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Illusions-AG

Illusions-AG

Illusions-AG

 

Mysterythriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

VORWORT

Eigentlich wollten wir ja in diesem Jahr zu Hause bleiben und uns den gesamten Jahresurlaub für kommendes Jahr aufsparen, aber dann machte ich (seltsamerweise) bei diesem Preisausschreiben mit. Eine Firma Namens „ILLUSIONS-AG“ hatte diese Aktion gestartet. Es handelte sich hierbei um ein ganz gewöhnliches Preisrätsel, und das Lösungswort dessen hieß...

... SARDINIEN.

Wie gesagt: Normalerweise spiele ich bei solchen Rätseln nie mit, aber dieses Mal machte ich mir die Mühe, eine Postkarte mit dem Lösungswort und meinen persönlichen Daten auszufüllen, eine Briefmarke zu kaufen und die Karte wegzuschicken. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mitgespielt hatte, weil mich dieser Firmenname ILLUSIONS-AG gewissermaßen fasziniert hatte...

... ILLUSIONS-AG!

Darunter kann man sich ja Vieles vorstellen! Bei meiner fast grenzenlosen Phantasie...

Einige Tage später klingelte das Telefon. Ich hatte diese Angelegenheit mittlerweile völlig vergessen, denn ich habe wahrlich andere Dinge zu tun, als auf das etwaige Ergebnis eines solch witzigen Preisausschreibens zu warten.

„Es ist doch nicht zu fassen! Da spielt dieser Mensch einmal in seinem Leben bei einem Preisrätsel mit, und prompt holt er sich den ersten Preis!“, jauchzt Gerda ausgelassen.

„Die Reise dauert vierzehn Tage, Gerda!“

„Ja, stell dir das mal vor! Wann soll es denn losgehen?“

„Am 14. Juli, sagte das Mädchen.“

„Das sind ja nur noch knapp zehn Tage, Michael!“

„Wir müssen sofort im Krankenhaus Urlaub einreichen!“

„Professor Blink wird sich freuen!“, meckert sie.

Bereits am nächsten Tag erhalten wir per Einschreiben die Gewinnbenachrichtigung der Illusions-AG. Als wir uns die Bezeichnung „Illusions-AG“ noch einmal durch den Kopf gehen lassen, erwähnt Gerda irgendwie geheimnisvoll, dass ihr hierzu ein bestimmtes, geflügeltes Wort durch den Kopf ginge, nämlich schon zu dem Zeitpunkt, als sie diesen seltsamen Namen zum ersten Mal hörte. Natürlich bohre ich in sie und sie flüstert:

„Nichts ist so, wie es scheint!“

Montag - 01. Urlaubstag

 

 

Die Reise beginnt. Frühmorgens fahren wir Beide topfit ausgeschlafen und mit einem guten Frühstück im Magen los. Mit dem Wetter haben wir Glück. Der heutige Tag ist zwar heiß, aber gerade noch erträglich. Kein Wölkchen steht am Himmel und der Straßenverkehr ist auch annehmbar. Kein Wunder: Wir haben Montag. Einige Stunden später erreichen wir die Hafenstadt Livorno. Von dort aus geht es direkt in den dicken Bauch der Fähre. Etliche Stunden später erreichen wir die wunderschöne Insel Sardinien.

 

Welch ein Anblick!

 

Nun biegt das schwere Schiff auch schon in den übersichtlichen Hafen von Olbia ein und legt schließlich, nach zweimaligem Hin- und Herrangieren, rückwärts an der Hafenwand an. Die Kiste steht.

 

„Jetzt sind wir also auf Sardinien, Schatz!“ Ich strecke mich und blicke mich interessiert um.

 

Wir verlassen die Fähre mit unserem Wagen und bereits im Hafen sehe ich das Richtungsschild, das ich suche:

 

„Siniscola - 45 km“.

 

Ich nehme zusätzlich die handliche Wegbeschreibung, die ich von der Illusions-AG erhalten hatte, zur Hand, und schon geht es auf eine gut ausgebaute Straße Richtung Süden. Nach einer halben Stunde erreichen wir Siniscola. Von dort führt kleine, schmale Landstrasse weiter Richtung Hotel. Verträumt liegt ein steil aufragender Fels (er dürfte etwa dreihundert Meter hoch sein) linker Hand mitten im Meer - etwa einen Kilometer vom Ufer entfernt. Die Strasse entfernt sich nun wieder vom Meer und schwenkt fast unmerklich landeinwärts.

 

Ich denke, ich sehe nicht recht, als ich plötzlich ein kleines Hinweisschild erblicke, auf dem mit handgeschriebenen Buchstaben „Haus Lichtblick - 500 m“ steht. Sind wir schon wieder so nahe am Meer? Fragen wir uns. Von unserem Ziel ist nämlich weit und breit nichts zu sehen. Wir fahren langsam, fast im Schritttempo, über eine Straßenkuppe, und als wir uns genau auf deren Scheitelpunkt befinden, denken wir, wir träumen: Dort unten, etwa fünfzig Meter tiefer, liegt das HAUS LICHTBLICK - fast direkt am Meer.

 

„Halte mal bitte an, Michael.“

 

Ich bremse sofort ab, weil ich immer genau tue, was meine Frau wünscht, und wir steigen aufgeregt aus.

 

„Das ist das Schönste, was ich jemals in natura gesehen habe!“, ruft sie entzückt.

 

Sie ist von diesem unglaublichen Anblick, der mich auch sofort in seinen Bann gezogen hat, zutiefst angetan. Ich muss mir eingestehen, dass auch ich von dieser ungeheuerlichen Ansicht mehr als überrascht bin. Nein, damit hatte ich nicht gerechnet! Dies ist eine Oase, wie nur Gott sie erschaffen konnte! Die gesamte Anlage ist etwa zweihundert Meter lang und hundert Meter breit. Die offenen Flächen sind mit phantastischen Bäumchen verschiedenster Art bepflanzt und inmitten dieses kleinen Paradieses steht ein wunderschönes Haus - nicht allzu groß, aber auch nicht klein. Ein Schmuckstück! Daneben befindet sich auf der rechten Seite ein etwas niedrigerer Anbau, der überdacht ist. Sicherlich handelt es sich hierbei um die Abstellplätze der Fahrzeuge, überlege ich. Ja, und zwischen Strand und Haus befindet sich ein etwa zwanzig Meter langer und zehn Meter breiter Swimming-pool, der die Form einer geöffneten Walnuss hat. Das Wasser, das sich darin befindet, ist so blau, dass man es kaum beschreiben kann. Es leuchtet, strahlt und schimmert ungeheuer intensiv.

 

Ich bin überwältigt!

Gerda nicht weniger.

 

„Mein Gott, Michael. Sieh dir das nur an!“ Sie legt ihren Arm um meine Hüfte.

„Unbeschreiblich! Der Architekt, der dieses Anwesen erbaute, muss in himmlischen Sphären studiert haben!“, antworte ich ihr.

„Ja, hier ist es so unbeschreiblich schön, dass ich es kaum fassen kann!“

„Komm, Gerda! Lass uns endlich hinunterfahren!“

 

Wir schleichen den letzten Rest des Weges, der nicht asphaltiert ist, im Schneckentempo, hinab zu unserem ersehnten Urlaubsziel.

 

Direkt am riesigen, silbern beschlagenen Tor, auf dem mit altmodischen Buchstaben und mittig „HAUS LICHTBLICK“ steht, und das zudem reichlich mit wunderschönen Ornamenten verziert ist, (es muss sich hierbei um säuberlichste Handarbeit handeln) steht ein junger, gut aussehender Mann. Er hat ein gleichmäßiges, ich möchte fast sagen, schönes Gesicht, dunkelbraune Augen, ist mittelgroß und sein Blick wirkt intelligent, ja, schlau. Vielleicht auch ein wenig gerissen! Er trägt einen engen, schwarzen Anzug, der ihm sehr gut steht, und lächelt uns freundlich an.

 

„Das wird der Empfangschef sein, Michael.“, flüstert sie mir zu.

„Ja, wahrscheinlich.“

 

Ich lasse das linke Fenster herunter, und wir hören ihn dezent sagen:

 

„Herzlich willkommen im Haus Lichtblick! Suchen Sie sich bitte dort neben dem Haus im Anbau einen Parkplatz aus! Sie haben freie Auswahl, weil die anderen Gäste mit dem Flugzeug gekommen sind!“

 

Der Mann wirkt auf uns sehr verbindlich und entgegenkommend (er ist offensichtlich Deutscher), eben so, wie man sich einen perfekten Empfangschef vorstellt. Gerda steigt schon mal aus, und ich parke unser Auto an der rechten Innenseite des auf mich sehr gemütlich wirkenden Anbaues. Nun gehen wir direkt auf den Mann zu. Bevor wir auch nur ein Wort sagen können, lacht er:

 

„Sie sind also das Ehepaar aus München! Herzlich willkommen in unserem bescheidenen Hotel!“ Er hält ihr galant die Hand entgegen.

