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Im Bann des Elfenkönigs

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Karte
  6. Danksagung
  7. Prolog
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Anhang

Über die Autorin

C. L. Wilson wurde in Houston, Texas geboren. Ihre Eltern arbeiteten bei der NASA, und schon als Kind liebte sie Mythen und Geschichten über andere Welten. So ist es kein Wunder, dass sie Schriftstellerin wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern an der Golfküste Floridas.

Besuchen Sie die Autorin auf Ihrer Website: www.clwilson.com

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Danksagung

Ich habe das Glück, wundervolle Freunde und Verwandte zu haben. Mein besonderer Dank gilt meiner Agentin Michelle Grajkowski, weil sie das Risiko einging, den Fantasy-Roman einer unbekannten Autorin anzunehmen, und aus demselben Grund meiner Lektorin Alicia Condon. Ihr beide habt meinen Traum wahr werden lassen.

Dank auch an alle, die mir mit ihrer konstruktiven Kritik behilflich waren: Christine Feehan, Diana Peterfreund, Mom, Bettina Krahn, Sharon Stone, Kathie Firzlaff, Carla Hughes, meine Schwester Lisette, Tanya Michaels, Sheila Clover English und Alesia Holliday. Dank an meine guten Freunde Kim Klein, Keith Stringer und April Rice, die mich ermutigt haben, und an meinen Mann Kevin und unsere Kinder Ileah, Rhiannon und Aidan, weil sie Verständnis für die vielen Stunden hatten, die ich in meinem Arbeitszimmer verbracht habe.

Mein besonderer Dank an die Buchhändlerin Kay Meriam Vamvakias: Du hast keine Ahnung, wie viel mir deine Ermutigung und Unterstützung bedeutet haben. Du bist eine wahre Freundin der Fey.

Dank an die talentierte Künstlerin Judy York, die meine Vision von Rain, Ellysetta und den Tairen für meine absolut fantastischen Buchcover perfekt eingefangen und mir erlaubt hat, ihre Illustrationen für meine Website zu verwenden!

Und zu guter Letzt meinen Dank an die wundervollen Männer und Frauen von TARA (Tampa Area Romance Authors), die in den vergangenen fünf Jahren zu meiner zweiten Familie geworden sind. TARA lebe hoch!

Prolog

Laut und stolz der Tairen singt,

der sich in die Lüfte schwingt.

Leise klagend wie der Wind

tönt das Wiegenlied dem Kind.

Tairens Klage

Schlaflied der Fey

Die Tairen waren vom Aussterben bedroht.

Rain Tairen Soul, König der Fey, konnte die Wahrheit nicht länger leugnen. Und trotz seiner unvorstellbaren Macht und seiner jahrhundertelangen Bemühungen wusste er weder, wie er die Geschöpfe retten sollte, die seine Seelenverwandten waren, noch wie er die Leute beschützen konnte, die sich darauf verließen, dass er sie führte und verteidigte.

Die Tairen, diese prachtvollen magischen geflügelten Katzen der Schwindenden Lande, hatten in ihrer Schar nur noch ein einziges fruchtbares Weibchen, das mit jedem Tag schwächer wurde, an dem es seinen sechs ungeborenen Kindern alles an Kraft opferte, was es besaß. Auf diesen winzigen Wesen ruhte die letzte Hoffnung einer Zukunft für die Tairen. Aber heute war die schmerzliche Wahrheit zutage getreten. Die rätselhafte, tödliche Krankheit, die im letzten Jahrtausend die Tairen dezimiert hatte, hatte ihre unsichtbaren Klauen in einen weiteren Wurf ungeborener Jungen geschlagen.

Wenn die Tairen starben, würden auch die Fey sterben. Die Geschicke der beiden Spezies waren untrennbar miteinander verflochten, schon seit den nebelhaften Zeiten einer fernen Vergangenheit.

Rain ließ seinen Blick durch die weite, leere Fläche von Tairen Hall schweifen. Tatsächlich, dachte er grimmig, hatte der Untergang der unsterblichen Fey schon vor Jahrhunderten begonnen.

Früher einmal, in einer Zeit, an die er sich noch erinnern konnte, waren in der Halle die Stimmen von Hunderten Fey-Lords, Kriegern, Shei’dalins und Tairen Souls erklungen, wenn sie über Politik diskutiert und Abkommen ausgehandelt hatten. Diese Tage waren seit Langem vorbei. In der Halle war es jetzt still, still wie in den längst verödeten Städten der Fey, still wie in den Kinderstuben der Fey, still wie die Gräber all jener Fey, die vor tausend Jahren in den Kriegen gegen die Magier von Eld gestorben waren.

Jetzt starb die letzte Hoffnung für die Tairen und die Fey zugleich, und Rain spürte eine wachsende Dunkelheit im Osten, im Land seiner alten Feinde, den Magiern von Eld. Er wurde das Gefühl nicht los, dass beide Ereignisse in irgendeinem Zusammenhang standen.

Rain wandte sich zu der riesigen, unschätzbar wertvollen Kugel des magischen Auges der Tairen, auch »Auge der Wahrheit« genannt, um, die in der Mitte des Raums stand und auf den Flügeln von drei mannshohen goldenen Tairen-Skulpturen ruhte. Das Auge stellte ein Orakel dar, in dem der geübte Seher nach Antworten in der Vergangenheit und der Gegenwart und in den unendlichen Möglichkeiten der Zukunft suchen konnte. Jetzt war die Kugel Unheil verkündend dunkel und getrübt, die Zukunft ein düsterer, bedrohlicher Schatten. Wenn es einen Weg gab, die gnadenlose Auslöschung seiner Völker zu verhindern, dann lag die Antwort dort in dem Auge.

