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Im Bann des Nekromanten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. KAPITEL EINS
  6. KAPITEL ZWEI
  7. KAPITEL DREI
  8. KAPITEL VIER
  9. KAPITEL FÜNF
  10. KAPITEL SECHS
  11. KAPITEL SIEBEN
  12. KAPITEL ACHT
  13. KAPITEL NEUN
  14. KAPITEL ZEHN
  15. KAPITEL ELF
  16. KAPITEL ZWÖLF
  17. KAPITEL DREIZEHN
  18. KAPITEL VIERZEHN
  19. KAPITEL FÜNFZEHN
  20. KAPITEL SECHZEHN
  21. KAPITEL SIEBZEHN
  22. KAPITEL ACHTZEHN
  23. KAPITEL NEUNZEHN
  24. KAPITEL ZWANZIG
  25. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  26. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  27. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  28. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  29. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  30. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  31. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  32. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  33. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  34. KAPITEL DREISSIG
  35. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  36. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  37. KAPITEL DREIUNDDREISSIG

Über die Autorin

Gail Martin wurde in Meadville, Pennsylvania, geboren. Sie ist Historikerin und Marketing-Fachfrau und hat zwanzig Jahre als Marketing-Leiterin für diverse Firmen und Organisationen gearbeitet. Regelmäßig schreibt sie Artikel für Fachzeitschriften. Sie ist Dozentin für Public Relations an der Universität in North Carolina. Ihre Leidenschaft für SF und Fantasy entdeckte sie bereits in der Grundschule. Geschichten schreibt sie seit ihrem 14. Lebensjahr. Gail Martin ist verheiratet und hat drei Kinder.

Gail Martin

IM BANN DES
NEKROMANTEN

Die Chroniken des Beschwörers – Band 1

Ins Deutsche übertragen von
Axel Franken

KAPITEL EINS

Geht vorsichtig, mein Prinz!«, warnte das Gespenst. »Ihr seid heute Nacht in großer Gefahr!«

Draußen vor den zweiflügligen Fenstern konnte Martris Drayke das lärmende Treiben der Festtagsmassen hören. Fackellicht flackerte hinter dem Glas, und kostümierte Gestalten tanzten, unter Singen und Buhrufen, am Schlossturm vorbei. Gekleidet in die vier Erscheinungen der Einen Göttin, Margolans heiliger Lady, torkelten die Feiernden hinter einer Puppe der Alten Vettel her, weit mehr darauf bedacht, an diesem Fest der Verstorbenen ihre Gier nach Alkohol zu befriedigen als die Toten zu ehren.

»Durch wen?« Tris widmete seine Aufmerksamkeit wieder seinem gespenstischen Besucher. Die Geister von Schloss Shekerishet waren so zahlreich, dass er sich nicht daran erinnern konnte, diesen speziellen schon einmal gesehen zu haben: einen Mann mit schmalem Gesicht und schweren Augenlidern, dessen altmodische Kleidung verriet, dass er dem Hof ein Jahrhundert zuvor angehört hatte.

Das Gespenst flackerte und versuchte mehr zu sagen, doch kein Laut kam. Tris beugte sich vor. Heute eher noch als sonst hätte die Erscheinung eigentlich leicht zu sehen sein sollen, denn an Spuken, wie der Feiertag allgemein genannt wurde, gingen die Geister offen um, und auch Zweifler konnten sich nicht weigern zu sehen. Die Schlossgeister waren seit seiner Kindheit Tris’ Freunde gewesen, lange bevor er begriffen hatte, dass seine körperlosen Kameraden von denen um ihn herum nicht so leicht gesehen werden konnten. »Geister … vertrieben«, gelang es der schwindenden Erscheinung noch zu flüstern, »hütet Euch vor … dem Seelenfänger.« Tris verstand die letzten Worte nur noch mit äußerster Mühe, denn der Wiedergänger löste sich in nichts auf. Verwirrt hockte er sich auf die Fersen, wobei sein Schwert klirrend gegen den harten Steinboden schlug. Als es an der Tür klopfte, verlor er vor Schreck fast das Gleichgewicht.

»Was machst du da drin, oder bist du etwa nicht allein?«, neckte ihn Ban Soterius durch die Tür. Der Riegel hob sich, und der stämmige Hauptmann der Wache trat ein. Nichts im Auftreten des jungen Mannes passte zu dem starken Geruch nach Bier in seinem Atem, außer vielleicht seine zerzausten Haare und die leichten Knitterfalten in seiner eleganten Uniformjacke.

»Jetzt bin ich allein«, erwiderte Tris mit einem Blick hinter sich auf die Stelle, wo der Geist erschienen war.

Soterius ließ seine Augen von Tris zu der leeren Wand wandern. »Ich sag’s ja immer, Tris«, meinte der Gardist, »du musst öfter raus! Mich persönlich lässt es kalt, wenn ich einmal mit einem Gespenst rede … es sei denn, es ist eine gut aussehende Maid mit einem Humpen Bier!«

Tris rang sich ein Lächeln ab. »Hast du die Geister heute Abend gesehen?«

Soterius dachte einen Augenblick nach. »Nicht so viele wie gewöhnlich, jetzt wo du es erwähnst, besonders nicht für Spuken.« Sein Gesicht erhellte sich. »Aber du weißt ja, wie sehr sie eine gute Geschichte mögen; wahrscheinlich sind sie unten und lauschen Carroways Erzählungen.« Er zog Tris am Ärmel. »Komm mit! Es gibt kein Gesetz, das besagt, dass Prinzen nicht auch Spaß haben dürfen, und während ich hier oben mit dir rumstehe, könnte ich unten in der großen Halle die Liebe meines Lebens verpassen!«

Soterius’ gute Laute brachte Tris zum Kichern. Der Hauptmann der Wache war beliebt unter den adligen Töchtern bei Hofe. Sein hellbraunes Haar war kurz geschnitten, damit es unter einen Schlachthelm passte. Er war von mittlerem Körperbau, gebräunt und durchtrainiert vom ständigen Üben mit den Wachen. Alles an seiner Körperhaltung und seinem Auftreten zeugte von seinem militärischen Hintergrund, doch das schelmische Funkeln in seinen dunklen Augen machte seine Züge weicher und ließ ihm die heiratsfähigen Mädchen in Scharen zu Füßen liegen.

Tris hingegen war es recht, wenn ebendiese jungen Mädchen und ihre ehrgeizigen Mütter von ihm selbst abgelenkt waren. Er war einen Kopf größer als Soterius und von hagerer, langgliederiger Statur. Schon oft war ihm gesagt worden, dass seine kantigen Züge und seine hohen Wangenknochen dem Besten beider seiner Eltern nachschlugen, aber die weißblonden Haare, die ihm bis auf die Schultern fielen, waren eindeutig von Königin Saraes Seite, ebenso wie die grünen Augen, die an die seiner Großmutter, der berühmten Hexe Bava K’aa, erinnerten. Es war eine Kombination, die die Damen des Hofs ausgesprochen attraktiv fanden.

»Ich verspreche dir, dass ich gleich nachkomme«, sagte Tris, und Soterius hob skeptisch eine Augenbraue. »Ehrlich! Ich will nur noch eine Kerze anzünden und ein Geschenk in Großmutters Zimmer legen, bevor ich gehe. Dann kannst du mich auf den Rundgang durch die Bierschenken mitnehmen, den du mir versprochen hast.«

Soterius grinste. »Ich nehme dich beim Wort, Prinz Drayke«, lachte er. »Beeil dich! So wie das Fest heute Abend in Schwung ist, wird ihnen noch das Bier ausgehen, und du weißt, dass ich keinen Branntwein vertrage.«

Tris hörte die Stiefeltritte seines Freundes im Gang verhallen, während er sich zu den Familiengemächern aufmachte. Die stummen Blicke einer Reihe von Gemälden und Gobelins schienen ihm zu folgen – die seit Langem toten Könige von Margolan, König Bricens Vorfahren. Bricens Abstammungslinie stellte eine der längsten ununterbrochenen Monarchien in den Sieben Königreichen dar. Wenn er ihre ernsten Mienen betrachtete und an die Geschichten dachte, die davon erzählten, was sie für die Sicherung des Throns ertragen hatten, war Tris froh, dass die Krone nicht an ihn übergehen würde. Er nahm sich eine Fackel aus dem Halter an der Wand und öffnete die Tür zum Zimmer seiner Großmutter. Noch immer haftete der Geruch nach Räucherkerzen und Tränken dem Gemach der Zauberin an, obwohl ihr Tod jetzt schon fünf Jahre zurücklag. Tris schloss hinter sich die Tür und entzündete die Fackel. Es war ein Zeichen für die Ehrfurcht, mit der selbst ihre eigene Familie sie betrachtete, dass selbst jetzt niemand die Besitztümer der Geistermagierin anrührte, dachte Tris. Doch die Zauberin Bava K’aa verdiente diese Art von Ehrfurcht, und wenngleich er sich ihrer sehr deutlich als nachsichtige Großmutter erinnerte, genügten die Legenden über ihre Macht als Zauberin, um ihn für einen Moment zögern zu lassen, nur einen Moment lang, bevor er weiter in den Raum hineinging.

»Großmutter?«, flüsterte Tris. Er stellte eine Kerze auf den Tisch an der Wand und zündete sie mit einem Strohhalm von der Fackel an. Dann arrangierte er ein symbolisches Geschenk daneben, bestehend aus Honigkuchen und einem kleinen Becher Bier, über die er segnend das Zeichen der Göttin machte. Und dann, mit einem raschen Blick zur Tür, um sicherzugehen, dass sie geschlossen war und man ihn nicht entdecken würde, trat er auf den kleinen, geflochtenen Teppich in der Mitte des Zimmers. Gefertigt aus ihren Zaubererschnüren entsprach die Begrenzung dieses Teppichs genau dem Abwehrkreis, der der Arbeitsplatz seiner Großmutter gewesen war, und Tris fühlte das vertraute Kribbeln ihrer Magie, wie den letzten Rest vom Duft eines alten Parfüms. Mit seinem Schwert als Athame schritt Tris den runden Rand des Teppichs ab, wie seine Großmutter es ihn gelehrt hatte, und spürte den Ring des Schutzes um sich aufsteigen. Das blauweiße Licht, obwohl unsichtbar, leuchtete deutlich in seinem Geist. Tris schloss die Augen und streckte seine rechte Hand aus.

»Großmutter, ich rufe dich«, murmelte er und tastete mit seinen Sinnen nach ihrer vertrauten Gegenwart. »Ich lade dich zum Fest ein. Leiste mir im Kreis Gesellschaft.« Tris wartete, doch zum ersten Mal seit ihrem Tod kam keine Antwort. Er versuchte es noch einmal.

»Bava K’aa, dein Blutsverwandter lädt dich zum Fest ein. Ich habe dir ein Geschenk gebracht. Geh mit mir.« Nichts rührte sich im Zimmer, und Tris öffnete besorgt die Augen.

Und dann lenkte ein Lichtschimmer seine Aufmerksamkeit auf sich. Er schien weit außerhalb des Kreises zu sein, flackernd und sich windend, als ob er in Gaze gefangen sei, aber als Tris sich bis aufs Äußerste anstrengte, um ihn auszumachen, erkannte er die Gestalt seiner Großmutter, die in großer Entfernung stand und von Nebel verborgen wurde.

»Großmutter!«, rief er, doch die Erscheinung kam nicht näher. Ihre Lippen bewegten sich, aber kein Laut erreichte ihn. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Er brauchte keine Worte, um im Verhalten seiner Großmutter eine Warnung zu erkennen. Auch wenn Tris die Stimme Bava K’aas nicht vernehmen konnte, waren die Hinweise auf Gefahr deutlich genug.

Urplötzlich heulte ein kalter Wind durch das Zimmer, dessen Fensterläden geschlossen waren, ließ die Fackel tropfen und die Kerze verlöschen. Er rüttelte an dem Kreis, den Tris erzeugt hatte, und das Bild seiner Großmutter flimmerte und verschwand. Zwei Porzellanfiguren fielen krachend auf den Boden und die Bettvorhänge flatterten, als der Windstoß Schriftrollen vom Schreibtisch riss und einen Stuhl umwarf. Tris biss die Zähne zusammen und gab sich alle Mühe, seine Abwehr an Ort und Stelle zu halten, aber er spürte, wie Gänsehaut seine Arme überzog, als die Kälte sogar den Kreis durchdrang. Wie die schwache Ahnung von etwas, was da und dann wieder fort war, formten sich Eindrücke in seinem Geist: Etwas Böses, etwas Altes und Starkes, vergessen, auf der Jagd, gefährlich.

Und dann, so schnell wie er gekommen war, war der Wind verschwunden und mit ihm Tris’ Gefühl böser Vorahnungen. Als er sich sicher war, dass sich nichts mehr im Zimmer bewegte, hob Tris seine bebende Hand, um stumm den Vier Gesichtern der Göttin zu danken, und löste anschließend den Kreis auf, zitternd, während das magische Licht in seinem Geist verblasste. Er sah sich im Raum um: Nur die auf dem Boden liegenden Pergamente, die zerbrochenen Figurinen und der umgestürzte Stuhl bezeugten, dass etwas nicht stimmte. Aufgewühlter als zuvor wandte Tris sich zum Gehen.

Auf dem Gang schrie eine Frau. Er sprang zur Tür, das Schwert schon in der Hand. In den Schatten des Korridors konnte er ein kämpfendes Paar ausmachen: die dunkle Silhouette eines Mannes, die drohend vor einer der Kammerzofen aufragte, die sich verzweifelt bemühte zu entkommen.

»Lass sie los!« Tris hob herausfordernd das Schwert. Die Gunst des Augenblicks nutzend, grub die zu Tode verängstigte Frau die Zähne in den Arm ihres Gegenübers, entwand sich seinem Griff und rannte um ihr Leben den Gang hinunter. Tris spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte, als der Angreifer sich aufrichtete und umdrehte. Er erkannte die Gestalt, noch bevor das dünne Golddiadem auf der Stirn des Mannes im Fackellicht aufglitzerte.

»Wieder einmal hast du mir den Spaß verdorben, Bruder«, funkelte Jared Drayke ihn an, und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. König Bricens ältester Sohn kam auf Tris zu, dem der Gang seines Bruders verriet, dass dieser ziemlich angetrunken war an diesem Festabend. Tris wich nicht von der Stelle, obwohl ihm das Herz bis zum Halse schlug. Bier war weder Jareds Schwinger noch seiner Fechtkunst jemals abträglich gewesen, und Tris hatte genug blaue Flecken von der Hand seines Bruders empfangen, um zu wissen, in welcher Stimmung Jared augenblicklich gerade war.

»Du bist betrunken!«, stellte Tris fest.

»Nüchtern genug, um es locker mit dir aufzunehmen!«, gab Jared zurück und fing bereits an, die Ärmel seines Waffenrocks hochzukrempeln.

