen.

Neben seinem Aussehen besaß Nic noch andere Vorzüge. Er strahlte eine natürliche Überlegenheit aus, unterstrichen von seiner Größe und einer Aura kontrollierter Aggression. Nic war schon immer sehr selbstsicher gewesen, doch inzwischen hatte er immensen Einfluss und Autorität.

Rowan spürte diese innere Kraft wie einen starken Gegenwind, während sie vor Nic stand. Instinktiv wappnete sie sich gegen seine einnehmende Ausstrahlung. Würde sie es nicht tun, bestand die Gefahr, diesem Mann mit Haut und Haaren zu verfallen. Immerhin war er einer der wenigen Menschen, denen sie sich widersetzen konnte, ohne irgendwelche Konsequenzen zu riskieren. Bei ihm hatte sie nichts zu verlieren. Nicht einmal seine Zuneigung.

Vom ersten Tag an hatte Nic sie gehasst, was schon verletzend genug gewesen war, auch ohne seine angewiderte Reaktion auf ihren Versuch, ihn an ihrem zwanzigsten Geburtstag zu küssen. Immer wieder redete sie sich ein, dass ihr seine Abneigung nicht das Geringste ausmachte.

„Was für eine reizende Überraschung“, sagte sie mit dem schweren irischen Akzent in der Stimme, der ihre Mutter so berühmt gemacht hatte. Dazu schenkte sie ihm ein Lächeln, das den meisten Männern den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. „Hallo, Nic.“

Ihre Begrüßung prallte wirkungslos an ihm ab. „Rowan.“

Sein strenger, rauer Tonfall bedeutete eine echte Herausforderung für sie. Nic blieb regungslos stehen und starrte sie an.

„Falls du mir eine Nachricht geschickt hast, habe ich sie nicht bekommen. Mein Handy funktioniert gerade nicht.“ Sie hängte ihre Handtasche am Treppenpfosten neben ihm auf.

„Und warum, glaubst du, funktioniert es wohl nicht?“, fragte er tonlos, und sein Blick wurde eine Spur finsterer.

Sein eigener Akzent ging ihr wie immer unter die Haut. Er klang so weltgewandt wie Nic selbst. Ganz leicht amerikanisch mit einer Spur britischem Eliteinternat darin, zusätzlich eingefärbt durch Nics Aufenthalte in Griechenland und dem Mittleren Osten.

„Ich habe keinen Schimmer.“ Um etwas auf Abstand zu gehen, steuerte Rowan auf die Lounge zu und warf ihre Designer-Jeansjacke achtlos über eine Sofalehne. Ihre Stiefelabsätze hallten auf dem polierten Fußboden wider. Ein Geräusch, das ihr schmerzlich bewusst machte, wie verlassen dieses Haus war.

Plötzlich fiel ihr ein, dass Nic vielleicht aus dem gleichen Grund hier war wie sie. Sie warf einen Blick über die Schulter, um herauszufinden, ob sich etwas wie Heimweh in seinem Gesicht abzeichnete. Aber da war nichts. Er verschränkte nur die Arme, was seine kräftigen Muskeln zum Vorschein brachte.

„Nein, damit habe ich auch nicht gerechnet“, bemerkte er trocken.

„Wovon redest du?“ Rowan hegte die vage Hoffnung, noch eine menschliche Seite an ihm zu entdecken. Warum enttäuscht mich sein rüdes Verhalten eigentlich? Ich wünschte, er würde … Nein, stopp! Nic würde sich niemals für sie erwärmen. Damit musste sie sich abfinden und endlich über ihn hinwegkommen.

Nur wie? fragte sie sich unglücklich. Sie zog sich das breite Haarband vom Kopf und lockerte mit gespreizten Fingern die dunklen, glänzenden Strähnen.

„Dein Handy hat zeitgleich mit deinen Kreditkarten den Geist aufgegeben“, erklärte er. „Kannst du den offensichtlichen Zusammenhang nicht allein herstellen?“

Noch immer kämmte sie sich mit den Fingern die Haare aus dem Gesicht und bemerkte dabei, wie Nic anerkennend ihre Figur musterte. Schnell versuchte sie, seinen starken Einfluss auf ihr Hormonsystem abzuschütteln. Schon einmal hatte sie sich davon in eine äußerst peinliche Lage bringen lassen, das durfte sich keinesfalls wiederholen.