Das Auge der Wahrheit hatte seine Geheimnisse bewahrt, indem es Schatten, aber keine deutlichen Visionen zeigte. Es hatte den Versuchen der begabtesten noch lebenden Seher der Fey widerstanden und sich für jeden noch so betörenden Zauber unzugänglich gezeigt. Schließlich war das Auge ein Werk der Tairen; es lag in seiner Natur, Stolz mit Gerissenheit zu verbinden, Leidenschaft mit zeitweilig boshaftem Schalk. Seher näherten sich ihm mit Respekt, sie baten bescheiden um einen Einblick und bemühten sich mit der Kraft ihres Geistes und ihrer Magie um seine Gunst, aber niemals mit einer Berührung.

Das Auge der Wahrheit sollte nie berührt werden.

Es war ein ehernes Gesetz, das jedem Fey von Kindheit an eingebläut wurde.

Das Auge enthielt die konzentrierte Magie von Jahrhunderten, eine Macht, die so rein und unbefleckt war, dass eine Berührung dem Versuch gleichgekommen wäre, die Hände auf die Große Sonne zu legen.

Aber das Auge barg Geheimnisse, und Rain Tairen Soul war ein verzweifelter König, der keine Zeit zu verschwenden und keine Geduld für das Protokoll hatte. Das Auge der Wahrheit würde berührt werden. Er war der König, und er wollte Antworten, und wenn er sie dem Orakel mit Gewalt entreißen musste.

Seine Hände hoben sich. Mühelos beschwor er Macht herauf und meisterte sie mit vollendetem Geschick. Das silbrig weiße Element Luft formte sich zu magischen Gespinsten, die er auf Türen und Wände, Boden und Decke legte. Ein spinnwebzartes Netz aus dem lavendelblauen Element des Geistes wurde hinzugefügt, dann das grüne Element Erde, um sämtliche Eingänge der Halle zu versiegeln. Niemand würde eintreten und ihn stören. Kein Schrei, kein Wispern, kein geistiger Zugriff konnte diese Schutzschilde durchdringen. Ob gut oder schlecht, er würde die Antworten dem Auge ungehindert entringen – und wenn es ein Leben für seine Anmaßung forderte, würde es nur sein eigenes nehmen können.

Er schloss die Augen und löschte jeden Gedanken aus, der nicht um sein momentanes Ziel kreiste. Seine Atemzüge wurden tief und gleichmäßig und verließen seine Lunge in einem langsamen Rhythmus, der sich dem seines Herzschlags anglich. Sein ganzes Sein reduzierte sich auf eine schimmernde Klinge der Entschlossenheit.

Seine Augen öffneten sich. Rain Tairen Soul streckte beide Hände aus, um sie an das Auge der Wahrheit zu legen.

»Aaah!« Macht, unermessliche und unbezwingliche Macht floss durch ihn hindurch. Sein Kopf fiel zurück, seine Zähne entblößten sich, seine Kehle schmerzte von einem unterdrückten Schrei. Schmerzen durchbohrten seinen Körper wie tausend Klingen aus Sel’dor-Stahl, und obwohl er zwölfhundert Jahre Zeit gehabt hatte, um zu lernen, Schmerzen zu ertragen, hinzunehmen und auszulöschen, wand sich Rain vor Qualen.

Dieser Schmerz war anders als alles, was er je erlebt hatte.

Dieser Schmerz ließ sich nicht unterdrücken.

Feuer schoss durch seine Adern und versengte seine Haut. Er fühlte seine Seele zersplittern und seine Knochen schmelzen. Das Auge zürnte seinem tollkühnen Zugriff. Er hatte es mit bloßen Händen und unverhohlener Macht angegriffen, und das konnte nicht geduldet werden. Der Zorn des Auges drang ihm bis ins Mark, erschütterte sein Rückgrat und peitschte jeden Nerv in seinem Körper, bis Tränen aus seinen Augen liefen und Blut aus seinem Mund tropfte, so fest biss er sich auf die Lippen, um zu schreien aufzuhören.

»Nei«, keuchte er. »Ich bin der Tairen Soul, und ich werde meine Antwort bekommen.«

Falls das Auge das Ende sowohl der Tairen als auch der Fey verkünden wollte, würde es Rains Leben nehmen. Er hatte keine Angst vor dem Tod; fast sehnte er sich danach.

Er lieferte sich dem Auge aus und zwang seinen gefolterten Körper, sich zu entspannen. Macht und Schmerzen strömten gleichermaßen durch ihn und eroberten ihn, ohne auf Widerstand zu stoßen. Und als der ungeheure Ansturm von Gewalt in jede einzelne Zelle gedrungen war und Schmerzen sein ganzes Sein erfüllten, senkte sich eine seltsame Ruhe über ihn. Der Schmerz war da, überwältigend stark und nahezu unerträglich, aber wenn er sich nicht dagegen wehrte, war er imstande, seinen Geist von den Qualen seines Körpers zu lösen und sein körperliches Leid von seinem zu allem entschlossenen Willen zu trennen. Rain Tairen Soul zwang sich, die Lippen zu bewegen und in rauem, gebrochenem Flüsterton die uralten Worte der Macht zu formen, um die unvorstellbare Zauberkraft des Auges in den Strömungen der Elemente Luft, Wasser, Feuer, Erde und Geist einzufangen.