„Sie haben richtig geraten. Ich bin Dr. Gerda Plank aus München.“

„Angenehm. Michael Plank.“ Großes Händeschütteln.

„Mein Name ist Franz Vogl. Ich bin hier der Leiter dieser kleinen, aber doch recht angenehmen Anlage. Bitte fühlen Sie sich bei uns wie zu Hause! Johann wird sich um Ihr Gepäck kümmern!“

 

Johann? Das hört sich doch nach einem Butler an! Gerda und ich schauen uns kurz an. Wir sind überrascht.

 

„Sehr aufmerksam“, entgegne ich ihm.

 

Ich überreiche ihm unsere Autoschlüssel, und nun fällt unser Blick auf das wunderschöne Haus, das aus weißem Kalkstein erbaut ist und nur zwei Stockwerke besitzt. Es ist etwas verschachtelt konstruiert, das heißt, dass der Grundriss nicht einfach rechteckig oder gar quadratisch ist, sondern einige Ecken und Kanten aufweist. Dadurch wirkt es bereits von außen noch gemütlicher, als dies bei einer normalen Bauweise der Fall wäre. Dieses Haus ist ein absolutes Meisterwerk! Ja, es ist grandios.

 

„Sie sind sicherlich hungrig und durstig, nicht wahr?“

 

Sein Blick zeigt mir pure Neugier, jedoch versucht er, sich dies nicht anmerken zu lassen. Dieser Mann ist im Umgang mit Menschen geschult. Das merkt man sofort.

 

„Sie haben es erkannt, Herr Vogl!“, lacht Gerda ihn an.

 

Er verzieht keine Miene. Völlig neutral, aber mit einem aufgesetzten Lächeln betrachtet er meine bessere Hälfte. Ich stufe ihn so ein, dass er sicherlich auch nachts, wenn er tief schläft, dieses verbindliche Lächeln im Gesicht trägt.

 

„Na, dann folgen Sie mir mal bitte!“

 

Mit weit ausholenden Schritten läuft er vor uns her. Mir fällt sofort auf, dass er die Gehweise eines Sportlers hat.

 

Wir betreten das Haus, dessen Eingang aus einer im gotischen Stil gehaltenen Eisentüre besteht, die, genau wie das mit Silber beschlagene Tor, mit wunderschönen Ornamenten verziert ist. Löwenköpfe und andere Tierdarstellungen sind in die Türe eingraviert. Wir sind schon jetzt sehr beeindruckt. Ja, das kann man wohl sagen.

 

Zwischen dem etwas dunklen Flur, der mit dicken Teppichen, die jedes Geräusch schlucken, ausgelegt ist, und dem nächsten Vorraum, der direkt ins Innere des Hauses führt, steht ein großer, etwa sechzigjähriger, schlanker Mann mit würdevollem Blick in dunklem Anzug. Seine Schuhe glänzen auffallend. Dieser Mann muss der Butler sein!

 

„Darf ich vorstellen: Johann, unser allseits beliebter, und geschätzter Butler!“

 

Der Genannte wirft ihm einen kurzen Blick zu. Wir können diesen aber nicht deuten.

 

„Er ist Ihr Ansprechpartner, wenn Sie etwas Besonderes wünschen!“

 

Dabei überreicht ihm der Empfangschef unsere Autoschlüssel, die dieser unauffällig entgegennimmt. Seine Bewegung sieht so aus, als ob er zaubern könnte. Schwupps! Die Schlüssel sind blitzschnell irgendwo in seiner Hand oder Jacke verschwunden.

 

„Angenehm, Johann ist mein Name. Sie sind das glückliche Ehepaar aus München, das diese herrliche Urlaubsreise gewonnen hat?“

„Ja, das sind wir. Dürfen wir Sie wirklich Johann nennen?“, frage ich ihn erstaunt.

 

Er steht vor uns und wirkt sehr geradlinig und korrekt.

 

„Wir duzen uns alle hier, Herr Dr. Plank!“

„Verzeihen Sie, aber ich bin kein Doktor. Meine Frau trägt diesen Titel.“

„Oh! Da habe ich etwas falsch gelesen!“

 

Er verzieht keine Miene. Nur seine knollige Nase, die etwas üppig ausgefallen ist, vibriert leicht.

 

„Aber selbstverständlich nur dann, wenn Sie es gestatten!“, mischt sich Vogl ein.

„Aber natürlich! Nennen Sie mich bitte Michael. Ich wende mich an meine Frau und fahre fort: „Ja, und das ist mein Augenstern Gerda.“

„Angenehm. Es lockert die gesamte Atmosphäre, ihr versteht!“, meint Franz und lächelt dabei süffisant.

 

Sieh an, sieh an! Gerdas Blick wirkt etwas verschleiert.

 

In dem Raum, den wir nun betreten, befindet sich, etwas seitlich stehend, ein alter, aber wunderschön polierter Steinwayflügel. Ob hier auch jemand spielen kann, frage ich mich. Meist stehen solche Prunkstücke ja nur zur Zierde herum. Die Besitzer derer wollen damit oft nur den Eindruck erwecken, intellektuell zu sein. Sei es drum. Mich kann so etwas nicht beeindrucken. Aber trotzdem: Es macht ein gutes Bild, gerade in solch einem feudalen Hotel.

 

„Johann beherrscht diesen Flügel geradezu perfekt!“, erklärt Franz, als er meinen fragenden Blick bemerkt.

 

Dieser Mann hat Menschenkenntnis. Oder kann er Gedanken lesen?

 

„Hier ist der Speise- und Aufenthaltsraum für kühlere Tage. In dieser Bücherwand (er deutet an die linke Seite des Raumes) findet ihr alles, was lesenswert ist! Dort rechts bauen wir jeweils das Frühstücks- und Abendbuffett auf. Ihr könnt bis zehn Uhr frühstücken, und das Abendessen gibt es ab sechs Uhr. Mittags essen wir meist zwischen zwölf und ein Uhr. Aber wir sind in dieser Beziehung sehr flexibel. Das Frühstücks- und Abendbuffett bietet so ziemlich alles, was euer Herz begehrt. Wir haben auch an Getränken nahezu alles hier, was es überhaupt zu kaufen gibt! In euerem Appartement befindet sich zudem eine kleine, bescheidene Bar, die immer aufgefüllt ist. Natürlich auf Kosten des Hauses! Also, lasst es euch gut schmecken!“

 

Wir sehen, dass unsere Erwartungen nicht nur erreicht, sondern meilenweit übertroffen sind. Was hier angeboten wird, und das zum Nulltarif, ist geradezu phänomenal! Johann bringt auf einem silbernen, ovalen Tablett einige Gläser Sekt, und wir stoßen zusammen an:

 

„Auf euren Urlaub, Leute!“, ruft Franz. Er lächelt uns freundschaftlich an.

„Auf euer Haus Lichtblick!“, antworte ich ihm.

„Auf einen schönen Urlaub!“, lacht Gerda.

 

Die Gläser klirren. Johann hält sich, wie es sich für einen hervorragenden Butler gehört, zurück. Er nimmt sich keines der Gläser, denn dies geziemt sich wohl nicht. Wegen uns könnte er aber gerne mittrinken. Ich persönlich bin jedenfalls heilfroh, dass Gerdas negative Erwartungen nicht erfüllt wurden. Versteht sich. Ihre üblichen Bedenken waren grundlos...

 

... wie es scheint...

 

„Wie viele Gäste sind denn außer uns noch anwesend?“, will Gerda von den beiden Männern wissen. Sie blickt sich suchend um.

„Wir haben im Haus, in der oberen Etage, vier komplette Appartements. Dort schlafen die Gäste. Außer euch Beiden ist noch ein Ehepaar aus Stuttgart hier. Sie besitzen ein Autohaus von Mercedes. Ein weiteres Ehepaar kam aus Frankfurt. Sie sind die Eigentümer einer Buchhandlung. Und außerdem ist noch ein Einzelgast aus Düsseldorf hier, ein Mann, von dem wir noch nicht genau wissen, was er beruflich macht. Aber das spielt ja auch keine Rolle. Ihr seid also zu siebt. Somit sind wir ausgebucht.“

„Wir hatten es uns wesentlich größer vorgestellt, umso mehr sind wir positiv überrascht, dass es sich nun personenmassig so sehr in Grenzen hält!“, erkläre ich ihm.

