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Im Bann des Millionärs

Katherine Garbera

Im Bann des Millionärs

1. KAPITEL

Mary Duvall beugte sich über den offenen Sarg ihres Großvaters David Duvall. Tränen brannten ihr in den Augen, aber sie zwang sich, nicht zu weinen. Zu genau erinnerte sie sich, wie sehr David Duvall es verabscheut hatte, wenn sie sich in der Öffentlichkeit gehen ließ. Deshalb hatte sie auch die Tür zu dem kleinen Extraraum geschlossen, in dem er aufgebahrt war.

Die Mary von früher hätte sich vollkommen anders verhalten. Sie hätte laut geweint und geschluchzt und sich nicht gezwungen, ihre Gefühle zu verbergen. Doch die Mary von heute hatte gelernt, ihre Emotionen in sich zu verschließen. Dennoch wollte sie noch ein letztes Mal sein Gesicht berühren. Das musste sie einfach.

Als sie vorsichtig die Finger auf die kalte Haut legte, fuhr sie innerlich zusammen. Noch nie hatte sie sich so allein gefühlt, so einsam. Denn sie war allein, jetzt, da auch der Großvater nicht mehr lebte. Ihre Eltern waren bereits vor Jahren bei einem Autounfall umgekommen, zusammen mit Marys Bruder, den die Eltern vergöttert hatten. Weder zu den Eltern noch zu ihrem Bruder hatte sie ein besonders enges Verhältnis gehabt.

So war ihr nur der Großvater geblieben. Um seinetwillen war sie vor nicht allzu langer Zeit aus Paris nach Eastwick in Connecticut zurückgekehrt. Mit seiner Gesundheit stand es nicht zum Besten, und er hoffte, dass Mary inzwischen zu einer vernünftigen jungen Frau herangewachsen war. Wenn sie ihm beweisen könne, dass sie nicht mehr das aufsässige wilde Mädchen von früher war, würde er sie als seine Erbin einsetzen, das hatte er ihr versprochen.

„Du wirst stolz auf mich sein“, flüsterte sie. „Du brauchst dich meiner nicht zu schämen, das schwöre ich dir.“ Sie küsste ihn auf die kalte, trockene Stirn. Wenn er sie doch nur noch einmal umarmen könnte! Ihre Kindheit war alles andere als einfach gewesen, und Großvater David war, wie auch der Rest des Duvall-Klans mit ihrem Verhalten keineswegs einverstanden gewesen. Aber als sie nach Paris ging, hatte er sie immerhin zum Abschied umarmt. Er würde ihr sehr fehlen.

Es klopfte.

Mary blickte schnell auf die Uhr. Es wurde Zeit, dass sie die Tür öffnete, damit die Leute von David Duvall Abschied genommen werden konnte. Sicher lauerten die Verwandten schon vor der Tür, um tränenreich Lebewohl zu sagen, obgleich sie den Onkel nur wegen seines Geldes geschätzt hatten.

Mary wollte ihr Erbe zum Wohl anderer einsetzen. Sie hatte vor, mit dem Geld Krankenhäuser in einkommensschwachen Vierteln zu unterstützen, die damit Spezialabteilungen für Neugeborene einrichten konnten. Außerdem dachte sie daran, sich finanziell für bestimmte Sommerlager zu engagieren. Dort sollten Kinder die Gelegenheit haben, sich künstlerisch zu betätigen, Kinder, deren Eltern dazu weder Zeit noch Geld hatten. Mary selbst war als Kind nie von ihren Eltern dazu ermutigt worden, obgleich sie schon früh jede Gelegenheit zum Malen genutzt hatte.

Inzwischen hatte sie als Malerin in Europa Erfolg gehabt. Einige ihrer Bilder waren sogar als Drucke vervielfältigt worden und hatten so eine weite Verbreitung gefunden.

Aber darüber würde sie später nachdenken. Jetzt musste sie erst einmal die Trauerfeier überstehen. Bevor sie die Tür für die Allgemeinheit öffnete, steckte sie dem Großvater schnell noch ein Briefchen in die Brusttasche, das sie gestern geschrieben hatte. Sie schob den kleinen weißen Umschlag unter das Taschentuch, direkt über sein Herz.

Dann trocknete sie sich die Augen und öffnete die Tür. Channing und Lorette Moorehead, die Kinder von David Duvalls Schwester, stürzten herein.

