Logo weiterlesen.de
Im Bann des Milliardärs

image

Kim Lawrence

Im Bann des Milliardärs

Wie ein Wirbelwind stellt die bezaubernde Fleur Antonios Leben komplett auf den Kopf. Die temperamentvolle junge Lehrerin ist so ganz anders als die beherrschten Frauen, mit denen der attraktive Milliardär sich bislang getroffen hat. Doch so stark auch die erotische Anziehung zwischen ihm und Fleur ist, immer wieder verschließt sie sich im letzten Moment vor ihm. Was kann Antonio noch tun? Damit Fleur endlich erkennt: Es gibt kein Entkommen vor der verzehrenden Kraft der Liebe …

1. KAPITEL

Fleur Stewart lauschte nach dem Aufwachen erst minutenlang dem morgendlichen Vogelgezwitscher, bevor sie sich zwang, die Lider zu öffnen. Gähnend sah sie schließlich auf den Digitalwecker neben dem Bett. Es war halb neun.

Es war auch ihr Geburtstag. Heute wurde sie fünfundzwanzig. Ein Vierteljahrhundert. Sie widerstand der Versuchung, Bilanz zu ziehen, was sie mit diesen fünfundzwanzig Jahren angefangen hatte. Denn das würde unweigerlich zu der Frage führen, was sie mit den nächsten fünfundzwanzig Jahren anzufangen gedachte.

Sie hatte nicht die geringste Ahnung.

Fleur drehte sich auf die andere Seite und zog sich die Bettdecke bis über die Nase. Sie machte grundsätzlich keine Pläne, sie ließ sich lieber überraschen. Denn das Leben hatte die Unart, meist sowieso anders zu verlaufen, als man es sich ausgemalt hatte.

Als kleines Mädchen hatte sie Schauspielerin werden wollen. Geboren war der Traum an dem Tag, als ihre Eltern sie im stolzen Alter von acht Jahren zu einer Matineevorstellung im West End mitgenommen hatten. Begraben hatte sie diesen Traum, als sie zu Beginn ihres zweiten Jahres an der Schauspielschule das Vorspielen so kläglich verpatzte, dass es für jedermann offensichtlich war: Das Einzige, was zwischen ihr und einer schillernden Karriere als Schauspielerin stand, war das komplette Fehlen von Talent.

Am nächsten Tag, noch immer tief in Selbstmitleid verloren, hatte sie Adam Moore getroffen, Jurastudent im Staatsexamensjahr. Der gut aussehende Adam war so unendlich verständnisvoll und mitfühlend gewesen, als sie ihm nach dem zweiten Glas Wein ihre Zweifel gebeichtet hatte. Als verwandte Seele war er natürlich ganz ihrer Meinung gewesen: Welchen Sinn hatte es, mit der Schauspielschule weiterzumachen, wenn Fleur doch nie mehr als Mittelmaß erreichen würde?

Es war viel angenehmer zu hören als das: „Als Schauspielerin darf man nicht so dünnhäutig sein“, mit dem ihre Freunde aufwarteten. Die nahmen ihre Identitätskrise offensichtlich nicht ernst genug.

Adam hingegen sagte ihr, dass ein Mädchen mit ihrer Intelligenz doch etwas Besseres mit sich anfangen müsste als Schauspielern, und geschmeichelt stimmte sie ihm zu. Oder hatte sich zumindest dazu durchgerungen, ihm zu glauben. Denn ganz tief in ihrem Innern wusste Fleur selbst, dass sie den Weg des geringsten Widerstandes wählte.

Drei Monate später war sie mit Adam verlobt und jobbte als Kellnerin. Und falls ihr zwischendurch tatsächlich die Frage in den Kopf schießen sollte, ob sie jetzt glücklicher war, so erinnerte sie sich streng daran, dass es ja nur eine Übergangslösung war. Außerdem waren die Trinkgelder nicht zu verachten, und es schien doch sinnvoll, dass Adam sich während seines letzten Jahres auf sein Examen konzentrieren und sich keine Sorgen um solche Nebensächlichkeiten wie das Bezahlen der Miete machen musste.

