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Im Bann des Mega-Tec (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga)

Alfred Wallon, Marten Munsonius

Im Bann des Mega-Tec (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga)

Cassiopeiapress SF





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

CORRIGAN, die Endzeit-Serie

Band 2

Im Bann des MEGA-TEC

von Al Wallon & Marten Munsonius

ALTE RECHTSCHREIBUNG

Created by Al Wallon & Marten Munsonius

Exposé Marten Munsonius

© by Authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog:

Morituri te salutant

Selten habe ich die Sterne weinen sehen.

Natürlich - sie weinen nicht wirklich. Aber wenn ich in meinen Raumanzug schlüpfe und in der Personenschleuse stehe, wenn ich - den Atem anhaltend - darauf warte, dass das äußere Schleusentor sich endlich öffnet, dann werde ich ungeduldig. In diesem einen Augenblick nur - wenn sich die Sterne unverhüllt im unendlichen Mysterium des Weltalls zeigen - ja, dann kann ich die Sterne wirklich weinen sehen.

Ich betrete die Oberfläche des uralten Marsmondes nur noch selten, denn Sie sehen es aus einem mir unerklärlichen Grund nicht gerne und erlauben es mir daher nur noch selten. Sie, die hinter den Sternen leben. Sie, die ich nie wirklich gesehen habe, geschweige denn weinen sah.

Sie hegen eine gewisse Abscheu vor dem Mysterium, als lauere etwas Größeres dahinter, das auch ihnen gefährlich werden könnte. Ihnen, die selbst schon aus den entlegenen Regionen kommen, wo die Sonnen bereits erkalten.

Sie raunen und wispern an den Traumrändern und sagen mir manchmal, was ich zu tun habe. Ihre Bitten sind Befehle! Ihnen nicht zu gehorchen, bedeutet unendliche Qual.

Mit zunehmendem Alter kann ich mich immer seltener auflehnen und kann mich nicht mehr gegen Sie zur Wehr setzen. Denn seit ich ihnen gefolgt bin - an den Rändern meiner unseligen Traumkleinode bis hinter die Mauern des Schlafes, macht mir das Wissen zu schaffen, das ich mit auf den Weg bekam. Denn ich habe auch die finsteren Regionen des Todes betreten, um noch einige Jahrzehnte zusätzliches Leben zu erhaschen. Dieses Wissen verändert ALLES.

Äonen gilt es dabei zu überbrücken. In all den Jahrmillionen hat dies niemals ein Mensch bewältigen können: die Schründe, die Kluft aus Schwärze und unendlicher Dunkelheit, die unauslotbaren Abgründe von Diesseits und Jenseits.

Ich - William I. - der letzte Herrscher von England, jener auf DAIMOS lebende letzte Nachfahre der Wahren Königin, ich habe es gewagt... und überlebt. Sie haben mir geholfen. Sie, die aus dem unstillbaren Verlangen längst entschwundener Abschnitte des Kosmos stammen und ihre Philosophie den jungen Welten vermitteln wollen.

Es muss ein Zufall gewesen sein - oder meine Leidenschaft für die neuen Medien und die Sterne, und ganz sicher auch meine Teilnahme an der dritten Marsexpedition im Jahre 2021. Jene Expedition, die zeitgleich auf den Beginn der katastrophalen Hungerrevolten fiel, die Sie auf mich aufmerksam machte. Selbst in jenen dunklen Zeiten, als auch meine engsten Vertrauten mir nicht mehr helfen wollen, haben sie ein Auge auf mich geworfen.

Später, lange... lange Zeit nach dem Beginn jener verhängnisvollen Unruhen, als der falsche Adept eine Zeit lang in England das Zepter schwang und meine Mutter, die Wahre Königin, zum Inbegriff des Bösen stigmatisiert wurde, da haben Sie mir erste Hinweise gegeben.

Die schier unermeßlichen Weiten des Alls wurden meine neue geistige Heimat. Und selbst heute - fast 80 Jahre später - spüre ich eine gewisse Dankbarkeit, fühle mich zu ihnen hingezogen und gleichzeitig aber auch abgestoßen. Sie unterscheiden sich nämlich von allem, was Menschen lieb und vertraut ist! Bei Gott und England, wer ihnen in den Regionen der Wirklichkeit standhält - und Sie zeigen sich nie, niemals! - der unterscheidet sich schon unmißverständlich vom Rest der Welt.

Sie haben mir später einmal verraten, dass sie Wesen der Zweiten Ordnung sind. Überlebende aus den Anfängen des Kosmos, als jene, die zur Ersten Ordnung zählten, schon fast vergangen waren. Von DEM DER ÜBER ALL DEM STEHT, ganz zu schweigen. Ich musste mich damals angesichts dieses enormen Wissens gleich übergeben, und mir schwindelte. Verlockung und Hass glommen gleichzeitig wie kleine Fünkchen brav nebeneinander und lauerten nur auf die Möglichkeit, mich endlich zu vernichten.

Ich habe mich später niemals wieder so nahe an jene Grenzbereiche gewagt, noch wollte ich mehr als das Licht der nahen Sterne sehen. Denn wenn immer Sie aktiv werden, so bedeutet es den Tod vieler Menschen.

Doch Sie halfen mir aber auch zu überleben. Ihre Anweisungen erschienen mir zuerst rätselhaft. Doch die Wunder, denen Sie mich danach aussetzen, hinterließen in mir nur Spuren einer eigenartigen Stimmung und eine gewisse Demut ihrer Macht gegenüber.

Ich bin nicht fähig, zu begreifen, was wirklich geschah. Doch ich bin mir immer ihrer Gegenwart bewusst und ziehe Schutz und Trost aus der ätherischen Anwesenheit der Wahren Königin - meiner Mutter. Und wenn mich dann unstillbares Verlangen nach Trost fast verzehrt, dann versuche ich ihnen zu entschlüpfen, gehe hinaus, um in den schwindelerregenden Abgrund des sternenübersäten endlosen Meeres wie an einem Strand zu sitzen. Immer wieder habe ich dann den Eindruck, kopfüber in eine bodenlose Leere zu fallen, und in meinen Ohren klingt ein fernes Rauschen, wie von der Millionen Meilen weit entfernten See auf der heimatlichen Erde. Ich suche Trost! Vielleicht aber auch nur Vergessen?