„Wie rührend!“, spottete Channing sofort, während er mit seiner Schwester vor den Sarg trat. „Man könnte ja fast glauben, du hättest für den alten Mann was übrig gehabt.“

„Ich hatte ihn sehr gern.“

„Warum hast du ihm denn dann mit deinem unmöglichen Lebenswandel fast das Herz gebrochen?“, fragte Lorette spitz.

Mary hielt sich zurück. Sie wollte nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, das hätte Großvater ganz sicher nicht gefallen. So sagte sie nur: „Wir haben unseren Frieden miteinander gemacht, Großvater und ich.“

„Vielleicht hast du dem armen Onkel David etwas vormachen können. Aber wir fallen darauf nicht herein. Ich bin sicher, du hast dich überhaupt nicht verändert!“, stieß Channing böse hervor. „Nimm dich in Acht. Ich werde dich sehr genau beobachten.“

Channing war fast zehn Jahre älter als Mary, und solange sie sich erinnern konnte, war er ein unerträglicher Angeber gewesen. Sie hatte ihn nie gemocht. Aber Lorette, die nur zwei Jahre älter als Mary war, hatte sie sich immer eng verbunden gefühlt. Als Kindern hatte sie oft zusammen gespielt, vor allem, wenn sie beim Großvater zu Besuch waren und alles Mögliche anstellten. Mit zehn jedoch hatte Lorette erklärt, dass sie nun zu alt für solchen „Kinderkram“ sei.

„Ich lasse euch jetzt allein.“ Mary zog die Tür hinter sich zu. Im Vorraum hatten sich lediglich ihre alten Freundinnen, die sogenannten Debs, versammelt. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit und waren dank ihrer regelmäßigen Treffen auch immer in engem Kontakt geblieben.

Alle schienen kurz davor zu sein, sich zu verloben oder zu heiraten. Nur Mary nicht. Sie hatte einen Mann geliebt, der sie schließlich wegen einer Frau verlassen hatte, die aus der „richtigen“ Gesellschaftsschicht kam. Danach hatte Mary sich geschworen, sich nie wieder an einen Mann zu binden, um so etwas nicht noch einmal durchmachen zu müssen.

Das war nur ein weiteres Beispiel dafür, dass Marys wilder Lebenswandel, der im Grunde gar nicht so wild gewesen war, dazu geführt hatte, dass sie nun allein war. Sie hatte immer Schwierigkeiten gehabt, sich den allgemeinen Verhaltensregeln zu unterwerfen. Im Gegensatz zu ihrem eher braven Namen war Mary schon als Rebellin auf die Welt gekommen.

Aber das hatte sich drastisch geändert. Sie hatte bitter für ihren unkonventionellen Lebensstil zahlen müssen. Nun hatte sie sich durch ihr Versprechen, das sie dem Großvater auf dem Totenbett gab, endgültig zu einem anderen Leben bekannt.

Mary ging auf ihre Freundinnen zu, die alle schwarz gekleidet waren. Wie schön, dass sie gekommen waren! Das zeigte ihr, dass sie doch nicht ganz allein war. Sie hatte ihre Freundinnen, die bereits bewiesen hatten, dass sie treu auf ihrer Seite standen. So etwas hatte Mary noch nie in ihrem Leben erfahren.

Gerade als Mary die Freundinnen in die Arme schließen wollte, öffnete sich die Tür zum Vorraum. Mary drehte sich um, um den Neuankömmling zu begrüßen, und blieb wie erstarrt stehen. Die Röte stieg ihr ins Gesicht, ihr Herz klopfte wie verrückt. Denn da stand er vor ihr, der Mann, den sie hier nie und nimmer vermutet hätte. Sie war sogar überzeugt gewesen, dass sie ihn nie wieder sehen würde.

Aber da war er. Lord Kane Brentwood. Ihr ehemaliger Geliebter.

„Kane?“

„Mary …“

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Schon überlief sie bei seiner dunklen Stimme ein heißer Schauer.

Sie konnte sich jetzt nicht um ihn kümmern. Nicht heute, wo sie ihre ganze Kraft aufwenden musste, um Haltung zu bewahren. Bei seinem Anblick war alles wieder da. Das, was sie in der Vergangenheit erlebt hatten, aber auch das quälende Geheimnis. Sie musste es unbedingt vor Kane und der ganzen Welt verbergen, sonst würde sie alles verlieren. Die Erbschaft, Kanes Respekt und ihren so mühsam erworbenen inneren Frieden.