Wenn Fleur heute an ihre jugendliche Naivität zurückdachte, wurde ihr elend vor Selbstverachtung, daher erinnerte sie sich auch nur ungern an die Vergangenheit. Sie konzentrierte sich darauf, in der Gegenwart zu leben.

Und die Gegenwart verlief eigentlich überraschend gut.

Adam gab es nicht mehr. Zugegeben, die brillante Schauspielkarriere gab es ebenfalls nicht, aber dafür balancierte sie auch keine mit Gläsern voll beladenen Tabletts mehr durch überfüllte Kneipen.

Ihr gefiel ihre Stelle als Schauspiellehrerin am hiesigen College. Die Arbeit befriedigte sie, die Kollegen waren so weit ganz nett, und es war eine Herausforderung, mit zumeist hoch motivierten jungen Leuten zu arbeiten. Jedes Mal, wenn einer ihrer Studenten auf die Idee verfiel, das Handtuch zu werfen, nahm sie ihn beiseite und redete ihm zu, dass er im Moment vielleicht den Mut verloren haben mochte, aber nie erfahren würde, was die Zukunft bereithielt, wenn er nicht ein bisschen mehr Rückgrat und Durchhaltevermögen zeigte.

Der größte Vorteil aber war – niemand wusste hier von dem, was sie vor nicht allzu langer Zeit durchgemacht hatte. Was bedeutete: keine mitleidigen Blicke, keine mitfühlenden Kommentare nach dem Motto: „Ich bewundere dich ja so, du lässt dich nicht unterkriegen.“ Als ob sie eine Wahl hätte!

Doch ganz gleich, wie sehr man seine Arbeit liebte, es war wunderbar, am Samstagmorgen aufzuwachen und zu wissen, man konnte sich die Bettdecke noch einmal über den Kopf ziehen und einfach faulenzen. Den heutigen Samstag jedoch, Geburtstag oder nicht, würde sie nicht lange im Bett verbringen. Die späte Augustsonne schien zu verlockend durch die Vorhänge und weckte die Lust auf Brombeeren in ihr. Fleur würde mit ihrem Wachhund, den ihre Freundin Jane ihr vor einem Monat aufgedrängt hatte, einen ausgiebigen Spaziergang machen und sich danach um die tausend Dinge kümmern, die im Garten zu tun waren.

Für ein Großstadtmädchen hatte sie sich erstaunlich gut an das Landleben gewöhnt.

Fleur tappte immer noch barfuß und im Schlafanzug durch die Wohnung, als das Telefon klingelte. Sie legte die Geburtstagskarte ungeöffnet aus der Hand und nahm schnell noch einen Schluck des frisch gebrühten Kaffees, bevor sie den Hörer abhob.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Janes fröhliche Stimme zauberte ein Lächeln auf Fleurs Gesicht. Jane war Modefotografin mit kupferrotem Haar, die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hielt und deren Lebensfreude ansteckend war.

Manchmal wünschte Fleur, sie hätte nur die Hälfte von Janes Energie. Es war Jane gewesen, die ihr geraten hatte, aus London wegzuziehen, um über die Fehlgeburt und Adams Untreue hinwegzukommen. Und es war Jane gewesen, die sie auf die Anzeige für die Stelle als Schauspiellehrerin aufmerksam gemacht hatte.

„Ist meine Karte angekommen?“

„Ich wollte sie gerade aufmachen.“

„Ich wünschte, ich könnte rüberkommen. Aber nächste Woche“, versprach Jane, „da machen wir beide einen Streifzug durch die Gemeinde. Und du ziehst deine schicksten Schuhe an. Ich habe nämlich Pläne.“

Fleur überkam ein ungutes Gefühl. Ihr kam der Verdacht, dass die Pläne ihrer Freundin Mitglieder des anderen Geschlechts einschlossen. Das Problem mit Jane war, sie bildete sich ein, diskret zu sein. Ihre Kuppelversuche waren alles andere als das! „Hier gibt es nicht viele Gelegenheiten, um schicke Schuhe spazieren zu führen.“

„Das ist ja nun wirklich ein Trauerspiel!“, kommentierte Jane empört. „Im Leben einer Frau gibt es immer Gelegenheit, schicke Schuhe anzuziehen. Es macht mich richtig wütend, wenn ich daran denke, wie du deine Beine verschwendest. Sieh dir mich an – Beine wie ein walisischer Corgi, aber sitze ich deshalb zu Hause und blase Trübsal? Nein, ich …“