 

Ja, ich bin wirklich sehr froh darüber, dass hier nur so wenige Leute sind. Ich hasse diese fürchterlichen Menschenansammlungen von hemmungslosen Urlaubern, insbesondere ihre quäkenden und brüllenden Kinder. Nicht, dass ich etwas gegen Kinder hätte, nein, nein, aber im Urlaub möchte ich doch meine selige Ruhe haben. Gut, wenn ich selbst ein solches brüllendes Kind hätte, wäre dies sicherlich etwas ganz anderes. Aber so...

 

„Ja, und neben unserem Johann haben wir noch einen fest angestellten Gärtner namens Albert. Er ist ein etwas älterer Mann. Dann ist da noch der Koch Martin, der seine Speisen am liebsten alleine isst, und schließlich ein Hausmädchen namens Sabine. Sie kümmert sich um euere Appartements. Ihr braucht also keinen Finger zu rühren!“

„Das ist ja grandios, Franz!“, freut sich meine Angetraute.

 

Mir fällt auf, wie sie ihn dabei ansieht. Er gefällt ihr offensichtlich! Warum auch nicht? Ich bin schließlich auch kein Kostverächter! Damit möchte ich aber nicht ausdrücken, dass wir uns gegenseitig betrügen! Wie heißt es so schon: Das Auge isst mit.

 

„Nun, für die Gäste nur das Beste!“ Er klatscht dabei leicht in die Hände.

„Noch eine Frage, Franz: Die Illusions-AG ist offensichtlich ein sehr florierendes Unternehmen, dass es sich solch eine Anlage leisten kann.“

„Nun, Michael, das Geschäft läuft gut. Ja, so könnte man getrost sagen.“

„Uns soll es nur recht sein!“, lacht Gerda.

„Wollt ihr gleich eine Kleinigkeit essen und trinken, oder soll ich euch zuerst alles zeigen?“

 

Ich schaue Gerda kurz an und ahne, dass ihre Neugier stärker ist, als ihre physischen Grundbedürfnisse.

 

„Wir möchten zuerst das Haus besichtigen!“, ist ihr eindeutiger Kommentar.

 

Franz führt uns in die blitzende Küche, in der wir Martin kennen lernen. Ein Dutzend silberner Pfannen hängen frisch poliert nebeneinander an einem langen, dicken Seil. In der Mitte des Raumes befindet sich ein riesiger, rechteckiger Ofen.

 

Martin ist ein etwa dreißigjähriger, untersetzter Mann in weißem Kittel. Er hat bereits jetzt, in diesem jungen Alter, einiges von seiner Haarespracht verloren, was ihn sicherlich älter erscheinen lässt, als er es in Wirklichkeit ist. Man sieht ihm deutlich an, dass er selbst sein bester Gast ist. Ruhig und freundlich stellt er sich bei uns vor:

 

„Ich freue mich, euch hier zu sehen! Ich hoffe, dass euch meine Gerichte munden werden! Es gibt mittags drei verschiedene Essen zur Auswahl. Wenn ihr Beschwerden haben solltet, was ich aber nicht glaube! (er ist offensichtlich sehr selbstsicher) dann wendet euch vertrauensvoll an mich.“

 

Wir bedanken uns für seine freundlichen Ausführungen und die Besichtigung nimmt seinen weiteren Verlauf.

 

Draußen, auf der Terrasse, die nach hinten hinausführt, also Richtung Meer, liegen zwei Damen und ein Mann auf bequemen Liegestühlen. Die eine hält ein Glas mit Orangensaft in der Hand, die zweite raucht und führt soeben ein Sektglas zum Mund, und er, der Mann, liest in einer Broschüre. Sie lächeln uns freundlich zu. Zwei Männer sitzen zudem an einem kleinen, quadratischen Tischchen aus reinem Marmor, welches geschwungene Füße hat und in das ein Schachbrett eingearbeitet ist. Sie spielen dieses königliche Spiel und sind scheinbar so vertieft, dass sie gar nicht merken, dass wir angekommen sind.

 

„Ihr könnt euch ja nach dem Abendessen mit eueren neuen Freunden bekannt machen. Aber jetzt zeige ich euch das Appartement, wenn euch dies recht ist.“

 

Ich sehe, wie es in Gerdas Augen aufblitzt. Ich weiß, wie viel ihr an einem sauberen und schönen Zimmer liegt! Sie ist der Meinung, dass das Zimmer der halbe Urlaub ist, denn man muss sich schließlich auch nachts wohl fühlen.

 

Ich stimme ihr zu.

 

Im Erdgeschoß befinden sich auf der linken Seite aneinandergereiht eine Türe neben der anderen; also von der Eingangstüre her gesehen. An den Türen dieser fünf Zimmer sind mit kleinen Schildchen die Namen der Angestellten befestigt:

 

Martin, Albert, Sabine, Franz und Johann.

 

Hier wohnen sie also! Direkt gegenüber liegen noch weitere Räume.

 

Wir laufen eine wunderschöne Wendeltreppe hinauf. Jetzt fällt mir erst auf, dass das gesamte Haus, auch die Decken des Hotels, mit teurem Holz ausstaffiert ist. Herrliche, in Öl gemalte Bilder mit Damen- und Herrenportraits hängen an den Wänden. Diese Bilder wirken auf uns sehr alt und auch sehr teuer. Die geschwungene, breite Treppe ist mit einem dunkelblauen, flauschigen Teppich ausgelegt, so dass man denkt, man laufe auf ihm mit Turnschuhen.

 

Im ersten Obergeschoss angekommen, führt uns Franz gleich nach der Treppe rechts in einen dunklen Flur, an dessen Stirnseite eines dieser sicherlich wertvollen Bilder hängt. Es zeigt einen alten, weisen Mann mit weißem Vollbart, der mich irgendwie an den lieben Gott erinnert. Auch Gerda zeigt einen überraschten Gesichtsaudruck. Ob sie von diesem außergewöhnlichen Bild wohl denselben Eindruck hat? In diesem Flur, der etwa acht bis neun Meter lang ist, befinden sich pro Seite lediglich zwei Zimmertüren. Die eine ist links. Es ist das Appartement 03. An der Türe hängt ein Messingschild und auf der rechten Seite liegt unser Appartement: das Zimmer 04.

 

Franz sperrt die wuchtige Türe auf und uns bleibt zuerst einmal die Luft weg. Nicht, weil dort drinnen so wenig Sauerstoff wäre, nein, eben deswegen, weil die Einrichtung dieses Appartements geradezu umwerfend ist. Man kann es kaum beschreiben, aber sofort fällt mir ein Vergleich mit den altmodischen Filmzimmern von den uralten Hollywood-Filmen aus den Fünfziger Jahren ein, in denen Liz Taylor oder Richard Burton residiert und ihre glanzvollen Rollen gespielt hatten. Der große Raum, der mit verschiedenen Teppichen ausgelegt und neben viel Holz komplett mit sündteuerer Seidentapete ausstaffiert ist, wirkt dermaßen stark auf uns ein, dass wir uns gegenseitig fast festhalten müssen. Diese schweren, goldfarbenen Vorhänge! Dieser gewichtige, glitzernde Lüster, der sich genau in der Mitte des rechteckigen Raumes befindet!

 

Einfach grandios!

 

„Die Armaturen im Bad sind sicherlich vergoldet, Franz?“

„Aber selbstverständlich sind sie das, Gerda!“

„Wenn sich dieses Appartement im Holiday Inn in München-Schwabing befinden würde, würde es pro Nacht sicherlich 1000- Euro kosten!“

„Ja, so in etwa, Michael.“, bemerkt er trocken.

„Mein Gott! Ich bin total überwältigt, Michael!“

 

Gerda kann ja normalerweise nichts aus der Ruhe bringen, aber dieses einmalige Zimmer wirkt sichtlich auf sie ein.

 

„Ja. Ich auch, ich auch, Gerda.“

„Ich überlasse euch jetzt selbst, und wenn ihr euch erfrischt habt, dann kommt bitte zum Essen hinunter. Martin bereitet zur Feier des Tages etwas ganz Spezielles für euch zu, sozusagen als Begrüßungsgeschenk!“

 

Wir bedanken uns bei ihm höflichst und er steckt den herrlich gearbeiteten Schlüssel in die Innenseite des Schlosses.

 

„Falls ihr einen zweiten Schlüssel braucht, so ist das kein Problem! Ach ja, und noch etwas: Johann wird nachher, wenn ihr esst, die Koffer hinaufbringen. Außerdem wird er euren Wagen reinigen.“

„Aber das muss doch nicht sein, Franz!“, erwidere ich, peinlich berührt.

