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Im Auftrag des Grafen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. Epilog
  22. Geschichtliche Anmerkungen

Über den Autor

Simon Beaufort lehrt als Historiker an der Universität von Cambridge in Großbritannien. Er hat zahlreiche Sachbücher verfasst. DAS GEHEIMNIS DER HEILIGEN STADT war der erste Band einer historischen Krimireihe um Sir Geoffrey Mappestone zur Zeit der Kreuzzüge. Simon Beaufort lebt mit seiner Frau, die ebenfalls eine erfolgreiche Schriftstellerin ist, in einem kleinen Dorf in Suffolk, England.

Simon Beaufort

Im Auftrag
des Grafen

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
von Linda Budinger und Alexander Lohmann

Prolog

Antiochia, im Februar 1098

Im Winter war die sengende Wüstenhitze nicht ganz so unerträglich wie in den Sommermonaten. Umso mehr litt das Kreuzfahrerheer vor den Mauern von Antiochia unter dem Hunger. Schon seit Wochen hatten die Krieger nichts Anständiges mehr zu Essen gehabt. Die umliegenden Dörfer waren restlos ausgeplündert, und die Fouriere mussten immer weitere Wege zurücklegen, um noch etwas jagen, rauben oder erbetteln zu können. Und zuletzt kehrten selbst die besten Plünderer mit leeren Händen zurück. Die Stimmung war am Boden: Die Krieger, von Hunger und Krankheiten geschwächt, sehnten sich nach zu Hause, fort von den Fliegen, die sie am Tage plagten, und dem elenden Regen, der sie in der Nacht durchnässte.

Philip der Grammatiker war aufgebracht. Da besaß er einen eigenen Vorrat an Viktualien, die er sorgsam verbarg, damit er nicht zu teilen brauchte, und nun sollte er – ein Sohn des berühmten Grafen von Shrewsbury und Mitglied des mächtigen Hauses Montgomery-Bellême – im Dreck kriechen wie ein Bauer!

Er hatte niemals vorgehabt, am Kreuzzug teilzunehmen. Dann aber war er aus England verbannt worden, und seine Güter hatte man eingezogen. Um die Verluste wettzumachen, war ihm nichts anderes übrig geblieben, als dem Aufruf des Papstes zu folgen und in den Osten zu ziehen.

Als viertes Kind des Grafen war Philip natürlich für eine kirchliche Laufbahn ausersehen worden, und der Spitzname »Grammatiker« bezog sich auf das Wissen, das er dabei hätte erwerben sollen. Allerdings lag mehr Spott als Wahrheit in dieser Bezeichnung: Er verachtete jede Art Gelehrsamkeit und wollte sich nicht mit einem dürftigen Dasein als Geistlicher abfinden.

Philip hatte für seine Zukunft andere Pläne: Er würde die Heilige Stadt den Klauen der Ungläubigen entreißen, mit einer Waffe, die so mächtig und furchterregend war, dass die Verteidiger Jerusalems sich sofort ergeben würden. Sein strahlender Erfolg würde ihm den Ruhm und Reichtum bringen, der ihm seiner Meinung nach zustand.

Ihm knurrte der Magen. Er hatte am Abend Dörrfleisch gegessen. Es war mehr, als die meisten Männer bekamen, aber nicht genug, um seinen Hunger zu stillen. Die Nahrung war inzwischen so knapp, dass ein Laib Brot ein Goldstück kostete, und ein mageres Hühnchen sogar drei. Einfache Krieger konnten sich solche Preise nicht leisten, und es sah so aus, als würde der Kreuzzug schon lange vor Jerusalem in die Knie gezwungen – von den leeren Bäuchen. In der Zwischenzeit blickten die Türken Antiochias voll Hohn auf die entmutigten Kreuzfahrer.

Philip hielt nicht viel von dieser Belagerung. Er sah nicht ein, warum sie unbedingt Antiochia einnehmen mussten, bevor sie auf Jerusalem vorrücken konnten. Er hatte im Kreis der Befehlshaber wieder und wieder erläutert, dass sie hier nur ihre Zeit verschwendeten, während sie doch die Heilige Stadt selbst angreifen könnten. Aber die wollten keine feindliche Streitmacht im Rücken haben, indem sie Antiochia in den Händen des Gegners ließen. Philip war das egal. Er wollte einfach nur Jerusalem befreien und ruhmvoll nach Hause zurückkehren.

Er blickte unters Bett auf die Kiste, die sein Geheimnis barg. Sie enthielt eine kleine Menge jener tödlichen Substanz, die Griechisches Feuer genannt wurde, und dazu die Rezeptur. Griechisches Feuer war schon des Öfteren gegen die Kreuzfahrer eingesetzt worden, aber sie selbst hatten bisher keines herstellen können: Es fehlte eine Zutat, die ihre Alchemisten nicht ermitteln konnten.

Philip hatte das Geheimnis von einem sterbenden Krieger in Konstantinopel erfahren, der im Fieberwahn geredet und gar nicht mehr verstanden hatte, was er da enthüllte. Es ging um eine Substanz, die wie durch Zauberei unaufhörlich weiterbrannte und auch mit Wasser nicht zu löschen war. Philip hatte das Rezept niedergeschrieben. Er wusste genau, dass hier der Schlüssel zu seiner Zukunft lag.

Er hatte überlegt, die Waffe gegen Antiochia einzusetzen. Aber hier würde sie nicht viel ausrichten. Diese Stadt war nur durch einen Verrat innerhalb der Mauern zu bezwingen. Und Philip wollte sein Geheimnis nicht sinnlos vergeuden. Er war entschlossen, es bis Jerusalem und für Jerusalem allein zurückzuhalten. Dann würde niemand je von der Befreiung der Heiligen Stadt sprechen können, ohne zugleich auch den Namen von Philip dem Grammatiker zu rühmen.

Am liebsten würde er sich dem mächtigen Bohemund anschließen. Der gehörte zu den wenigen Vernünftigen, die Antiochia hinter sich gelassen hatten und nach Jerusalem marschiert waren. Allerdings schickte Tankred, einer der fähigsten Heerführer unter den Kreuzrittern, jede Nacht berittene Patrouillen aus, die das Lager vor den Überfällen der Sarazenen schützen und die stete Fahnenflucht eindämmen sollten. Um zu entkommen, würde Philip sich an diesen Wachen vorbeischleichen müssen, was mit den Pferden, dem Knappen und den Vorräten nicht einfach war – und er wollte gewiss nicht mit leeren Händen fortgehen.

Sein knurrender Magen verhalf ihm zu einer Entscheidung. Nein, er würde nicht elend verhungern, wenn seine Vorräte erschöpft waren, oder an dieser Krankheit in den Eingeweiden zugrunde gehen, die schon mehr Krieger umbrachte als sämtliche Schlachten. Er würde Antiochia hinter sich lassen, gemeinsam mit Bohemund Jerusalem angreifen und unsterblichen Ruhm erlangen!

Endlich fühlte er sich besser. Allerdings musste er sich erst noch über die nächtlichen Streifen kundig machen, bevor er den Vorstoß in die Freiheit wagen konnte. Manche Wachen waren aufmerksamer als andere, und er hatte nicht vor, sich in Schande zurück ins Lager schleifen zu lassen.

Mit dem Knappen im Gefolge verließ er das Zelt und begab sich auf eine Wanderung durch das Lager, lauschte dem leisen Stöhnen der Männer, die von Brot und Fleisch träumten, und den schwachen, beklemmenden Schreien jener, die den Morgen nicht mehr erleben würden.

Zu seinem Missfallen erfuhr er, dass in dieser Nacht Sir Geoffrey Mappestone für die Wache verantwortlich war, einer von Tankreds vertrauenswürdigsten Unterführern. Mappestones Patrouillen waren aufmerksam und gut geplant. An denen würde er niemals unbemerkt vorbeikommen. Als er jedoch hörte, dass am nächsten Tag die Lothringer Dienst haben würden, schöpfte er neuen Mut. Die waren ein ungebärdiger und undisziplinierter Haufen und zogen es vor, hinter irgendwelchen Felsen ein Nickerchen zu halten oder auf der Suche nach marodierenden Ungläubigen durch die Wüste zu streifen. Wenn die Wache hielten, würde er mühelos durchschlüpfen können.

Zum ersten Mal seit Wochen hob sich seine Stimmung, und er ließ den Knappen wissen, dass sie am nächsten Abend aufbrechen wollten. Der nickte erleichtert, vor allem, da es nur noch eine Frage der Zeit gewesen wäre, bis Philip auffiele, dass er nicht als Einziger von den verborgenen Vorräten lebte: Der Knappe sah nicht ein, warum er verhungern sollte, fürchtete aber den Tag, wo Philip ihm auf die Schliche käme. Durch die Flucht würde seine Verfehlung nun nicht mehr ans Licht kommen.

Philip sah zu, wie Geoffrey seine Männer einteilte und dann auf sein Schlachtross stieg, um ein weiteres Mal Antiochias vierhundert Türme und die fünfundzwanzig Meilen lange Stadtmauer zu inspizieren. Philip schnaubte verächtlich. Glaubte der Ritter wirklich, damit irgendetwas zu gewinnen? Antiochia verfügte über tiefe Brunnen mit frischem Wasser, und die Getreidekammern der Stadt waren voll. Die Belagerer konnten noch bis zum Tag des Jüngsten Gerichts ausharren, ohne dass die Stadt fiele.

Er wollte eben zu seinem Zelt zurückkehren und sich zur Ruhe begeben, als er einen Schrei vernahm. Unweit des Lagers gab es eine schmale Brücke über den Orontes, die in besseren Zeiten Antiochia mit den angrenzenden Ebenen verband. Im Augenblick wurde sie nur benutzt, wenn Angreifer sich im Schutze der Dunkelheit hinüberschlichen, um unter den Belagerern für Unruhe zu sorgen, oder wenn tapfere und entschlossene Männer wie dieser Mappestone mal wieder gegen die Zitadelle anrannten. Entsetzt sah Philip Fackeln durch die Luft fliegen, und Zelte gingen in Flammen auf. Die Furcht krampfte ihm den Magen zusammen. Das Lager wurde angegriffen! Männer rollten sich benommen aus ihren Decken, viele zu schwach, um auch nur ein Schwert zu halten, geschweige denn einen Angriff von gut bewaffneten und gesunden Feinden zurückzuschlagen.

Philip wurde schlecht vor Angst. Er preschte zu seinem Zelt zurück und kroch unter das Bett, um sich dort mitsamt seiner kostbaren Kiste zu verbergen. Der Knappe beobachtete verblüfft die Feigheit seines Herrn, dann gab er einen erstickten Laut von sich, als etwas durch das Zeltdach zischte und sich in seine Brust bohrte. Es war ein Brandpfeil.

Während der Knappe unter Qualen starb, kroch Philip davon. Wenn er bliebe, wo er war, würde er zu Asche verbrennen. Also rannte er nach draußen, die kostbare Kiste fest an sich gedrückt. Mit Bedacht ließ er seinen Schild zurück, damit er nicht als hochrangiger Kreuzfahrer zu erkennen war und die Klingen der Ungläubigen auf sich zog.

Er blickte gehetzt um sich und suchte nach der Stelle, wo der Kampf am heftigsten tobte – damit er selbst in die entgegengesetzte Richtung davonlaufen konnte. Inzwischen war das ganze Lager in flackernden gelbroten Schein getaucht, und überall wüteten Brände. Philip war zum Heulen zumute. Seine Vorräte waren vernichtet, und er musste in Zukunft wie ein gewöhnlicher Kriegsknecht ohne Zelt schlafen.