„Schon gut, schon gut, der dezente Wink ist angekommen. Ich werde mir Mühe geben.“

„Hast du für heute Abend etwas vor?“

Wenn sie Jane gegenüber zugab, dass sie nichts anderes plante, als den Abend vor dem Fernseher zu verbringen, würde sie sich eine Gardinenpredigt anhören müssen. Also ließ sie sich etwas einfallen. „Ach, nur auf einen Drink mit ein paar Kollegen.“ Dabei wusste man am College nicht einmal, dass sie Geburtstag hatte. Sie hatte allgemein den Ruf, eher zurückhaltend zu sein.

„Sehr schön. Und wie geht es unserem Hund?“

Unser Hund frisst alle meine Möbel an. Ich besitze keinen Stuhl mehr, der unversehrt geblieben wäre. Du glaubst gar nicht, wie dankbar ich dir bin, dass du dich so um meine Geselligkeit sorgst.“

Absolute Stille war die einzige Reaktion am anderen Ende. Fleur runzelte die Stirn. Das war atypisch für Jane. Da hätte längst eine spitze Bemerkung kommen müssen. „War nur ein Witz. Du weißt doch, ich bin völlig vernarrt in die Töle.“

„Es liegt doch nicht daran, dass du noch immer nicht über ihn hinweg bist, oder? Ich meine, du bist doch über ihn hinweg, richtig?“

„Ich nehme an, du redest von Adam.“ So viel hatte Fleur aus dem zusammenhanglosen Monolog erfasst. „Ich bin beleidigt, dass du überhaupt fragst. Ja, natürlich bin ich über ihn hinweg.“

„Paula ist schwanger“, posaunte Jane heraus. „Sie und Adam bekommen ein Baby.“

Fleur presste eine Hand auf ihren verkrampften Magen. Ein Baby! Gleichzeitig tat sie ihre Reaktion auf die Neuigkeit als unvernünftig ab. Was das Gefühl, betrogen worden zu sein, allerdings nicht minderte.

„Oh, Fleur, ich hätte es dir nicht sagen sollen“, drang es verlegen durch die Muschel an ihr Ohr. „Ich dachte nur, Adam hätte es vielleicht erwähnt …“

„Ich habe seit Monaten nicht mehr mit ihm gesprochen.“ Nicht, seit ihr Exverlobter die Frau geheiratet hatte, mit der er schon geschlafen hatte, während sie selbst schwanger gewesen war. „Nun, ich denke …“, sie rieb sich die Stirn, „auch Adam ist ein neues Leben vergönnt.“

„Der Typ ist ein Scheusal!“, kam es herzhaft vom anderen Ende. „Das einzige Leben, das jemandem wie ihm vergönnt sein sollte, ist eines in Elend und Dreck!“ Jane hatte sich so in Rage geredet, dass Fleur den Hörer vom Ohr abhielt. „Er hat mit dieser Frau geschlafen, in eurem Bett, während du im Krankenhaus lagst und … Entschuldige, Fleur“, unterbrach sie sich. „Ich mit meinem großen Mundwerk. Ich wollte keine alten Wunden aufreißen.“

„Ist schon gut.“ Fleur lehnte sich an die Kante des kleinen Telefontischchens und fingerte am obersten Knopf ihres Schlafanzugs. „Irgendwann hätte ich es so oder so erfahren.“ Manche Wunden heilten jedoch nie. Und diese eine war noch gar nicht so alt.

Manchmal kam es ihr vor, als sei es in einem anderen Leben passiert, und dann wiederum hatte sie das Gefühl, es sei erst gestern gewesen. Genau genommen war es achtzehn Monate her, dass ein ernst dreinblickender Arzt Fleur mitteilte, er könne keine Herztöne bei dem Baby mehr hören.

