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Im Bann der Wasserfee

Ein Kampf

 

 

Um 400 n. Chr. an der Küste von Aremorica in der heutigen Bretagne/Gemeinde Douarnenez befindet sich der Sohn des Königs von Sjælland, einer der Inseln Dänemarks, die damals ein eigenständiges Königreich bildete.

Drei nackte Männer wälzten sich auf dem Boden vor Ragnars Schlafgemach. Zwar war es in der nach ostienser Art erbauten, dreistöckigen Herberge nie besonders leise, doch dies übertraf alles! Warum mussten sie sich ausgerechnet den Flur vor seiner Schlafkammer aussuchen und noch dazu mitten in der Nacht?

»Tötet ihn!« Die Männer sprachen römisch, was noch von der Herrschaft der Römer herrührte, die bis vor siebzehn Jahren angedauert hatte. Diese Sprache hatte Ragnar vor langer Zeit erlernt, da er bereits damals wusste, dass er sie benötigen würde, um seinen Plan ausführen zu können. Nur deswegen war er von seiner Heimat im hohen Norden in dieses fremde Land gereist.

Schreiend droschen zwei der Männer mit ihren Fäusten auf den am Boden Liegenden ein. Ein vierter Mann kam von der Seite und schlug dem Unterlegenen, der sich soeben aufrichten wollte, mit einer römischen Geißel auf den Rücken. Der Mann schrie auf, als die dünnen, mit spitzen Gewichten versehenen Eisenketten seine Haut aufrissen.

In Ragnars Schläfen pochte ein beginnender Kopfschmerz. Die staubdurchsetzte, leicht modrige Luft und der Schweißgestank der Männer waren dem nicht zuträglich und seiner durch Schlafmangel angeschlagenen Laune schon gar nicht. Ragnar hasste Ungerechtigkeit. Er hasste es, wenn viele gegen einen kämpften.

Blut schoss aus der Nase und lief aus den Rückenwunden des Angegriffenen. Ragnars Wut stieg.

»Was ist hier los, warum schreit Ihr so und warum wollt Ihr ihn töten?«, fragte Ragnar.

»Er ist der Teufel!« Der Mann unterbrach die Prügelei nicht, während er antwortete.

Ragnar trat näher. »Auch der Teufel hat das Recht auf einen fairen Kampf und ich habe das Recht auf Ruhe!«

Einer der Männer zog einen Dolch und wollte ihn seinem Opfer in den Hals rammen. Er streifte jedoch nur dessen Rücken, denn Ragnar sprang vor, packte den Kerl und warf ihn aus dem Fenster. Es krachte, als der Windschutz aus Pergament zerbarst.

Die Kämpfenden hielten inne und starrten Ragnar perplex an.

»Ich mag es nicht, wenn drei auf einen einprügeln und noch dazu Waffen benutzen«, sagte Ragnar.

»Ihr habt ihn aus dem Fenster geworfen! Aus dem zweiten Stock!«, sagte einer der beiden Angreifer. Ein Ausdruck des Entsetzens lag auf seinem ausgezehrten Gesicht.

Ragnar hob gleichgültig die Achseln. »Er ist weich gelandet, denn dort unten befindet sich ein Misthaufen.«

Der andere Angreifer, der nicht gesprochen hatte, rammte Ragnar blitzschnell seinen Kopf in den Magen. Die Luft wich aus Ragnars Lungen, doch er war kampferprobt und fing sich schnell wieder. Ragnar packte den Mann an den Haaren und riss ihn herum. Der zweite Kerl wollte ihm ins Gesicht schlagen, doch verfehlte er ihn, da Ragnar sich duckte.

Der Erste holte mit der Geißel nach ihm aus. Ragnar sprang schnell zur Seite. Die kleinen, spitzen Gewichte an der Eisenkette sausten an ihm vorbei und verhakten sich in der Wand. Bevor der Mann sie herausziehen konnte, ergriff Ragnar ihn und warf ihn auf seinen Komplizen, der sich erneut auf Ragnar stürzen wollte. Gemeinsam gingen die Angreifer zu Boden.

Ragnar beugte sich über sie. »Will noch jemand von euch das Fliegen lernen?« Die Männer schüttelten entsetzt die Köpfe.

»Mein Fenster!« Der Wirt, ein korpulenter, kleiner Mann, stand an der Treppe. Er war blass.

Die Männer rappelten sich auf und griffen Ragnar erneut an, dem es jetzt endgültig reichte. Er packte die beiden und rammte sie mit den Köpfen gegen die Wand, woraufhin Stücke des Mauerwerks abbröckelten. Die Kerle sackten zusammen.

Der Wirt raufte sich das kurze, dunkle Haar. »So was habe ich ja noch nie erlebt. Meine schöne Wand! Ich bin ruiniert!«

»Die Risse waren zuvor schon dagewesen. Außerdem sind auch ein paar an der Decke«, sagte Ragnar. Tatsächlich glich es einem Wunder, dass die Herberge ihnen noch nicht über den Köpfen zusammengestürzt war.

»Aber ich hatte das frisch übertüncht, damit die Leute beruhigt schlafen können. Ihr bezahlt mir die Wand! Komplett oder ich …«

»Oder was?« Ragnar sah dem Wirt in die Augen, woraufhin er verstummte. »Eure Wand und die Einrichtung sehen aus, als hättet Ihr jeden Tag solche Schlägereien.«

Der Wirt hob die Hände wie zur Kapitulation. »Ich meinte ja nur. Man hat es nicht einfach als Betreiber einer Herberge.«

»Für den zerstörten Windschutz am Fenster komme ich natürlich auf«, sagte Ragnar, »schließlich ist mir etwas hindurchgefallen.«

Der Wirt nickte eifrig. »Ja, Herr, Euch ist etwas hindurchgefallen. Kann ja jedem mal passieren.«

Ragnar beugte sich über den Angegriffenen. Der Mann war hochgewachsen und schlank und sein schulterlanges schwarzes Haar von Schweiß verklebt. Blut schoss aus seiner Nase.

»Ruft einen Heiler!«, sagte Ragnar zum Wirt.

»Nein, bloß keinen Heiler!«, sagte der Verletzte. Seine Augen waren auffallend dunkel.

»Wie Ihr wollt.« Ragnar hob die Schultern.

Als er ihm aufhalf, bemerkte er das für Geißelwunden typische Netz v-förmiger kleiner Schnitte auf dessen Rücken.

Ragnar wandte sich an den Wirt, der noch immer wie erstarrt nahe der Treppe stand. »Lasst einen kühlen, feuchten Lappen, einen trockenen Lappen, heißes Wasser und einen Verband für seinen Rücken bringen! Beeilt Euch!«

»Gewiss, Herr. Aber heißes Wasser gibt es gerade nicht. Das dauert zu lang. Ihr solltet außerdem von hier verschwinden, bevor die Kerle wieder aufwachen. Die haben noch ein paar Freunde hier in der Gegend.« Der Wirt hastete die schmale Treppe hinunter.

Das hatte Ragnar ohnehin vor, denn er sah keinen Grund, länger als nötig an diesem Ort zu verweilen.

»Danke!« Die Stimme des Verletzten war leise und rau vor Erschöpfung.

»Keine Ursache.«

Sein Gegenüber nickte kaum merklich, was ihm Schmerzen zu bereiten schien.

Schritte erklangen auf der Treppe. Eine kleine, dunkelhaarige Dienstmagd in einem einfachen römischen Gewand kam mit Tüchern, Verbandszeug und einer Salbe näher. Ihr Kleidersaum schleifte im Staub auf dem Boden des schmalen Flures. Die Frau erbleichte, als sie den Verletzten und die beiden Bewusstlosen erblickte. Hastig reichte sie Ragnar die Tücher, eine Salbe und den Verband und lief sogleich zurück durch den Flur und die Treppe wieder hinunter.

Ragnar beugte sich über den Verletzten. »Neigt den Kopf nach vorne.« Er gab ihm eines der Tücher, das der Mann an seine Nase presste, um die Blutung zu stoppen. Dann gab er etwas von der Salbe auf die Rückenwunden. Der Verletzte stöhnte leise.

»Wie kann ich Euch danken?«, fragte er, als Ragnar den Verband anbrachte.

»Indem Ihr Euch wascht und anzieht. Den Verband solltet Ihr baldmöglichst wechseln und zuvor die Wunde heiß auswaschen lassen, bevor sie sich entzündet.« Ragnar half ihm beim Aufstehen.

Einer der Bewusstlosen stöhnte. Gewiss würde er bald erwachen.

»Das war beeindruckend. So was habe ich noch nie gesehen«, sagte der Gerettete.

»Dann wart Ihr nie in meiner Heimat. Dort ist das alltäglich.«

Der Mann lächelte. Aus seiner Nase schoss mittlerweile kein Blut mehr. »Das muss eine interessante Gegend sein.«

»Das ist sie. Ihr solltet einen Heiler aufsuchen«, sagte Ragnar.

