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Titel

Inhalt

  1. Empfindungen
  2. Teil A
    Einführung
    1. Herzlich willkommen
    2. Persönliche Zugänge
      Wie kamen wir Herausgeber_innen zu den Straßenexerzitien?
    3. Alles hat einen Anfang:
      Die Entstehung der Straßenexerzitien
    4. Was sind Straßenexerzitien?
  3. Teil B
    Spirituelle Erfahrungen mit Straßenexerzitien
    1. Einstieg in die Straßenexerzitien
      Die eigene Sehnsucht entdecken: mit Mose aufbrechen
    2. Mitten in den Straßenexerzitien
      Über die Grenzen gehen: das Feuer im Dornbusch entdecken
    3. Das Ende der Straßenexerzitien
      In den Alltag gehen: mit brennendem Herzen
    4. Erfahrungen im Prozess
  4. Teil C
    Reflexionen
    1. Der Weg der Exerzitien entlang zentraler Bibeltexte
    2. Weihnachten auf der Straße: Theologische Reflexionen
    3. Gesellschaftliche Kontexte:
      Die Ökonomie der Straßenexerzitien
  5. Nachwort von Klaus Mertes
    1. Wie ich durch die Exerzitien auf der Straße lernte, die ignatianischen Exerzitien besser zu verstehen
  6. Anhang
    1. Das Redaktionsteam
    2. Materialliste

Empfindungen

als ich

nichts vorhatte

wurde mein

Herz

plötzlich

wie von

Innenaußen

mild

durchwärmt

und ich

hatte offene

Augen

Ohren

alle Sinne

a u f

für alles

was mir

im Begegnen

d a

erschien

Markus Roentgen

Teil A
Einführung

Herzlich willkommen

Die Exerzitien auf der Straße sind ein Geschenk des Lebens. Wir üben, die liebende Gegenwart Gottes auf der Straße wahrzunehmen, indem wir achtsam, offen und hörend auf die Straße gehen. In uns wird ein Prozess angestoßen, durch den wir aufmerksamer werden für das, was uns „zufällig“ begegnet oder in uns wach wird. Unsere eigene Sehnsucht weist uns den Weg. Mit ihr tasten wir uns an unsere Wirklichkeit heran. Unterstützt von „zufälligen“ Ereignissen unterwegs, begegnen wir den Brüchen und Fragen unseres Lebens. Dann spüren wir oft, wie das Leben selbst uns einlädt, über unsere eigene Wirklichkeit zur Einheit mit anderen zu finden, die wir mehr und mehr als Brüder und Schwestern erfahren. Mitten in der Unsicherheit, sie als Geschwister anzunehmen, entdecken wir überraschend auf der Straße das Geschenk der Liebe, die Quelle des Lebens. Wir nehmen die liebende Gegenwart Gottes auf der Straße wahr und ziehen auf diesem heiligen Boden unsere Schuhe aus.

Aus dem reichen Schatz der vielen Erfahrungsberichte von Exerzitien auf der Straße ist dieses Buch entstanden. Wir laden die Leser_innen1 ein, im offenen Raum der Straße aufmerksam die eigenen Erfahrungen wahrzunehmen, mitsamt Umgebung und inneren Bewegungen.

Die Übungen der Straßenexerzitien haben ihren Ursprung in der christlichen Tradition der Exerzitien (lateinisch exercitium = Übung). Ignatius von Loyola (geboren am 31.5.1491 im Baskenland/Spanien, gestorben am 31.7.1556 in Rom) entdeckte diesen Übungsweg besonders in den neun Monaten, in denen er in der kleinen Stadt Manresa am Fuße der Pyrenäen als Obdachloser lebte. Danach pilgerte er nach Jerusalem und gründete die Gesellschaft Jesu, den Jesuitenorden.