»Dorthin!«, hörte er Sir Geoffrey rufen. »Haltet sie auf!«

Er wandte sich in die Richtung, die der Ritter ihm wies, und sah eine Reihe türkischer Krieger auf die Baracken zulaufen, wo wertvolle Dinge wie Landkarten und die Berichte von Spionen aufbewahrt wurden. Die Feinde schwenkten Fackeln, und es war offensichtlich, was sie vorhatten. Philip erkannte voller Schreck, dass Geoffrey von ihm Hilfe erwartete. Der Ritter hielt das schwere Breitschwert in der einen Hand und den Dolch in der anderen und rief Philip zu, ihm zu folgen.

Mit einem Schlachtruf, der Philip das Blut in den Adern gerinnen ließ, stürzte sich Geoffrey auf die Türken und schlug um sich. Bald war er umzingelt und von einer Übermacht bedrängt. Philip wich ins Dunkle zurück und spürte nicht die geringste Neigung, sich in ein Scharmützel hineinziehen zu lassen, bei dem er gewiss in Stücke gehackt werden würde.

Er wandte sich abermals zur Flucht, aber plötzlich verspürte er einen stechenden Schmerz zwischen den Schultern, und er bekam keine Luft mehr. Er ließ die Kiste fallen und tastete mit unsicheren Fingern nach der Stelle. Als er auf seine Hände sah, glänzten sie dunkel. Man hatte ihm in den Rücken gestochen!

Ein Schatten schob sich an ihm vorbei. Das war kein Türke! In stummer Bestürzung erkannte Philip, dass er nicht in einer glorreichen Schlacht fiel, wo seine Seele sogleich zu den Pforten des Himmels emporgetragen wurde. Man hatte ihn niederträchtig ermordet, wie einen Bettler in finsterer Gasse.

Er brach in die Knie und sah hilflos zu, wie sein Mörder die Kiste aufhob und in die Nacht verschwand.

1. Kapitel

London, im März 1102

Sir Geoffrey Mappestone und Sir Roger von Durham waren erfahrene und schwerbewaffnete normannische Ritter, und doch war ihnen nicht wohl zumute, als sie durch die Straßen von Southwark auf die Brücke nach London zuritten. Es dämmerte schon, und die schmalen Gassen wimmelten von Gestalten, die man bei Tageslicht nicht zu sehen bekam: Räuber, die in der Dunkelheit ihren Opfern nachstellten, Huren mit harten Gesichtern, die Männer in spärlich beleuchtete Schenken locken und ihnen die Börsen erleichtern wollten, dazu abtrünnige Priester, die unter der schwachen Herrschaft von William Rufus mit ihren Schwarzen Künsten gute Geschäfte gemacht hatten. Rufus’ Nachfolger, König Henry, war weniger duldsam, weshalb diese sündigen Geistlichen sich inzwischen verstecken mussten. Doch des Nachts wagten sie sich noch hervor – sobald die Sonne untergegangen war und sie nicht erkannt und an die Häscher des Königs verraten werden konnten.

Die Brücke wurde bei Sonnenuntergang geschlossen und trennte Southwark mitsamt seiner zwielichtigen Geschäftigkeit von dem wohlhabenderen London, das sich entlang der anderen Themseseite erstreckte. Geoffrey drückte seinem Schlachtross die Knie in die Flanken, um es zu schnellerem Schritt anzuspornen. Nur ungern wollte er länger an einem Ort verweilen, wo er mit Roger und seinen drei Gefolgsleuten nicht willkommen war.

So lange war es noch nicht her, dass der Eroberer in England eingefallen war und die Sachsen im eigenen Land zu Untertanen minderen Rechts gemacht hatte. Diese Niederlage sorgte immer noch für Verdruss. Viele der abendlichen Spaziergänger von Southwark würden die Gelegenheit, einen normannischen Ritter zu töten, sein Pferd zu stehlen und die Satteltaschen zu plündern, dankbar nutzen. Geoffreys schwarzweißer Hund winselte vor Unbehagen, und Geoffrey konnte nachfühlen, wie dem Tier zumute war.

Das Tageslicht schwand rasch und zeigte deutlich, wie kurz ein Märztag sein konnte. Es war noch nicht einmal fünf Uhr, aber schon schoben sich dichte, schwarze Schatten über die Straßen, und Lichter flackerten in den Häusern derjenigen, die sich eine Lampe und den zugehörigen Brennstoff leisten konnten. Zu allem Überfluss fing es an zu regnen, und die trüben Wolken taten das ihre, um dem Tag ein rasches Ende zu bereiten. Allmählich wurde aus dem Tröpfeln ein prasselnder Wolkenbruch, der vom eisigen Nordwind in tückischen, kalten Böen aufgewirbelt wurde.

»Suchen wir uns ein Gasthaus«, sagte Roger. Das Wasser floss ihm in Strömen über den Helm. Er zerrte mit einem plumpen Finger an seinem vollgesogenen Mantelkragen und schaute sich um. »Kein hübscher Ort hier, aber ich hab schon an schlimmeren geschlafen. Wir können morgen bei Sonnenaufgang über die Brücke und kommen immer noch pünktlich zu deiner Audienz beim König.«

»Nein«, widersprach Geoffrey. Wenn Roger bereits an schlimmeren Orten übernachtet hatte, musste er wahrlich ungesunde Stätten mit seiner Gegenwart beehrt haben. »Wir können hier nicht bleiben. Es ist nicht sicher.«

»Nicht sicher?«, spottete Roger. »Wir sind Ritter, bewaffnet mit dem besten Stahl, der sich für Gold kaufen lässt. Auf unserem Wappenrock steht das Zeichen der Kreuzfahrer und zeigt jedem, dass wir Jerosolimitani sind – die Männer, die Jerusalem vor zwei Jahren den Klauen der Ungläubigen entrissen haben. Was denkst du wohl, wer sich mit uns anlegen will?«

»Das hier ist etwas anderes«, wandte Geoffrey ein. Die Bewohner von Southwark würden sie wohl kaum zu einem offenen Kampf fordern. Aber hinterhältige Pfeile aus finsteren Gassen oder verlassenen Gebäuden waren eine ganz andere Sache …

»Blödsinn«, stellte Roger entschieden fest. »Niemand würde es wagen.«

Ein schleifendes Geräusch ließ Geoffreys Hand zum Schwertgriff fahren. Er spähte die Straße entlang auf der Suche nach einer Bedrohung, aber nichts war zu sehen. Er blickte zu den strohgedeckten Dächern auf, die eine gezackte Linie vor dem schmalen grauen Streifen Himmel bildeten, und schalt Roger in Gedanken einen selbstgefälligen Narren. Weder sie noch ihre Männer trugen etwas Wertvolles bei sich, aber Mäntel und Rüstung waren von guter Qualität, die Schlachtrösser kostbar und gut ausgebildet. Das reichte aus, um den Ehrgeiz eines Diebes zu reizen, der eine günstige Gelegenheit witterte und geschickt mit dem Bogen war.

Vor ihnen lag ein Gasthaus. Aus Rissen und Spalten der Fensterläden drang Licht und erhellte die verdreckte Straße. Über dem Eingang schwang das Schild hin und her und knarrte laut genug, um den prasselnden Regen und die trunkene Unterhaltung zu übertönen, die gedämpft aus dem Schankraum drang.

»Der Heilige Held«, bemerkte Roger mit blinzelndem Blick auf das Schild. Es zeigte einen unglücklich dreinblickenden Kreuzfahrer, der soeben den Kopf verlor. Darunter waren Worte gekrakelt, die für Roger, den Analphabeten, keine Bedeutung besaßen. »Ich bin heut lang genug durch den Regen getrottet, und wir sind ohnehin zu spät für die Brücke. Wir bleiben hier.«

»Bleiben wir nicht«, widersprach Geoffrey. Er konnte lesen, weshalb ihm die meisten seiner Standesgenossen mit ausgeprägtem Misstrauen begegneten – und Roger bildete dabei keine Ausnahme. »Das Gasthaus heißt ›Der Enthauptete Kreuzfahrer‹, und das Schild zeigt deinen ›Helden‹, wie er soeben von einer Hure aus Southwark geköpft wird. Das klingt nicht gerade nach einem Haus, wo man unsere Anwesenheit begrüßt.«

»Das sehe ich auch so.« Geoffreys Sergeant Will Helbye trieb sein Pferd nach vorne, um sich einzumischen. »Mir gefällt das hier genauso wenig.«

Helbye, ein ergrauter Veteran nahe der sechzig, stand nun seit vielen Jahren in Geoffreys Diensten. Er hätte sich schon vor einiger Zeit in seiner Heimat nahe der walisischen Grenze zur Ruhe setzen sollen, aber Helbye zeigte keine Neigung, als Bauer sesshaft zu werden. Er würde wohl ein Krieger bleiben, bis er entweder in der Schlacht fiel oder tot aus dem Sattel kippte.

Geoffreys Knappe Durand nickte bekräftigend. Aber der war ohnehin feige und mäklerisch, und Geoffrey legte selten Wert auf seine Meinung. Durand war schon alt für einen Knappen, sogar älter als Geoffrey, und ein gepflegter, schlanker Mann mit langem, goldblondem Haar. Von hinten wurde Durand oft für eine Frau gehalten, was Geoffrey anfangs noch belustigt hatte. Aber bei ein oder zwei Gelegenheiten hatte die Verwechslung zu Handgreiflichkeiten geführt, sodass das Erscheinungsbild seines Knappen schließlich mehr Bürde als Anlass zur Heiterkeit war.

»Hier stinkt es nicht nur, sondern ich habe gerade auch noch eine Hure hineingehen sehen«, stellte Durand schaudernd fest. Diese Bemerkung brachte ihm einen missbilligenden Blick seiner Gefährten ein. Durand verabscheute nicht nur Prostituierte, sondern Frauen im Allgemeinen, und das konnten die anderen nur schwer nachvollziehen.

»Also, für mich sieht das Haus vollkommen ehrbar aus«, wandte Roger ein. »Mein Pferd lahmt, und es ist Zeit für eine Rast. Der König erwartet Geoffrey erst morgen Mittag, also müssen wir nicht unbedingt noch heut Abend über den Fluss.«

Geoffrey verstand sehr gut, warum sein Freund nicht weiterreiten wollte, während hier ein warmes Lager lockte. Sie saßen seit dem Morgengrauen im Sattel, und Roger kehrte immer gern irgendwo ein – vor allem in einem Gasthaus, das mit Huren und Ale gut versorgt zu sein schien. Ein Mann mit gefülltem Beutel und großem Durst konnte nicht mehr verlangen.

Roger war ein bulliger und freimütiger Mensch, sein Vater – der verschlagene Bischof von Durham – einer der meistgehassten Männer Englands, mit dem er allerdings wenig gemein hatte. Wie Geoffrey trug er das Haar kurz geschoren, war glatt rasiert und sein Gesicht gerötet von einem Leben unter freiem Himmel. Geoffrey war kleiner und sauberer, hatte hellbraunes Haar und grüne Augen und war klug genug, um mitunter Gefallen an einer List zu finden, auch wenn ihn ständige Unaufrichtigkeit abstieß.

Geoffrey beäugte den Enthaupteten Kreuzfahrer misstrauisch und erwog seine Möglichkeiten. Es war eines der größten Gasthäuser am Südufer, mit Mauern aus Fachwerk und einem dichten Strohdach. Mehr als einmal war es erweitert und neu gebaut worden, denn die einzelnen Flügel passten nicht recht zueinander und bildeten ein Gewirr von Fenstern und Mauerwinkeln. Überall sah man fleckige Rückstände von dem Öl, das die Balken schützte, und das Dach war voller Moos und fauler Stellen.