»Du kannst es ja versuchen.«

»Du wagst es, gegen mich blankzuziehen?«, brüllte Jared. »Dafür könnte ich dich hängen lassen! Niemand droht dem zukünftigen König von Margolan!«

»Solange Vater regiert, bezweifle ich, dass ich hängen werde«, erwiderte Tris und spürte sein Herz hämmern. »Warum holst du dir nicht die Töchter der Adligen ins Bett, statt die Dienstmädchen zu vergewaltigen? Oder ist es zu teuer, ihre Familien auszuzahlen, wenn sie verschwinden?«

»Ich werde dich Respekt lehren!«, knurrte Jared, der Tris jetzt so nahe war, dass dieser das ranzige Gebräu in seinem Atem riechen konnte. Und mit einer Bewegung, die fast zu schnell war um sie wahrzunehmen, zog Jared sein Schwert und stürmte vor.

Tris brauchte beide Hände, um den Hieb zu parieren, von dem er nicht bezweifelte, dass er hatte treffen sollen. Er wich vor Jareds Ansturm einen Schritt zurück, kaum in der Lage, die erbitterten Attacken seines Bruders abzuwehren. Jared setzte nach, und die Wut, die in seinen Augen brannte, war jenseits jeder Vernunft. Tris kämpfte um sein Leben und war sich darüber im Klaren, dass er Jareds Druck nicht viel länger würde standhalten können, während dieser ihn zurück in den Schein des Fackelhalters trieb.

Von Weitem hallten Stiefeltritte auf dem Stein. »Prinz Jared?« Es war Zachar, der Seneschall, der rief. »Mein Prinz, seid Ihr da? Euer Vater wünscht Eure Anwesenheit.«

Mit einem Fluch löste Jared sein Schwert von Tris’ Parade und trat mehrere Schritte zurück.

»Prinz Jared?«, rief Zachar noch einmal, näher diesmal und eindringlicher.

»Ich habe Euch gehört!«, rief Jared zurück, ohne Tris aus den Augen zu lassen. Vorsichtig ließ Tris das Schwert sinken, steckte es jedoch nicht in die Scheide, ehe Jared seine eigene Waffe weggesteckt hatte.

»Glaube nicht, dass die Sache damit beigelegt ist, Bruder!«, stieß Jared hervor. »Du wirst bezahlen! Vor dem Morgengrauen wirst du bezahlen!«, versprach Jared. Zachars Schritte klangen jetzt viel näher, und Jared wandte sich um, um dem Seneschall entgegenzugehen, bevor dieser sie finden konnte.

Tris blieb einen Augenblick lang stehen, wo er war, bis der Schlag seines Herzens sich beruhigte und er wieder einigermaßen normal atmen konnte, wenngleich er immer noch am ganzen Körper zitterte. Als er seine Fassung wiedererlangt hatte, lenkte er seine Schritte in Richtung der großen Halle und wurde erst langsamer, als er die Klänge und Gerüche des Festes in einiger Entfernung vor den Türen des Bankettsaals wahrnehmen konnte.

Als Tris sich zu Soterius gesellte, musterte dieser ihn skeptisch. »Warum so eilig?«

Der Soldat war ein viel zu scharfer Beobachter, als dass ihm der Schweiß hätte entgehen können, der an diesem kühlen Herbstabend auf der Stirn seines Freundes glänzte, oder die offensichtliche Erregung, in die der Kampf ihn versetzt hatte.

»Nur eine kleine Unterhaltung mit Jared«, antwortete Tris, der Soterius lange genug kannte um zu wissen, dass dieser sich den Rest zusammenreimen würde.

»Kann denn dein Vater nicht …?«, fragte Soterius im Flüsterton.

Tris schüttelte den Kopf. »Vater kann nicht – oder wird nicht – zugeben, was für ein Monster er gezeugt hat. Selbst gute Könige sind manchmal blind.«

»Ein schönes Fest dir, Bruder!«, erklang in diesem Moment die lachende Stimme eines Mädchens hinter ihnen, und Tris drehte sich um. Vor ihm stand seine Schwester Kait, auf dem Stulpenhandschuh ihren wertvollen Falken. Ein Dutzend Lenze zählte sie; in einem Alter, in dem die meisten Prinzessinnen sich an affektierten Schritten und kunstvollen Kleidern erfreuten, strahlte sie in der Tracht eines Falkners, deren locker sitzende Jacke und halblange Pumphose verbargen, dass allmählich aus dem kleinen Mädchen eine Frau wurde. Ihr Haar war dunkel, wie das Bricens, und zu einem praktischen Zopf geflochten, der nur hervorhob, wie sehr sie sowohl Tris als auch Jared glich. Dunkeläugig wie ihr Vater, mit der Eleganz ihrer Mutter, würde Kait wohl nur zu bald die Blicke potenzieller Freier auf sich ziehen, dachte Tris mit dem Beschützerinstinkt des Bruders.

»Hat dir denn niemand gesagt, dass man sich an Spuken kostümiert?«, neckte Tris sie, und selbst die Ereignisse auf dem Gang konnten nicht verhindern, dass ein Lächeln auf sein Gesicht trat, als Kait ihn mit einem verdrossenen Blick beehrte.

»Du weißt sehr wohl, Bruderherz, dass dies der eine Abend im Jahr ist, an dem ich vernünftige Kleider tragen kann, ohne Mutter und die guten Hofdamen völlig zu schockieren«, entgegnete sie. Der Falke, einer aus einem Dutzend, das sie wie Kinder hütete, trippelte nervös auf ihrem Arm hin und her, unruhig durch das Lärmen der ausgelassenen Menge.

»Wirst du diesen Vogel auch an deinem Hochzeitstag dabeihaben?«, scherzte Tris.

Kait rümpfte die Nase, als ob sie verdorbenes Fleisch röche. »Dräng mich nicht! Vielleicht werde ich ihn in die Hochzeitsnacht mitnehmen, um nicht sofort damit anfangen zu müssen, Bälger in die Welt zu setzen!«

»Kaity, Kaity, was würde Mutter sagen, wenn sie dich so hören könnte?«, sorgte sich Tris in geheuchelter Verwunderung, während Soterius lachte und Kait ihren Bruder im Spaß auf den Arm boxte.

»Sie würde sagen, was sie immer sagt«, erwiderte sie unbeirrt. »Dass sie mir besser einen Freier suchen sollte, bevor ich beim gesamten Hof Anstoß errege.« Sie zuckte die Schulter. »Das Rennen hat begonnen.«

»Weißt du«, sagte Soterius augenzwinkernd, »vielleicht findet sie ja jemanden für dich, den du tatsächlich magst!«

Kait zog eine Braue hoch. »So wie dich etwa?«, entgegnete sie in einem so vernichtenden Ton, dass sowohl Tris als auch Soterius wieder kicherten.

Soterius hob beschwichtigend die Hand. »Du weißt, dass das nicht das ist, was ich meine.«

Kait machte Miene, zu einer weiteren Erwiderung anzusetzen, als ihr Auge auf Tris fiel, der verstummt war. »Du bist still, Tris.«

Tris und Soterius wechselten einen Blick. »Ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit Jared«, erklärte Tris. »Geh ihm heute Abend aus dem Weg, Kaity. Er hat eine schreckliche Laune.«

Kaits schelmische Stimmung verschwand mit einem Schlage, und Tris sah völliges Verstehen in ihren Augen, die auf einmal viel älter als zwölf Jahre zu sein schienen.

»Ich habe es schon gehört«, sagte sie und verzog das Gesicht. »In den Ställen wird davon geredet, dass er einen Stallburschen halb totgeprügelt hat, weil sein Pferd nicht fertig war.« Sie verdrehte die Augen. »Wenigstens ist es mir gelungen, mich ein paar Tage von ihm fernzuhalten.«

Tris sah sie an und runzelte die Stirn. »Wo hast du diesen blauen Fleck an deinem Arm her?«

Kait befühlte verlegen die Stelle. »Ist halb so wild«, sagte sie und wich seinem Blick aus.

»Danach habe ich nicht gefragt, Kaity.« Tris blieb beharrlich. Er konnte seinen Zorn schon brennen spüren, für diese Verletzung und all die anderen im Laufe der Jahre.

Kait mied seinen Blick immer noch. »Ich habe es verdient«, seufzte sie. »Jared ließ seine Wut an einem der Küchenhunde aus, und ich warf ihm einen Brotlaib an den Kopf, um den Welpen entwischen zu lassen.« Sie zuckte zusammen. »Er war nicht sehr sehr glücklich darüber.«

»Verdammt soll er sein!«, fluchte Tris. »Keine Angst, Kait. Ich werde dafür sorgen, dass er sich von dir fernhält«, versprach er, doch wussten sie beide, dass Tris’ früheren Versuchen in diese Richtung nur begrenzter Erfolg beschieden gewesen war.

Kait rang sich ein schwaches Lächeln ab. »Nach der Feier, meinst du, du könntest mir da einen deiner Breiumschläge auflegen? Es tut schon ein bisschen weh.«

Tris zerzauste ihr das Haar und empfand eine solche Mischung aus Wut auf Jared und Liebe für Kait, dass er glaubte, ihm müsse das Herz brechen. »Aber sicher doch, Kaity. Ich muss nicht einmal mehr die Kräuter aus der Küche stibitzen.«

Vor langer Zeit, als sie noch Kinder gewesen waren, hatte Tris oft nächtliche Ausflüge in die Küche unternommen und sich dort heimlich die Kräuter besorgt, die er brauchte, um die von Jared zugefügten Prellungen und Schrammen zu verarzten. Obwohl er nur acht Jahre älter als Kait war, war er vom Tag ihrer Geburt an ihr selbst ernannter Beschützer gewesen. Vielleicht hatte es ihn gerührt, wie klein und einsam sie in den Armen des Kindermädchens gewirkt hatte. Möglicherweise war es auch Tris’ Furcht, ein Baby könnte sich als unterhaltsameres Ziel für Jareds grausamen Humor erweisen als die glücklosen Hunde und Katzen, die mit erschreckender Regelmäßigkeit aus der Kinderstube verschwanden.

Kait und Tris hielten zusammen, und er ließ viele Launen Jareds über sich ergehen, um sie davor zu bewahren. Jared hatte ein Kindermädchen nach dem anderen mit seinen Zornausbrüchen vertrieben. Als Kait älter wurde, fanden sie und Tris ein wenig Sicherheit, indem sie sich gegen Jared zusammentaten und dadurch kein so leichtes Ziel mehr abgaben, sodass er sich oft widerwillig zurückhalten musste.

»Vater darf nicht mehr lange die Ohren verschließen«, meinte Kait nachdenklich und riss Tris aus seinen Gedanken.

Er schüttelte den Kopf. »Und doch wird er es tun«, sagte er. »Er will kein Wort von dem hören, was ich sage, obwohl er und Jared sich immer häufiger streiten. An manchen Tagen habe ich den Eindruck, sie streiten sich übers Guten-Morgen-Sagen.«

Kait seufzte, und der Vogel auf ihrem Handschuh tänzelte nervös hin und her. »Vielleicht Mutter –?«

Wieder schüttelte Tris verneinend den Kopf. »Jedes Mal, wenn sie versucht etwas zu sagen, wirft Vater ihr vor, ihre eigenen Kinder Jared gegenüber zu bevorzugen. Ich glaube, er hat Eldras Tod nie ganz verwunden.« Jareds Mutter war gestorben, als sie Bricens Erstgeborenem das Leben schenkte, und der König hatte beinahe zehn Jahre gebraucht, um den Willen zu finden, sich erneut zu vermählen – eine Dekade, in der Bricen sich seiner Verzweiflung hingab und der junge Prinz Jared wenig Beaufsichtigung und noch weniger Zurechtweisung erfuhr.

»Mutter will es nicht einmal mehr zur Sprache bringen«, fuhr Tris fort. »Sie versucht einfach nur noch, dich von ihm fernzuhalten.«

»Oh, oh!«, sagte Kait leise. »Noch mehr Ärger!« Tris folgte ihrem Blick über den brechend vollen Saal hinweg bis hin zu der rot gewandeten Gestalt, die im Eingang aufgetaucht war. Stille senkte sich über den Raum. Gekleidet in die fließenden, blutfarbenen Roben eines Feuerclan-Magiers bahnte sich Foor Arontala, Jareds erster Ratgeber, seinen Weg durch das Gedränge. In dem verzweifelten Versuch ihm auszuweichen teilte sich die Menge vor ihm, doch das fein geschnittene, porzellanblasse Gesicht, das unter einer schweren Kapuze und langem, dunklem Haar hervorschaute, nahm von ihrer Anwesenheit nicht einmal Notiz.

»Ich hasse ihn!«, wisperte Kait mit so leiser Stimme, dass nur Tris und Soterius sie hören konnten. »Ich wünschte, Großmutter wäre hier! Sie würde ihn wie einen Floh zerquetschen!«, zischte sie und unterstrich ihre Worte mit einem leichten Aufstampfen.

»Großmutter ist tot«, entgegnete Tris tonlos und dachte an seinen erfolglosen Versuch früher am Abend, Verbindung zu Bava K’aas Geist aufzunehmen. Er setzte an, Kait von dem Vorgefallenen zu erzählen, und hielt sich dann, aus langer Gewohnheit, zurück: Bava K’aa hatte seine Ausbildung immer so sorgfältig geheim gehalten, dass er nicht einmal jetzt gewillt war, etwas davon verlauten zu lassen.

»Ich wünschte, dein Vater hätte schneller gehandelt und sich einen eigenen Magier nach Shekerishet geholt! Selbst eine alte Heckenhexe wäre besser als das hier!«, sagte Soterius ebenso leise und mit unverhohlenem Abscheu.

Foor Arontala schob sich durch die verstummte Menge, als ob er ihre Existenz nicht wahrnähme; mit unnatürlicher Gewandtheit glitt er durch die Festbesucher und verließ die Halle auf der anderen Seite wieder. Es dauerte jedoch mehrere Minuten, bis das Lärmen der Feiernden wieder einsetzte, und noch länger, bis es wieder aus ganzem Herzen zu kommen schien.

»Möge die Vettel ihn holen!«, fluchte Tris leise.

»Er sieht aus, als hätte Sie das bereits!«, kicherte Kait.

Soterius bemühte sich, ihrer aller Stimmung aufzuheitern. »Muss ich euch beide daran erinnern, dass ein Fest im Gange ist?«, rügte er sie mit gespielter Strenge. »Da drüben ist Carroway schon fast einen ganzen Kerzenabschnitt lang beim Geschichtenerzählen, und ihr habt es verpasst!«

»Ist er immer noch da?«, fragte Kait mit plötzlichem Interesse. »Ist noch Platz?«

»Lass es uns herausfinden!«, forderte Tris sie auf und hoffte, die Zerstreuung könnte seine düstere Stimmung vertreiben.

