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Im Bann der Rocky Mountains

Inhalt

Kapitel 1: AUFBRUCH

SIEBEN MONATE ZUVOR

MEDICINE CHANT

FEBRUAR

APRIL

MAI

ABSCHIED

EUROPA, ADE

GUTEN MORGEN, KANADA

AUSRÜSTEN

DIE HENKERSNACHT

DAUMENEXPRESS

Kapitel 2: HÄRTETEST

WILDNIS

WENN DIE SONNE UNTERGEHT

ECHOS

STUNDEN SPÄTER

NACHMITTAGS AM NÄCHSTEN TAG

KREUZUNG

DIE KATHEDRALE AUS FELS

KATZ-UND-MAUS-SPIEL

ABENDS

DREI TAGE SPÄTER

Kapitel 3: DIE BÄRENFRAGE

ZEITPLAN

DIE NACKTE WAHRHEIT

WEGGEFÄHRTEN

DIE UHR TICKT

PLAN IN GEFAHR

DIE UNENDLICHE LUST, ETWAS ZU BEIDEN

DIE SPRACHE DER TIERE

DER FRÜHE BERGVOGEL

Kapitel 4: BRÜCKENSCHLAG

ERSTER FC ROCKY MOUNTAINS

PARTY

UNBEUGSAM

SIEBEN STUNDEN SPÄTER

STAUSEESTRAND

EISKALT

DAS TAL DER LEERE

AUßERIRDISCHE

HOMERUN

LEBENSZEICHEN

Kapitel 5:ASCHE ZU ASCHE – STAUB ZU STAUB

ALLEINGANG

STAUBWOLKEN

AUG‘ IN AUG

BERGGÖTTER

BEGEGNUNGEN

DIE PROPHEZEIUNG

ABENDROT, OH ABENDROT

Kapitel 6: RUHE VOR DEM STURM

Kapitel 7: SCHICKSALSFLUSS

MOORLAND

VERSCHLUCKT

WASSERLAUF

DER FLUSS DER FLÜSSE

Kapitel 8: DER NORDEN

DIALOG DER EUROPÄER

DER GLETSCHER UND DER PFEIL

TAL DER SCHREIE

DIE KRÄFTE DES WASSERS

AM NÄCHSTEN MORGEN

GESCHENKE DES HIMMELS

DER WUNSCH

EPILOG

NACHWORT

Kapitel 1

AUFBRUCH

Es ist Nacht. Drückende Hitze durchschießt seinen Körper. Er fühlt sich, als ob er in einem leeren Raum direkt neben seinem Herz sitzt und das beschleunigende Pochen wahrnimmt. Wie in einem Kokon gefangen, der sich mal in weißen Schleiern, mal in absoluter Dunkelheit verliert, nimmt er alles nur schemenhaft war.

Langsam kommt er zu sich und spürt den kalten Schweiß in seinem Nacken. Es ist stockdunkel und kühl. Die dünne harte Isomatte, auf der er liegt, macht sich bemerkbar. Wo ist er?

Mit der ersten Bewegung stößt sein warmer Schlafsack an die Zeltwand, sodass das kleine Zelt heftig wackelt, und im selben Moment fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, welches vertraute markante Gefühl da gerade immer stärker wird. Dieses vertraute Gefühl, von dem er, wenn es hart auf hart kommt, in ein Koma fällt und nicht mehr aufwacht. Schon seit seiner Kindheit, damals im Krankenhaus, hat er von Leidensgenossen gehört, denen dieses Schicksal zum Verhängnis wurde. Ein Horror seit seinem zehnten Lebensjahr.

Er muss zum See, dem James Lake, ansonsten könnte es das endgültig letzte böse Erwachen sein.

Seinem Körper hat er zuvor einiges abverlangt. Seit Tagen. Und sein innerer Freund hat dies bislang auch gut durchgestanden. Doch jetzt gerade nicht. Mit zittrigen Händen und einem presslufthammerartigen Herzschlag scheint es ihm, als ob er auf heißen Kohlen innehält und der Boden unter ihm langsam zerfällt.

Mit einem tiefen Seufzer öffnet er seinen Schlafsack, nimmt die Stirnlampe aus der Ecke und stülpt sie sich über. Der Lichtkegel erhellt den Innenraum des Vorzeltes und da liegt er: griffbereit, ordentlich zusammengerollt, so wie in jeder der letzten Nächte. Ihm ist es wichtig, dass alles geordnet ist. Alle seine spartanischen Überbleibsel der Zivilisation. Sie gibt ihm Sicherheit, diese Ordnung. Sicherheit, die er hier vielleicht gar nicht hat.

Nun nimmt er ihn hoch, schnallt ihn sich um und überprüft, wie jedes Mal, ob der Sicherheitsverschluss fest sitzt. Er will sich damit nicht selbst wehtun.

Die Dunkelheit verschlingt den Wald. Die Stille findet jede Ecke am Waldboden und jedes Stück Rinde bis zur Baumkrone. Kein Windstoß. Kein einziges Knacken aus der Tiefe des Waldes. Das schwache Licht seiner Kopflampe kreuzt sein kleines Zelt, das rot-weiße neben ihm und die ringsherum auf dem Boden liegenden toten Baumstämme. Ein Naturfriedhof.