Um sich vor seiner Ausstrahlung und Anziehungskraft zu schützen, musste sie ihn weiter provozieren und sich auf den verbalen Schlagabtausch mit ihm konzentrieren. Obwohl es auch nicht schaden konnte, sein Interesse an ihrem Äußeren gegen ihn zu verwenden. Schon früh hatte man Rowan darauf gedrillt, das Beste aus ihrer Schönheit herauszuholen. Sie kannte ihre Wirkung auf Männer, auch wenn dieses besondere Exemplar noch keine wirklich positive Reaktion auf sie gezeigt hatte. Bis jetzt …

Was für eine reizvolle Machtverschiebung, überlegte sie. Das könnte mir ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, wenn ich es richtig anstelle, mich in Szene zu setzen. Zwar glaubte sie nicht, einen nennenswerten Einfluss auf Nic zu haben, aber ein paar zaghafte Gehversuche konnten nicht schaden.

Sie stemmte die Hände in die Seite und stellte sich in einer bewusst sexy Pose auf. „Du hättest nicht den weiten Weg hierher kommen müssen, um mir neue Kreditkarten zu bringen, Nic. Wie ich weiß, bist du ein viel beschäftigter Mann. Also, was hat das zu bedeuten? Ist dir nach ein wenig Familienanschluss?“

Sein eiskalter Blick zeigte ihr deutlich, was er dachte. Ihre Mutter mochte für mehr als zehn Jahre die Geliebte seines Vaters gewesen sein, aber das machte Rowan noch lange nicht zu einem Familienmitglied.

„Ich bin in der Tat ziemlich beschäftigt“, erklärte er.

Seine Feindseligkeit sollte ihr wirklich nichts ausmachen. Ihrem Wissen nach hatte er noch keiner Person gegenüber offen Zuneigung gezeigt. Ihr gegenüber jedoch war er schon immer besonders abweisend gewesen.

„Ich arbeite für mein Geld, musst du wissen“, fuhr er fort. „Davon scheinst du nicht viel zu verstehen.“

Meinte er das ernst? Rowan verlagerte das Gewicht auf die andere Hüfte, was seine Aufmerksamkeit kurz auf ihre Körpermitte lenkte, und darüber freute sie sich diebisch. Obwohl ihre schlanke Figur, die in einer sündhaft teuren Designerjeans steckte, ihn augenscheinlich nicht beeindruckte. Er sah einfach nur genervt aus.

Auch gut, denn genervt war sie ebenfalls! „Diese Beine hier tanzen, seit ich vier Jahre alt bin. Selbstverständlich habe ich eine Ahnung davon, was echte Arbeit ist.“

„Das nenne ich kaum, seinen Lebensunterhalt verdienen. Du verkaufst ausschließlich den guten Namen deiner Mutter und nicht dein eigenes Talent. Als Nächstes willst du mir noch weismachen, dass deine Discogage für bloßes Erscheinen in einem Club eine verdiente Entlohnung ist. Ich behaupte ja nicht, dass du dich prostituierst, Rowan. Ich sage lediglich, dass du noch nie einen richtigen Job hattest, mit dem du deinen Lebensunterhalt selbst verdient hast.“

Er wusste vom den Club? Natürlich wusste er es. Die Paparazzi hatten alles in der Presse ausgeschlachtet, und darum ging es schließlich. Rowan war es furchtbar unangenehm, zu einem solchen Auftritt gezwungen gewesen zu sein, während ihre Mutter noch vermisst wurde. Aber ihr Bankkonto war überzogen, daher blieb ihr keine andere Wahl, als solche Jobs anzunehmen.

Dabei hatte sie das Geld nicht einmal selbst ausgegeben, aber dieses schmutzige kleine Geheimnis wollte sie lieber für sich behalten. Olief hatte sofort begriffen, dass sie sich ihrem Vater gegenüber verantwortlich fühlte, von Nic dagegen erwartete sie in diesem Punkt keinerlei Verständnis. Ihn bekämpfte sie besser auf einem Gebiet, auf dem sie auch siegen konnte.

„Kritisierst du mich ernsthaft dafür, den Namen meiner Mutter zu verkaufen, während du selbst von Beruf Sohn bist?“, konterte sie.