Langsam steigt die Erinnerung in mir auf. Ich sehe wieder den Sarg an einer gesichtslosen Menge vorbeidefilieren. Ich erkenne unseren Abschiedsgruß zwischen all den Blumen und bemerke die Last unzähliger Tonnen auf meinem jungen, noch schmächtigen Körper. Eine Last, die viel zu schwer für mich ist!

Mutter...du hast mir immer so sehr gefehlt. Warum warst du nicht an meiner Seite, als ich dich am dringendsten brauchte? Du bist gestorben und hast mich mit all meinen noch unerfüllten Träumen zurückgelassen. Was konnte ich da noch allein ausrichten?

Einige zerklüftete Felsen, die wie bizarre Finger in die ewige Leere greifen, versperren den direkten Blick zur Sonne. Doch DAIMOS dreht sich rasch - und wenn man zwischen den seltsamen Säulen aus kosmischem Gestein weiter nach Norden geht, dann kann man die ferne, schwache Sonne einen endlosen Lidschlag lang in ihrer unverhüllten Wirklichkeit sehen.

Ich fühle die totengleiche Düsternis hinter mir - und Sie sind mittendrin. Wieder habe ich eine tonnenschwere Last zu tragen. Wie damals, als ich vor vielen Jahrzehnten hinter Mutters Sarg marschierte.

Es hat sich viel getan nach der großen Katastrophe. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, weil die Eindrücke mittlerweile anderen gewichen sind, welche die ursprünglichen Empfindungen allmählich immer stärker überlagern.

Der Tag, an dem alles begann - an ihn erinnere mich jedoch noch in seltsamer Klarheit. Irgend jemand machte den Anfang. Ein Wort jagte das andere, Hetzparolen wurden von Drohungen abgelöst, denen dann die schrecklichen Taten folgten. Nukleare Angriffe an verschiedenen Punkten der Welt - gleichzeitig, als wenn sie das untereinander abgesprochen hätten. Nur ein winziger Knopfdruck - aber mit umso schrecklicheren Folgen.

Ich wünschte, ich wüsste genau, wie es jetzt dort aussieht - aber der Kontakt zu meiner Heimat ist erloschen. Nein, nicht ganz - es gibt noch die STATION, zu der ich Funkkontakt habe. Aber woher soll ich wissen, ob sie mir auch wirklich die Wahrheit sagen, wenn ich mit ihnen Kontakt aufnehme? Vielleicht haben sie gar kein Interesse daran - aber das kann ich von DAIMOS aus nicht einschätzen, denn unerklärliche, hochenergetische Schwankungen bei der Holoübertragung haben dafür gesorgt, dass kein Bildkontakt mit der STATION existiert. Ich höre nur Stimmen - und solange ich diese keinen real existierenden Gesichtern zuordnen kann, bin ich auch nicht sicher, was richtig ist, und was falsch.

So wie mir ergeht es auch der Handvoll Techniker. Männer und Frauen, die hier noch auf DAIMOS ihren Dienst versehen. Obwohl jedem von ihnen klar ist, daß ihre Aufgabe im Grunde genommen überflüssig ist. Denn die Mächte, deren Expansionsdrang die Existenz dieser Station zu verdanken ist, gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch das NICHTS und die vage Hoffnung, daß aus dieser Asche der Vernichtung vielleicht eines Tages eine neue, bessere Menschheit entstehen wird. Eine Menschheit ohne Haß, Neid und Kriegssucht! Wir haben alles leichtfertig aufs Spiel gesetzt - und wir haben verloren. Und nun muss jeder von uns einen sehr hohen Preis dafür zahlen...

Einsamkeit und Monotonie bestimmen mein Leben und das der wenigen anderen Menschen auf diesem gottverlassenen Flecken im Sonnensystem. Auch wenn in dieser abgeschotteten Gemeinschaft jeder auf den anderen angewiesen ist, so spüre ich dennoch die unsichtbare Mauer, die mich von den anderen trennt.

Ich merke es jedes mal, wenn die Gespräche der Männer und Frauen verstummen, wenn ich den Raum betrete. Eisiges Schweigen. Wahrscheinlich, weil sie mich als lebendes Fossil betrachten, das sich aus unerklärlichen Gründen in eine andere Zeit gerettet hat. Obwohl es im Grunde genommen keinerlei Existenzberechtigung mehr hat. Also bin ich für sie ein lebender Toter - jemand, dessen Befehle und Anweisungen zwar noch befolgt werden - aber nur aus logischen Sachzwängen.

Hätte meine Mutter, die Wahre Königin, länger gelebt, so hätte sie ganz sicher noch vieles von dem kommenden Unheil verhindert. Die Aufstände in England, die sich dann über den gesamten Kontinent ausbreiteten - auf welche die meisten anderen Regierungen nicht vorbereitet waren. Wie hätten sie denn auch ahnen sollen, dass schon wenig später die gesamte Welt in Schutt und Asche versinken sollte?

Die Männer und Frauen auf DAIMOS scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, dass sie im Vergleich zur Situation auf der Erde das bessere Los gezogen haben. Unser Komplex auf dem winzigen Marsmond ist in einem der Krater ist gebaut, wohllgeschützt und trotzt immer noch den starken Energiestürmen, die seit einer Ewigkeit wie die Meeresbrandung unten auf der guten alten Erde gegen die Küsten ankämpfen. Wir sind autark und besitzen die technischen Voraussetzungen und Maschinen, um regenerative Energien zu gewinnen und synthetische Nahrung herzustellen. Sie mag vielleicht nicht sonderlich gut schmecken - aber sie ist nahrhaft und hält uns alle am Leben. Das ist viel unter diesen Umständen...

Natürlich beobachten Sie das alles. Ich habe den anderen davon niemals etwas erzählt, denn dieses Wissen um Dinge, welche die Grenzen des gewohnten Verstandes überschreiten, würde sie ganz sicher in den Wahnsinn treiben. Und das darf ich nicht zulassen...