Er geht in Richtung des Sees, gradlinig durch den schwarzen Umhang, der sich auf den bergigen Wald geworfen hat. Er räuspert sich alle paar Meter. Absichtlich. Um etwas zu verjagen, das er noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hat. Jeden Schritt auf dem kargen Trampelpfad setzt er vorsichtig. Der unscheinbare Pfad, von Tannennadeln übersät, gleicht in der Dunkelheit einem Messerschnitt, einer kalten Umarmung in dieser drückenden Finsternis.

Da ist sie, die Anhöhe neben dem See. Ein unscheinbarer Spiegel durchschneidet das Panorama des Schattens. Auch auf dem Waldsee, der die Form einer Raute hat, ist es still. Langsam erkennt er die Umrisse der beiden Nadelbäume, an denen die Packsäcke hängen. Er hat nur Augen für einen Packsack: den roten. Er klettert den Baum an dem Balken hoch, der extra quer drangebunden ist. Die Baumrinde ist von Krallen zerkratzt.

Während er im Baum hängt, gleitet seine Hand rüber zum Ast, an dem sein Packsack hängt. Plötzlich stockt ihm der Atem, während sich die Schnalle vom roten Packsack löst und in seine Hände fällt …

SIEBEN MONATE ZUVOR

Hamburg. Rotlichtmilieu. Auf der bekanntesten Straße der Hansestadt tummeln sich wie jeden Morgen die letzten Betrunkenen entlang der S-Bahnstation. Ein immerwährendes Schauspiel, auch jetzt, trotz kühlerer Temperaturen.

Ich öffne das Fenster meiner dreißig Quadratmeter großen Einzimmerwohnung. Die gleiche Prozedur wie jeden verdammten Tag, denke ich. Aus dem Pink Palace ertönt wie fast jeden Morgen laute Musik, um die letzten Betrunkenen anzulocken.

Die Beleuchtung im knalligen Pink hellt sich auf und im Laufkegel von Dutzenden Lampen blendet es mir schrill entgegen. Genau gegenüber meiner kleinen Wohnung liegt das riesige Gebäude mit Fenstern, die mit Folien von Frauen in Sexstellungen beklebt sind. Alles in Pink. Es ist in Hamburg das größte Laufhaus, wie es genannt wird, wegen Steuerhinterziehung und Gewaltdelikten schon so manches Mal im Visier der Polizei.

Ein paar Prostituierte haben ihr Fenster auf Kipp, um ebenfalls zu lüften. Beim Anblick dieses Ambientes gähne ich und trotte langsam über meinen lackierten alten Hamburger Parkettboden. Warum musste bloß mein Wecker klingeln? Kann man den Morgen nicht per Grundgesetz abschaffen? Der Wecker und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr.

Im Badezimmer erblicke ich im Spiegel eine Person mit dicken Augenringen und zerzausten Haaren, die wohl ich selbst zu sein scheine. Wer ist dieser Typ da, der mir gegenübersteht? Ein Idiot? Hängende Schultern, strubbelige Haare … Der Tag kann nur besser werden. Oder nicht?

Ich wische mir den Schlaf aus den Augen und versuche, im Badezimmer mit einer warmen Dusche und weiteren Wischi-Waschi-Aktivitäten einen halbwegs ansehnlichen Menschen aus mir zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, aber was tut man nicht alles.

Hemd an. Kragen sitzt?

Ich schlendere das Treppenhaus hinunter, das schon bessere Tage gesehen hat. Fast jede zweite hölzerne Wohnungstür hat neben Sankt-Pauli-Aufklebern im Bereich des Türschlosses markante Kerben versuchter Einbrüche. Ein gutes Gefühl, denke ich grinsend.

Unten im Treppenhaus ist der Boden in einigen Ecken nass und klebrig. Es riecht streng. Gestern war wie jeden Donnerstagabend Studentenremmidemmi auf dem Kiez. Im Rausch pinkelt der eine oder andere dann in die Ecken des Treppenhauses.

Während ich die Haustür öffne, blicken mir zwei Männer mit weit aufgerissenen Augen entgegen. Sie stehen direkt vor dem Eingang. Mit kühlem Blick machen mir die beiden sofort Platz. Die schon wieder, denke ich. Ein verhaltenes »Moi« klingt mir entgegen. Ein müdes »Moin« erwidere ich.

Nach ein paar Schritten gehe ich die Treppe zur S-Bahnstation Reeperbahn hinunter. Mein Keller, wie mein Vater vor eineinhalb Jahren beim Einzug in meine Wohnung mit einem verschmitzten Lächeln anmerkte. Betrunkene Menschen torkeln mir entgegen.

Und da stehen sie wieder in der Ecke, wie fast jeden Morgen. Sie halten eine Metallpfeife, eine brennende Zigarette und ein paar Plastikkügelchen in der dreckigen Hand; zusammengekauert, leicht zitternd und mit verstörtem Blick. Man kann sie gleich auf den ersten Blick erkennen, so markant ist ihr Erscheinungsbild. Sie sind sicher auf dem Weg zu meiner Haustür, um bei den beiden Afrikanern Stoff zu kaufen, nur noch ein Pfeifchen vorweg.