»Später.«

»Dann verschwindet wenigstens von hier, bevor die wieder aufwachen.« Ragnar ging zurück in sein Schlafzimmer. Zu seinem Verdruss folgte der Mann ihm.

Das Flackerlicht der Öllampe erzeugte tanzende Schatten auf den Wänden und der spärlichen Möblierung, die aus einem winzigen Tisch, einem Schemel, einem Schrank und einem lectus cubicularis, dem Schlafbett, bestand. Auch hier waren die Wände von Rissen durchzogen.

Ragnar wandte sich um und sah den Mann an. Er war sehr schlank und groß, jedoch ein Stückchen kleiner als er selbst. Seine Augen wirkten schwarz im zuckenden Licht der Öllampe.

»Ihr habt mein Leben gerettet. Ich bin Euch etwas schuldig.«

»Ihr schuldet mir gar nichts, außer Ruhe.« Ragnar berührte seine pochenden Schläfen mit den Fingerspitzen.

»Mein Name ist Dylan, Herr.«

»Warum wollten die Euch töten?«

»Ich war bei ihrer Schwester im Zimmer.«

Ragnar hob eine Augenbraue. »Doch hoffentlich nicht gegen deren Willen?«

Dylan schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Sie hat mich hereingelassen. Dann zog sie sich aus und wollte baden, doch ich nicht, denn es wäre mir nicht gut bekommen. So stieg sie ohne mich in den Zuber. Dann sagte sie, was man darin zusammen alles treiben könnte, und bespritzte mich mit dem Badewasser. Daraufhin konnte ich mich nicht mehr beherrschen und wurde zum Tier, sodass sie schrie und dann …«

Ragnar hob beschwichtigend die Hände. »Erspart mir die Einzelheiten.«

»Ich stehe in lebenslanger Schuld zu Euch. Die hätten mich beinahe umgebracht. Daher werde ich Euch folgen, wohin Ihr auch geht.«

Ragnar bedachte ihn mit seinem blutrünstigsten Blick. »Ich brauche keinen Begleiter. Noch ist es nicht zu spät zum Sterben.« Er hatte keineswegs vor, diesen Mann überallhin mitzunehmen.

»Schon gut, schon gut.« Endlich zog sich der Mann zurück. Es war besser, den Irren gleich loszuwerden und vor Morgengrauen zu verschwinden. Für sein Vorhaben konnte Ragnar keine Zeugen gebrauchen. Es genügte, wenn er sich selbst in Lebensgefahr brachte. Da musste er andere nicht mit hineinziehen.

Zwar befand sich Ragnar erst seit wenigen Tagen in der Gegend um Douarnenez in Aremorica, doch schien die Spur, die er verfolgte, diesmal die richtige zu sein. Er blinzelte in die aufgehende Sonne. Hinter ihm erklang Hufgetrappel, das rasch lauter wurde.

Ragnar blickte über seine Schulter. Er stöhnte. Dylan kam auf ihn zugeritten. Würde er diesen Irren denn nicht mehr loswerden? Zumindest war er diesmal nicht nackt und blutbeschmiert. In der schlichten Kleidung römischen Stils sah er sogar recht gut aus.

Dylan holte auf, bis er neben ihm ritt. »Ich stehe in Eurer Schuld«, sagte er nach der Begrüßung.

»Ihr wiederholt Euch. Vergesst es.«

»Ihr habt mein Leben gerettet, wo ein anderer weggesehen hätte, und gegen drei Männer gekämpft. Ihr seid ein Held!«

Ragnar stöhnte. »Übertreibt nicht so. Ich bin nicht heldenhaft. Mich hat nur der Lärm gestört.« Er wäre auch gegen zehn Männer vorgegangen, hasste es jedoch, als Held bezeichnet zu werden. Jemand, der sein Leben der Rache verschrieb, war kein Held. Dass Dylan sich als so anhänglich erwies, passte ihm überhaupt nicht.

»Da Ihr mein Leben gerettet habt, gehört es Euch.«

Das hatte ihm gerade noch gefehlt. »Bis an Euer Lebensende?« Ragnar hoffte, Dylan würde einen Rückzieher machen.

»Ich gelobe Euch ewige Treue. Einen loyaleren Gefährten als mich werdet Ihr nirgendwo finden.«

Einen nervenaufreibenderen auch nicht. »Nun, bei den Leuten hier erfreut Ihr Euch nicht unbedingt besonderer Beliebtheit.«

»Die Leute hier interessieren mich nicht.«

»Meinst du?« Ihm war die persönliche Anredeform herausgerutscht. Ragnar begann, die Angelegenheit amüsant zu finden. Womöglich würde dieser seltsame Gefährte ihn für eine Weile von der Einsamkeit und seinem Schmerz ablenken. Auch wenn dieser Mann Ärger anzuziehen schien.

»Wie ist dein Name?« fragte Dylan.

»Rhain Bedwyn.« Ragnar plante, sich als Kymre auszugeben, da dies seinen Akzent erklären würde. Zudem reisten desöfteren Leute von Cymru nach Aremorica, sodass er nicht weiter auffallen dürfte.

Dylan schien erfreut. »Welch Zufall! Ich bin aus Cymru, Gwynedd, um genau zu sein.«

Verdammt, er hätte es ahnen können, denn Dylans glattes schwarzes Haar war nicht kurzgeschoren, wie es in Aremorica Mode war, sondern schulterlang. Andererseits sprach Dylan nahezu akzentfrei. Im ersten Moment war es ein Schock für Ragnar, doch jetzt empfand er es als Erleichterung, dass der Mann nicht von hier stammte und somit kein zu Loyalität verpflichteter Untertan König Gradlons war.

Dylan ließ seinen Blick über Ragnar gleiten. »Trotz deiner aremoricanischen Kleidung hielt ich dich zuerst für einen Barbaren … äh Kriegsherrn aus dem Norden.«

Ragnar hob eine Augenbraue. »Wie kommst du auf so etwas?«

»Nur so eine Vermutung wegen deiner seltsamen Aussprache, der langen Haare und deiner Größe. Du überragst alle um mindestens einen Kopf. Außerdem hast du etwas Wildes an dir. Auch wie du gestern gekämpft hast. Einer gegen drei. Das schafft in dieser Art kaum jemand sonst.«

Ragnar zwang sich zu einem Lächeln. Dylan hätte nicht näher an die Wahrheit herankommen können. Wenn der nur wüsste … Auf jeden Fall würde er sich in Acht nehmen müssen vor der scharfen Beobachtungsgabe seines neuen Begleiters.

»Ich versichere dir, kein Barbar aus dem Norden zu sein.«

Dylan lachte. »Natürlich bist du keiner. Die tragen derart lange, struppige Bärte, dass sie fast nichts mehr sehen, und Helme mit Ochsenhörnern drauf. Dennoch bist du kein Kymre.«

»Die tragen ebenso wenig Hörnerhelme wie man in Gwynedd Nachttöpfe auf dem Kopf hat.«

Dylan blickte ihn von der Seite an. »Ein Kymre bist du eindeutig nicht. Warum gibst du dich als einer aus?«

»Wer gibt sich schon als das aus, was er ist?«

Dylan senkte den Blick. »Wohl wahr. Wenn du es mir nicht sagen willst, musst du das nicht.«

Wenn Ragnar sich nicht irrte, dann hatte auch sein Begleiter etwas zu verbergen.

»Was führt dich nach Aremorica?«, fragte Ragnar.

»Gwynedd ist mir zu klein und zu langweilig geworden. Ich will Abenteuer erleben.«

Ragnar spürte, wie sich seine Lippen zu einem bösen Lächeln verzogen. »Die kannst du haben, wenn sie dich gemeinsam mit mir in Ys ermorden.« Vielleicht gelang es ihm doch noch, ihn davon zu überzeugen, nicht mit ihm dorthin zu reisen.

»Was zur Hölle willst du in Ys, wenn es dort gefährlich für dich ist?« fragte Dylan, während sie sich der Stadt näherten.

»Was macht dein Rücken?«

»Tut weh. Also, was willst du in Ys?«

»Warte es ab, sinn-i

Versehentlich war ihm das altnordische Wort für »Gefährte« herausgerutscht. Er hoffte, dass sein Begleiter das überhört hatte.