„Das gehört alles zum Service. Hier bei uns im Haus Lichtblick ist all inclusive wirklich all inclusive!“

 

Mit einer eleganten Bewegung verschwindet er und lässt uns endlich alleine.

 

„Ich bin jetzt so richtig froh, dass wir unsere Ruhe haben, Michael.“

„Du wolltest doch gleich alles sehen! Ich hätte mich gerne zuerst geduscht!“

„So? Hättest du?“

„Ja. Und ein Bier getrunken.“

„Wieso hast du dann nichts gesagt?“

„Weil ich die Neugier der Frauen kenne!“, scherze ich und klopfe ihr auf den Allerwertesten.

 

Ich weiß zwar, dass sie das nicht mag, aber ich kann mich leider oft nicht mehr zurückhalten. Wahrscheinlich liegt es im Naturell des Mannes, den Frauen auf den Hintern klopfen zu müssen. So sind wir nun mal, wir Männer.

 

Zurück zu unserem prachtvollen Zimmer: Die Armaturen sind tatsächlich vergoldet. Ich kann es einfach nicht fassen. Sogar der Duschhahn in der Brause ist mit Blattgold überzogen. Das Bad ist mit typisch italienischen, von Hand bemalten Fliesen, deren Motive kleine, nackte Engelchen zeigen, ausgestattet, und der Toilettendeckel ist auch handgearbeitet, wie man deutlich sehen kann.

 

„Was zeigt denn dieses Motiv auf dem Klodeckel, Gerda?“

Sie kommt herein und betrachtet ihn: „Ich würde sagen, kleine, geisterähnliche Wesen!“

 

Wir lachen verhalten.

 

„Was doch manche Leute für seltsame Ideen haben, was?“

„Aber ehrlich, Michael. Ich würde nie auf die Idee kommen, ein solches Motiv auf einen Klodeckel zu zeichnen.“

 

Gerda befindet sich im Wohnraum, während ich ausgiebig dusche. Als ich halbnackt in den gemütlichen Raum zurückkomme, bastelt Gerda gerade an den technischen Dingen wie TV und Radiogerät herum, d.h. sie versucht, sich mit ihnen vertraut zu machen.

 

„Kommst du zurecht?“, frage ich sie.

„Ja, aber ich denke, dass wir hier keinen Fernseher brauchen!“

„Der Radioapparat (eine 2000- Euro-Anlage mit vier dicken Boxen) funktioniert, ja?“

„Tut er.“ Sie dreht etwas auf und laute Musik dröhnt wie in einer Disco.

„Wahnsinn! Was für eine Anlage!“

„Ja, der Sound ist phantastisch.“

„Wenn wir wieder zu Hause sind, kaufen wir uns auch solch eine satte Anlage, Gerda!“

 

Die Bar, die äußerst geschickt in die Wand eingelassen ist, übertrumpft alles, was wir bisher gesehen haben. Sie hat die Größe eines mittleren Kühlschrankes und enthält wirklich all das, was man sich an Getränken überhaupt vorstellen kann: vom Perrier-Wasser bis hin zum Krimsekt. Es ist alles vorhanden. Verschiedene Öffner wie Korkenzieher etc. liegen in einem kleinen Seitenfach bereit.

 

„Denkst du, dass diese Getränke auch auf Kosten des Hauses gehen?“, zweifelt sie. Sie zieht dabei leicht eine Augenbraue hoch.

„Aber natürlich! Franz erwähnte es doch nebenbei! Oder irre ich mich?“

„Nein. Es stimmt! Er sagte, dass alles auf Kosten des Hauses ginge! Jetzt fällt es mir auch wieder ein.“

 

Ich hole mir aus dieser Prachtbar ein kaltes Bier. Danach schaue ich mich noch einmal im Raum um und sage zu Gerda:

 

„Weißt du, was hier fehlt?“

„Was denn?“

„Ein Telefon!“

 

xxx

 

Wir Beide sitzen alleine an dem großen, ovalförmigen Tisch im Innenraum und Martin kommt mit einem riesigen Tablett zu uns, auf dem sich allerlei silberne Schüsselchen sowie Teller befinden. Sogar das Besteck ist reines Silber, wie wir sofort erkennen können. Das Ganze wirkt so pompös auf uns, dass wir völlig überfahren sind. Worauf hatten wir uns geistig schon eingestellt! Gerade Gerda hatte das Schlimmste (eine dieser billigen Absteigen, die den Touristen von gewissen Reisebüros als Schnäppchen angeboten werden) befürchtet, und sich sowohl seelisch, als auch moralisch darauf eingestellt. Und nun diese ungeheuere Überraschung! Dieses Urlaubsparadies übertrifft alles, was wir uns überhaupt vorstellen konnten! Gut, wir haben natürlich schon einige Reisen mit dem Wagen oder auch mit dem Flugzeug hinter uns, und wir hatten auch so manche Überraschung erlebt, aber dieses Anwesen hier schlägt alles um Längen.

 

Franz gesellt sich noch kurz zu uns, während wir dieses hervorragende Mahl, das aus verschiedenen, gebratenen Fleisch- und Fischsorten sowie allerlei leckeren Zutaten besteht, verspeisen, und erklärt uns noch ein paar Dinge, die wir natürlich wissen müssen:

 

„Für euch und eure zukünftigen Freunde steht ein neuer VW Sharan-Neunsitzer bereit, für den Fall, dass ihr irgendwann einmal zusammen die Insel besichtigen wollt! Unten am Strand, es sind übrigens von der Terrasse bis zum Meer nur sechzig Meter, liegt außerdem ein hauseigenes Motorboot bereit, für den Fall, dass jemand Wasserskifahren möchte. Davon liegen auch genügend bereit. Johann beherrscht dieses Boot geradezu perfekt. Wenn ihr fahren wollt, sagt es ihm bitte. Wir haben zusätzlich auch noch einige, kleine Schlauchboote, mit denen ihr auf dem Meer kleinere Ausflüge unternehmen könnt. Der Strand ist speziell für unser kleines Hotel links und rechts mit Drahtzaun abgetrennt, der einige Meter ins Meer hineinreicht und dann abfällt, so dass ihr vor irgendwelchen Fremden eure Ruhe habt. Ihr könnt aber, wenn ihr wollt, um diese Absperrung herumschwimmen und am langen Strand spazieren gehen. Linker und rechter Hand ist alles unbebaut, und zwar kilometerweit. Der Strand gehört somit euch! Dort unten findet ihr auch Liegestühle, Sonnenschirme, einen Kühlschrank, der halb in den Sand eingearbeitet ist, und ein Toilettenhäuschen. Wer noch weitere Wünsche hat, wendet sich bitte an Johann. Er bringt dann das Notwendige.“

„Ich werde verrückt, Franz!“, sage ich.

„Mir geht es genauso!“, bestätigt Gerda.

„Nur das Feinste für unsere Gäste, sage ich immer!“ Er lacht schon wieder, was ihn sehr sympathisch erscheinen lässt.

„Es ist ein Traum. Hoffentlich wache ich jetzt nicht auf!“, schäkert sie, sichtlich entzückt.

„Wenn ich gewusst hätte, dass die Gewinne dieser Preisrätsel wie dieser hier aussehen, hätte ich jedes Einzelne, das mir in die Finger kam, mitgespielt!“, versichere ich.

„Ich nehme an, dass sich andere Unternehmen nicht so bemühen, wie unsere Illusions-AG!“, ist Franz’ Kommentar.

„Ja, das glaube ich auch. Es sollte mehr ein Spaß sein.“

 

Noch während wir essen, erklingt plötzlich leise Musik. Johann, der Allrounder, sitzt mit todernster Miene an dem herrlichen Flügel und spielt ein Stück von Beethoven. Die Siebte.

 

„Perfekt, findest du nicht auch?“ Ihr Kopf wiegt leicht hin und her. Sie genießt das wunderschöne Musikstück.

„Ja, Gerda, einfach umwerfend.“

 

Johann ist, so finden wir, genauso perfekt wie Albert, der Koch. Eine tolle Mannschaft!

 

„Der Koch sieht eigentlich gar nicht wie ein Koch aus, findest du nicht auch, Gerda?“

„Ich finde, schon. Er ist so rundlich, und man sieht ihm die Feinschmeckerei regelrecht an.“

„Nein, du verstehst mich falsch. Ich meine, die Art, wie er sich benimmt. Er wirkt so weltmännisch auf mich.“

„Wenn du dieser Meinung bist: Bitte. Vielleicht war er vorher Chefkoch auf einem großen Passagierschiff. Dadurch lernte er dann automatisch, wie man sich in diesen Kreisen zu benehmen hat!“

 

Sie blickt mich dabei an, als ob sie mir sagen möchte, dass es auch mir nicht schaden würde, einmal Chefkoch auf deinem großen Schiff zu sein.