Während er noch zögerte, stach Geoffrey etwas in die Nase, das der Gestank des Unrats in der Gosse nicht ganz überdecken konnte, etwas Beißendes, das ihm gefährlich erschien. Vage Erinnerungen regten sich in seinem Geist. Diesem Geruch war er schon einmal begegnet, aber er konnte ihn nicht so recht einordnen. Er erkannte den brandigen, fauligen Gestank von Schwefel, und der stechende kam von Ätzkalk. Er fragte sich schon, was für eine Art Bier dieser Wirt wohl seinen Gästen auftrug.

Rasch kam er zu dem Schluss, dass Roger sich irrte: Der Enthauptete Kreuzfahrer war kein Ort für ihn und seine Gefährten. Schon wollte er weiterreiten, als von den oberen Fenstern des Gasthauses plötzlich ein Schrei zu hören war. Geoffrey blickte gerade rechtzeitig empor, um etwas Großes, Schweres auf sich zustürzen zu sehen. Erschrocken riss er einen Arm hoch. Doch unmittelbar über seinem Kopf kam es von selbst zu einem abrupten Halt, begleitet von einem unangenehmen Knacken.

Durand kreischte erschrocken und verlor prompt die Kontrolle über sein Pony, während Geoffreys Hund wild losbellte.

»Verdammt nochmal«, rief Geoffrey gereizt aus, weil Durands Schrei ihn mehr erschreckt hatte als dieses Ding, das so plötzlich und unerwartet aus dem Fenster gefallen war.

»Es ist ein Mann!«, stammelte Durand und wies auf das Bündel, das rhythmisch knirschend über ihnen hin und her schwang. »Und er ist tot!«

»Er wurde gehängt«, stellte Geoffrey fest, der das widerliche Knacken eines brechenden Genicks im selben Augenblick erkannt hatte. Er stellte sich im Sattel auf, fasste nach den Füßen des Toten und gebot ihrem grausigen Tanz Einhalt. »So was siehst du sicher nicht zum ersten Mal!«

»Oh doch!«, widersprach Durand mit zitternder Stimme. »Ihr wisst genau, dass ich für eine geistliche Laufbahn ausersehen war, vor diesem Vorfall mit dem Schlachtersohn. Bisher musste ich nur eine einzige Leiche sehen, und das war meine Großmutter, die vergangene Ostern an einem Pantoffel erstickt ist.«

Geoffrey wollte gar nicht erst nach den Einzelheiten dieser Geschichte fragen, so vielversprechend sie auch klingen mochte. Durand war wegen »widernatürlicher Praktiken« aus der Kirche ausgestoßen worden. Sein Lehnsherr Tankred hatte ihn Geoffrey als Knappen aufgenötigt. Tankred war Durands Vater einen Gefallen schuldig gewesen, hatte aber rasch erkannt, dass er Durand gewiss nicht zum Ritter umerziehen konnte.

Geoffrey hatte eine Vorladung des Königs erhalten, wonach er sich am Tage vor Palmsonntag bis Mittag im Palast zu Westminster einzufinden habe, und Tankred hatte ihn nur unter der Bedingung ziehen lassen, dass er Durand mit sich nahm – und bei der Gelegenheit einen Krieger aus ihm machte. Doch diese Aufgabe überstieg auch Geoffreys Kräfte. Durand wollte seine Zeit in Kirchen verbringen und haderte mit einem Geschick, das ihm den gewählten Lebensweg unmöglich gemacht hatte. Das war ein ziemlich unerfreulicher Zustand, und Geoffrey fühlte sich bei dem Handel von Tankred übervorteilt.

»Was sollen wir tun?«, fragte Roger. Er griff nach einem der Knöchel und drehte den Toten herum, um das Gesicht zu sehen. Doch es war zu dunkel.

»Wir können hier gar nichts tun«, stellte Geoffrey nüchtern fest. »Er ist tot. Wir sollten weiterreiten, bevor noch jemand uns dafür die Schuld gibt.«

»Wir können ihn doch nicht einfach so hängen lassen«, wandte Durand entsetzt ein. »Wir sind keine Sarazenen, die ihre Toten den Aasvögeln überlassen. Wir müssen es jemandem sagen, damit man ihn abschneidet.«

»Es wird ihn bald genug jemand finden«, erwiderte Geoffrey. »Das ist nicht unsere Sache. Aber wenn es dein Gewissen beruhigt, können wir später einem Priester Bescheid geben, damit er hier vorbeischaut und ihm die letzte Ölung gibt.«

»Kein Priester wird ihm die letzte Ölung geben«, widersprach Roger. »Er hat Selbstmord begangen.«

Geoffrey drehte den Leichnam wieder herum, bis Roger die Hände erkennen konnte. Sie waren grob, aber fest hinter dem Rücken zusammengebunden. »Er wurde ermordet. Hast du etwa die Rauferei und den Schrei nicht gehört?«

Durand wimmerte erschrocken. Geoffrey wünschte wirklich, der Mann hätte sich besser in der Gewalt. Ein Gefolgsmann, der vor Angst zu heulen anfing, schadete auch dem Ruf seines Herrn. Und der Hund war auch nicht viel besser: Das Tier stand da, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, und blickte mit aufgerissenen Augen zu dem Gehenkten auf.

Geoffrey beneidete Roger um seinen Knappen, einen robusten Sachsen namens Ulfrith. Was den Verstand anging, war Ulfrith Durand nicht ebenbürtig, aber er zeigte selten Furcht und tat meist genau das, was Roger ihm befahl, so sinnlos der Befehl auch scheinen mochte.

»Ihr meint, jemand hat ihn mit einem Strick um den Hals aus dem Fenster geworfen?«, fragte Ulfrith. »Und ihm die Hände gefesselt, damit er sich nicht befreien kann?«

Geoffrey nickte. »Die Knoten taugen nicht viel, aber sie mussten auch nur wenige Augenblicke halten.«

»Mord!«, wehklagte Durand so laut, dass die anderen erschrocken zusammenzuckten.

»Beherrsch dich!«, schnauzte Helbye. »Oder willst du mit deinem Gekreische alle Räuber und Rumtreiber von Southwark anlocken?«

»Bestimmt nicht«, erwiderte Durand hastig und wandte sein Pferd in Richtung der Brücke.

Aber es war zu spät. Die Türe zum Gasthaus sprang auf, und Gäste strömten heraus, um dem Lärm auf den Grund zu gehen. Zwei stützten sich aufeinander und lachten haltlos über einen Witz, den man nur mit reichlich Ale im Leib lustig finden konnte. Ein Geistlicher in brauner Kutte und mit schlechten Zähnen umklammerte eine halbnackte Hure, die sich lautstark beschwerte, weil er sie so auf die Straße zerrte. Eine weitere Frau starrte die Reisenden aus trüben Augen an, dann wanderte ihr Blick nach oben. Als sie den im Wind schwankenden Leichnam entdeckte, stieß sie den schrillsten Schrei aus, den Geoffrey je gehört hatte. Sie brach nicht ab, und so schwärmten die Gäste aus der Schenke wie Wespen aus ihrem Nest. Innerhalb weniger Augenblicke waren die beiden Ritter und ihr Gefolge von einer feindseligen Menge umringt, die unverkennbar sie für die Mörder hielt.

Geoffrey fühlte sich von diesem Haufen nicht sonderlich eingeschüchtert. Viele mochten ein Messer oder einen Knüppel bei sich tragen, doch durch das Kettenhemd, den Helm und den ausgepolsterten Wappenrock konnten sie ihm nicht viel anhaben. Außerdem würden wohl die meisten um ihr Leben rennen, sobald er das Schwert zog. Sein Pferd war für die Schlacht ausgebildet und an solche Situationen gewöhnt. Geduldig wartete es auf einen Befehl, um vorzupreschen oder mit den Hufen auszukeilen.

Er hielt in der Menge nach einem Wortführer Ausschau, sah aber nur abgehärmte und leere Gesichter, die mit einem solchen so viel gemein hatten wie die Schafe in einer Herde. Mehrere Leute in der hinteren Reihe verbargen sich unter Kapuzen. Das waren wohl Kaufleute oder Edle, die sich nicht bei einer Schenke in Southwark in eine Affäre verwickeln lassen wollten. Bei einem sah man Silberfäden an der Kleidung aufblitzen, ein anderer trug einen pelzgesäumten Mantel, der teuer und von aufwändiger Machart war. Der Mann schien sehr darauf bedacht, im Schatten zu bleiben, aber Geoffrey konnte doch die Umrisse eines Kopfes mit stachelig abstehenden Haaren erkennen.

Ganz hinten, am Rand der versammelten Schar, eilten zwei Gestalten mit einer langen Kiste davon, ein großer Mann, der sich gelassen und zielstrebig bewegte, und ein schmächtiger, der nicht so kräftig war, sodass die Kiste bei jedem ihrer Schritte schwankte und hüpfte. Vermutlich war es ein Händler mit seinem Lehrling, der unrechtmäßig erworbene Güter anbot und nun verstecken wollte, bevor der Mord die königliche Wache herbeilockte.

Schließlich bahnte sich ein stämmiger Mann mit buschigem, blondem Bart einen Weg durch die Menge und übernahm das Reden. Seine Kleidung war voller Flecken, und die verdreckte Schürze machte ihn als Wirt kenntlich. Er blickte zu dem Leichnam empor, dann wieder auf Geoffrey und Roger. Die Kreuzfahrerabzeichen an den Wappenröcken beäugte er mit besonderer Aufmerksamkeit.

»Warum habt Ihr das getan?«, verlangte er zu wissen. »Hattet Ihr im Heiligen Land nicht genug Gemetzel?«

»Ehrlich gesagt nicht«, erwiderte Roger und nahm die Frage wörtlich. Nichts mochte er lieber als ein kleines Scharmützel, in dem er seine Kampfkunst auf die Probe stellen konnte. Er und Geoffrey hatten über dieses Thema schon mehr als einmal Streit bekommen, wenn Geoffrey sich für eine friedliche Lösung einsetzte, aber Roger unbedingt Gewalt anwenden wollte. »Ich habe niemanden mehr erschlagen, seit …«

Er hielt inne, als Geoffrey ihm einen warnenden Blick zuwarf. Roger verstand nicht immer, warum sein Freund ihn am Sprechen hinderte, aber zumindest hatte er im Laufe der Zeit gelernt, den Mund zu halten und später nach dem Grund zu fragen. Und in diesem Fall fand Geoffrey, dass sie sich keine Freunde machen würden, wenn Roger allzu eifrig eine Vorliebe fürs Töten bekundete.

»Das waren wir nicht«, übernahm er nun das Wort. »Wir sind nur vorübergeritten, da stürzte er plötzlich aus dem Fenster.«

Der Wirt war überrascht. »Das sollen wir glauben? Zwei Normannen ›reiten vorüber‹, und zufällig wird genau im selben Augenblick einer meiner Gäste erhängt?«

»Es ist egal, was Ihr glaubt«, beschied Geoffrey ihn knapp. »So ist es jedenfalls geschehen.«

Der Wirt beäugte ihn aus zusammengekniffenen Augen und schätzte die Ritter neu ein. Immerhin waren sie nach ihrem blutrünstigen Vergnügen nicht einfach weitergeritten, sondern sie blieben am Ort des Geschehens und rechtfertigten sich. Geoffrey wagte zu hoffen, dass sich eine unangenehme Situation vielleicht noch vermeiden ließ.