„Nein, nichts ist gut. Ich bin verantwortlich dafür, dass ihr euch getrennt habt …“

„Weil du die beiden im Bett erwischt hast?“ Jane war damals mit ihr im Notarztwagen zur Klinik gefahren und hatte verzweifelt versucht, Adam zu erreichen. Als sie ihn nirgendwo hatte auftreiben können, hatte sie sich erboten, Nachtzeug und Utensilien für Fleurs Klinikaufenthalt aus der Wohnung zu holen. Sie hatte wesentlich mehr gefunden als erwartet! „Sei nicht albern, Jane. Dafür kannst du schließlich nichts.“

Rückblickend war es Fleur unbegreiflich, wie sie die Zeichen hatte übersehen können. Weder Adams unerklärlich lange Abwesenheiten noch die häufigen Anrufe, die sofort unterbrochen wurden, sobald sie sich meldete, hatten den Verdacht in ihr erweckt, Adam könnte eine Affäre haben. Ihre einzige Sorge war damals gewesen, dass Adam immer missmutiger wegen der Einschränkungen wurde, die der Arzt ihnen aufgrund der Risikoschwangerschaft auferlegt hatte.

„Wir waren doch gerade erst in die Wohnung gezogen, als er schon mit Paula anfing. Früher oder später wäre es sowieso zur Trennung gekommen.“ Wahrscheinlich früher, wäre sie nicht schwanger gewesen. Wegen der Schwangerschaft hatte Fleur die wachsenden Zweifel an der Beziehung verdrängt. Ein Baby sollte immer mit beiden Eltern aufwachsen. Um des Babys willen hatte sie an der Beziehung festhalten wollen.

„Aber ich bin ausgeflippt! Als er mit diesem Riesenblumenstrauß im Krankenhaus auftauchte, ganz geheucheltes Mitgefühl, da ist mir die Sicherung durchgebrannt. Ich hätte mich zusammennehmen müssen, ich hätte nichts sagen dürfen. Aber ich habe nur noch rotgesehen.“

„Ich bin froh, dass du ausgeflippt bist.“ Damals war Fleur natürlich alles andere als glücklich gewesen, doch mittlerweile war ihr klar, dass sie ganz knapp noch einmal davongekommen war.

Nie wieder würde ein Mann ihr antun, was Adam ihr angetan hatte. Sollte es nur einer versuchen!

Mit zusammengekniffenen Augen stellte sie sich genüsslich vor, was sie mit einem solch unklugen Menschen anfangen würde.

Er war intelligent, talentiert, reich und sah blendend aus.

Fragte man Antonio Rochas nach dem Geheimnis seines Erfolges, so antwortete er, dass es keine allgemeingültige Formel gebe – nur eines: Er akzeptierte nichts anderes als absolute Perfektion von sich selbst.

In der letzten Woche war sein Konterfei auf den Titelseiten von drei internationalen Wirtschaftsmagazinen zu sehen gewesen. Allein sein Name garantierte einen profitablen Vertragsabschluss.

Auf ein ganz bestimmtes weibliches Wesen jedoch zeigte sein Name nicht die geringste Wirkung.

Seit einer Woche nämlich war Antonio Vater. Und hier brillierte er wahrlich nicht. Sollten sich seine Kollegen über die untypische Launenhaftigkeit ihres sonst so ausgeglichenen Chefs wundern, so sprachen sie es zumindest nicht laut aus.

Huw Grant, Top-Rechtsanwalt und enger Freund Antonios, kannte derartige Skrupel nicht. „Du siehst nicht aus wie ein Mann, der eben gewonnen hat.“ Aus der Büropenthousesuite des Londoner Rochas-Gebäudes sah Huw hinunter auf die drei Gestalten in dunklen Anzügen, die die Straße überquerten. „Die hatten sich vorgestellt, sie könnten dich über den Tisch ziehen.“

Antonio saß in seinem Schreibtischsessel und starrte Löcher in die Luft. „Sie hatten ihre Hausaufgaben nicht gemacht“, tat er unbeeindruckt ab.

„Aber du schon, nicht wahr?“

Unter dunklen Wimpern hervor richtete er die intensiv blauen Augen auf den Mann am Fenster. „Ich mache immer meine Hausaufgaben, Huw.“ Antonios letzte Worte hatten Charles Finch gegolten, dem Mann, der in sein Büro gekommen war und behauptet hatte, Antonio sei der leibliche Vater seiner dreizehnjährigen Tochter. Nun gab es eine Menge offener Fragen.