Carroway, Margolans Meisterbarde, saß inmitten einer andächtigen Zuhörerschaft. Bei dem Gedränge der Festbesucher um ihn herum war es offensichtlich, dass der Geschichtenerzähler soeben auf den Höhepunkt seiner Erzählung zusteuerte.

Carroway hockte vorgebeugt da und berichtete in allen Einzelheiten von einem Abenteuer aus der Regierungszeit von Tris’ Ururgroßvater; seine gedämpfte Stimme zwang sein Publikum dazu, dicht aufzurücken. »Die Räuber aus Ostmark drängten weiter nach vorn und hieben und stachen sich ihren Weg zum Schloss frei. Tapfere Männer versuchten vergeblich, sie zurückzuschlagen, doch immer noch stürmten die Banditen an. Die Schlosstore waren in Sicht! Das Blut überspülte knöcheltief die Steine und alles ringsum, und das Stöhnen der Sterbenden schrie nach Gerechtigkeit.« Während Carroway sprach, beugte er sich beiläufig zur Seite und entzündete zwei graue Kerzen.

»König Hotten kämpfte mit all seiner Stärke, ebenso wie alle um ihn herum; Schwerter prallten klirrend aufeinander, die Schlacht tobte. Zwei Mal umzingelten die Mörder ihn. Zwei Mal fanden geworfene Dolche beinahe ihr Ziel.« Mit träger Eleganz schnellte Carroways Arm nach oben und, ffft, ffft, erschienen zwei Dolche aus dem Nichts und schlugen dumpf in das Balkenwerk hinter dem hintersten Zuhörer ein. Die Kinder schrien auf und kicherten dann ob Carroways Taschenspielerkunststück.

»Doch die erschöpften Verteidiger hatten keine Reservetruppen mehr, um sie in den Kampf zu werfen«, fuhr Carroway in seiner Erzählung fort. »Es war aber der Abend des Festes der Verstorbenen – Spuken, wie wir es nennen –, da unter uns kühn die Geister wandeln. Man sagt, dass an Spuken die Geister, wenn sie sich dazu entschließen, feste Gestalt annehmen und derart lebensechte Illusionen schaffen können, dass Sterbliche die Täuschung weder sehen noch spüren können, bis –«, er hielt inne, und mit einem leisen puff erschien wie von Zauberhand eine kleine Rauchwolke, »alles, was in der Nacht noch so fest gewesen, mit dem Morgen verschwindet. Dies wusste König Hotten und bat seinen Magier, alles zu tun, was die Invasoren aufhielte. Der Magier war selbst fast am Ende seiner Kräfte, und es war ihm klar, dass das Wirken eines größeren Zaubers wahrscheinlich sein Tod wäre, doch sammelte er alle Macht, die er besaß, und rief den Geist des Landes selbst an, die Rachegöttin, und die Seelen der Toten. Und mit seinem letzten Atemzug begann die Dunkelheit sich zu verändern.

Von den blutgetränkten Steinen stieg ein feiner Nebel auf. Anfangs schwebte er dicht über der Straße und wirbelte um die Beine der Räuber herum, doch dann wurde er dichter und stieg höher, bis er das Zaumzeug der Pferde erreichte. Schon bald war es ein stürmischer Wind, der unter den entsetzten Augen der Räuber Formen und Gesichter annahm, die sich verfestigten, bis sie so wirklich und materiell wie du und ich schienen.« Ein leichter Dunst stieg von Carroways Kerzen auf, wirbelte über den Boden des Schlosses und entsandte seine Greifarme unter die Zuhörer, die erschrocken zusammenfuhren, als sie ihn bemerkten, und Carroway mit weit aufgerissenen Augen anstarrten. Unter ihren Blicken nahm der dünne Dunstschleier die Gestalten der Erzählung an, phantomhafte Fetzen in den Umrissen sich aufbäumender Pferde und dahineilender Geister.

»Die Geister Shekerishets erhoben sich, um es vor den Invasoren zu verteidigen, mit der Macht der Toten und dem Willen jedes tapferen Kämpfers, der jemals bei der Verteidigung von König und Königreich den Tod gefunden hatte. Ein Heulen übertönte den Wind, die schrillen Schreie und das warnende Wehklagen der aufsteigenden Geister, und der Nebel war so dick, dass er die Angreifer voneinander trennte.« Eine schnelle Bewegung von Carroways Handgelenk, und zwei kleine Kügelchen flogen aus seiner Hand und kreischten und jammerten, als sie auf dem harten Boden auftrafen. Seine Zuhörerschaft sprang aus ihren Sitzen, die Augen weit geöffnet vor Furcht.

»Verwirrt und zu Tode erschrocken liefen die Angreifer davon«, setzte Carroway seine Erzählung fort. In seinen grauen Bardenroben, schwach beleuchtet von den flackernden Fackeln, sah er selbst wie eine Gestalt aus der Legende aus. »Die Mauer der Geister trieb sie zurück, in die wartenden Klingen der margolanischen Armee. Die gespenstischen Hüter des Schlosses drängten den Feind zurück und verfolgten ihn, bis er sich jenseits der Tore zerstreute«, sagte er und streckte die Hand aus. Sein Publikum kreischte in gefälligem Schrecken, als der Rauch sich auf Carroways Befehl hin erhob und die mannsgroße Erscheinung eines Skelettkämpfers annahm, der im Begriff stand, das Schwert aus der Scheide zu ziehen, die an seiner knochigen Seite hing.

»Es heißt, dass die Geister Shekerishet immer noch beschützen«, sagte Carroway mit einem Grinsen. »Es heißt, dass die Geister des Schlosses es gegen Eindringlinge verteidigen und kein Unheil über diejenigen in seinen Mauern kommen lassen. Es heißt, dass der Fluch von König Hottens Magier immer noch wirksam ist und dass seitdem jedes Königs Magier mit seinem letzten Atemzug etwas hinzugefügt hat. Und dies«, schloss er und lehnte sich zufrieden zurück, »ist die Geschichte von der Schlacht an den Schlosstoren.«

Tris kicherte, als die Kinder mit großen Augen wegmarschierten und ihren Geschichtenerzähler zurückließen, der sich anschickte, seine Sachen einzusammeln. Kait hüpfte zu Carroway hin und warf ihm eine neckische Kusshand zu. »Das war toll!«, plapperte sie los. »Aber du musst es gruseliger machen!« Sie zwinkerte dem Barden zu. »Wenn ich nicht schon geschworen hätte, niemals zu heiraten, dann würde ich mir dich aussuchen«, fügte sie hinzu. Tris hatte den Verdacht, dass Kait nur zum Teil spaßte, obwohl sie Tris’ Freund aus Kindertagen schon so lange kannte, dass er wie ein Bruder für sie war.

»Wegen dir wird sie noch Albträume bekommen!«, scherzte Tris und rettete den errötenden Spielmann.

Carroway grinste. »Das hoffe ich doch. Darum geht es ja an Spuken!« Er stand auf und glättete die Falten seines Umhangs. Eine Gruppe kostümierter Feiernder zog mit untergehakten Armen an ihnen vorbei, laut singend und dabei kaum einen Ton treffend.

»Schönes Spuken euch, Barde und allen!«, rief einer von ihnen und warf Carroway eine goldene Münze zu, die der Geschichtenerzähler mitten in der Luft fing.

»Ein schönes Spuken auch Euch, mein Herr!«, rief Carroway dankend zurück, hielt die Münze hoch und ließ sie, zum Entzücken der Festbesucher, mit einer schwungvollen Gebärde verschwinden. Carroway war so groß wie Tris, aber dünner, und bewegte sich mit der Anmut eines Tänzers. Sein langes, blauschwarzes Haar rahmte Gesichtszüge ein, die so hübsch waren, dass sie auf dem Grat zur Schönheit balancierten. Hellblaue Augen mit langen Wimpern sprühten vor Intelligenz und zeugten von einem scharfen Verstand.

Ban Soterius erschien an Carroways Seite. »Pass auf, dass die Priesterinnen nicht hören, wie du ihr Fest nennst«, warnte ihr Freund ihn mit gespieltem Ernst. »Es ist das Fest der Verstorbenen, junger Mann.« Grinsend massierte er sich die Knöchel. »Daran bin ich mehr als einmal erinnert worden, als ich auf der Schule war.«

»Spuken lässt sich aber viel leichter sagen«, erwiderte der Barde verschmitzt. »Außerdem, wie sonst sollte man einen Feiertag für tote Leute nennen?«

»Ich glaube fast, dass dir der tiefere Sinn des Ganzen entgeht«, lachte Tris.

»Ich sehe euch drei später«, sagte Kait und langte nach oben, um ihren Falken zu beruhigen, als wieder eine lärmende Gruppe Feiernder vorüberzog. »Ein gutes Fest euch«, rief sie. »Geratet nicht in zu viel Schwierigkeiten!«

»Du hast leicht reden«, erwiderte Tris. Er wandte sich zu Carroway um, während Kait mit der abziehenden Menge verschmolz. »Lass uns gehen, oder wir kommen zu spät zum Fest.« Die drei jungen Männer waren mit Abstand Margolans begehrteste Junggesellen, noch keine zwanzig Jahre alt, und die Ziele der ehrgeizigen Mütter bei Hofe. Während Soterius Gefallen an der Aufmerksamkeit fand und selten ohne eine Dame am Arm anzutreffen war, suchte sich Carroway seine Partnerinnen eher unter den Unterhalterinnen, Sängerinnen oder Musikantinnen des Schlosses, deren Talent er respektierte und die nicht ob seiner Freundschaft mit Tris und seiner Stellung bei Hofe in Ehrfurcht erstarrten.

Zum Leidwesen vieler Mütter am Hof und sogar, wie Tris bisweilen vermutete, seiner eigenen Mutter Sarae war Tris den Heiratsvermittlern bisher erfolgreich ausgewichen. Jareds Eskapaden machten Tris argwöhnisch, und derjenigen unter den Töchtern des hiesigen Adels, die häufiger als ein Mal imstande war, eine interessante Unterhaltung zu führen, musste er erst noch begegnen. Seine selbst auferlegte Einsamkeit stand in krassem Gegensatz zu Jareds Zügellosigkeit, und Tris war sich der Tatsache wohl bewusst, dass mancher Witzbold am Hof sich seine eigene, weniger schmeichelhafte Erklärung zurechtlegte für seine mangelnde Bereitschaft, sich mit der gleichen Regelmäßigkeit Gefährtinnen zu wählen und wieder fallen zu lassen wie der übrige Hofstaat. Sollten sie doch reden, sagte er sich. Er hatte nicht die Absicht, eine Braut nach Shekerishet zu führen, solange Jared in der Nähe war, und noch weniger den Wunsch, seine eigenen Kinder Jareds Grausamkeiten auszusetzen.

Eines Tages vielleicht, dachte er versonnen, als er beobachtete, wie Soterius und Carroway ungezwungen mit den kostümierten Mädchen scherzten, die an ihnen vorüberzogen. Eines Tages, wenn ich sicher aus Shekerishet heraus bin und dauerhaft auf Vaters Landgut lebe, weit weg vom Hof, weit weg von Festlichkeiten, weit weg von Jared.

»Wahrsagen?«, krächzte eine Stimme hinter ihnen. Erschrocken drehte Tris sich um und sah sich einer gebeugten alten Frau in einer Nische gegenüber, die ihn mit einem knorrigen Finger heranwinkte. Er wusste sofort, dass sie einer der Geister des Schlosses war, auch wenn in dieser Nacht die Gespenster offen umgingen und körperlich schienen. »Für Euch, Prinz Drayke, und Eure Freunde kostet es nichts.«

»Wo ist sie auf einmal hergekommen?«, murmelte Soterius.

Carroway zuckte die Achsel. »Lasst uns sehen, was unser Schicksal für uns bereithält!«

»Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich es wissen will«, sträubte sich Soterius, aber Carroway zog Tris bereits am Ärmel mit sich.

»Komm schon!«, stichelte Carroway. »Ich will wissen, wie groß mein Ruhm als Barde sein wird!«

»Das meinst aber auch nur du!«, brummte Soterius. »Wirklich, ich bin mir nicht sicher –«

»Ich finde, Ban hat recht«, murmelte Tris.

»Wo bleibt denn euer Abenteuergeist? Nun kommt schon!« Der Barde ließ nicht locker.

Die alte Vettel sah auf, als sie näher kamen. Sie kaute selbstvergessen auf einem Bündel Traumkraut herum, und ein bisschen Speichel tropfte an ihrem stoppeligen Kinn herunter, als sie sich eine Locke fettigen Haars aus dem Gesicht strich und nickte und mit stechend grünen Augen, die durch die drei Freunde hindurchzusehen schienen, alles in sich aufnahm. Ihr Kleid war aus verblasster Seide, einst kostbar, doch jetzt schon lange verschlissen, und sie roch nach Gewürzen und Moschus.

Die Seherin saß vor einem niedrigen Tisch mit verschlungenen Schnitzereien, in dessen abgenutzte Oberfläche komplizierte Runen eingearbeitet waren; auf seiner Mitte lag auf einem goldenen Ständer eine Kristallkugel. Sowohl die Kugel als auch der Ständer waren von weitaus größerer Qualität, als Tris es erwartet hatte, und er besah sich die Alte mit neu gewecktem Interesse.

Sie hob einen Finger und richtete ihn auf die Brust des Barden. »Du zuerst, Spielmann«, schnarrte sie. Sie sah zu Tris und Soterius hoch und ihre Augen verengten sich. »Wartet schweigend.«

Sie summte ein raues Lied, uralt und fremdartig, gerade so laut, dass Tris die Worte nicht verstehen konnte. Ihre knorrigen Hände liebkosten den Kristall, strichen über seine Oberfläche, legten sich sanft um ihn, schwebten dicht über seinen glatten Konturen.

Die Kugel begann zu leuchten – ein kaltes, wirbelndes Blau, das an ihrem Nexus begann und allmählich den gesamten Kristall mit einem strahlend blauen Lichtschein füllte. Die Alte schloss die Augen, summte und wiegte sich.

Als sie sprach, geschah es mit der klaren Stimme eines jungen Mädchens, ohne eine Spur des rauchigen Krächzens, das zuvor darin gelegen hatte. »Du bist der Schöpfer der Geschichten und der Nehmer der Leben«, sagte die Stimme des Mädchens, glockenrein und übernatürlich. »Deine Geschichten werden die größten sein, die Margolan jemals gekannt hat, aber Kummer, ja, großer Kummer wird dich deine Lieder lehren. Gib Acht, Traumspinner!«, warnte die Stimme. »Deine Reise führt dich zu den Unsterblichen. Hüte deine Seele gut!«

Tris merkte, dass er den Atem angehalten hatte; Soterius starrte die Alte regungslos an, während Carroway die Seherin mit großen Augen betrachtete, in denen sich seine Verwunderung widerspiegelte. Das Gesicht der Wahrsagerin entspannte sich, als ob ein Vorhang gefallen wäre, und die Stimme verstummte.