Er ahnte nicht einmal, wie falsch er das Renommee ihrer Mutter einschätzte. Cassandra O’Brien hatte Rowan auf die Bühne gedrängt, weil sie selbst kein Engagement mehr bekam. Ihr Ruf als unerträglich unzuverlässige Diva mit einer deutlichen Vorliebe für verheiratete Männer eilte ihr seit Jahren voraus.

„Meine Situation ist eine ganz andere“, verteidigte er sich.

„Sicher ist sie das. Du hast grundsätzlich recht, ganz egal in welchem Bereich, und ich liege falsch. Du bist klug, und ich bin dumm.“

„Das habe ich damit nicht gemeint. Sondern, dass Olief mich niemals wegen bloßer Vetternwirtschaft bevorzugt behandelt hat.“

„Und dennoch übertragen sich seine Überlegenheit und sein Einfluss einfach auf dich! Wie auch immer, Nic. Schreiben wir also dein Recht auf eine herablassende Haltung mir gegenüber ins Protokoll und fertig! Ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, dir über den Weg zu laufen. Ich wollte eigentlich allein sein“, murmelte sie und sah zur Küche hinüber. „Ich sterbe vor Hunger. Soll ich Anna fragen, ob sie uns beiden …“

„Anna ist nicht hier. Sie hat eine andere Anstellung.“

„Oh.“ Auf dem Weg zur Küche blieb sie unschlüssig stehen. Das Verlustgefühl in ihrem Herzen drohte, unerträglich zu werden. Jetzt war auch noch Anna gegangen … „Gut, dann mache ich mir erst mal eine Tasse Kaffee. Möchtest du auch, oder darf ich hoffen, du bist vielleicht schon auf dem Rückweg nach Athen?“ Mit einem süßen Lächeln auf den Lippen legte sie den Kopf schief.

„Ich bin erst gestern Abend angekommen und werde so lange bleiben, wie es dauert.“

Sein Adonis-Gesicht blieb regungslos. Dieser Mann verhielt sich tatsächlich wie ein Roboter. Zugegeben, wie ein Roboter in lässigen Jeans und einem figurbetonten T-Shirt …

„Wie lange was dauert?“, fragte sie verständnislos, dann kam ihr ein schlimmer Verdacht. „Willst du mich etwa vor die Tür setzen?“

„Siehst du? Ich wusste doch, du bist kein Dummerchen!“

2. KAPITEL

Rowan drehte sich blitzschnell um, sodass ihre dunklen gewellten Haare ihr wild um die Schultern flogen. Ihr Gesichtsausdruck war dermaßen verdutzt, dass Nic beinahe laut gelacht hätte, wäre die Angelegenheit nicht so ernst gewesen.

„Du hast also meine Kreditkarten sperren lassen? Und meinen Mobilfunkvertrag gekündigt? Du warst das?“

„Schon wieder richtig.“

„Wie kann man nur so fies und rücksichtslos sein?“, herrschte sie ihn an. „Warum hast du mich nicht wenigstens gewarnt?“

Das Blut schoss ihr in die Wangen, was sie noch viel attraktiver machte. Nic spürte ein lustvolles Ziehen in seiner Körpermitte. Dieses Phänomen überfiel ihn nicht zum ersten Mal in Rowans Gegenwart, und er war inzwischen daran gewöhnt, es energisch zu ignorieren. Stattdessen konzentrierte er sich auf ihre völlig unangebrachte Entrüstung. Ein klein wenig plagte ihn zwar doch ein schlechtes Gewissen, weil er sie nicht persönlich angerufen hatte, aber mit einer verwöhnten Frau wie ihr durfte man nicht zu nachsichtig sein. Sie war sich ihrer Sache viel zu sicher.

„Warum hast du mir nichts davon erzählt, dass du die Schule abgebrochen hast?“, konterte er.

Für einen kurzen Moment sah sie schuldbewusst aus, schob aber in der nächsten Sekunde ihr Kinn vor. „Weil es dich nichts angeht.“

„Deine Unterwäschekäufe gehen mich ebenfalls nichts an, und trotzdem landen die Rechnungen dafür ständig auf meinem Schreibtisch.“

Ihre Wangen färbten sich noch dunkler, was Nic überraschte. So viel Schamgefühl hätte er Rowan nicht zugetraut.