Er öffnete die Augen, die wie Zwillingsmonde im dunklen Spiegelbild des Auges der Wahrheit erstrahlten und in seinem Gesicht, das vor Schmerzen kreidebleich war, wie Feuer glühten.

Indem er Stimme und Geist vereinte, stellte Rain Tairen Soul seine Frage: »Wie kann ich die Tairen und die Fey retten?«

Während er der Qual des direkten Kontakts mit dem Auge unerschütterlich standhielt, suchte er in den aufgewühlten Tiefen nach Antworten. Millionen Möglichkeiten huschten an seinen Augen vorbei, unzählige Variationen einer möglichen Zukunft, unzählige Erinnerungen an vergangene Ereignisse. Millennien vergingen in einem Augenblick, Visionen, die so schnell an ihm vorbeirasten, dass er nicht hoffen konnte, sie jemals mit bloßem Auge auszumachen, aber sein Geist, der unbeirrt die Fäden der Magie zog, nahm die Bilder auf und verarbeitete sie mit schonungsloser Deutlichkeit. Rain Tairen Soul wurde Zeuge von millionenfachem Sterben, vom Aufstieg und Fall ganzer Kulturen. Zornige, uneingeschränkte Macht wucherte in der Welt, und die Magier von Eld vollbrachten ihre Untaten. Tairen schrien vor Schmerz, während sie in ihrer Qual der Welt entsagten. Frauen der Fey vergossen Ozeane von Tränen, und Krieger der Fey sanken hilflos auf die Knie, schwach wie kleine Kinder. Rains Geist begehrte auf, um die Visionen abzuwehren, aber seine Hände hielten das Auge der Wahrheit immer noch fest. Wieder stellte er seine Frage.

»Wie kann ich die Tairen und die Fey retten?«

Er sah sich selbst in Tairengestalt. Wahllos tötete er Unbewaffnete und spießte mit seinen Klauen Fey-Krieger auf.

»Wie kann ich die Tairen und die Fey retten?«

Sariel, seine geliebte Gefährtin, lag tot und gebrochen zu seinen Füßen, von Hunderten Messern durchbohrt, ihr Gesicht zur Hälfte vom Feuer der Magier schwarz versengt. Sie streckte eine Hand nach ihm aus, und ihre verbrannten, blutverschmierten Lippen formten seinen Namen. Hilflos musste er mit ansehen, wie die blitzende Klinge eines schwarzen Magier-Schwertes aus Eld ihre Kehle aufschlitzte. Hellrotes Blut schoss wie eine Fontäne empor …

Der unsagbare Schmerz über Sariels Tod, der in den Jahrhunderten seines Lebens ohne sie allmählich nachgelassen hatte, brach erneut auf. Wut und Mordlust explodierten tief in seinen Eingeweiden und waren durch nichts aufzuhalten. Es war der gefürchtete Rasende Zorn der Fey, der verstärkt wurde durch das animalische Wüten des Tairen, hemmungslose Gefühle in Verbindung mit tödlichen Fängen, sengender Glut und unvorstellbarer Macht.

Sie würden sterben! Sie hatten seine Gefährtin erschlagen, und für dieses Verbrechen würden sie alle sterben! Seine Seele schrie auf und klammerte sich gierig an den Wahnsinn und an die Macht, ohne Reue zu töten, die Erde zu verbrennen und nichts als Tod, Rauch und Asche zu hinterlassen.

»Nei!« Rain riss seine Hände vom Auge der Wahrheit los und hielt sie sich vors Gesicht. Sein Atem ging in kurzen Stößen, als er darum rang, seine Wut zu bändigen. Früher einmal hatte er in einem Moment des Wahnsinns und unerträglichen Schmerzes das wilde Tier in seinem Inneren freigelassen und den Tod über die Welt gebracht. In wenigen Augenblicken hatte er Tausende erschlagen, in wenigen Tagen einen halben Kontinent in Schutt und Asche gelegt. Es hatte die vereinte Willenskraft jedes noch lebenden Tairen und Fey erfordert, seine Raserei zu beenden.

»Nei! Bitte!«, flehte er, während er noch immer um seine Beherrschung kämpfte. Er ließ die geistigen Fäden, die ihn mit dem Auge verbanden, in der verzweifelten Hoffnung los, dass ein Zerreißen des Bandes den Zorn beenden würde, der ihn zu überwältigen drohte.

Stattdessen war es, als hätte er Öl ins Feuer gegossen.

Alles vor seinen Augen wurde rot, als wäre die ganze Welt in Blut gebadet. Der Tairen in ihm schrie nach Befreiung. Zu seinem Entsetzen spürte er, wie sich sein Körper verformte; er sah das schwarze Fell, die tödlichen Krallen, die in die Luft hieben.

Zum ersten Mal in den zwölfhundert Jahren seines Lebens lernte Rainier vel’En Daris vollständiges Grauen kennen.

Die magischen Schutzschilde, die er in der ganzen Halle errichtet hatte, würden einen Tairen Soul im Zustand des Rasenden Zorns nicht aufhalten können. Alle würden sterben. Die ganze Welt würde sterben.

Die Verwandlung vollzog sich qualvoll langsam, kroch durch seine Glieder und verhöhnte ihn und seine Unfähigkeit, etwas daran zu ändern. Das Wenige, was ihm an klarem Verstand geblieben war, beobachtete wie ein betäubter, hilfloser Zuschauer, wie sein eigener Tod unaufhaltsam näher rückte, und erkannte mit vagem Entsetzen, dass er sterben würde und dies nicht verhindern konnte.

Er hatte seine eigene Macht überschätzt und die des Auges der Wahrheit gefährlich unterschätzt.