Sie versuchte, die Fassung zu bewahren. Aber als er auf sie zukam, tanzten plötzlich Sterne vor ihren Augen. Dann wurde alles schwarz.

Kane Brentwood konnte Mary gerade noch auffangen, bevor sie auf den Boden aufschlug. Er nahm zwar leise Stimmen hinter sich wahr, achtete aber nicht weiter darauf. Wichtig war nur die Frau in seinen Armen. Seine Frau. Offenbar hatte sie nicht gut auf sich Acht gegeben, denn sie hatte an Gewicht verloren und war sehr blass. Wahrscheinlich hatte sie versucht, zu ihrem Großvater wieder eine Beziehung aufzubauen. Und das war offenbar ein hartes Stück Arbeit gewesen.

Er strich ihr zärtlich über die Wange. „Mary“, flüsterte er.

Sie öffnete ihre Augen, die blaugrün waren wie das Meer, und sofort musste er an den Monat denken, den sie in seinem Ferienhaus auf den Jungferninseln in der Karibik verbracht hatten. „Mary-Belle, alles wieder in Ordnung?“ Mary-Belle war sein Kosename für sie.

„Kane?“

„Ja, Darling.“

Sie runzelte die Stirn. „Ich bin nicht mehr dein Darling.“

Am liebsten hätte er sie fest an sich gedrückt und geküsst, um ihr zu zeigen, dass sie immer noch zu ihm gehörte. Und um sich zu vergewissern, dass Mary auf ihn immer noch so reagierte, wie sie es vom ersten Augenblick an getan hatte. Leidenschaftlich und voll Verlangen. Aber sie war jetzt verheiratet, und er wusste, was sie von außerehelichen Affären hielt.

„Darüber können wir später sprechen.“

Etwas blitzte in ihren Augen auf, so wie früher, wenn sie einen Streit hatten, der normalerweise im Bett endete. „Zusammen mit deiner Frau?“

„Ich bin geschieden. Aber was ist mit deinem Mann?“

Ihre bleichen Wangen röteten sich. „Ich bin nicht verheiratet.“

Sie war nicht verheiratet. Sie war frei. Worauf wartete er noch? Sie lag hier in seinen Armen, und er wusste nur eins: Er würde sie nie wieder gehen lassen. Er hatte seine Pflicht getan, der Familie gegenüber und als Träger des Namens. Das hatte ihm viel abverlangt, mehr als Mary jemals wissen durfte. Aber jetzt waren sie beide wieder frei, und er war entschlossen, nicht wieder den gleichen Fehler zu machen. Er würde sie nicht wieder verlieren.

„Mary? Was ist mit dir?“

Kane wandte den Kopf. Vier Frauen kamen auf ihn zu, ein paar Männer folgten ihnen. Er umfasste Mary fester.

„Es geht mir gut, Emma. Ich habe letzte Nacht nur nicht besonders gut geschlafen.“

Ob ihr Kind daran schuld war? Kane hatte nicht viel Ahnung von Kindern, aber so viel wusste auch er. Eine Mutter kam nicht viel zum Schlafen.

Mary hatte dunkle Ringe unter den Augen, und Kane wünschte, er hätte das Recht, sie hochzuheben und einfach mitzunehmen. Aber das hatte er nicht, noch nicht. So ließ er sie vorsichtig auf den Boden nieder, wobei er sie absichtlich an seinem Körper entlanggleiten ließ, sodass er sie spürte, Folter und Seligkeit zugleich.

Sie mussten sich unbedingt aussprechen, aber nicht hier. Hier waren zu viele Menschen. Aber er wollte sie nicht loslassen, diese geliebte Frau, die so zerbrechlich aussah. So hielt er sie fest bei der Hand, auch als sie einen Schritt zurücktrat.

„Was soll das?“, fragte sie unwillig.

„Du gehörst zu mir.“ Deshalb war er nach Eastwick gekommen, obgleich er davon ausgehen musste, dass sie verheiratet war. Als er die Todesanzeige von David Duvall im Wall Street Journal gesehen hatte, achtete er erst nicht weiter darauf. Doch dann entdeckte er Marys Namen.