Der alte Mann unterbrach seine vielschichtigen Gedankengänge und wandte sich schweren Herzens ab vom Bild des sternenerfüllten Kosmos. In Momenten wie diesen sehnte er sich mit einem fast schmerzenden Verlangen nach den grünen Hügeln seiner alten Heimat - obwohl er eigentlich wusste, dass dieses Land nicht mehr existierte. Aber um die Phobie seiner persönlichen Isolation wenigstens ab und zu durchbrechen zu können, unternahm er genau diese Spaziergänge außerhalb des wuchtigen Gebäudekomplexes, den man nur durch zahlreiche Schleusen und Tore passieren konnte.

Erst in Momenten wie diesen wurde er sich wieder bewusst, wie feindlich die Umgebung jenseits der schützenden Druckkammern wirklich war. DAIMOS war nicht geschaffen für Menschen - und doch waren sie seit vielen Jahren hier. Weil der damalige Aufbruch zu den Sternen für eine gewaltige Euphorie gesorgt hatte. Ein Gefühl, das längst verflogen war. Genauso wie die Hoffnung, jemals wieder ins Weltall vordringen zu können. Die Menschheit hatte sich praktisch selbst vernichtet - und sie hatte es konsequent durchgeführt!

Der alte Mann, den die anderen hinter vorgehaltener Hand manchmal SCHATTENKÖNIG nannten, wartete geduldig ab, bis sich das erste Schleusentor öffnete. Längst hatten ihn die Sensoren und Bildschirme registriert, abgetastet und als zugangsberechtigt identifiziert.

William I. betrat die Schleuse und sah geduldig zu, wie sich das Tor sofort wieder hinter ihm rasch schloss. Erst als dies geschehen war, setzte die Automatik der Bakterien-Scanner ein. Gelbliche Strahlen erfassten den in einen Schutzanzug gehüllten Körper und tasteten jeden Millimeter davon ab. Geduldig ertrug William I. diesen Prozess. Denn schließlich hing von dieser Behandlung das Leben der restlichen Bewohner des Komplexes ab.

Er betrat nach Beendigung dieses Vorgangs eine zweite Schleuse ( selbstverständlich erst, nachdem er abgewartet hatte, bis sich die erste hinter ihm wieder schloss ). Hier musste er seinen Anzug ablegen und eine Dusche betreten, die seinen Körper noch einmal mit einer Flüssigkeit desinfizierte, die irgendwie scharf roch. Danach erfolgte erneutes Checken und Prüfen der ermittelten Werte - und dann erst bestätigte ihm der Computer, dass er keimfrei war und den entscheidenden Durchgang zu den Arbeitsräumen und Quartieren betreten durfte.

Er spürte die Blicke von Morgan und Tate, die sich nach dem Passieren der Schleuse prüfend auf ihn richteten. Als wenn sie ihm damit sagen wollten, dass es ohnehin völliger Schwachsinn war, den Komplex zu verlassen und draußen planlos in der trostlosen Einöde unter einem Himmel der nur aus Abermillionen kalt funkelnder Sterne bestand, umherzuirren. Da draußen gab es nichts mehr von Interesse - für wen auch? Der Komplex mit seinen Schächten und verschiedenen Trakten - das war die einzige Welt, die noch Bedeutung hatte. Und natürlich auch die Tag und Nacht arbeitenden Maschinen, die für ein Überleben sorgten.

"Habt Ihr den Sternenwind gespürt, Hoheit?" erklang die lachende Stimme des hageren Morgan. "Hat Euch der reine Geist des Universums wieder einmal erfüllt?"

Auch Tate fiel in das Lachen des anderen ein. William I. ballte wütend die Fäuste und wollte im ersten Moment etwas erwidern. Dann aber unterließ er es, weil diese Idioten ohnehin nicht verstehen würden, um was es hier ging.

Stattdessen versuchte er das Gelächter zu ignorieren und zog sich in seine Räume zurück, die sich zum Glück ein Stück entfernt von denen der anderen befand. Ein weiteres Indiz für seine Sonderstellung.

Er war froh, als sich die automatische Tür hinter ihm schloss und er ein Stück Vertrautheit um sich herum spürte. Dennoch blieb die innere Unruhe, die jedes mal auftrat, wenn er nach DRAUSSEN ging. Seine Gedanken kreisten nach wie vor um Dinge, die nur ihm vorbehalten waren – und Ihnen, die mit ihren Stimmen aus dem Unsichtbaren zu ihm sprachen. Deshalb ging er zu seinem Computer und aktivierte ihn mit einem kurzen Fingerdruck.

Nur wenige Sekunden vergingen, bis er die entsprechenden Dateien aufgerufen und dann Kontakt mit einem Netzwerk geknüpft hatte, dessen Existenz hoffentlich nur ihm bekannt war. Eigentlich beruhte dies mehr auf einem unglücklichen Zufall, denn William war kein großer Computerexperte. Dennoch war ihm dieser - wenn auch winzig kleine - Hinweis im passenden Augenblick aufgefallen, und er hatte mehr wissen wollen.

Über verschiedene andere Netze, für deren Existenz die STATION nach wie vor als Katalysator fungierte, hatte er dann Kontakt mit KYOKO DATE bekommen. Oder anders ( und vielleicht zutreffender ) ausgedrückt: KYOKO DATE hatte ihn gefunden - das war erst vor wenigen Tagen gewesen.

Seitdem war William I., der Exilherrscher und SCHATTENKÖNIG von DAIMOS von einer unerklärlichen Unruhe ergriffen. Denn er ahnte, dass es sich bei KYOKO DATE um keine normale Sache handelte. Seltsam, dass er sich ausgerechnet jetzt daran erinnerte, dass im Japan der letzten Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch schon einmal mit künstlichen Existenzen experimentiert worden war. Damals hatten sich keine schädlichen Folgen gezeigt. Aber konnte es sein, das im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts einfach die Technik des Cyberspace noch nicht weit genug fortgeschritten war? Aber jetzt?...

*

Viren sind unsichtbar und umso gefährlicher, wenn sie aggressiv sind und sich rasch ausbreiten – und oft sind ihre unglaublichen Eigenschaften einfach faszinierend. Manchmal genügt ein einziger Windhauch, um die Inkubation auszulösen. So breitet sich eine gefährliche Seuche rasend schnell nach allen Seiten aus, während die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft noch darüber diskutieren, welche Präventivmaßnahmen man am besten in die Wege leiten sollte.

Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts - insbesondere in den letzten zehn Jahren dieser Epoche - nahm die technische Entwicklung der neuen Medien und der virtuellen Technik einen solch rasanten Verlauf, das die Entwicklung von gestern heute schon wieder veraltet war.

Die Väter der Computertechnologie wurden von dieser rasanten Eigenbeschleunigung förmlich mitgerissen - insbesondere dann, als zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts die ersten Erfahrungen mit virtuellen Welten gemacht wurden. Eine Perfektion folgte der anderen - und CYBERSPACE war das Schlagwort mehrerer Generationen und deren neue Heimat.

Grenzen zwischen Realität und Traum verwischten immer stärker, und für viele ergaben sich daraus ungeahnte Probleme - insbesondere in den geradezu rasant wuchernden Metropolen wie New York, Berlin oder Tokio, wo das Abtauchen in virtuelle Welten von Hunderttausenden einem realen Leben auf engsten Raum und ohne Chance auf Selbstverwirklichung vorgezogen wurde.

Die daraus resultierenden Probleme ließen sich nicht mehr bewältigen - und in den meisten Fällen interessierte das die herrschende Klasse ( eine ungenaue Beschreibung der Entscheidungsträger der Spätdemokratien, genauer war der aufgetauchte Begriff vom SELBSTBEDIENUNGSLADEN... ) auch nicht mehr.

Das Volk bekam Panem et Circenses - und nur darauf kam es an. Die Massen ruhig stellen, ihnen eine Beschäftigung geben, damit sie nicht revoltierten - so lautete der Plan, die Hoffnung all derer, die dem Futtertrog mehr verfallen waren, als der Möglichkeit in entscheidender Position tatsächlich etwas zu bewirken.

Es schlug jedoch in dem Augenblick fehl, als KYKO DATE zu neuem Leben erwachte. Ein künstliches Leben aus der “Steinzeit” des Cyberspace und doch mit einer eigenen unvorstellbaren Dynamik, dem die Hardwareexperten später nichts entgegenzusetzen hatten. Sie ahnten nicht im entferntesten, was nun seinen Anfang nahm - und sie wären womöglich sehr besorgt gewesen, wenn sie die Ausmaße hätten abschätzen können...

KYKO DATE war ein Kind ihrer Zeit. Aber auch Kinder werden irgendwann erwachsen und lernen ihre Welt zu begreifen und zu verstehen. Und – sie sind abhängig von einer Reihe von Einflüssen von ausserhalb, von der Gemeinschaft sozusagen, von Zufällen und von natürlichen Prozessen die sie nicht steuern kann. Man reift daran – uneffizientes stirbt ab, doch plötzlich ist die Schwelle überschritten und gesammeltes Wissen und Verstehen lenken die nächsten Schritte. Die ersten KI’s reiften so heran und die Wissenschaftler die sie nie geboren, ahnten nichts von ihrer Existenz.

Die künstliche Intelligenz arbeitete im Verborgenen, lenkte Prozesse in von ihr gewollte Richtungen und löste dadurch weitere Probleme aus, deren Folgen erst viel später bemerkbar sein würden. KYOKO DATE dachte - also existierte sie auch!

Während einige Zeit später ein Großteil der Welt in Schutt und Asche versank und sich aus den Trümmern zweifelhafte Existenzen wieder zu formieren begannen, beobachtete KYOKO DATE, was weiter geschah. Das war selbst für dieses künstliche Wesen nicht immer einfach. Ein Großteil der alten Technologie, das WEB war zerstört, oder durch EMP-Schläge und dem global auftretenden Nuklearen Winter erheblich eingeschränkt.

Sie wartete. Eine lange Zeit. Selbst für eine KI drehte sich die Welt ein ordentliches Stück weiter.

Sie wartete auf ihre Stunde - und die kam in dem Augenblick, als das Neue WEB einen ganz bestimmten Namen erfasste und auszuwerten begann: CORRIGAN.

Kapitel 1

Was im WEITDRAUSSEN lauert...

Der SUCHER hatte sie ausgeschickt - winzige, aber umso perfektere Maschinen, die von weitem Vögeln glichen. Gläserne Vögel, die nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen hatten: im DISTRIKT ROTER MOND alles zu beobachten und jede noch so verdächtige Bewegung sofort zu registrieren. Vor allen Dingen dann, wenn diese Bewegung im Einflußbereich des Bunkers stattfand.

Die Gläsernen Vögel schwebten hoch am wolkenlosen Himmel, von dem eine grelle Sonne heiß auf die dünendurchzogene Wüste brannte. Vereinzelt wuchsen hier und da noch einige spröde Gräser aus dem Sand, versuchten der immer rasch um sich greifenden Versteppung zu Widerstand zu bieten. Erfolglos, wie es schien. Und so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch diese letzten Pflanzen von der unbarmherzigen Sonne verdorrt wurden.

Die elektronischen Beobachter kannten weder Hitze noch Kälte - sie erfüllten lediglich eine Aufgabe. Gesteuert von winzigen, ferngelenkten Wasserstoffaggregaten, die es in einer modifizierten Version seit der großen Verheerung gab. An Bord erfassten ihre hochempfindlichen Kamerasensoren jede noch so winzige Bewegung im Umkreis von zwanzig Meilen - und deshalb hatte es auch nicht lange gedauert, bis sie die beiden Lebewesen lokalisiert hatten.

Zwei Gestalten, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Der erste von ihnen war groß und kräftig und von schwarzer Hautfarbe. Er trug Teile einer technischen Uniform, die einst die Zugehörigkeit zu den Technikern innerhalb des Militärs in einen Staatenverbund symbolisierte, den es schon lange nicht mehr gab. Dies hatten die Gläsernen Vögel detailgetreu registriert und gemeldet - ebenso wie das Aussehen des zweiten Menschen, der den Schwarzen um mehrere Häupter Länge überragte. Seine mächtige Gestalt war muskelbepackt - und er besaß vier Arme.