Auf einige dieser Fragen hatte er bereits Antworten gefunden, einschließlich der Resultate eines DNA-Tests.

Laut den Unterlagen, die auf seinem Tisch gelandet waren, hatten Charles Finch und seine Frau Miranda nichts anderes gemein als gegenseitige Verachtung und die Tatsache, dass sie mehr Zeit in anderer Leute Betten verbrachten als im ehelichen.

Huw trat vom Fenster weg. „Nun, dieses Mal haben dir die gemachten Hausaufgaben vorsichtig geschätzt zwanzig Millionen eingebracht. Und natürlich darf man nicht die geringsten Skrupel haben.“

Antonios blaue Augen, die einen faszinierenden Gegensatz zu seinem südländischen Aussehen bildeten, flackerten amüsiert auf. „Du hältst mich also für das hässliche Gesicht des Kapitalismus?“

„Hässlich würde ich nicht sagen, nein“, kommentierte der andere trocken. Wollte man Huws Frau Glauben schenken, so lag es nicht nur an Antonios perfekten Gesichtszügen und seiner athletischen Figur, dass die holde Weiblichkeit ihm reihenweise zu Füßen sank, sondern an der unterschwelligen Sinnlichkeit, die er aus jeder Pore ausstrahlte. Seine Frau war natürlich davon nicht beeindruckt, wie sie Huw hastig versichert hatte. „Ich weiß ja auch, dass es dir nicht in erster Linie um das Geld geht. Du gewinnst einfach nur gern.“

Antonio hob eine Augenbraue. „Wer tut das nicht?“

„Im Moment wirkst du aber nicht so.“

„Sagen wir einfach, mir gehen andere Dinge im Kopf herum.“

„Das merkt man.“ Ein bisschen neugierig war Huw schon. „Du bist schon die ganze Woche so seltsam.“

Antonio streckte die langen Beine aus und überlegte mit aneinandergelegten Fingerspitzen. „Kennst du Finch?“, fragte er schließlich.

„Du meinst den Finch von ‚Finch, Abbott & Ingham, Rechtsanwälte‘?“

Antonio nickte.

„Aalglatt und eiskalt. Seine Frau ist eine klassische Schönheit.“

„Nun, die klassische Schönheit ist tot. Krebs.“ Das hatte ihr Mann Antonio gesagt.

So richtig begriff er es noch immer nicht. Er sah Miranda wieder vor sich, so wie damals in jenem Sommer, als er sich in sie verliebt hatte. Sie war voller Energie gewesen, voller Lebenslust. Jedes Mal, wenn sie lachte, hatte sie den Kopf zurückgeworfen, sodass ihr wunderbarer Hals zur Geltung kam. Sie hatte damals oft und viel gelacht. Vor allem, als er ihr seine Liebe gestand.

„Du bist wirklich süß“, hatte sie gesagt, als sie endlich merkte, wie ernst es ihm war. „Sieh mal, wir beide haben zusammen so viel Spaß. Verdirb es nicht.“

Als er nicht locker ließ, war sie deutlicher geworden.

„Warum sollte eine Frau wie ich sich an einen armseligen Schlucker wie dich binden? Wenn ich heirate, dann nicht, weil der Sex gut ist – und das ist er zwischen uns, Darling, wirklich gut. Aber Sex kann ich überall bekommen. Nein, ich werde einen Mann heiraten, der mir das Leben bieten kann, das ich verdiene.“

Huws Stimme holte Antonio in die Gegenwart zurück. „Schlimm. Aber wie kommst du jetzt auf Finch?“

„Er kontaktierte mich letzten Monat. Sieht ganz so aus, als sei seine Tochter …“

„Was?“, hakte Huw nach, als Antonio nicht weitersprach.

„… nicht seine Tochter, sondern meine.“

2. KAPITEL

Huw stand der Mund offen. „Deine Tochter?“

„Scheint so. Ich habe eine dreizehnjährige Tochter, die mich für ein Monster hält. Sie erzählt jedem, ich hätte sie gekidnappt.“

„Gekidnappt …“ Der gute Huw, ein extrem intelligenter Mann, glich immer mehr einem verwirrten Cockerspaniel.