»Ich bin Oswin.« Mit sichtlichem Stolz wies der Mann auf den Enthaupteten Kreuzfahrer. »Mir gehört das beste Gasthaus von Southwark, und Ihr solltet mir lieber die Wahrheit sagen.«

Geoffrey zuckte die Achseln. »Wir haben keinen Grund, Euch anzulügen, Meister Oswin. Wir sind Zeugen dieses Todesfalls, nicht die Täter.«

Oswin ließ sich eine brennende Fackel reichen. Dann schob er die Leute beiseite und sah sich den Toten an, der da über ihnen baumelte. Die Anwesenden waren anscheinend geneigt, ihm das Reden zu überlassen, und Oswin genoss seine exponierte Stellung sichtlich. Er hielt die unruhige Flamme nach oben, bis er das Gesicht des Toten sehen konnte, und stieß ein entsetztes Keuchen aus, das bei mehreren Gästen ein Echo fand. Geoffrey bemerkte, wie sich zwei oder drei sogleich davonschlichen.

»Aber das ist ja der arme Hugh!«, rief Oswin aus und wandte sich anklagend an Geoffrey. »Was könnte er getan haben, um das zu verdienen? Er war von schwachem Verstand und nicht annähernd der Mann, der sein Vater war. Wie konntet Ihr nur so etwas tun?«

»Wir kennen Euren ›armen Hugh‹ nicht«, erwiderte Geoffrey. »Und wie können wir für seinen Tod verantwortlich sein, wenn er vom Inneren der Schenke aus erhängt wurde und wir draußen waren?«

Oswin blickte skeptisch. »Das behauptet Ihr. Aber die Schenke ist heute Abend gut gefüllt, und wir haben nur Euer Wort, dass Ihr nicht drinnen wart.«

»Wir lügen nicht!«, widersprach Roger entrüstet. »Außerdem hängen wir nicht grundlos irgendwelche Leute auf.«

Geoffrey ignorierte den folgenden Wortwechsel. Er interessierte sich mehr für den Leichnam, der im flackernden Licht der Fackel zum ersten Mal richtig zu erkennen war. Es war nicht irgendein armer Tropf – beispielsweise ein Dieb, den man ertappt und gleich selbst der Gerechtigkeit zugeführt hatte –, sondern ein Mann, der sich gute Kleidung hatte leisten können. An seinem Kragen steckte eine kostbare Brosche, und die Stiefel waren blank poliert. Hugh musste ein Mann von Stand gewesen sein, der zum Gasthaus ritt und nicht durch den Straßenschlamm watete. Er war Anfang zwanzig, schätzte Geoffrey, und hatte lange, schwarze Haare.

»Das ist ja furchtbar«, stotterte Oswin. Weitere Zuschauer verließen kopfschüttelnd die Menge und murmelten vor sich hin, dass sie mit dieser Sache nichts zu tun haben wollten. Unter den Kapuzenträgern im Hintergrund wechselte man unbehagliche Blicke. Einer von ihnen schob sich nach vorn, um einen näheren Blick auf den Erhängten zu werfen, und eilte dann zu seinen Begleitern zurück. Geoffrey sah, wie sie miteinander tuschelten.

»Wer sollte Hugh töten wollen?«, fragte ein Mann mit schmalem Gesicht und fleischigen Ohren nachdenklich. »Er war ganz harmlos.« Wegen der Schürze, die Oswins recht ähnlich sah, hielt Geoffrey ihn für einen Schankburschen.

»Er war ein Kind, Wulfric«, antwortete Oswin eisig, was eher an Roger gerichtet schien, den er mit unverhohlener Abneigung beäugte. »Niemand muss einem Kind ein Leid zufügen.«

»Nun, wie kindlich er auch war, wir kennen ihn jedenfalls nicht«, stellte Roger ungeduldig fest. Er hatte genug von Oswin und konnte es nicht erwarten, von dort wegzukommen. Ein Krug Ale und eine Gesellschaft, die ein wenig zuträglicher war als der vorwurfsvolle Wirt, das war die Erholung, nach der Roger sich nun sehnte.

»Ihr werdet ihn noch kennenlernen«, stellte Oswin mit hässlichem Grinsen fest. »Ihr müsst wissen, Hugh ist der uneheliche Sohn von Hugh.« Er verschränkte die Arme und schaute zu Roger auf, als müsse der nun mächtig beeindruckt sein. Der bullige Ritter starrte ihn dagegen misstrauisch an, als hätte der Wirt gerade einen Witz erzählt, den er nicht verstand.

»Dann bestellt diesem Hugh unser Beileid«, teilte Geoffrey dem Wirt mit, bevor dieser noch zu einer endlosen Erklärung ansetzen konnte, die ohnehin niemanden interessierte. »Wir haben in London zu tun und können nicht bleiben …«

»Die Sonne ist schon untergegangen«, wandte Wulfric mit boshafter Befriedigung ein. »Ihr kommt nicht mehr über die Brücke. Sie ist in der Nacht geschlossen, damit die Londoner Kaufleute uns nicht überfallen und sich mit unserem weltlichen Besitz davonmachen können.«

Eine seltsame Deutung dieser Sperrstunde, fand Geoffrey und unterdrückte seine Belustigung. Womöglich gab es reiche Kaufleute, die sich über den Fluss schleichen und die ungesunden Gassen am Südufer aufsuchen wollten. Aber dabei dürften sie kaum ans Plündern denken. Sie hätten eher Geschäfte im Sinn, die man bei Tage nicht verhandeln konnte, oder die Huren, die als »Winchester-Gänse« bekannt waren, da sie in Häusern arbeiteten, die der Bischof von Winchester vermietete.

»Uns werden die Wachen durchlassen«, verkündete Roger mit grimmiger Entschlossenheit. »Entweder lassen sie sich von einer silbernen Münze überzeugen oder von hartem Stahl.« Er griff an seinen Gürtel und riss das Breitschwert klirrend aus der Scheide. Die Schar der Gaffer schmolz zusammen wie ein Schneehaufen unter der Sonne. Die Übrigen erhoben ein feindseliges Gemurmel.

Geoffrey seufzte und wünschte sich, sein Freund überließe ihm das Reden. Roger hatte die unkluge Gewohnheit, voreilig die Waffe zu ziehen, und es wäre nicht das erste Mal, dass er damit eine unnötige Rauferei anzettelte.

»Ihr seid zu spät«, wiederholte Oswin, unbeeindruckt von der Gewaltbereitschaft des Ritters. Er bemerkte, wie Roger nachdenklich auf den Enthaupteten Kreuzfahrer blickte. »Und glaubt nur nicht, dass Ihr mich mit Eurem Silber oder Eurem Schwert überreden könnt. Ich habe keine Zimmer für Fremde.« Er spuckte auf den Boden.

»Ich bin kein Fremder«, sagte Roger beleidigt. Geoffrey räusperte sich laut, weil er das unangenehme Gefühl hatte, Roger könne sich jeden Augenblick als der uneheliche Sohn des Bischofs von Durham vorstellen. Dieser hatte zu seiner Zeit überall drückende Steuern eingeführt und war ein sehr unbeliebter Mann. England war voll von Leuten, die nur auf die Gelegenheit warteten, einen Verwandten dieses verhassten Prälaten umzubringen.

»Aber ein Zimmer werdet Ihr heut Nacht noch brauchen«, fügte Wulfric gehässig hinzu. »Niemand tötet Hugh und kommt ungeschoren davon. Ihr solltet euch einen sicheren Platz suchen.«

»Mir scheint, dieser Hugh wird kommen, um sich zu rächen«, bemerkte Durand mit großen furchtsamen Augen. »Der Vater natürlich, nicht der Sohn. Der ist über jede Rache hinaus.«

»Sieh an?«, höhnte Oswin verächtlich. »Habt Ihr Angst?«

»Natürlich«, antwortete Durand und wirkte überrascht, dass eine solche Frage überhaupt gestellt wurde. Geoffrey schloss verärgert die Augen. Rogers Aggression und Durands offensichtliche Furcht würden sie noch in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. »Ich verabscheue Streit, vor allen Dingen, wenn er in Gewalt ausartet.«

»Ihr seid mir schon ein seltsamer Normanne«, stellte Oswin fest. Er beäugte Durand zweifelnd und musterte sein hübsches, goldenes Haar, die gepflegte Kleidung und die weichen Lederstiefel. »Normalerweise lieben die Normannen doch Gewalt.«

»Das tun wir«, sagte Roger und funkelte Durand an. Aber sein Gesicht war im Dunkeln, und so blieb Durand in gnädiger Unkenntnis von Rogers Zorn.

»Ich will kein Ritter sein«, gestand Durand der versammelten Menge. Viele tauschten verwirrte Blicke ob dieser unerwarteten Vertraulichkeit. »Ich sollte ein Mönch werden, müsst Ihr wissen. Dann aber lernte ich den Sohn eines Schlachters kennen, und ehe ich mich’s versah, zwang man mich, stattdessen die Waffe in die Hand zu nehmen. Mein Vater wollte, dass ich ins Heilige Land ziehe und der Familie Ehre erweise, indem ich den Titel eines Jerosolimitanus erwerbe. Aber ehrlich gesagt, die Fliegen gefallen mir gar nicht …«

»Es tut mir leid wegen Hugh, aber wir müssen jetzt weiter«, fiel Geoffrey ihm ins Wort und wollte sich wieder in Bewegung setzen. Doch die verbliebenen Schaulustigen drängten sich um ihn, und er wollte niemanden zur Seite stoßen. In dieser Situation fehlte nur wenig, damit die Dinge eine hässliche Wendung nahmen.

»Ihr habt keine Ahnung, wer Hugh war«, bemerkte Oswin und spähte im Fackelschein prüfend in Geoffreys Gesicht. »Oder?«

»Nicht die geringste«, erwiderte Geoffrey achtlos.

»Aber von Robert de Bellême, dem Grafen von Shrewsbury, habt Ihr schon gehört?«

Das hatte Geoffrey allerdings, und er sah das Erschrecken, das bei der bloßen Erwähnung des gefürchteten Namens durch die Menge ging. Bellême wurde weithin als der barbarischste und gefährlichste Mann der Welt angesehen. Im vergangenen Jahr hatte er versucht, König Henry zu stürzen, indem er sich mit seinem Heer hinter die Ansprüche von Henrys älterem Bruder stellte, dem Herzog der Normandie. Bellême und der Herzog waren in die Flucht geschlagen worden, aber Bellême war kein Mann, der sich mit einer Niederlage abfand. Er hatte seine Wut an den eigenen Leuten ausgelassen und eine Schreckensherrschaft geführt, die selbst die abgebrühtesten Krieger entsetzte. Geoffrey war dem Grafen einmal begegnet und hatte selbst die ungezügelte Bedrohlichkeit und Macht dieses Mannes erfahren.

»Jeder kennt Bellême«, sagte Durand, als Geoffrey nicht antwortete. »Was ist mit ihm?«

»Bellême mag Hugh«, sagte Oswin. »Er wird wissen wollen, wer ihn ermordet hat.«

»Oh nein!«, hauchte Durand entsetzt. »Der Schwarze Graf von Shrewsbury wird glauben, wir hätten es getan! Er wird uns erst töten und dann die Fragen stellen.«

»Ja«, bestätigte Oswin und grinste verschlagen. »Das fasst Eure Lage sehr gut zusammen.«

Geoffrey war es gleichgültig, dass Bellême eine Vorliebe für den gehenkten Hugh hatte. Bellêmes Spione saßen überall – so hielt er sein beachtliches Reich zusammen –, und der Verlust eines einzelnen Mannes würde ihn nicht übermäßig berühren. Mehr noch, soweit Geoffrey wusste, hatte Bellême seit seiner Niederlage gegen König Henry im vergangenen Jahr keinen Fuß mehr nach England gesetzt. Aber die Leute um ihn her blickten einander jedesmal unbehaglich an, wenn der Name des Grafen fiel, und allmählich verlor Geoffrey die Geduld mit ihnen.