»Das war aber nicht kymrisch.«

»Schlaues Bürschchen. Dafür bezahle ich dir die Behandlung für deinen Rücken.«

Dylan deutete in Richtung Ys. »Wenn du hier Feinde hast, wirst du diesen Mauern kaum jemals wieder entkommen können. Die ganze Stadt ist eine stark befestigte Wehranlage. Sie ist an allen Seiten von Stadtmauern mit Wehrtürmen umgeben und liegt so nahe am Meer, als wäre die Stadt ihm entrissen worden.« Dylan biss sich auf die Unterlippe. »Nicht nur wäre, die Stadt ist dem Meer entrissen worden! Sie haben einen gewaltigen Deich am Westufer.«

Ragnar bedachte ihn mit einem Seitenblick. »Woher weißt du das? Von hier aus kann man das doch gar nicht sehen.«

»Ich bin dort vorbeigesch… mit dem Schiff vorbeigefahren.«

»Ich bin übrigens ein entfernter Cousin Cunedda Wledigs.«

Dylan runzelte die Stirn. »Das ist gewagt. Muss es gleich ein Verwandter unseres Königs sein?«

»Es muss. Sonst geben sie uns Unterkünfte bei den Bettlern. Auch niederen Adel bringen sie nicht im Palast unter.«

»Du scheinst dich gut informiert zu haben. Gerissen, wirklich gerissen. Warum willst du im Palast oder dessen unmittelbarer Nähe untergebracht werden?«, fragte Dylan.

»Er soll ein Meisterwerk der Baukunst sein. Daher will ich ihn mir auch von innen ansehen.« Um sein Vorhaben ausführen zu können, musste er dort sein, am besten im Gebäude selbst. Soweit er in Erfahrung gebracht hatte, wimmelte es überall im Palast und dessen unmittelbarer Nähe von Wachen. Je näher er beim König selbst wohnte, desto eher war er in der Lage, die Schwachstellen der Bewachung herausfinden.

Dylan strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Na, wie ein Bauer sprichst du auch nicht gerade. Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum die Leute in Ys dich abmurksen wollen.«

»Schweig, wir sind gleich in Hörweite.«

Ragnar betete lautlos zu Frigg und Óðinn, dass man ihm die fiktive Geschichte über seine Herkunft abnehmen würde. Sein Begleiter sah jetzt äußerst attraktiv aus. Man könnte ihn durchaus für den Diener eines Adeligen halten. Das würde ihm selbst zudem das Weibervolk vom Hals halten, das gewiss Gefallen an Dylan finden würde. Weibliche Annäherungsversuche kämen ihm in den nächsten Wochen höchst ungelegen. Das würde warten müssen, bis er sein Vorhaben erledigt hatte – sofern er danach noch lebte.

Sie erreichten das gewaltige Tor von Ys. Die Stadt dahinter war offenbar größer, als er gedacht hatte.

Ein bärtiger Wächter blickte gelangweilt von einem Wehrturm seitlich des offen stehenden Tores zu ihnen herab. Seinen Pfeilköcher hielt er jedoch griffbereit.

»Wer sucht Einlass?«, fragte der Wächter.

»Mein Diener Dylan und ich, Rhain Bedwyn, ein entfernter Verwandter von König Cunedda Wledig ap Edern von Cymru. Wir sind auf dem Rückweg von Lutetia.«

Der Wächter runzelte die Stirn. »Für den Verwandten eines Königs habt Ihr aber wenig Hofstaat und Gepäck. «

»Wir wurden Opfer von Wegelagerern, die das Gepäck stahlen. Viel hatten wir ohnehin nicht mit uns, da wir unbehelligt reisen wollten, ohne unnötigen Ballast oder die Aufmerksamkeit von Räubern – was uns offenbar nicht gelang. Man sagt, Ys sei die schönste Stadt von Aremorica und bekannt für ihre Gastfreundschaft. Ich wünsche mir eine schöne Erinnerung an die von bedauerlichen Vorfällen überschattete Reise.«

»Überfälle passieren hier in der Gegend leider immer noch häufig, aber nicht in Ys selbst. Hier gibt’s so was nicht mehr. Dafür hat unser König gesorgt. Ihr seid aus Segontium?«

Ragnar war überrascht, dass der Wachmann Caernarfon, die Hauptstadt von Gwynedd, kannte, zumindest vom Namen der römischen Befestigung her. Offenbar war es mittlerweile auch hier bekannt, dass die Römer Cymru in vier Königreiche aufgeteilt hatten. Gwynedd war eines davon. Ragnar war während seiner Suche dort gewesen, dennoch hoffte er, dass man ihm nicht allzu detaillierte Fragen stellte. Er wollte seinen Kopf schließlich noch länger auf dem Hals tragen.

»Warum seid Ihr nur zu zweit? Hat ein Verwandter des Königs nicht mehr Gefolge und Diener?«, fragte der Wachmann.

Ragnar brach der Schweiß aus. »Mein Gefolge wurde getötet und ins Meer geworfen. Ein paar flohen auch, als sie den Schurken gewahr wurden. Außerdem war mein Gefolge ohnehin nicht allzu groß, da ich leider nur ein entfernter Verwandter des Königs bin und mir nicht mehr leisten kann. Meine Großmutter war eine Schwester Padarn Beisrudds.« Er nannte den Namen von Cunnedas Großvater in der Hoffnung, der hochrangige römisch-britannische Beamte wäre dem Wächter ein Begriff.

Der Wächter kratzte sich am Bart. »Hat viel Verwandtschaft, der König Cunedda, nicht wahr?«

Ragnar nickte. »Kann man so sagen.«

»Fragt vor dem Hauptpalast nach. Als Verwandten von König Cunedda wird man Euch gewiss angemessene Unterkünfte zuweisen.«

Ragnar atmete auf. Offenbar war König Gradlon viel an seinem Ruf als exzellenter Gastgeber gelegen. Ys, so sagte man, sei die schönste Stadt der Cornouaille. Der König zögere nicht, dies aller Welt eindringlich zu demonstrieren.

»Wo finde ich einen Heiler?«, fragte Ragnar den Wächter.

»Fragt nach Niamh. Sie wohnt unweit des Hauptpalastes.«

»Danke.«

Der Wächter nickte ihnen zu und blickte sogleich wieder gelangweilt in die Ferne. Den ganzen Tag am Tor zu stehen, musste furchtbar eintönig sein. Von zwei Reitern erwartete man offenbar keine Bedrohung. Wäre er mit seinen Leuten eingeritten, die im Hinblick auf Gradlons Truppen ohnehin in der Unterzahl wären, hätte dies weitaus mehr Misstrauen erregt. Doch dies war eine Sache, die er allein in die Hand nehmen musste.

Ragnar und Dylan ritten Seite an Seite in die Stadt. Ragnar hob den Blick, denn so etwas hatte er niemals zuvor gesehen. In seiner Heimat war die Bauart der Häuser aufgrund der dort vorherrschenden rauen Witterung vorwiegend praktischen Erwägungen unterworfen, doch hier war sie geprägt von Prunk und Luxus.

Palast reihte sich an prächtigen Palast, unterbrochen von hohen Türmen, Tempeln und römisch anmutenden, weiß getünchten Häusern. Es gab sowohl römische Tempel und keltische Haine als auch christliche Kirchen mit Glockentürmen. Die hohen Stadtmauern dienten also dem Zweck, diese Gebäude vor dem rauen Meereswind zu schützen.

In den Gassen gingen Menschen und Hunde umher. Römische Wagen preschten gelegentlich durch die breiteren Alleen, doch gab es auch viele schmale Baumgänge. Überall waren kleine Plätze, wo Händler ihre Waren anpriesen, die aus fernen Ländern über die Meere hergebracht worden waren. In Ys gab es allen erdenklichen Luxus, seien es erlesene Köstlichkeiten aus dem Süden, Schmuck oder feinste Tuchwaren aus dem Reich der Mitte.

An den Bauwerken war der Einfluss der Römer bemerkbar, aber zur Hälfte handelte es sich um Fantasiegebilde, worin sich das Beste verschiedener Baustile verband. Ragnar betrachtete den Hauptpalast. Von außen konnte er nicht feststellen, ob es ein Peristyl, einen Garten im Inneren, gab, zusätzlich zu jenem, der sich an die Nord- und Westseite anschloss.

Säulen zierten den Eingang im Süden, der etwas nach innen versetzt war wie bei klassischen römischen Häusern. Doch war der Palast breiter und höher. Es gab von wildem Wein umrankte Balkone, die gewiss eine unvergleichliche Aussicht aufs Meer boten.

Dylan hatte recht gehabt, denn aus der Ferne vernahm Ragnar das Tosen der Wellen. Der Ozean war so nahe, als gehöre die Stadt ihm. Ohne den mächtigen Deich hätte er sich Ys gewiss bereits genommen.

Da es zwischen Ragnars Schulterblättern kribbelte, was darauf hinwies, dass er beobachtet wurde, hob er den Blick. Auf einem der Balkone stand eine Frau von atemberaubender Gestalt, an die sich ein römisches Gewand schmiegte. Ihr hüftlanges, golden schimmerndes Haar trug sie offen. Der Wind wehte ihr eine Strähne ins Gesicht, sodass er es nicht erkennen konnte, doch war er überzeugt davon, dass es schön sein musste.

Offenbar hatte die Stadt Ys noch ganz andere Sehenswürdigkeiten zu bieten als nur die Bauwerke. An manchen Tagen bedauerte er es, keine Beziehung eingehen zu können. Womöglich fand sich ein williges Weib, das keine Fragen stellte und nichts erwartete.