Seit einem Jahr suchte er schon nach ihr. Der Privatdetektiv, den er auf sie angesetzt hatte, fand keine Spur von ihr in dem Pariser Mietshaus, in dem sie zuletzt gewohnt hatte.

Ich gehöre nicht mehr zu dir“, sagte sie leise und machte sich mit einem kräftigen Ruck frei.

„Komm mit mir.“

„Warum?“

„Ich muss mit dir reden.“ Er blickte sie beschwörend an, ohne ihren Freunden Beachtung zu schenken.

„Wir reden doch gerade miteinander, Mr. Brentwood.“

„Allein. Ich muss allein mit dir sprechen.“ Mit einer schnellen Bewegung legte er ihr den Arm um die Taille und zog Mary an sich. Am liebsten hätte er sie sich über die Schulter geworfen. Seltsam, in Marys Gegenwart vergaß er zu leicht seine gute Erziehung. Er reagierte weniger als Lord denn als Mann.

„Das ist keine gute Idee.“

Warum hatte er sie nur abgesetzt. Er hätte sie nie aus den Armen lassen sollen, denn dort gehörte sie hin. „Reize mich nicht, Mary-Belle. Das kann ich im Augenblick nicht gut vertragen.“

Bei der Erwähnung des Kosenamens versteifte sie sich kurz, dann blickte sie ihm schweigend in die Augen. Sofort neigte er den Kopf und strich ihr zärtlich mit den Lippen über den Mund. Wie früher öffnete sie daraufhin leicht die Lippen, und Kane wurde es heiß vor Erregung. Er drang mit der Zunge vor. Endlich konnte er sie wieder spüren, schmecken! Wie sehr hatte er sich danach gesehnt.

Hinter ihnen räusperte sich jemand, und Mary löste sich schnell von ihm. Doch Kane hielt sie weiterhin umfangen, während er den Kopf hob und den Mann musterte, der sie fassungslos anstarrte.

„Wer ist denn das?“, fragte der Mann. Er hatte schütteres Haar und blickte Mary so verächtlich an, dass Kane sie fester an sich zog. Wer es wagte, ihr etwas anzutun, würde es mit ihm zu tun kriegen.

Mary stieß ihn in die Seite, doch er ließ sie nicht los. Diesmal nicht.

„Channing, dies ist Kane Brentwood. Ich kenne ihn aus London. Kane, das sind mein Großcousin Channing Moorehead und seine Schwester Lorette.“

Kane gab beiden die Hand. „Mein herzliches Beileid.“

„Wir haben uns Onkel David sehr eng verbunden gefühlt“, sagte Lorette und betupfte sich kurz die Augen mit einem winzigen Spitzentuch. „Und wir haben immer so gelebt, dass er nichts zu beanstanden hatte. Auf diese Weise wollten wir ihm unsere Liebe und unseren Respekt zeigen.“

„Sehr eindrucksvoll, Lorette“, sagte Emma leicht sarkastisch.

Mary lächelte ihre Freundin dankbar an. Kane begriff auf einmal, dass er wohl in dem ungünstigsten aller Momente hier aufgetaucht war. Die Spannung zwischen Mary und ihren Verwandten war unübersehbar. Dafür hatte er ein gutes Gespür, denn ihm ging es mit seiner Familie ähnlich.

Lorette sagte irgendetwas zu Emma, und Mary nutzte die Gelegenheit, sich mit ein paar vorsichtigen Schritten von den anderen zu entfernen. Was war mit ihr los? Die Mary, die er kannte, hätte sich nicht so schnell einschüchtern lassen. Aber die Trauer um ihren Großvater machte sie wahrscheinlich verwundbar.

Er nahm sie beim Ellenbogen und zog sie in eine Ecke. „Was ist denn mit denen los?“

„Mach dir keine Gedanken, Kane. Das hat nichts mit dir zu tun.“

„Da bin ich nicht so sicher, Mary-Belle. Aber eins weiß ich genau. Ich werde nicht so einfach aus deinem Leben verschwinden, jetzt, wo wir beide frei und ungebunden sind.“

„Ich bin nicht mehr die Mary von früher. Ich habe mich geändert. Ich habe einen Ruf zu verlieren.“ Mary sah sich kurz um. „Ich kann nicht mehr deine Geliebte sein.“

„Was für einen Ruf? Als Malerin? Ich habe deine Arbeiten im letzten Frühling in einer Londoner Galerie gesehen und war überwältigt.“