»Lasst uns von hier verschwinden!«, drängte Soterius.

»Bleibt!«, verlangte die Alte gebieterisch, und obgleich sie ihre rasselnde Stimme nicht hob, ließ der Befehl Soterius wie angewurzelt stehen bleiben. »Komm her, Soldat«, sagte sie, während Carroway, immer noch benommen, sich aufrappelte. Aschfahl gehorchte Soterius.

Aus den bauschigen Taschen ihres ausgefransten Gewandes zog die Vettel ein abgenutztes Kartenspiel hervor. Jalbetkarten, erkannte Tris, Arbeitsmaterial der Straßenrandorakel und Gesellschaftsvergnügen der Damen bei Hofe. Flink legte die Alte vier Karten hin.

»Der Ochse«, schnarrte sie und nannte die Karten. »Der Schwarze Fluss. Die Münze. Die Dunkle Lady.« Die Seherin stieß ein schroffes Lachen aus. »Diese sprechen für die Göttin«, krächzte sie. »Sieh genau hin!«

»Ich verstehe nicht –«

»Ruhe!« Ihr krummer Finger strich über die erste abgenutzte Karte. »Der Ochse ist die Karte der Stärke. Deine Gesundheit und Stärke werden dir gute Dienste leisten, Soldat. Zusammen mit dem Schwarzen Fluss sprechen die Karten von Krieg«, sagte sie wie zu sich selbst, und ihre Stimme hatte etwas von einem Singsang. »Du wirst von Erfolg begleitet sein. Das ist die Erzählung der Münze. Doch«, zischte sie, während ein abgebrochener Nagel bebend über die letzte Karte fuhr, »nimm dich in Acht! Denn deine Reise wird dich über finstere Straßen führen in Gesellschaft von Toten und Untoten. Du wirst unter den Dienern der Dunklen Lady sein. Hüte deine Seele gut!«

Soterius schluckte schwer und stierte auf die Karten. Er warf einen nervösen Blick auf die Kugel, die still und klar blieb. Die Vettel sah zu Tris hoch und winkte ihn wortlos heran. Mit dumpf pochendem Herzen gehorchte er und ließ sich beunruhigt nieder, nachdem Soterius ihm hastig Platz gemacht hatte.

»Gib mir deine Hand!«, forderte die Alte ihn auf und hielt ihre eigene über den Tisch. Langsam streckte ihr Tris die Hand entgegen und drehte den Handteller nach oben, als die Hexe sie zu sich zog.

»Eine große Queste kommt auf dich zu, Sohn der Lady«, wisperte die Alte und folgte mit dem Fingernagel einer kaum sichtbaren Linie auf Tris’ Handteller. »Wer kann ihr Ende sehen?«, murmelte sie und zog mit dem Nagel andere Linien auf seiner Handfläche nach. »Viele Seelen hängen in der Schwebe. Dein Weg liegt im Dunkel.« Sie holte tief Luft, und ihre Finger zitterten.

»Was ist?«, flüsterte Tris und fürchtete sich davor, lauter zu reden.

»Du gehörst tatsächlich der Lady«, krächzte die Vettel. »Deine Hand offenbart keine Todesstunde.«

»Jeder stirbt.«

»Wenn die Lady es für richtig hält. Deine Zeit ist das Werk der Lady. Du bist wahrhaftig in den Händen der Lady«, hauchte sie. »Hüte deine Seele gut, oder alles ist verloren!« Dann, vor den Augen der drei jungen Männer, begann das Bild der Alten zu flackern, und obwohl ihr Mund sich bewegte, hörten sie ihre Worte nicht mehr. Tris konnte spüren, wie eine seltsame Macht an dem Geist zog, eine Kraft, die er nicht identifizieren konnte. Der Geist schien zu zerfallen, löste sich zuerst in Dunst auf und dann in nichts.

Soterius zerrte Tris so heftig am Hemd, dass er ihn fast vom Stuhl riss. »Komm endlich!«, drängte der Soldat mit einer Stimme, die kurz vor der Panik war. »Lass uns gehen!«

Vom Bankettsaal wurde der Geruch nach gebratenem Fleisch herangetragen. Ein gewaltiges Feuer prasselte in der mächtigen Feuerstelle, und Musikanten spielten eine lebhafte Weise, während die Gäste hereindrängten. Mit einem Grinsen gesellte sich Carroway zu seinen Spielmannskollegen und nahm begierig die Laute entgegen, die ihm einer seiner Freunde in die Hand drückte. Im vorderen Teil des Raums, neben dem Tisch des Königs, konnte Tris Jared erkennen, der gerade verärgert einen Diener ausschalt. Tris sah die einstudierte Kontrolle in der Miene des Seneschalls, als Zachar sich bemühte, weder seine Missbilligung noch seine Verlegenheit zu zeigen. Kait winkte Tris zu zwei Stühlen neben ihr, und er und Soterius schlüpften durch die Menge, um ihre Plätze einzunehmen. Kaits Falke trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, und das Mädchen gab dem Falkner ein Zeichen, der daraufhin das Tier auf seinen behandschuhten Arm nahm und den Raubvogel eilends zu den ruhigeren Falkenkäfigen brachte.

»Vater hat auf unserem Gut nie Falken bei Tisch erlaubt«, flüsterte Soterius Kait zu. »Ich muss ihm unbedingt erzählen, wie das bei Hofe gehalten wird.«

Kait bedachte ihn mit einem Blick scherzhafter Enttäuschung. »Eine weitere Vornehmheit, die du mit dem Landadel teilen kannst«, meinte sie mit gespielter Langeweile.

Tris schaute Soterius an, denn er bemerkte eine plötzliche Angespanntheit an seinem Freund. »Was ist los?«, fragte er und ließ seine Blicke über die Menge schweifen, die auf König Bricens Eintreffen wartete.

Soterius schüttelte den Kopf, und wenngleich sein Gesichtsausdruck keine Schlüsse zuließ, zeigten seine Augen seine Besorgnis. »Die Wachen, die dem Fest zugeteilt sind, sind nicht diejenigen, die ich befohlen habe«, antwortete er kaum hörbar. »Ich werde ein Wort mit dem Leutnant dort drüben wechseln.« Aber gerade als Soterius sich anschickte, die Estrade zu verlassen, verkündete die Trompete eines Herolds die Ankunft von König Bricen von Margolan.

»Später«, murmelte er, frustriert von der Verzögerung. Tris sah zu, wie Bricen und Königin Sarae durch die Menge schritten und hier und da stehen blieben, um die Wohlgesinnten zu grüßen, die sich um sie drängten. Die rotbäckige Ausgelassenheit seines Vaters verriet Tris, dass der König bereits einige Humpen Bier in seinen Privatgemächern genossen hatte, bevor er sich zu den Feiernden gesellt hatte. Sarae, wie immer kühl und selbstbeherrscht, schien über den Boden zu schweben und nahm huldvoll die Knickse und Verbeugungen der Damen und Edelmänner entgegen, die zwischen den Tischen einen Gang bildeten. Bricen half Sarae auf die Estrade, gerade als Jared mit der Strafpredigt, die er dem Diener gehalten hatte, zum Ende kam; der König blickte seinen ältesten Sohn finster an, dessen stumme Antwort in einem wütenden Funkeln bestand, das keinen Anspruch darauf erhob, die Spannungen zwischen Vater und Sohn vor den Anwesenden zu verbergen.

»Werte Edle!«, dröhnte der König. »Heute Abend sollen die Lebenden wie die Toten gleichermaßen feiern! Wie wir jetzt sind, waren sie einst. Und, bei der Göttin, wie sie jetzt sind, werden wir eines Tages sein, darum lasset uns essen und trinken, solange wir noch können!«

Der König setzte sich auf seinen Platz und wusch sich die Hände in der dargereichten Schüssel. Der Mundschenk und seine Helfer begannen mit der Arbeit, und eine Prozession von Küchenbediensteten, beladen mit dampfenden Schneidebrettern voll gebratenen Wildbrets, folgte dem Küchenmeister zum Tisch des Königs. Carroway und seine Mitmusikanten stimmten eine fröhliche Weise an, und das Stimmengewirr, das von Bricens Ankunft unterbrochen worden war, erwachte lärmend wieder. Doch ungeachtet der festlichen Atmosphäre spürte Tris, wie ein Gefühl der Kälte sich seiner bemächtigte. Die rätselhafte Warnung des Geistes ließ ihm keine Ruhe. Als er sich in dem großen Raum umblickte, bemerkte er keines der Schlossgespenster, die normalerweise selbst für diejenigen ohne eine Spur von magischer Begabung so deutlich sichtbar waren. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass die Geister jemals irgendeinem Fest ferngeblieben waren, erst recht nicht Spuken.

Als das Festessen seinen Fortgang nahm, fühlte Tris Soterius’ zunehmende Anspannung. Bei der ersten Gelegenheit entschuldigte sich Soterius und schlüpfte zu dem diensthabenden Leutnant hinüber, um mit ihm zu sprechen. Nach wenigen Augenblicken kam er zurück, doch seine Miene spiegelte immer noch Besorgnis wider. »Was gibt’s?«, murmelte Tris.

»Das gefällt mir nicht. Der Leutnant sagt, Jared habe ihm befohlen, die Wachen auszutauschen.« Soterius schüttelte fast unmerklich den Kopf. »Schau dich doch um! Es sind alles neue Wachen, die jüngeren, die von Jareds Gerede von einer größeren Armee angetan sind. Ich hatte mehr von den erfahrenen Männern befohlen, deren Loyalität dem König gegenüber ich nicht anzweifle.«

Tris ließ seinen Blick über die Menge wandern: Soterius hatte recht. Monatelang hatte Jared den Kasernen Besuche abgestattet. Um die Stimmung der Wachen zu heben, hatte der Prinz auf die Fragen seines Vaters geantwortet. Bricen, möglicherweise der ständigen Auseinandersetzungen mit seinem Erben müde, ließ es dabei bewenden. Jetzt spürte Tris, wie sich seine bösen Ahnungen wegen Jareds plötzlichem Interesse erneut meldeten. Ebenso beunruhigend waren, wie ihm auffiel, die Gesichter, die er unter den Festbesuchern sah – beziehungsweise nicht sah. Nur wenige der älteren Edelmänner waren anwesend, der Lords und Barone, deren Loyalität zur Krone uneingeschränkt war. Diejenigen, die sich unter den Gästen befanden, sahen aus, als ob sie sich in ihrer Haut nicht wohlfühlten, eine Seltenheit auf einer von Bricens legendären Feiern. Stattdessen erblickte Tris viele Angehörige des neueren Adels, Grundbesitzer, deren Erstgenerationenstatus auf dem Schlachtfeld gewonnen oder durch eine noch nicht lange zurückliegende Gunstbezeigung zuteilgeworden war. Und Tris wusste, dass, genau wie bei den Wachen, bei diesen Neuadligen Jareds flammende Reden von Expansion und Eroberung auf offene Ohren trafen und als viel aufregender empfunden wurden als Bricens solide Staatskunst.

Unter dem Vorwand, einen Becher schlechten Wein zurückgeben zu wollen, gab Tris Zachar ein Zeichen. Eine geflüsterte Frage und deren Bestätigung gaben Tris seine Antwort, auch wenn diese nicht dazu beitrug, seine Befürchtungen zu beschwichtigen.

»Zachar sagt, dass viele der älteren Adligen zu spät auf die Einladung geantwortet haben, so als ob sie sie nicht rechtzeitig erhalten hätten«, berichtete Tris Soterius im Flüsterton. »Sehr eigenartig. Und in jedem Fall schien es einen dringenden Grund zu geben, warum sie nicht kommen konnten.«

»Denkst du, sie wissen etwas, was wir nicht wissen?«

Tris warf einen verstohlenen Blick auf Jareds Ende des Tisches, wo Foor Arontala neben dem Prinzen saß und mit dem Essen auf seinem Schneidebrett spielte, jedoch nichts davon aß. »Vielleicht wurde bei diesen dringenden Gründen etwas nachgeholfen«, meinte Tris und sah weg, als Arontalas starrer Blick in seine Richtung fiel.

»Und was sollen wir deshalb unternehmen?«, fragte Soterius, die Worte gedämpft von einem Bissen Wildbret.

Tris zögerte. »Ich will mir einmal anschauen, was in Arontalas Arbeitszimmer vor sich geht.«

Soterius verschluckte sich an seinem Fleisch, sodass der Diener hinter ihm ihm auf den Rücken schlagen musste. »Du willst was?«, krächzte er, nachdem er einen Schluck Wein genommen hatte. »Bist du übergeschnappt?«

Einen Moment lang gab Tris keine Antwort, der Tatsache eingedenk, dass Jareds Blicke auf ihnen ruhten. Als Jared seine Unterhaltung mit dem rotgewandeten Magier wieder aufnahm, sah auch Tris Soterius wieder an. »Wenn Jared irgendwas im Schilde führt, dann kannst du darauf wetten, dass Arontala dahintersteckt. Und wir werden nicht erfahren, um was es sich handelt, wenn wir uns nicht in diesem Arbeitszimmer umschauen.« Obwohl Tris nicht bereit war, seinem Freund von der Warnung des Geistes zu erzählen, war er bereits zu dem Schluss gekommen, dass, falls ein Wesen wie ein ›Seelenfänger‹ eine Bedrohung darstellte, das Bibliothekszimmer des Feuerclan-Magiers der erste Ort war, um danach zu suchen.