 

„Wie du meinst, Gerda.“

 

Gerade, als wir aufstehen wollen, nähert sich uns eine etwa zwanzigjährige, junge Dame. Sie kommt freudestrahlend auf uns zu, und man könnte fast annehmen, dass sie uns schon lange kennen würde:

 

„Herr und Frau Plank aus München?“

„Ja, das sind wir.“, antwortet Gerda freundlich.

„Ich heiße Sabine und bin euer Zimmermädchen!“

„Sehr erfreut!“ Wir Ich stehen auf und schütteln ihre zarte, weiße Hand.

„Ich hoffe, dass ihr mit meiner Arbeit zufrieden seid! Falls doch einmal etwas nicht so sein sollte, wie ihr es wünscht, sagt es mir bitte! Ich werde dann dafür sorgen, dass die Sache in Ordnung geht!“

 

Wir bedanken uns und ich konstatiere folgendes: Dieses Mädchen ist, genau wie die anderen Angestellten, sehr wortgewandt und äußerst selbstsicher. Sabine ist, ohne zu übertreiben, eine Schönheit: grüne Katzenaugen, hellblondes, langes, dichtes Haar, gertenschlank und ihre Beine! Geradezu umwerfend! Auch wie sie geht - einfach göttlich! Sie geht nicht wie viele andere junge Frauen, nein, sie schwebt! Ein blonder Engel, der die Herzen aller Männer höher schlagen lässt!

 

Da ich ihr versehentlich genau eine halbe Sekunde zu lange nachblicke, ertappt mich Gerda natürlich dabei:

 

„Sie könnte als Fotomodell sicherlich mehr Geld verdienen, als hier, Michael.“

 

Eine ihrer Feststellungen... eine ihrer speziellen Umschreibungen... um dann später exakt und mit Nachdruck auf den Punkt zu kommen.

 

„Ja, sie käme in diesem Beruf sicherlich gut zurecht!“

„Gib es zu: Sie gefällt dir!“

„Soll ich dich jetzt anlügen, oder was?“

„Nein.“

„Zugegeben: Sie ist hinreißend.“

 

Stille.

 

„Gut, ich nehme es zurück: Sie ist ansehnlich.“

„Das war dein Glück, du Möchtegern-Casanova!“, lacht sie.

„Denkst du, dass ich nicht gesehen habe, wie du Franz angesehen hast, als wir hier eingetroffen sind, mein Goldstück?“

„Franz? Aber ich bitte dich!“

„Tu nur nicht so! Er wäre genau dein Typ, oder?“

„Wenn es dich nicht gäbe, vielleicht.“

„Das dachte ich mir schon.“

 

Unsere kleinen Eifersüchteleien klingen schließlich langsam ab. Wir stehen auf und gehen hinaus. Wir blicken uns auf der großen, mit wilden Rosen und verschiedenen, anderen Blumenarten, sowie mit sauber geschnittenen Sträuchern umrandeten Terrasse um. Wir stehen auf und setzen uns an einen anderen, kleinen Tisch (es befinden sich außer dem großen Esstisch noch einige weitere, kleine Tischchen auf der Terrasse), und sofort eilt Johann herbei:

 

„Was möchten die Herrschaften trinken?“

„Bitte ein kühles Bier für mich, Johann.“

„Mir bitte ein großes Glas Orangensaft: sehr kühl, wenn es möglich ist.“, sagt Gerda.

Als er verschwunden ist, sage ich leise zu ihr: „Ich komme mir wie ein Graf vor!“

„Ja, und ich mir wie eine Gräfin.“

 

Wir beabsichtigen, uns nun bei den Mitgästen vorzustellen. Wie es scheint, wird dies hier eine recht lustige Runde werden, stelle ich sofort fest, als ich mir die Meute so betrachte.

 

Stefan Grund, der Autohändler aus Stuttgart, ist ja offenbar mit allen Wassern gewaschen! Er erklärt uns, dass er normalerweise neue und gebrauchte Mercedes-Modelle an den Mann bringen würde. Er ist klein, grauhaarig, schlank und sehr gut drauf. Anita Grund, seine Ehefrau, ist ebenfalls recht zierlich, klein und überaus lustig. Sie hat schwarze, kurze Haare und dunkle Augen. Sie könnte eine Südländerin sein, überlege ich. Sie wirkt ein wenig aufdringlich und auch frech. Stefan ist schon um die sechzig und seine Holde ist mindestens zwanzig Jahre jünger als er.

 

Sebastian Märkl ist, genau wie Stefan, um die sechzig. Er ist ein ziemlich großer Mann, über einen Meter achtzig, hat graue Haare, wirkt ruhig und introvertiert auf uns. Er ist ein Buchhändler aus Frankfurt am Main und seine Ehefrau Juliane Märkl, etwa im selben Alter wie er, hilft ihm im gemeinsamen Geschäft, wie sie uns erzählt. Sie ist, ohne sie abwerten zu wollen, potthässlich, dick und klein, hat wasserblaue Augen und trägt eine dieser altmodischen Dauerwellen. Sie wirkt auf uns laut, nein, vorlaut, und obendrein völlig überdreht. Ein pflanzliches Beruhigungsmittel würde ihr sicherlich nicht schaden! Sie hat ein Sektglas in der Hand und schwenkt es leicht wie ein Fähnchen hin und her. Ich bemerke sofort den erzürnten Blick ihres Herrn Gemahls. (Apropos Fahne: Es kommt uns beim gegenseitigen Händeschütteln so vor, als ob diese Dame eine leichte Alkoholfahne hätte!)

 

Das mag er wohl nicht!

 

Zum guten Schluss haben wir noch einen Einzelgast: Theo König ist sein werter Name. Er ist ein schwerer Mann, so um die hundert Kilogramm, gut aussehend, ein dunkler Typ mit braunen Augen. Er ist groß, etwa einen Meter achtzig, sehr kräftig, ruhig und wie es scheint, ein rechter Witzbold.

 

Wir werden ja sehen...

 

Wie wir feststellen können, wird hier so Einiges getrunken. Es kostet ja nichts! Auch wir Neulinge nehmen uns vor, uns mit den überaus feinen Getränken, die hier offeriert werden, nicht zurückzuhalten, und Johann ist somit mit uns sieben Leuten sehr beschäftigt. Ein kühles Getränk nach dem anderen wird von uns vernichtet, und die allgemeine Stimmung hebt sich erkennbar.

 

Es ist schon kurz vor elf Uhr in der Nacht, als Gerda und ich beschließen, ein letztes Mal in den warmen Swimming-pool zu springen, weil die Außentemperatur immer noch bei knapp dreißig Grad liegt. Wir plantschen gerade ausgelassen herum (Gerda steht direkt vor mir), als es mir plötzlich so vorkommt, als ob das Wasser auf einen Schlag eiskalt wäre. Überrascht schaue ich in Gerdas Gesicht, ob sie eine Reaktion zeigt, stelle dann aber fest, dass sie es anscheinend nicht spürt. Von einer Sekunde auf die andere verschwindet diese, meine Empfindung wieder, und die Temperatur des Wassers fühlt sich wieder völlig normal an.

 

Was ist hier los?

 

Nach unserem nächtlichen Bad fühlen wir uns (insbesondere ich!) etwas ernüchtert und verabschieden uns von unseren neuen Freunden. Sie denken offensichtlich noch gar nicht daran, in ihre Betten zu gehen! Gut, sicherlich hatten sie nicht einen solch anstrengenden Tag wie wir beide hinter sich, denn sie waren ja alle bereits gestern hier angekommen. Selbstredend waren sie mit dem VW Sharan vom Flughafen abgeholt worden, wie sie uns erzählt hatten. Johann hatte sie chauffiert. Was aber das Witzigste an der ganzen Sache ist: sie alle, also die beiden Ehepaare und Theo, hatten genau wie wir und unabhängig voneinander bei einem Preisrätsel den ersten Preis gewonnen. Das hatten sie uns abends erzählt. Natürlich fragte ich Johann, als er uns eine gute Nacht wünschte, wie das hatte sein können. Er hatte nur verbindlich lächelnd erzählt, dass die Firma Illusions-AG mehrere Preisrätsel zugleich hatte laufen lassen. Wir nehmen an, dass seine Aussage, die er sehr glaubwürdig herüber brachte, der Wahrheit entspricht, denn bei Familie Grund aus Stuttgart hieß das Lösungswort INSELTRIP, bei Familie Märkl war es das Wort MITTELMEER und bei Theo König war es die AUTOFÄHRE gewesen. Nun gut. Dann waren es eben mehrere Preisrätsel, die zugleich liefen! Gerda kam noch zu guter letzt zu der etwas sonderbaren Erklärung, dass die Illusions-AG sicherlich in jedem Bundesland ein solches Preisrätsel geschaltet hatte.