Diese beiden so unterschiedlichen Menschen verband ein einziges Ziel - aber das kannten die Gläsernen Vögel nicht. Sie zoomten die beiden Objekte näher heran, machten Dutzende von Aufnahmen und übermittelten diese in Bruchteilen von Sekunden an die Zentrale des Bunkers.

Plötzlich setzte die Kommunikation aus - die dutzendfach getesteten und in der Vergangenheit bewährten Systeme funktionierten nicht mehr. Irgend etwas griff in das Lenksystem der winzigen elektronischen Maschinen ein und beeinflusste sie auf seine Weise. Aber so, dass es die Befehlshaber im Bunker nicht bemerkten.

Sie sahen auf ihren Bildschirmen nach wie vor noch die beiden Menschen, die ihren Fußmarsch durch die Wüste fortsetzten. Allerdings waren die Computerbilder nicht mehr so deutlich wie vorher. Ein milchiger Schleier schien sich über das gesamte Bildsystem gelegt zu haben, der nur noch die Konturen der Menschen erkennen ließ.

Hektik und Unruhe entstanden in der Befehlszentrale des Bunkers. Wütende Rufe erklangen, während eine weitere, befehlsgewohnte Stimme laut zusätzliche Anweisungen gab. Die Techniker versuchten, die aufgetretene Störung so rasch wie möglich wieder zu beheben - aber es vergingen endlose Minuten, bis die Daten wieder fehlerfrei übertragen werden konnten.

Als die winzigen Kameras wieder ein klares und deutliches Bild zeigten, waren die zwei Menschen jedoch auf rätselhafte Weise verschwunden. Alles, was die Sensoren und Optiksysteme noch erfassen konnten, waren große Dünenhügel, die sich bis zum fernen Horizont erstreckten.

Und auch in der STATION hoch über der Erde breitete sich Unruhe aus. Der große schweigende Mann, der einige Befehle in den Computer gegeben hatte, um die Aktivitäten der Krieger des letztes Tages zu steuern, musste feststellen, dass das System seinen Befehlen nicht gehorchte.

Ein unruhiges Flackern zeichnete sich für Bruchteile von Sekunden auf seinem asketisch-blassen Gesicht ab, während zwei der Bildschirme für kurze Zeit lang ausfielen. Und als die Verbindung wieder stand, zeigten die Computer keinerlei brauchbare Werte mehr an.

“Das... das ist doch unmöglich...”, flüsterte der Mann und strich sich aufgeregt über den kahlrasierten Schädel, auf dem sich bereits winzige Schweißperlen gebildet hatten. “Es kann doch gar nicht sein, daß...”

Aber auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, was gerade geschehen war - so blieb es dennoch die nüchterne Wahrheit. Irgend jemand oder irgend etwas schien seinen Absichten zuvorgekommen zu sein und hatte den Lenkprozeß abgebrochen ( oder auf seltsame Weise anders beeinflusst ). So etwas war noch nie geschehen, seit er sich zurückerinnern konnte!

Der Mann, der normalerweise triumphierend lächelte, wenn seine Untergebenen ihn ehrfürchtig Dunkler Herrscher nannten, wirkte jetzt unsicher und irgendwie... verloren, als er noch einmal sämtliche Daten und Werte durchcheckte. Aber so oft er auch alles kontrollierte - er konnte keine weiteren Hinweise mehr auf den Mann finden, der auf so unerklärliche Weise von den Toten auferstanden war.

Er war genauso rasch wieder spurlos verschwunden, wie er aufgetaucht war - und dies beunruhigte den großen Mann so sehr, daß er glaubte, einen Hauch unbeschreiblicher Kälte auf der blassen Haut seiner muskulösen Arme zu fühlen.

Im unergründlichen Cyberspace, in den unauslotbar gewordenen Tiefen des Neuen WEB’s beobachtete KYOKO DATE, was weiter geschah. Und wenn es so etwas wie eine künstliche Genugtuung gab, dann existierte sie in diesem Moment in ihrem ureigenen Neuronalen Netz...


*


“Was ist?”

Corrigan drehte sich um, als er bemerkte, dass Kaar-Toom plötzlich stehen geblieben war und misstrauisch hinauf zum Himmel blickte. Seine Augen suchten den fernen Horizont mit einer beunruhigenden Intensität ab, die auch Corrigan nicht kalt ließ.

“Ich... weiß nicht”, murmelte der Riese zögernd. “Irgendwie hatte ich das Gefühl, als wenn uns jemand beobachtet - aus der Ferne...” Er beobachtete Corrigan, der die verwundete linke Schulter immer noch etwas hängen ließ.

Corrigan runzelte die Stirn, als er die Worte seines Gefährten vernahm. Er kannte Kaar-Toom mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass es einen guten Grund für dieses Verhalten geben musste. Dennoch blieb alles nach wie vor ruhig. Nichts wies darauf hin, dass sich irgend jemand oder irgend etwas in der Nähe befand, das ihnen gefährlich werden konnte. Was aber nichts bedeuten mußte. Denn seit seinem Erwachen in der hermetisch abgeriegelten Überlebensstation hatte Corrigan auf dramatische Weise herausfinden müssen, dass in dieser neuen Welt nichts mehr so war, wie er es einmal kennen gelernt hatte.

“Du kennst das bestimmt auch”, fuhr Kaar-Toom ungerührt fort und konnte seine Blicke nur schwer von dem fahlen Himmel abwenden. “Du fühlst dich beobachtet und drehst dich um, um nachzusehen. Aber da ist nichts. Also wendet du dich wieder ab - und dann ist es sofort wieder da... dieses Gefühl.”

“Meinst du, irgend jemand würde uns hier in dieser Einöde beobachten?” fragte Corrigan und sah, wie Kaar-Toom kurz nickte. “Aber was für einen Sinn hätte das, wo dieser mysteriöse Jemand ständig fürchten müsste, entdeckt zu werden?” Er wischte sich mit der rechten Hand über das dünne struppige Haar, das bei der sengenden Hitze wie eine zweite Haut auf seinem Schädel klebte. Als er die winzige Beule an seinem Hinterkopf berührte, zog er seine Hand sofort wieder weg.

“Das müsstest du besser wissen als ich”, erwiderte der vierarmige Riese. “Schließlich ist das WEITDRAUSSEN deine Heimat, oder?”