„Danke. Nein, nicht mein Ruf als Malerin macht mir Sorgen. Die Leute hier wissen nichts von meinem Leben in Paris und London.“

Das konnte doch nicht wahr sein! Wie konnte sie so etwas Entscheidendes geheim halten? Malen war nicht nur ihr Beruf, sondern ihre Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die ihr ganzes Leben bestimmte. Fast zehn Jahre waren sie zusammen gewesen, und in dieser Zeit war sie von ihrer Kunst so besessen, dass er manchmal schon eifersüchtig geworden war. Einige Male hatte er sich als Modell angeboten, nur um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

„Um was für einen Ruf machst du dir dann Sorgen, Darling? Um dein Ansehen als Mutter?“

„Nein. Mein Kind kam tot zur Welt“, flüsterte sie kaum hörbar. Ihm wurde das Herz schwer, als er den Schmerz in ihren Augen erkannte. Er wollte sie tröstend in die Arme ziehen, aber sie wehrte ihn ab. „Ich meine den Ruf, den ich den Duvalls schuldig bin. Es geht hier um eine Erbschaft, die ich nicht verlieren darf. Ich muss jetzt gehen. Dank dir, dass du gekommen bist.“

Er nickte und ließ sie los. Nachdenklich blickte er ihr hinterher. Was meinte sie damit, sie sei nicht mehr die Mary von früher? Wer war sie dann? Aber egal, wer sie auch war, er hatte sie wiedergefunden und würde Eastwick nicht verlassen, ohne seine Ansprüche auf sie geltend gemacht zu haben. Das hätte er schon sehr viel früher tun sollen. Aber damals war er arrogant genug gewesen, um zu meinen, dass er auf die Familie Rücksicht nehmen und jemanden aus seiner Gesellschaftsschicht heiraten müsse. Deshalb hatte er ihre Beziehung nie legalisiert, und später war es dafür zu spät gewesen.

Die Beerdigung dauerte nicht lange, aber Mary erschien sie endlos. Hinterher kam die Trauergemeinde noch in dem stattlichen Haus von Großvater Duvall zusammen. Zwischendurch zog sich Mary in das Arbeitszimmer des Großvaters zurück. Sie musste unbedingt ein paar Minuten allein sein. Erschöpft ließ sie sich in den großen Ledersessel fallen, in dem ihr Großvater so gern gesessen hatte und der leicht nach dem würzigen Tabak roch, den er immer geraucht hatte. Mary atmete tief ein. Hier fühlte sie sich ihm am nächsten.

Jemand klopfte, wahrscheinlich um ihr zu verstehen zu geben, dass sie sich lang genug von der Gesellschaft zurückgezogen hatte. Seufzend stand Mary auf und ging wieder zu den anderen. Emma, Lily und Caroline standen zusammen und sahen ihr lächelnd entgegen.

„Wir haben uns schon gedacht, dass du dich da verkrochen hast“, sagte Emma liebevoll und legte ihr den Arm um die Schultern.

„Ich habe mich nicht verkrochen.“ Mary wusste, dass die Freundinnen ihr nicht glaubten, obgleich sie ihr nicht widersprachen. Wahrscheinlich ahnten sie, dass sie es nicht ertrug, immer nur freundlich Konversation zu machen. Seit sie zurück in Eastwick war, spielte sie das perfekt angepasste Mitglied der Gesellschaft, und manchmal hatte sie das Gefühl, es nicht mehr aushalten zu können. Sie sehnte sich danach, etwas vollkommen Verrücktes zu tun, die satten Bürger zu schockieren. Wie ihre Freundinnen es in dieser Stadt aushielten, in der alles „seine Ordnung hatte“, konnte sie nicht begreifen.

„Wir dachten schon du wärst vor Channing geflüchtet“, sagte Caroline. „Mann, ist das ein Ekel.“

„Hat er nach mir gefragt? Habt ihr mich deshalb gesucht?“

„Nein. Vanessa und Felicity haben ihn in die Zange genommen, und Abby lässt Lorette nicht aus ihren Fängen. Aber wir wollen nun endlich wissen, wer dieser traumhafte Mann mit dem britischen Akzent ist.“

Über Kane wollte Mary nun ganz sicher nicht reden. Wo sollte sie anfangen, was genau sollte sie den Freundinnen erzählen? „Hat das nicht Zeit bis zu unserem nächsten Lunch?“

„Wer weiß, wann wir uns mal wieder zusammensetzen können, jetzt, wo alle sich entweder verloben oder in den Hochzeitsvorbereitungen stecken!“ Caroline lachte. „Also, spann uns nicht auf die Folter.“

„Da gibt es wirklich nicht viel zu erzählen. Ich habe ihn in London kennengelernt.“

„Wann?“, fragte Emma.