 

Sei es, wie es wolle...

 

„Vielleicht“, sagt sie leise zu mir, „haben sie auch mehrere Feriendomizile!“

 

Etwas später, als wir endlich in dem bequemen Doppelbett liegen, erklärt sie mir, dass sie trotzdem nicht ganz verstünde, wie solch ein Unternehmen mehrere Preisrätsel zugleich, also in derselben Zeitspanne von vier Wochen, schalten würde. Da sie vom Kaufmännischen ein wenig Ahnung hat, erscheint mir ihre Erklärung, dass dies mit den gleichzeitigen Preisrätseln blanker Unsinn sei, akzeptabel. Auch ich kann den eigentlichen Sinn, den Hintergrund dieser doch sehr außergewöhnlichen Werbeaktion, nicht ganz nachvollziehen. Egal, sage ich mir, während ich an die Zimmerdecke schaue. Was stört es uns? Hauptsache ist doch, dass wir zwei Wochen lang kostenlos unseren unverhofften Urlaub genießen können! Mit diesen Gedanken schlafe ich schließlich ein. Gerda schläft bereits. Die Anstrengung war für sie doch ein wenig zu viel gewesen.

 

xxx

 

Morgens um kurz nach drei Uhr wache ich auf, weil ich schlecht geträumt habe. Ich träumte sehr intensiv von dunklen Schatten, die genau dort waren, wo es keine geben kann: auf den nassen Steinfliesen unseres Pools. Ich lag dort am Rande des Pools seitlich aufgestützt und schaute Gerda zu, wie sie immer wieder von dem Ein-Meter-Sprungbrett kopfüber in das dunkelblaue Wasser hineinstürzte. Plötzlich und völlig unerwartet befand sich plötzlich ein dunkler Schatten direkt neben mir, der sich sachte hin- und herbewegte. Da ich annahm, dass dieser Schatten von einem unserer neuen Freunde herrühren würde, drehte ich den Kopf in diese Richtung, um zu schauen, wer es denn wohl sein könnte. Aber dort war niemand. Keine Seele war weit und breit zu sehen. Gerda und ich waren vollkommen alleine am Pool, und ich konnte einfach nicht verstehen, wieso hier ein länglicher, etwas bizarr wirkender Schatten auf den Fliesen liegen konnte.

 

Ich fühle mich jetzt, in dieser Sekunde, bedingt durch diesen seltsamen Traum, etwas benommen und stehe langsam auf, weil ich dringend zur Toilette muss. Bereits im Badezimmer habe ich diesen Traum verdrängt, also gewissermaßen halbwegs vergessen, jedoch dann überlege ich: es ist doch äußerst seltsam, dass ich hier in diesem Raum einen solch erschreckenden Traum hatte! Ich wundere mich deswegen, weil ich normalerweise so gut wie nicht träume. Ich schiebe es auf die Anstrengungen und die neuen Eindrücke des gestrigen Tages, und lege mich wieder leise ins Bett. Gerda liegt nach wie vor leicht zur Seite gedreht neben mir und atmet gleichmäßig und ruhig.

 

Auch fällt mir plötzlich wieder dieses ungewöhnliche Kältegefühl im Pool ein: hatte ich es mir nur eingebildet, oder war da wirklich dieser eiskalte Wasserschwall, der unter mir dahin geglitten war? Es war, als ob durch eine seitliche Öffnung ein eiskalter Schub an Wasser in den Pool geschossen wäre, der sich dann aber sehr schnell mit dem warmen Wasser vermischt hatte. Ja, genau so könnte ich es erklären, wenn mich jemand danach fragen würde. Natürlich hatte ich Gerda davon nichts erzählt, weil ich mich nicht blamieren wollte. Ich kenne sie: mit Bestimmtheit hätte sie nur laut gelacht und mir geraten, nicht mehr so viel zu trinken. Ich starre zur Decke, als ich ihn plötzlich sehe:

 

Den Schatten.

 

Er bewegt sich ganz, ganz langsam hin und her. Es hat den Anschein, als ob dort oben an der Zimmerdecke eine Gestalt leicht tänzerisch schweben würde. Im Zimmer ist es zwar dunkel, jedoch nicht allzu sehr, weil die Vorhänge nicht zugezogen sind. Ich überlege fieberhaft: woher kommt dieser seltsame Schatten? Ist es einer der riesigen Bäume vor unserem Fenster, dessen Krone sich etwas hin- und herbewegt? Erzeugt diese, sich leicht wiegende Krone den auf mich so unheimlich wirkenden Schatten? Haben wir denn solch einen Wind, dass dem so sein könnte? Auf meiner Stirn bilden sich Schweißperlen. Verdammt! Habe ich etwa Angst? Das ist doch geradezu lächerlich! Angst wegen eines imaginären Schattens! Ich bin doch im Grunde genommen sonst nicht so ängstlich! Woher, verflixt, kommt denn dieser Schatten, der die Umrisse einer Person hat? Meine Handinnenflächen werden spürbar nass. Eines ist mir bewusst: wenn ich dieses Phänomen nicht sofort, hier und jetzt, erkunden kann, dann ist es mit dem weiteren Schlaf vorbei! Geschweige denn mit dem Einschlafen! Ich starre an die Decke, und der Schatten macht keinerlei Anstalten, zu verschwinden. Hin und her pendelt sein leicht phosphoreszierender Umriss und ich werde immer nervöser.

 

Ich überwinde mich, und stehe langsam und vorsichtig auf. Unbewusst halte ich die Luft an. Als ich endlich stehe, werfe ich einen kurzen, ruckartigen Blick nach oben: der Schatten ist unverändert an der Zimmerdecke. Ich werde wahnsinnig! Was soll ich denn nur tun? Woher kommt...

 

Oder ist es nur eine Einbildung? Bin ich denn von dem gestrigen Tag so überreizt, dass ich schon Dinge sehe, wo keine sind? Das kann doch nicht sein! Ein furchtbarer Verdacht beschleicht mich plötzlich: bin ich etwa krank? Psychisch krank? Halluziniere ich? Das würde mir ja gerade noch fehlen! Ich, der hypergesunde Therapeut, der andere mit Erfolg behandelt - ein Wahnsinniger?

 

Ich, der Mann, der dunkle Schatten sieht?

 

Was würde Gerda wohl dazu sagen? Ich darf gar nicht daran denken! Natürlich würde sie es verstehen, aber letztendlich wäre ich ein kranker Mann, der seinen Beruf nicht mehr ausüben könnte. Und warum? Nur wegen dieses idiotischen Schattens!

 

Meine Logik sagt mir, dass dieser Schatten nur vom Fenster herrühren kann. Ich gehe langsam zum Fenster, ziehe vorsichtig die Vorhänge zu und laufe die drei Meter zurück. Blitzschnell schaue ich an die Decke. Ein Stein, nein, ein Felsblock, fällt von meinem Herzen.

 

Der Schatten ist verschwunden.

 

Ohne es zu wollen, sage ich mir: wo wird er jetzt wohl sein? Mein Herz hämmert immer noch lautstark. Aber mein Verstand sagt mir sehr deutlich, dass dieses Phänomen sicherlich von den dicken Ästen und schaukelnden Zweigen eines Baumes verursacht wurde. Wie gesagt. Oder war es der andere Baum? Egal.

 

Dieser unheimliche Schatten - er ist verschwunden.

Einfach weg.

 

Ich atme tief durch. Mein Puls beruhigt sich langsam, aber spürbar. Ich mache, als ich wieder im Bett liege, die Probe aufs Exempel: scheinbar ruhig, aber innerlich doch noch etwas angespannt, liege ich auf dem Rücken. Ich spüre, dass meine Bauchmuskeln ungewollt angespannt sind. Meine Decke liegt halb drüben bei Gerda, und ich lasse sie dort, da ich nach diesem Vorfall mit Sicherheit keine solche mehr benötigen werde. Ich warte zehn, zwanzig Sekunden und stehe erneut auf. Klammheimlich (im Unterbewusstsein nehme ich immer noch an, dass dieser Schatten irgendwo im Zimmer lauert) gehe ich behutsam zum Fenster. Ich ziehe die schweren Vorhänge auseinander, so dass der Mondschein in unser Appartement dringen kann. Ich getraue mich nicht, als ich zum Bett zurückpirsche, einen Fuß vor den anderen setzend, nach oben zu blicken. Sehr, sehr langsam lege ich mich wieder nieder. Meine Augen halte ich verschlossen. Ich habe sie richtig zusammengepresst und spüre den leicht salzigen Geschmack von Schweiß auf meinen Lippen. Nun kommt der für mich so wichtige Moment: ich schlage die Augen auf und sehe mit erstauntem Blick, dass...