„Finch hat ihr nämlich gesagt, er würde alles daransetzen, sie zurückzubekommen.“

„Sie zurückbekommen?“ Dieses ständige Wiederholen half nicht. Huw riss sich zusammen. „Du meinst, das Mädchen ist jetzt bei dir? Hältst du das für eine gute Idee?“

„Es blieb nicht viel Zeit zum Überlegen. Mir sagte Finch nämlich, dass er nichts mehr mit dem Mädchen zu tun haben will. Während er hier oben war, saß sie mit einer Reisetasche bestückt im Auto.“ Antonio senkte halb die Lider, um seine Wut zu verbergen. „Er will sie nie wieder sehen.“

„Bastard!“, entfuhr es Huw deftig.

„Ein Bastard, der bravourös schauspielert.“ Antonio stand auf und ging zum Fenster hinüber. „Er hat eine sehr überzeugende Vorstellung des verzweifelten Vaters abgeliefert. Das Recht sei auf meiner Seite, als leiblicher Vater …“

„Das bliebe zu entscheiden.“

„… und eines Morgens hätte ich wohl beschlossen, mir das Kind zu holen und seinem liebevollen Heim zu entreißen, obwohl ich es als Baby verleugnete.“

„Das hat er dem Mädchen erzählt? Kein Wunder, dass sie behauptet, du hättest sie entführt!“ Huw verstand nicht, wie sein Freund so ruhig bleiben konnte. „Antonio, wenn der Mann aus irgendeinem kranken Rachegelüst handelt und es ihm sogar gleichgültig ist, wie sehr er das Mädchen verletzt … Hast du dir schon einmal überlegt, was auf dich zukommt, wenn er das der Presse steckt?“

„Da spricht der Anwalt in dir“, spottete Antonio. „Keine Sorge, er wird es nicht an die Presse weitergeben.“

„Wieso bist du da so sicher?“ Mit gerunzelter Stirn musterte Huw den Freund, dann dämmerte es ihm. „Du hast etwas gegen ihn in der Hand, stimmt’s?“

„Sagen wir einfach, Mr. Finch ist ein paar Mal hart am Wind gesegelt, in rechtlicher Hinsicht. Dieses Phänomen ist mir bei gierigen Männern schon öfter aufgefallen.“

„Und natürlich weiß Finch, dass du weißt …?“

„Ich glaube, ich habe es ihm gegenüber angedeutet, ja“, gab Antonio lässig zu.

Huw stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Na, das ist immerhin etwas. Glaubst du dem Mann? Ich meine, nur, weil du seine Frau gekannt hast?“ Huw wusste, er wagte sich hier auf unsicheres Gebiet. Antonio war berüchtigt dafür, grundsätzlich nicht über sein Privatleben zu sprechen.

„Damals war sie noch nicht seine Frau, Huw.“ Antonio ließ einen Bleistift zwischen den Fingern hin und her wandern. „Anscheinend hat sie jahrelang Tagebuch geführt. So fand Finch auch heraus, dass Tamara nicht seine Tochter ist.“

„Nur weil es in einem Tagebuch steht, muss es nicht wahr sein. Als Kind hatte ich auch ein Tagebuch, da habe ich alle meine Wunschträume reingeschrieben. Wenn man einen Wunschvater für sein Kind sucht, drängt sich der reiche und mächtige Antonio Rochas doch geradezu auf.“

„Huw, das war vor vierzehn Jahren. Damals existierte der ‚reiche und mächtige Antonio Rochas‘ noch nicht. Damals war ich auf dem College und habe in einer unserer Hotelküchen Teller gespült und Drinks serviert, weil mein Vater darauf bestand, dass ich das Geschäft von der Pike auf lernen sollte.“

„Sie wusste also nicht, dass du der Sohn vom Boss bist?“

„Niemand außer dem Manager wusste es. Außerdem … In dem Moment, als ich das Mädchen sah, wusste ich, dass sie meine Tochter ist.“

„Herrgott, Antonio, bei einer solchen Sache kannst du dich doch nicht auf deinen Instinkt verlassen!“

„Brauche ich auch nicht. Finch war so zuvorkommend und legte mir gleich Tamaras DNA-Test vor. Ich habe dann den Test bei mir machen lassen.“

„Es besteht kein Zweifel?“

Antonio schüttelte den Kopf.