»Halt!«, rief er. »Ich bitte dich! Hör auf! Tu das nicht!« Ohne Stolz oder Scham fiel er vor dem uralten Orakel auf die Knie.

Der Zorn ging so schnell, wie er gekommen war.

Mit einem Aufblitzen von Licht verschwand seine Tairengestalt. Fleisch, Sehnen und Knochen formten sich wieder zu der schlanken, muskulösen Statur eines Fey. Schwer atmend fiel er vornüber auf den Boden. Angstschweiß strömte aus seinen Poren, und seine Muskeln zitterten unkontrollierbar.

Leises Lachen huschte über den Steinboden und tanzte die reich geschnitzten Säulen hinauf, die beide Seiten der Halle von Tairen säumten.

Das Auge lachte ihn für seine Arroganz aus.

»Aiyah«, flüsterte er mit geschlossenen Augen. »Ich habe es verdient. Aber ich bin verzweifelt. Unsere Völker – deins ebenso wie meins – sind vom Aussterben bedroht. Und wieder erhebt sich eine dunkle Macht in Eld. Hättest du nicht auch jeden Zorn herausgefordert, um unsere Völker zu retten?«

Das Lachen verklang, und Schweigen senkte sich über die Halle. Es wurde nur von den wortlosen Geräuschen unterbrochen, die von Rain kamen, ersticktes Keuchen und ein Stöhnen vor Schmerzen, das er nicht unterdrücken konnte. In der Stille sammelte sich Macht. Die feinen Härchen auf seinen Armen und in seinem Nacken richteten sich auf. Er bemerkte etwas Helles, das durch den dünnen Schleier seiner Lider fiel, ein Kaleidoskop bunter Farben, das die Halle in weiches Licht tauchte.

Seine Augen öffneten sich und wurden groß vor Staunen.

Dort oben auf den Flügeln der drei goldenen Tairen erstrahlte das Auge der Wahrheit in blendender Klarheit, eine Kristallkugel, die gleißendes Licht und wogende Prismen in leuchtenden Farben aussandte.

Benommen rappelte er sich auf die Knie und streckte instinktiv die Hände nach dem Auge aus. Erst als seine Finger nahe genug waren, um winzige sengende Pfeile der Macht von dem Stein zu empfangen, kam er zur Besinnung und riss seine Hände zurück, um nicht die polierte Oberfläche des Orakels zu berühren.

Irgendetwas war in den strahlenden Tiefen des Auges aufgetaucht, ein Bild, das wie das Gesicht einer Frau aussah, aber alles, was er ausmachen konnte, waren verblassende Funken von sattem Grün, die umgeben waren von flammendem Orange. Ein feiner Nebel bildete sich im Zentrum des Auges, der sich langsam lichtete, als ein weiteres Bild entstand. Dieses Bild sah er klar und deutlich, und er erkannte es sofort. Es war eine Stadt, die er gut kannte, eine Stadt, die er verabscheute. Das zweite Bild verblasste, und das Auge trübte sich, doch es war genug. Rain Tairen Soul hatte seine Antwort. Er kannte seinen Weg.

Mit einem Stöhnen stand er langsam auf. Seine Knie zitterten, und er taumelte zurück und ließ sich auf den gepolsterten Sitz des Throns fallen.

Rain betrachtete das Auge der Wahrheit mit neuer Achtung. Er war der Tairen Soul, der mächtigste aller lebenden Fey, und trotzdem hatte ihn das Auge in kürzester Zeit auf ein weinendes Kind reduziert. Wenn es nicht entschieden hätte, ihn freizugeben, hätte es ihn benutzen können, um die ganze Welt zu zerstören. Stattdessen hatte es ihm erst seine Arroganz ausgetrieben und dann zumindest eines der Geheimnisse preisgegeben, die es verbarg.

Er ließ einen zarten Film von Luft, Feuer und Wasser über das Auge gleiten, um die schwachen Abdrücke zu beseitigen, die seine Finger hinterlassen hatten, als er es gewagt hatte, sie auf das Orakel zu legen.

»Sieks’ta. Danke.« Er sprach die Worte mit aufrichtigem Respekt und wurde sofort dadurch belohnt, dass die Schmerzen in seinem Körper nachließen. Mit einer Verbeugung vor dem Auge der Wahrheit marschierte er zu der massiven holzgeschnitzten Tür am Ende der Halle und ließ die unsichtbaren Schutzschilde verschwinden.

»Marissya.« Noch während er die schweren Türen mit der Kraft der Luft, die er zu sich befohlen hatte, aufschwingen ließ, sandte er seinen geistigen Ruf nach der stärksten lebenden Shei’dalin, der Wahrsprecherin der Fey, aus. Die Krieger, die vor den Türen der Halle Wache standen, nickten zu den Befehlen, die er im Vorbeigehen mit schnellen, lebhaften Handbewegungen erteilte. Das Rascheln in seinem Rücken verriet ihm, dass seine Befehle soeben ausgeführt wurden.

»Rain?« Marissyas geistige Stimme war genauso besänftigend wie ihre körperliche, ihr Interesse milde und geduldig.

»Eine Änderung unserer Pläne. Ich breche morgen früh ebenfalls nach Celieria auf und verdopple deine Wachen. Lass deine Verwandten wissen, dass der Feyreisen mit dir kommt.«

Selbst über die ganze Stadt hinweg konnte er ihre Überraschung spüren, und das brachte ihn beinahe zum Lächeln.