„Bereits in der zweiten Woche. Ich arbeitete damals bei Harrods.“ Mary erinnerte sich noch gut an die Situation. Kane hatte fast eine halbe Stunde bei den Seidenschals herumgelungert. Ihr war gleich klar gewesen, dass er nicht die Absicht hatte, einen zu kaufen, sondern dass er nur mit ihr flirten wollte.

„Und das ist alles?“ Caroline konnte es nicht glauben. „Das ist jetzt zehn Jahre her. Der Mann da heute sah nicht gerade so aus, als sei er nur ein alter Kunde von Harrods.“

„War er auch nicht. Er hat mir … ich meine, wir waren … befreundet.“ Das hörte sich besser an als die Wahrheit, die vielleicht selbst für die Freundinnen etwas schwer zu schlucken war. Denn im Grunde hatte Kane sie ausgehalten. Er hatte ihr eine Wohnung gemietet, und Mary stand ihm zur Verfügung, wann immer er es wollte.

„Ich habe mir gleich gedacht, dass da mehr zwischen euch war“, mischte Lily sich jetzt ein. „Schon wie er dich ansah. Und dann der Kuss …“

Mary konnte immer noch Kanes Lippen spüren, obgleich sie sich sehr bemühte, alles zu vergessen, was mit Kane zu tun hatte. Er gehört nicht mehr zu meinem Leben, er gehört nicht mehr zu meinem Leben …

„Ich habe ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen“, sagte sie leise, und das letzte Mal würde sie am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen. Sie war so unglücklich und wütend gewesen, dass sie Dinge gesagt hatte, die sie nie hätte aussprechen dürfen. Als sie dann nach Eastwick zurückkehrte, hatte der Großvater ihr Vorhaltungen gemacht. Ihr Verhalten habe anderen und ihr selbst geschadet. Sofort musste sie an Kane denken. Wenn sie sich hätte so zusammennehmen können, wie sie es heute konnte, vielleicht wäre dann alles ganz anders gekommen. Und ihr Sohn würde leben.

„Er sah aber ganz so aus, als wolle er eure Beziehung wieder aufleben lassen“, meinte Caroline schmunzelnd.

„Ich kann das nicht. Nicht jetzt. Ich habe einfach momentan zu viel zu bedenken.“

„Aber natürlich kannst du“, widersprach Lily. „Du könntest zumindest versuchen, herauszufinden, ob nicht doch etwas zu machen ist.“

Mary schüttelte nur den Kopf. Kane sollte nicht mehr Teil ihres Lebens sein, auf keinen Fall. Er war ihr wunder Punkt, und sie wusste, wenn sie wieder etwas mit ihm anfing, würde auch die Vergangenheit wieder lebendig und mit ihr all das, was sie ihm angetan hatte. Sie hatte ihn brutal angelogen, und das würde sie ihr Leben lang verfolgen.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen war Kane schon früh auf und joggte am Long Island Sound den Strand entlang. In der Nacht hatte er so gut wie nicht geschlafen. Wie konnte er Mary nur überzeugen, dass sie zu ihm gehörte? Das würde nicht einfach sein. Aber er gehörte nicht zu den Männern, die leicht aufgaben.

Als seine Ehe mit Victoria geschieden wurde, hatte er bereits die familieneigene Firma verlassen. Seine ganze Familie war entsetzt, dass er seine Pflicht als Erbe nicht erfüllte und seine Ehe aufrechterhielt. Doch diese Verbindung hatte von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden. Aufgrund der Reaktion seiner Eltern war Kane klar geworden, dass er nur als Erbe des Namens eine Rolle spielte, ihnen aber als Mensch nichts bedeutete. Daraufhin hatte er total mit allen gebrochen. In den letzten eineinhalb Jahren hatte er in New York gelebt. Schon kurz nach seinem Umzug hatte er eine kleine Investmentfirma übernommen, die in kurzer Zeit die Finanzwelt aufmerken ließ.