Ein Wirrwarr aus schlagerartigen Gesängen schallt mir entgegen, während ich ganz unten in meinem Keller den Bahnsteig erreiche.

Blitzartig fährt der rotmelierte, mit cremeweißen Streifen versehene Zug der Hamburger Hochbahn ein und steht direkt vor meiner Nase. Ein lautes Zischen der Bremsen ertönt. Automatisch knallt die doppelseitige Türe auf, ich begebe mich ins Zugabteil und setze mich mit einem tiefen Atemzug auf die Sitzbank. Im Hintergrund werden die schlagerartigen Gesänge der Betrunkenen lauter, bis die Türen sich schließen und der Zug abfährt. Habe ich oder haben die jetzt alles richtiggemacht, grüble ich. Ich glaube, die. Oder nicht?

Ich sacke auf meinem Sitz leicht zusammen. Mein Tagesrucksack steht neben mir. Täglich fast immer nur das Gleiche.

Meine Augen wandern, während der Zug Altona verlässt, über die endlosen Häuserkomplexe, die sich rechts und links des Gleises befinden. Altbauten und schillernde Glaspaläste. Alles vollgebaut, soweit man sich bemüht zu gucken.

Noch vor fünf Monaten war es anders, als ich mit meinen Freunden Jan und Andi zwei Wochen durch den Sarek Nationalpark im tiefen Norden von Lappland wanderte, in einer bergigen Wildnis, die kompromisslos ist und keine Fehler verzeiht. Unwegsam und frei. Das genaue Gegenteil von den an mir vorbeiziehenden Zivilisationsbauten dieser Leistungs- und Konsumgesellschaft. Was würde ich jetzt dafür tun, mich zurückzubeamen.

Das Beschleunigen des Zuges drückt mich erneut in den gepolsterten Sitz. Im leicht schimmernden Spiegelbild des Zugfensters erblicke ich mich in Hemd und schwarzer Krawatte. Ich zurre meinen Kragen zurecht und fahre mir mit einem tiefen Atemzug durchs Haar.

MEDICINE CHANT

»Diese Landschaft ist über ewige Zeiten entstanden. Jetzt musste ich erst so alt werden, um diese Wildnis erleben zu können«, spricht mir eine junge Wanderin auf dem Bildschirm des Laptops entgegen.

Plötzlich erscheint auf der Seitenleiste von YouTube, auf der weitere Videos vorgeschlagen werden, ein Clip, auf den ich sofort klicke. Der Song Medicine Chant von Anilah, einer kanadischen Sängerin, die von den Selkirk Mountains im Westen Kanadas kommt, erklingt in meinen Ohren. Sie verbindet Schamanismus mit modernen Elementen und verwebt eine ätherische uralte Klangwelt. Bei dem Lied und dem fünfzehnminütigen Video mit schroffen Bergen und endloser Wildnis bekomme ich Gänsehaut. Dieser Song, der Schrei der Berge, geht mir bis auf Weiteres nicht mehr aus dem Kopf. Tagelang.

Wo ist das?

Das Klackern der Tastatur meines an sieben Stellen zusammengeklebten Laptops ist laut in meinem Wohnzimmer zu hören. Wort für Wort hämmere ich meine hin und her kreisenden Gedanken in die nicht ganz sauberen Tasten. Stundenlang klicke ich mich von der einen Internetseite zur nächsten und informiere mich über die Region des Videoclips. Vom Puma, Kojoten, Wolf, Weißkopfseeadler bis hin zum Bären sind dort zahlreiche Wildtiere vertreten. Die schroffen scharfkantigen Felsformationen der Rocky Mountains stehen für ein natürliches Wahrzeichen wie kein anderes. Die dinosaurierartigen Zacken schlängeln sich von der Kakwa Wilderness im Norden über den gesamten Westen Kanadas, über Amerika bis hin nach Mexiko. Türkisblaue Seen, schneebedeckte Gipfel, eisige Gletscher und endlose Wälder. Die Rocky Mountains verlaufen entlang der Kontinentalen Wasserscheide. Ein Grenzverlauf zwischen benachbarten Flusssystemen. Im englischen Sprachgebrauch ist die Great Divide die Kontinentale Wasserscheide in Nord- und Zentralamerika, die die Einzugsgebiete jener Flüsse voneinander trennt, die in verschiedene Ozeane fließen. Dabei handelt es sich um den Pazifik, gen Westen, den Arktischen Ozean, nach Norden, und den Atlantischen Ozean über den Golf von Mexiko in südöstliche Richtung. Der größte Teil der Wasserscheide folgt dem Gebirgskamm der Rocky Mountains. Einen Teil dieser Bergregion, der zweitgrößten der Erde, zu bewandern, wäre ein einmaliges Erlebnis; in einem atemberaubenden Gebiet, mitten in der Wildnis.