Einen halben Kontinent entfernt, in Celieria, einer Stadt der Sterblichen, kuschelte sich Ellysetta Baristani in einen Winkel ihrer winzigen Schlafkammer. Tränen liefen ihr übers Gesicht, und sie zitterte am ganzen Leib.

Der Albtraum war so real gewesen, der Schmerz so intensiv. Dutzende bösartiger, brennender Striemen zeichneten ihre Haut … tiefe Kratzer, die sie sich selbst beigebracht hatte und die schlimmer ausgesehen hätten, wenn ihre Fingernägel länger gewesen wären. Aber schlimmer als die Qualen ihres Albtraums waren der ohnmächtige Zorn und das herzzerreißende Gefühl eines Verlustes, die helle animalische Wut eines tödlich verwundeten Herzens. Ellysettas Seele hatte gelitten, als wären die qualvollen Schmerzen ihre eigenen gewesen.

Und dann hatte sie etwas anderes gespürt, etwas Dunkles und Böses, eine schleichende boshafte Gegenwart, die sie mit einem Entsetzensschrei auf den Lippen hatte hochfahren lassen.

Sie hielt sich mit zitternden Händen die Augen zu. Bitte nicht schon wieder, flehte sie die Götter an.

Kapitel 1

Ellie, sei doch nicht so eine lahme Ente!« Die neunjährige selbstbewusste Lorelle Baristani sah ihre ältere Schwester schmollend an.

Es war ein entzückender Schmollmund, fand Ellysetta. Lorelles vorgeschobene Unterlippe war voll und rosig, ihre runden Wangen waren glatt wie ein Pfirsich und ihre großen braunen Augen unschuldig und seelenvoll. Das bezaubernde Bild wurde durch eine Fülle goldbrauner Ringellocken vervollständigt, und es war bekannt, dass mehr als ein vernünftiger Erwachsener angesichts so eindrucksvoller kindlicher Artillerie die Waffen gestreckt hatte. Zu Lorelles Pech war Ellie aus härterem Holz geschnitzt.

Ellysetta lächelte und bückte sich, um ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange zu geben. »Eine lahme Ente bin ich also? Nur weil ich keine Lust habe, den ganzen Tag in dem vermutlich größten Gedränge des Jahres zu stecken? Und wofür? Um einen kurzem Blick auf einen Fey-Krieger zu werfen, wenn er vorbeimarschiert?« Ellie schüttelte den Kopf und knetete energisch den Teig, aus dem sie kleine Brote fürs Abendessen backen wollte.

Morgen würde der mit großer Spannung erwartete alljährliche Besuch der Shei’dalin Marissya v’En Solande stattfinden. Es war immer ein großes Spektakel, wenn sie bei der Ankunft mit ihrer Garde von einhundert grimmigen, in Leder und Stahl gekleideten Fey-Kriegern die Stadt betrat und die Hauptstraße hinunter zum Palast schritt.

Noch vor einer Woche wäre Ellysetta nur für die Chance, das Funkeln einer Fey-Klinge zu sehen, hingegangen, ganz gleich, wie lange die Warterei sich hinziehen würde. Aber das war vor den verstörenden Albträumen und den dunklen Bildern gewesen, die sie seither verfolgten. Jeden Morgen spannte beim Aufwachen ihre Haut, und ihre Muskeln waren unerklärlich müde und taten weh, als würde sie jede Nacht im Schlaf einen Kampf ausfechten. Als müsste sie kämpfen, um etwas abzuwehren … oder schlimmer, um es zu behalten.

Erinnerungen huschten durch ihren Kopf – Erinnerungen an entsetzliche Krämpfe, die ihren Körper schüttelten, an Mamas Angst, an die Exorzisten der Kirche des Lichts mit ihren fanatisch glühenden Augen und der gnadenlosen Entschlossenheit, die Dämonen aus ihrer Seele zu vertreiben.

Sie erschauerte bei den schrecklichen Erinnerungen und schlug hastig das Zeichen der Kirche des Lichts. Nein, alles in allem war jetzt ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, in die Nähe der Fey und ihrer mächtigen Magie zu kommen.

»Außerdem habe ich morgen zu tun«, teilte sie Lorelle mit, dankbar für die stichhaltige Ausrede. »Lady Zillina hat eine ganz neue Ausstattung für ihren Empfangssalon bestellt, und Mama möchte, dass ich mit der Stickerei für die Kissen anfange.«

»Aber Ellie, der Feyreisen kommt!«

Elli stockte der Atem. Der Feyreisen? Trotz ihrer begründeten Angst vor Magie hatte sie ihr ganzes Leben davon geträumt, Rain Tairen Soul in Fleisch und Blut zu sehen.

Dann kehrte ihr gesunder Menschenverstand zurück, und sie warf ihrer Schwester einen strengen Blick zu. »Wer hat dir denn diesen Unsinn erzählt? Jeder weiß, dass der Feyreisen die Schwindenden Lande seit tausend Jahren nicht mehr verlassen hat.« Nicht seit Ende des grauenhaften Gemetzels, das unter dem Namen »Magier-Kriege« in die Geschichte eingegangen war.

»Das ist kein Unsinn!«, protestierte Lorelle empört. »Ich habe es von Tomy Sorris persönlich!« Tomy Sorris, Sohn des Druckers, war der hiesige Stadtschreier und normalerweise bestens über alle Neuigkeiten und den letzten Klatsch im Bilde.

Ellie war nicht beeindruckt. »Dann hat Tomy wohl zu viel Druckerschwärze eingeatmet.« Sie legte den Teig zum Aufgehen in eine Schüssel und deckte ihn mit einem feuchten Tuch zu.