Die Straßenexerzitien werden in diesem Buch vor allem aus der Perspektive der Übenden dargestellt, die aus allen sozialen Schichten und vielfältiger religiöser Praxis kommen. Fünf Exerzitienbegleiter_innen führen in den Übungsweg ein und haben die Texte der Übenden zusammengestellt. Doch zu Anfang erzählen sie selbst ihren persönlichen Zugang zu diesem Exerzitienweg. Danach folgt das Herzstück des Buches mit den spirituellen Erfahrungsberichten in drei Abschnitten, die dem Ablauf der Exerzitien entsprechen: das Entdecken der eigenen Sehnsucht, das Übertreten der lebenseinschränkenden Grenze und schließlich die Rückkehr in den Alltag nach der Begegnung mit der Quelle des Lebens.

Eingeleitet werden die Abschnitte mit spirituellen Hinweisen dazu, was in der jeweiligen Zeit bei den Einzelnen anstehen könnte. Gedichte von Markus Roentgen stehen am Ende der jeweiligen Wegstrecke. Einzelne längere Erfahrungsberichte, die sich auf die gesamte Zeit der Straßenexerzitien beziehen, schließen sich an.

Auf die spirituellen Erfahrungen folgen Reflexionen zu zentralen Bibelstellen auf dem Weg der Straßenexerzitien und zudem spirituelle und gesellschaftsbezogene Reflexionen. Als Nachwort schrieb Klaus Mertes einen persönlichen Beitrag, in dem er aufzeigt, wie die Straßenexerzitien für ihn als Jesuiten zum Schlüssel des Verständnisses ignatianischer Exerzitien wurden. Im Anhang finden sich Hinweise zu Literatur und Material im Internet.

Bei den in ihrer Form sehr unterschiedlichen Erfahrungsberichten wurden die Verfasser_innen so genannt, wie sie es sich wünschten: mit vollem Namen, mit Vornamen, Decknamen oder auch einfach nur mit einem Buchstaben. Die anderen Texte wurden gemeinsam verfasst. Für die Einführung und die Deutungen der Bibeltexte fühlte sich Christian Herwartz verantwortlich, für die Einleitungen zum Abschnitt „Die eigene Sehnsucht entdecken“ waren es Elisabeth Tollkötter und Katharina Prinz, für „Über die eigenen Grenzen gehen“ Katharina Prinz und Christian Herwartz, für den Abschnitt „In den Alltag gehen“ Maria Jans-Wenstrup (nach vorbereitenden Gesprächen mit Marita Herwartz), die auch die Erfahrungsberichte zusammenstellte. Katharina Prinz schrieb den Text zu den theologischen Reflexionen und Josef Freise formulierte die gesellschaftlichen Kontexte auf der Basis von Beiträgen aller Redaktionsmitglieder.

Marita Herwartz unterstützte das Entstehen dieses Buches mit ihren Begleiterfahrungen besonders in den Exerzitien für Paare. In der Vorbereitungszeit erlitt sie einen Gehirninfarkt und fiel in ein längeres Koma. Wie durch ein Wunder ist sie wieder auf den Beinen, doch die Gestaltung des Buches hat sie uns überlassen. Hannah Schnur hat Korrekturen und Rückmeldungen vieler umsichtig eingearbeitet. Allen, die auf diese und andere Weise bei der Verwirklichung dieses Buches mitgewirkt haben, danken wir herzlich.

Wir Herausgeber_innen sind im christlichen Glauben verwurzelt. Wir sehen in Jesus den von Gott geliebten und seine Liebe weiterschenkenden Menschen. Weil er als Auferstandener in und unter uns lebt, können wir ihn auch heute entdecken. In den Straßenexerzitien erfahren wir oft: Jeder Mensch ist ein Geschenk der Liebe. Er oder sie hat diese Liebe empfangen und kann sie weitergeben. Wir hoffen, dass dieses Buch nicht nur Christ_innen anspricht, sondern, wie die Exerzitien auf der Straße in der Praxis gezeigt haben, auch Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen, also viele, die auf der Suche nach dieser Liebe sind, die uns Menschen untereinander und mit der Schöpfung verbindet.


1  Wir verwenden in diesem Buch eine gendergerechte Sprache. Mithilfe eines Unterstriches sollen alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten, Lebensformen und Hintergründe einbezogen werden.

Persönliche Zugänge
Wie kamen wir Herausgeber_innen zu den Straßenexerzitien?