Er wandte sich ab, um mit Dylan den Palast aufzusuchen. Dort wurden ihnen fast die gleichen Fragen gestellt wie am Tor.

Doch dieser Wächter, ein hochgewachsener Aremoricaner, war misstrauischer. »Könnte ja jeder kommen. Sollen wir einen Boten nach Gwynedd oder Lutetia senden?«, fragte er den anderen Wächter leise.

Offenbar rechnete er nicht damit, dass Ragnar ihn hören konnte. Nur sein besonderer Gehörsinn ermöglichte ihm, es dennoch zu vernehmen. Ragnar bemühte sich, sein Gesicht ausdruckslos zu halten, während in ihm die Gefühle tobten. Würden die Männer wirklich einen Boten schicken, wäre er bald einen Kopf kürzer oder zumindest im Kerker. Es sei denn, ihm gelänge die Flucht aus der Stadt.

Der andere Wächter, ein Bärtiger, winkte ab. »Würden wir das bei jedem tun, hätten wir viel Arbeit. Gradlon lässt uns einen Kopf kürzer machen, wenn wir unnütz Gelder ausgeben.«

»Ja, aber es ist unsere Aufgabe, Gefahren von der Stadt abzuwenden.«

»Was sollen zwei Mann für eine Gefahr darstellen?«

»Auch wieder wahr. Der eine ist so dürr, dass der nächste Wind ihn wegweht. Aber sieht der Große nicht ein wenig barbarisch aus?«

Der Mann zwirbelte seinen Oberlippenbart. »Alle in Gwynedd sehen barbarisch aus. Das spricht eher für seine Behauptung, dass er von dort sei. Zudem ist sein Gewand von ausgesuchter Güte. Ich glaube nicht, dass er hier in der Gegend jemanden seiner Größe gefunden haben könnte, um sich eines zu rauben. Das ist eine Maßanfertigung. Lassen wir diese Spekulationen lieber, bevor wir den Zorn eines Verwandten Cuneddas auf uns ziehen.« Er flüsterte ebenfalls.

Der hochgewachsene Wächter hob die Achseln. »Also gut. Ich lasse ihnen Räume im Hauptpalast zuweisen. Die meisten davon verstauben ohnehin.«

Ragnar atmete auf, doch würde er den einen Wächter im Auge behalten müssen. Keineswegs durfte er dessen Misstrauen nähren, sonst konnte dieser immer noch einen Boten schicken. Dies musste er auf jeden Fall verhindern.

Die Wächter verkündeten die Entscheidung und ließen nach einem Palastdiener schicken. Dieser führte sie zu ihren zukünftigen Gemächern im Seitenflügel des Palastes.

»Der Raum für den Diener ist an Euer Gemach angeschlossen. Es gibt eine Verbindungstür, damit Ihr ihn jederzeit rufen könnt«, sagte der Palastdiener.

Ragnar bedankte sich. Als der Mann gegangen war, ließ Ragnar seinen Blick durch den Raum gleiten. Er war auf römische Art eingerichtet. Es gab das typische hohe Bett, das man nur mithilfe eines Hockers erreichen konnte, mehrere Stühle mit Armstützen, aber ohne Rückenlehnen, Schränke, einen Tisch und zwei Beistelltische.

»Ich ziehe mich ein wenig zurück«, sagte Dylan, der durch die Verbindungstür in sein Gemach wollte.

»Das wirst du nicht. Du kommst mit mir.«

»Was hast du vor?«

»Das wirst du schon sehen.«

Sie verließen den Raum.

»Ihre Mutter war eine Hure. Kein Wunder, dass Gradlon die nicht geheiratet hat«, sagte eine Frau an einem Marktstand von Ys leise.

Gradlons uneheliche Tochter Dahut schätzte sie auf Anfang bis Mitte dreißig.

Die Begleiterin der Frau beugte sich vor. »Warum hat Gradlon sie dann als seine Tochter angenommen? Er hätte ihre Mutter verstoßen und das Kind aussetzen können.«

Dahut duckte sich noch tiefer hinter den Busch. Am liebsten würde sie im Erdboden versinken vor Scham und Schmerz. Sie sprachen von ihrer Mutter und ihr. Der einzige Wert von Töchtern bestand darin, sie zu verheiraten, um Macht und Geld zu vermehren und Bündnisse zu knüpfen.

Die erste Sprecherin schüttelte den Kopf. »Diese Blöße konnte er sich nicht erlauben. Er war dieser rothaarigen Hexe verfallen.«

Ihre Gesprächspartnerin hob die Schultern. »Ich weiß nicht. Gradlon ist doch sonst so hart.«

»Das war er einmal. Diese Frau hatte ihm seinen Verstand genommen. Er ist alt und schwach geworden. Sie brachte ihn zu Fall. Zudem sagte man ihr nach, eine böse Zauberin gewesen zu sein. Darum hat er sie kurz nach der Geburt seines Balges töten lassen, denn den Gerüchten, dass sie während der Geburt gestorben sei, schenke ich keinen Glauben. Wer weiß, ob die Tochter überhaupt von ihm ist. Aber das ist nicht wichtig, sie ist ja doch nur ein Weib. Zum Glück gibt es den jungen Kronprinzen Salomon. Ich verstehe nur nicht, warum er und die Königin nicht hier beim König leben.«

Salomon war Dahuts Halbbruder, da Gradlon nach dem Tod von Dahuts Mutter Malgven erneut geheiratet hatte.

»Die Königin verträgt das Wetter hier am Meer nicht wegen des rauen Windes.«

»Ach Unsinn. Sie hat Angst vor dem Meer.«

Dahuts Herz schlug schneller. Lag ein Funken Wahrheit in diesen Gerüchten? Hatte Gradlon das Leben ihrer Mutter auf dem Gewissen und war diese tatsächlich so böse gewesen, wie man es ihr nachsagte? Es war schmerzlich, so gut wie nichts über die eigene Mutter zu wissen.

Dahut zog sich langsam zurück. Sie zog die Kapuze ihres Mantels tiefer ins Gesicht und huschte in Richtung des Seiteneingangs, den sonst nur Diener und Sklaven benutzten.

Sie nahm eine der Öllampen, wie die Sklaven sie benutzten, wenn sie in den Weinkeller gingen, und entzündete sie an der einen Lampe in der Mauernische, die zu diesem Zweck stets brannte.

Dahut eilte weiter, darauf bedacht, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Bald kam sie an die Wand, wo der Geheimgang einen Ausgang besaß. Diesen hatte sie einst ohne ihres Vaters Wissen in Auftrag gegeben. Als Gradlon vor Jahren den Palast erbauen ließ, bestach sie den schlecht bezahlten Architekten und einige seiner Leute. Trotz deren Angst vor Gradlon willigten sie dem ein, da sie aufgrund dessen schlechter Bezahlung dringend Geld benötigten. Schwieriger erwies es sich, Gradlon während der Bauarbeiten von diesem Palastteil fernzuhalten.

Dahut blickte sich um. Niemand war zu sehen oder zu hören. Sie presste mit den Handballen gegen zwei Wandstellen. Die Mauer glitt mit einem leisen Schaben zur Seite.

Dahut trat hindurch, verschloss das Versteck hinter sich und schritt so leise wie möglich den Geheimgang entlang und die schmale Stiege hinauf. Oben befand sich wieder ein enger Gang, doch für sie war er breit genug.

Dahut hielt inne und lauschte. Es war höchst unwahrscheinlich, dass sich jemand in ihren Räumen aufhielt, zumal sie die Tür von innen verschlossen hatte, aber sie war lieber vorsichtig. Falls jemand während ihrer Abwesenheit um Einlass gebeten haben sollte, so konnte sie noch immer vorgeben, geschlafen und ihn überhört zu haben, da zwischen der Haupttür und dem Schlafgemach noch der Empfangsraum lag.

Als sie nichts vernahm, öffnete sie die Geheimtür gerade so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Niemand war hier. Sie verschloss den Gang hinter sich und stellte die Lampe auf einem Beistelltisch ab.

Sie besaß drei Räume: das Schlafgemach, einen für ihre Gewänder und einen, der dem Empfang von Gästen diente. Sie benutzte ihn meist nur als Durchgang. Diesen Raum durchschritt sie nun und öffnete die Tür.

Einer ihrer drei Leibwächter stand davor. Sie wechselten sich tagsüber ab. Diesmal handelte es sich nicht um Armel oder Wiuhomarch, dessen Namen sie sich schlecht merken konnte.

Es war Ewen, der meist dunkle Kleidung trug, die ihn noch größer erscheinen ließ. Er rasierte seinen gesamten Kopf, nicht nur sein Gesicht.

Sein Schädel war kantig, seine dunklen Augen unergründlich. Sie wusste nichts von ihm als seinen Namen und dass er zuverlässig, schweigsam und ihres Vaters beste Wahl war. Es war ein Wunder, dass Gradlon diesen Leibwächter nicht für sich selbst beanspruchte. Er hatte mehr als zwanzig davon, zusätzlich zu sonstigen Palastwachen, schätzte Dahut.