 

... der Schatten nicht mehr aufgetaucht ist.

 

Das kann doch nicht wahr sein! Er müsste doch wieder vorhanden sein! Vorausgesetzt, dass er von dem großen Baum herrührte! Bin ich denn total plemplem? Hallo, Herr Therapeut! Was ist los mit Ihnen? Tut Ihnen die Hitze hier nicht gut? Oder was? Sie sollten kalt duschen, verstehen Sie? Eiskalt duschen! Vielleicht hilft Ihnen das! Ich glotze wie ein Ochsenfrosch an die Decke und sage laut, ohne es zu merken:

 

„Schatten! Wo bist du?“

 

Dabei übersehe ich völlig, dass Gerda wach geworden ist, als ich die Vorhänge erneut geöffnet hatte. Sie sagt jedoch kein Wort und schaut mich offensichtlich nur abwartend an.

 

„Schatten! Komm zurück!“, flüstere ich.

„Michael, was hast du denn?“

 

Ich höre ihre Stimme nur weit entfernt und kann es einfach nicht begreifen:

 

„Komm an die Zimmerdecke!“, rufe ich laut.

 

Gerda richtet sich in ihrem Bett langsam auf und stützt sich mit ihren Ellbogen in den dicken Kissen ab. Sie ahnt, dass ich mich mit etwas Imaginärem unterhalte:

 

„Sag mal, hast du sie nicht mehr alle?“

Jetzt verstehe ich sie wieder. Sehr genau sogar!

„Schau mal zur Decke, Gerda!“

 

Ihr Blick wandert nach oben. Dann betrachtet sie wieder mich. Etwas verstört, wie ich meine.

 

„Was soll dort denn sein?“

„Da war ein Schatten, Gerda.“

„Ein Schatten, ja?“

„Ja, die Umrisse eines Menschen. Oder so ähnlich.“

„Oder so ähnlich?“

„Ja. Genau. Jetzt ist er wieder weg.“

„Vielleicht schläft er jetzt!“ Sagt sie und schaut mich völlig entgeistert an.

„Du meinst...“

„Ja, ich meine. Schlaf jetzt.“

„Aber ich habe doch von ihm geträumt!“

„Von wem?“

„Von diesem Schatten!“

„Was, bitte, hast du genau geträumt?“ Sie klingt genervt.

„Dass er mit uns am Swimming-pool war!“

 

Gerda springt urplötzlich auf und lacht schallend.

 

„Er war mit uns am Pool? Ist er auch geschwommen? Oder gar getaucht?“

„Glaub mir, zuerst träumte ich, dass er mit uns am Pool war, und dann, als ich aufwachte, war er tatsächlich an der Zimmerdecke.“

„Du musst ja einen gehörigen Schatten weg haben! Mein lieber Herr Gesangsverein!“

 

Dabei prustet und lacht sie laut und hemmungslos. Ich finde, sie geht jetzt doch ein wenig zu weit. Außerdem komme ich mir sehr veralbert vor. Meine Angst hat sich jedoch mittlerweile wieder fast völlig gelegt.

 

„Gut, dass er wieder weg ist.“ Ich sitze im Bett und komme mir total blöde vor.

„Michael, was ist nur los mit dir?“ Sie scheint urplötzlich besorgt. Wahrscheinlich entsinnt sie sich daran, dass sie Ärztin ist!

„Nichts ist los mit mir! Ich sage dir, das war dermaßen unheimlich, dass ich es gar nicht beschreiben kann!“

„Aber du hast es mir doch genau beschrieben!“

„Ja, das schon! Aber du hast meine Erzählung nicht ernst genommen!“

„Habe ich schon!“

„Hast du nicht!“

„Habe ich doch!“

 

Wie zwei kleine Kinder...

 

„Wie du meinst, Gerda. Aber komme du mir niemals mit irgendwelchen Angstträumen oder sonstigem Schnickschnack.“

„Ist er jetzt beleidigt, der Herr Schattenmann?“

„Ach, lass mir doch meine Ruhe!“

„Die kannst du haben. Gute Nacht.“

 

Sie dreht sich um und schläft innerhalb von einer Minute wieder ein. Wie kaltschnäuzig sie doch sein kann! Etwa eine Stunde später bin auch ich wieder eingeschlafen und träume zum großen Glück...

 

... nichts mehr.

 

 

Dienstag - 2. Urlaubstag:

 

 

Morgens um acht Uhr sitzen wir zusammen mit den anderen Gästen am gemeinsamen Frühstückstisch auf der herrlichen Terrasse. Ich fragte Gerda bei der Morgentoilette, ob ich den neuen Kollegen die Geschichte mit dem Schatten erzählen soll, und sie hatte sich mit dem Zeigefinger nur an den Kopf getippt.

 

„Bist du denn total übergeschnappt? Bei dir piept es wohl? Was glaubst du, was sie dann von uns denken?“

 

Ich musste ihr selbstverständlich, vom Logischen her gesehen, zustimmen und beschloss, den kleinen, nächtlichen Zwischenfall ad acta zu legen.

 

Gleich nach dem gemeinsamen Frühstück machen sich die anderen gemeinsam zum Strand auf. Wie ich sehen kann, nimmt sich Juliane eine große Flasche Sekt mit. Hat sie schon morgens solch einen Durst? Aber was geht das uns an! Sebastian faucht sie gerade vor den anderen an, ob das denn schon wieder sein müsse, und sie lacht ihn nur ganz frech aus. Im nächsten Moment sind sie auch schon auf dem schmalen Weg, der zum Meer hinunterführt, verschwunden.

 

Gerda und ich möchten uns verständlicherweise ein wenig die nähere Gegend ansehen, und als wir gerade zwischen einigen, blitzsauber abgestuften Hecken hindurch laufen, kommt uns ein alter Mann entgegen.

 

„Das ist sicherlich der Gärtner, Michael.“

 

Bevor ich noch antworten kann, steht er auch schon vor uns: „Ihr seid das Arztehepaar aus München, nicht wahr? Entschuldigt bitte, aber ich war gestern nicht hier!“

„Kein Problem. Ja, wir sind das Ehepaar aus Bayern. Meine Frau ist die Ärztin, und ich bin Therapeut.“, antworte ich höflich.

 

Albert ist sein Name. Er ist knapp siebzig Jahre alt, wie er sagt. Er wirkt sehr munter und jünger, ich möchte sogar behaupten, auch sportlich. Er ist schlank, mittelgroß und ein dunkler Typ. Wie wir sofort sehen können, lacht er gerne. So schnell, wie er aufgekreuzt ist, verschwindet er auch wieder zwischen einigen Bäumen.

 

„Wenn du später genauso fit sein wirst wie dieser Mann, Michael, wäre ich schon sehr zufrieden!“

„Ja, er hat sich ganz prima gehalten, der alte Mann.“

 

Nachdem wir die gesamte Gegend bestaunt haben (wir sahen eine wunderbare Vegetation und viele, bunte Vögel!), holen auch wir aus unserem Appartement das Badezeug und marschieren hinunter Richtung Strand.

 

Stefan und Sebastian spielen gerade zusammen Frisby, und die anderen liegen im Sand. Die beiden Männer beherrschen dieses Spiel recht gut, wie ich erstaunt feststelle.

 

„Es ist leichter, als es aussieht, Michael.“, ruft Sebastian.

„Meinst du?“, antworte ich.

 

Er wirft dieses runde, flache Teil aus dem Handgelenk in meine Richtung und es segelt haarscharf über meinen Kopf hinweg. Ich ducke mich blitzschnell.

 

„Siehst du!“, lacht er, der Mistkerl.

 

Wir gesellen uns zu den beiden Damen und zu Theo, der faul auf dem Bauch liegt und schläft. Juliane hat in der einen Stunde die Flasche fast geleert, und wie es nun aussieht, ist sie recht gut drauf:

 

„Na, ihr beiden Turteltäubchen! Habt ihr euch in die Gebüsche geschlagen?“ Irgendwie unverschämt ist ihre Frage, finde ich, denn Gerdas Gesichtsausdruck bestätigt mich in meiner Meinung.

„In die Gebüsche?“, frage ich gedehnt zurück.

