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Im Bann der Dämonin

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Stephanie Chong arbeitete als Anwältin, bevor sie in Oxford Kreatives Schreiben studiert und ihren Traumjob entdeckt hat: Schriftstellerin. Wenn sie nicht schreibt, macht sie Yoga, reist oder ist in der Natur unterwegs. Sie lebt in Vancouver, zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Mops Dexter.

Stephanie Chong

Im Bann der Dämonin

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Gisela Schmitt

Für Valerie Gray,
la miglior fabbra.

War es Vision? Ein Traum und ich doch wach?
JOHN KEATS, „Ode an eine Nachtigall“ (1819)

PROLOG

Chiesa del Santissimo Redentore

Gegenwart

Wer wird es sein?

Im schmucklosen marmornen Innenraum der Renaissancekirche stand Luciana Rossetti und betrachtete die Eröffnungszeremonie eines Festes, das sie verabscheute. Dämmriges Licht drang durch die hohen Fenster und beleuchtete schwach das Bronzekruzifix, das hoch über dem Altar hing. Um Punkt neunzehn Uhr begannen die Priester ihre feierliche Prozession durch das Kirchenschiff.

Ja, so ein Priester wäre eine wunderbare Opfergabe, schoss es Luciana amüsiert durch den Kopf und sie stellte sich vor, wie scharlachrote Blutflecke die prachtvollen creme- und goldfarbenen Ornate befleckten.

Oder lieber etwas Einfacheres? Jemand aus der staunenden Menge von Gottesdienstbesuchern und Touristen?

Im Grunde war es ihr egal. Sie hasste sie alle.

Außerdem endeten alle Menschen irgendwann gleich. Tot und begraben.

Ihr idiotischen Sterblichen. Ihr habt ja keine Ahnung, was das Jenseits wirklich für euch bereithält. Wenn ihr das wüsstet, würden die meisten von euch augenblicklich schreiend aus der geliebten Basilika des Erlösers rennen. Ein Lächeln umspielte Lucianas Mundwinkel, während sie darüber nachdachte.

Ein einzelnes Tröpfchen Schweiß lief zwischen ihren perfekt geformten Brüsten herunter und rann ins Mieder ihres Seidenkleids. Sie schloss für einen Moment die blassgrünen Augen vor dem Sonnenlicht, das ihr Gesicht wärmte. Anders als diese Herde von Idioten war sie nicht hier, weil sie das Erlöserfest feiern wollte.

Nein, sie hatte eine vollkommen andere, eine böse Absicht: Dem Herrscher der Finsternis die Ehre erweisen.

Luciana Rossetti war hier, da sie sich auf der Jagd befand.

Sie würde sich aus der Masse der Gläubigen, die sich an diesem heißen Juli-Wochenende hier versammelt hatten, ihr Opfer wählen. Ein einzelnes Opfer, das sie eintauschen würde gegen gewisse Privilegien und Freiheiten, die ihr dafür in der Welt der Dämonen garantiert wurden. Es war eine Opfergabe für den Herrn der Finsternis.

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Seele um Seele.

Von der Kanzel herab dröhnten die Worte des Geistlichen. Erlösung. Rettung. Darum ging es.

„Wir danken unserem Herrn Jesus Christus für die Erlösung, die er Venedig zuteilwerden ließ, als er die aller durchlauchteste Republik 1577 von der Pest befreite. Aus Dankbarkeit haben damals die Bürger Venedigs diese Kirche gestiftet.“

Das mit der Erlösung, überlegte Luciana, ist eine seltsame Angelegenheit.

Fünfzigtausend Menschen hatte die Pest damals dahingerafft. Ein Drittel der Bevölkerung war ausgelöscht worden, ihre Leichname in Massengräbern bestattet. Ein halbes Jahrhundert später kehrte die Pest jedoch nach Venedig zurück, um sich diesmal achtzigtausend Seelen zu greifen. Doch davon erwähnte der brave Priester nichts. Aber was konnte man auch schon von einem Mann erwarten, der einen mittelalterlichen Kopfschmuck trug und mit all seinen Ritualen offensichtlich viele Hundert Jahre in der Vergangenheit verhaftet war.

Wenn das die Erlösung sein soll, wähle ich auf jeden Fall die Alternative. Darüber musste Luciana nicht lange nachdenken.

Hinter ihr murmelte und brummelte jemand mit leiser Stimme unzufrieden vor sich hin, allerdings war es unmöglich, irgendein Wort zu verstehen. Luciana wandte sich um und bemerkte eine alte Frau in der Bank hinter ihr. Als die Alte Lucianas Gesicht erblickte, erstarrte sie, und im selben Moment durchbrach ihr plötzliches Geschrei die Stille und schreckte die andächtig lauschende Menge auf.

„Demonessa!“, schrie die Frau und zeigte mit dem Finger auf Luciana. „Una demonessa nella casa di Dio!“

Eine Dämonin im Haus Gottes.

Jeder Einzelne der Besucher schien zu erstarren und drehte sich nun zu der verrückten alten nonna um, die gar nicht mehr aufhören wollte zu zetern. Unter ihren prüfenden Blicken setzte Luciana ein frommes Lächeln auf und versuchte, rein und unschuldig wie ein Täubchen zu wirken. Sie hatte einen Platz ganz außen in der Kirchenbank gewählt, jederzeit bereit, die Flucht zu ergreifen. Doch das war hoffentlich nicht nötig.

Die Menschen erkannten sie so gut wie nie.

Nur ganz selten. Sehr selten.

„Mamma! Basta!“, fuhr ihr Sohn die Alte an, ein kahl werdender Mann um die fünfzig, der vor Scham errötete, während er seine Mutter zurechtwies. Er flüsterte eine an die Gemeinde gerichtete Entschuldigung, in der er etwas von Alzheimer und vergessenen Medikamenten murmelte. Dann zerrte er die alte Frau mit sich durch den Mittelgang nach draußen, unterdessen spuckte sie fortwährend um sich und stieß Schreie aus.

Um sich herum hörte Luciana bedauerndes Gemurmel, Wortfetzen wie „strega pazza … strana vecchia“. Verrückte alte Hexe.

Gesù Cristo, fluchte die Dämonin im Stillen. Menschen. Wie erbärmlich.

Nach außen hin lächelte sie schulterzuckend.

Die Zeremonie ging weiter. Nachdem die endlosen, langweiligen Rituale endlich beendet waren, schritten die Priester durch den Mittelgang an den Gläubigen vorbei nach draußen. Einige von ihnen betrachteten Luciana, neugierig, die die Ursache des Tumults gewesen war. Sie schenkte jedem ihr frommstes Lächeln. Doch tatsächlich landeten die meisten Blicke der Herren tiefer, auf ihrem prallen Dekolleté.

Auch die Männer Gottes sind eben nur Männer, das hatte sie schon immer gewusst.

Die Menge der Kirchenbesucher zerstreute sich allmählich, strömte hinaus in den frühen Abend. Zum Picknick und zu den Feierlichkeiten, zu den mit Blumengirlanden, Ballons und Papierlaternen geschmückten Booten. Zu Musik und Tanz und, sobald die Sonne untergegangen war, zum Feuerwerk.

Luciana verweilte noch ein wenig in dem Gotteshaus. Dann schlenderte sie auf eine der Seitenkapellen zu, kniete sich zum vorgetäuschten Gebet auf den kühlen Marmorboden und schaute flüchtig auf die wenigen Gläubigen, die sich noch in der Kirche aufhielten.

Wer wird es dieses Jahr sein?

Wer von ihnen wird der Auserwählte sein?

Heute hatte sie das Verlangen nach einem gut aussehenden jungen Mann. Einem Mann, dessen Leben sie für eine einzige, spektakuläre Nacht verändern würde. Dessen geheimste Fantasien und wildesten Träume sie in dieser Nacht wahr werden ließ. Einem Mann, der mit ihr das Spiel der Verführung spielen würde. Einem Mann, dessen Leben vor Sonnenaufgang sein Ende finden würde.

Sie drehte sich um und entdeckte ihn, und seine Erscheinung raubte ihr den Atem.

Chi è? Sie musste sich bremsen, damit sie es nicht laut sagte: Wer ist denn das?

Groß, dunkelhaarig, attraktiv.