»Hat er nicht!« Lorelle stampfte zornig mit dem Fuß auf.

»Na schön, dann ist er eben falsch informiert«, gab Ellie zurück. Wenn Rain Tairen Soul wirklich zu kommen beabsichtigte, hätte man schon längst etwas davon gehört. Der Fey, der mit seinem Rasenden Zorn einmal beinahe die Welt zerstört hätte, würde nicht einfach sein tausendjähriges Exil aufgeben, ohne es vorher anzukündigen.

Mit einem sauberen Tuch wischte sie schnell die feine Mehlschicht von der Tischplatte und schüttelte es in dem Abfalleimer unter dem Spülbecken aus. Anschließend drückte sie fest auf die Pumpe und spülte ihre mehlbestäubten Finger unter dem kalten Wasserstrahl ab, bevor sie über die Schulter zu Lorelle sah.

»Außerdem, warum sollte der Feyreisen herkommen? Er hatte nie viel für die Sterblichen übrig, nicht einmal vor den Kriegen.«

Sie erinnerte sich, am Vortag in der Zeitung etwas darüber gelesen zu haben, dass eine kleine Gruppe von Reisenden in der Nähe der Grenze von Dahl’reisen überfallen worden war, jenen gefährlichen Söldnern, die früher einmal Fey-Krieger gewesen waren, bevor man sie wegen der Dunkelheit in ihren Seelen aus den Schwindenden Landen verbannt hatte. Würde Rain Tairen Soul deshalb nach Celieria kommen?

Sie verwarf den Gedanken sofort. Ihr Leben lang hatte sie Berichte über Angriffe der Dahl’reisen gehört – mit derlei Geschichten pflegte man kleinen Kindern Angst zu machen, damit sie artig waren –, aber nichts davon hatte je den König der Fey über die Grenzen der Nebel, die die Schwindenden Lande umgaben, hinausgelockt. Nein, Lorelle musste sich irren.

Ellie nahm ihre Schürze ab, hängte sie an einen hölzernen Haken in der Ecke der bescheidenen, aber gemütlichen Küche der Familie Baristani und glättete mit ihren schlanken Händen ihren zweckmäßigen hellbraunen Musselinrock. Ihre Ärmel waren über die Ellbogen geschoben, und als Ellie die schlichten Bündchen bis zu ihren Handgelenken hinunterzog, konnte sie bei dem Gedanken an üppige elfenbeinfarbene Spitze, die über ihre Hände streichelte, einen wehmütigen Seufzer nicht unterdrücken. Das war natürlich ein alberner Tagtraum. Spitze würde bei der Hausarbeit nur schmutzig werden und zerreißen.

Sie lächelte Lorelle an, deren Schmollmund sich zu einem regelrechten Flunsch ausgewachsen hatte. »Komm schon, Kleines, sei nicht böse. Ich kann stattdessen mit dir in den Park gehen. Es dauert nicht den ganzen Tag, doch dort ist es bestimmt nicht so überfüllt, und du hast trotzdem Spaß.«

Lorelle verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich will aber nicht in den Park! Ich will den Feyreisen sehen!«

Bevor Ellie etwas erwidern konnte, kam Lorelles Zwillingsschwester Lillis aufgeregt in die Küche gelaufen. Sie war das Ebenbild ihrer Schwester und wäre von Lorelle nicht zu unterscheiden gewesen, wenn ihr Gesicht nicht im Gegensatz zu Lorelles finsterer Miene vor Freude gestrahlt hätte. »Ellie! Ellie! Rate mal!«

Ellysetta machte absichtlich große Augen. »Was ist denn?«

»Der Feyreisen kommt, und Mama hat gesagt, du darfst mit uns hingehen und zuschauen, wie er in die Stadt einzieht!«

»Ha!«, rief Lorelle. »Ich hab’s ja gewusst!«

Diesmal blieb der Atem, der Ellie in der Kehle stockte, wo er war. Tomy Sorris mochte zu viel Druckerschwärze geschnüffelt haben, aber Mama irrte sich nie. Als suchte sie Bestätigung, blickte Ellie zur Tür.

»Mama? Ist es wahr? Der Feyreisen kommt wirklich nach Celieria?«

Lauriana Baristani, die geschickt die Schleife ihres breitrandigen Sonnenhuts löste, als sie über die Schwelle trat und in die Küche kam, nickte. In ihren Augen lag ein freudiges Leuchten, das Ellie noch nie zuvor gesehen hatte. »Es ist wahr«, bestätigte sie.

Ellie sah erstaunt zu, wie ihre Mutter ihren Hut und ihren gewebten Schal über eine Stuhllehne hängte, statt die Sachen ordentlich an die hölzernen Haken zu hängen, die für diesen Zweck bestimmt waren. Ihre Mutter war der festen Überzeugung, dass jedes Ding seinen Platz hatte. Irgendetwas war los, etwas, das nichts mit dem unerwarteten Besuch eines zwölfhundert Jahre alten Fey zu tun hatte, der sich in einen Tairen verwandeln konnte.

»Mama?« Ellie hob Hut und Schal auf und hängte beides an seinen Platz. »Was ist los?« Sie sah ihre Mutter forschend an. Lauriana war eine hübsche Frau Mitte fünfzig mit einer robusten Figur und kräftigen Armen, die ebenso geeignet waren, ihrem Ehemann zu helfen, schwere Möbelstücke zu heben, sowie ihre Kinder fest zu umarmen. Sie hatte das gleiche tiefbraune Haar wie die Zwillinge, aber ihre weichen Locken waren stark mit Grau durchzogen, und ihre Augen waren grünlich braun. Ihr braunes Kleid war aus solidem, vernünftigem Tuch gefertigt und ihre Schuhe aus ebenso solidem, vernünftigem braunem Leder. Aber im Moment sah sie kein bisschen vernünftig aus. Sie sah … wie berauscht aus.