“Das war es einmal”, antwortete der Mann im IMPRO-Overall und wischte sich dabei über die schweißfeuchte Stirn. “Ich wünschte, ich wüsste, wie lange es eigentlich her ist, seit ich...”

Er brach ab, als er Kaar-Tooms verständnislosen Blick bemerkte und seufzte dann. Wie hätte er seinem Gefährten denn die Empfindungen schildern sollten, die ihn auch jetzt noch schwanken ließen - angesichts der schockierenden Tatsache, dass sich seine einstige Heimat auf dramatische Weise verändert hatte?

Er selbst kam sich wie ein Fremdkörper in dieser Welt vor - wie ein wandelnder Anachronismus. Eine Figur, die der unsichtbare Spielleiter auf ein riesiges Schachbrett gesetzt hat und nun genüsslich zusieht, wie die nächsten Züge aussehen werden, sinnierte Corrigan im Stillen. Aber auch er selbst war manipuliert worden, die winzige chirurgische Veränderung an seinem Hinterkopf zeugte davon. Ungeklärte Fragen türmten sich bis zum Horizont.

Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, seit er und Kaar-Toom die unterirdischen Höhlen verlassen hatten und dabei dem Tod nur knapp entronnen waren. Sie marschierten schon seit Stunden durch die öde und monotone Landschaft, die nun immer mehr einen wüstenähnlichen Charakter angenommen hatte. Große Sanddünen breiteten sich vor ihren Augen aus, bis zum fernen Horizont.

Aber du bist nicht in der Sahara, Corrigan, hämmerte die Stimme nun mit schmerzhafter Gewißheit in seinem Schädel. Du befindest dich mitten in Amerika - und in dieser Region hat es niemals eine solche Wüste gegeben!

Es nützte nichts mehr, sich gedanklich an die Vergangenheit zu klammern. Sie existierte nicht mehr, war einfach ausgelöscht worden. Genauso wie Teile seiner Erinnerung, vielleicht für immer verloren und untergetaucht im Strudel der Zeit?

Er hätte sehr viel dafür gegeben, damit sich dieser Zustand der Ungewißheit endlich zu seinen Gunsten veränderte. Aber diese milchigen Schleier des Unwissens wollten einfach nicht weichen. ( dafür sorgte schon der Eingriff der Unbekannten, die an ihm wahrscheinlich bereits vor dem kryogenischen Schlaf vorgenommen worden war .)

Klar, es gab hin und wieder plötzliche Erinnerungsfetzen, vage und zu unbestimmt, um Schlussfolgerungen über seinen Zustand und den der jetzigen Welt schließen zu können, und die traumhaften Erinnerungsfetzen verschwanden so schnell, wie sie auch gekommen waren - aber nie ergaben sie für ihn einen zusammenhängenden Sinn.

Und da war diese Frau mit dem schwarzen lockigen Haar, die immer wieder auftauchte und ihm aus weiter Ferne zuzulächeln schien. Kate - er wusste, dass sie Kate hieß und offensichtlich in irgend einer Art und Weise emotional mit ihm verbunden war. Aber mehr auch nicht!

“Denkst du an die alten Zeiten?” riß ihn Kaar-Tooms Stimme aus seinen trüben Gedanken.

“Ja”, murmelte Corrigan, ging aber nicht weiter darauf ein. Statt dessen konzentrierte er sich wieder auf den Weg, der vor ihnen lag. Er war immer noch erschöpft von der Wunde, die ihm dieser verfluchte Blaugeschuppte beigebracht hatte, und die ihn auch jetzt noch ziemlich schwächte. Und er war dankbar, das der IMPRO-Overall noch tadellos funktionierte und seine vitalen Körperfunktionen kräftig unterstützte. Der Zo´hn war die ganze Zeit über auf seiner und Kaar-Tooms Fährte gewesen und hatte nur den richtigen Moment abgewartet, um dann die tödlichen Strahlschüsse auf Corrigan und Kaar-Toom abzugeben.

Zum Glück hatte Kaar-Toom den Gegner ausschalten können, aber niemand wußte, ob ihnen noch weitere Zo´hn folgen würden. Schließlich hatte Corrigans plötzliches Auftauchen doch erhebliche Unruhe in der Welt der Blaugeschuppten verursacht. Aber all dies lag jetzt hinter Corrigan und Kaar-Toom ( zumindest hofften sie das ).

Nun hatten sie ein ganz anderes Ziel vor Augen. Ein Ziel, das mit einem unscheinbaren, vom feinen Sand halb zugewehten Schild zu tun hatte, das Corrigan mehr durch Zufall entdeckt hatte. Kaar-Toom hatte den erschreckenden Ausdruck in den Augen des dunkelhäutigen Gefährten nicht vergessen, als dieser das Schild gesehen hatte. Für endlose Sekunden war er einem Nervenzusammenbruch sehr nahe gewesen, und es hatte lange gedauert, bis er sich dann wieder gefangen hatte.

Kaar-Toom wußte nichts über Corrigans einstige Heimat. Für ihn war das WEITDRAUSSEN ein einziges Abenteuer, denn er hatte bisher nur die dunkle und in sich geschlossene Welt der Höhlen gekannt. Dennoch ahnte er mit seinem fein ausgeprägten Instinkt, dass die Existenz des DISTRIKTES ROTER MOND - eine Macht, die diesen Teil der Welt jetzt offensichtlich beherrschte - Corrigan sichtlich erschütterte.

“Die alten Zeiten waren sicherlich nicht immer gut, aber dafür kommen sie auch nicht wieder”, versuchte Kaar-Toom seinem Gefährten nun Mut zu machen. Doch dann zeigte der vierarmige Riese auch eine Spur von Emotion. “Auch ich werde geprüft. Keine Wahrträume mehr. Es ist... als hätte das WEITTDRAUSSEN mir diese Fähigkeit entrissen.”

Er klang etwas betrübt.

“Ich glaube, wir beide müssen mit dieser neuen Situation nun zurechtkommen. Ich mit der anderen Welt im WEITDRAUSSEN, und du mit den Schatten deiner Vergangenheit...”