Ja. Aber noch etwas anderes, viel Wichtigeres machte ihn aus.

Gefährlich. Wild. Wütend. Das war es, was ihr als Erstes an ihm auffiel.

Er war schöner als eine Michelangelo-Statue. Seine muskulösen, sonnengebräunten Arme waren mit Tattoos bedeckt. Kurz geschorenes, dunkles Haar wie ein Soldat. Rasiert, doch nicht aus ästhetischen, sondern aus rein praktischen Gründen, so glaubte sie zumindest. Ein konzentrierter und stechender Blick aus hellgrauen Augen. Dieselbe Farbe hatte der Regen. Diesen Mann umgab die Aura eines rastlosen Ozeans. Sein Aussehen bildete das krasse Gegenteil zu dem der herausgeputzten mammoni, der italienischen Muttersöhnchen, von denen Venedig voll zu sein schien.

Er war schön. Nicht einfach nur ein hübscher Junge.

Sein muskulöser Körperbau und seine selbstbewusste Haltung deuteten darauf hin, dass er nicht von hier stammte.

Kein Venezianer. Kein Italiener. Kein Europäer.

Kein Mensch.

Der Gedanke erschreckte sie. Sie wusste nicht, wieso.

Über ihr flatterte ein Vogel durch die Kirchenkuppel. Sein schneller Flügelschlag, sein zwitscherndes Tremolo verloren sich im Raum. Die Touristen reckten die Hälse und deuteten nach oben. Auch Luciana schaute nach oben. Es war nur eine Taube, eine dieser widerlichen Flugratten, die Venedig seit Jahrhunderten verpesteten.

Doch der Lärm des Vogels löste plötzlich Zweifel in ihr aus.

Denn das Geräusch von schlagenden Flügeln war oft ein Vorbote anderer geflügelter Belästigungen.

Das Gesicht des Mannes war schöner als das jedes Sterblichen, den sie je gesehen hatte. Sie schloss die Augen und richtete ihre Energie direkt auf ihn. Und wartete auf ein Zeichen. Auf das tiefe Wissen. Auf das Gefühl von Macht, unsterblich und außergewöhnlich, das von allen göttlichen Wesen ausging.

Und jetzt spürte sie die auflodernde Energie. Keine bloße intuitive Empfindung war das, sondern eine spürbare, geballte Energieladung erfasste sie und ließ sie nach hinten taumeln. Es warf sie beinahe um.

Er war ein Engel.

In diesem Moment rauschte ein ganzer Schwarm Tauben durch die geöffneten Kirchentüren ins Innere. Sie schraubten sich in die Höhe, schwangen sich zu dem bisher einsamen Vogel in der Kuppel auf, und schnell erfüllte ihr dutzendfaches Gurren und lautes Flügelschlagen den Raum.

Der Lärm der Tauben und die Stimmen der Touristen vermischten sich zu einer Kakophonie. Ausrufe auf Italienisch, Englisch, Deutsch, Japanisch und einem Dutzend anderer Sprachen erklangen, und alle Leute deuteten und starrten auf die in der Höhe kreisenden Vögel. Das donnernde Flattern der vielen Flügel und das menschliche Stimmengewirr vereinigten sich allmählich zu einem Summen, das erst leiser wurde und schließlich ganz verstummte.

Wenigstens für Luciana.

Denn sie achtete nur noch auf ihn. Der erste Mann und die erste Frau, die sich in einem wilden Paradiesgarten trafen. Oder der letzte Mann und die letzte Frau auf der Welt, die sich am Ende der Zeiten auf einer vertrockneten Ebene gegenüberstanden.

Engel und Dämon.

Eingeschworene Feinde.

Sie standen in der Seitenkapelle. Sie starrten sich an. Sein Blick hielt ihrem stand. In diesem Moment zogen ganze Jahrhunderte vor Lucianas innerem Auge vorbei. Sie kam sich vor, als wäre sie soeben neu geboren, ganz allein durch die Anwesenheit dieses Mannes.

Der in das Innerste ihrer Seele hineinzuschauen schien. So wie sie in seine.

Einen Moment lang vergaß sie ihre Jagdgelüste. Vergaß die Rachegefühle und den Wunsch, die gesamte Kompanie der Engel auszulöschen. Sie konnte nichts mehr denken, kannte nur noch diesen Augenblick, wie sie in der stillen Kapelle stand, die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf ihrem Gesicht.

Mit ihm.

Wäre er ein Mensch, hätte sie ihn seinem kostbaren Erlöser überlassen. Dann hätte sie ihm gestattet, die Kirche zu verlassen, sich mit den Venezianern in die Feierlichkeiten zu stürzen und sich an der Stadt zu erfreuen. Sie hätte ihm gestattet, sich das Feuerwerk anzusehen, billigen Prosecco zu trinken und am nächsten Morgen wieder abzureisen.

Sie hätte ihm gestattet, weiterzuleben.

Doch diese Gedanken verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Das Gekreisch der Vögel und das Gemurmel der Menschenmassen wuchsen wieder zu einem ohrenbetäubenden Lärm an. Die Leute schubsten sich und drängelten aneinander vorbei, um dem Chaos zu entfliehen. Luciana kehrte in die harsche Realität zurück, zurück zu der Erkenntnis, dass sie sich in einer viel zu heißen Kirche befand, die sie so sehr verabscheute.

Und jetzt wusste sie auch wieder, wie sehr sie diesen Mann hasste und alle seiner Art.

Sie würde ihn zerstören. Sie musste ihn zerstören. Nie zuvor hatte sie einen Engel geopfert.

Wie konnte sie Satan besser die Ehre erweisen? Ja, dieser Mann gab ein prächtiges Opfer ab. Luciana verzog die Lippen zu ihrem typischen Lächeln – ein Lächeln, das sie über viele Jahrhunderte geübt hatte und das einem Mann wilde Lust versprach, ganz ohne Worte. Dieses Lächeln schenkte sie dem Unbekannten durch den Schauer von grauen Federn hindurch, der auf sie herabregnete.

Vergiss die Erlösung. Möge die Jagd beginnen!

1. KAPITEL

Ein Tag zuvor

Willkommen zu Hause, baronessa.“

Luciana Rossettis Privatboot wartete schon am Dock des Marco-Polo-Flughafens, und ihr Chauffeur half ihr beim Heruntersteigen vom Steg in das glänzende Mahagoni-Boot. Das Wasser glitzerte im Licht der Morgensonne, die die Lagune erstrahlen ließ. „Danke, Massimo. Es ist schön, wieder daheim zu sein.“

„Kein Gepäck, signora?“

„Ich bin etwas überstürzt aus den Staaten abgereist.“ Luciana nahm auf einem Sessel im hinteren Teil des Bootes Platz. Sie lehnte sich in die hellbraunen Lederpolster. Endlich konnte sie sich entspannen. Sie atmete tief ein und stieß die Luft mit einem Seufzer der Erleichterung wieder aus.

Überstürzte Abreise war etwas untertrieben. Gerade noch entkommen traf es eher.

Doch im Moment fehlten ihr die richtigen Worte. Mit Worten allein ließ sich kaum ausdrücken, was ihr in den vergangenen drei Monaten widerfahren war. Und ihr fehlte einfach die Energie, Massimo davon zu berichten.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt, während er das Boot hinaus auf die Lagune steuerte. Wenn irgendjemand spürte, ob etwas mit ihr nicht stimmte, dann war er es. Massimo war ihr maggiordomo, ihr Butler, ihre rechte Hand, und zwar schon seit zweihundert Jahren. Er warf ihr einen Blick zu und musterte sie stirnrunzelnd. „Sie sehen müde aus.“

„Wie oft habe ich dich darauf hingewiesen, du sollst mir das nicht sagen, Massimo? Das will keine Frau hören, selbst wenn es wahr ist. Es geht mir gut.“

Es ging ihr nicht gut.

Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück. Vielleicht würde es ihr gleich wieder besser gehen. Doch im Moment war sie vollkommen erschöpft. Total ausgelaugt.

Aber sie lebte noch.