„Das ist typisch für dich“, beschwerte sie sich. „Natürlich sprichst du mich nicht vorher direkt darauf an. Jetzt mal im Ernst, Nic. Warum hast du mich nicht angerufen, damit wir in Ruhe darüber reden können?“

„Da gibt es nichts zu reden. Deine Vereinbarung mit Olief lautete, er unterstützt dich, solange du zur Schule gehst. Du hast dich entschlossen, die Schule zu verlassen, also ist der Geldhahn zugedreht. So einfach ist das. Es wird Zeit, dass du die Verantwortung für dein Leben selbst übernimmst.“

Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen. „Das gefällt dir richtig gut, oder? Du hast mich schon immer gehasst, und nun fällt dir endlich die Gelegenheit in den Schoß, mir eins auszuwischen.“

„Dir eins auszuwischen?“ Es irritierte ihn, dass sie davon ausging, er würde sie hassen. „Du verwechselst, glaube ich, echte Abneigung mit meinem Wunsch, mich nicht manipulieren zu lassen. Olief konntest du leicht um den Finger wickeln, mich aber nicht. Ihn hättest du überreden können, für deinen Lebensstil aufzukommen, ich werde es bestimmt nicht tun.“

„Weil du findest, mein Lebensstil ist unter deinem Niveau? Warum eigentlich?“

Ihre Frage entlockte ihm ein trockenes Lachen. „Willst du uns beide wirklich miteinander vergleichen?“

„Du bist sein Sohn, und für mich war er ebenfalls wie ein Vater.“

Ihr Versuch, vernünftig zu klingen, traf einen wunden Punkt bei Nic. Wie oft war er unsicher gewesen, welchen Platz er eigentlich in Oliefs Leben einnahm? Ganz sicher nicht den eines geliebten Sohnes, auf den man stolz war!

Irgendwann hatte Nic den Namen des anderen Mannes angenommen, um den eigenen Geburtsnamen endlich loszuwerden. Und am Ende hatte Olief Nic wie einen gleichberechtigten Partner behandelt. Wie einen Kollegen, den er respektierte. Doch Nic konnte nicht vergessen, dass Olief ihn ursprünglich nicht hatte haben wollen, sondern sich für seine bloße Existenz geschämt hatte.

Und dann, als Nic endlich in Oliefs Leben fand, waren da auch diese Frau und ihre Tochter gewesen. Sie standen wie ein unüberwindbares Hindernis zwischen ihm und seinem Vater. Nic war ein geduldiger Mann. Er wartete und wartete darauf, dass Olief ihm mehr Zeit widmete, ihn beachtete und ihm einen angemessenen Platz in seiner Familie zuwies. Aber das geschah nicht.

Trotzdem sah Rowan ihren Daddy in dem Mann, dessen Blut ihn zu Nics Vater machte. Und als es vor zwei Jahren darauf angekommen war, zwischen Nic und Rowan zu wählen, hatte Olief sich dafür entschieden, Rowan zu schützen und seinen Sohn zu diskreditieren. Das konnte Nic ihm bis heute nicht verzeihen.

„Du bist die Tochter seiner Geliebten.“ Er hatte nie verstanden, was sein Vater an ihr fand. Sie war doch nicht mal sein leibliches Kind! „Er hat dich nur aufgenommen, weil deine Mutter und du im Doppelpack auf seiner Türschwelle aufgetaucht seid.“ Nie zuvor war er ihr gegenüber so gnadenlos offen gewesen. Die alte Verbitterung erwachte und zerrte an seinen Nerven. Und die einzige Person, die ihn bisher daran gehindert hatte, seinem Ärger Luft zu machen, war nicht mehr da. „Du bedeutest ihm nichts.“

„Aber die beiden haben sich geliebt!“

Ihr irisches Temperament weckte bei ihm ein unerwünschtes Verlangen. Und da ihre Wut direkt gegen ihn gerichtet war, spürte er die erregende Wirkung ganz besonders heftig. Aber er wollte das nicht! Rowan war unerreichbar für ihn. Schon immer, schon bevor Olief ihn dahingehend gewarnt hatte. Zu jung, zu unpassend für Nic. Zu impulsiv und viel zu verwöhnt.