“Du hast recht”, pflichtete ihm Corrigan bei. Er war dem vierarmigen Gefährten dankbar für diese tröstenden Worte. In der Welt, die Corrigan einmal vertraut gewesen war, wäre Kaar-Toom ein Monster gewesen, ein unnatürliches Wesen, dem man die Existenz zum Leben sicherlich verwehrt hätte. Aber in dieser neuen Welt zählten solche äußeren Dinge nicht mehr. Kaar-Toom war ein an eine veränderte und feindlicher gewordene Umwelt Angepasster mit äußerst feinfühligen Sinnen – auch wenn Corrigan die Eröffnung vorhin etwas überraschte. Sie waren beide Entwurzelte, die erst nach einer neuen Bestimmung suchen mussten, aber sie waren dabei glücklicherweise zu zweit.

Oder ganz einfach ausgedrückt: ein Gefährte, auf den sich Corrigan jederzeit verlassen konnte - und nur das zählte!

“Da sind sie wieder - diese eigenartigen Spuren!” rief Corrigan und deutete auf eine große Schleifspur im Sand, die vom Sturm noch nicht ganz zugeweht war. “Erinnerst du dich, Kaar-Toom?”

Der Riese nickte und spähte nach vorn.

“Sie führt an den Dünen vorbei”, schlussfolgerte Kaar-Toom. “Aber was ist das?”

“Ich wünschte, ich wüsste es”, erwiderte Corrigan und beschloß, dem Gefährten noch nichts über seine Vermutungen zu erzählen. Es würde ihn nur verwirren. “Wir sollten besser weiter nach Westen gehen...” Er hob die Hand und wies in die Richtung, wo sich die Sonne jetzt allmählich dem Horizont zuneigte. In der vagen Hoffnung, dass er irgendwo jenseits dieses Horizontes die Antwort auf einen Teil der Fragen erhielt, die sich mittlerweile zu einem gigantischen Berg aufgetürmt hatten. Und jenseits des Horizontes befand sich hoffentlich auch die Verwaltung des DISTRIKT’S ROTER MOND!

Kaar-Toom folgte Corrigan einfach. Er verließ sich darauf, dass Corrigan wusste, was zu tun war. Er dachte nicht mehr an die großen Furchen im Sand, sondern konzentrierte sich statt dessen auf den Weg durch die Dünen. Zum Glück hatte der Wind ein wenig nachgelassen und schleuderte ihnen - zumindest für einen Augenblick - keine weiteren Sandkörner mehr entgegen.

Aber die sengende Hitze war gräßlich. Heiß brannte die Sonne vom Himmel und quälte sie. Kaar-Toom hatte Durst, schlimmen Durst sogar. Aber er sagte es Corrigan nicht, denn er wusste, dass der Gefährte genauso litt wie er. Und wo sollten sie in dieser verdorrten Einöde denn Wasser finden? Gab es das überhaupt im WEITDRAUSSEN noch?

Die Hitze flimmerte jetzt so stark, daß Kaar-Toom die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkniff. Dann sah er am fernen Horizont plötzlich etwas, was seine Aufmerksamkeit erregte und ihn schneller atmen ließ. Es waren winzige dunkle Punkte, die sich schwach bewegten - und Corrigan bemerkte es einen Moment später auch.

“Sind das...Menschen?” fragte Kaar-Toom mit unsicherer Stimme.

“Vielleicht”, antwortete Corrigan ausweichend, der sich ausgerechnet jetzt daran erinnern musste, dass es in solch trockenen und heißen Gebieten immer wieder von der Hitze hervorgerufene Luftspiegelungen gab ( zumindest in der Welt, die ihm einmal vertraut gewesen war ). “Aber ich weiß nicht, wie weit entfernt sie von uns sind. Kaar- Toom, diese Hitze - sie gaukelt uns womöglich auch nur etwas vor...”

Der vierarmige Riese schüttelte verständnislos den Kopf bei diesen Worten.

“Was ich sehe, glaube ich auch”, meinte er und ließ sich von Corrigans Zweifeln nicht anstecken. “Wir werden es nur erfahren, wenn wir uns jetzt auf den Weg machen. Mir ist es egal, wie lange wir dafür brauchen. Ich weiß nur, dass wir Wasser brauchen, wenn wir überleben wollen...”


*


“Bewegt euch schneller, ihr störrischen Dickköpfe!” rief der untersetzte Mann mit knarrender Stimme und schwang die Lederpeitsche hoch über seinem Kopf. Sie klatschte auf den zottigen Rücken der wuchtigen Bisons, und die Tiere im Joch beklagten sich dafür mit einem lauten Brüllen. Die Hitze setzte ihnen ebenso zu wie den Menschen des Nomadenzugs. Aber ein Mann wie Jarvis TenDyke kannte keine Geduld, wenn es um seinen eigenen Profit ging. Schließlich hatte er eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, die ihm und seinen Männern das Überleben sichern würde.

Die hölzernen Räder der drei großen Kastenwagen mahlten sich durch den Sand, als sich die Bisons wieder in Bewegung setzten und ihre schwere Last weiter nach Westen zogen. Die Tiere sehnten sich nach einer Pause, aber die würde TenDyke ihnen erst gönnen, wenn die Sonne am fernen Horizont untergegangen war, sich die Dämmerung über das öde Land ausbreitete und den Menschen wie den Tieren etwas Linderung verschaffte, bis die Nachtkälte vom Boden sie frieren ließ.

“Solltest den Viechern besser ´ne Ruhepause gönnen”, bemerkte der hagere Ash, der auf einem knochigen Pferd neben TenDykes Wagen ritt. “Sonst halten die nicht lange durch und...”

Er hielt inne, als er den wütenden Blick TenDykes bemerkte und dieser die Lederpeitsche ein zweites mal hob. Diesmal würde er sie jedoch nicht benutzen, um die zottigen Tiere weiter anzutreiben. Nein, er würde nicht zögern, um sie auch gegen Ash einzusetzen. Denn Jarvis TenDyke duldete keinen Widerspruch in seinen eigenen Reihen - besonders dann, wenn seine Nerven so gereizt waren wie an diesem Tag. Schließlich war die Ausbeute in den letzten Wochen nicht sonderlich groß gewesen!