„Alles ist bestens, Massimo“, beteuerte sie noch einmal, obwohl es gelogen war. „Ich hatte eine kurze Begegnung mit unseren Feinden, habe aber keinen dauerhaften Schaden davongetragen. Jetzt gibt es nur eins, das zählt: Ich habe es rechtzeitig nach Hause geschafft, um dem alljährlichen Erlöserfest beiwohnen zu können.“

„Natürlich, baronessa.“ Auf Massimos schönem Gesicht zeigte sich ein Lächeln. „Sie sind eine starke Frau. Und Sie haben die Unterstützung Ihrer untergebenen Diener, von uns Türhütern. Denken Sie denn, Sie haben genug Kraft für die Jagd?“, fragte er sie besorgt. „Wenn nicht, kann ich das Personal zusammentrommeln, und wir kümmern uns um die Sache, wenn Sie es wünschen.“

„Nein, Massimo.“ Luciana rieb sich die Schläfen.

Die Türhüter, niedere Dämonen, die in ihren Diensten standen, waren zufälligerweise alle sehr jung, Italiener, männlich und außerordentlich hübsch anzusehen. Als Hauspersonal und Dienstboten machten sie ihre Sache gut. Aber wenn es darum ging, ihre eigenen Pflichten zu erledigen, konnte – und wollte – sie ihnen nicht trauen.

„Mach dir keine Gedanken. Ich muss mich nur ein paar Stunden ausruhen. Heute Abend bin ich sicher wieder völlig hergestellt. Bis dahin ist es noch eine Ewigkeit. Es besteht keine Notwendigkeit, dass das Personal mir eine Verpflichtung abnimmt, die zu erfüllen ich selbst in der Lage bin.“

Massimo nickte und konzentrierte sich darauf, das Boot durch den Canal Grande zu steuern.

„Eine Aufgabe, die ich außerdem persönlich erfüllen muss“, fügte sie hinzu.

Kurze Zeit später, als das Boot unter der Rialto-Brücke hindurchglitt, setzten bei ihr Kopfschmerzen ein. Die Brücke ließ die schmerzhafte Erinnerung an den Mann zurückkehren, der für ihre überstürzte Abreise aus den Vereinigten Staaten verantwortlich war. In der Nähe dieser Brücke hatte sie vor über zweihundert Jahren ihren ehemaligen Liebhaber kennengelernt. Damals war sie gerade mal siebzehn Jahre alt gewesen und immer noch unschuldig. Noch frisch und jung. Noch ein Mensch.

Und dann hatte Julian Ascher alles ruiniert.

Es war ein greller, stechender Schmerz, der in ihren Schläfen pulsierte. Mit den Fingern umklammerte sie die kleine gläserne Phiole, die sie an einer feinen Goldkette um den Hals trug. Das Einzige, das sie bei ihrer überhasteten Rückreise aus Amerika hatte mitnehmen können. Der Inhalt dieses kleinen Fläschchens würde ihr behilflich sein bei dem, was ihr größter Wunsch war.

Rache.

Sie war nach Amerika gefahren, um Rache zu üben. Und war erbärmlich gescheitert.

Ihr Plan war es gewesen, Julian Ascher für all das büßen zu lassen, was er ihr angetan hatte. Dafür, dass sie eine Dämonin geworden war – denn nur seinetwegen war es dazu gekommen. Obwohl dieser Plan gescheitert war, wäre es ihr zumindest beinahe gelungen, den frischgebackenen Engel zu töten, mit dem es Julian inzwischen trieb – ein idiotisch unschuldiges Mädchen namens Serena St. Clair. Und nachdem Luciana auch das misslungen war, hatte sie es nur mit Mühe geschafft, der Kompanie der Engel zu entwischen.

Doch sie hatte es trotz aller Widrigkeiten nach Hause geschafft.

Erschöpft. Ausgelaugt. Aber immer noch am Leben.

Julian Ascher wird mir das noch büßen, dachte sie hasserfüllt. Und die Kompanie der Engel auch.

An ihnen allen würde sie sich rächen. Dieser Wunsch hielt sich eisern in ihrem Inneren. Hatte sie erst einmal ihre alljährliche Jagd beendet, konnte sie sich darauf konzentrieren, endlich ihre Rache zu Ende zu bringen.

Bei dem Gedanken musste sie lächeln.

Das Boot kam unter der Brücke hervor, war wieder in der Sonne.

Luciana hob den Kopf und betrachtete die Palazzi, die in all ihrer bröckelnden Eleganz den Kanal säumten. Der Tag war noch jung und bot endlose Möglichkeiten. In den verwinkelten Gässchen Venedigs wimmelte es von Menschen, die Vorbereitungen für die abendlichen Feierlichkeiten trafen.

„Sie sehen schon viel besser aus, baronessa“, hörte sie Massimo sagen.

„Danke, Massimo. Die Stadt ist Balsam für meine Seele. Und das Erlöserfest ist mir immer eine große Freude.“

Das Feuerwerk und die Ehrungen der Jungfrau Maria stell-ten das Highlight jedes Sommers dar. Dann drängten sich mit Girlanden geschmückte Boote auf dem Bacino di San Marco, dem Beginn des Canal Grande auf Höhe des Markusplatzes, von wo aus die Menschen das pyrotechnische Spektakel be-staunten. In den Restaurants und Bars tummelten sich betrun-kene Gäste, und auf den Kanälen waren Einheimische wie Touristen in Scharen unterwegs, um gemeinsam zu schauen und zu feiern.

Die Venezianer waren Meister im Feiern. Seit Jahrhunderten hatten sie ein Faible für die Kunst der Orgie. Auf einem Boot trafen Männer mit freiem Oberkörper gerade Vorbereitungen für die Festivitäten. Sowie sie Luciana erblickten, pfiffen sie hinter ihr her.

„Che bellissima!“, rief einer von ihnen. „Ciao, bella!“

Ah, sì. Das Pfeifen. Das war noch etwas, in dem die venezianischen Männer Meister waren.

Normalerweise ignorierte sie solche Typen. Schon seit ihrer Jugendzeit, als sie gerade erst zur Frau herangereift war. Doch jetzt schenkte sie den Männern ihr rätselhaftes Lächeln und rief zurück: „Te lo puoi sognare!“

In deinen Träumen …

Über dem Meer schien ein heller Vollmond in einer Nacht, die gerade hereingebrochen war.

Brandon Clarkson war undercover unterwegs im heruntergekommensten Bezirk von Detroit. Sein Körper war schmutzig, weil Brandon seit Tagen nicht geduscht hatte, in seinen Lungen brannte die Erschöpfung. Seine zerrissenen Jeans und die Lederjacke waren schmuddelig und nur noch für den Müll geeignet.

Niemand würde ihn in diesem Zustand für den halten, der er war.

Ein Cop.

Und nicht einer von diesen Drogendealern, denen er seit Monaten auf der Spur war.

Er huschte in eine dunkle Gasse und folgte den Kriminellen, die er gleich hochgehen lassen würde. Er war nah dran, ganz nah dran. Sie waren hier, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Er spürte ihren Herzschlag, fühlte ihren Atem in der kühlen nächtlichen Brise. Ihr Geruch hing in der Luft, neben dem Gestank von Urin und Müll, der in der Dunkelheit verrottete. Das Geflirr von unsichtbarem Ungeziefer, tierischer wie menschlicher Art, in den Schatten verborgen, umgab ihn.

Doch sein Bauchgefühl warnte ihn. Eine kleine Stimme in seinem Inneren flüsterte ihm zu, dass hier etwas nicht stimmte.

Es roch nach Ärger.

Aber sein Verstand ignorierte die Warnung. Mit einer klaren und deutlichen Botschaft: Seit sechs Monaten jagst du diese Verbrecher. Das ist womöglich deine einzige Chance, sie zu kriegen.

Es war längst Zeit, diese Mistkerle zu schnappen. Er kannte ihre Gewohnheiten. Wusste um den immensen Umfang ihres Handels. Hatte Stoff im Wert ganzer Lagerhäuser voll mit Heroin und Kokain durch ihre Hände gehen sehen. So viel, dass man damit die ganze Stadt Detroit für eine volle Woche high machen könnte.

Er trat einen Schritt nach vorn, weiter in die Gasse hinein, und hielt dabei seine Waffe schussbreit.

Heute Nacht ist es so weit, sagte er zu sich selbst. Das Ende steht kurz bevor.