Dafür hatte er sie am meisten verabscheut. Weil er sich für seine Reaktion auf sie hassen musste. Sie verstand es, mit seinen Emotionen zu spielen, darum wollte er, dass Rowan endgültig aus seinem Leben verschwand. Ihr verstörender Einfluss musste aufhören!

„Sie waren nicht verheiratet“, wandte er kühl ein. „Demnach bist du keine Verwandte. Deine Mutter und du, ihr wart vorübergehende Anhängsel, weiter nichts.“

„Was fällt dir ein, so etwas Abscheuliches zu sagen?“ Wutentbrannt stürmte sie auf ihn zu. „Wie kannst du das vor Olief rechtfertigen?“

„Muss ich gar nicht. Er ist tot.“

Seine Worte schockten sie beide gleichermaßen. Trotz der langen Diskussion mit Sebastyen hatte Nic das Offensichtliche bisher nicht laut ausgesprochen, und nun klang das Echo seiner Stimme in dem leeren Herrenhaus wider. Ihm blieb beinahe das Herz stehen, so entsetzlich fühlte sich dieser Moment an.

Rowans Wut verrauchte augenblicklich, und sie wurde leichenblass. Sie stand dicht vor ihm, und Nic bemerkte die Veränderung sofort.

„Du hast etwas von ihnen gehört?“ Es war mehr ein Flüstern, das nach Hoffnung und Verzweiflung klang.

Jetzt fühlte er sich wie ein brutaler Mistkerl. Die ganze Zeit über hatte er sich eingeredet, sie würde sich über das Verschwinden der beiden nicht allzu viele Gedanken machen. Immerhin trieb sie sich in Nachtclubs und dergleichen herum! Ihre Verletzlichkeit machte ihn betroffen, und er wollte die Hände nach ihr ausstrecken, um sie zu trösten. Auch wenn sie sich eigentlich nicht nahestanden. Das eine Mal, das er sie in den Armen gehalten hatte …

Seine Gedanken entglitten ihm, und er verdrängte hastig jede Erinnerung an jenen Tag. Es war schon schwer genug, sich hier und heute unter Kontrolle zu halten.

„Nein“, brummte er und kämpfte mit seinen Gefühlen. Warum fiel ihm das vor Rowan so schwer? Beim Gespräch mit Sebastyen war es ihm ohne Schwierigkeiten gelungen, und er stand Nic weitaus näher als sie. „Nein, es gibt keine Neuigkeiten. Aber in zwei Wochen wird es ein Jahr und Zeit, sich damit abzufinden, dass sie höchstwahrscheinlich nicht überlebt haben. Die Anwälte empfehlen, bei Gericht zu beantragen, dass …“ Er musste sich räuspern. „… dass man sie für tot erklärt.“

Stille.

Als er sie schließlich ansah, war ihr Blick voller Verachtung. Dann flammte ihr Temperament wieder auf. „Und du besitzt die Frechheit, mich eine Schnorrerin zu schimpfen, du Bastard?“, fuhr sie ihn an. „Wer profitiert denn am meisten davon, wenn die beiden für tot erklärt werden? Du, Nic. Nein, dem werde ich nie und nimmer zustimmen!“

Ihre Beleidigung traf ihn bis ins Mark, doch bevor er etwas darauf erwidern konnte, hatte Rowan den Raum verlassen und die Tür hinter sich zugeknallt.

In der Küche sah Rowan auf der Suche nach einem Wasserkessel die Schränke durch. Ihre Angst drohte, sie zu ersticken. Wenn ihre Mutter und Olief wirklich für immer verschollen waren …

Mühsam atmete sie durch und stemmte sich dabei mit beiden Händen auf dem Arbeitstresen ab. Eigentlich war sie hergekommen, um sich darüber klar zu werden, welche Richtung ihr weiteres Leben nehmen sollte. Im vergangenen Jahr war eine Menge schiefgelaufen, das musste sie zugeben. Jetzt brauchte sie dringend etwas Zeit, um den Kopf frei zu bekommen und konkrete Zukunftspläne zu schmieden. Allerdings schien ihr der große, selbstherrliche, herzlose Nic diese Zeit nicht geben zu wollen.

Wie aufs Stichwort stürmte er in die Küche. Seine Präsenz war von der ersten Sekunde an überwältigend.

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