Immer wieder schaue ich das meditative Video, bis meine weit aufgerissenen Augen langsam über meine zwei Wandfototapeten in Lagunenoptik wandern. Die abgebildete Lagune ist mit einem dicht bewaldeten bergigen Ambiente künstlich in einem Bild dargestellt. Alles zusammengedrückt, wie der Raum, in dem ich sitze. Das Hupen der Autos und die laute Musik aus dem Pink Palace dringen durchs Fenster. Ich öffne es und schaue auf die Reeperbahn. Ein buntes Treiben auf den Straßen. Tausende Menschen drängen sich über die Bürgersteige in der Kälte. Die unzähligen Autos und hell erleuchteten Clubs machen die Nacht zum Tag. Meine Gedanken festigen sich, während der Schrei der Berge noch immer in meinem Kopf nachhallt.

FEBRUAR

»Wie kann ich dir helfen?«

»Ich … äh, ich will das hier aufhängen.«

»Kein Problem. Am schwarzen Brett ist noch Platz. Schreib‘ am besten drauf, wie lange dein Zettel ausgehängt werden soll.«

Mit langsamen Schritten gehe ich zwischen den zahlreichen Kunden zum schwarzen Brett des Outdoorladens Globetrotter. Einige Zettel mit Fotos und Beschreibungen hängen an der Wand. Gebrauchte Wanderausrüstung zum Verkauf, Informationen zu Veranstaltungen und ein paar Zettel, die meinem ähneln. Auch andere Menschen suchen das, was ich suche.

Mit Reißzwecken befestige ich das Papier, an dem eine ausgeschnittene Farbfotografie mit schroffen Bergen unter meinem Text klebt. Der gleiche Text ist online im Internetforum. Ich lese ihn noch einmal:

Hallo!

Ich möchte im August eine Wandertour in Kanada machen. So wie es mir momentan vorschwebt, in den kanadischen Rockies. Es gibt dort den sogenannten Great Divide Trail (GDT). Einen Abschnitt von diesem Trail möchte ich wandern, Mitte August, vier Wochen.

Da ich niemanden in meinem Freundes- und Bekanntenkreis finde, der Lust hat, mit mir diese Tour zu unternehmen, versuche ich nun auf diese Weise, jemanden zu finden. Es können auch gern mehrere Tourpartner sein. Wenn es passt, passt es.

Die Wanderung soll mit Selbstversorgung durch Kocher, Proviant, Zelt, Schlafsack etc. durchgeführt werden.

Ich heiße Dominik und bin 30 Jahre alt. Trekkingtouren mache ich bereits seit einigen Jahren mit Begeisterung. Ich liebe es einfach, draußen zu sein, fernab der Zivilisation. Hast Du Lust und Zeit, einen Teil vom Great Divide Trail mit mir zu wandern? Hast Du auch schon ein paar Trekkingtouren gemacht und verfügst über die entsprechende Ausrüstung? Oder hast du bereits Erfahrung mit Kanada oder Bergerfahrung?

Dann kannst Du mich gerne kontaktieren. Alles Weitere kann man dann besprechen.

Viele Grüße

Dominik

APRIL

»Nein. Nicht über Reykjavik.«

»So sparst du aber fünfhundert Euro und hast noch einen kurzen Aufenthalt auf Island.«

»Dann muss ich aber viermal umsteigen und wäre noch fünfzehn Stunden länger unterwegs … Nein, nein.«

Der Dunkelhaarige, Mitte zwanzig, tippt in die Tastatur und guckt auf den leuchtenden Bildschirm des Computers. Im Hintergrund klingen von den Schreibtischen andere Ländernamen herüber. Die Wände sind mit Weltkarten tapeziert.

»Hier, ich hab‘s.« Er dreht mir den Bildschirm hin.

»Das ist die zweite Variante, die wir vorhin hatten.«

Ich nicke. »Kann man bei euch eigentlich mit Kreditkarte zahlen?«

Mit einem Lächeln öffne ich wenig später die Glastür und gehe am Millerntor-Stadion entlang zur U-Bahnstation Feldstraße. Meine linke Hand wandert zu meinem Bauch, während ich in die Bahn einsteige und zum Kiez fahre.

Vorbei an den am Boden Sitzenden mit ihren brennenden Zigaretten und Joints in der Hand gehe ich zu meiner Haustür. Angekommen an meiner Wohnung, taste ich erneut an meinem Bauch entlang und schaue hinter mich, bevor ich das eingebaute Zusatzschloss und das Türschloss öffne.

Plötzlich klingelt mein Smartphone.

»Marco, du Poseidon. Was geht?«, frage ich.

»Sag mal, hast du genügend Bier in deiner Wohnung?«

»Ich habe vielleicht noch drei Dosen im Kühlschrank …«

»Digga, dein Ernst? Ich bin in einer halben Stunde bei dir.«

»Okay, okay. Ich geh noch zu Penny runter.«

»Astra Rakete, bitte. Die Tante-Emma-Kneipe macht sowieso erst später auf. Hast du es jetzt eigentlich gemacht?«

»Ja, die Flüge sind gebucht.«

»Das feiern wir, Digga. Wenn man anderthalb Riesen ausgibt, muss man das einfach mit Alkohol beölen. Bis gleich.«

Ich ziehe mein Shirt aus der Hose und befreie mein Ticket in die Wildnis. Unter dem Wohnzimmerteppich verstecke ich ihn, den Din-A5 großen Umschlag, mit der Aufschrift Reisen für Weltentdecker.

MAI

Ein Teppich aus wasserdichtem Papier liegt auf dem glatten Parkettboden, leicht glänzend, wie eine Schwelle in eine andere Welt. Mit Mühe stolziere ich über die wenigen freigebliebenen Stellen. Acht Wanderkarten, frisch abgeholt von Dr. Götze Land & Karte am Jungfernstieg, haben fast den kompletten Boden in Beschlag genommen. Ein Meer von blau schraffierten Linien, Seen und Formen in Erdtönen.

Der weiße ovale Couchtisch, den ein paar meiner Freunde fliegende Untertasse getauft haben, steht mitten im Wohnzimmer. Auf dem spiegelnden Klavierlack liegen noch der zusammengeklebte Laptop, ein aufgeschlagener Wanderführer und bekritzelte Zettel. Auf ihnen ist das eine Wort durchgestrichen, das andere unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen: Parks Canada anrufen, Aufenthaltserlaubnisse für die Nationalsparks anfordern, Wildnis-Pass bestellen, neues Zelt kaufen (das alte riecht nach Essen), Proviantpakete organisieren, Visum beantragen, Kreditkarte besorgen und so weiter. Mein Blick wandert über die wechselnden Zeilenabstände, die mehrere Buchstaben durchstreichenden Querstriche, zusammenfallende Auf- und Abstriche und die mal geschwungenen, mal kantigen Wörter. Auch auf den anderen Zetteln ist kein Platz mehr für ein weiteres Wort.

Ich schaue langsam über die acht Landkarten von National Geographic und GemTrek. Der sogenannte Crownsnest Pass, der Gebirgspass der Krähennester soll, wie beschlossen, der Start sein. Das ist 7.240 Kilometer entfernt, in einem Gebiet, 238-mal so groß wie Hamburg, fast ohne Zivilisation, aufgegliedert in Nationalparks und sogenannte Backcountry Territorien.

Warum muss in jedem dieser Gebiete ein anderes Recht gelten? Darf man in einem Territorium schlafen, wo man will, so ist es im nächsten strikt verboten. In den Nationalparks wiederum ist es lediglich auf den ausgewiesenen Zeltplätzen, den sogenannten Campgrounds, erlaubt. Warum müssen die Campgrounds ausschließlich an festdatierten Tagen vorabgebucht werden? Bürokratie auch dort, wo nichts ist.

Immer wieder schaue ich über die am Boden liegenden aneinandergereihten Landkarten. Der Gesamtüberblick vom Great Divide Trail im Detail. Inzwischen ist die vierte Tasse Kaffee leer – beim Versuch, sich mit einem Gebiet vertraut zu machen, das so anders ist als das, was ich zuvor gesehen habe. Größer. Wilder. Rauer. Unbändig und geheimnisvoll. Das sagen mir die Informationen, die da liegen. Auch wenn es nur Papier aus Übersee ist mit den Formen der Berge, der Täler und deren beschrifteten Namen, mit denen ich rein gar nichts verbinden kann. Jedenfalls noch nicht.

ABSCHIED

Mitten in der Nacht fährt der dunkelgrüne Opel Astra durch die leeren Straßen. Es ist Samstag, der 12. August. Ein leises Knattern des fast zwanzig Jahre alten Motors ertönt in der Dunkelheit. Am Steuer sitzt mein Vater, der mich bei den Vorbereitungen dieser Wanderung ohne mit der Wimper zu zucken unterstützt hat.

»Und, du Urlauber? Wie hast du geschlafen?«

»Nicht gut. Vielleicht drei Stunden.«

»Kannst ja nachher im Flugzeug schlafen.«

»Hoffentlich klappt alles. Soweit wegzufliegen ist mir suspekt. Erwarten kann man, glaube ich, überhaupt nichts. Und sich darauf verlassen noch weniger.«

»Mach dir nicht so viele Gedanken. Bringt doch nichts. Das wird schon klappen.«

»Ja … Ich muss nur immer an die Nordkalottleden-Tour mit Oscar denken. Weißt du noch? Damals habe ich in Lappland drei Tage auf mein Gepäck gewartet. Das soll sich einfach nicht wiederholen.«

Nur wenige Autos sind auf den Straßen unterwegs. Der Opel saust voran, wie auf einer Milchstraße, die die Verbindung zu einer anderen Galaxie darstellt.

Es stehen bereits mehrere Menschenschlangen im Terminal 2 herum. Ein buntes Treiben wie auf dem Kiez, nur schlagen sich hier die Leute statt mit einem Bier in der Hand mit Rollkoffern durch die Menge.

Umzingelt von den immer mehr werdenden Menschen guckt mich mein Vater mit ernster Miene an. »Ich wünsche dir alles Gute, mein Süßer.«

»Danke, Papa. Mach dir keine Sorgen um mich.«

»Guten Flug.«

Wir umarmen uns. Er klopft mir kräftig auf die Schulter und geht. Nach ein paar Schritten dreht er sich nochmals zu mir um, nickt mir zu und verschwindet zwischen den Menschen.

Während ich mich in die Schlange einordne, sehe ich plötzlich meinen Arzt. »Moin. Schön, Sie hier zu treffen.« »Kennen wir uns?« Seine aufgerissenen Augen kreuzen meinen Blick.

Für den Bruchteil einer Sekunde halte ich inne. Hat er sein Gedächtnis verloren? Alzheimer? »Erkennen Sie mich nicht? Ich bin es. Letztens war ich doch noch in Ihrer Praxis und wir haben darüber gesprochen, wie ich das alles hinbekommen werde.« Ich schaue ihn erwartungsvoll an.

»Ah, das ist mein Bruder.«

»Ach so. Sie sehen genauso aus wie er.«

»Ja, wir sind Zwillingsbrüder. Das ist übrigens meine Frau.«

Die asiatisch aussehende Dame, die neben ihm steht, lächelt mich an, während sich von allen Seiten immer mehr Menschen in die unübersichtliche Schlange einreihen.

»Und wo soll es hingehen?«

»Kanada. Rocky Mountains.«

»Oh, Nordamerika.«

»Und Sie?«

»Ach, wir fliegen nur für ein paar Tage ins Warme zum Entspannen. Nach Spanien.«

»Sehr schön. Dann dauert es ja nicht so lange, bis Sie ankommen.«

»Ja, gewiss. Im Gegensatz zu Ihnen. In Spanien ist es nur momentan sehr trocken. Die haben dort zurzeit große Probleme mit Waldbränden.«

»Das habe ich auch schon in den Nachrichten gehört. Portugal und Spanien sind sehr stark von den Waldbränden betroffen.«

»Hier geht die Schlange weiter.«

»In den Rocky Mountains toben auch seit Wochen Waldbrände.«

»Und dann wollen Sie dahin?«

»Die Kanadier haben die Lage recht gut im Griff. Dort, wo ich wandern werde, ist das Feuer aktuell noch nicht angekommen. Ich bin guter Dinge. Es wird jetzt von Tag zu Tag kälter.«

Beim Blick auf mein Smartphone wird mein Herzschlag schneller. In vierzig Minuten beginnt das Boarding für meinen Flug. Es entwickeln sich hitzige Gespräche in der Schlange, die sich inzwischen mehr als zweihundert Meter durch das Terminal windet. Der letzte Aufruf für einen Flieger hallt durch die Schalterhalle.

»Grüßen Sie bitte Ihren Bruder von mir. Wenn Sie sich nicht mehr an meinen Namen erinnern, dann erzählen Sie ihm, dass ich dieser Verrückte bin, der seit Jahren Langstreckenwanderungen macht. Dann weiß er, welcher Patient ich bin.«

»Alles klar. Ich werde es ihm ausrichten. Guten Flug.« Auch seine nervöse Ehefrau mit den schmalen Augen nickt mir lächelnd entgegen. »Ihnen alles Gute.«

EUROPA, ADE

London Heathrow, Flughafen, England,
13:30 Uhr Ortszeit

»Ich verstehe Sie nicht. Entschuldigung. Können Sie das noch mal wiederholen?«

Der Mitarbeiter am Geldwechselschalter wiederholt den Satz mit seinem britischen Akzent, den ich auch diesmal nur halb verstehe. Ich nicke. Er macht eine Schublade auf und zieht aus mehreren Bündeln ein paar Scheine. Kanadische Dollar. Er zählt sie vor meinen Augen und packt sie in einen Umschlag mit einer Quittung.

»Vielen Dank, Sir.«

Nach ein paar Schritten und der Überprüfung der Quittung kann ich mir vage vorstellen, was der Mitarbeiter am Geldwechselschalter gemeint hat. Es fehlt die Umrechnungstabelle der Währung.

Ich besorge mir am gegenüberliegenden Schnellimbiss den größten Kaffee, den sie anbieten. American Coffee, wie ihn die Engländer nennen. Am Rande der Menschenmengen, die von einem Gate zum nächsten hecheln, nehme ich Platz.

Nochmals rechne ich anhand der Quittung und der kanadischen Scheine die englischen Wechselgebühren nach. Ich seufze. Wäre mein Englisch nur nicht so eingerostet.

GUTEN MORGEN, KANADA

Calgary, Flughafen, Westkanada,
16:10 Uhr Ortszeit, 8:10 Uhr in Deutschland

Der gesamte Gang ist mit Menschen gefüllt. Hunderte Reisende, die dort anstehen. Mein Flug mit Air Canada ist verspätet gelandet. Bald schließt der Laden in der Innenstadt von Calgary, den ich unbedingt noch erreichen möchte.

Wie in Zeitlupe bewegen sich die Menschen vor mir, scheinen wie im Roman Momo von Michael Ende eingefroren zu sein. Ein paar Meter gewonnen, dann stockt der Tross wieder. Der Gang scheint endlos. Vor meinem geistigen Auge sehe ich es passieren: der Laden in der City schließt und der bereits gebuchte und bezahlte Nachtbus ist futsch.

Links im Gang befinden sich mehrere Schalter, aber alle sind geschlossen. Die Schlange taumelt weiter.

Plötzlich bewegen sich einige Leute direkt vor mir in Richtung eines geschlossenen Schalters. Eine Frau mit neongelber Warnweste und einem Funkgerät in der Hand öffnet die Absperrung mit den schwarzen Absperrgurten und der weißen Aufschrift YYC – dem Flughafencode vom International Airport Calgary.

Ich zücke mein Handy und verschicke mit WhatsApp ein Foto der Schlange für international Einreisende. »Hallo«, grüße ich am Schalterpult den rothaarigen Riesen.

Er inspiziert lediglich mein ausgefülltes Einreiseformular und hält meinen aufgeklappten Reisepass hochkant auf Augenhöhe. Mich schneidet ein kühler Blick. Er schaut erneut in meinen Pass und betrachtet wiederum mein Gesicht, als ob er durch mich hindurchsieht. Ein drittes Mal.

Mit scharfer tiefer Stimme sagt er auf Englisch: »Du hast vergessen, diese Kategorie hier auszufüllen …«

»Entschuldigung … Ich verstehe Sie nicht.«

»Ob du verderbliches Essen dabei hast!«

»Mein Englisch ist nicht so gut. Tut mir leid. Also, äh, nein.«

»Wirst du arbeiten? Zum Beispiel auf einer Farm oder dergleichen?«

»Nein.«

»Was willst du denn hier in Kanada?«

»Wandern.«

»Und hier in dieser Spalte«, zeigt er wieder auf das Papier, »wo kommst du die nächsten Nächte unter? Ein Hostel?«

»Diese Nacht geht es bereits mit dem Greyhound-Bus in die Rockies und dann schlaf ich im Zelt in den Bergen. Äh, also, äh, ich habe bereits den Wildnis-Pass und die Parks-Canada-Aufenthaltserlaubnis dabei.«

»Gibt es eine Kontaktperson in Kanada?«

»Ich werde gleich abgeholt. Ansonsten kenne ich hier niemanden.«

»Dann trag hier seinen Namen ein.«

Mit leicht zittriger Hand vervollständige ich die leere Spalte mit dem Kugelschreiber des Grenzbeamten und trage proforma noch die Adresse von Greyhound in Calgary ein.

Nach kurzer Sichtung meiner weiteren Angaben und mehrfach verzogenen Mundwinkeln, legt der breit gebaute Vollbärtige das Einreiseformular beiseite, öffnet meinen Reisepass und haut mit voller Wucht einen Stempel hinein: Immigration Canada 12th August 2017. Mit einem wohlwollenden Lächeln nickt er mir zu.

»Willkommen in Kanada.«

»Ich danke Ihnen, Officer.«

Von allen Seiten strömen Menschen in die nächste Halle. Mir fällt ein Stück Last von den Schultern. Auf den vielen Displays suche ich die Gepäckausgabe meines Fluges. New York, Vancouver, Seattle, Hawaii, Tokyo, Kalifornien, Reykjavik … Wo ist London? Alle paar Sekunden aktualisieren sich die Anzeigetafeln, ein Aufflimmern in allen möglichen Farben.

London Heathrow. Endlich. Im Laufschritt kämpfe ich mich durch die anderen Reisenden mit ihren Rollkoffern, Rucksäcken und sonstigem Kram, der teils gewaltige Ausmaße hat.

Mein Smartphone brummt erneut. Unter meinem verschickten Foto erscheinen Worte.

Ich warte. Status?

Durch die Sicherheitszone. Warte auf Gepäck.

Ok.

»Na, da bist du ja endlich.«

»Moin. Bist du schon zum Kanadier mutiert?«

Wir geben uns die Hand.

»Endlich mal wieder Deutsch sprechen. Das ist total ungewohnt.«

Wir begeben uns schnellen Schrittes zum Ausgang des Flughafenterminals. Das cremegelbe Taxi ist das einzige am Eingang des Flughafens. Die ältere Kanadierin, die mit ihrem Begleiter vor uns am Taxistand steht, nickt mir lächelnd zu.

»Ich danke Ihnen, Madam.«

Wir beiden wohl einzigen Norddeutschen weit und breit, aus Hamburg und Kiel, steigen ins Taxi ein. »Warum hat die Frau uns vorgelassen?«

»Glück gehabt. Ich kenne sie.«

»Woher?«

»Sie saß im Flugzeug neben mir. Wir haben uns lange unterhalten und dabei habe ich ihr erzählt, dass wir in Calgary umgehend zu dem Shop müssen, da er bald schließt.« Ich wende mich an den Taxifahrer. »Ich habe die Adresse für Sie.« Ich fummele mein kleines Notizbüchlein heraus und halte es ihm hin. Der Taxifahrer wirft einen kurzen Blick darauf, startet den Motor und fährt zügig aus dem Eingangsbereich des Flughafens.

Für den Bruchteil einer Sekunde halte ich inne und sinke in den Ledersitz des Fords. Eine Umarmung der Erleichterung. »Ah, endlich hier. Also, nach meinem Zeitgefühl ist jetzt morgens …«

»Es ist Nachmittag. Willkommen in Kanada. Wie war dein Flug?«

»Ganz okay. Habe das Bärenbuch auf meinem Handy nochmal gelesen und zwei Filme geguckt.«

»Ja. Ich hatte auch die Möglichkeit, Filme zu gucken auf meinem Hinflug. Das Flugzeug hatte Verspätung wegen eines technischen Defekts, deswegen wurde der First-Class-Premium-Zugang für das Entertainmentprogramm freigeschaltet.«

»Das ist natürlich geil. Zum Glück ist mein Flieger gerade nur leicht verspätet gelandet.«

»Passt. Wir haben noch eine Stunde.«

»Ein Wunder, dass mein Gepäck angekommen ist.«

»Warum sollte das auch schiefgehen?«

»Ach, ich habe nicht so gute Erfahrungen gemacht. In Gällivare in Schweden habe ich drei Tage auf mein Gepäck gewartet. Das verfolgt mich jetzt natürlich.«

»Verstehe. Na ja, man muss auch mal Glück haben.«

»An der Grenze eben war das es echt wie ein Verhör. Was wollten die bitte alles von mir wissen?«

»Das war bei mir genauso. Die Adresse von meinen Verwandten wollten die haben und noch tausend andere Sachen. Als ich vor ein paar Tagen nach Seattle gereist bin, war das noch viel schlimmer.«

»Das haben sie jetzt davon.«

»Wie jetzt?«

»Na ja, sie haben mich reingelassen. Fahrlässig von ihnen.«

»Sehr witzig.«

»Hallo? Ich bin der allgemeingefährliche Typ vom Hamburger Kiez. Aber Scherz beiseite, ich hatte schon gedacht, dass meine Adresse hier auf dem Index steht. So wie in Deutschland.«

»Ein Spinner bist du.«

Das Taxi nähert sich einer Brücke, die mit ihren schrägen Stahlträgern den einzigen Schatten in der grellen sonnigen Helligkeit spendet. Die Brücke führt über den Bow River Richtung Calgary Downtown. Ein breiter Fluss, der die Stadt in zwei Teile schneidet wie die Elbe in meinem geliebten Hamburg. Ich erblicke auf der anderen Seite hoch emporragende Glasschlösser mit überdimensionalen Werbeplakaten.

»Erinnert mich irgendwie an Frankfurt oder vielmehr stelle ich mir genauso Amerika vor, mit diesen ganzen großen Autos und breiten Straßen. Wie im Hollywood-Film.«

»Oh, vorsichtig.«

»Was meinst du, Hauke?«

»Erwähne niemals gegenüber einem Kanadier, dass irgendwas so ist wie in den Vereinigten Staaten«, lacht er.

»Warum? Es sieht hier halt wirklich so aus …«

»Klar ist das hier alles sehr von den Amerikanern geprägt. Die Grenze ist nicht weit. Nur … na ja, die mögen diesen Vergleich einfach nicht. Die wollen individuell sein gegenüber den Staaten. Ist meine Erfahrung der letzten Tage.«

Hauke ist siebenundzwanzig Jahre alt und hat sich vor über drei Monaten auf meine Anzeige im Internetforum gemeldet. Ursprünglich wollte er dieses Jahr mit seinem Kumpel im Sarek Nationalpark wandern. Dieser ist ihm abgesprungen und mit der Kanadatour hat er eine Alternative gefunden.

Ein Auto nach dem anderen schlängelt sich durch den Mittagsverkehr. Ich blicke auf mein Smartphone und überprüfe die Uhrzeit. Im Schritttempo geht es weiter zur nächsten Ampel, die auf Rot umschaltet. Ein erneuter Blick auf die obere rechte Kante des zerkratzten Displays meines aufleuchtenden Smartphones. Viel Zeit bleibt nicht.

AUSRÜSTEN

Calgary, Downtown West End

Das Taxi biegt rechts ab und hält direkt neben dem Bürgersteig an. Das grüne viereckige Logo mit den drei weißen fetten Buchstaben MEC hängt an dem braunen Gebäude mit seinem grünen kantigen Dach.

»Hallo. Ich möchte gerne Bärenspray kaufen.«

Die Verkäuferin wirft mir einen kurzen Blick zu, während Hauke und ich in dem engen Gang stehen, umgeben von Tausenden Ausrüstungsgegenständen.

Doch ohne Bürokratie geht es nicht: »Hier brauche ich eine Unterschrift von dir. Dieses Dokument ist eine Bestätigung, dass Bärenspray verantwortungsvoll benutzt wird und nur dann eingesetzt wird, wenn es auch wirklich nötig ist. Das Spray gilt im öffentlichen Raum als Waffe und es ist verboten, es gegen Menschen einzusetzen.«

Ich nicke und neige meinen Kopf in Richtung des Glastresens, auf dem der einseitige Bogen liegt. Ich überfliege die Zeilen.

»Hast du Bärenspray schon mal benutzt?«

»Nein, noch nie. Und ich hoffe, das bleibt auch so.«

»Dann zeige ich dir zunächst einmal, wie Bärenspray funktioniert.« Die Verkäuferin holt einen Schlüssel aus ihrer Tasche und schließt den Tresen an der Rückseite auf. Sie holt eine wuchtige Spraydose mit Halterung heraus.

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