»Um Himmels willen! Bellême ist Meilen weit fort in der Normandie und überhaupt nicht in der Lage, euch etwas zu tun.«

»Er ist hier«, widersprach Wulfric und wirkte überrascht, dass Geoffrey nichts davon wusste. »Er ist in London, wegen einer Audienz beim König. Hugh ist sein Neffe – ein unehelicher Sohn seines Bruders.«

»Hugh der Ältere starb vor vier Jahren, und Bellême stahl den rechtmäßigen Erben die Grafschaft und behielt sie für sich«, erläuterte Roger hilfsbereit, obwohl Geoffrey das alles sehr gut wusste. Mit den verwickelten Machenschaften des Hauses Montgomery-Bellême war jeder vertraut, und die Winkelzüge der Familie waren Gegenstand öffentlichen Klatsches, der sowohl für Unterhaltung wie auch für Schauder sorgte.

»Bellême und seine Familie sind zum österlichen Gerichtstag des Königs geladen. Sie sollen erklären, warum sie sich letztes Jahr gegen ihn gestellt haben«, fügte Oswin hinzu.

»Sie sind nicht sehr erfreut darüber«, warf Wulfric schadenfroh ein. »Habt Ihr nicht davon gehört? Seit Wochen redet man in London von nichts anderem. Wie es heißt, will Henry all ihre Ländereien einziehen.«

Unter den Zuhörern blickten sich viele unbehaglich um. Ihre Loyalität schien weder dem König noch seinem aufsässigen Vasallen zu gelten. Das konnte Geoffrey nur zu gut verstehen: König Henry ging streng gegen Gesetzesbrecher vor, die in Southwark sonst gute Geschäfte machten. Aber Bellême galt ganz allgemein als Inbegriff des Bösen. Da war es nicht leicht, eine Wahl zu treffen, wenn man am Rande der Gesetzlosigkeit lebte.

»Bellême liebte seinen Neffen«, behauptete Oswin boshaft. »Ihr könnt also sicher sein, dass er nach seinen Mördern suchen wird.«

Geoffrey hatte guten Grund, vor Bellême auf der Hut zu sein. Nach ihrer letzten Begegnung waren sie nicht in bestem Einvernehmen geschieden, und Geoffrey hatte den Mann so sehr gereizt, dass er ihn wohl zu seinen Feinden rechnen konnte.

»Woher wisst Ihr überhaupt, dass Hugh ermordet wurde?«, fragte er. Ihm war aufgefallen, dass Oswin auf die gefesselten Hände des Toten überhaupt nicht geachtet hatte.

»Hugh hatte einen Krug Wein und drei Becher bestellt. So was macht man nicht, wenn man sich im nächsten Augenblick aus dem Fenster stürzen will«, antwortete Oswin verächtlich. »Er wurde ermordet, ganz eindeutig.«

»Aber nicht von uns«, sagte Geoffrey. Er wurde des Gesprächs allmählich müde und wollte sich einen ruhigen Ort suchen, wo er darüber nachdenken konnte, was Bellêmes Anwesenheit in England für ihn und seine Familie bedeuten mochte, da sie von Rechts wegen Lehnsleute des Grafen waren. »Ihr könnt selbst sehen, dass das Seil irgendwo im Inneren der Schenke festgemacht ist. Also muss ihm jemand im Haus die Schlinge um den Hals gelegt und ihn aus dem Fenster gestoßen haben, nicht jemand, der zufällig draußen die Straße entlangritt.«

»Aber wie Meister Oswin bereits erwähnt hat: Den ganzen Abend über gingen Gäste ein und aus …«, setzte Wulfric an.

»Aber nicht wir«, unterbrach Geoffrey ihn bestimmt. Er wies auf die dunklen Straßen hinter ihm. »Dutzende von Leuten haben uns in der Dämmerung auf die Brücke nach London zureiten sehen. Wir können nicht die Täter sein. Sucht also unter den Gästen nach dem Mörder.«

»Oh nein!«, rief Oswin aus und sprang Geoffrey in den Weg. »Ich will Eure Namen wissen. Der Graf wird Fragen über den Tod seines Neffen stellen, und ich werde ihm von Euch erzählen. Er soll mir nicht das Gasthaus in Brand stecken, wenn andere die Schuld tragen.«

»Ich kenne den Grafen«, sagte Geoffrey. »Ich erzähle es ihm selbst.«

»Ihr kennt ihn?«, fragte Oswin und trat erschrocken zurück. Sein Verhalten änderte sich sofort, und er wurde unterwürfig. »Das hättet Ihr sagen sollen, Herr. Ich nehme an, er selbst hat den Mord befohlen?«

»Als Mahnung an seine Anhänger«, fügte Wulfric hinzu und nickte verstehend. »Er mag es, wenn auch seine treuesten Handlanger in Furcht vor ihm beben. Sogar seine Geschwister haben Angst vor ihm – Roger und Arnulf und die drei Schwestern.«

Geoffrey wollte schon weiterreiten, da bemerkte er, dass zwei Gäste aus der Schenke in Hughs Zimmer getreten waren und den Toten losschnitten. Geoffrey blieb noch, um ihn untersuchen zu können und womöglich Hinweise zu finden, die ihn und seine Begleiter endgültig entlasteten. Die Leiche hüpfte, während man an dem Strick herumschnitt, und fiel dann mit einem Klatschen in den Straßendreck.

Die Leute rückten dichter heran. Selbst die kapuzenverhüllten Gestalten, die sich im Hintergrund herumdrückten, kamen nach vorne. Einer von ihnen trat bis an Hugh heran und beugte sich kurz über ihn, bevor er sich wieder entfernte – vielleicht ein Freund oder ein Diener, überlegte Geoffrey.

»Schaut!«, rief Wulfric aus, nachdem er schamlos Hughs Kleidung nach einem Säckel durchstöbert hatte und nun auf die gefesselten Hände stieß. Er trat zurück, damit die Leute sie sehen konnten. Geoffrey musterte die Knoten an Hals und Handgelenken. Solche hatte er noch nie gesehen – ungeübt und unordentlich waren sie, auch wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hatten.

»Er hat etwas im Mund«, stellte Oswin fest. Er hielt die Fackel an Hughs Gesicht und wies auf etwas Helles, das zwischen den Zähnen steckte. »Was ist das?«

»Das ist merkwürdig«, sagte Geoffrey zu Roger. »Ich dachte, ich hätte ihn schreien hören, bevor er aus dem Fenster stürzte. Aber wie hätte er das mit vollem Mund tun sollen?«

»Vielleicht war es der Mörder, den wir gehört haben«, schlug Roger vor. »Das ist ein ziemlich großer Brocken zwischen seinen Zähnen. Ich bezweifle, dass er damit um Hilfe rufen konnte. Andererseits war es ja nur ein Schrei, einer ohne Worte.«

Vielleicht war das die Erklärung. Ein geknebelter Mann mochte durchaus noch zu einem letzten, entsetzten Aufschrei fähig sein, selbst wenn er nicht mehr den Namen des Mörders rufen oder ein Gebet stammeln konnte, um seine Seele zu retten. Wulfric hatte den Gegenstand herausgezogen und beäugte ihn misstrauisch. Es war ein zerknülltes Stück Pergament. Oswin nahm es Wulfric aus den Händen und faltete es mit großer Sorgfalt auseinander. In augenscheinlicher Enttäuschung drehte er es hin und her.

»Nichts als Buchstaben«, stellte er fest und hielt die Fackel so nahe daran, dass es Feuer zu fangen drohte. Geoffrey schob sich hinter ihn. »Keine Zeichnung, nur Worte.«

»Ihr habt eine Zeichnung erwartet?«, hakte Geoffrey nach, dem der Verdacht kam, dass Oswin mehr über Hughs Tod wusste, als er sie glauben machen wollte.

Oswin zuckte die Achseln, und Geoffrey konnte sehen, dass er log. »Eigentlich nicht.«

»Was hat Hugh überhaupt hier gemacht?«, erkundigte sich Geoffrey. Warum sollte ein wohlhabender Verwandter von Bellême eine schäbige Schenke in Southwark aufsuchen?

»Er hat sich mit Freunden getroffen«, antwortete Oswin ausweichend. »Er war oft hier. Der Enthauptete Kreuzfahrer ist ehrbarer als die Schenken von London, und Hugh schätzte die Gesellschaft von Männern, denen er vertrauen konnte.«

Geoffrey verzichtete auf den Hinweis, dass irgendwer aus dieser Schenke ihn soeben ermordet hatte, was nicht eben für die Vertrauenswürdigkeit der Gäste sprach. Geoffrey fragte sich, ob die besagten Männer jetzt wohl bei den Neugierigen standen. Es waren zwei gewesen, denn Hugh hatte Wein für drei bestellt. Geoffrey sah sich nach den Kapuzenträgern um, aber die waren inzwischen verschwunden, nachdem ihnen wahrscheinlich gedämmert hatte, dass sie unter den rasch weniger werdenden Zuschauern zu sehr auffielen.

»Ich glaube nicht, dass Hugh lesen konnte«, stellte Oswin fest und zupfte weiter an dem Pergament herum, als könne er ihm seine Geheimnisse buchstäblich entreißen. »Also wurde es ihm wohl in den Mund gestopft, damit er keinen Lärm machen kann.« Er drückte seinen Abscheu aus, indem er das Dokument wieder zusammenknüllte und in den Rinnstein warf. Dort dümpelte es einen Augenblick, bevor es versank.

Hugh wurde in eine nahe gelegene Kirche gebracht, und bald gab es nichts mehr zu sehen, sodass sich auch der Rest der Menge zerstreute. Geoffrey und Roger blieben allein mit Oswin zurück.

»Ich meinte das ernst«, wiederholte der Wirt. »Ich habe keine freien Zimmer mehr, selbst wenn Ihr im Dienst des Grafen steht. Wir leben in gefährlichen Zeiten, und mein Gasthaus ist bereits in Dinge verwickelt, die ich lieber nicht am Hals hätte.«

»Was für Dinge meint Ihr?«, fragte Geoffrey.

»Versammlungen«, flüsterte Oswin und blickte sich verstohlen um, ob sie etwa belauscht wurden. »Leute kommen mitten in der Nacht vorbei und fordern Räumlichkeiten für ihre Geschäfte. Das gefällt mir gar nicht, aber was kann ich tun? Nur ein Narr weist den Grafen ab.«

»Bellêmes Leute benutzen Euer Gasthaus?«, fragte Geoffrey. Er war fasziniert, auch wenn in ihm sämtliche Alarmglocken schrillten und ihn warnten, sich nicht weiter in diese Angelegenheit hineinziehen zu lassen.