»Prinzessin?«, fragte Ewen.

Jetzt erst bemerkte sie, dass sie ihn angestarrt hatte. »Zu meinem Vater. Ich muss zu Gradlon.«

Ewen nickte. Er ließ ihr den Vortritt. Bald erreichten sie Gradlons Empfangsraum, von dem aus eine Tür zu dessen Gemächern führte.

»Prinzessin Dahut wünscht den König zu sprechen«, sagte Ewen.

Der Wächter nickte. »Noch einen Augenblick. Seine Besprechung dürfte bald vorbei sein.«

Dahut biss sich auf die Lippen, verkniff sich jedoch einen Kommentar, der ohnehin nutzlos sein würde. Sie musste also warten.

Einige Minuten später trat Corentinus, der Priester der Stadt, durch die Tür, nickte ihr kurz zu und verschwand um die nächste Ecke. Sie mochte ihn nicht besonders, was auf Gegenseitigkeit beruhte.

Die Wachmänner ließen sie endlich ein.

Ihr Vater wirkte nervös. Sein blondes Haar war leicht verstrubbelt, das bärtige Gesicht leicht errötet und sein Gewand spannte über seinem Bauch. Einst war er ein attraktiver Mann gewesen.

»Ach du bist es, Tochter. Was führt dich her?«

Dahut entschloß sich, nicht lange drumherum zu reden. »Warum habt Ihr meine Mutter nicht geheiratet? War sie nur eine Hure für Euch, wie manche behaupten?«

Er verengte die blauen Augen zu Schlitzen. »Wer sagt das?«

»Eine vertrauliche Quelle.« Sie konnte die Weiber nicht verraten, da sonst kaum noch jemand wagen würde, über diese Dinge in der Öffentlichkeit zu reden. Andererseits brachten Gerüchte sie nicht weiter. Sie musste endlich die Wahrheit wissen.

Gradlon starrte sie genervt an. »Ich dulde kein übles Gerede unter meinen Sklaven und Dienern! Wer war es?«

»Du hast meine Fragen noch nicht beantwortet.«

»Wer auch immer diese bösartigen Gerüchte in die Welt setzt, ich werde ihn seiner gerechten Strafe zuführen!«

»Bin ich Eure leibliche Tochter?«

»Hätte ich dich sonst aufgezogen, dir eine hervorragende Bildung verschafft und dich mit Juwelen und Kleidern überhäuft?«

Vielleicht tat er dies aufgrund eines schlechten Gewissens, immerhin war er zum Christentum konvertiert und verbrachte viel Zeit mit dem Bußetun. Dafür musste es einen Grund geben.

»Woran ist meine Mutter gestorben?«

»Sie hat bei deiner Geburt zu viel Blut verloren.« Gradlon trat auf sie zu. Seine Miene war wie aus Stein. »Du sagst mir jetzt, wer diese Gerüchte verbreitet!«

»Das werde ich nicht.«

»Ich werde es herausfinden. Ich will seinen Kopf!«

Würde er dies in die Tat umsetzen, wäre die halbe Stadt kopflos. »Ist das vereinbar mit deinem Glauben?« Seit Corentinus vor ein paar Jahren nach Ys gekommen war, war Gradlon zu einem strengen Christen geworden.

»Es gibt Leute, die wirkliche Probleme haben. Hinaus mit dir!«

Gradlon schien heute nicht allzu gut gelaunt zu sein. Dahut schlich mit gesenktem Kopf davon. Sie hätte es wissen müssen. Gradlon wich ihr stets aus, wenn sie Fragen über ihre seit Langem verstorbene Mutter stellte. Es erschien ihr, als würde er sich dafür schämen. Wer war Malgven wirklich gewesen? Womöglich würde Dahut es niemals erfahren.

Gefolgt von Ewen kehrte sie zu ihren Gemächern zurück. Diese befanden sich unweit von Gradlons.

Ewen sah sie besorgt an, sagte jedoch nichts. Er hielt ihr die Tür zu ihren Räumen auf. Sie trat hindurch und schob von innen den Bolzen vor. Hier fühlte sie sich sicher. Ewen und zwei weitere Wächter wechselten sich ab. Immer stand jemand vor ihrer Tür. Weitere Wachen patrouillierten durch die Gänge und würden zur Stelle sein, sollte etwas passieren.

Dahut schritt durch den Vorraum in ihr Schlafgemach, das im römischen Stil gehalten war. Sie lief vorbei an ihrem Tisch, den drei lehnenlosen Frauen-Stühlen und ihrem hohen römischen Bett, vor dem ein Schemel stand, und betrat den Balkon.

Der Wind fuhr über ihr Gesicht. Sie löste ihr Haar, das lang, goldblond und seidig bis zu ihren Hüften fiel. Am liebsten trug sie es offen und wild, was ihr Vater jedoch gar nicht schätzte. Sie war es leid, immer nur seine Erwartungen erfüllen zu müssen.

Wie so oft überkam sie die Sehnsucht nach der Ferne und nach der Weite des Meeres. Sie wollte am Strand entlanglaufen und der Brandung lauschen. Sie wollte hinaus zu den tosenden Wellen. Sie wollte sie selbst sein.

Ihr Vater verstand sie nicht. Niemand verstand sie. Er sagte, der Ozean würde ihr eines Tages den Tod bringen. Sehnte sie sich also nach dem Tod, da das Meer sie mit flüsternden Wellen zu sich hinauszulocken versuchte? Warum verbot Gradlon es ihr, am Strand entlangzugehen?

Dahut kam sich wie eine Gefangene in dieser Stadt vor. Dabei hatte sie es besser als all die anderen. Sie wusste vom südlichen Viertel, wo sich besonders große Unzufriedenheit über die hohen Steuern regte. Nur die Angst vor Gradlon hielt die Menschen von einem Aufstand ab. Niemand wollte der erste sein, den seine Strafe ereilte. Wenn die Leute wüssten, wie alt und müde ihr Vater geworden war …

Als sie den Blick vom Meer gen Stadt richtete, sah sie zwei Fremde durchs Südtor einreiten. Häufig kamen Matrosen oder Händler hierher, da Ys für sie günstig lag. Doch diese beiden Männer waren allem Anschein nach keines von beidem. Weder wirkten sie von Aussehen und Kleidung her wie Seeleute noch hatten sie mit Waren bepackte Lasttiere bei sich. Es musste sich also um andere Reisende handeln. Beide trugen langes Haar, wie es unüblich war in Aremorica. Dahuts Neugierde war geweckt.

Besonders der Größere von beiden zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er stieg gerade mit kraftvoller Eleganz von seinem Ross. Dieses Tier war so tiefschwarz, wie Morvarc’h, das geheimnisvolle Pferd ihres Vaters, weiß war. Es passte zu seinem Reiter.

Der Mann überragte seinen Begleiter, obwohl dieser ebenfalls hochgewachsen war. Er war einer der größten Männer, den sie je erblickt hatte, und er besaß breite Schultern. Diese erschienen ihr wie geschaffen zum Anlehnen – oder zum Kämpfen.

Sein Haar fiel ihm in dunkelbraunen Wellen über die Hälfte des Rückens. Sein Gesicht war kantig, soweit sie es von der Seite erkennen konnte. Ihr entging nicht, dass andere Frauen ihn ebenfalls interessiert betrachteten.

Er trug eine Tunika aus feinstem Stoff. Sie besaß Verzierungen mit purpurnen Streifen, wie sie sonst nur üblich waren bei Knaben, höchsten Magistratspersonen und einigen römischen Priestern. Doch egal, welche Kleidung dieser Mann tragen würde, er war die personifizierte Versuchung. Schon allein wie er sich bewegte, so geschmeidig wie ein Raubtier, erzeugte ein Gefühl erregender Hitze in ihr. Ob er sich unter oder auf ihr auf ebensolche Weise bewegen würde?

Der Mann drehte sich um, als würde er Dahuts Blick auf sich spüren. Sie errötete, dennoch konnte sie die Augen nicht von ihm wenden. Sie war wie gebannt von seiner Erscheinung.

Viel konnte sie von der Vorderseite seines Gesichts nicht erkennen, da ihr der Wind das Haar ins Gesicht blies. Der Mann war nicht schön im klassischen Sinne, denn dafür besaß er zu kantige Gesichtszüge, doch erschien er ihr auf eine herbe, männliche Weise attraktiv. Zu ihrem Bedauern wandte er sich wieder ab.

Dahut strich sich das Haar aus dem Gesicht, während sie seinen breiten Rücken betrachtete. Welche Augenfarbe er wohl besaß? Zu schade, dass sie das nicht hatte erkennen können. Wie lange würde er in der Stadt bleiben?