Christian Herwartz

Am Anfang eine Bitte und am Ende Dankbarkeit über die empfangenen Geschenke

In Berlin-Kreuzberg lebe ich in einer offenen Wohngemeinschaft zusammen mit Menschen aus vielen Teilen der Welt. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen, religiösen und politischen Zusammenhängen. Hier können im persönlichen Kontakt auch unkonventionelle Anliegen ausgesprochen und es kann nach der dahinterliegenden Sehnsucht gesucht werden.

Ein Theologiestudent aus Frankfurt, Ludger V., fragte sich am Ende seines Studiums, ob er für ein Jahr in einem Aids-Hospiz arbeiten solle. Diese Entscheidung wollte er im Sommer 1996 während einer Exerzitienzeit in unserer eng belegten Wohngemeinschaft fällen. Mir war dieses Ansinnen damals unverständlich, da nur in meinem Schlafzimmer mit sieben Betten Platz für ihn war, wir keinen stillen Raum für die Meditationen haben und außerdem hatte ich noch nie Exerzitien begleitet. Doch er kam trotzdem. Abends, wenn ich von meiner Arbeit in der Fabrik zurück war, hörte ich seinen Erzählungen zu. Ludger meditierte seine innere Zerrissenheit auf dem schmalen Pflasterstreifen, der an den Verlauf der Berliner Mauer erinnert. Er ging mit einem Fuß rechts und mit dem anderen links davon. Oder er meditierte auf der Straße die Wunden der Stadt. Eines Tages erzählte er von Menschen ohne Schatten auf dem gut ausgeleuchteten Potsdamer Platz – für ihn eine Höllenerfahrung. Später nahm ihn ein Obdachloser mit und zeigte ihm sein Kreuzberg. Nach diesem Spaziergang war die Entscheidung für eine Zeit im Hospiz gefallen.

Im Hören auf seine Erfahrungen wurde mir mein anfängliches Nein aus der Hand gerissen: „Ja, solche Entscheidungsprozesse sind auch bei uns möglich.“ Ich wurde noch zweimal Zeuge solch spannender Entwicklungsgänge bei einzelnen Besuchern und dann im Jahr 1998 während eines kleinen Exerzitienkurses. Die Teilnehmer_innen konnten in der Sommerpause die Räume einer Wärmestube nutzen. Danach blieb das große Geschenk der Kreuzberger Exerzitien, wie sie damals noch hießen, weitgehend unbeachtet. Doch als ich Anfang des Jahres 2000 arbeitslos wurde, begann ein neues Kapitel der Straßenexerzitien und ich wurde von den anderen Begleiter_innen zum Auspacken dieses Geschenkes angehalten.

In den vielen Jahren als Arbeiter an der Drehbank, im Lager oder bei Umzügen betete ich täglich darum, in meinen Kolleg_innen dem auferstandenen Christus zu begegnen. Ich wurde beschenkt. Für meine eigenen Exerzitien auf der Straße fand ich im Winter 2003 eine Unterkunft in der Notschlafstelle Berlin-Friedrichshain und eine gute Begleiterin. Nach einigen Tagen drängte es mich innerlich, einen Hindutempel aufzusuchen. Auf dem Weg dorthin verharrte ich erschrocken an der Stadtteilgrenze, als stünde ich an der Frontlinie und wolle fahnenflüchtig zum Feind überlaufen. Den Tempel führten Menschen aus Sri Lanka. Dort wurden im aktuellen Bürgerkrieg viele Christen umgebracht. Freunde lebten in Solidarität mit den von dort Geflohenen. Nach einer längeren Pause ging ich schließlich im Gebet weiter. Ich stieg nach einigem Zögern von der Straße aus die steile Treppe zum Tempelraum im Keller eines Wohnhauses hinab, wo ich mir meine Schuhe auszog. Dort sah ich mich um und fand einen Platz gegenüber den religiösen Statuen. Ich setzte mich auf den Boden. Zwischen den Figuren stand ein Priester mit Weihrauch und Speisen. Obwohl er den einen Gott auf eine für mich fremdartige Weise verehrte, solidarisierte ich mich mit ihm als meinem Bruder. Auch er weist mit all den Zeremonien auf unser Geschaffensein hin.