Er blickte nach hinten auf die Ladeflächen der drei Kastenwagen, die von einem gitterähnlichen Aufbau umgeben waren. Dort befanden sich Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, die allesamt einen erschöpften Eindruck machten. Es war TenDykes Idee gewesen, bei ihnen mit den Wasservorräten sparsam umzugehen, damit sie nicht auf dumme Gedanken kamen. Wer nichts zu trinken hatte, verlor allmählich seine Kräfte und damit auch den Gedanken an Widerstand. Denn schließlich befanden sie sich nicht freiwillig hier...

“Das laß mal meine Sorgen sein!” sagte TenDyke mit Stimmbändern die vom feinen, ewig wehenden Sand bereits grob geschmirgelt waren und blickte dabei kurz nach hinten zur Ladefläche des Wagens, auf dessen Bock er selbst saß und die Zügel in den Händen hielt.

Abfällig musterte er die sieben Männer und Frauen, die auf dem rohen Holzbohlen kauerten und lethargisch vor sich hinstarrten. Man sah seinem wettergegerbten Gesicht an, wie er mit sich kämpfte. “Verdammt!”, fluchte er dann. “Dann gib ihnen von mir aus was zu trinken. Aber nicht viel - es muss reichen, bis wir unser Nachtlager aufgeschlagen haben...” Ash nickte und dirigierte sein Pferd herum. “... sonst ziehe ich es von deiner Ration ab!”

Natürlich hörte er die nachgeschickte Drohung, doch er reagierte lieber nicht darauf, wenn TenDyke in so mieser Stimmung war, sonst lief er in Gefahr, schnell zum Sündenbock zu werden.

Er ritt einfach weiter zurück zu den anderen Wagen und gab TenDykes Befehle weiter. Insgesamt waren es zehn Berittene und jeweils zwei weitere Männer neben TenDyke, die die Wagen lenkten. Ein harter und anstrengender Job, der viel Schweiß und Kraft kostete. Aber am Ende dieser langen Reise, jenseits des westlichen Horizontes, wartete der Lohn für ihre Mühen. An einem Ort namens Starfox-City!

TenDyke sah zu, wie die Männer die Sklaven mit frischem Wasser versorgten. Er hatte nur verächtliche Blicke für die entkräfteten Geschöpfe übrig, welche die Flüssigkeit gierig tranken und sich dabei gegenseitig behinderten. Einige von ihnen würden wahrscheinlich das Ende dieser Reise nicht überstehen, denn sie waren zu schwach dazu. Doch das Wasser und die Nahrungsrationen reichten nicht aus, um alle mit üppigen Mahlzeiten zu versorgen. Doch woher noch kräftige Männer und Frauen bekommen? Die Zeiten waren hart, die Mutationsraten wurden größer, und so mussten TenDyke und seine Leute notgedrungen auf schwächeres Menschenmaterial zurückgreifen.

Zum Glück ist man in Starfox-City nicht allzu wählerisch, sinnierte Jarvis TenDyke. Natürlich werden sie wieder versuchen, den Preis irgendwie zu drücken. Aber sie sollen froh sein, dass es solche Jäger wie mich und meine Männer gibt. Damit sie wenigstens ihre Experimente fortsetzen können...

TenDyke wußte nicht viel darüber, was die Machthaber von Starfox-City mit den Menschen anstellten, die regelmäßig in die Techno-Stadt gebracht wurden - und im Grunde genommen interessierte ihn das auch nicht wirklich. Hauptsache, man bezahlte ihn und seine Leute anständig dafür und stellte weitere Belohungen in Aussicht.

Für ihn existierte nur seine eigene kleine und sehr überschaubare Welt. TenDyke ahnte nicht einmal etwas von den Dingen, die jenseits seines eigenen Erfassungshorizontes geschahen und allmählich auch Einfluss auf diesen Teil der Welt nahmen. Vermutlich wäre er sehr erschrocken gewesen, wenn er die Wahrheit gewusst hätte - denn durch diese wäre sein eigenes kleines und dafür einfach strukturiertes Weltbild völlig zerstört worden!

“Seid ihr endlich fertig?” rief er mit ungeduldiger Stimme ( die mehr ein heiseres Krächzen war ) zu den übrigen Männern hinüber, als ihm diese Zwangspause nicht schnell genug vorbei ging. “Geht sparsam mit dem Wasser um, verdammt! Ihr wisst genau, dass wir die Eisenquellen erst morgen erreichen...!”

Eigentlich hatte er noch mehr sagen wollen, aber ausgerechnet in diesem Moment schweiften seine Blicke in Richtung Osten und seine Stimme stockte. Zuerst glaubte er an eine Sinnestäuschung, die diese verfluchte Hitze ausgelöst hatte. Aber dann war er sich ziemlich sicher, dass die beiden dunklen Punkte auf den Dünen tatsächlich existierten. Seine lange Erfahrung mit Ritten durch die Wüste trog ihn selten.

Er hob die Hand, hielt sie über seine Augen, um sich vor den grellen Sonnenstrahlen zu schützen. Dann sah er die beiden Gestalten schon ein wenig deutlicher - und sie kamen genau auf ihn und seine Männer zu.

“Ash!” brüllte er jetzt, und seine heisere Stimme hatte dabei einen komischen Klang. “Komm sofort her!”

Der hagere Mann kam ohne zu zögern nach vorn geritten und blickte TenDyke fragend an. Der Anführer der Jäger sagte nichts, sondern wies statt dessen hinüber zu den Dünen. Ashs Blicke folgten seinem Fingerzeig, und er stieß einen leisen Pfiff aus, als auch er die beiden Gestalten sah.

“Sieht nach Beute aus”, grinste er frech, und diesmal lächelte auch TenDyke.

“Nimm dir zwei gute Männer und sieh mal nach dem Rechten”, sagte TenDyke. “Beeil dich!”

Ash nickte und nahm das Tier enger an die Zügel. Er gab zwei anderen ein Zeichen, und dann ritten sie auch schon gemeinsam los.


*


“Das gefällt mir nicht”, murmelte Corrigan, als er und Kaar-Toom schon so nahe gekommen waren, daß sie weitere Einzelheiten erkennen konnten. Unwillkürlich griff er nach der Strahlwaffe, die er schräg über seinem Rücken trug und riss sie nach vorn.

“Diese....W

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