»Du weißt, dass ich nicht viel von Magie halte«, versetzte Soterius leise. »Aber ich glaube meinen Wachen, wenn sie mir sagen, dass die Türen zu Arontalas Räumen durch Zauber fest verschlossen sind. Niemand kommt oder geht ohne ihn.«

Tris kaute nachdenklich an einer Hammelkeule. »Dann lass uns das Fenster versuchen.«

»Nein. Oh je, keine gute Idee! Außerdem dachte ich, du hasst Höhen.«

»Tu ich auch«, gab Tris zu. »Aber es ist für eine gute Sache. Ach komm, du brennst doch schon seit letztem Jahr darauf, mich wieder in deine Kletterausrüstung zu stecken. Und du weißt, dass du an Spuken immer gern ein Kunststückchen versuchst, und sei es auch nur, um Zachar ein paar graue Haare mehr wachsen zu lassen.« Er kicherte. »In einem Jahr hast du beschlossen, wir sollten uns vom Turm abseilen, und um ein Haar hätten uns die Wachen abgeschossen! Im Jahr darauf musstest du unbedingt versuchen, dich von den Schlafzimmern aus auf die andere Seite des Schlosshofs zu schwingen, aber stattdessen bist du in den Ställen gelandet!«

»Dank sei der Mutter und dem Kinde, dass es Heu und nicht Mist war«, entgegnete Soterius trocken. »Es ist dir also ernst damit, stimmt’s?«

Tris nickte. »Zu viele Dinge sind nicht so, wie sie sein sollten. Es wird sich eine Gelegenheit bieten, wenn das Essen vorüber ist und das Fest sich hinunter in die Stadt verlagert.«

Der Rest der langen Feier verlief ereignislos. Die Auftritte von Jongleuren, Akrobaten und Zauberern hoben sogar Tris’ Stimmung. Carroway, der führende Kopf hinter den Festivitäten des Abends, wirkte recht zufrieden mit sich selbst, während er die Schausteller bemutterte, in einer Ecke des Festsaals die kunstvoll gearbeiteten Kostüme zurechtrückte, letzte Veränderungen an der Schminke vornahm und mit Stolz zusah, wie eine Darstellertruppe nach der anderen sich bemühte, sich vor dem König selbst zu übertreffen. Als Carroway eine lange, betörende Ballade ausklingen ließ, die zu Saraes Lieblingsstücken zählte, zeigte Bricen dieselbe Begeisterung beim Feiern, für die er auch bei der Jagd legendär war, und spendete brüllend und klatschend Applaus, was die Gäste zu noch lauteren Beifallsbekundungen veranlasste. Tris hatte jedoch den Eindruck, dass seine Mutter nicht bei der Sache war, so als ob sie darauf wartete, sich endlich in ihre privaten Räumlichkeiten zurückziehen zu können. Das war ungewöhnlich, dachte er besorgt, denn seine Mutter – wenngleich nie so ausgelassen wie Bricen – war bekannt für ihre Freundlichkeit als Gastgeberin und hatte normalerweise eine Schwäche für Carroways Balladen.

Als die Glocken im Turm Mitternacht schlugen, wurden die Außentüren zum Saal aufgestoßen. Eine schwarz verhüllte Gestalt, deren Gesicht unter einer tiefen Kapuze lag, stand im Eingang, in den Händen einen glitzernden Kelch. Lautlos verbeugte sich die Gestalt achtungsvoll vor Bricen, der seine Rolle in dem Drama spielte und sich erhob.

»Sei gegrüßt, Großmutter Gespenst«, intonierte der König. »Wir sind bereit für den Marsch.« Hinter der verhüllten Gestalt der Vettel erschienen vier kostümierte Schauspieler, jeder in einer der anderen Erscheinungsformen der vierfaltigen Gottheit: Mutter, Kind, Geliebte und Kriegerin. Vier Erscheinungsformen einer Göttin, ihre unbeständigen Aspekte. Der König bot Sarae seinen Arm an. Gemeinsam führten sie die Prozession zu den wartenden Schauspielern an und schritten an den Tischen vorbei, die sich hinter ihnen leerten, als die anderen Gäste sich einreihten. Tris sah, wie Soterius Carroways Aufmerksamkeit auf sich lenkte und dem Barden ein kaum merkliches Zeichen gab; der Spielmann nickte bejahend, derweil die Prozession die Festhalle verließ.

Tris zog Soterius in einen Seitengang und ließ die lärmenden Essensgäste sich vorbeidrängen. Wenige Minuten später schlüpfte Carroway in den Gang. »Was gibt’s?«, fragte der Barde, während die letzten Feiernden vorbeizogen. Die drei Freunde begaben sich tiefer in den Schatten, und Tris warf einen nervösen Blick in den vom Fackellicht erhellten Saal, um sicherzugehen, dass sie allein waren.

»Vater und der Rest der Familie werden sich an den Haupttoren von den Gästen verabschieden«, zischte er. »Spät, wie es ist, werden sie vermutlich alle nach oben schlafen gehen. Sobald alles ruhig ist, können wir uns zum Turm aufmachen und von dort aus runterklettern.«

Soterius sah Tris schief an. »Wir sollten mal festhalten, dass diese Sache auf königlichem Mist gewachsen ist«, stellte er fest. »Tris hat eine verrückte Idee, die uns wahrscheinlich alle als verschmorte Fleischstücke oder Frösche enden lassen wird«, beklagte sich der Soldat bei Carroway, doch als Tris diesem ihr nächtliches Vorhaben auseinandersetzte, zeigte seine Miene, dass er sich damit abgefunden hatte.

»Ich bin dabei!«, stimmte der Spielmann zu, als Tris geendet hatte. »Wir Barden sind recht offen für Magie«, meinte er mit gespielter Hochnäsigkeit in Richtung Soterius, der ein finsteres Gesicht aufsetzte. »Anders als diese plebejischen Militärtypen, die nur an das glauben, was sie sehen. Auf mich kannst du zählen!«

»Was ich sehe, macht mir schon genug Sorgen«, grummelte Soterius. »Wartet hier! Ich hole meine Ausrüstung.«

KAPITEL ZWEI

Soterius kam mit einer großen Tasche aus seinem Quartier zurück, und gemeinsam machten sich die drei auf den Weg durch die Korridore von Shekerishet. Es war bereits in den frühen Morgenstunden; der Trubel der Feierlichkeiten erstarb allmählich im Schloss. Die meisten Festbesucher waren gegangen. Ein paar kostümierte Nachzügler zogen noch über die Höfe, als Tris und seine Freunde die Treppen zu den oberen Räumlichkeiten emporstiegen.

Ihr Ziel war der Bereich über den Audienzzimmern des Königs. Tris gab sich alle Mühe, seine früheren Vorahnungen beiseitezuschieben. Trotz der Warnungen des Geistes und der Erscheinung seiner Großmutter stießen sie auf nichts Ungewöhnliches. Unter anderen Umständen hätten sie an ihrem nächtlichen Abenteuer vielleicht Spaß gehabt und alte Streiche wieder aufgewärmt, die er und die anderen zusammen ausgeheckt hatten, wenn sie von den Pflegefamilien zurückkamen. Sie waren damals temperamentvolle Jungen gewesen, Zachars persönlicher Fluch, wie der Seneschall ihnen gerne erzählte. Tris mochte der zweite Sohn des Königs sein, aber das hatte ihn nicht vor einer Standpauke bewahrt, wenn die Dinge einmal ausuferten.

»Du bist so still«, holte Soterius ihn aus seinen Erinnerungen zurück in die Gegenwart.

Tris zuckte die Schultern. »Vielleicht hat mich die ganze Feierei ermüdet. Es war eine lange Woche.« Er zögerte. »Carroway, hast du seit der Wahrsagerin eins der Schlossgespenster gesehen?«

Carroway schüttelte den Kopf. »Jetzt wo du es erwähnst – nein. Eigenartig, besonders für Spuken. Ich habe jede Menge Leute gesehen, die als Gespenster verkleidet waren, aber keine Spur von den echten Geistern.«

Tris nickte unbehaglich. »Irgendetwas stimmt da nicht. Ist euch die Art und Weise aufgefallen, wie die Wahrsagerin verschwunden ist, wie sie weggezogen zu werden schien? Und wo sind die übrigen Geister? Auf dem Fest gibt es immer mindestens so viele Geister wie Sterbliche, und darüber hinaus sind sie an Spuken auch am besten zu erkennen.«

»Das hat wohl was damit zu tun, warum wir es so nennen, haha!«, witzelte Carroway. »Aber sonderbar ist es schon, da gebe ich dir recht.« Er zuckte mit den Achseln. »Vielleicht unterhalten sie alle die Gäste im Schlosshof. Oder vielleicht haben sogar sie ein bisschen zu viel gefeiert und haben sich dahin zurückgezogen, wo Geister sich eben so ausruhen.«

»Vielleicht«, sagte Tris nicht überzeugt.

Carroway wurde wieder ernst. »Denkst du auch deswegen, dass es Schwierigkeiten gibt?«, fragte er, und Tris erkannte, dass er damit mehr meinte, als er sagte. Während Tris vor Soterius sein magisches Talent immer verlegen heruntergespielt hatte, war Carroway stets ein williger Helfer gewesen, wenn Bava K’aa die Jungen um Handreichungen bei einem kleineren Wirken gebeten hatte. Carroway stand auch Tris’ Fähigkeit aufgeschlossen gegenüber, zu jeder Zeit des Jahres – nicht nur an Spuken – mit Geistern zu reden, und bezog den Stoff für einige seiner besten Lieder und Erzählungen aus den Geschichten dieser lange toten Höflinge. Tris hatte früh gelernt, seine Gabe zu verheimlichen, obwohl Kait und Bava K’aa ihn insgeheim zu ihrer Pflege ermutigten. Instinktiv wusste Tris, dass in Jared kein Verdacht aufkommen durfte, dass sein Bruder ein magisches Talent besaß. Und nur zu gern enthielt er auch den Schlosswitzbolden weiteren Stoff für ihren Klatsch vor.

»Beeilung!«, wisperte Soterius und hielt eine Tür auf. Sie folgten ihm in den dunklen Raum; Carroway entzündete eine Fackel.

»Also wie sieht jetzt der Plan aus?«, fragte Tris.

Soterius grinste und packte seine Tasche aus. Zwei große, schwere Seilrollen fielen auf den Boden. Ihnen folgten zwei Klettergurte aus Lederriemen und Schnallen. Soterius wand sich in einen Gurt hinein und reichte den anderen Tris. »Könntest du mir vielleicht mal helfen?«

»Und jetzt?«, fragte Carroway skeptisch. »Menschen sind nicht dazu geschaffen, wie Fliegen an Wänden herunterzuklettern.«

»Daheim auf den Ländereien meines Vaters klettern alle so an den Wänden herunter«, erklärte Soterius ihm.

»Alle?«, hänselte ihn Tris.

»Na ja, in Ordnung, hauptsächlich eigentlich die Bergbewohner, denn die Felsen sind so steil, dass sie anders nirgendwohin kämen. Aber wir haben viele Bergbewohner und viele Felsen, also machen es doch fast alle!«, verteidigte sich Soterius. »Hilf mir dabei, es festzumachen, bevor wir erwischt werden! Wenn ich schon eine weitere Standpauke von Zachar kriege, dann will ich mir sie auch verdienen!«

»Du hast ein ziemlich sonderbares Steckenpferd«, murmelte Carroway, während er das Seil festzog.

»Da das von einem erwachsenen Mann kommt, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdient, Kinder mit Rauchgeistern zu erschrecken, nehme ich es als Kompliment«, gab Soterius zurück. Jetzt, da sein eigener Gurt gesichert war, wandte er seine Aufmerksamkeit Tris zu, überprüfte noch einmal das robuste Leder und testete die Schnallen. Als beide Männer mit ihrem Kletterzeug zufrieden waren, sicherten sie die Seile an Eisenringen, die tief in die Steinwand in der Nähe des Kamins eingelassen waren. Soterius öffnete das Fenster und beugte sich hinaus, um sich umzusehen. Er setzte sich auf den breiten Stein des Fenstersimses und schwang seine Beine über die Schlossmauer, dann sah er hinunter auf die Steinplatten vier Stockwerke tiefer. Dies war der höchste Teil Shekerishets, dessen unterste Geschosse in den felsigen Abhang gehauen waren, an den das Schloss sich schmiegte.

Die ältesten Teile Shekerishets waren diesem Fels vor fast fünfhundert Jahren abspenstig gemacht worden. Errichtet aus dem gleichen grauen Granit, aus dem auch die Felsen bestanden, war das alte Schloss eine schmucklose Festung, eckig und bedrohlich, mit Zinnen und Schießscharten für Bogenschützen. Über die Generationen hinweg hatten Margolans Könige an die ursprüngliche Burg angebaut, hatten sie um ganze Flügel und neue Türme ergänzt, sodass Shekerishet jetzt am Fuße der schroffen Bergwand geradezu wucherte, eine brütende Präsenz über der Stadt und den Bauernhöfen darunter.

Grinsend tätschelte Soterius den Sims neben sich – die Aufforderung an Tris, sich zu ihm zu gesellen. Tris musste gegen ein kurzes Schwindelgefühl ankämpfen, als er in den Hof hinunterblickte.

»Na schön, los geht’s!« Soterius stieß sich ab und rotierte einen Moment lang am Seil, bis er sich mit dem Rücken zum Hof und den Füßen gegen die Steinmauer stabilisierte.

»Wir hätten dir eine Zielscheibe auf den Rücken malen sollen, um es den Bogenschützen leichter zu machen«, frotzelte Carroway.

»Sehr komisch«, murmelte Soterius. »Sieh zu, dass du deine Fahne griffbereit hast, Tris, falls jemand auf dumme Gedanken kommt!«

Tris legte die Hand auf den Wimpel des zweiten Sohns des Königs in seiner Tasche. Eigentlich war das Stück Stoff dazu gedacht, ihn in der Schlacht kenntlich zu machen, aber heute Nacht wollte er es entrollen, falls eine Wache sie entdeckte: Möglicherweise würde der Bogenschütze dann mit dem Schießen warten und ihn noch rechtzeitig identifizieren.

»In Ordnung, Tris. Du bist dran!«

Tris schluckte schwer und ließ sich über den Sims hinab. »Mir ist gerade wieder eingefallen, wie sehr ich Höhen hasse.« Er sog scharf die Luft ein, als er sich einen Augenblick lang in der kalten Herbstluft um die eigene Achse drehte, und kämpfte gegen den Drang an, die Augen zu schließen. Da er wusste, dass die Blicke seiner Freunde auf ihm ruhten, signalisierte Tris mit einem Nicken seine Bereitschaft.

Soterius arbeitete sich vorsichtig an den glatten Steinen der Schlossmauer herunter. Tris folgte ihm und versuchte, sich nicht durch ständiges Ziehen am Seil zu beruhigen. Zwar kletterten er und Soterius bei gutem Wetter häufig in den Felsen rings um Shekerishet, doch seit dem Sommer war Tris nicht mehr draußen gewesen; diesen Mangel an Übung spürte er jetzt schmerzhaft in seinen Muskeln.

Es war weniger warm, als er erwartet hatte, und er fühlte die Kälte deutlich in seinem Gesicht. Tris warf einen Blick auf Soterius, doch der Gardist grinste bloß, während der Wind ihm die dunklen Haare in die Augen peitschte. Sollte der König just diesen Moment wählen, um an einem der Fenster aufzutauchen, hätten sie alle etwas zu erklären, aber das war das Gute an Spuken: Fast alles konnte im Namen der ausgelassenen nächtlichen Festlichkeit vergeben werden.

Tris näherte sich den Fenstern des zweiten Stockwerks und runzelte die Stirn. Hinter einem der Fenster war Licht, ein eigenartiges, rotes Leuchten, das nicht wie der Schein eines Feuers aussah. Das Leuchten kam aus Foor Arontalas Räumen und pulsierte wie der Schlag eines Herzens. Ohne Soterius’ besorgtem Blick Beachtung zu schenken, arbeitete Tris sich vorsichtig näher an das Fenster heran.