Als er mich jedoch sah, ärgerte er sich über meine Sitzhaltung und beschimpfte mich in einer mir unverständlichen Sprache. Ich setzte mich – überraschenderweise ohne inneren Ärger – respektvoller hin. Im Nachbarraum knüpften Frauen Blumengirlanden. Bald kam eine von ihnen mit einem warmen Mittagessen zu mir. Verblüfft aß ich es mit meinen Händen. Anschließend wurde mir gezeigt, wo ich sie wieder waschen konnte. Gestärkt nahm ich an den weiteren Zeremonien teil. Als der Tempelraum mittags geschlossen wurde, kam ich voll Freude mit einem roten Punkt zwischen den Augenbraunen wieder ans Tageslicht. Ich konnte das Glück der Einheit kaum fassen. Auch den Priester im Buddhatempel und den Vorbeter in der Moschee erlebte ich trotz aller Unterschiedlichkeit als Brüder im Dienst vor dem – uns allen – Heiligen. Bald danach begann in Berlin das monatliche interreligiöse Friedensgebet, an dem ich intensiv beteiligt bin. Voll Dankbarkeit schreibe ich all die Erfahrungen auf.

Maria Jans-Wenstrup

Auf Wurzeln statt auf Zäune vertrauen lernen

An einem Straßenexerzitientag gingen meine Partnerin und ich gemeinsam schweigend die Wege, die uns gerade einluden, und gerieten in eine Essener Kleingartenkolonie. In einem der Gärten stand eine große Voliere, die von Tauben bevölkert wurde. Darüber, außerhalb des Käfigs, saßen zwei wilde Tauben auf einer Leitung und ich hatte spontan den Gedanken, sie würden sich über die Tauben in der Voliere lustig machen. Dieses Bild hat mir zutiefst in die Seele gesprochen: Da sind die einen – die vielen –, gut versorgt mit allem, was Tauben so brauchen, in Gemeinschaft und in Sicherheit vor Fressfeinden und anderen Bedrohungen. Und da sind diese zwei, die selbst dafür sorgen müssen, dass sie genug zu fressen und ein halbwegs geschütztes Nest haben, und die mit allen möglichen Risiken leben müssen. Und doch war mir beim Schauen ohne Zweifel klar, dass mir das risikoreiche, aber freie und immer neu herausgeforderte Leben viel mehr entspricht als das versorgte, behütete und geregelte Leben der Käfigtauben.

Diese Erfahrung gibt vielleicht eine Ahnung davon, was mir Straßenexerzitien bedeuten. Von meiner Prägung her bin ich eher eine „Käfigtaube“, die im Geregelten ihre Sicherheit findet. Aber gleichzeitig meldete sich – lange fast unmerklich, aber doch in stetiger Wiederkehr – immer wieder in mir auch eine Sehnsucht nach mehr, eine Ahnung, dass ich „woanders hingehöre“. Diese Sehnsucht hatte zwei Seiten, die mir zunächst unvereinbar schienen: eine kontemplative, die die Einheit mit dem tiefsten Grund allen Lebens (den ich Gott nenne) suchte, und eine soziale, die den Menschen, besonders den an den Rand gedrängten, nahe sein wollte. Über die Jahre hinweg verstand ich immer ein wenig mehr, dass diese beiden Seiten durchaus etwas miteinander zu tun hatten. Als ich dann vor mehr als fünfzehn Jahren den ersten Vorläufern der Straßenexerzitien begegnete und von da aus den Weg ihres Werdens erleben und auch ein wenig mitgestalten durfte, fand ich darin genau diese meine doppelte Sehnsucht als zu einer einzigen gewordenen. Das göttliche Du ist ja nicht irgendwo in einem fernen Himmel zu Hause, sondern will mir hier im konkreten Leben begegnen. Und nirgendwo in den Evangelien ist ausdrücklich ein Ort von Gottes Anwesenheit genannt außer in der Weltgerichtsrede bei Matthäus: „Was ihr den Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken, Gefangenen getan habt, das habt ihr mir getan“ (vgl. Matthäus 25,31-46). Wenn das keine Einladung an den Ort der Gottesbegegnung ist!