»Ja«, stellte Oswin unglücklich fest. »Sie halten ihre Farben unter den Mänteln verborgen, aber ich weiß genau, wer sie sind. Ich hoffe nur, der Graf plant keine weitere Rebellion vor dem österlichen Gerichtstag – oder macht zumindest mein Gasthaus nicht zu seinem Hauptquartier. Dafür würde mich der König mit Sicherheit hängen lassen.«

»Vermutlich«, stimmte Geoffrey ihm zu. »Er duldet keine Verräter. Aber was ist mit diesem Pergament? Was hattet Ihr zu sehen erwartet?«

»Eine Waffe«, erwiderte Oswin kläglich. »Ich hatte das Bild einer mächtigen Waffe erwartet, die Kriege gewinnt und den Feind in Verwirrung stürzt.«

»Wessen Feinde?«, fragte Geoffrey mit Unbehagen. »Die des Königs?«

»Bellêmes.«

Geoffrey versuchte zu begreifen. »Meint Ihr etwa, dass Bellême eine neue Waffe entwickelt hat, die er gegen König Henry einsetzen möchte?«

»Ja«, bestätigte Oswin mit ersticktem Flüstern. »Und Henry wird mich als Verräter hängen lassen, weil es meine Schenke war, wo sie ersonnen wurde.«

Geoffrey und Roger ließen den Enthaupteten Kreuzfahrer und seinen aufgewühlten Wirt hinter sich. Durand, Helbye und Ulfrith ritten dicht beieinander. Sie blieben auf der Hut. Die Haltung der Gästeschar hatte sich geändert, nachdem Geoffrey verkündet hatte, mit dem gefürchteten Grafen persönlich bekannt zu sein. Trotzdem war den Menschen hier nicht zu trauen. In Southwark lauerten allerhand Gefahren, und Geoffrey gefiel es nicht, wenn er seine Gegner nicht sehen konnte. Er blickte sich um, schon zum dritten oder vierten Mal, seit sie von dem Gasthaus weggeritten waren.

»Ich frage mich, was für eine Waffe das sein soll«, grübelte Roger. »Oswin meinte, man könne Kriege damit gewinnen und den Feind verwirren. Als Ritter wüsste ich gern mehr darüber.«

»Da bist du womöglich nicht der Einzige«, entgegnete Geoffrey. Vermutlich ist Hugh eben deswegen ermordet worden. Wenn diese Waffe so verheerend ist, wie Oswin glaubt, dann sind sicher viele dafür zu einem Mord bereit.

»Und wer besitzt dieses Geheimnis?«, fuhr Roger fort. »Ist es eine Waffe des Königs, und die Bellêmes versuchen, sie zu bekommen? Oder haben die Bellêmes sie erfunden?«

»Letzteres«, antwortete Geoffrey. »Der König sitzt inzwischen hinreichend sicher auf dem Thron. Neue Waffen wären nützlich für ihn, aber nicht lebenswichtig. Bellême hingegen wird womöglich bald aus England verbannt – es sei denn, er kann Henry in offener Schlacht die Stirn bieten. Eine neue Waffe könnte die Kräfteverhältnisse durchaus zu seinen Gunsten ändern. Es ist also sehr gut möglich, dass er eine entwickelt hat.«

»Dann stimmt es, was Oswin sagt«, stellte Roger bewundernd fest. »Bellême und seine Anhänger haben unter seinem Dach ein tödliches Gerät erfunden.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, widersprach Geoffrey, der sorgfältig über die Angelegenheit nachdachte. »Es wäre sehr schwierig, ein solches Ding zu konstruieren, ohne dass die Spione des Königs davon erfahren. Viel eher hat Bellême etwas in die Hände bekommen, was unsere Feinde auf dem Kreuzzug gegen uns verwendet haben. Aus persönlicher Erfahrung wissen wir, dass wir über deren Kriegsmaschinen noch eine Menge zu lernen haben.«

»Also von den Türken und Araber abgeguckt«, sinnierte Roger und dachte an die unterschiedlichen Schlachten zurück, die er im Osten bestritten hatte. »Glaubst du etwa, sie wollen ihre Truppen mit Krummsäbeln ausrüsten? Wie die Sarazenen?«

»Nein. Wenn diese Waffe nur ein neuartiges Schwert wäre, ließe sie sich schwerlich geheim halten.«

»Warum das?«

»Weil man Wagenladungen voll Eisen zu Schmieden schaffen müsste. Weil diese Waffenschmiede dann Tag und Nacht arbeiten und Krieger mit dem Ergebnis üben müssten. Die Spione des Königs fänden es im Nu heraus.«

»Was sonst?«

»Denk nach, Roger. Was für eine Waffe haben die Araber verwendet, während wir Jerusalem belagerten? Was schleuderten sie uns entgegen, das so heftig brannte, dass wir es nicht löschen konnten, während es sich durch Fleisch und Knochen sengte?«

»Griechisches Feuer?«, hauchte Roger ehrfurchtsvoll. »Das war allerdings eine furchtbare Waffe! Mein Helm bekam etwas ab und brannte stundenlang. Und es hat Ancellus von Méry getötet, wenn du dich erinnerst.«

Geoffrey erinnerte sich noch sehr lebhaft, wie es dem französischen Ritter erging, nachdem es ihn mitten auf die Brust getroffen hatte. Geoffrey versuchte damals, die Flammen mit seinem Mantel zu ersticken, aber wann immer er glaubte, sie wären gelöscht, flammten sie erneut auf. Er goss sein letztes Trinkwassers darüber, aber das Feuer zischte und brodelte nur, um danach noch heftiger zu brennen. Er warf Hände voll Sand auf den Kameraden, und das Feuer wütete weiter. Selbst Urin konnte nichts bewirken, obwohl es hieß, man könne damit jeden Brand löschen. Als das Feuer schließlich von selbst ausging, war Ancellus längst tot.

»Wir versuchten festzustellen, wie Griechisches Feuer gemacht wird«, sagte Geoffrey. »Einige Alchemisten nahmen gebrannten Kalk und Schwefel, konnten aber bei ihren Experimenten nie diese Wirkung erzielen. Daraus schlossen wir, dass uns eine Zutat fehlt. Aber welche, haben wir nie herausgefunden.«

»Es wäre eine großartige Waffe, für Bellême wie für Henry«, stellte Roger nüchtern fest. »Du hast recht: Sie könnte den Krieg zwischen den beiden entscheiden. Aber wie kommst du darauf, dass jemand das Zeug nach England gebracht hat?«

»Hast du den Geruch nicht bemerkt? Als wir angekommen sind, hing noch der Gestank von Schwefel und gebranntem Kalk über der Straße. Da hat jemand Griechisches Feuer entzündet, ganz in der Nähe des Enthaupteten Kreuzfahrers.«

»Aber Hugh wurde gehängt, nicht verbrannt«, stellte Roger verwirrt fest.

»Ja«, pflichtete Geoffrey ihm bei. »Und ich habe mir seine Hände und seine Kleider angeschaut, aber keinerlei Brandspuren gefunden. Womöglich hat er nur eine Vorführung gesehen, zu der er nicht eingeladen war, und wurde dann gehängt, damit er nichts ausplaudern kann.«

»Stand das Geheimnis etwa auf dem Pergament, das er im Mund hatte? Ich weiß genau, dass du es gelesen hast, denn ich sah dich über Oswins Schulter spähen wie einen alten Mönch.« Er warf seinem Freund einen missbilligenden Blick zu.

»Nein, das war eine Botschaft vom König. Sie besagte, dass Henry kein Interesse hat, mit irgendwem aus dem Haus Montgomery-Bellême hinter dem Rücken des Grafen von Shrewsbury in Verhandlungen zu treten.«

»Siehst du?«, meinte Roger mit deutlichem Abscheu in der Stimme. »Eine schriftliche Botschaft hat Hugh den Tod gebracht. Er hat versucht, seinen Onkel zu hintergehen und eine Vereinbarung mit dem König zu schließen. Wahrscheinlich wollte er sich selbst retten, wenn seine Familie ihren Besitz verliert. Und Bellême hat es herausgefunden und ihn töten lassen.«

»Möglicherweise. Oder Bellême weiß gar nichts von Hughs versuchtem Verrat, und es war der König, der ihn ermorden ließ.«

Roger starrte ihn an. »Aber warum sollte Henry dann seinen Brief Hugh in den Mund stopfen? Damit würde er doch zu erkennen geben, dass er hinter dem Mord steckt.«

»Allerdings«, sagte Geoffrey mit einem schiefen Blick auf seinen Freund. Mitunter vergaß er, wie geradeheraus Roger war. Durchtriebene Pläne entzogen sich weithin seinem Verständnis. Roger war nicht ehrlich – dazu war er viel zu sehr Normanne, und er teilte auch die normannische Liebe zum Gold. Aber er würde sich nie auf die Art von Verrat und Intrigen einlassen, wie sie an den Höfen der Mächtigen üblich waren. »Und vielleicht war das genau die Botschaft, die der König der Bellême-Sippe übermitteln wollte: dass Verräter der Strick erwartet! Oder es sollte Bellême warnen, dass jemand aus seiner Familie bereits mit dem König verhandelt.«

Roger seufzte schwer. »Ich hätte wissen müssen, dass ich von dir keine einfache Antwort bekomme. Du siehst an jeder Angelegenheit einfach zu viele Seiten. Sag es mir in einem Wort: Glaubst du, Hughs Tod hat mit Griechischem Feuer zu tun?«

»Ja«, antwortete Geoffrey. »Aber ich weiß nicht, was. Womöglich wurde er ermordet, weil er das Geheimnis für König Henry stehlen wollte. Wenn das so ist, wusste der König vielleicht nicht zu schätzen, was Hugh ihm da angeboten hat.«

»Du meinst, Hugh hat das Geheimnis von Bellême gestohlen und Henry angeboten, aber Henry hatte noch nie von Griechischem Feuer gehört, weil er ja auch kein Kreuzfahrer ist? Er war nicht klug genug, zuzugreifen, solange das Geheimnis in Reichweite war, und schickte stattdessen diese Botschaft? Und als Bellême herausfand, was sein Neffe getan hat, ließ er ihn töten?«

»So ungefähr«, bestätigte Geoffrey. »Allerdings bin ich überzeugt, dass Henry sehr gut über Griechisches Feuer Bescheid weiß. Vielleicht hat Hugh ihm ein falsches Rezept gegeben. Wenn er wirklich einen schwachen Verstand hatte, wie es heißt, glaubte er womöglich, Henry mit falschen Angaben hintergehen und trotzdem den Lohn einstreichen zu können.«

»Das ist alles viel zu verwirrend«, befand Roger missbilligend. Dann hob er triumphierend die Stimme, weil ein Plan gescheitert war, der auf etwas Geschriebenem beruhte: »Aber wer diese Nachricht schrieb, wollte, dass man sie findet. Und du bist jetzt der Einzige, der sie gelesen hat, bevor sie fortgeworfen wurde.«

Hinter ihnen war ein leises Scharren zu hören, dann sprang jemand aus einer finsteren Gasse hervor und rannte davon. Wer es auch war, im nächsten Augenblick war er in der Dunkelheit verschwunden, und seine Schritte verklangen rasch.

»Ich bin mir nicht so sicher, ob es eine gute Idee war, das so herauszubrüllen«, stellte Geoffrey vorwurfsvoll fest. »Jetzt weiß noch jemand, dass wir das Geheimnis teilen.«

2. Kapitel

Als Geoffrey und Roger die Londoner Brücke erreichten, waren die Tore bereits geschlossen, und die Posten hatten sich in die Wachstube verkrochen. Roger hämmerte gegen die Türe und verlangte den Hauptmann zu sprechen. Aber die Wachen riefen nur zurück, dass sie niemanden außerhalb der Sperrstunde durchlassen würden – wie prallgefüllt ihre Börse auch sein mochte, und selbst wenn ihr Leben von der Passage abhinge. Ein Wachsoldat machte sie auf eine abgetrennte Hand aufmerksam, die über ihnen auf einem Spieß steckte. Geoffrey trat angewidert zurück, als eine Made von dem scheußlichen Ding auf seine Schulter fiel.

»Die gehörte Norbert«, stellte der Soldat nüchtern fest. »Er hat einen Mönch für einen Silberpenny hinübergelassen. Aber der Mönch war ein Spion des Königs, und Norbert verlor seine Hand. Ihr könnt Euer Gold behalten. Heute Abend haben schon bessere Männer als Ihr uns überreden wollen, das Gesetz zu übertreten. Aber das werden wir nicht tun.«

»Dieser Oswin soll verdammt sein«, knurrte Roger. »Es ist seine Schuld, dass wir zu spät dran sind.« Er blickte unschlüssig die Straße entlang. Keine Richtung sah sonderlich verlockend aus: armselige Hütten auf beiden Seiten der Straße und große Ratten, die zwischen stinkenden Unrathaufen nach Futter stöberten. »Vermutlich hat er uns absichtlich aufgehalten, damit wir in seinem erbärmlichen Gasthaus Quartier nehmen müssen.«

»Das glaube ich nicht.« Geoffrey fröstelte. Die Nacht hatte einen eisigen Nordwind mitgebracht, und Eis mischte sich unter den Regen. Das Wasser sickerte durch seinen Mantel, der sich wie eine feuchtkalte Haut um seinen Leib gelegt hatte. »Er hegte eine deutliche Abneigung gegen Kreuzfahrer. Und wer kann es ihm auch verdenken, wenn der Kreuzzug solche gefährlichen Waffen unter sein Dach gebracht hat?«

»Du glaubst, dass sie dort tatsächlich Griechisches Feuer herstellen?«, fragte Roger erschrocken. »Nur einen Steinwurf von London entfernt?«

»Nein. Der Gestank von größeren Mengen würde gewiss die Aufmerksamkeit der königlichen Spione erregen. Ich glaube, heute Nacht gab es nur eine kleine Kostprobe seiner Wirkung. Herstellen würde man es anderswo. Aber selbst wenn irgendwer das Rezept kennt, heißt das noch lange nicht, dass die Zutaten leicht zu beschaffen wären. Das wissen wir von unseren eigenen Versuchen.«

»Wirst du dem König morgen berichten, dass Bellême über Griechisches Feuer verfügt und es gegen ihn einsetzen wird?«

»Wir wissen es ja gar nicht«, wiegelte Geoffrey ab. Er wollte sich nur ungern in einen Machtkampf hineinziehen lassen. »Wir haben es nur geschlussfolgert und besitzen keinen wirklichen Beweis dafür. Da ist nur dieser eigentümliche Geruch und das Geständnis eines verängstigten Wirts, der die Geschichte morgen schon widerrufen kann. Es wäre klüger, wenn wir gar nichts sagen. Es geht uns nichts an.«

»Nun, ich hätte nichts dagegen, etwas von dem Zeug in die Finger zu kriegen«, befand Roger inbrünstig. »Ich kann mich an ein paar Gelegenheiten erinnern, wo es ganz nützlich gewesen wäre.«

»In welche Richtung sollen wir reiten?«, fragte Geoffrey und wechselte das Thema. Er wollte kein Griechisches Feuer in seinen Satteltaschen haben und zweifelte auch, ob er weiterhin mit Roger reisen würde, wenn sein Freund welches hätte. Es war viel zu gefährlich, um es so dicht bei sich zu tragen.

Der Hund war es leid, in dem grimmigen Wetter herumzustehen. Er schlich sich in den Schutz einer Mauer, um dem schneidenden Wind zu entgehen. Durand machte ebenfalls einen sehr unglücklichen Eindruck, und Helbyes alte Knochen bedurften unbedingt eines wärmenden Feuers. Ulfrith machte sich nichts aus dem Wetter, weder aus diesem noch aus irgendeinem anderen. Er blickte sich nur mit demselben neugierigen Eifer um, den er in unbekannter Umgebung stets an den Tag legte.

Roger wollte gerade antworten, als zwei Frauen gut angetrunken dahertorkelten. Die eine trug eine orangefarbene Perücke, die ihr auf dem rasierten Kopf immer wieder verrutschte, die andere hatte strähniges, fettiges Haar und Ohren, die so keck aus der Frisur hervorstanden, als wollten sie sich davonmachen. Geoffrey nahm an, dass die beiden zu den Gänsen des Bischofs von Winchester zählten. Roger, der in Bezug auf seine Huren nie besonders wählerisch war, bedachte sie mit einem lüsternen Grinsen.

»Guten Abend, meine Damen. Wir suchen für heute Nacht noch einen Platz zum Schlafen. Habt Ihr vielleicht eine Matratze, auf die ein Mann sein müdes Haupt betten kann? Womöglich in Gesellschaft einer wärmenden Frau?«

»Wir kennen eine ruhige Mauer«, schlug die Dame mit der Perücke vor. Sie kam näher, bis man sehen konnte, dass ihr nicht nur das Haar fehlte, sondern auch die Zähne. Geoffrey fragte sich, wie sie das alles wohl eingebüßt hatte. Vermutlich lag es an einer Krankheit. Das verlockte ihn nicht gerade, ihr beizuliegen.

»Eine Mauer?«, fragte Roger verächtlich. Selbst er hatte gewisse Ansprüche.

»Windgeschützt«, fügte die Frau mit der Perücke verführerisch hinzu. Roger schien noch einmal darüber nachzudenken.

»Ich will keine Mauer«, erklärte Geoffrey entschlossen. »Ich will ein sauberes Gasthaus.«

»Oho, ein sauberes Gasthaus«, wiederholte die andere Hure mit ätzendem Spott. »Nun, dafür seid Ihr im falschen Teil der Stadt, edler Herr. Gebt mir einen Penny. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu essen.«

»Lügnerin«, widersprach ihre Begleiterin. »Du hattest heute Morgen erst ein Stück Katze.«

»Nur die Haut«, meinte die Frau mit den fettigen Haaren empört. »Das zählt nicht.«

»Dann besorgt uns ein schmutziges Gasthaus«, schlug Roger immer noch lüstern vor. »Dafür geb ich euch was zu kosten, das ein wenig schmackhafter ist als Katze.«

»Es gibt gar nichts Schmackhafteres als Katze«, behauptete die Rotperücke allen Ernstes. »Das ist ein würziges Fleisch, überhaupt nicht wie Hase oder Frettchen. Die sind voller Knochen und viel zu mürbe.«

»Aber Katze ist so zäh«, widersprach Fetthaar. »Dachs hingegen, das ist Fleisch …«

»Das Gasthaus«, drängte Geoffrey. Er hatte keine Lust, sich anzuhören, wie die beiden die kulinarischen Vorzüge jeder unglücklichen Kreatur diskutierten, die in Southwark zu finden war.

»Wenn wir Euch eines zeigen, teilt Ihr dann eure Kammer mit uns?«, fragte die Rotperücke verschlagen. »Dann müssen wir dem Bischof nichts bezahlen. Er verdient schon viel zu viel an unserer ehrlichen Arbeit.«

»Nein«, sagte Geoffrey. Vermutlich schnarchten sie und würden ihn die halbe Nacht wach halten. Die Rotperücke verzog das Gesicht, und Helbye blickte ihn entsetzt an, weil Geoffreys kleinliche Prinzipien ihn um eine behagliche Nacht zu bringen drohten. »Aber ich zahle euch einen Platz auf dem Heuboden und eine Portion Katze.«

»Und ich zahle für etwas ganz anderes«, sagte Roger. Für den Fall, dass sie ihn noch nicht richtig verstanden hatten, unterstrich er die Worte mit einer obszönen Handbewegung.

Die Frauen kreischten vor Lachen, und Roger strahlte sie an. Offensichtlich kam er sich sehr schlagfertig vor. Geoffrey seufzte. Weil er nicht länger im Eisregen herumstehen wollte, während Roger seine groben Freierskünste übte, lenkte er das Pferd am Fluss entlang und hoffte, dass das Gasthaus nicht weit entfernt lag. Er sehnte sich nach einem Feuer und einem Krug mit warmem Ale, und er würde bezüglich des Bettes nicht einmal anspruchsvoll sein, solange das Ungeziefer darin nicht zu groß war.

»Nicht da hin, Süßer«, rief die Rotperücke und wiegte die Hüften in seine Richtung. »Komm hier lang.«

Geoffrey wendete das Pferd und bemerkte dabei, wie jemand in ein baufälliges Lagerhaus flitzte. In kurzem Galopp stürmte er dorthin und spähte ins Dunkle, konnte aber nichts erkennen. Er hoffte, es möge sich nur um einen hoffnungsvollen Dieb handeln und nicht um einen Spion, der seit dem Vorfall beim Enthaupteten Kreuzfahrer hinter ihnen her war. Dass sich Bellêmes Agenten oder die des Königs an ihre Fersen heften könnten, gefiel ihm gar nicht.

Die beiden Frauen gingen durch eine schmale Gasse voran, bis sie schließlich an ein Wirtshaus gelangten, das kleiner war als der Enthauptete Kreuzfahrer, aber mindestens so verrufen aussah. Ulfrith, der viel für die Pferde übrig hatte, murmelte, er werde sie hier nicht unbeaufsichtigt lassen, sondern ihnen während der Nacht im Stall Gesellschaft leisten. Helbye warf einen raschen Blick in die Gaststube und beschloss, sich ihm anzuschließen, und selbst der Hund zögerte mit erhobener Pfote, während er misstrauisch schnupperte.

Geoffrey kamen größte Bedenken. Das Tier hatte ein unfehlbares Gespür und machte selten einen Fehler, wenn es um sein Wohlergehen ging. Jetzt trat es so widerstrebend in die Schenke, dass Geoffrey ernsthaft überlegte, sich anderswohin zu wenden. Aber Roger schob sich an ihm vorüber und brüllte dröhnend nach dem Wirt, und damit war die Entscheidung gefallen.

Durand war sehr eigen bei der Wahl seiner Schlafplätze, und Geoffrey rechnete mit Einwänden. Aber der Knappe war durchgefroren, nass und bereit, eine ganze Menge zu wagen, um einen Platz am Feuer zu gewinnen. Anmutig saß er von seinem Klepper ab und ging auf die Tür zu. Dabei zog er eine Duftkugel aus der Gürteltasche und hielt sie sich an die Nase, um dem Ansturm der Gerüche zu begegnen, der in schäbigen Schenken erfahrungsgemäß zu erwarten war. Und eigentlich ging er nicht, sondern er trippelte. In einem Kloster wäre er vermutlich besser aufgehoben gewesen, hätte er sich nur bei den Schlachtersöhnen zurückhalten können.

Die Schankstube des Reiherhofs war düster und beengt. Geoffrey sah mehrere Gäste durch die Hintertüre verschwinden, sowie sie hereinkamen. Missbilligende Blicke folgten ihnen auf dem Weg zum Feuer, die Roger jedoch nicht beachtete oder gar nicht bemerkte. Er blaffte den Wirt an und verlangte Ale und Braten. Dann stellte er sich hinter zwei Gäste, die am Kamin saßen, und ragte ungemütlich über ihnen auf, bis sie sich schließlich, eingeschüchtert vom Scheppern der Rüstung und Rogers massigem Leib, davonmachten. Geoffrey setzte sich und dachte, dass es kein Wunder war, wenn die Sachsen Normannen für Rüpel hielten.

»Ale«, schnauzte der Wirt und knallte den Krug und einige Becher auf den Tisch. Das Bier war eiskalt. Entweder hielt man es im Reiherhof nicht für nötig, es wie überall im Winter üblich zu erwärmen, oder der Wirt hatte beschlossen, die unerwünschten Gäste durch schlechte Bedienung zu vergraulen.

Ein schmuddeliger Schankbursche brachte eine Platte mit knorpeligem Fleisch herbei und wischte sich mit der Hand die laufende Nase ab. Ein anderer Knecht servierte einen Korb voll Brot, das seine beste Zeit längst hinter sich hatte. Roger stürzte sich auf die Speisen, als wäre es das köstlichste Mahl, das er je genossen hatte. Er teilte das kalte Fleisch in vier mehr oder minder gleiche Teile und reichte eines an Geoffrey weiter. Die beiden Frauen rissen jeweils ein weiteres Stück an sich, auch wenn die Rotperücke Schwierigkeiten hatte, davon abzubeißen.

»Wir haben Fastenzeit«, stellte Durand missbilligend fest und benutzte seine geistliche Berufung zur Verschleierung der Tatsache, dass er zu langsam gewesen war, um sich ein Stück zu sichern, und sich nun mit dem Brot begnügen musste. »Man soll während der Fastenzeit kein Fleisch essen.«

»Was für ein religiöser Mumpitz«, befand Roger geringschätzig. »Ein Mann braucht Fleisch, um seine Stärke zu erhalten. Sei nicht so zimperlich, Bursche, und iss, was der Herr in seiner Güte dir gegeben hat. Das sagt mein Vater immer, und er muss es wissen, denn er ist ein Bischof.«

Geoffrey teilte seine Portion mit Durand, der angewidert an seinem Stück herumstocherte, bis der Hund herbeieilte und sabbernd vor seinen Knien verharrte. Durand hatte Angst vor dem Tier und gab ihm meist etwas ab, nur damit es sich wieder trollte. Jetzt warf er nur einen Blick auf die hochgezogenen Lefzen und die bösartigen Zähne, dann schleuderte er einen Großteil des Fleisches in eine Ecke. Der Hund sprang hoch und riss ihm erst noch den Rest aus den Fingern, bevor er zu dem großen Happen trabte, um alles in Muße zu verzehren.

»Das hättest du nicht tun sollen«, sagte Fetthaar. »Es ist nicht recht, wenn ein Hund seinesgleichen frisst.«

Geoffrey warf seinen Anteil ebenfalls dem Tier zu. »Er ist nicht wählerisch.«

»Ganz im Gegensatz zu Euch«, meinte die Rotperücke entrüstet, während der Hund sein Mahl abschloss und sich dann davonschlich, vermutlich, um bei Helbye und Ulfrith in den behaglicheren Ställen zu übernachten. »Gutes Fleisch fortzuwerfen, als würde es auf Bäumen wachsen. Wir können uns diesen Luxus nicht erlauben.« Sie blickte betont auf den Beutel an Geoffreys Gürtel.

»Wir hätten gern ein Zimmer«, sagte Geoffrey, als der Wirt neues Ale und verschrumpelte Äpfel brachte. Er fragte sich, wie der Mann darauf kam, dass sie mehr von seinem abscheulichen kalten Bier wollen könnten. Aber Roger erhob keine Einwände, sondern kippte den Krug in einem Zug herunter und schmatzte genießerisch, was ihn nicht als Feinschmecker auswies. Geoffrey trank langsamer. Trübes, nicht mehr ganz frisches Ale konnte einen Mann durchaus am Folgetag mit revoltierenden Eingeweiden außer Gefecht setzen.

»Und Kuchen«, fügte Roger hinzu, als der Wirt sich wieder davonmachen wollte. Er zwinkerte der Rotperücke zu, die entzückt zurückgrinste.

»Kuchen?«, fragte der Wirt zweifelnd und ließ es wie etwas Unanständiges klingen. »So was verkaufen wir hier nicht. Es wird nicht oft nachgefragt.«

»Nun, ich frage danach«, erwiderte Roger, als sollte das allein schon ausreichen, um die Gewohnheiten des Hauses zu ändern. »Welche mit Feigen«, fügte er übermütig hinzu.

»Feigen? Was ist das?«, fragte der Wirt misstrauisch. »Hexenfraß?«

»Wir nehmen nur das Zimmer«, mischte Geoffrey sich ein. Er wollte sich nicht auf eine ausführliche Diskussion über exotische Früchte und ihre Verfügbarkeit im winterlichen London einlassen. Genauso wenig hatte er ein Interesse daran, dass der Wirt sich bei der Obrigkeit über sie beschwerte, nachdem sie in seiner Schenke Speisen verlangten, wie sie für gewöhnlich von den Vertrauten des Teufels verzehrt wurden. Geoffrey machte sich schon genug Sorgen über seine Audienz beim König und wollte sich nicht auch noch gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen müssen.

»Wir sind hier nicht in einem Hurenhaus«, stellte der Wirt steif fest und blickte bedeutsam zu den Frauen. »Der Bischof von Winchester unterhält eines nebenan, also geht …«

»Ich möchte einfach nur schlafen«, sagte Geoffrey, womit er sich von Rogers Albernheiten distanzierte. Es war nicht so, dass er den Umgang mit Frauen missbilligte – tatsächlich mochte er sie sehr gerne und erinnerte sich mit Vergnügen an viele schöne gemeinsame Stunden. Aber er hatte seine Ansprüche, und kahle, zahnlose Weiber genügten diesen nicht, solange er nicht wirklich verzweifelt war. Er schob eine Silbermünze über den Tisch.

Der Wirt riss sie an sich und ließ sie unter der Kleidung verschwinden, so schnell, dass Geoffrey sich schon fragte, ob es tatsächlich geschehen war. »In dem Falle könnt Ihr mein eigenes Zimmer haben. Ich lasse meine Frau das Feuer schüren und die Kuh anbinden. Sie wird Euch in der Nacht nicht behelligen. Sie liegt einfach nur vor dem Fenster und käut wieder.«

»Ich gehe mal davon aus, Ihr meint die Kuh«, bemerkte Geoffrey und hoffte, dass er das Zimmer nicht mit irgendeinem alten Weib teilen musste, das die ganze Nacht über murmelte und schnarchte.

»Meine Frau schläft nie vor dem Fenster«, entgegnete der Wirt beleidigt. »Sie kann Zugluft nicht vertragen.«

Die Schlafkammer war überraschend sauber, obwohl sie eine große, gescheckte Kuh beherbergte. Anscheinend sorgten der Wirt und seine Frau für sich selbst besser als für ihre Gäste, denn der Rest des Gasthauses war verdreckt. Geoffrey schickte Roger mit seinen Frauen auf den Flur, legte sich auf die weiche Strohmatratze und fiel sofort in den Schlaf. Durand schlief quer am Fußende des Bettes. Geoffrey fuhr noch einmal hoch, als Roger sich einige Zeit später neben ihn fallen ließ, und regte sich unruhig, als die Kuh in der Nacht leise muhte. Es gab keine weitere Störung bis kurz vor Sonnenaufgang: Da weckte ihn kalter Stahl an der Kehle.

Die Klinge drückte sich gegen die Haut, als er versuchte, sich aufzusetzen. Also hob Geoffrey beide Hände, um dem Eindringling zu bedeuten, dass er sich seiner Gnade auslieferte. Dieser wollte ihn anscheinend nicht sogleich umbringen, sonst hätte er es bereits getan. Roger schnarchte in der Zwischenzeit weiter und bekam von dem Drama an seiner Seite überhaupt nichts mit. Durand lag mit offenem Mund auf dem Rücken.

Geoffrey war erschrocken, weil sich jemand unbemerkt an ihn hatte heranschleichen können. So etwas war nicht mehr passiert, seit er mit zwölf die nüchterne Behaglichkeit der väterlichen Burg hinter sich gelassen hatte, um seine Ausbildung als Ritter anzutreten. Auf dem Kreuzzug hätte ihm eine solche Nachlässigkeit ohne Umschweife eine durchschnittene Kehle eingebracht, und für gewöhnlich rühmte er sich seiner Wachsamkeit. Die Kuh rückte sich auf ihrem Lager zurecht, und Geoffrey kam zu dem Schluss, dass die Geräusche aus dieser Ecke jeden verdächtigen Laut übertönt haben mussten. Außerdem war sein Hund nicht da, der sonst jeden ungebetenen Gast verbellt hätte.

»Wo ist es?«, zischte eine Stimme an seinem Ohr, und die Klinge verlieh der Frage Nachdruck. Geoffrey fühlte sich benommen und träge, als hätte er zu viel Bier getrunken, obwohl er tatsächlich nur sehr wenig zu sich genommen hatte. Er fragte sich, was mit ihm nicht stimmte.

»Wo ist was?«, fragte er laut in der Hoffnung, Roger oder Durand aufzuwecken. Sein Angreifer war davon nicht sehr angetan und fuchtelte drohend mit dem Dolch.

»Glaubt nur nicht, Ihr könntet Eure Freunde wecken.« Die Stimme klang heiser, als ob der Sprecher sie verstellte. »Euer Ale enthielt Mohnextrakt. Der Große hat der Wirkung lang genug widerstanden, um sich noch mit seinen Frauen zu vergnügen, nur Ihr und Euer Knappe seid einigermaßen rasch eingeschlafen. Aber nun treibt keine Spielchen mit mir. Erzählt mir, wo es ist, oder ich werde Euch töten.«

Geoffrey musste wohl in Zukunft vorsichtiger sein, was er an fremden Orten aß oder trank. Er erinnerte sich jetzt, wie dicht der zweite Krug Ale auf den ersten gefolgt war. Anstatt es gedankenlos herunterzukippen, hätte er Verdacht schöpfen sollen, zumal der Wirt von ihnen noch kein Geld gesehen hatte.

»Es ist da drüben«, sagte er und machte eine vage Geste in die Dunkelheit.

Sein Gegner beugte sich vor, um zu sehen, wohin Geoffrey zeigte. Dabei ließ er nur ein wenig locker. Das reichte. Mit einer raschen Bewegung fasste Geoffrey nach oben und krümmte sich. Er packte den Arm des Unbekannten, riss ihn von seiner Kehle fort und zerrte ihn in einem von den Füßen und auf das Bett. Dann ließ er sich mit beachtlicher Wucht auf ihn fallen. Geoffrey war groß und kräftig, und er hatte vor dem Schlafengehen die Rüstung nicht abgelegt. Dementsprechend schwer war er, und der Mann rang nach Atem, während der Dolch seinen Fingern entglitt und klirrend zu Boden fiel. Roger und Durand rührten sich ein wenig, als das Bett wankte und bebte, aber sie wurden nicht wach.

»Wie viel Schlafmittel habt Ihr ihnen gegeben?«, wollte Geoffrey wütend wissen, sobald er den Mann sicher in seiner Gewalt hatte. Auch Roger lauschte für gewöhnlich selbst im Schlaf noch mit einem Ohr auf mögliche Gefahren. Die Tatsache, dass er inmitten eines Ringkampfes weiterschlief, verhieß nichts Gutes.

»Mehr, als ich eigentlich darauf verschwenden wollte«, schimpfte der Besiegte und klang eher gereizt als verängstigt. »Ich dachte schon, es würde gar nicht mehr wirken. Ich sollte längst von hier weg sein, und stattdessen geht bald die Sonne auf.«

»Ihr seid uns gefolgt«,

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