»Oh, Ellie, du wirst es nicht glauben!« Lauriana griff nach Ellies Händen. »Königin Annoura«, sagte sie und drückte Ellies Finger, »hat deinen Vater über Lady Zillina beauftragen lassen, zu Ehren des Feyreisen eine besondere Schnitzerei anzufertigen. Sie soll dem Feyreisen auf dem Verlobungsball des Prinzen überreicht werden!« Als Ellie nach Luft schnappte und die Zwillinge quiekten, strahlte Lauriana und nickte. »Ein Auftrag der Königin. Endlich!«

»Oh Mama«, hauchte Ellie. »Papa muss außer sich vor Stolz sein.« Nach zehn Jahren als Meisterschnitzer hatte Sol Baristani endlich einen der begehrten königlichen Aufträge erhalten. Wenn das bekannt wurde, würden Adlige und reiche Kaufleute ihm die Tür einrennen, um bei ihm Arbeiten in Auftrag zu geben. Geld, das im Haushalt der Baristanis eher rar war, würde reichlich in die Haushaltskasse fließen.

Lauriana warf ihrer ältesten Tochter ein verschmitztes Lächeln zu. »Und die Damen Minset, Madam Neureich und ihr eingebildetes Fräulein Tochter, werden sich glatt ins Hemd machen!«

»Mama!«, japste Ellie und warf ihrer Mutter einen schockierten Blick zu.

Ihre Mutter, die heute eindeutig nicht so gesetzt und vernünftig wie gewöhnlich war, lachte laut und schlug sich dann eine Hand vor den Mund. »Oh, das war boshaft! Richtig boshaft.«

Ellie musste unwillkürlich lachen. Es sah ihrer ruhigen, untadeligen Mutter so gar nicht ähnlich, etwas Ungehöriges zu sagen, nicht einmal über die Bankiersgattin Madam Minset, die sich übermäßig viel auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg zugute hielt. Aber wenn es je eine Frau verdient hatte, dass man böse Bemerkungen über sie machte, dann Madam Minset – und das galt doppelt für ihre Tochter Kelissande.

»Aber warum kommt der Feyreisen nach Celieria, Mama?«

Lauriana zuckte mit den Schultern. »Das weiß niemand, doch es wird bestimmt ein Spektakel. Und ich habe Lillis versprochen, dass du sie und Lorelle mitnehmen wirst, um den Feyreisen zu sehen.« Als Ellie sie überrascht anstarrte, errötete ihre Mutter leicht. »Ich weiß, was du denkst, und das soll auch nicht heißen, dass ich die Feyzauberer billige. Das tue ich nicht, ganz und gar nicht. Aber der Herr des Lichts hat Rain Tairen Soul als Botschafter auserwählt, über den Er unserer Familie seine letzte Segnung übermittelt hat. Ich möchte auf keinen Fall, dass Er uns für undankbar hält. Gehst du nun mit den Mädchen hin oder nicht?«

Ellie warf einen Blick auf Lorelle, die von einem Ohr zum anderen grinste, und musste lachen. »Ja, natürlich«, antwortete sie. Die Zwillinge quietschten vor Freude und tanzten durch die Küche.

Wie furchtbar ihre Albträume auch sein mochten, nie im Leben würde sich Ellie die Gelegenheit entgehen lassen, den einzigen und wahren Rain Tairen Soul zu sehen. Er war eine lebende Legende, der Fey, der einmal in einem Anfall von rasendem Schmerz und Wahnsinn fast die ganze Welt zerstört hätte.

Wie viele Balladen waren über diesen schrecklichen Tag geschrieben worden? Wie viele Stücke? Im Museum der Bildenden Künste in Celieria hingen nicht weniger als zwanzig gewaltige Ölgemälde, auf denen die ganze Abfolge der Ereignisse dargestellt war. Die bedeutendsten Künstler der Stadt Celieria hatten sie im Lauf der letzten tausend Jahre geschaffen. Ellie konnte nicht zählen, wie viele Male sie vor Fabrizio Chelans unsterblichem Werk Tod der Geliebten gestanden und Tränen über die unaussprechlichen Qualen vergossen hatte, die der große Meister auf Rain Tairen Souls Gesicht abgebildet hatte, als er die sterbende Lady Sariel in den Armen hielt und seinen Schmerz hinausschrie.

Rain Tairen Soul in Fleisch und Blut zu sehen, war mehr, als sie je zu hoffen gewagt hätte.

Sie drohte den Zwillingen mit dem Finger. »Ihr zwei solltet lieber daran denken, heute Abend rechtzeitig zu Bett zu gehen. Wir werden in aller Frühe aufbrechen, um einen guten Platz zu bekommen.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Du und deine Liebe zu den Fey!« Aber dieses eine Mal verzichtete sie auf die übliche Predigt über die Übel der Magie und die gefährliche Versuchung, die ein hübsches Gesicht darstellte.