Ganz allmählich konnte ich der „wilden Taube“ in mir mehr Raum geben, verlor die Angst, mich auf völlig fremde Orte, Menschen, Lebenssituationen einzustellen, mich von ihnen berühren zu lassen. Mein allzu strenges Regelwerk und Moralkorsett weichte in der Begegnung mit faszinierenden Menschen, die dort nicht hineinpassten, wie von selbst auf und entließ mich in eine größere Freiheit, die aber alles andere als ungebunden ist. Ich lernte und lerne weiter zu vertrauen, dass die Wurzeln es sind, die den nötigen Halt geben, nicht die Mauern und Zäune. Auf diesem Lernweg waren und sind mir ausdrückliche Exerzitienzeiten wichtig, in denen ich bewusst das Spüren auf Gottes Anruf im oft Banalen, vielleicht sogar Abwegigen übe. Aber als das eigentliche Geschenk erfahre ich, dass ich jederzeit auch im Alltag mit solchen Überraschungen rechnen darf und dass ich Geschwister gefunden habe, die mir helfen, sie zu deuten, auf sie zu vertrauen und mich von ihnen leiten zu lassen. Das ist kein „Zuckerschlecken“ im behüteten Käfig. Aber es ist ohne Frage all die manchmal an die Grenze führenden Herausforderungen wert, in eine erwachsene Du-Beziehung mit Gott und den Menschen hineinwachsen zu dürfen.

Elisabeth Tollkötter

Den Blick immer neu säubern von Vorurteilen, Abwertungen, Ängsten

Abenteuerlich hörte sich das für mich 2001 an: „Exerzitien auf der Straße“. Und Abenteuer finde ich gut, auch heute noch. Auf diese Weise kann ich meine Exerzitienwoche sportlich sehen, fröhlich Energie investieren – schließlich nennen sie sich „Übungen“. Ich darf mich also anstrengen, vom Ziel der Gottesbegegnung her locken lassen! Kein „frommeliges Gebete“, kein steifes „Herumgeschweige“, keine „Softatmosphäre“, wie ich sie teilweise in Kursen erlebt hatte. Und auch kein ideologischer Überbau, mit dem Menschen aus einer ganz speziellen Perspektive betrachtet werden, die ganz schnell zu Wertungen über sie führt – und das so subtil, dass es kaum aufzudecken ist. Das war meine spitze Kritik an manch herkömmlichem Exerzitienkurs.

Dagegen stand nun der Begriff Straßenexerzitien: Das klang nach Leben, Erdverbundenheit, Direktheit und griffigen Erfahrungen. Es setzte Assoziationen frei: Lebendigkeit, Bewegung, menschliche Nähe, Kontakt. Es meldeten sich aber auch Befürchtungen: So viel Gruppe?! So billig?! So einfach?! So ohne Stille?! Sicherheitshalber meldete ich mich gleichzeitig zu einem ganz normalen Exerzitienkurs zwei Monate später an. Für meine Gottesbeziehung wollte ich auf jeden Fall eine Woche investieren – entweder ins Abenteuer der Straße oder in einen „Versorgerkurs“ im Bildungshaus. Gegebenenfalls auch beides. Sportlich bleiben ...

Kurz gesagt: Vom zweiten Kurs habe ich mich wieder abgemeldet. Meine scharfe Kritik an anderen Exerzitienkursen habe ich deutlich zurückgenommen. Aber: So „billig“ und „einfach“ waren geistliche Übungen eben auch möglich und ließen mich wachsen in der Beziehung zu mir selbst, zu den anderen, zu Gott. Und diese Art der Exerzitien wurde mir über die Jahre sehr lieb.

„Billig“ sind diese Tage, gemeint ist preisgünstig. Bis heute halte ich das für ein unaufgebbares Element der Exerzitien. Nicht nur, weil damit die finanzielle Hürde für materiell arme Menschen fällt, sondern auch, weil Jesu Wort „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ darin gelebt wird. Spirituelle Wegbegleitung und spirituelle Weggemeinschaft sind unbezahlbar. Umsonst etwas anzubieten und kostenlos etwas zu empfangen, ist eine Rahmenbedingung für Freiheit – und spirituelle Übungen bedürfen dieser Freiheit von allen Seiten.