Da hörte er ein Geräusch hinter sich. Schnelle Schritte auf dem Asphalt. Und einen so lauten Knall, dass er dachte, sein Trommelfell platzte. Dann fühlte es sich an, als ob seine Wirbelsäule zerbersten würde. Da war ein sengender Schmerz, der sich wie heiße Lava in seinen Gliedmaßen ausbreitete, stärker als jeder Schmerz, den er jemals empfunden hatte. Eine Art Explosion, die nur von einer Kugel stammen konnte.

Er fiel nach vorn, zerrissen, das Gerüst aus Fleisch und Knochen plötzlich nicht mehr vorhanden.

Er hörte, wie die Schritte näher kamen.

Verharrten.

Er lag im Sterben. Das wusste er. Er lag auf der Seite und konnte spüren, wie sein Leben aus dem Loch in seinem Rücken rann. Er schob eine Hand in die Tasche. Zog eine silberne Taschenuhr heraus, die er immer bei sich trug, und fuhr mit den Fingern über den eingravierten Heiligen Michael auf der Rückseite.

Brandon flehte den Schutzpatron der Polizisten und Soldaten um Hilfe an.

„Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampf gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels …“

Er presste die alte Uhr auf sein Herz, spürte, wie sein Hemd feucht von Blut wurde. Verstand, dass die Kugel seinen Kör-per durchschlagen hatte. Er verblutete, zum Sterben zurückge-lassen in dieser verdreckten Gasse.

Ganz nah neben seinem Ohr stand jemand. Er hörte das Scharren von Schuhen.

Dann ein zweiter Schuss von hinten, der ihn in den Schädel traf.

Der Tod kam sofort. Doch der letzte Moment von Brandons menschlicher Existenz, in Wirklichkeit kürzer als ein Atemhauch, erstreckte sich in seinem Empfinden über eine Ewigkeit, die sein ganzes Leben zu umfassen schien.

Das Letzte, was Brandon mit seinen menschlichen Augen wahrnahm, war seine Uhr. Ein letztes Mal sah er ihren kleinen Zeiger zucken.

Die Zeit stand still, eingefangen im Raum zwischen den zwei schwarzen Linien, die eine Sekunde von der nächsten trennt.

Und in dieser Sekunde zogen alle Erlebnisse seines mensch-lichen Daseins gebündelt an ihm vorüber.

Jedes Bild, das er jemals gesehen hatte, alle seine Erinnerungen strömten gleichzeitig auf ihn ein. Wie er bei seiner Geburt aus dem Körper seiner Mutter schlüpfte, in das kalte Licht eines Krankenhauszimmers. Er als Säugling und kleines Kind in einem heruntergekommenen Vorort von Detroit. Er mit seinen Brüdern raufend. Vorgärten mit rostigen Autos und hohem Unkraut. Seine Highschool-Liebe Tammy. Die Polizeiakademie. Seine Hochzeit. Ihre erste gemeinsame Wohnung. Wie sie sich am Nachmittag liebten.

All das ging ihm durch den Sinn und verließ ihn, als würde er rückwärts durch einen Tunnel gesaugt.

Und jetzt das.

Der Augenblick seines Todes war buchstäblich der schlimmste Moment seines Lebens. Er empfand Verlust, Sorge, Bedauern, Angst. Alles wirbelte durcheinander, wie bei einem dieser schwarzen Löcher im Weltall. Es war nicht in Worte zu fassen. Dieses Gefühl war so intensiv, dass er es nicht mit Sprache beschreiben konnte, die nicht einmal an der Oberfläche dieser Intensität zu kratzen vermochte.

Dieser Erfahrung von extremstem Leiden.

Genug für ein Leben, komprimiert in den letzten fliehenden Fetzen von Bewusstsein.

Was für eine beschissene Art zu sterben, dachte er.

Und das waren die letzten Gedanken, die er als Mensch hatte.

Dann zog es ihn in einer Spirale nach oben, und er trat aus seinen menschlichen Körper.

Als er nach unten schaute, erspähte er seine Überreste auf der Erde liegen, auf dem schmutzigen Asphalt in der dunklen Nacht, verblutend. Über seinem jetzt leblosen Körper kniete sein Mörder.

Brandon konnte nur den Rücken des Mannes sehen, während dieser sich über seine Leiche beugte und ihr etwas aus der Hand nahm. Der letzte Eindruck, den Brandon von seiner menschlichen Existenz bekam, war ein Akt absoluter Widerwärtigkeit. Der Killer hatte Brandon nicht nur das Leben genommen, sondern ihm auch seine verdammte Uhr gestohlen.

Glücklicherweise war das Brandon jetzt egal. Von seinem irdischen Körper losgelöst, schwebte er immer höher hinauf.

In das Licht hinein war er geboren worden. Jetzt war er tot und kehrte ins Licht zurück. Doch nicht ins Licht der Men-schenwelt. Nicht in ein kaltes Licht, sondern in das wärmste und Glück bringendste Licht, das er je erblickt hatte.

Er reckte sich, reckte sich nach oben, nach oben …

Um für einen einzigen, hellen, glorreichen Augenblick im Kosmos zu verweilen. Ein Moment so lang wie eine Ewigkeit und kürzer als ein Augenblinzeln. Und trotzdem wusste er, dass er nicht für immer hierbleiben konnte.

Noch nicht. Es gab noch etwas zu erledigen.

Und dann fiel er, stürzte in schwindelerregender Geschwindigkeit wieder in die Tiefe, schneller als jede Materie.

Denn er, Brandon, bestand plötzlich aus reinem Licht.

Er landete hart, und das Licht seiner Seele krachte förmlich wieder in seinen menschlichen Körper.

Er lag im Bett. Und erhob die Stimme zur Totenklage. Er beweinte das Leben, das er verloren hatte.

So wie immer, wenn er aus diesem Albtraum erwachte.

In den vergangenen zehn Jahren war er jede verdammte Nacht zitternd vor Angst aufgewacht.

Und dankte Gott dafür, dass es nur ein Traum gewesen war.

Denn als es das erste Mal geschah, war es kein Traum.

Damals war es echt gewesen.

Drei Uhr morgens.

Das zeigte die Uhr in seinem Schlafzimmer an.

Diese Uhr existierte in Wirklichkeit. Nicht im Traum.

Er schloss die Augen, um die Erinnerung an seinen Tod auszublenden. Brachte sich selbst ins Hier und Jetzt zurück. Holte tief Luft. Noch einmal. Er spürte die feuchten Laken unter sich, nass von seinem Schweiß. Das Adrenalin rauschte noch immer durch seinen Körper.

Er lag in der Dunkelheit seines Zimmers und ging alles noch einmal durch.

Er, Brandon Clarkson, war nicht mehr länger ein Mensch.

Aber er war einmal ein Mensch gewesen.

Zehn Jahre lag sein Tod als menschliches Wesen nun zurück. Wieso er Nacht für Nacht im Traum zur Szene seines Todes zurückkehrte, wusste er nicht. Er hätte es für einen Fluch gehalten, wäre er nicht als ein anderes Wesen wiedergeboren worden.

Als Engel.

Unsterblich, aber mit einem menschlichen Körper versehen. Mit denselben Problemen, unter denen man als normaler Mensch litt. Erschöpfung. Stress. Schlaflosigkeit.

Albträume.

Brandon knipste die Nachttischlampe an und blinzelte, weil es schlagartig hell wurde. Dann stand er auf und lief durch seine Wohnung. Das schicke, moderne Loft in einem historischen Art-Nouveau-Gebäude hatte nichts mit der schmutzigen Gasse gemein, in der er gestorben war. Er ging zum Fenster und betrachtete den Fluss dreißig Stockwerke weiter unten, der in der heißen Juli-Nacht durch die sich spiegelnden Lichter der Stadt wie Gold glänzte.

Das war nicht der Detroit River, sondern der Chicago River.

Nicht Detroit, rief er sich in Erinnerung.

Nicht Detroit, wo er geboren worden war. Wo er gelebt hatte. Wo er gestorben war.

Ich bin in Chicago. Wo er jetzt als Schutzengel für die Kompanie der Engel arbeitete. Wo er zum Supervisor aufgestiegen war, mit einer eigenen Einheit, nachdem er seine Ausbildung in Los Angeles erfolgreich abgeschlossen hatte.