Die Anziehungskraft, die er auf sie ausübte, erschreckte sie. Vielleicht war gerade er der Mann, den sie für ihr Vorhaben brauchte.

Das wäre nicht gut.

Die Heilerin

 

 

 

 

»Keine Widerrede. Die härtesten Krieger sind schon an so einer kleinen Wunde gestorben. Ein Hahn fügte meiner Großmutter einen Kratzer zu, der sich rötete, eiterte und ein Fieber erzeugte, das sie schließlich dahinraffte«, sagte Ragnar. Er zog den widerspenstigen Dylan am Arm mit sich zum Haus der Heilerin Niamh, zu dem er sich durchgefragt hatte, um keine Zeit zu verlieren.

Dylan sah ihn an. »Deine Großmutter war ein harter Krieger?«

»Könnte man so sagen. Gleich nachdem er sie gekratzt hatte, drehte sie dem Hahn den Hals um und machte Hühnersuppe.«

»Bei Barbaren aus dem Norden landet alles in der Suppe.«

Ragnar grinste breit. »Schon möglich. Also los, zum Haus der Heilerin, wenn du nicht in der Suppe landen willst.«

Dylan wollte sich aus Ragnars Griff befreien. »Es sind wirklich nur ein paar Kratzer.«

»Ich habe die Wunden gesehen. Sie haben dir mit der Geißel den halben Rücken aufgerissen. Es ist die falsche Zeit, den Helden zu spielen. Du bist doch mein Gefährte, nicht wahr? Tot bist du mir nicht von Nutzen.«

»So schnell sterbe ich nicht. Es haben schon ganz andere versucht, mich umzubringen.«

»Was hast du eigentlich getan, damit sie dich für den Teufel halten?«

»Die Frau mochte meinen Anblick nicht.«

Ragnar betrachtete sein Gegenüber genauer. Sein Leib war sehr schlank, jedoch wohlgeformt. Seine Augen waren so dunkel, dass sie so schwarz wirkten wie sein Haar, was einen Kontrast zur hellen Haut bildete. Dylans Nase war schmal, ebenso die feingeschwungenen Lippen.

»Hässlich bist du nicht, im Gegenteil.«

»Sie hat nicht zu mir gestanden, mich nicht gewollt, wie ich bin.« Bitterkeit lag in Dylans Stimme. Er senkte die Lider.

Sie waren vor der Tür der Heilerin angekommen.

Dylan biss sich auf die Unterlippe. »Es ist wirklich nicht nötig.«

Ragnars Blick fiel auf die Tür. Daran befand sich etwas Merkwürdiges aus Holz.

»Was ist das?«, fragte Dylan.

»So was habe ich auch noch nicht gesehen.«

Ragnar klopfte an die Tür.

»Wer ist da?«, erklang von der anderen Seite eine Frauenstimme.

»Rhain Bedwyn aus Cymru und sein Begleiter Dylan. Wir sind auf der Durchreise. Mein Diener ist verletzt und benötigt Eure Hilfe.«

Die Tür wurde geöffnet. Eine bemerkenswert schöne Frau mit leicht schräg stehenden blauen Augen und langem schwarzen Haar lächelte sie an. »Tretet ein.«

»Ihr seid Niamh, die Heilerin?«, fragte Ragnar.

Sie nickte. »So nennt man mich.«

Ragnar hatte sie sich älter vorgestellt. In seiner Heimat war die Heilerin eine alte weißhaarige Frau. Diese hier schien zu jung dafür zu sein, denn diese Profession verlangte Erfahrung.

»Was ist das für eine Gerätschaft an Eurer Tür?«, fragte Ragnar.

»Gerätschaft? Ach, Ihr meint das Türschloss. Es wurde in Ägypten erfunden und soll meine Utensilien vor Dieben schützen. Immerhin habe ich auch Gifte in meinem Haus.«

Ragnar erstarrte. »Gifte?«

»Auch Gifte können in der richtigen Dosis heilen.«

Interessiert sah Ragnar sich um und bemerkte, dass auch Dylan seinen Blick durch den Raum schweifen ließ.

An der Decke hingen zum Trocknen aufgehängte Bündel mit Kräutern und Wildblumen, die ihren Duft verbreiteten. Mit Tierfellen bedeckte Liegen aus Weidenruten befanden sich an der linken Seite des Raumes. Rechts hingegen war die Wand weitgehend von Regalen bedeckt, wo zahlreiche Tiegel und Flaschen ordentlich aufgereiht standen. Entrindete Baumstämme dienten als Sitzgelegenheiten. Die Einrichtung gefiel ihm, erinnerte sie ihn doch ein wenig an seine Heimat.

Neben der Feuerstelle, über der ein Topf hing, stand eine schlanke blonde Frau, die ihnen den Rücken zuwandte. »Warum ist das Öl blau, wenn die Blüten doch gelb und weiß sind?« Ihre Stimme war wohlklingend. In der Hand hielt die Frau ein Fläschchen.

Niamh wandte sich ihr zu. »Kamillenöl wird durch die Hitze der Wasserdampfdestillation blau.« Die Heilerin lächelte Ragnar und Dylan an. »Meine Schülerin. Sie wird gleich gehen, falls ihre Anwesenheit Euch stören sollte.«

»Sie stört mich nicht, wenn es sie nicht stört«, sagte Dylan.

Er zog seine Tunika aus. Darunter trug er ein Subligaculum. Das über den Hüften zusammengeknotete Tuch bedeckte sein Gemächt vollständig.

Scharf sog Ragnar die Luft ein, als sein Blick auf die Wunden an Dylans Rücken fiel. Diese und die sie umgebende Haut waren leicht gerötet. Hoffentlich bekam er kein Fieber. Das Leben seines Gefährten lag in den Händen dieser Heilerin.

Niamh starrte ebenfalls auf die Wunden. »Wer hat Euch dies angetan?«

Dylan bedachte Ragnar mit einem tiefen Blick. »Straßenräuber, als ich versucht habe, meinen Herrn zu verteidigen. Auf dem Rückweg von Lutetia wurden wir überfallen.« Natürlich musste er ihr eine Geschichte liefern, die im Einklang mit jener stand, die er den Wächtern gegeben hatte.

»Das tut mir leid. Eine ungewöhnliche Waffe für solch ein Gesindel. Ihr seid sehr mutig.«

Ragnar trat näher zu ihr heran. »Er war wohl eher leichtsinnig. Die Räuber waren eindeutig in der Überzahl.«

Niamh nahm eine Flasche von einem Regal, füllte etwas davon in einen Becher und gab Wein hinzu. Sie reichte ihn Dylan. »Das ist Mohnsaft, der Eure Schmerzen lindern, Euch allerdings auch schläfrig machen wird. Daher lasst Euch auf eine der Liegen nieder.«

Dylan trank den Becher leer und legte sich mit dem Bauch auf eine der Liegen.

Niamh wandte sich an ihre Gehilfin. »Ist das Wasser schon heiß?«

»Es müsste gleich kochen.«

Ragnar sah sie verwirrt an. Die Stimme der Blonden war nicht nur wohlklingend, sondern die reinste Versuchung. Er spürte Erregung in sich aufsteigen. Noch immer hantierte sie mit dem Fläschchen und anderen Dingen, die er nicht sehen konnte.

Dann wandte sie sich um. Ragnar erstarrte, als er ihr Gesicht erblickte und sie erkannte.

Sie war es!

Glühender Hass stieg in ihm empor. Er unterdrückte den Drang, sich sofort auf sie zu stürzen und sie zu töten. Der Schweiß brach ihm aus, während er seine Wut mühsam zügelte.

Sie war wunderschön, schöner noch als in seiner Erinnerung. Eine tödliche Schönheit, wie er nur allzu gut wusste. Wie vielen Männern war sie schon zum Verhängnis geworden?

Sie musste ihr Haar gebleicht haben, denn früher war sie rothaarig gewesen. Womöglich war es inzwischen weiß und sie färbte es mit Kräutern blond. Zwanzig Jahre waren vergangen, dennoch sah man diesem Zauberweib ihr wahres Alter nicht an.

Die Menschen damals hatten Recht gehabt: Sie war nicht nur eine Zauberin, sondern entstammte auch dem Feenvolk. Sie musste eine der Bösartigsten ihres Volkes sein.

Vielleicht wäre es besser, er würde sie auf der Stelle töten. Sein Hass verlangte es, doch die Vernunft trug den Sieg davon. Sie würden ihn ergreifen und hinrichten, wenn er Malgven jetzt ermorden würde. Dann wäre er nicht mehr in der Lage, Gradlon zu töten, an dessen Händen das Blut seines Vaters klebte.

Malgven schien ihn nicht zu erkennen oder sie besaß eine bemerkenswerte Selbstkontrolle. Im Gegensatz zu ihr hatte er sich stark verändert seit der Zeit, als er fünf Jahre alt gewesen war. Glücklicherweise sah er seiner früh verstorbenen Mutter, der Malgven niemals begegnet war, ähnlicher als seinem Vater.