Obwohl Ellie die Angst ihrer Mutter vor Magie teilte, hatte sie alles, was mit den Fey zusammenhing, von Kindheit an fasziniert. »Das soll nicht heißen, dass ich über deine anderen Neuigkeiten nicht genauso aufgeregt bin wie du.« Sie fasste ihre Mutter an den Händen. »Ich will alles darüber hören! Was genau hat Lady Zillina gesagt? Lass kein einziges Detail aus!«

Lauriana schob einen Schemel zurück, setzte sich und erzählte die ganze Geschichte, einschließlich des Vergnügens, das ihr der Umstand bereitet hatte, dass Stella Morin, die größte Klatschbase der Nachbarschaft, alles mitbekommen hatte. Sie war ins Geschäft gekommen, um Lauriana anzuvertrauen, dass Donatella Brodson, die jüngste Tochter des Fleischers, offiziell dem dritten Sohn eines reichen Seidenhändlers versprochen worden war.

»Ach!« Lauriana schnippte mit den Fingern. »Da fällt mir ein, Den kommt heute zum Abendessen.«

»Den?« wiederholte Ellie bestürzt. Den Brodson, der Sohn des Fleischers, war ein feistes Mastschwein von einem Mann. Und seit seine Frau vor sechs Monaten im Kindbett gestorben war, lief er Ellie nach wie ein ausgehungerter Köter, der ein saftiges Steak wittert. Er hatte die lästige Gewohnheit angenommen, sie in dunklen Ecken abzupassen, sich so dicht an sie heranzuschieben, dass ihr der Geruch von Speck und Zwiebeln, den er verströmte, in die Nase stieg, und so unverwandt auf den Halsausschnitt ihres Kleides zu starren, als könnte er die sanften Rundungen sehen, die sich unter dem Stoff verbargen. Seine Wurstfinger packten sie ständig am Arm, als hätte er ein Anrecht auf sie. Ellie erschauerte vor Ekel. Sie hatte ihn nie besonders gemocht, nicht einmal als Kind. Jetzt bekam sie eine Gänsehaut, wenn sie nur an ihn dachte.

Neben ihr verdrehten die Zwillinge die Augen, griffen sich an die Kehlen und gaben Würgelaute von sich. Auch sie hatten nichts für Den übrig.

»Hm.« Lauriana schenkte den Grimassen der beiden keine Beachtung, aber sie scheuchte die Zwillinge aus der Küche. »Spielt in eurem Zimmer, Mädchen.« Dann wandte sie sich an Ellie. »Zieh dein grünes Kleid an, mein Liebes. Darin siehst du richtig hübsch aus.«

»Warum sollte ich mich für Den hübsch machen?«

Ein strenger Blick traf sie. Die lachende, unbeschwerte Mama war verschwunden, die praktische, nüchterne Mama war wieder da. »Du bist vierundzwanzig, Ellie. Damit bist du längst über das Alter hinaus, in dem man eine gute Partie macht und eine Familie gründet. Schau dir deine Freundinnen an! Alle sind seit Jahren verheiratet, haben mindestens ein Kind und sind mit dem nächsten schwanger.«

»Kelissande ist nicht verheiratet«, wandte Ellie ein.

»Ja, aber Kelissande mangelt es nicht an Freiern.« Der Blick in Laurianas Augen blieb unverändert streng, doch ihre Stimme wurde sanfter. »Sie besitzt Schönheit und Vermögen, Kind. Du nicht.«

Ellie senkte den Kopf, um die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen getreten waren. Sie wusste, dass sie keine Schönheit war; sie hatte oft genug ihr Spiegelbild gesehen. Und wenn sie ihre Mängel jemals vergaß, wies Kelissande Minset sie nur zu gern darauf hin.

»Obwohl du ein gutes, treues Herz hast«, fuhr Lauriana fort, »und kräftig genug bist, um jedem Mann eine wertvolle Hilfe zu sein, halten junge Burschen und ihre Eltern nicht zuerst nach diesen guten Eigenschaften Ausschau. Die jungen Männer wollen Schönheit. Die Eltern wollen Vermögen. Der Auftrag der Königin wird vermutlich ausreichen, um Dens Familie auf Trab zu bringen, aber du hast nicht die Zeit, um zu warten, bis Papa ein Vermögen gemacht hat und du unter vielen Bewerbern wählen kannst.« Unausgesprochen blieb die allgemein anerkannte Tatsache, dass ein Mädchen, das mit vierundzwanzig noch nicht verheiratet war, offensichtlich in irgendeiner Weise unzulänglich war. Alte Jungfern wurden bemitleidet – und sorgfältig beobachtet, damit die Hand des Bösen, die ihre Zukunft getrübt hatte, keinen Schatten auf die Menschen in ihrer Umgebung warf.

Ellie traute ihren Ohren nicht. Anscheinend hatte ihre Mutter bereits entschieden, wen sie heiraten würde. »Aber ich liebe Den nicht, Mama.« Zu ihrem Entsetzen kippte ihre Stimme.

»Ellysetta.« Sie hörte das Rascheln von Röcken und spürte gleich darauf die unerwartete Wärme, mit der sich die Arme ihrer Mutter um ihre schmalen Schultern legten und sie an sich zogen. »Ach, mein Kleines. Das ist meine Schuld.« Lauriana seufzte. »Ich hätte schon vor langer Zeit meine Pflicht erfüllen müssen. Aber du warst so … anders, und wir waren arm. Ich dachte, du würdest nie heiraten, warum also sollte ich dir nicht deine Träume lassen?«

Anders. Ein milder Euphemismus für die beängstigende Wahrheit, die ihre Mutter nie aussprach. Ellie wusste, dass ihre Eltern sie liebten, ebenso Lillis und Lorelle. Aber das verhinderte nicht, dass sie das Gerede der anderen hörte – oder die Furcht sah, die ihre Mutter nie ganz verbergen konnte, wenn in Ellies Umgebung … Dinge passierten.