Chicago hatte nichts mit dem Leben zu tun, das er einmal als Mensch geführt hatte. Ewigkeiten trennten ihn davon.

In der Küche stellte er sich vor den Kühlschrank und las zum x-ten Mal den zehn Jahre alten Zeitungsausschnitt, den er dort hingehängt hatte. Sein menschliches Leben, herunterge-kürzt auf drei Zeitungsspalten, schwarze Tinte auf verbliche-nem Papier.

Polizist bei Bandenschießerei getötet.
Der achtundzwanzigjährige Polizist Brandon Clarkson wurde am Samstagabend während einer Ermittlung im Bandenmilieu in der Innenstadt von Detroit erschossen. Laut Polizeiangaben erlag er noch am Tatort seinen schweren Schussverletzungen.

Im Rahmen der Gedenkfeier im Campus Martius Park wurde Clarkson posthum in den Rang eines Detective erhoben. Sein Partner, Officer Jude Everett, wurde ebenfalls wegen „außergewöhnlicher Tapferkeit“ befördert, nachdem er den Mann festnehmen konnte, der Clarkson getötet hatte.

Clarkson war seit sieben Jahren bei der Polizei in Detroit. Er hinterlässt seine Eltern, drei Brüder und seine Frau Tammy.

Er las die Worte zum dreitausendsten Mal, und trotzdem stieg in ihm wieder Bitterkeit auf. Irgendwo tief in seinem Inneren brannte in ihm ein Gefühl, eine Ahnung, dass er nicht ausschließlich gut war. Nicht wie die meisten anderen Mitglieder der Kompanie, deren reinherzige Güte über jeden Zweifel erhaben war.

Sein Tod hatte in ihm eine Art von Wut ausgelöst, die er als Mensch nicht gekannt hatte.

Brandon Clarkson war mit einer beängstigend klaren Vorstellung davon, wie er leben wollte, geboren worden. Er kam auf die Welt und wusste, was er wollte.

Dienen und schützen.

Er lebte schnell und liebte intensiv. Und wenn er mit einer Mission auf die Welt gekommen war, dann hatte er die Welt im Dienste dieser Mission verlassen. Nun war er als Schutzengel zurückgeschickt worden, damit er weiter das tun konnte, was er immer getan hatte: Die gefährlichsten Verbrecher jagen und die korruptesten Personen festsetzen, ob Mensch oder Dämon. Und die beschützen, die sich nicht selbst schützen konnten.

Mittlerweile war ein Jahrzehnt vergangen.

Da war nur ein kleines Problem.

Der Albtraum.

Der Albtraum von seinem immer wiederkehrenden menschlichen Tod. Brandon kam sich schon vor wie eine Gestalt aus der griechischen Mythologie. Wie Sisyphos, der einen Felsblock einen steilen Hang hinaufrollen musste, jedes Mal aufs Neue. Oder wie Prometheus, zu dem jeden Tag der Adler kam und seine Leber fraß. Dazu verdammt, dasselbe höllische Schicksal immer und immer wieder zu erleben.

„Du musst loslassen“, hatten ihm seine Vorgesetzten, die Erzengel, schon etliche Male erklärt.

Allerdings konnte er das irgendwie nicht.

Nicht alle sterben jung, dachte er und wanderte ruhelos durch die Wohnung.

Er tat, was er immer tat, wenn er in Selbstmitleid zu ertrinken drohte. Er zündete mit einem Streichholz eine der Kerzen auf dem Couchtisch an. Arielle, seine ehemalige Supervisorin, hatte ihm gesagt: „Zünde eine Kerze an, wenn du deinen Ärger darüber loswerden willst, dass du dein menschliches Leben lassen musstest.“

Dreitausendachthundertvierundneunzig Kerzen später wartete Brandon immer noch darauf, dass sich sein nächtlicher Schmerz und Ärger endlich in Rauch auflösten. Kleiner wurden wie die unzähligen Wachsstängel.

Da vibrierte sein Mobiltelefon, das auf dem Esstisch lag, und lenkte seine Aufmerksamkeit von der gelben Flamme ab. Es war eine Nachricht vom Schutzpatron der Polizisten und Soldaten höchstpersönlich. Von Erzengel Michael, der nun sein direkter Vorgesetzter war. Die Worte, die er auf dem Display las, ließen Brandon die Stirn runzeln.

Du hast einen neuen Auftrag. Finde dich sofort im Hauptquartier deiner Einheit ein. Stell deine Leute zusammen und nimm Kontakt mit Arielle auf.

Brandon löschte die Kerzenflamme mit den Fingern, dann verließ er die Wohnung.

Der Himmel rief.

2. KAPITEL

Wenn die Menschen wüssten, wie viele unsichtbare Elemente in der Welt am Werk sind, würden die meisten von ihnen vermutlich den Verstand verlierean.

Brandon schoss mit seinem selbst umgebauten Dodge Challenger durch die leeren Straßen der Innenstadt von Chicago. Die Musik tönte so laut aus der Beschallungsanlage, dass jeder Gitarrenriff ihm in die Knochen fuhr. Normalerweise erreichte er sein Ziel nach fünfzehn Minuten. Heute schaffte er es in zehn.

Um den Büroturm aus verspiegeltem Glas zu betreten, musste er seinen Zugangscode in das elektronische Sicherheitssystem eintippen, dann fuhr er mit dem Fahrstuhl in den siebenundvierzigsten Stock. Die stilvoll ausgestatteten Räumlichkeiten glichen denen einer Rechtsanwaltskanzlei oder einer Consulting-Firma.

Doch es war das Hauptquartier der Kompanie der Engel in Chicago.

Jetzt schloss Brandon die massive Glastür auf, öffnete sie und schaltete das Licht ein. Nacheinander trafen auch die anderen Schutzengel ein und nahmen an dem runden Konferenztisch Platz. Alle dreißig Engel waren anwesend. Brandon schaltete den Plasmabildschirm für die Videokonferenz mit Michael und Arielle ein, die mit ihren dreißig Engeln in Los Angeles saßen.

„Liebe Schutzengel, es ist zu einer sehr ernsthaften Entwicklung gekommen“, leitete Michael das Meeting ein.

In diesem Moment erschien das Bild des Erzengels auf ei-nem Drittel des Bildschirms. Seine leuchtenden Flügel standen nach hinten ab, glänzend und wunderschön. Doch sein Gesicht zerfurchten Sorgenfalten. Bei seinen Worten verstummten die versammelten Engel. Sie richteten ihre Augen auf ihn bezie-hungsweise den Monitor. Michael sprach weiter.

„Luciana Rossetti ist entkommen.“

Der Name sagte Brandon nichts. Ein weiteres Drittel des Monitors zeigte das Hauptquartier in Los Angeles, und auf dem Bildschirm sah er, dass Arielle kurz zuckte. Eine Spur von Ärger huschte über ihre für gewöhnlich vollkommen neutrale Miene. In der heruntergekommenen Rechtsberatungsstelle, die den Engeln in Los Angeles als Hauptquartier diente, saß sie stocksteif am Kopfende eines Konferenztisches. Ihr blondes Haar war wie immer perfekt frisiert.

Doch ganz klar – sie war zusammengezuckt, und Brandon war das nicht entgangen.

„Luciana ist keine Erzdämonin“, erklärte Michael leise. „Wie ihr alle wisst, steht diese Art von Dämonen nicht ganz oben auf unserer Prioritätenliste, da sie in der Hierarchie der Dämonen nicht an der Spitze rangieren. Doch Luciana Rossetti ist im Besitz eines äußerst gefährlichen Gifts. Eines Gifts, das jeden Einzelnen von uns ernstlich bedrohen könnte.“

Es folgte eine lange Pause. Die Engel schienen unter Schock zu stehen. Doch dann begannen plötzlich alle Engel auf einmal zu murmeln.

Arielle erhob das Wort. Sie lächelte, wie immer, ganz ruhig. „Bei allem gehörigen Respekt: Ich weiß nicht, wieso die Einheit in Chicago über diese Mission in Kenntnis gesetzt werden muss.“

Hinter ihr nickten dreißig Engel zustimmend und verstummten.