Er spürte das vertraute Kribbeln am Rand seiner Sinne, das auf Magie ganz in der Nähe hindeutete. Doch diese Magie hier fühlte sich anders an als die Macht seiner Großmutter, dachte Tris, dessen Atem in der kalten Nachtluft dampfte. Selbst auf Armeslänge Abstand vom Fenster hing eine Aura der Furcht in der Luft, die ihn fast zurücktrieb. Er kämpfte sich weiter, obwohl die düsteren Vorahnungen beinahe greifbar waren; und obschon keine materielle Barriere ihn aufhielt, hatte er dennoch zunehmend das Gefühl, durch tiefes, eiskaltes Wasser zu waten, je näher er seinem Ziel kam.

Tris zwang sich dazu, seine Angst zu überwinden, und näherte sein Gesicht der Scheibe, um einen Blick ins Innere zu erhaschen. Das Zimmer war dunkel, doch die glühenden Holzscheite im Kamin gaben so viel Licht ab, dass er das Drum und Dran des Arbeitsplatzes eines Zauberers erkennen konnte: Kelche und Athamen, Schnüre aus geflochten Materialien jeder Art, eine Schale für Weissagungen, beschriebene Zettel und Knochen – Gegenstände für die Wahrsagerei – und Büschel getrockneter Kräuter, die sich den Platz mit Phiolen voller Pulver und Tränke teilten. Doch nur ein Objekt im Zimmer des Zauberers nötigte Tris wirkliches Interesse ab und ließ ihn erstarren, als ob es von seiner Gegenwart wissen könnte: Auf einem Sockel in der Ecke des Raums befand sich eine Kristallkugel von der Größe eines Männerkopfes, die ein pulsierendes, blutrotes Licht verströmte. Unter Tris’ Blicken schien das Licht sich zu bündeln, und einen Augenblick lang hätte er schwören können, dass es sich auf ihn richtete wie ein blutiges Auge, das ihn anstarrte. Das Herz schlug ihm bis zum Halse, und plötzlich war er sich nicht sicher, ob er sich losreißen konnte.

»Hast du den Verstand verloren?«, zischte Soterius neben ihm und ließ ihn erschrocken zusammenfahren.

»Kannst du es nicht spüren?«, murmelte Tris und wich vom Fenster zurück.

Soterius sah ihn zweifelnd an. »Ich kann spüren, wie mein Allerwertester abfriert, falls es das ist, was du meinst.« Sie hörten die verärgerten Stimmen von Männern, die direkt vor der Tür zum Zimmer des Zauberers stehen mussten; Tris und Soterius schwangen sich zurück und drückten sich platt gegen die Mauer, als Fackellicht flackernd in den Raum fiel und die Stimmen näher kamen. Jared und Vater, dachte Tris sinkenden Mutes. Und diesmal war ihr Streit, was immer er zum Gegenstand haben mochte, hitziger als sonst, und Bricen schien in seinem Zorn dem Schlaganfall nahe, auch wenn Tris die Worte der beiden nicht verstehen konnte. Er schob sich vorsichtig wieder so nahe heran, dass er hineinsehen konnte, und hielt entsetzt den Atem an.

Es war Magierlicht, kein Fackellicht, von dem der Raum erhellt wurde. Irgendetwas stimmte nicht – stimmte ganz und gar nicht. Blaues Magierlicht schien aus Arontalas Hand und presste den König gegen die Wand. Auch wenn Tris nichts von dem, was gesprochen wurde, hören konnte, bedurfte König Bricens Gesichtsausdruck keiner Erklärung, ebenso wenig wie das boshafte Grinsen, das Jareds Züge verzerrte, als der Kronprinz mit erhobenem Dolch dicht an seinen Vater herantrat.

Gesunder Menschenverstand und Entsetzen behielten schließlich die Oberhand über den Schock. Soterius zerrte hektisch an seinem Seil, das Signal für Carroway, sie hochzuziehen. Tris’ Herz hämmerte wie verrückt, als Jared Bricen den Dolch tief in die Brust stieß. Gerade als Tris sich anschickte, die Scheiben einzutreten, schwang sich Soterius gegen ihn und drückte ihn so hart gegen die Mauer, dass es ihm den Atem verschlug.

»Bist du verrückt?«, fuhr Soterius ihn zischend an. »Du hast keine Chance! Wir müssen die Wachen holen«, argumentierte er und kämpfte mit aller Macht gegen Tris’ verzweifelte Bemühungen an. In diesem Augenblick reagierte Carroway auf das Signal und begann, sie nach oben zu ziehen. Tris überwand seinen Schock und fand die Geistesgegenwart, die letzten paar Körperlängen selbst zu klettern; halb krabbelte er, halb warf er sich durch die Fensteröffnung, vor Schrecken wie vor Anstrengung gleichermaßen nach Atem ringend.

»Ihr seht ja aus, als ob ihr die Rächerin selbst erblickt hättet!«, bemerkte Carroway und half Soterius auf die Beine.

»Der König!«, stammelte Soterius, der vor Furcht und Kälte wie erstarrt war. »Sie haben den König umgebracht!«

»Das ist nicht lustig«, sagte Carroway und warf noch einmal einen Blick aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass sie der Aufmerksamkeit der Wachen entgangen waren. Seine Stimme verlor sich, als er Tris anschaute, und er erbleichte.

»Es ist wahr«, keuchte Tris, der auf dem Boden kniend um Fassung rang. Sein Herz pochte so heftig, dass er kaum reden konnte. »Ich habe gesehen, wie Jared –«

»Ihr könnt nichts besonders gut gesehen haben«, gab Carroway mit einem unsicheren Blick auf Soterius zu bedenken. »Ihr wart nicht sehr lange unten.«

Soterius fing an, sich seines Kletterzeugs zu entledigen, so schnell, wie seine kalten Finger es zuließen. »Es war der König, und es war Jared«, wiederholte er, als ob er mit einem begriffsstutzigen Kind spräche. »Und Arontala. Da war ein blaues Licht, das den König an die Wand nagelte. Dann kam Jared näher und, du liebe Göttin, er stach auf König Bricen ein, wieder und wieder.« Er schloss die Augen, als ob er damit der Erinnerung entkommen könnte.

Tris schob sich an ihm vorbei auf die Tür zu, den Schritten der Dienerschaft entgegen. »Ich muss Mutter und Kait warnen!«

»Tris!«, rief Soterius und packte ihn beim Arm. »Wenn Jared den König umgebracht hat, dann ist er auch hinter dir her! Wir müssen dich hier rausschaffen«, erklärte Soterius mit soldatischer Ruhe. »Mit dem Tod Bricens steht die Krone auf dem Spiel. Jared wird nicht dulden, dass ihm jemand im Weg steht. Wir müssen dich in Sicherheit bringen!«

»Nicht ohne Kait und Mutter!«, brauste Tris auf, dessen Erschütterung der Wut gewichen war. Er schüttelte die Hand seines Freundes ab und riss die Tür zur Hintertreppe auf.

»Na gut, aber dann kommen wir auch mit«, entschied Soterius und warf Carroway das Seil zu. »Hier. Trag das. Ich habe ein Schwert und du nicht.« Er verriegelte die Vordertür zu ihrem Zimmer und zog seine Waffe. »Wenigstens werde ich sie eine Weile aufhalten können, wenn sie uns suchen kommen.«

Er sah zu Carroway, doch der Barde hatte bereits einen kleinen Dolch aus den Falten seines Gewandes gezogen. »Hast du etwa gedacht, der wäre nur für die Geschichten?«, fragte Carroway. »Einige deiner Armeekumpels machen sich ab und zu einen Spaß daraus, Barden aufzumischen.«

Soterius schlüpfte an Tris vorbei und ging voran, die Stufen hinunter. Vorsichtig versuchte er die hintere Tür am Fuß der Treppe zu öffnen – sie war nicht verschlossen. In dem Schlafgemach sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Neben der Vordertür lag, zusammengekrümmt in ihrem blutbefleckten Festgewand, Königin Sarae.

»Mutter!«, schrie Tris und spürte die Panik in seiner Stimme aufsteigen, während er sich an Soterius vorbei ins Zimmer drängte.

»Du liebe Lichte Göttin!«, keuchte Carroway. »Jared hat einen Staatsstreich durchgeführt!« Soterius war schon an der Tür zum Gang, die aufgebrochen und nutzlos in den Angeln hing.

Bitte, bitte nicht!, flehte Tris die Göttin an, als er Sarae erreichte. Ihr Körper fühlte sich noch warm an und zeigte keine Anzeichen von Starre, als er sie herumrollte, um in ihr Gesicht zu sehen. Aus ihrer Brust ragte der Dolch, der ihrem Leben ein Ende gesetzt hatte; ihr Kopf hing schlaff von seinem Arm herab. Sein Hals war wie zugeschnürt, und Wasser stieg ihm in die Augen, als er vergeblich nach einem Herzschlag horchte. Sie war tot.

Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle, als er Sarae in seinen Armen wiegte; er kniff die Augen zusammen, denn ungebetene Tränen strömten über sein Gesicht. Nach Atem ringend wischte sich Tris mit dem Ärmel über die Augen und ließ seine Blicke noch einmal prüfend durch den Raum wandern. Er ließ Saraes Leichnam sanft zu Boden gleiten, fuhr mit einer Hand über die starren Augen, um sie zu schließen, und sandte ein geflüstertes Gebet zur Lady.

Ein Stöhnen ließ ihn auffahren; Soterius wirbelte mit gezogenem Schwert herum. Fast nicht zu sehen im heillosen Durcheinander eines umgestürzten Bettes lag Kait. Tris und Carroway liefen zu ihr hin, wobei sie Trümmer und die Leiche eines getöteten Gardisten zur Seite schieben mussten, und befreiten sie aus dem Gewirr von Decken. Kait lag bleich und reglos da; ihr blutbesudeltes Nachthemd warnte Tris davor, sich allzu große Hoffnungen zu machen.

»Kait, kannst du mich hören?«, flüsterte Tris und schloss sie in die Arme, drückte sie gegen die Jacke, die von Saraes Blut befleckt war. Dunkle Lady, bitte, flehte er stumm. Nicht beide! Bitte, verschone sie!

»Was ist geschehen?«, fragte er leise, während Kaits Gesicht sich vor Schmerz verkrampfte. Ihre Lippen waren bläulich verfärbt, ihr Atem ging schnell und flach. Er spürte, wie ihr Blut ihm durch die Finger sickerte, als er versuchte, die klaffende Wunde in ihrem Bauch zusammenzupressen. Der Verletzung war so schwer, dass ihr nur der erfahrenste Schlachtenheiler hätte helfen können, und kein solcher Heiler war zur Hand.

Kaits Augen öffneten sich. Sie blickte ihn an und brachte ein schwaches Lächeln zu Wege. »Ich wusste, dass du kommen würdest, Tris. Bist du auch tot?«

Tris erstickte ein Schluchzen und schämte sich nicht der Tränen, die über seine Wangen liefen. Die Stimme drohte ihm zu versagen; er schüttelte den Kopf. »Nein, Kaity«, gelang es ihm zu krächzen. »Noch nicht, wenigstens. Und du auch nicht.«

»Bald. Ich habe die Göttin gesehen. Sie wartet.«

»Wer hat das hier getan?«, verlangte Tris so sanft, wie es ihm möglich war, von ihr zu wissen und ergriff ihre Hand, als ob er ihren Geist fester an sich binden wollte.

Kait hustete, und Blut sprenkelte ihre Lippen. »Jareds Männer«, hauchte sie. »Sie warteten auf uns. Ich habe versucht, Mutter zu beschützen. Du wärst stolz gewesen.«

»Ich bin stolz«, flüsterte Tris und blinzelte die Tränen zurück.

»Hättest mich sehen sollen, großer Bruder. Ich glaube, ich habe einen von ihnen erwischt.«

Tris warf einen Blick über die Schulter auf die Leiche des Gardisten. »Das hast du, Kaity. Das hast du.«

»Ich muss gehen.«

»Kaity, bleib bei mir!«

Ihre Augen öffneten sich weiter. »Tris – du bist auch hier! Wie Großmama.« Sie hustete heftiger und Tris dachte, es sei vorbei. »Wenn du es fest willst, kann ich bleiben«, murmelte sie mit flatternden Lidern. »Ich werde einfach deine Hand auf dieser Seite nehmen.«

Das Bild brannte hell in Tris’ Verstand, als er sie an sich presste: Kait, die seine Hand nahm und festhielt. Mit allem in seinem Wesen wollte er, dass es so sei. Doch noch während er darum kämpfte, ihren flüchtigen Geist festzuhalten, kämpfte etwas anderes, etwas Starkes, darum, ihn wegzuziehen.

Ein Beben lief durch Kaits Körper, und sie erschlaffte. Tris vergrub seinen Kopf an ihrer Schulter und weinte, während er ihre leblose Gestalt zärtlich festhielt und in den Armen wiegte.

Tris, du musst gehen, sagte eine Stimme in seinem Verstand – Kaits Stimme, die von weit her kam. Tris sah auf und runzelte die Stirn: Kait stand vor ihm, wirklich, doch körperlos, mit derselben schwachen Lumineszenz wie die Schlossgeister.

»Kaity?«, fragte Tris mit rauer Stimme.

Der Geist schimmerte. Du hast das getan, Tris. Du hast mich hier gehalten. Du hast Großmutters Macht, sagte Kait. Das Bild flackerte noch einmal und erlosch fast, und ein Ausdruck der Pein, dann der Furcht trat auf das Gesicht von Kaits Geist, als er fortgezogen zu werden schien, wie Rauch, der in einen Luftzug gerät. Es hängt ein Zauberbann über den Schlossgeistern. Arontala … hilf mir, Tris!, flehte die Erscheinung ihn noch an, bevor sie verschwand.

Es war Carroways Keuchen, an dem Tris erkannte, dass die Erscheinung auch für die anderen zu sehen gewesen war. Soterius wirkte erschüttert, denn er hatte Tris noch nie bei der Ausübung irgendeines Zaubers gesehen. Carroway starrte auf die leere Stelle, an der Kaits Geist gewesen war, und sein aschfahles Gesicht bezeugte, dass er gerade weitaus mächtigere Zauberkraft erlebt hatte, als er je von Tris erwartet hatte.

Sanft legte Tris Kaits Körper zwischen die Decken und breitete ein Laken über sie.

»Bevor wir uns ihr anschließen, sollten wir hier raus«, sagte der Spielmann behutsam.

Tris merkte, wie Kummer und Schrecken durch seinen Körper jagten und ihn mit Wut erfüllten.

»Verfluchter Jared!«, schrie er und erhob sich taumelnd. Sein Schwert lag schon in seiner Hand, als er blind vor Zorn auf die Tür zum Gang zustürmte. Soterius hielt ihn auf.