Während er den Horizont fixierte und überlegte, wie weit er noch laufen wollte, bevor er umkehren sollte, entdeckte er plötzlich eine vertraute Gestalt. Mary. Sie saß im Sand und starrte aufs Meer. Er lief langsamer, um nicht völlig außer Atem bei ihr anzukommen.

„Guten Morgen, Darling.“

„Morgen, Kane.“ Sie legte den Kopf in den Nacken und sah zu ihm hoch. Ihr dunkles Haar glänzte in der Sonne, die Löckchen umgaben ihr Gesicht und wippten in der leichten Brise. Jetzt sah sie beinahe so aus wie die Mary von früher. „Was machst du hier?“

„Ich jogge und fürchte, ich bin ein bisschen verschwitzt. Darf ich mich trotzdem zu dir setzen?“

„Spielt es denn irgendeine Rolle, ob ich Ja oder Nein sage?“

„Ja.“ Er war es gewohnt, dass geschah, was er wollte. Denn er war ein Mann, der ein Nein einfach nicht akzeptierte. Aber irgendwie war es diesmal anders. Wenn Mary nicht wollte, dass er sich zu ihr setzte, würde er gehen.

Sie stützte den Kopf auf den hochgezogenen Knien ab und starrte in die Ferne. „Dies ist ein öffentlicher Strand. Ich kann dir nicht verbieten, dich zu setzen.“

Er hockte sich vor sie hin und blickte ihr in die Augen. „Der Strand ist mir vollkommen egal, Mary-Belle. Ich möchte in deiner Nähe sein.“

„Warum? Das haben wir doch schon alles vor Jahren geklärt.“

„Das haben wir eben nicht.“ Er setzte sich neben sie.

Sie seufzte leise, und Kane sah sie nachdenklich von der Seite an. Hatte sie nur negative Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit? Für ihn waren das die schönsten Jahre seines Lebens gewesen. Nur das Ende war schrecklich. Wenn er doch nur das Ende ungeschehen machen könnte! Dann würde er sich sehr viel besser fühlen.

„Ich kann nicht mehr so leben wie früher“, sagte sie leise.

„Das sollst du auch gar nicht.“ Auch er konnte ihr früheres Leben nicht wieder aufnehmen. Er war nicht mehr der Mann, der Mary als seine Geliebte ausgehalten hatte. Jetzt wollte er … ja, was wollte er? Außer, dass er unbedingt mit ihr schlafen wollte?

„Nein? Warum bist du dann gekommen, Kane?“

„Weil du hier bist.“

„Sag so etwas nicht.“

„Warum denn nicht? Es ist die Wahrheit.“

„Gerade wenn es die Wahrheit ist. Ich bin in einer sehr schwierigen Situation, denn ich habe familiäre Verpflichtungen.“

„So? Wem denn gegenüber?“

„Großvaters Erbe gegenüber.“

Er runzelte die Stirn. Das war wirklich verrückt. Jetzt, da er sich von seiner Familie und ihren Anforderungen losgesagt hatte, hatte Mary damit zu kämpfen. „Was für Verpflichtungen sind das denn?“

„Das ist alles ziemlich kompliziert. Ich möchte mit meinem Erbe eine Stiftung gründen, die einkommensschwache Familien unterstützen soll. Unter anderem durch Neugeborenenstationen in Krankenhäusern in den entsprechenden Vierteln. Außerdem möchte ich den Kunstunterricht in Schulen fördern. Und da Großvater Land besitzt, das an die Finger Lakes im Staat New York grenzt, denke ich daran, eventuell dort ein Sommercamp zu errichten.“

„Das hört sich gut an. Womit willst du anfangen?“

„Das weiß ich noch nicht. Es ist schwierig für mich. Von Geschäften verstehe ich nichts. Channing hat da mehr Ahnung, denn er sitzt bereits im Vorstand von zwei Stiftungen. Aber irgendwie kann ich mich nicht dazu durchringen, ihn um Hilfe zu bitten.“

„Warum denn nicht?“

„Wir kommen nicht besonders gut miteinander aus. Schlimmer noch, er wartet nur darauf, dass ich irgendetwas Verrücktes, Unakzeptables tue. Denn dann geht das Erbe an ihn und Lorette.“