„In jeder Stadt der Welt gibt es eine Einheit von Schutzengeln, die zum Schutz dieser Stadt abgestellt ist. Das wissen wir alle. Doch Brandon verfolgt einen anderen Ansatz. Wir haben ihn kontaktiert, weil wir Erzengel denken, dass diese Mission von seinem speziellen Ansatz profitieren könnte“, erläuterte Michael.

Kein Händchenhalten. Kein Babysitten. Auch kein New-Age-Unsinn.

Das genaue Gegenteil von Arielle und ihrer Truppe.

„Die L. A.-Einheit ist durchaus in der Lage, diese Mission erfolgreich durchzuführen. Luciana Rossetti gelang es, vor meinen Augen zu fliehen.“ Arielle sprach in ihrem typischen, nervtötenden neutralen Tonfall, den Brandon in den drei Jahren seiner Ausbildung hatte ertragen müssen. „Unsere Einheit hat alles im Griff.“

„Wie lautet der Plan?“, erkundigte sich Brandon knapp. „Willst du eine Yoga-Stunde geben und hoffst, dass die Zielperson zufällig vorbeischaut? Oder holst du deine akustische Gitarre raus, singst ‚Kumbaya‘ und lässt einen Joint kreisen?“

Die Engel der Chicagoer Einheit kicherten.

„Schluss damit“, schaltete Michael sich ein. „Ich habe dich nicht an Bord geholt, damit ihr streitet.“

„Weiß Brandon überhaupt, wer Luciana Rossetti ist?“, fragte Arielle. „Er hat doch überhaupt keine Ahnung, von wem hier die Rede ist.“

„Deshalb werden wir ihn jetzt informieren.“

Auf der Videoleinwand erschien ein Farbfoto der Dämonin, recht unscharf und aus der Ferne aufgenommen. Wer auch immer das Bild gemacht hatte, er hatte die Zielperson in einem ungünstigen Augenblick erwischt. Oder sie hatte nur ungünstige Augenblicke.

Trotzdem war nicht zu übersehen, dass es sich um eine schöne Frau handelte. Auf dem Bild drehte sie gerade um, Strähnen ihres schwarzen Haars flatterten ihr ins Gesicht. Sie hatte volle Lippen und hohe Wangenknochen und könnte durchaus das Titelbild der Vogue zieren. Doch was Brandon wirklich für einen Moment sprachlos machte, waren ihre funkelnden grünen Augen, so lebendig und überbordend.

Er bekam eine Gänsehaut.

In beiden Konferenzzimmern wurde es still, während die Engel das Bild betrachteten. Hinter Brandon pfiff einer seiner männlichen Engel bewundernd.

„Das reicht.“ Brandon unterband das unangemessene Verhalten mit einer kurzen Handbewegung.

Michael schaltete wieder auf die Videokonferenz um.

„Luciana Rossetti“, erklärte er, „ist keine gewöhnliche Dämonin. Sie ist außergewöhnlich unabhängig und besonders intelligent. Doch sie ist mehr als das. Sie ist eine exzellente Giftmischerin und eine Mata Hari der Dämonenwelt. Vor ein paar Tagen konnte sie der Kompanie entkommen. Sie steht vor allem deshalb auf Platz eins der meistgesuchten Personen der Kompanie, weil sie ein Gift kreiert hat, mit dem sie einen anderen Dämon getötet hat.“

Wenn dieses Gift einen Dämonen töten kann

… kann es einen Engel töten.

Alle Engel in Los Angeles und Chicago waren schlagartig still.

„Wir müssen Luciana finden und festsetzen, bevor sie das Gift ein weiteres Mal verwenden kann – bei einem von uns. Oder, was noch schlimmer wäre: Bevor sie weitere Portionen davon zusammenstellt und unter den Dämonen verteilt. Sie besitzt mit diesem Gift die Fähigkeit, eine Waffe von bisher ungekannter Wirkung einzusetzen, und dadurch sind die Dämonen uns vollkommen überlegen. Sollten sie uns angreifen, könnten wir uns von diesem Angriff eventuell nie mehr erholen.“

Keine Reaktion von beiden Seiten. Es herrschte absolute Ruhe – als hätte die Erde aufgehört, sich zu drehen, und die Welt wäre zum Stillstand gekommen. Jeder einzelne Engel dachte in diesem Moment dasselbe, da war Brandon sich sicher.

Sollte dieses Gift in die falschen Hände geraten, konnte dies das Ende der Engel bedeuten.

„Außerdem haben wir von konkreten Racheplänen des Erzdämons Corbin Ranulfson erfahren“, berichtete Michael weiter. „Viele von euch wissen vielleicht nicht, dass Corbin vor einiger Zeit von der Kompanie besiegt wurde und das Vorzeigehotel seines Imperiums verlor. Wenn Corbin zum Gegenschlag ausholt, geht es ihm nur um eins: totale Zerstörung. Er ist einer der mächtigsten Dämonen der Vereinigten Staaten. Wir glauben, dass er beim letzten Angriff zwar deutlich geschwächt wurde, aber nun versucht, etwas von seiner verlorenen Macht wiederzuerlangen. Noch vor drei Tagen wurde Corbin in der Hölle gesehen, aber mittlerweile geht das Gerücht um, er wäre an die Oberfläche zurückgekehrt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Corbin versuchen, Luciana aufzuspüren. Wegen des Gifts.“

„Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden?“, erkundigte sich Brandon.

„Sie ist seine Geliebte. Luciana ist unsere einzige Verbindung zu Corbin. Wir glauben, dass sie in ihre Heimatstadt Venedig zurückgekehrt ist. Wir müssen sie wieder nach Amerika bringen.“

„Und herausfinden, was sie mit dem Gift gemacht hat“, ergänzte Arielle. „Und wir müssen sämtliche Informationen aus ihr herauspressen, die sich in ihrem bösen Hirn befinden. Ich denke, sie wäre ein Fall für die Rückführung.“

Rückführung.

Auch dieses Wort ließ die Engel in den Konferenzräumen erstarren.

„Mit Rückführung bezeichnen wir in der Kompanie den Vorgang, ein fehlgeleitetes Individuum zu Gott zurückzuführen“, hatte Arielle Brandon erklärt, als er ein frischgebackener Engel war und seine Ausbildung bei ihr absolvierte. „Denn die Seele stirbt nie, und Energie wird weder geschaffen noch zerstört. Doch eine Rückführung bedeutet, dass eine Person nicht länger eine bestimmte Identität hat.“

Das hieß, Luciana Rossetti würde aufhören zu existieren.

Grundsätzlich war Brandon gegen die Rückführung. So wie Arielle normalerweise auch. Zu gerne wüsste er, warum sie in diesem Fall darüber nachdachte. Doch es war jetzt keine Zeit, sie danach zu fragen. Jetzt musste er die Dämonin fassen und zurück in die Vereinigten Staaten bringen.

„Michael, bitte schick mir ihre Akte per Secure-Mail zu. Ich werde mich selbst nach Venedig begeben. Auf dem Flug habe ich genug Zeit, mich zu briefen.“

„Wieso du?“, fragte Arielle bissig. „Weil ich die Sache erledigen kann.“

Keiner der versammelten sechzig Engel widersprach ihm. Er wollte nicht überheblich wirken, aber jetzt lief ihnen die Zeit davon, und in der Vergangenheit hatte er immer wieder festgestellt, dass es sich auszahlte, offen und ehrlich mit Arielle umzugehen.

Michael nickte.

Ihre Frustration konnte Arielle nicht verbergen. „Gut, dann mach du es auf deine Art. Du wirst natürlich mit meinem Team zusammenarbeiten. Wir haben Luciana zuletzt gesehen und …“

„Ich arbeite allein“, unterbrach Brandon sie.

Das wusste jeder Engel aus der Chicagoer Einheit.

„Als Supervisor sehe ich mich als Gruppenführer und Teamplayer“, erklärte er. „Ich sorge in meiner Einheit für ein Umfeld, das auf Vertrauen aufbaut. Mein System funktioniert so gut, dass meine Einheit vollkommen selbstständig funktioniert. Es kommt selten zu Unstimmigkeiten. Wir behandeln uns alle als ebenbürtige Partner, gleichwohl stehe ich jüngeren Engeln als Ratgeber zur Verfügung, wenn sie Hilfe brauchen. Mein Führungsstil ist nicht autoritär und detailorientiert.“ Er hielt inne, räusperte sich. „Aber draußen beim Einsatz sieht das anders aus.“

Wenn Brandon Clarkson auf einer Mission war, arbeitete er grundsätzlich allein.