Das Wasser kochte. Die blonde Schönheit schöpfte davon in eine Waschschüssel und tauchte einen Lappen darin ein.

»Es tut mir leid«, sagte Niamh zu Dylan, »aber das Wasser muss heiß sein. Es wird nicht angenehm werden.«

Die Blonde entnahm den Lappen mit den Fingerspitzen, wrang ihn leicht aus und wusch damit vorsichtig Dylans Wunden aus. Dieser zuckte nur ein wenig und stöhnte leise.

Malgven stand sehr nahe bei Ragnar. Sein Blick fiel auf ihre Brustspitzen, die sich durch die Stola, ihr langes helles Kleid, abzeichneten. Offenbar trug sie das Strophium, das Brustband, nicht oder sie besaß große Nippel.

Niamh tauchte ihre Hände mitsamt einer Nadel und einem Faden in das heiße Wasser. Dann vernähte sie vorsichtig die größeren Wunden. Dylan hielt sich erstaunlich gut. Manchmal stöhnte er. Als ihre Blicke sich begegneten, sah Ragnar Schmerz darin.

Niamh sah die Blonde an. »Trage jetzt die Salbe auf, Dahut.«

Offenbar war Ragnar nicht der Einzige hier, der sich unter einem falschen Namen Gradlons Vertrauen erschlichen hatte. Womöglich war auch Malgven nicht ihr wahrer Name gewesen.

Wie sanft Dahut die Salbe auftrug. Fast beneidete er Dylan, dass ihre zarten Hände ihn berührten. Bei Óðinns Eiern, er wollte dieses Weib nicht begehren!

Dahut hob kurz den Blick zu Ragnar. »Woher seid Ihr?«

»Aus Gwynedd.« Seine Stimme klang durch die unterdrückte Wut und Lust noch tiefer als sie sonst schon war.

»Caernarfon?«

Warum nannten alle immer nur die Hauptstadt?

Ragnar zwang sich zu lächeln. »Es gibt noch andere Städte in Gwynedd.«

»Aus welcher stammt Ihr dann?«

Verdammt, ihm fiel der Name des Ortes nicht ein, den Dylan ihm genannt hatte. Es war auch nicht wichtig. Er ballte die Fäuste, um seine Selbstkontrolle zu bewahren.

»Ffestiniog.« Dylan lächelte. »Das ist in den Highlands im Norden.«

Er war froh, dass Dylan trotz der Schmerzen mitgedacht und ihm zur Hilfe geeilt war.

Niamh betrachtete die Wunden, bevor sie sie verband. »Wir sind fertig für heute. Kommt jeden Tag wieder, bis die Wunden sich geschlossen haben.«

Mit Ragnars Hilfe erhob Dylan sich von der Liege.

Dylan bedankte sich lächelnd. »Wie viel sind wir Euch schuldig?«

Niamh nannte die Kosten, die Ragnar sofort beglich. Sie verabschiedeten sich und verließen den Raum.

Draußen atmete er erleichtert auf. Nur wenige Minuten länger und er hätte sich auf Malgven, Dahut, oder wie auch immer sie sich derzeit nannte, gestürzt. Um sie zu töten oder sie zu begatten? Er wusste es nicht und wollte auch nicht weiter darüber nachdenken. Sicher war nur, dass er sie früher oder später töten würde.

Falls sie ihm nicht zuvorkam.

»Die Kleine gefällt dir«, sagte Dylan.

Ragnar sah ihn erstaunt an. »Wie kommst du denn darauf?«

»So wie du sie angestarrt hast.«

Er hatte sie angestarrt, weil er überlegte, wie er sie am besten würde ermorden können, doch Dylan dachte, es sei anderweitiges Interesse. Sein Begleiter hatte wohl etwas zu viel Mohnsaft getrunken.

 

Vorsichtig setzte Dahut den Mechanismus in Gang, der ein Stück der schweren Steinwand ihres Schafgemachs bewegte. Dahinter kam der dunkle Gang zum Vorschein. Muffige Luft und staubdurchsetzte Dunkelheit schlugen ihr entgegen.

Sie nahm ihre Öllampe und ging beherzt hinein. Sie folgte dem schmalen Gang und stieg so leise sie konnte eine Treppe hinab. An ihrem Ende befand sich ebenfalls eine Geheimtür, die jener in ihrem Schlafgemach ähnelte.

Dahut lauschte. Um diese Zeit hielt sich nur selten jemand in diesem Teil des Flures auf. Doch musste sie damit rechnen, dass auch die Bediensteten sich unerlaubten nächtlichen Betätigungen hingaben.

Nachdem sie einige Zeit nichts gehört hatte, öffnete sie die Tür. Es war dunkel und still, niemand war hier.

Dahut huschte hinaus und schloss die Tür hinter sich. Von außen war der Geheimgang nicht erkennbar. Die Bauarbeiter hatten ganze Arbeit geleistet. Allein Dahut wusste, dass er existierte und wohin sie drücken musste, um die Geheimtür zu öffnen.

Sie huschte durch die Seitentür, die sonst nur die Sklaven und Diener benutzten, aus dem Palast und lief in den Garten. Nur der wolkenverhangene Mond spendete spärliches Licht.

Hinter der Deckung, die ein Busch ihr bot, sah sie in ihren Beutel. Eine Hacke, eine Schnur, kleinere Beutel, in denen sie geschnittene Kräuter zu transportieren gedachte, und ein kleines, aber scharfes Messer befanden sich darin.

Dahut schlich sich zwischen den Hecken und Blumenbeeten hindurch. Hier hinten, von den Wegen aus kaum sichtbar, befanden sich Niamhs Kräuterbeete direkt neben den Haselnussbüschen.

Unweit davon schlängelte sich ein selten benutzter Weg zwischen Büschen und Bäumen hindurch zum hinteren Stadttor im Norden. Die meisten Leute jedoch bevorzugten die Straße dorthin, die an der Palastvorderseite vorbeiführte und in die Hainbuchenallee mündete.

Der Salbei befand sich in den Beeten ganz vorne. Tagsüber waren seine violetten Blüten von Hummeln umschwärmt. Doch nachts lag er in Stille und entließ seinen Duft in die Dunkelheit.

Dahut schnitt einige Bündel mit frischen Blättern ab, band sie rasch mit einem Stück Schnur zusammen und verstaute sie in einem der mitgebrachten Säckchen. Später würde sie die Kräuter zum Trocknen in Niamhs dafür vorgesehene Kammer aufhängen. Ein paar Blätter legte die Heilerin stets in Öl ein, das sie zum Würzen verwendete. Andere destillierte sie.

Auch wollte Niamh etwas frische römische Kamille haben, die sie für Dylans Salbe benötigte. Dahuts Gedanken schweiften jedoch zu dessen Herrn ab, dem geheimnisvollen Rhain Bedwyn. Er stammte aus der Heimat ihrer Mutter, was ihn für sie noch interessanter machte.

Aus der Nähe hatte er noch viel eindrucksvoller ausgesehen als von ihrem Balkon aus. Doch irgendetwas in seinem Blick hatte ihr einen kalten Schauder über den Rücken gejagt. Gleichzeitig war ihr an anderen Körperstellen heiß geworden, sehr heiß. Sie konnte die Anziehungskraft, die er auf sie ausübte, nicht leugnen.

Niamh bevorzugte die frühen Morgenstunden zur Kräuterernte, aber Dahut war dies nicht möglich. Zu viele Palastwachen patrouillierten dann bereits wieder. Nur am späten Abend war es ruhiger, da viele der Wächter dem Wein zusprachen und ihre Aufgaben vernachlässigten. Dennoch musste sie sehr vorsichtig sein.

Dahut band den Beutel zu und wollte zur römischen Kamille gehen, da hörte sie Schritte. Wer hielt sich zu solch später Stunde im Garten auf?

Schnell versteckte sie sich hinter den Büschen.

»Ich werde es noch in diesem Jahr tun«, vernahm sie die Stimme ihres Vaters.

Dahut duckte sich noch tiefer ins Gebüsch. Gradlon durfte sie hier nicht entdecken. Er missbilligte ohnehin, dass sie sich mit Niamh abgab, da diese sich weit unter ihrem Stand befand. Dahut war auf Betreiben ihres Vaters zusammen mit Aouregwenn, der Tochter eines Landadeligen, aufgewachsen, damit sie sich nicht mit dem niederen Gesindel abgab. Aouregwenn war wie eine Schwester für sie.

»Ihr Lebenswandel macht mir seit geraumer Zeit Sorgen.« Die sonore Stimme gehörte Corentinus.

Sprachen sie von ihr? Neugierig spähte Dahut zwischen den Zweigen hindurch. Der Priester lief an König Gradlons Seite über die Wege zwischen den Blumen und Büschen. Wie immer war Gradlon von Leibwächtern umgeben.

Solange Dahut in ihrem Versteck blieb und leise war, würden diese sie vermutlich nicht entdecken.