»Lass mich los!«, schnauzte Tris ihn an. »Verdammt, lass mich vorbei!« Das Blut brauste in seinen Ohren, als er versuchte, sich an Soterius vorbeizukämpfen, der ihn abwehrte und von der Tür wegtrieb. Carroway packte ihn von hinten und zog ihn zu Boden und gab sich alle Mühe, ihm sein Schwert zu entwinden, während Tris mit seiner freien Hand wild um sich schlug, tränenblind und nach Luft schnappend. Soterius griff in die Rangelei ein, um Carroway zu helfen, Tris von der Tür fernzuhalten.

Mit einem schnellen Schlag seiner Klinge beförderte er Tris’ Schwert außer Reichweite, machte einen Satz nach vorn und presste ihn zu Boden. »Ehe du Jared auch nur zu Gesicht bekommst, wird sein Magier dich wie einen Frosch aufspießen«, fuhr Soterius ihn an, ohne seinen Griff zu lockern. »Deiner Mutter oder Kait kannst du nicht mehr helfen. Aber du kannst immer noch Margolan retten, indem du von hier verschwindest und mit einer eigenen Armee zurückkommst.«

»Und könnten wir das möglichst bald tun?«, zischte Carroway, der Soterius’ Posten an der Tür übernommen hatte. Schwer atmend schloss Tris die Augen und schickte sich in die Niederlage.

»Die Hintertreppe runter«, antwortete Soterius, während er von Tris abließ und ihm sein Schwert wieder zuwarf. »Sie führt in den Dienstbotenbereich; wir werden zu den Ställen laufen. Los!«

Sie liefen die enge Hintertreppe hinunter und stürmten mit gezogenen Waffen in die Küche und erschreckten die Küchenmädchen zu Tode, die kreischend aus dem Raum rannten. Draußen auf dem Gang hörte Tris schwere Stiefelschritte und gleich darauf das Klirren von Stahl. Die Türen zur Festhalle krachten auf, als drei Soldaten in der Uniform des Königs zwei Männern nachjagten, die um ihr Leben kämpften. Tris und die anderen pressten sich gegen die Seite des Kamins, denn der Kampf schnitt ihnen den einzigen Fluchtweg ab. Tris konnte kaum einen Blick auf die Kämpfer erhaschen, aber in einem der Angegriffenen erkannte er Harrtuck, einen kampferprobten Unteroffizier, ein untersetzter Mann mit gewölbter Brust, dunklem Vollbart und olivenfarbener Haut, der Bricen oft bewacht hatte.

»Ich werde dieses Schloss nicht kampflos aufgeben!«, fluchte Harrtuck unter Ausweichen und Parieren. Sein Gefährte, eine andere Wache des Königs, stieß zu und traf. Tris und seine Freunde tauschten Blicke und erhoben ihre Waffen. Mit einem Schrei stürzten er und Soterius sich neben Harrtuck in den Kampf und trieben die überraschten Angreifer zurück.

»Schön euch zu sehen«, schnaufte Harrtuck, während er versuchte, ihren momentanen Vorteil auszunutzen.

»Pass auf!«, schrie Carroway, und Tris wirbelte mit stoßbereiter Klinge herum, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie einer der Gardisten verdutzt die Hände auf die Brust presste und zu Boden ging. Ein roter Fleck breitete sich um Carroways Dolch herum aus, der bis ans Heft zwischen den Rippen des Mannes steckte.

Mit einem Aufschrei griff Tris den Gefährten des toten Mannes an. »Du wirst bald so tot wie der König sein!«, höhnte der Soldat und drängte Tris einen Schritt zurück. Gepackt von Kummer und Zorn schlug Tris mit all seiner Kraft zurück, wobei er sein Schwert mit beiden Händen führte. Überrascht von der Wildheit der Attacke des Prinzen wich der Verräter zurück, doch schnell drängte er wieder vorwärts, und ein mörderisches Funkeln trat in seinen Augen, denn drei weitere Wachen kamen angerannt, um ihn zu unterstützen. Aus dem Augenwinkel sah Tris, wie Carroway einen Fackelständer packte und als Stock benutzte, um sich einen Angreifer vom Leib zu halten; Soterius und Harrtuck konzentrierten sich auf die anderen beiden Neuankömmlinge. Tris umkreiste die grinsende Wache in einem tödlichen Tanz der Schwerter.

Eine rote Stichflamme explodierte im Kamin, und Tris, dem sofort klar war, dass es sich um einen von Carroways Taschenspielertricks handelte, nutzte den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit bei seinem Gegner für einen Ausfall, unterlief die Deckung des Gardisten und landete einen tödlichen Treffer. Der Sterbende sackte nach vorn, entwand Tris mit seinem Gewicht fast das Schwert und brachte ihn ins Wanken.

Ein Glitzern von Stahl im Feuerschein war das Einzige, was Tris vor dem Angriff eines neuen Gegners warnte, und während er mit letzter Not einen von oben geführten Schwertstreich parierte, senkte sich der Dolch, den der Gardist in der anderen Hand gehalten hatte, in seine Seite. Im selben Moment stöhnte der Mann auf, krümmte sich zusammen und ging in die Knie; seine Hände gingen zum Rücken und umkrampften ein Messer. Mit grimmiger Genugtuung beugte sich Carroway über den sterbenden Verräter.

Soterius kam auf Tris zugelaufen, der die Hände auf seine Seite presste. Harrtuck machte kurzen Prozess mit dem verbleibenden Angreifer; sein Verbündeter jedoch hatte den Kampf nicht überlebt. Carroway rollte Tris’ Widersacher mit dem Stiefel herum, nahm sein Messer wieder an sich und wischte es mit zwei raschen Bewegungen an der Uniformjacke des Toten ab, woraufhin er sich neben Tris auf die Knie niederließ.

»Das werden nicht die letzten Soldaten gewesen sein«, warnte Soterius sie.

»Sie haben den König ermordet, Prinz Martris!«, keuchte Harrtuck. »Keiner von uns konnte ihn retten. Ihr müsst fliehen!«

Tris schnappte nach Luft, als Carroway ihn mit Mühe aufsetzte. Soterius kniete sich neben Tris; Carroway machte ihm Platz, damit der erfahrene Schwertkämpfer die Wunde untersuchen konnte. Auch ohne ein Wort von Soterius konnte Tris an seinem Gesicht ablesen, dass es ihn schlimm erwischt hatte.

»Wir müssen dich zu einem Heiler bringen«, sagte Soterius knapp und bedeutete Carroway durch ein Nicken, auf Tris’ andere Seite zu gehen, und gemeinsam stellten sie ihn auf die Beine.

»Aye, aber zuerst müssen wir aus Shekerishet raus«, stimmte Harrtuck ihm zu.

Wie aufs Stichwort ertönten Stiefeltritte auf der Hintertreppe. Mit einem Zeichen gab Harrtuck Carroway zu verstehen, er solle Tris decken, während er und Soterius sich um die Neuankömmlinge kümmerten. Ein stämmiger Gardist in der blutbefleckten Uniform des Königs kam in Sicht, der von zwei weiteren Gardisten flankiert wurde. Harrtuck wartete schweigend, bis alle drei in Reichweite waren.

»Jetzt!«, rief der Waffenmeister, sprang mit ausgestrecktem Schwert vor und durchbohrte den linken Gardisten. Ein Pfeifen in der Luft und ein dumpfer Schlag, und die Wache an der Spitze stürzte zu Boden, die Hände im Sterben um Carroways Dolch geklammert, indes Soterius’ Klinge aus dem Schatten herabsauste und den dritten Mann glatt von der Schulter bis zur Hüfte spaltete.

»Los jetzt!«, rief Soterius. Er kehrte zu der Stelle zurück, wo Tris und Carroway warteten, nachdem er vorher den Dolch des Barden aus dessen Opfer gezogen hatte, und half Tris erneut auf die Beine. Das Blut hämmerte in Tris’ Ohren und seine Knie drohten unter ihm nachzugeben.

»Es wird nicht einfach werden, hier rauszukommen«, befürchtete Carroway, als sie auf die Tür zugingen.

»Hast du vielleicht eine bessere Idee?«, knurrte Soterius.

»Genau genommen ja!«, zischte der Spielmann. »Hier herein!«

Mehr zog Carroway Tris und die anderen, als er sie führte, in einen Abstellraum unter der Hintertreppe. Die Kammer lag voller Mäntel und Jacken, Masken und Kostüme von der nächtlichen Festlichkeit. »Hier, schau, ob das passt!«, sagte er, indem er eine schwarze Jacke, einen Umhang und eine Maske aufhob und Soterius hinstreckte.

»Du musst verrückt sein!«, sagte der Schwertkämpfer ungläubig. »Wir laufen um unser Leben, und du willst, dass ich –«

»Mach’s einfach!«, herrschte Carroway ihn an und suchte weitere Sachen aus dem Durcheinander, die er Tris und Harrtuck zuwarf.

»Was in den Sieben Königreichen –?«, wunderte sich Harrtuck.

»Hier ziehen sich die Unterhaltungskünstler um, bevor sie aufs Fest gehen«, erklärte Carroway atemlos, während er hastig seinen eigenen Umhang ablegte und sich anschließend seiner Jacke mit einem Ruck über den Kopf entledigte. »Sie werden erst morgen wiederkommen, um ihre Sachen zu holen, denn heute Nacht gibt es zu viel zu tun, als dass sie sich darum Sorgen machen könnten. Der Göttin sei Dank!«

Doch als Carroway mit einem weiten Umhang in der Hand auf Tris zukam, merkte Tris, wie ihm das Blut in den Kopf schoss und seine Beine unter ihm nachgaben. Dumpf vernahm er noch die besorgten Rufe seiner Kameraden, als er zu Boden sank. Dann wurde alles dunkel.

Als Tris wachgerüttelt wurde und die Augen aufschlug, starrte er in die Sterne. Die kalte Herbstluft schmerzte auf seinem Gesicht; um ihn herum drängelte sich eine Menschenmenge, die nach Bier und Schweiß roch und deren Krakeelen die gedämpfteren Gesänge der Priesterinnen übertäubte.

Als Tris Miene machte, sich mühevoll aufzusetzen, kam ihm eine Hand zuvor, die ihn wieder nach unten drückte. »Lieg still!«, raunte Soterius. »Wir sind in der Prozession, auf dem Weg zu den Stadttoren.«

Der Schmerz in seiner Seite drohte ihm erneut das Bewusstsein zu rauben, doch Tris biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Welle der Dunkelheit an. Eine graue Robe mit einer schweren Kapuze umhüllte seinen Körper und verbarg sein Gesicht. Seine Hände waren mit schwarzer Farbe bemalt; eine Haarsträhne, die sich unter seiner Kapuze hervorwagte, war tiefbraun und nicht vom üblichen auffallenden Blond seines schulterlangen Zopfes.

»Entspann dich!«, ermahnte Soterius ihn. »Carroway hat ein paar Verkleidungen improvisiert. Deine war das Beste, was ging, unter den gegebenen Umständen«, entschuldigte er sich. Tris erkannte, dass er auf eine Bahre gebettet war und eine der zahlreichen lebensgroßen Puppen darstellte, die teure Verstorbene symbolisierten und in der Zeremonie zum Fluss getragen wurden, wo eine stete Prozession von Figuren, Andenken und Blumen ihren Weg durch die Fluten zum Meer nehmen würde. In den Opfergaben steckten Bitten um Gefälligkeiten an die Göttin oder an geliebte Dahingegangene, Fürbitten oder Gebete um die Wiedergutmachung eines Unrechts oder tief empfundene Ausdrücke der Sehnsucht nach denjenigen, die bei der Lady ruhten.

Doch trotz seiner ernsteren Seite war Spuken in der Stadt auch eine Nacht des ausgelassenen Feierns, und dieses Jahr schien keine Ausnahme zu machen, ungeachtet dessen, was sich im Schloss ereignete. Fahnen hingen aus jedem Fenster und flatterten im kalten Nachtwind. Händlerkarren drängten sich in den Straßen, und kostümierte Feiernde bahnten sich mit den Ellbogen ihren Weg durch die verstopften Gassen. Die Stadt roch nach Würsten und Bier, nach Kerzen und Weihrauch. Irgendwo im Bereich der Stadtmauern läuteten Glocken, und überall waren Musikanten zu hören.

Mit nur etwas Glück, dachte Tris, konnten sie mit der Menge verschmelzen und sich für den Großteil des Weges zum Kaufmannstor unter die Prozessionsteilnehmer mischen. Die Hochstimmung der Leute verlieh Tris die Gewissheit, dass die Kunde vom Verrat im Schloss die Stadt noch nicht erreicht hatte. Und vielleicht würde sie das auch nie.

Jared war gerissen, und das Gleiche galt für seinen Magier. Niemand außer Tris, Soterius und ein paar Wachen war Zeuge des tatsächlichen Angriffs gewesen. Jared konnte ein Märchen von Attentätern erfinden und den toten Gardisten die Schuld in die Schuhe schieben. Arontala konnte mit seiner Zauberei wahrscheinlich Beweise erschaffen oder die Blicke derjenigen trüben, die andernfalls das Spiel durchschaut hätten.

Bricen war ein allgemein beliebter König, denn er beschlagnahmte die Ernte nicht, und seine Truppen plünderten weder die örtlichen Bauernhöfe noch vergewaltigten sie die Töchter der Bauern. Von der königlichen Familie hatte Sarae das Wohlwollen des Adels gewonnen, denn ihre sanfte Art stand in starkem Gegensatz zu Eldras Launen. Dafür überhäufte der Hof Tris und Kait mit weit mehr Interesse und Gunst als Jared, dessen brütende Art und finstere Gewohnheiten den Klatschmäulern reichlich Stoff lieferte. Doch hatte Bava K’aa Tris einst gesagt, dass für die Bürgerlichen ein König so gut wie der nächste sei, solange sich die Steuern nicht änderten. Möglicherweise würde sich nicht einmal jemand für die Umstände von Bricens Tod interessieren, wenngleich Tris sich sicher war, dass Jareds Regierung nicht so milde wie die seines Vaters sein würde.

Es war unmöglich, den eigentlichen Umzug vom Gewimmel der Menschen zu unterscheiden. Die Menge drängte sich durch die Hauptstraße der Stadt und strömte auf die äußeren Tore und die Begräbnisstätten dahinter zu. In ihrer Mitte trugen große Tragen Statuen der vier Lichtaspekte der Göttin. Trommler trommelten, Flötenspieler spielten und das Schellen der Tamburine erklang über dem Lärm der Feiernden. Die Statuen auf ihren Tragen tanzten über der Menge wie Korken auf den Wellen und wurden vom Gedränge der Masse oben gehalten.