Er war allein undercover unterwegs, nahm nie jemanden mit. Nach dem traumatischen Erlebnis seines menschlichen Todes wollte er keinen anderen Engel dem Risiko aussetzen, dem er sich selbst aussetzte. Denn er wollte nicht zulassen, dass ein anderer ein ähnliches Leid erfahren musste, wie er es damals erlitten hatte.

„Ich mache das allein“, wiederholte er.

Arielle blinzelte entschlossen und presste die Lippen so fest aufeinander, dass ihr Mund fast verschwand. Doch sie gab noch nicht auf. „Diese Angelegenheit ist überaus wichtig. Du brauchst ein Sicherungsteam. Oder nicht, Michael?“

Brandon verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie auf der Leinwand so intensiv an, als wären sie im selben Zimmer. „Arielle, wenn ich schon deine Fehler ausbügeln soll, überlass doch einfach mir, wie ich es mache.“

„Es gibt gewisse Regeln im Kampf Engel gegen Dämonen. Regeln, die man nicht …“

„… brechen darf?“, beendete Brandon den Satz für sie. „Wen interessiert’s? Regeln sind dazu gemacht, um gebrochen zu werden.“

„Aufhören!“, schaltete Michael sich ein. „Die Kompanie darf nicht geschwächt dastehen. Es ergibt wenig Sinn, wenn wir untereinander uneins sind.“

„Dann melde dich wenigstens bei Infusino, unserem Kontakt von der venezianischen Einheit. Er kann helfen.“ Arielle ließ einfach nicht locker.

„Ich brauche keine Hilfe. Wie gesagt: Ich werde die Sache alleine erledigen.“

In Arielles Augen loderte wilde Entschlossenheit, und er wusste, dass sie gleich stichhaltige Gründe anführen würde, um dagegenzuhalten. Er kannte Arielles langwierige Argumentationen von früher. Heute Nacht würde er sich das sicher nicht anhören.

Also brach er einfach die Verbindung mit der Videokonferenz ab, noch bevor sie anfangen konnte.

Der Bildschirm war jetzt schwarz. In den Lautsprecher rief er: „Tut mir leid, Arielle. Technische Probleme. Michael, ich melde mich, sobald ich wieder auf amerikanischem Boden bin.“

„Warte“, ertönte da eine Stimme, die Brandon unbekannt vorkam. „Ich bin Julian Ascher, das neueste Mitglied in der Einheit von L. A.“

In Chicago sahen sich die Schutzengel verwundert an. Julian Ascher, der ehemalige Erzdämon, war vor Kurzem nach beinahe zweihundertfünfzig Jahren als Dämon zur Kompanie der Engel konvertiert. Dazu gebracht hatte ihn eine von Arielles Schützlingen, ein frischgebackener weiblicher Engel, dessen Unschuld und Naivität in der Kompanie einzigartig waren. Nicht jeder war mit Arielles Entscheidungen im Fall Julian Ascher einverstanden gewesen, und ihre Vorgehensweise war innerhalb der Kompanie mehrfach diskutiert worden.

Sei nicht voreingenommen, ermahnte Brandon sich selbst. Es ist nicht deine Aufgabe, über diesen Mann zu richten. „Hör mir einen Moment zu“, bat Julian. „Ich bin alles andere als stolz darauf, aber ich war früher der Liebhaber von Luciana Rossetti. Ich kann dir gezielte Informationen über sie geben, die dir helfen können, sie aufzuspüren.“

„Dann schieß los.“

„Luciana hat einen Pakt mit dem Satan geschlossen, der besagt, dass sie nicht in die Hölle zurückkehren muss. Als Gegenleistung muss sie dem Fürst der Finsternis jedes Jahr ein Menschenopfer bringen. Morgen Abend um neunzehn Uhr wird sie in Venedig in der Kirche Il Redentore, der Erlöserkirche, sein, um sich dort ihr Opfer zu suchen. Dort wirst du sie finden. Aber sei vorsichtig. Luciana ist ausgesprochen gut darin, Männer zu benutzen, um zu bekommen, was sie will. Sie macht vor nichts halt.“

„Alles klar. Danke für den Hinweis.“

„Bring Luciana so schnell wie möglich zurück in die Staaten“, forderte Michael ihn auf. „Und scheu dich nicht, um Verstärkung zu bitten, falls nötig.“

„Viel Erfolg.“ Arielles Stimme klang genauso kühl wie damals, bei ihrer letzten Unterhaltung.

Brandon erinnerte sich sehr gut daran, wie kalt Arielle sein konnte. Doch im Moment hatte er weder Zeit noch Lust, sich über ihre Launen Gedanken zu machen.

Im Moment habe ich einen Auftrag zu erledigen.

Für Luciana war die Casa Rossetti wie ein Schatzkästlein.

Im piano nobile, dem meistgenutzten Stockwerk der Casa Rossetti mit seinen hohen Räumen, versammelte sich eiligst ihre Dienerschaft aus Türhütern, um die Dämonin willkommen zu heißen. Die Absätze ihrer hochhackigen Schuhe klapperten auf dem Marmorboden, während sie einen Rundgang durch ihren Palazzo machte. Alle Oberflächen strahlten, die kostbaren Mosaikböden genauso wie die Kronleuchter aus Muranoglas. Die Wände waren mit seidigen Damastläufern und aufwendigen Wandmalereien verziert. Jeder Quadratzentimeter Fußboden, jeder vergoldete Tisch, jeder lackierte Kabinettschrank und jede Glaskristallvase, jeder einzelne Schnörkel war poliert und glänzte.

„Ihr habt eure Aufgabe gut gemacht in meiner Abwesenheit“, lobte Luciana die Dienerschaft, während sie den Blick über die üppige Einrichtung schweifen ließ.

Die Türhüter stellten sich in einer ordentlichen Reihe auf. Sie waren alle gleich gekleidet, in ihrer Arbeitsuniform: Jeans und enge schwarze T-Shirts. Die Männer waren groß, dunkelhaarig und hübsch anzusehen. Luciana nickte.

„Giancarlo, Antonio, Federico, Cesare, Salvatore, Massimo“, begrüßte sie jeden Einzelnen, als sie die Reihe abschritt. „Ich danke euch. Und jetzt zurück an die Arbeit – das gilt für euch wie für mich. Mir bleibt nur noch wenig Zeit, denn ich muss mich auf die Jagd heute Nacht vorbereiten.“

Sie wandte sich zur Treppe, die zum ersten Stock hinaufführte.

In diesem Moment ertönte aus dem hinteren Teil des Palazzo der gellende Schrei einer Frau und erschütterte die wohlige Stille, die im Haus geherrscht hatte. Der Schrei klang gequält, wie von einem Tier, das Schmerzen hat. Luciana blieb stehen. Als sie nach unten blickte, entdeckte sie auf dem Marmorboden hinter einem der Türhüter blutige Fußspuren. Sie führten zu einem grauen Kobold, etwa so groß wie ein kleiner Hund, der sich an die Wand kauerte. Er kicherte vor sich hin und hielt einen Frauenschuh in der Hand. Aus dem Schuh rann Blut und hinterließ eine feine dünne Spur auf dem glänzend sauberen Fußboden.

Keiner der Diener rührte sich.

Keiner wagte es auch nur zu blinzeln.

Sie verbargen etwas vor ihr. Oder besser gesagt: jemanden. Luciana behielt ihr Lächeln bei.

„Was auch immer – oder besser: Wen auch immer – ihr da habt“, sagte sie und deutete vage mit der Hand in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war, „sorgt dafür, dass hier alles sauber ist. Und jetzt entschuldigt mich, ich habe zu tun. Komm, Massimo. Ich brauche dich, um mein Arbeitszimmer zu öffnen.“

Er folgte ihr pflichtbewusst, während sie die Treppe hinaufging. Der dicke rote Teppich auf dem weißen Marmor dämpfte ihre Schritte.