Ihr Vater seufzte. »Ich weiß, ich habe zu viel Nachsicht mit ihr geübt, doch ich kann sie nicht mitnehmen und das nicht allein aus Rücksicht auf meine Königin. Euer Nachfolger hier wird sich gewiss ihrer annehmen.«

Nachfolger? Verließen ihr Vater und Corentinus etwa die Stadt?

Dahut strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Warum könnt Ihr sie nicht mitnehmen, Euer Königliche Majestät?«

»Sie befand sich einige Wochen lang in Huelgoat.« Gradlon starrte hinauf zum Mond. »Ihr wisst nicht, wie furchtbar es war. Sie hielt sich die gesamte Zeit beim See der Feen auf oder in dieser Teufelsgrotte.« Ein Schauder überlief sichtlich seinen Leib. »Sie ist eben ungewöhnlich.«

Dahut biss sich auf die Lippen. Sie sprachen also wirklich von ihr. Gradlon wollte sie verlassen.

Der Geistliche starrte den König an. »Sie ist nicht ungewöhnlich, sondern verwirrt, genau wie ihre Mutter. Seht den Tatsachen ins Auge.«

Der König kraulte seinen Bart. »Sie ist nur etwas wild. Ein richtiger Mann wird sie schon zu zähmen wissen.«

»Und was ist mit den anderen Einwohnern von Ys? Werden Sie mitgehen?«

Gradlon hob die Achseln. »Wer in Ys bleiben will, der bleibt. Alle anderen gehen mit nach Huelgoat.«

Gradlons jährliche Reise nach Huelgoat stand also bevor. Womöglich hatte ihre Stiefmutter Kaira ihm eine Nachricht zukommen lassen. Aber warum sollten die Einwohner von Ys mitkommen? Das taten bisher nur wenige.

»Viele werden hier bleiben, doch sie wird die Stadt nicht halten können«, sagte Gradlon.

Dahut erstarrte. Die Stadt nicht halten können? Gradlon wollte sie also für immer verlassen! Mit einem Mal wurde ihr eiskalt.

Der Geistliche schüttelte den Kopf. »Mit dem richtigen, charismatischen Mann an ihrer Seite wird dies gelingen. Er muss ja nicht ihr Gemahl sein. Ein Mann der Kirche könnte ebenso die Macht innehaben. Wenn ich Bischof bin, wird alles anders werden. Ich wollte ohnehin nicht nach Huelgoat.« Corentinus klang äußerst von sich eingenommen.

Bischof? Er wollte Bischof werden, wohl mit Ys als seinem Stammsitz? Sie konnte es nicht fassen.

Dahut hatte ihn vom ersten Augenblick, als er vor zwei Jahren in Ys eingereist war, nicht gemocht. Kurz nach ihm war Niamh in die Stadt gekommen. Zwischen ihr und Corentinus bestand Antipathie auf den ersten Blick.

Gradlon fuhr mit der Hand durch sein kurzes Haar. »Warum wollt Ihr nicht mitkommen?«

»Das ist mir zu abgelegen. Was sollte ein Bischof dort mitten im Wald?«

»Kaira will keineswegs für immer dort bleiben, daher wird Huelgoat nicht die neue Hauptstadt. Sie ist ein Kompromiss zwischen der Königin und mir. Ich überlege, eine Stadt zu gründen, die noch prachtvoller sein wird als Ys, um meiner Königin und meinem Thronerben gerecht zu werden. Auf jeden Fall bin ich froh, wenn diese ewige Hin- und Herreiterei endlich ein Ende haben wird.«

»Ihr werdet Eure Tochter nicht vermissen?« Das Wort »Tochter« betonte Corentinus auf merkwürdige Weise, was wohl eine Anspielung auf die Gerüchte über Dahuts Abstammung sein sollte. Viele zweifelten, dass Gradlon ihr Vater war, sodass sie häufig heimlich als Bastard-Prinzessin bezeichnet wurde. Sie wunderte sich, dass der König dies duldete. Aber offenbar galt sie ihm bei Weitem nicht so viel wie sein Thronerbe Salomon, ihr jüngerer Halbbruder, sofern er Letzteres denn überhaupt war. An manchen Tagen zweifelte sie selbst daran, dass Gradlon ihr Vater war.

Der König starrte hinauf zum wolkenverhangenen Mond. »Sie ist erwachsen und muss eigene Wege gehen. Meine Familie jedenfalls lebt in Huelgoat.«

Dahut schluckte. Schmerz breitete sich in ihren Brustkorb aus. Sie war ein Bastard, ungewollt und ungeliebt. Sicherlich hasste Gradlon sie, weil sie Schuld trug am Tod seiner großen Liebe Malgven. Sie zu verlieren hatte er niemals überwunden. Sie war sich sicher, dass er insgeheim sie dafür verantwortlich machte, auch wenn er darüber niemals sprach. Taten sagten mehr als Worte.

Zwar hatte er ihr ein Dach über dem Kopf, eine Erziehung und schöne Kleider gegeben, aber menschliche Wärme war etwas, das sie kaum kannte, schon gar nicht von ihm.

Wenn er dieses Mal nach Huelgoat abreiste, wäre es für immer. Er würde sie verlassen und vergessen. Womöglich würde sie ihn niemals wiedersehen. Doch wollte sie das überhaupt? Kaira und Salomon waren seine Familie, nicht sie. Das hatte er allzu deutlich gesagt. Dahut war nur die ungewollte Bastard-Tochter.

Der Schmerz darüber war stets gegenwärtig. Sie spürte ihn wie ein glühendes Schwert in ihrem Herzen.

Gradlon übergab ihr Ys, um sich von allen Ansprüchen ihrerseits zu befreien und sie loszuwerden. Seine Worte hatten in ihr jegliche Hoffnung auf ein normales Leben mit ihm zusammen ausgelöscht. Er würde sie niemals lieben oder als Tochter in seinem Herzen annehmen.

Gradlon und Corentinus begaben sich in Richtung des Palastes. Was sie sprachen, vernahm Dahut nicht mehr. Alles erschien ihr wie aus weiter Ferne.

Tränen bahnten sich ihren Weg über ihre Wangen. Sie weinte nahezu lautlos. Mit der Zeit hatte sie Übung darin bekommen. Ihr Vater plante, sie loszuwerden. Schmerzlich wurde ihr bewusst, wie sie sich in all den Jahren ihrer Kindheit nach seiner Liebe und Anerkennung gesehnt hatte. Dies sollte sie nun endgültig hinter sich lassen, denn er wollte sie nicht und daran würde sich niemals etwas ändern.

Dahut befürchtete Unruhen, sobald Gradlon die Stadt verlassen haben würde, da viele in Ys unzufrieden waren. Einzig die Angst vor seiner Vergeltung hatte die Menschen bisher zurückgehalten. Sobald er hier weg war, würde man ihre Machtstellung hinterfragen, gleichgültig ob ihr vermeintlicher Vater König der Cornouaille war oder nicht. Er konnte nicht überall gleichzeitig sein. Dahut würde sich die Macht mühsam erkämpfen müssen. Die Zweifel über ihre Herkunft machten dies noch schwerer für sie. Das Volk würde sie nicht als rechtmäßige Herrscherin anerkennen, egal wie viele Truppen sie um sich scharte. Doch wollte sie überhaupt gegen diese Leute vorgehen, von denen viele ihr seit frühester Kindheit bekannt waren? Es erschien ihr nicht als der richtige Weg.

Was sollte sie also noch hier in diesem Gefängnis halten? Ein goldenes Gefängnis war es, doch nahm es ihr das Leben und die Freiheit. Leben jedoch wollte sie und die Wahrheit über ihre Mutter und deren Tod herausfinden – und womöglich endlich ein richtiges Zuhause finden.

 

Als Dahut am nächsten Morgen durch die Seitentür des Palastes hinausschlich, erblickte sie Rhain Bedwyn am Rande des Hofes. Die Gerüchte über ihn waren bestätigt worden: Er stammte von der großen Insel. Womöglich erfuhr sie von ihm oder seinem Diener mehr über das Herkunftsland ihrer Mutter, das sie niemals betreten hatte und, wenn es nach ihrem Vater ginge, auch niemals betreten würde.

Er überragte sie, obwohl sie eine große Frau war, um etwa einen Kopf. Sein dunkles Haar hatte er heute zurückgebunden, was seine kantigen Gesichtszüge noch mehr zur Geltung brachte. Er trug andere Gewänder als am Vortag. Gewiss hatte er sich den Schmutz der Reise vom Leib gewaschen.

Die Vorstellung seines muskulösen Körpers, über den Wassertropfen herabliefen, zuerst über die Brust, den Bauch, dann ins Schamhaar, in dem sie sich verfingen und tiefer wanderten, verursachte ein Prickeln in ihr.

Noch einmal blickte sie sich um. Der Augenblick war günstig. Rhain war allein auf dem Hof.

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