Die Straßenexerzitien faszinieren mich, weil sie mich unspektakulär und direkt einladen, mit mir selbst in Beziehung zu treten. Das gelingt einfach, indem ich auf der Straße gehe, anderen Menschen zweckfrei begegne, mich in der Gruppe austausche. Ich spüre meine Sehnsüchte. Ich erkenne meine Schattenseiten, meine Stärken und Fähigkeiten, meine Traurigkeiten, meine Leere, meine Fragen und Verwirrtheiten. Ich werde konfrontiert und reich beschenkt. In Straßenexerzitien erfahre ich, dass innere Prozesse und äußere Ereignisse so aufeinandertreffen, dass die Grenzen zwischen innen und außen zu verschwimmen scheinen und alles eins wird. Beglückend! Die Glaubwürdigkeit dieser Erfahrungen ist hoch.

Während der Straßenexerzitien werden mir auch die üblichen Grenzen zwischen Menschen unterschiedlichster Art unbedeutend. Sowohl in der Gruppe als auch bei den Begegnungen auf der Straße werden wir immer nackter und damit berührbarer – und tiefste Verbundenheit wird spürbar. Meine unersättliche Sehnsucht nach Nähe und tragfähiger Beziehung wird ruhig und sanft geführt zu der unaussprechlichen Verbundenheit aller mit allen, die den Schmerz des Alleinbleibens und der unaufhebbaren Einsamkeit in allen Beziehungen annehmen lässt. In der Anders-Zeit einer solchen Exerzitienwoche begegne ich dem tragenden Grund allen Seins, der völlig unabhängig ist von äußeren Erscheinungsbildern und inneren Zerrissenheiten. „Ich bin“ reicht vollkommen aus – Gott in allem. Heiliger Grund.

Solcherart Erfahrungen werden mir zu Schlüsseln und Herausforderungen für den Alltag: Gottes JA zu mir und zu anderen zu glauben – das gibt mir Grund. Mir selbst zu glauben, dass ich immer mehr bin, als ich von mir wahrnehme – das hilft aus der Umklammerung durch intensive Gefühle jeder Art. Im anderen mehr zu erwarten, als der erste oder zehnte Blick erwarten lässt: meinen Blick immer wieder säubern von Verschmutzungen, die durch Vorurteile, alte Erfahrungen, Abwertungen, Ängste oder Bedürftigkeiten entstehen – das ist unbequem, aber zutiefst befriedigend. Lange hinzuschauen und zu warten – das macht still, wach und bereit. An meinem kleinen Ort des Lebens einfach zu tun und zu sein, was sich mir nahelegt – das macht frei und präsent: „Ich bin“. Welt in Gottes Sinne möge wachsen.

Abenteuerlich bleiben mir diese Exerzitien. Jedes Mal habe ich vorher Herzklopfen. Jedes Mal geschieht „es“ sanft, behutsam und nachhaltig. Die Begleitung sehnsüchtiger, suchender Menschen wurde mir zum heiligen Boden. Teilnehmen zu dürfen an ihrem Suchen, ihren Auseinandersetzungen, ihren Erfahrungen und ihren Schmerzen löst unmittelbar Aufmerksamkeit, Respekt und Freude aus. Wie die anderen Menschen meiner eigenen Exerzitiengruppe, wie die Menschen auf der Straße, so werden mir die, die ich in ihren Exerzitien begleite, zu Geschwistern der besonderen Art. Es ist wunderschön, so frei verbunden zu sein in der gemeinsamen Sehnsucht nach dem Mehr, nach dem Größeren, das wir Gott nennen.

Katharina Prinz

Spurensuche

Als ich das erste Mal auf die Straße ging, um Gott zu suchen, war ich elf oder zwölf. Damals wusste ich jedoch nicht, dass ich Ihn suche; erst als ich die Exerzitien auf der Straße schon begleitete, habe ich es verstanden. Als ich neun Jahre alt war, zog meine Familie von der wunderschönen Insel Föhr nach Hamburg-Altona. Das war ein krasser Wechsel für meinen ein Jahr jüngeren Bruder und mich – vom Kinderzimmer mit Meeresblick in die Großstadt, wo Alkohol und Gewalt uns jeden Tag begegneten. Im selben Jahr wurde bei meinem Bruder Krebs diagnostiziert und meine Mutter bekam Zwillinge. Plötzlich flog ich noch einmal aus dem Nest: Mein Bruder musste etliche Operationen und Krankenhausaufenthalte erdulden. Meine Eltern mussten die kleinen Zwillinge versorgen und das todkranke Kind, an dessen Bett sie auch nachts abwechselnd wachten. Diese extreme Belastung zog sich über die achtzehn Monate hin, in denen mein Bruder noch lebte – dann starb er bei uns im Wohnzimmer. Er war gerade zehn Jahre alt geworden, ich war elf. Jetzt klafften Trauer und Leere neben und in mir – und die Fremde. Alles war fort: die schöne Kindheit auf der Insel, die Freunde, der Bruder und die Eltern waren anderweitig beschäftigt. Ich: allein.

Und so trieb ich mich mehr und mehr auf der Straße herum. Es tat mir gut, in diesem Arbeiterviertel bei Menschen zu sein, die zufrieden wirkten. Ich spürte bei ihnen etwas Heiles, das mir verloren gegangen war. Und wo sie versehrt und allein, müde und vom Leben gezeichnet wirkten, auch da waren sie mir nah – sie trösteten mein Herz. Ich wusste damals nicht, warum ich ständig herumstromerte. Eines Abends, als mich wieder Trauer, riesige Sehnsucht und Einsamkeit aus dem Haus trieben, fand ich eine Fensterscheibe unter einer S-Bahn Brücke: „Teestube“ stand darauf. Es war einladend und kostete nichts. Ich fand Menschen, die mir wohltaten – von dort aus fand ich zum Jesus-Center am Schulterblatt, das von Baptisten geleitet wurde. Dieser Ort wurde mir Heimat. Ich vertiefte mein Beten, meine Beziehung zu Gott, engagierte mich auf „Straßeneinsätzen“. Ich war mit Abstand die Jüngste und durfte noch nicht einmal ohne Begleitung in die Discos, aber ich predigte am Hauptbahnhof, wenn wir Junkies, weggelaufene Jugendliche und Obdachlose einluden in unsere Teestube. Diese Erfahrung hat meine Spiritualität tief geprägt. Ich habe erfahren, dass Gott „unten“ wohnt. Ich habe Ihn gefunden und er mich, wo eigentlich nichts mehr zu suchen war; auf dem Grund des Lebensbodens, in meiner verzweifelten Suche: in meiner eigenen Versehrtheit und den Menschen auf der Straße. Als ich gut dreißig Jahre alt war, starb nach einer strapaziösen Schwangerschaft mein viertes Kind. Wieder wurde ich in tieferen Glauben geführt: Ich wollte da sein vor Gott, nicht sprechen, nicht singen oder beten – nur sein. Ich suchte die Stille. Nach einsamer Suche führte mich mein Weg ins Exerzitienhaus Gries in Oberfranken zu kontemplativen Exerzitien. Es ging um das einfache Dasein vor Gott, darum, mich Ihm, Seiner liebenden Gegenwart einfach zu überlassen; in die Einheit zu finden, die Einheit der Liebe, die in allem anwesend ist. Raus aus der Dualität, dem Hell und Dunkel, dem Gut und Böse, dem Leben und dem Tod. Ihn, Seine Liebe zu suchen und finden in allem.

Als ich 2003 bei Franz Jalics SJ an einer Arbeitswoche in Gries teilnahm, erzählte ein Teilnehmer von Exerzitien auf der Straße, die er begleitet hatte. Seitdem bin ich damit unterwegs. So wie ich Gott erst unbewusst auf der Straße und dann in der ausgerichteten Stille lieben lernte und gefunden wurde, so begegnet Gott mir jetzt mehr und mehr in allem: in meinem Inneren, in meinem Gegenüber, in der Freude und im Widerständigen. „Ich bin da!“ ist Sein und Ihr Name.

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