„Dann ist die Erbschaft also an ganz bestimmte Bedingungen geknüpft?“

„Das kann man wohl sagen.“

„Was denn für welche?“

Sie verzog unwillig das Gesicht. „Ich muss mich absolut vorbildlich betragen.“

Kane lachte leise. „Das hört sich nicht nach der Mary an, die ich kenne.“

Sie legte den Kopf leicht zur Seite und lächelte. Kane stockte der Atem. Er hatte nie vergessen, wie schön Mary war, aber das war nur ein Grund, weshalb er sie liebte. Am meisten hatte ihn ihre Lebensfreude angezogen, ihr raues herzliches Lachen und das warme Lächeln, das ihn sein kaltes Elternhaus vergessen ließ.

„Warum siehst du mich so an, Kane?“

„Weil ich dein Lächeln liebe.“

„Mein Lächeln?“

Er strich zärtlich über ihre Wange und berührte die Lippen mit dem Daumen. „Das ist mir damals bei Harrods als Erstes an dir aufgefallen.“

„Mein Mund?“ Sie befeuchtete sich schnell die Lippen mit ihrer Zunge, und Kane hätte beinahe laut aufgestöhnt.

„Ja. Deine Lippen laden geradezu zum Küssen ein.“

Sie errötete. „Deine auch.“

„Männer haben keine Lippen, die man unbedingt küssen will.“ Keine andere Frau hatte jemals so offen mit ihm gesprochen wie Mary. Sie sagte Sachen zu ihm, die eine andere Frau nie über die Lippen bringen würde. Die Stellung seiner Familie in der Gesellschaft war für sie ohne Bedeutung, und sein Reichtum schüchterte sie nicht ein. Sie hatte ihn immer so behandelt wie jeden anderen Mann, und das hatte ihm gutgetan. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass er in Marys Gegenwart ganz er selbst sein konnte.

„Du schon. Vielleicht ist es auch nur die Art und Weise, wie du mich küsst.“

Sie sah ihn an. Kane neigte sich zu ihr und streifte zart ihre Lippen mit dem Mund.

„Oh, Kane …“, hauchte sie.

Er umfasste ihren Kopf und küsste sie tief und lange. Er ließ sich Zeit, wieder zu entdecken, wie es war, wenn sie den Kuss voller Verlangen erwiderte. Es war, als sei die Zeit stehen geblieben, und er zog sie in die Arme und drückte sie fest an sich. Hier gehörte sie hin.

Wann immer Kane sie in die Arme schloss, hatte Mary das Gefühl, auf der Welt existierten nur sie beide. So auch jetzt. Und auch diesmal war sie sofort bereit, alles zu tun, was er von ihr verlangte. Doch dann fiel ihr noch rechtzeitig ein, was auf dem Spiel stand. So machte sie sich mit einem Ruck von ihm frei, dem ersten und einzigen Mann, den sie jemals geliebt hatte.

„Was hast du?“

„Ich kann es mir nicht leisten, in der Öffentlichkeit in einer solchen Situation überrascht zu werden.“

„Das ist mir sehr recht. Komm mit mir in mein Hotel, da sind wir ganz für uns.“

Mary schüttelte den Kopf. „Heute nicht. Um zehn habe ich einen Termin bei Großvaters Anwalt. Danach habe ich mich mit verschiedenen Anlageexperten verabredet, um mich beraten zu lassen, wie ich das Thema Stiftung anpacken kann.“

„Wen hast du dir ausgesucht?“

„Ich habe einen Termin mit jemandem von Merrill Lynch und einen mit jemandem von A. G. Edwards. Die Namen habe ich aus den Gelben Seiten.“ Mary hatte keine Ahnung, wie sie in dieser Sache vorgehen sollte.

„Hättest du etwas dagegen, wenn ich dir dabei helfe?“

Natürlich nicht. Mary wusste, dass das Geld bei ihm in guten Händen war. Schon in der Zeit, in der sie zusammenlebten, hatte er das Geld, das er ihr quasi „bezahlte“, sehr gewinnbringend angelegt, sodass ein kleines Vermögen daraus wurde. „Würdest du das tun?“

Er grinste. „Sonst hätte ich es doch nicht angeboten.“

Recht hatte er. Wie konnte sie nur so dumm fragen? „Entschuldige. Aber in deiner Gegenwart kann ich mich immer so schlecht konzentrieren.“

„Gut zu wissen.“

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