„Du lieber Himmel. Und was hast du jetzt vor?“

„Ich werde auf den Landsitz ziehen.“

„Ist die Kleine dort?“

„Es scheint mir weniger traumatisch, sie vorerst dort unterzubringen, als mit ihr nach Spanien zu fliegen.“ Er hatte gute Kindheitserinnerungen an The Grange, das Anwesen, auf dem seine englische Mutter groß geworden war und das ihm sein Großvater vermacht hatte.

„Ist deine Mutter auch dort?“

„Sie ist mal wieder auf einer ihrer Weltreisen. Sie hatte mir angeboten zurückzukommen, aber ich dachte mir, es sei ganz gut, wenn Tamara und ich erst einmal einige Zeit allein miteinander verbringen.“

Sollte seine Mutter ihr Angebot jedoch wiederholen, würde seine Antwort heute anders ausfallen.

Die Tür fiel krachend ins Schloss.

Antonio war inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass er diesen Laut in unmittelbarer Zukunft relativ häufig hören würde.

Es musste eine Lösung für dieses Problem geben. Es gab immer eine Lösung. Er wusste nur im Moment noch nicht, welche.

„Ich will dich nicht, und du willst mich nicht!“, hatte seine Tochter noch vor ihrem dramatischen Abgang geschrien. „Du wünschst dir, ich wäre nie geboren worden! Du bist ja nicht einmal Engländer! Und“, wütend hatte sie in sein Gesicht geblickt, „es ist allein deine Schuld, dass ich so elendig groß bin. Weil ich deine Gene geerbt habe!“

„Ich bin schließlich dein Vater.“

Tamara konnte ihre Tränen kaum zurückhalten. Die Hand auf der Türklinke, funkelte sie ihn mit feuchten Augen an. „Bio-Vater!“ Das Wort klang wie eine Beleidigung und war auch als solche gedacht. „Und wieso hast du überhaupt so blaue Augen? Die sind unheimlich … wie die Augen eines Wolfs, mit dem schwarzen Ring da drinnen! Das hier ist nicht mein Zuhause, und wenn mich hier irgendjemand noch mal ‚Miss Rochas‘ nennt, schreie ich los. Ich heiße nicht Rochas, ich heiße Finch. Ich kann diesen blöden Namen nicht einmal richtig aussprechen. Ich hasse ihn! Und ich hasse dich! Ich wünschte, du wärst tot!“

Nach dieser Tirade hörte Antonio mehrere Türen schlagen, und als er aus den hohen Fenster in den Garten schaute, sah er Tamara mit wehenden Haaren über den Rasen rennen, als sei der Leibhaftige hinter ihr her.

Nun, in ihren Augen kam ihm diese Rolle wohl zu.

In einer knappen Stunde würde es dunkel werden. Er ging gerne in der Dämmerung spazieren, doch für ein Mädchen aus der Stadt war das unter diesen Umständen sicher keine sehr angenehme Erfahrung.

Mit einem Seufzer zog er sich eine Jacke über und steckte noch die Taschenlampe ein.

Der Gärtner hatte gesehen, wie Tamara in den Wald gerannt war. Also trat Antonio in den Schatten der Bäume und begann in regelmäßigen Abständen ihren Namen zu rufen, um dann stehen zu bleiben und auf eine mögliche Antwort zu lauschen.

Das Glück schien ihm hold zu sein. Wenige Meter vor ihm raschelte es.

„Tamara, jetzt komm schon. Das ist doch unsinnig. Wir …“ Bevor er den Satz zu Ende bringen konnte, sprang ein Hund, wahrscheinlich der lächerlichste und hässlichste Hund, der ihm je untergekommen war, aus dem Unterholz und verstellte ihm zähnefletschend den Weg.

Antonio besah sich das Tier eher irritiert als eingeschüchtert. Es war ein kleiner Hund, und Tiere mochten ihn, das wusste er.

„Aus dem Weg!“, sagte er mit ruhiger, autoritärer Stimme. Tiere reagierten auf so etwas, das wusste er auch.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Im Bann des Milliardärs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen