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Im Bann der Gefühle

Annie West

Im Bann der Gefühle

1. KAPITEL

Alessandro verschwendete kaum einen Blick an das Werbematerial, das er in den Papierkorb warf. Seine neueste Assistentin hatte noch immer nicht begriffen, was genau ihm vorgelegt werden sollte und wofür er keine Zeit hatte.

Die Textilmanufaktur seiner Unternehmensgruppe belegte einen großen Stand auf der nächsten Handelsmesse, aber darum konnte sich einer seiner Manager kümmern. Es brauchte wohl kaum den Geschäftsführer, um …

Oddio mio!

Das Konterfei einer lächelnden jungen Frau erregte plötzlich doch seine Aufmerksamkeit. Ein kleines Muttermal, dunkel wie ein Schönheitsfleck, lenkte den Blick auf einen weichen, einladenden Mund, dessen Lippen jeder Mann spontan anziehend finden musste.

Das Blut strömte schneller durch Alessandros Adern. Dieses Lächeln, diese Lippen. Es war nicht nur sexuelles Interesse, das seinen Puls in die Höhe trieb, sondern eine Beinahe-Erinnerung, die sich in seinem Unterbewusstsein regte. Und ein süßer Geschmack nach Sommerkirschen, vollmundig und absolut süchtig machend.

Ihm wurde heiß, trotz der sorgfältig eingestellten Klimaanlage in seinem geräumigen Büro. Die Spur einer Emotion hielt den Atem fest in seiner Lunge verschlossen. Mühsam zwang Alessandro sich, dieses Gefühl einfach kommen und wieder gehen zu lassen und es nicht hartnäckig zu analysieren.

Ganz sachte wurde der dichte Schleier, der über diesen fehlenden Monaten von vor zwei Jahren lag, gelüftet. Er teilte sich, erlaubte einen verschwommenen Blick, ein diffuses Gefühl, und fiel wieder zusammen.

Frustriert ballte Alessandro seine Hände zu Fäusten und stützte sich mit den Fingerknöcheln an seinem schweren Glastisch ab. Er spürte keinen Schmerz, nur diese ärgerliche, vertraute Leere in seinem Verstand.

Ausschließlich vor sich selbst gestand er sich seine Hilflosigkeit und Verletzbarkeit ein. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass man ihm versichert hatte, in jenen verlorenen Monaten hätten sich keine außergewöhnlichen Vorkommnisse ereignet. Andere Menschen erinnerten sich an diese Zeit: was sie getan oder gesagt hatten. Nur ihm, Alessandro Mattani, fiel nicht das Geringste mehr ein.

Mit bebendem Atem nahm er die Broschüre genauer in Augenschein. Es war die Werbeanzeige eines Luxushotels in Melbourne. Alessandro wartete ab, doch es wollte sich keine weitere Erkenntnis einstellen. Er war nie in dieser Stadt gewesen.

Jedenfalls nicht, dass er wüsste.

Widerwillen stieg in ihm auf, aber eine emotionale Reaktion würde ihm in diesem Moment nicht weiterhelfen. Auch wenn ihn das Gefühl, etwas Wesentliches versäumt zu haben, manchmal in den Wahnsinn zu treiben drohte.

Wieder betrachtete er den Flyer. Eine Frau, die Empfangsdame des Hotels, begrüßte strahlend ein gut aussehendes Paar, das zum Einchecken an die Rezeption kam. Die Umgebung wirkte opulent bis ins Detail, aber dem schenkte Alessandro keinerlei Aufmerksamkeit. Schließlich war er buchstäblich im Luxus aufgewachsen. Doch die abgebildete Frau … sie erregte definitiv sein Interesse.

Je länger er sie betrachtete, desto stärker bildete sich in seinem Verstand eine diffuse Vorahnung heraus. Sein Blut floss schneller durch die Adern, und die Haut an seinem Nacken kribbelte. Das Gesicht kam ihm unheimlich bekannt vor.

Hatte sie ihn jemals auf diese Weise angelächelt?

Seine Ahnung wurde noch etwas klarer, während er die Gesichtszüge der Fremden musterte. Die dunklen Haare waren zu einem Zopf gebunden und betonten so ein hübsches, aber nicht gerade auffälliges Gesicht. Stupsnase, großzügiger, sinnlicher Mund und, für eine Brünette, überraschend helle Augen.

Sie war nicht übermäßig atemberaubend oder gar exotisch genug, als dass man sich überrascht nach ihr umdrehen würde. Und dennoch hatte sie etwas – das gewisse Etwas! Ein Charisma, das der Fotograf erkannt und für sein Bild geschickt eingefangen hatte.

Mit dem Zeigefinger fuhr er die Linie ihres Kinns entlang, dann über ihre Wange, und schließlich ließ er die Spitze seines Fingers auf ihren vollen Lippen ruhen. Da war es wieder. Ein ungutes Gefühl, das an der nicht vorhandenen Erinnerung zerren wollte. Die Erkenntnis, dass es sich hier gar nicht um eine Fremde handelte.

Alessandros Muskeln spannten sich an, als ihn plötzlich verschiedene Empfindungen überfielen. Die weiche Berührung ihrer Lippen auf seinem Mund. Und der Geschmack nach vollreifen Kirschen – ein unwiderstehlicher Genuss! Wie von einem Phantom spürte Alessandro den Druck unsichtbarer Finger auf seiner Haut, und er hörte im Geiste das unterdrückte Seufzen einer weiblichen Stimme. Pure Ekstase.

Seine Brust hob und senkte sich schwer, während er gegen seine Erregung ankämpfte. Das war doch wohl nicht möglich! Dennoch konfrontierte sein Instinkt ihn mit einer Wahrheit, die sich nicht ignorieren ließ.

Er kannte diese Frau. Er war ihr begegnet, hatte sie in seinen Armen gehalten – und hatte sie geliebt.

Ein besitzergreifendes Gefühl meldete sich in einer entlegenen Ecke seines Verstandes. Stumm und gedankenverloren betrachtete Alessandro diese Frau vom anderen Ende der Erde. Wenn er nicht in Melbourne gewesen war, hatte sie dann vielleicht ihrerseits eine Reise in die Lombardei unternommen?

Der Frust über die verlorenen Monate seines Lebens gewann in Alessandros Herz wieder die Oberhand. Vielleicht hielt diese geheimnisvolle Person den Schlüssel zu seiner Erinnerung in den Händen. Konnte sie dabei helfen, das Loch in seiner Seele wieder zu schließen? Seine frühere Zufriedenheit herstellen und den Terror beenden, den er empfand, weil ihm ein Teil von sich selbst fehlte?

Alessandro griff zum Telefon. Er würde sich Antworten beschaffen. Koste es, was es wolle.

„Danke, Sarah, du bist echt eine Lebensretterin!“ Carys war erleichtert. Heute ging wirklich alles schief, was nur schiefgehen konnte. Wenigstens war nun eine Sache, die wichtigste, geregelt.

„Keine Sorge“, beruhigte ihre Nachbarin und Babysitterin sie. „Leo wird es hier an nichts fehlen.“

Carys wusste, dass Sarah recht behalten würde, trotzdem hatte sie ein furchtbar schlechtes Gewissen. Als sie den Job im Landford Hotel annahm, war dies mit der Erwartung verbunden gewesen, grundsätzlich zu einer zivilen Zeit nach Hause kommen zu können. Früh genug, damit sie sich um ihren Sohn kümmern konnte.

Vor allen Dingen, weil Leo außer ihr doch niemanden hatte.

Diese Tatsache versetzte ihr wie immer einen schmerzhaften Stich. Selbst nach all dieser Zeit schaffte Carys es nicht, das erdrückende Bedauern abzuschütteln. Andererseits durfte sie nicht in Selbstmitleid versinken. Früher einmal war sie einem Traum hinterhergejagt, aber das war lange vorbei. Inzwischen hatte sie begriffen, wie grausam und zerbrechlich dieser Traum gewesen war.

„Carys? Was ist denn eigentlich los?“

„Nichts.“ Hastig zwang sie sich zu einem Lächeln, da sie wusste, wie genau Sarah die Stimmung ihrer Freundin auch durch die Telefonleitung heraushören konnte. „Ich schulde dir etwas.“

„Ganz sicher sogar. Du kannst nächste Woche für uns als Kindermädchen einspringen. Wir würden gern einen Abend in der Stadt feiern gehen, falls du dich um Ashleigh kümmerst.“

„Abgemacht.“ Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Die Zeit drängte, bevor die nächste Krise ausbrach. „Vergiss nicht, Leo einen Gute-Nacht-Kuss von mir zu geben!“

Es bedrückte Carys, heute nicht mit ihrem Sohn Abendbrot zu essen und ihn nicht selbst ins Bett bringen zu können. Immerhin war er in guten Händen, und sie selbst sollte sich glücklich schätzen, einen Job zu haben, der ihr normalerweise viel Zeit mit ihrem Kind ermöglichte. Das Management des Hotels erlaubte ihr aus Überzeugung, familienfreundliche Arbeitszeiten einzuhalten.

Der heutige Tag war eine Ausnahme. Die Grippe, die im Personalstamm des Hotels grassierte, hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt zuschlagen können. Mehr als ein Drittel der Angestellten hatten sich inzwischen krankgemeldet, und ausgerechnet jetzt waren diverse Großveranstaltungen geplant.

Daher musste Carys einspringen, obwohl sie bereits einen vollen Arbeitstag mit Zusatzschicht hinter sich hatte. Vor einer Stunde war David, der stellvertretende Veranstaltungsmanager, mit Fieber zusammengebrochen, und so musste Carys auch noch ihn vertreten.

In ihrem Magen rumorte es. Dies war eine einmalige Gelegenheit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und David zu beweisen, dass sein Vertrauen in sie gerechtfertigt war. Immerhin hatte er sie trotz fehlender Referenzen und unvollständiger Qualifikation eingestellt und war ihr stets ein guter Freund sowie ein hervorragender Mentor gewesen. Carys verdankte ihm nicht nur ihre berufliche Position, sondern auch ihr neu gewonnenes Selbstvertrauen. An dieser Eigenschaft arbeitete sie mühsam und unentwegt, seit sie nach Melbourne gekommen war.

„Ich weiß noch nicht, wann ich wieder zurück bin, Sarah. Wahrscheinlich erst in den frühen Morgenstunden.“ Wie sie nach Hause kommen sollte, darüber wollte Carys sich im Augenblick lieber keine Gedanken machen. Öffentliche Verkehrsmittel fuhren zu dieser Zeit nicht mehr, und ein Taxi war viel zu teuer. „Ich komme dann so zur Frühstückszeit zu euch rüber, wenn das in Ordnung ist?“

„Völlig, Carys, mach dir keine Sorgen! Komm einfach irgendwann vorbei!“

Nachdem Carys aufgelegt hatte, massierte sie sich mit beiden Händen die Schultern und dehnte ihren Nacken. Sie hatte heute schon etliche Stunden am Computer und am Telefon gesessen, die Anstrengung machte sich nun bemerkbar. Ihr ganzer Körper schmerzte, und die Buchstaben und Zahlen auf dem Bildschirm tanzten wie kleine Insekten vor ihren Augen hin und her.

Energisch kniff Carys sich in den Nasenrücken und schloss die Augen. Ihre Arbeit zu erledigen, würde an diesem Tag das Ergebnis außergewöhnlicher Disziplin und Entschlossenheit werden, soviel war sicher!

Seufzend griff sie nach ihrer Lesebrille und wandte sich dann wieder ihrer Aufgabe zu. Erst danach konnte sie sich endlich den letzten Vorbereitungen für den heute geplanten Maskenball widmen.

Carys stand in einer Ecke des Ballsaals nahe der Tür zum Küchenbereich und lauschte dem Oberkellner, der sie im Flüsterton organisatorisch auf den neuesten Stand brachte. In der Küche herrschte wegen der grippebedingten Unterbesetzung das reinste Chaos. Für die ausgefallenen Servicekräfte konnten auf die Schnelle nur zwei Ersatzkellner engagiert werden, und auch die Köche befanden sich ohne Zuarbeiter in Bedrängnis.

Zum Glück war den Gästen bisher nicht aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Das Landford rühmte sich selbst für einen außergewöhnlich guten Service, und alle Angestellten übertrafen sich selbst, um diesem exzellenten Ruf gerecht zu werden.

Der elegante Saal war ganz in Schwarz und Gold dekoriert. Antike Kronleuchter warfen ein warmes Licht auf die höchst exklusive Festgesellschaft. Überall teures Parfum, Gewächshausblumen und jede Menge Geld. Stars, Schauspieler, Designer, Großunternehmer … alles, was die australische High Society zu bieten hatte, war hier versammelt, zusammen mit vielen internationalen Prominenten.

Und sie alle obliegen meiner Verantwortung, dachte Carys mit klopfendem Herzen. Mühsam konzentrierte sie sich auf die Worte des Oberkellners. Dieser Abend musste um jeden Preis ein Erfolg werden. Es stand so viel auf dem Spiel!

„Gut. Ich werde sehen, ob uns noch jemand aus dem Restaurantbereich unterstützen kann.“ Mit einem freundlichen Kopfnicken entließ sie den Mann und drehte sich zu dem Haustelefon um, das hinter ihr an der Wand befestigt war. Gerade als sie die Kurzwahl des Restaurants eingab, erstarrte Carys plötzlich.

Ein Prickeln jagte ihre Wirbelsäule entlang und legte sich wie ein eiserner Ring um ihren Nacken. Mit einem Mal fühlte sie sich splitternackt, obwohl ihr blaues, konservativ geschnittenes Kostüm einen verhältnismäßig langen Rock aufwies und ihre Strumpfhose beinahe blickdicht war.

Mit steifen, zitternden Fingern hängte sie den Hörer zurück auf die Gabel und wandte sich dann auf dem Absatz um. Ganz langsam ließ sie ihren Blick suchend über die bunte, unübersichtliche Menge gleiten. Hotelmitarbeiter flanierten geschickt durch die kleinen Grüppchen, die sich teilweise auftaten und wieder zusammenflossen, und boten Kanapees und Getränke an.

Die meisten Gäste trugen teure, handgearbeitete Masken und waren damit beschäftigt, Kontakte zu knüpfen oder sich und ihr Kostüm einfach stolz zu präsentieren. Ihnen würde niemand auffallen, der nicht in ihre ausgesuchten Kreise gehörte.

Das passte Carys gut, denn sie hatte es nicht gerade auf eine eigene Rolle in diesem märchenhaften Spektakel abgesehen. Nicht, seit sie ihre Fantasien vom ritterlichen Prinzen begraben musste!

Mit brennend roten Wangen sah sie sich um und hatte das Gefühl, etwas Vertrautes und Aufregendes würde irgendwo in der Nähe auf sie lauern.

Carys schloss die Augen und versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. Das alles lag in der Vergangenheit, und so sollte es auch bleiben. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Erschöpfung ihr jetzt einen Streich spielte. Immerhin hatte sie hier einen wichtigen Job zu erledigen, zahlreiche Menschen verließen sich allein auf sie.

Quer durch den riesigen Raum beobachtete er sie.

Mit den Händen hielt er die Lehne eines Stuhls fest umklammert, und das Blut rauschte in seinen Ohren. Der Schock des Wiedersehens war so groß, dass Alessandro für einen Moment die Lider schließen musste, um die Kontrolle über sich zu behalten. Sonst wäre er womöglich ohnmächtig zu Boden gegangen.

Sie war es. Nicht nur die Frau aus der Broschüre, sondern auch die, an die er sich mit jeder Faser seines Körpers erinnerte. Ein Bild tauchte vor seinem inneren Auge auf: wie sie sich mit durchgedrücktem Rücken und unregelmäßigen Schritten von ihm entfernte. Mit einem Koffer in der Hand, ein Taxi wartete auf sie, und im nächsten Augenblick verstaute der Fahrer ihr Gepäck im Wagen.

Ein letzter visueller Eindruck: Kies spritzte auf, als das Taxi die Einfahrt seines Anwesens am Comer See hinunterbrauste. Und die Erinnerung an sein inneres emotionales Chaos – Wut, Erleichterung, Enttäuschung, Fassungslosigkeit.

Und Schmerz. Unerträglicher Trennungsschmerz.

Nur einmal in seinem Leben hatte Alessandro derart starke Empfindungen verspürt. Als Fünfjähriger, nachdem seine Mutter ihn für immer verließ, um mit ihrem Liebhaber ein Leben in Saus und Braus zu führen.

Energisch schüttelte Alessandro den Kopf und vertrieb gleichzeitig seine trüben Gedanken, doch die verbitterte Stimmung klang in seiner Brust nach. Madonna mia! Er fühlte sich verletzt und tief getroffen. Wer war diese Frau, dass sie solche Gefühle in ihm wachrufen konnte?

Ärger und Ungeduld trieben Alessandro schließlich voran. Das Warten war vorbei, heute Abend würde er seine lang ersehnten Antworten erhalten.

Heimlich schlüpfte Carys aus einem ihrer Schuhe und bewegte ihre Zehen. Bald würde dieser Ball vorüber sein, aber dann musste sie die Aufräumarbeiten überwachen und die Modenschau für den nächsten Tag vorbereiten.

Sie unterdrückte ein Gähnen und zuckte zusammen, als sich plötzlich eine warme, große Männerhand um ihre Hand legte. Sofort setzte Carys ein professionelles Lächeln auf und wollte sich zu dem Gast umdrehen, der die Grenzen überschritten hatte, indem er sie berührte. Inständig hoffte sie, dass er nicht betrunken war und ihren Worten bedingungslos Folge leisten würde.

Doch das Lächeln starb auf ihren Lippen. Er trug noch seine Maske, und das Haar war sehr kurz geschnitten. Aber seine blitzenden Augen schienen direkt in ihre Seele zu blicken. Außerdem streifte Carys der Duft seines Rasierwassers, den sie nie mehr vergessen hatte.

Aber er konnte es doch unmöglich sein.

Ihr fiel eine Narbe über seiner Augenbraue auf. Der Mann von damals war so bildschön wie ein junger römischer Gott gewesen. Keine Narben, und auch kein so blasser Teint …

Und dennoch …

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie und richtete sich auf. Ihre Stimme klang heiser, und daher konnte man den Satz fast als sinnliche Einladung auffassen. Hastig räusperte Carys sich. „Ich glaube, Sie verwechseln mich mit jemandem.“

Sie wollte dem Mann ihre Hand entziehen, doch sein Griff wurde nur fester, und mit einer leichten Bewegung zog er Carys ein Stück nach vorn. Beinahe wäre sie gestolpert. Erwartungsvoll hob sie ihr Kinn, sah ihrem Gegenüber fest in die Augen und wartete darauf, dass dieser sein Schweigen brach.

Doch er starrte sie nur stumm an und hielt ihre Hand umklammert.

Allmählich meldeten sich bei Carys die Alarmglocken, und ihr Instinkt diktierte ihr, sich so schnell wie möglich aus dieser Gefahrenzone zu befreien. „Sie müssen mich loslassen!“, verlangte sie und wurde dieses Mal etwas lauter.

Er legte den Kopf schief, und im nächsten Augenblick wurde Carys von hinten angerempelt. Sie prallte gegen seine breite Männerbrust und achtete nicht mehr auf die gemurmelte Entschuldigung, die ein Gast links von ihr über die Schulter warf. Stattdessen fühlte sie sich plötzlich wie im Rausch. Alles an diesem Mann war so vertraut, und mehr noch: Er war wie die Antwort auf ihre geheimsten Sehnsüchte. Seine Größe, seine Stärke, sein Duft, die Arme, die Hände, das Haar und die Lippen … all das hatte ihr so sehr gefehlt, und nun schien es zum Greifen nah. Er war zum Greifen nah! Aber war das die Wirklichkeit?

Seine Hand spreizte sich besitzergreifend über ihren Po, und Carys durchfuhr ein heißes Zucken. Unbewusst drängte sie sich an den Mann heran, während gleichzeitig alles in ihrem Kopf danach schrie, sofort zu fliehen.

Verzweifelt mobilisierte sie ihre letzten Kräfte und befreite sich aus der Umarmung. Mit zitternden Knien machte sie zuerst einen, dann zwei Schritte rückwärts, aber der Mann mit der Maske betrachtete sie nur mit einem rätselhaften Blick.

Carys’ Hals zog sich vor Panik zusammen, und obwohl sie etwas sagen wollte, brachte sie keinen Ton heraus. Dann wirbelte sie auf dem Absatz herum und drängte sich zwischen den Gästen hindurch bis zum Ausgang.

Müde steckte Carys sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Der letzte Gast war endlich gegangen, das Hotelpersonal rückte im Saal die Möbel wieder an ihren richtigen Platz und reinigte den Parkettboden.

Das ratternde Geräusch des Haustelefons schreckte Carys aus ihren Gedanken auf. Ständig spukte ihr dieser geheimnisvolle Fremde im Kopf herum, der ihr gleichzeitig so unfassbar bekannt vorkam.

„Hallo?“

„Carys? Gut, dass ich Sie noch erwische.“ Sie erkannte die Stimme des neuen Portiers, der für die Nachtschichten eingeteilt worden war. „Da ist ein dringender Anruf für Sie. Ich stelle mal durch.“

Dringender Anruf. Diese Worte genügten, um ihr einen Schock zu versetzen und alles andere zu relativieren. Ging es etwa um Leo? War ihm etwas passiert? War er krank, oder hatte er vielleicht sogar einen Unfall?

Atemlos wartete sie auf das Klicken, das ihr die Verbindung zum Anrufer signalisierte. Doch dann hörte sie nichts, außer einer abwartenden Stille.

„Sarah? Was ist los? Was ist passiert?“

Es kam keine Antwort, nur das Echo ihres eigenen angestrengten Atems.

Dann vernahm sie eine Stimme, die sich für ihre Sinne wie dunkler Samt anfühlte.

„Carys.“

Nur ein einziges Wort, und jedes Härchen an ihrem Körper richtete sich auf. Dieser Bariton hatte sie in ihren Träumen verfolgt. Er besaß die Macht, ihre Stimmung zu lenken, sie innerlich zu erhitzen und ihren Verstand zu benebeln.

Carys’ Beine gaben nach, und sie stützte sich gegen einen der Tische, die man an die Wand geschoben hatte. Mit einer Hand griff sie sich schützend an den Hals. Das konnte doch nicht sein! Trocken und schwer klebte ihre Zunge im Mund und machte das Sprechen unmöglich.

„Wir müssen reden“, sagte die tiefe Stimme aus ihrer Vergangenheit. „Jetzt gleich.“

2. KAPITEL

„Wer ist da?“, krächzte Carys und konnte noch immer nicht fassen, wie grausam das Schicksal mit ihr umsprang. Dabei hatte sie doch endlich den Entschluss gefasst, diesem Mann niemals wieder gegenübertreten zu wollen.

Irgendein destruktiver Teil ihres Verstands sendete aufregende und erwartungsvolle Impulse an ihr Gehirn, die Carys allerdings tunlichst zu ignorieren versuchte. Früher hatte sie sich gewünscht, er würde noch einmal Kontakt zu ihr aufnehmen, ihr nachreisen und sich bei ihr entschuldigen. Ihr sagen, dass er sich geirrt hatte, dass er sie … Nein, inzwischen glaubte sie nicht mehr an solche Träumereien.

Was will er jetzt bloß von mir?, überlegte sie fieberhaft, und ihre Hand legte sich wie eine Klaue fester um ihren eigenen Hals.

„Du weißt, wer ich bin, Carys.“ Allein wie er mit diesem sexy italienischen Akzent ihren Namen betonte, machte sie schwach. Eine gesprochene Liebkosung, die bedeutungsvolle Erinnerungen wachrief.

Es war ihm schon immer gelungen, ihre Selbstkontrolle mühelos auszuschalten. Er hatte sie sogar so eit gebracht, alles aufzugeben, worauf sie in ihrem Leben hingearbeitet hatte, nur, um mit ihm zusammen zu sein. Idiotin!

Aber war das wirklich er am Telefon? Er wäre ihr nie nach Australien gefolgt. Das hatte er deutlich klargestellt, als sie ihn mit eingezogenem Schwanz verließ.

Werde ich allmählich verrückt?, fragte Carys sich im Stillen. Habe ich mir die Begegnung mit dem maskierten Fremden nur eingebildet?

„Gib nicht vor, mich nicht zu kennen, Carys“, brummte die Stimme. „Uns bleibt keine Zeit für kindische Spielchen. Ich bin Alessandro Mattani.“

Das Schweigen zog sich in die Länge, und Carys umklammerte den Hörer. Sie war heilfroh, dass sie bereits eine Stütze gefunden hatte, sonst wäre sie vermutlich zu Boden geglitten.

„Alessandro.“

„Mattani. Du wirst dich sicherlich an meinen Namen erinnern.“

Es gab eine Zeit, da habe ich gedacht, ich würde ihn selbst einmal annehmen, antwortete sie im Stillen.

Unbewusst presste sie sich eine Hand auf den Mund, um zu verhindern, dass sie in hysterisches Gelächter ausbrach. Der Raum um sie herum fing an, sich zu drehen, und vor ihren Augen tanzten schwarze Punkte hin und her.

Ein Klappern brachte Carys wieder zur Besinnung, und ihr verwirrter Blick fiel nach unten. Der Hörer war ihr aus der schweißnassen Hand gerutscht.

Alessandro Mattani. Der Mann, den sie geliebt und der ihr brutal das Herz gebrochen hatte.

Carys zuckte heftig zusammen, als sich die letzten beiden Aufräumkräfte fröhlich von ihr verabschiedeten. Zaghaft winkte sie zurück und brachte dann mit zitternden Fingern den Telefonhörer zurück an ihr Ohr.

„Carys?“, brüllte eine viel zu laute Stimme.

„Ich bin dran.“

Ein ungeduldiges Schnaufen. „Keine Spielchen mehr! Ich will mich mit dir treffen.“

Pech für ihn, denn Carys war über den Punkt hinaus, an dem sie sich dafür interessierte, was Alessandro Mattani wollte!

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