Die Kostüme konnten es mit allen aufnehmen, die Tris jemals gesehen hatte. Da waren ›Edelmänner‹ und grellbunte ›Damen‹, Flusskaufleute und legendäre Helden, dazu nicht wenige Feiernde, die als eine der Erscheinungsformen der Lady verkleidet waren: Kinder ebenso wie erwachsene Frauen in den fließenden weißen Gewändern des Kindes; Festbesucher beider Geschlechter in der verführerischen Aufmachung der Geliebten; andere, Männer und Frauen, im matronenhaften Aufzug der wohltätigen Mutter; und Gespenster mit dunklen Kapuzen in den scharlachroten Roben Chennes, der Rachegöttin. Aber Spuken war auch eine Nacht für die dunklen Aspekte, und in dieser Nacht führte die Dunkelheit Regiment. Noch mehr Festbesucher hatten der bunten Pracht der Ludergöttin, Glück, den Vorzug gegeben und warfen Münzen aus Süßigkeiten und bemalte Karten in die Menge. Andere stolzierten durch die Straßen im aufgetakelten Glanz Athiras der Hure und brauchten sich nicht anzustrengen, um deren trunkenen, wiegenden Gang nachzuahmen. Wie dunkle Schatten im Fackellicht spielten grau eingehüllte Festbesucher die Rolle Istras, der Dämonengöttin, und schienen körperlos wie Geister im flackernden Licht und wabernden Rauch. Bucklige Gestalten, Alte und Junge, hatten sich die Erscheinung Sinhas der Vettel zu eigen gemacht und gingen in abgerissenen Lumpen einher.

Eine Göttin, acht Aspekte – vier helle und vier dunkle. Tris hatte schon immer den Verdacht gehabt, dass der Aspekt, den jemand verehrte, ebenso viel über ihn selbst aussagte wie das Königreich und die Traditionen, aus denen er kam. Das Königreich Margolan beispielsweise hatte eine besondere Vorliebe für die Mutter, obwohl auch viele innerhalb seiner Grenzen den Aspekt des Kindes anbeteten. Isencroft, an Margolans Westgrenze, huldigte dagegen Chenne, der Kriegerin. Fahnlehen, im Nordosten, Heimat von Karawanen und Söldnergesellschaften, Händlern und Hafenarbeitern, hatte eine Schwäche für die Geliebte. Ostmark, Fahnlehens östlicher Nachbar, verehrte die Hure, Favoritin der Glücksspieler und bezahlten Soldaten. Dhasson, in Margolans Osten, ermutigte zur Anbetung aller Gesichter der Lady, außer dem der Vettel. Dhassons Abneigung, Verehrer der Vettel in die Arme zu schließen, war ganz natürlich angesichts seines südlichen Nachbarn, Nargi, dessen sauertöpfische Priester rücksichtslos den asketischen Doktrinen der Vettel Geltung verschafften. Trevath, Margolans südlicher Nachbar und häufiger Rivale, bekannt für seine Minen und feinen Teppiche, teilte Nargis Anbetung der Vettel, jedoch war diese Anbetung in Trevath viel praktischerer Natur und diente dazu, die Macht des Königs zu stärken.

Die Dunkle Lady war die Schutzherrin der Vayash Moru, der Untoten, die nachts umgehen. Wenige Sterbliche erwiesen der Dunklen Lady Reverenz, obschon ihr Name häufig für Verwünschungen herhielt. Vom achten Aspekt, des Kindes dunklem Spiegelaspekt, sprachen sogar noch weniger. Die Anbetung der Formlosen hatte vor Generationen aufgehört, und jetzt, wenn der schrecklichste der Aspekte tatsächlich einmal erwähnt wurde, geschah es mit einem nervösen Blick und einem Abwehrzeichen. Fast alle Einwohner der Sieben Königreiche erwiesen zumindest nominell einem oder mehreren Aspekten Reverenz, auch wenn Tris gehört hatte, dass einige noch heimlich den alten Wegen folgten: dem Glauben an den Geist und die Macht der Bäume und Felsen, der Wasserläufe und dunklen Orte unter der Erde.

Diese Wege, hieß es, waren die Wege der Sieben Königreiche von einem Jahrtausend zuvor, bevor Grethor Langarm aus den östlichen Steppen einfiel und, als seine Regentschaft in Margolan von Erfolg begleitet war und seine Macht wuchs, seinen Einfluss ausdehnte. Seine Magier waren stärker und sein Reichtum und seine Macht verführerisch genug, dass der Glaube an die Eine Göttin der Vielen Gesichter nach und nach die alten Wege verdrängte, obwohl Elemente des Aberglaubens und der Blutopfer dieser Wege fortlebten: in dem grausamen Kult der Nargi, dünn übertüncht mit der Verehrung der Vettel.

Von seiner Bahre aus beobachtete Tris, wie ein junges Mädchen, das als die Kindgöttin kostümiert war, am Straßenrand aus der Menge auftauchte. Es spielte seine Rolle mit Leib und Seele und warf denen, denen es seine Gunst erweisen wollte, Stücke bunter Lumpen und Stroh zu statt des Kindes sagenhafter Blumenüberfülle. Als Tris vorbeigetragen wurde, sah das junge Mädchen auf, und ihre Blicke trafen sich. Du bist meine auserwählte Waffe, hörte Tris eine Stimme in seinem Verstand erklingen, verwirrend klar, von überall und nirgendwo zugleich kommend, und als er in die Augen des jungen Mädchens starrte, glaubte er einen Augenblick lang, sie bernsteinfarben strahlen zu sehen, und auch ihr Gesicht schien jetzt nicht mehr das eines sterblichen Kindes, sondern das der Kindgöttin selbst zu sein. Stirb nicht, bis ich dich rufe. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Und als die Augen des Mädchens in die seinen starrten, spürte Tris, wie ein plötzliches Feuer die Wunde in seiner Seite berührte, als ob ein glühend heißes Eisen gegen das aufgerissene Fleisch gepresst würde. Er versteifte sich und krümmte sich und biss sich auf die Lippen, um nicht laut aufzuschreien.

Die Stimme verstummte so plötzlich, wie sie ertönt war, und als Tris um sich blickte, war das Mädchen verschwunden.

Erschüttert schloss Tris die Augen. Ich sehe Dinge, dachte er und schluckte schwer. Göttin hilf mir, ich muss im Sterben liegen!

»Falls Harrtuck Pferde für uns gefunden hat«, flüsterte Soterius, »wartet er am Ende der nächsten Gasse mit ihnen.«

Carroway schwenkte aus der Prozession aus und lenkte seine Schritte zu dem dunklen Schlund der nächsten Einmündung hin; sie bahnten sich ihren Weg durch den vollgestopften, verwinkelten Durchgang, der kaum Platz für zwei Reiter nebeneinander bot. Harrtuck tauchte aus der Dunkelheit auf und gab ihnen ein Zeichen. Carroway und Soterius folgten dem Soldaten zu der Stelle, wo vier kräftige Pferde an einem wackligen Pfosten angebunden waren und ungeduldig warteten. Behutsam half Harrtuck ihnen dabei, Tris’ Trage auf dem Boden abzusetzen.

»Könnt Ihr reiten, mein Lehnsherr?«, erkundigte sich Harrtuck über Tris gebeugt.

Tris nickte. »Ich habe keine Wahl«, sagte er und biss die Zähne zusammen, während er aufzustehen versuchte. Zu seinem Erstaunen beantwortete kein stechender Schmerz in seiner Seite die Bewegung. Er ließ sich von Harrtuck helfen, sein nervöses Ross zu besteigen, und vorsichtig machten sich die vier auf den Weg zurück zur Prozession.

»Verfluchte Schicksalsgöttinnen!«, zischte Soterius, als sie sich wieder unter die Pilger und Feiernden mischten. Eine Hand voll Schlosswachen lief an den Toren herum, weit weg von ihrem üblichen Posten. Sie waren zu Fuß, doch in der Nähe standen ihre gesattelten Pferde. Tris und Harrtuck wechselten besorgte Blicke.

»Sind wir bereit?« Soterius’ ausdruckslose Stimme riss sie aus ihrer Verwirrung.

»Wir werden uns den Weg freibluffen müssen«, beurteilte Harrtuck die Lage. »Falls wir getrennt werden, haltet auf die Straße nach Norden zu.«

»Gib das Zeichen«, stimmte Tris zu, ohne die Wachen an den Toren auch nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen.

Sie warteten, bis die Prozession in einem weiten Bogen einer Kurve folgte und der Strom der Feiernden so nah wie möglich ans Tor getragen wurde. Sie waren noch wenigstens zwanzig Meter entfernt, und wenn die Tore auch geöffnet wurden, so musste doch jeder, der hinein oder hinaus wollte, die Wachen passieren.

»Jetzt!«, rief Soterius, ließ sein Pferd einen Kreis von der Prozession weg beschreiben und brauste direkt auf die Tore zu. Die anderen taten das Gleiche, was die Festbesucher in der Nähe dazu zwang, sich hastig vor den Hufen der Pferde in Sicherheit zu bringen. Die Tore schienen ewig weit weg zu sein, als Tris sich tief über sein Pferd beugte und dem Tier das Äußerste abverlangte.

Das Manöver traf die Wachen völlig unvorbereitet, und die Fliehenden nutzten ihren Vorteil, um durch ihre Kette zu preschen. Soterius und Harrtuck griffen zuerst an, zückten die Schwerter und schlugen sich ihren Weg durch die Wachen, die die Tore blockierten. Tris konnte beinahe den Atem von Carroways Reittier in seinem Nacken spüren, als ihre Pferde in die Dunkelheit jenseits der Stadttore setzten. Hinter ihnen erschollen die Schreie der Wächter, die die Verfolgung aufnahmen.

»Fast geschafft!«, rief Soterius.

Die Pferde jagten den Abhang hinab, der die Stadtmauer von der Hauptverkehrsstraße trennte. Als sie diese erreichten, spürte Tris einen schwindlig machenden Ruck, als ob er eine unsichtbare Grenze passiert hätte. Er klammerte sich an seine Zügel, als ein Nebel von der Straße aufstieg und sich um sie herum ausbreitete, indes der Abstand zu ihren Verfolgern sich immer mehr verringerte.

Der Nebel wurde dichter und stieg so hoch, dass er bereits um das Zaumzeug der Pferde wirbelte. In dem Dunst streifte etwas Festes und Kaltes Tris’ Bein. Die zu Tode verängstigten Pferde wieherten schrill und scheuten und bockten; aus dem Wald selbst drang ein entsetzliches Stöhnen und erfüllte die Finsternis. Tris umkrampfte mit hämmerndem Herzen seine Zügel, als der Nebel rings um sie sich wand und verformte. Aus dem Dunst wurden Geister, die mit aufgerissenen Mündern stierten und heulten, während mehr und mehr des gespenstischen Nebels aus dem dunklen Wald auf die Reiter zuwaberte. Diesige Schwaden wurden zu tastenden Tentakeln, Wasserdampfstöße dehnten sich aus und bildeten Furcht erregende, hohläugige Gesichter. Eine Vielzahl heulender Gespenster sauste an Tris und den anderen vorbei, die klauenbewehrten ätherischen Hände ausgestreckt und die Klagen der Verdammten stöhnend. Die Luft war nasskalt, als sie vorbeizogen, und Tris erschauderte und musste sich bis aufs Äußerste anstrengen, um die Kontrolle über sein von panischem Schrecken erfasstes Ross zu behalten.

»Seht!«, rief Soterius, ohne seinen ungestümen Galopp zu verlangsamen. Tris riskierte einen raschen Blick über die Schulter: Die Gespenster massierten sich um die Wachen, und die Nebelstrudel wurden immer dichter. Das heulende Wehklagen der Wiedergänger überlagerte die Schreie der Gardisten.

»Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen!«, schrie Harrtuck gegen den infernalischen Lärm an und jagte sein Pferd die Straße hinunter. Die anderen folgten dicht hinter ihm, aber erst nach mindestens einer Meile konnten sie die Schreie der Wachen und das Klagen der Toten nicht mehr hören.

»Was zum Teufel war das?«, fragte Soterius erschüttert, als sie schließlich ihre keuchenden Pferde an einer Kreuzung zum Stehen brachten.

»Wir haben endlich die Schlossgeister gefunden«, antwortete ihm Tris mit einem unsicheren Blick zurück. Die Nacht um sie herum war kalt und ruhig.

»Was hatten die Schlossgeister außerhalb der Stadt zu suchen?«, wunderte sich Carroway. Sein Atem dampfte in der Kälte.

»Ich weiß es nicht, aber ich danke dem Kinde dafür«, krächzte Harrtuck.

»Den größten Teil der Nacht haben wir die Geister nicht gesehen, wisst ihr noch?«, sagte Tris und starrte hinter sich in die Dunkelheit.

»Ja, Tris hat recht«, pflichtete Soterius, der ebenfalls versuchte, mit seinen Blicken die Nacht zu durchdringen, ihm bei. »Nach der Wahrsagerin war kein einziger Geist mehr zu sehen, und das ist ausgesprochen ungewöhnlich in der Umgebung des Schlosses – erst recht für Spuken.«

»Was, wenn Arontala sie vertrieben hätte?«, mutmaßte Tris, der der Gruppe nicht ausgerechnet jetzt von seiner Begegnung mit dem Geist seiner Großmutter erzählen wollte. »Die Geister sind durch einen Schwur verpflichtet, den König zu beschützen, richtig?«, spann Tris den Faden weiter. »Erinnert ihr euch noch an Carroways Erzählung? Wenn Arontala die Geister vertreiben konnte, dann hatte Vater eine Stufe an Schutz weniger«, folgerte er mit stockender Stimme.

»Ihr habt recht, Prinz Drayke«, sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen. Die vier Männer fuhren erschrocken zusammen; Tris’ Pferd scheute, und er hatte einen Moment lang alle Hände voll zu tun, das verängstigte Tier unter Kontrolle zu bringen. Sie drehten sich um und sahen, fast verborgen von der Dunkelheit, einen Mann auf einem Grauschimmel, ein paar Schritt von ihnen entfernt, auf der Straße, die durch den Wald führte. Obwohl sein Gesicht teilweise im Schatten lag, erkannte Tris in ihm Comar Hassad, einen der vertauenswürdigsten Soldaten seines Vaters. Tris’ Sinne kribbelten, als sie ihre Reittiere langsam auf ihn zulenkten, und wenngleich seinen Gefährten nichts Ungewöhnliches aufzufallen schien, wurde Tris klar, dass der Reiter, den sie vor sich hatten, ein Geist war.

»Comar, was ist geschehen?«, fragte Tris und versuchte immer noch, sein übernervöses Pferd zu beruhigen.

»Die Zeit ist knapp, mein Prinz. Folgt mir, und ich werde Euch in Sicherheit bringen«, sagte Hassad, wendete lautlos sein Ross und lenkte es in gestrecktem Galopp auf den Wald zu.

Tris musste seinem Tier die Fersen geben, um wieder auf Sichtweite an Hassad heranzukommen.

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