„Haben Sie die Angelegenheit mit Julian Ascher zu Ende bringen können, während Sie in Amerika waren, baronessa?“

Für einen kurzen Moment schloss Luciana die Augen. Mit den Fingerspitzen strich sie über das verzierte steinerne Trep-pengeländer. Die Treppe schien unter ihr zu schwanken, und die Welt schien umzukippen. Die Dämonin verkrampfte sich, ihr Kiefer wurde fest, und ihr war plötzlich so übel, dass sie sich hätte übergeben können.

„Nenn diesen Namen in meiner Anwesenheit nie wieder“, zischte sie ihrem Diener zu, unfähig, ihre Wut zu verbergen. „Selbstverständlich, baronessa. Es tut mir leid, ich …“

Sie riss sich so sehr zusammen, dass es wehtat, und presste die Zähne so fest aufeinander, dass sie befürchtete, sie könnten abbrechen. Dann drehte sie sich zu Massimo um. „Wenn du es unbedingt wissen willst: Julian ist zu den Engeln übergelaufen.“

„Das heißt, er ist gestorben?“

„Nein. Er wurde“, sie machte eine kleine Pause, bevor sie verächtlich das Wort ausspuckte, „erlöst und ist der Kompanie der Engel beigetreten.“

Der Türhüter sagte nichts mehr. Er wusste, dass er besser keine weiteren Fragen mehr stellte.

Luciana wandte sich wieder um und schritt die Treppe hinauf. Sie versuchte, nicht an Julian zu denken. Was ihr nicht gelang.

„Möchten Sie sich vielleicht etwas hinlegen, baronessa? Vielleicht sollten Sie noch ein wenig schlafen.“

Doch sie hatte noch einiges zu erledigen, bevor der Abend kam. Sie berührte das kleine Fläschchen, das an einer Kette um ihren Hals hing.

„Das Böse schläft nie, Massimo.“

In ganz Venedig war man mit den Vorbereitungen für das Fest befasst.

Auch Luciana musste Vorkehrungen treffen. Für ihre Opfergabe. Für ihren persönlichen Gottesdienst.

Und dieser Gott war nicht der Erlöser.

Im dritten Stock der Casa Rossetti folgte Luciana einem langen Flur bis zu einem kleinen Zimmer am Ende des Ganges.

Obwohl dieses Zimmer so klein war, war es eines ihrer Lieb-lingszimmer.

Die Fenster eröffneten den Blick auf den Canal Grande, und ab dem späten Vormittag schien die Sonne herein. Unten auf dem Kanal glitten die Gondeln und Vaporetti entlang, die Transportschiffe und Fischerboote. Niemand ahnte, was im Inneren des Palazzo vor sich ging. Was seit Jahrhunderten dort vor sich ging.

Die hohe Kunst des Giftmischens.

„Du hast alles in dem Zustand belassen wie aufgetragen?“, erkundigte sich Luciana, während Massimo die Tür ihres Labors öffnete.

„Ja, baronessa.“

„Vielen Dank, Massimo. Du kannst dich jetzt zurückziehen.“ „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, baronessa, würde ich Ihnen gern zur Hand gehen.“

Anscheinend wollte er auf sie aufpassen, doch nach ihren Erlebnissen in Amerika musste sie jetzt allein sein, um einen klaren Kopf zu bekommen. Um nachzudenken. „Alles in Ordnung. Ich rufe dich, wenn ich dich brauche.“

Mit einer Handbewegung scheuchte sie ihn davon.

Er zögerte, verbeugte sich dann aber und ging.

Ja, die Türhüter hatten ihre Sache auch hier gut gemacht. Sie sah sich in dem ordentlich aufgeräumten, kleinen Raum um. Getrocknete Blüten und Pflanzen, Belladonna- und Narzissenzwiebeln hingen von der Decke. Ein Glaskolben und ein Gasbrenner, den sie zum Destillieren benutzte, standen auf einer Seite ihres Arbeitstisches. Auf der anderen befand sich eine sorgfältig geordnete und beschriftete Sammlung von Flaschen und Flakons. Auf den Etiketten waren Namen wie Skorpion, Tarantel, Schwarze Witwe zu lesen.

„Buongiorno, bambini“, rief sie und beugte sich über ein Terrarium, in dem sich zwei Grüne Mambas tummelten. Zwei Paar grüne Knopfaugen fixierten sie, zwei gespaltene Zungen schossen wie zum Gruß hervor.

Neben anderen Giften war auch das Gift der Mambas in der kleinen Phiole enthalten, die Luciana um den Hals trug. Es waren viele Monate mit Herumexperimentieren vergangen, bis sie die richtige Mischung gefunden hatte. Darin waren einige der seltensten Gifte enthalten – stark genug, um einen Dämon zu töten. Das erste Opfer war ein Dämon von niederem Rang gewesen, der als Page in Corbin Ranulfsons Hotel in Las Vegas gearbeitet hatte. Er war schnell gestorben.

Würde man den Inhalt der Phiole einem menschlichen Wesen verabreichen, könnte man von einem „Overkill“ sprechen. Jetzt nahm Luciana die Kette ab und steckte die Phiole in die leere Kappe eines goldenen Lippenstiftröhrchens, das sie in ihre Tasche gleiten ließ.

Dieses Gift musste für einen anderen Einsatz aufbewahrt werden.

Für einen Einsatz, der sie am Ende für alles belohnen würde. Für all ihre harte Arbeit und das erlittene Leid. Für die Erniedrigung und den Schmerz. Für all die Risiken, die sie auf sich genommen hatte. Für das schier endlose Warten.

Ihre alten und neuen Feinde würden im Tod schreiend ihren Namen rufen.

Ihr Name würde in ihrer Erinnerung widerhallen, wenn sie für immer in den Tiefen der Hölle brannten.

„Bald“, flüsterte sie den Schlangen zu, „aber nicht heute Nacht.“

Luciana rühmte sich damit, für jeden Anlass das passende Gift parat zu haben, natürlich selbst zusammengemischt. Mit Gift konnte man Ergebnisse erzielen, die mit keiner anderen Mordmethode denkbar waren. Gift war das Erbe von Italiens Herrschergeschlechtern, wie den Borgias oder den Medici, und die Giftmischerei war eine hohe Kunst. Zu wertvoll, um unbeachtet zu bleiben.

Ihr Blick glitt über die verschiedenen Flaschen und Phiolen.

Arsen. Das Lieblingsgift der Borgias. Zu langsam in der Wir- kung. Heute Nacht musste es schneller gehen.

Schierling. Das Gift, das Sokrates getötet hatte.

Strychnin. Eindeutig zu melodramatisch. Verursachte un- nötig viele Zuckungen und Krämpfe. Manchmal genoss sie das, aber heute Abend sollte es etwas Einfacheres sein.

Luciana hielt eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit ge-gen das Licht.

Zyanid.

Perfetto. Das perfekte Gift für jede Gelegenheit. Sauber, effektiv und unglaublich schnell wirksam. Klassisch und zeitlos. Das Chanel unter den Giften.

Sie füllte eine kleine Menge Strychnin in eine zweite Phiole ab. Genau wie Parfum, dachte sie, als sie das kleine Glasgefäß an der Goldkette um ihren Hals befestigte. Ein kleines bisschen für eine große Wirkung.

Als die Boeing 747 abhob, als sich diese vielen Hundert Tonnen Metall samt Passagieren und Fracht in die Lüfte erhob, sah Brandon zu, wie die Lichter von Chicago unter ihm immer kleiner wurden und schließlich verschwanden.

Jeder Flug ist eine Sache des Vertrauens, dachte er.

Auch ein Vogel musste Vertrauen haben, wenn er fliegen wollte. Vertraute sich der Luft an und baute darauf, dass seine Flügel ihn tragen würden. Nicht anders verhielt es sich mit einem Flugzeug, das über die Startbahn donnerte, um schließlich abzuheben. Und auch jede Mission erforderte dieses blinde Vertrauen.

Vertrau darauf, dass die göttliche Kraft dich leiten und dich dorthin führen wird, wohin du gehen musst.

Diesem Prinzip gemäß hatte er sein Leben lang gearbeitet.

Und jetzt saß er auf seinem Platz in dem großen Flugzeug, das unter ihm erzitterte, und Angst stieg in ihm auf. Angst davor, einzuschlafen.

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