„Ihr wart doch spazieren, oder etwa nicht?“

 

Ich frage mich langsam, was sie eigentlich von uns will. Ist sie so angetrunken, oder ist sie so neugierig? Oder hätte sie uns in den Gebüschen gerne zugesehen?

 

„Wenn du gestattest, ja.“, ist Gerdas Antwort.

„Nun seid doch nicht gleich eingeschnappt! Das war doch nur ein Spaß!“

„Du hast wohl schon die ganze Flasche ausgesoffen, ja?“, stänkere ich bewusst anzüglich.

Sie wirkt sofort eingeschnappt und ich ergänze: „Das was doch nur ein kleines Späßchen, Juliane!“

Sie schaut mich entgeistert an und fängt dann an, zu lachen: „Du steckst wohl sofort die Grenzen ab, was, Michael?“

„Nun, unser Sexualleben geht niemanden, außer uns beiden, etwas an!“

„Aber natürlich!“ Sie hebt ihre Flasche und nimmt einen kräftigen Schluck.

 

Mir fällt an ihr auf, dass sie keineswegs beschämt wirkt. Diese Frau ist abgebrüht wie kalter Kaffee. Sie, Juliane, hat offensichtlich den größten Durst von uns allen. Ihr Mann Sebastian hat mit ihr, wie es aussieht, den Ärger seines Lebens. Schon wieder schreit er vor allen anderen zu ihr hinüber, dass sie gefälligst nicht so viel saufen soll. Sie streckt ihm nur die Zunge heraus und nimmt einen tiefen Schluck aus der Pulle. Nun gut, es ist ihr Problem und nicht unseres. Wir sind schließlich hier, um uns zu entspannen! Um zu genießen! Außerdem ist es nicht unsere Aufgabe, sie an diesem herrlichen Plätzchen Erde zu therapieren, was sie ja sowieso ablehnen würde! Wir sind schließlich keine Suchtspezialisten! Gut, ich kenne mich in diesem Metier etwas aus, und auch Gerda weiß von dieser furchtbaren Krankheit, aber Experten sind wir sicher nicht! Gelegentlich befinden sich unter meinen Patienten auch Alkoholiker, aber meistens habe ich es mit anderen Krankheitsbildern zu tun.

 

Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns hernieder. Gut, dass es am Strand genügend Sonnenschirme herumstehen! Ich hole uns einen solchen, steche ihn mit einem gewaltigen Ruck tief in den Sand, und danach entspannen wir uns mit einem Auge Richtung Horizont.

 

Ich denke noch einmal zurück an letzte Nacht, und nun kommt mir dieser seltsame Vorfall absolut lächerlich vor. Ich schäme mich, Gerda überhaupt eingeweiht zu haben. Wenn sie nicht wach geworden wäre, hätte ich sicherlich nichts erwähnt.

 

Oder vielleicht doch?

 

„Du brauchst dir wegen letzter Nacht keine Gedanken zu machen, Michael. Jeder hat einmal einen solch intensiven Traum, dass er denkt, dass er Realität ist.“

„Vergiss es, Gerda.“

„Bist du etwa noch beleidigt?“

„Aber nein.“

„Wirklich nicht?“

„Nein!“ Etwas zu laut war meine letzte Antwort.

 

Insgeheim sage ich mir: Ich erklärte es dir doch schon letzte Nacht, Gerda! Falls auch du in den nächsten Tagen irgendwelche sonderbaren Erlebnisse haben solltest, was ich dir nicht wünsche, dann werde ich dich genauso behandeln, wie du mich letzte Nacht!

 

Wer weiß, wer weiß...

 

Anita setzt sich zu uns, nachdem sie höflich gefragt hat, ob uns dies auch recht sei. Sie will offenbar nur vor Juliane flüchten will, die sie ununterbrochen mit irgendwelchen komischen Geschichten aus ihrem früheren Leben belegt.

 

„Sie hört nicht mehr auf, wenn sie losgelegt hat!“, jammert Anita zerknirscht. Ihre Hände sind verkrampft, so sehr regt sie sich über diese Frau auf.

„Grenze dich doch einfach von ihr ab! Du siehst doch, dass ihr Mann Sebastian das mittlerweile schon sehr gut beherrscht!“, sage ich leise zu ihr.

„Schaut! Jetzt lacht sie völlig grundlos!“ Gerda bemerkt dies ganz nebenbei. Ja, und tatsächlich: Anita und ich werfen einen kurzen, unauffälligen Blick zu der Trinkerin hinüber, die etwa zehn Meter von uns entfernt im Sand liegt, und sehen erstaunt, dass sie jetzt sogar mit sich selbst spricht. Leider können wir aus dieser Entfernung nicht ein einziges Wort davon verstehen. Sie spricht kurz und leise, und dann lacht sie wieder halblaut. Sie nimmt einen Schluck, (die Flasche neigt sich mittlerweile ihrem Ende!) und spricht wieder. Ist sie schon so am Ende, oder was ist los mit ihr? Fragen wir uns ernsthaft.

 

Das kann mit ihr ja lustig werden!

 

Ich stehe aus meinem weich gepolsterten Liegestuhl auf und gehe zu ihr hinüber. Sie wirkt völlig nüchtern, aber recht aufgedreht.

 

„Sag mal, mit wem sprichst du denn, Juliane?“

„Ich?“

„Es ist außer uns beiden doch sonst niemand hier, oder?“

Sie blickt sich um und lacht: „Tatsächlich! Wir sind alleine!“

 

Kokettiert sie mit mir, oder verarscht sie mich? Das ist die Frage aller Fragen. Ich würde jedoch in diesem Fall letzteres bevorzugen, wenn ich es müsste!

 

„Ich warte!“

„Ich spreche doch mit niemandem! Ich habe nur ein bisschen gesungen. Natürlich sehr leise, damit ich euch nicht störe!“

„In meinen Augen hast du gesprochen.“

„Sieh an, sieh an. Der Herr Therapeut macht sich um mich Sorgen! Denkst du vielleicht, dass ich meschugge bin, oder was?“ Ihr Kinn hat sie etwas nach vorne geschoben, als, ob sie mich herausfordern möchte.

 

Da ich nicht will, dass diese kleine Diskussion ausartet, begebe ich mich aus meiner Hocke in die Senkrechte und laufe langsam zu Anita und Gerda zurück.

 

„Sie streitet es ab. Sie behauptet, gesungen zu haben.“

„Lass sie, Michael. Du kannst ihr nicht helfen.“

„Ja, Gerda. Du liegst wohl richtig.“

„In meinen Augen spinnt sie ganz gehörig, Leute! Wir lernten sie ja schon gestern kennen, und sie war vom ersten Augenblick an laut, überdreht und angetrunken.“, sagt Anita.

„Unangenehm. Sehr unangenehm. Was können wir dagegen tun?“, will Gerda von uns wissen.

„Wenn wir es Franz melden, kann auch er nichts dagegen unternehmen. Wir können nur eines tun: sie links liegen lassen. Natürlich nur dann, wenn sie zuviel intus hat“, erkläre ich.

„Eine gute Idee. Aber wie ich die Sache sehe, müssen wir sie sofort nach dem Frühstück schneiden, denn sie fängt ja schon morgens mit dem Saufen an!“, sagt Anita sichtlich verunsichert.

„Wisst ihr, was ich mache?“, wirft Gerda ein.

„Was denn, Gerda?“

„Ich werde ihr sagen, Michael, dass wir uns mit ihr nur abgeben, wenn sie nüchtern ist!“

„Hast du die Courage, Gerda?“

Kämpferisch schaut sie mich an: „Habe ich. So wahr ich Gerda Plank heiße. Das wäre ja noch schöner!“

„Genau. Wir lassen uns doch von ihr nicht diesen herrlichen Urlaub vermiesen!“, sagt Anita.

„Ich schließe mich an, Frauen.“

 

Neben dem Kühlschrank, der wirklich halb im Sand eingebuddelt ist, damit ihn der Wind nicht hinwegweht, befindet sich ein Schränkchen, in dem Bocciaspiele, Schnorchel, Flossen, Frisby- und Federballspiele und einige Paare Wasserski liegen. Auch Taschenlampen und Fahrtenmesser sind vorhanden. Oder sind es Tauchermesser? Ich hole mir einen der Schnorchel und ein Paar Flossen heraus und mache mich damit auf den Weg Richtung Meer. Die Wassertemperatur ist äußerst angenehm, ich schätze um die fünfundzwanzig Grad. Gerda und Anita winken mir fröhlich zu, als ich im Meer verschwinde.

 

Ich schnorchle an der nahezu glatten Oberfläche hinaus Richtung Horizont. Weit und breit ist weder ein Boot, ein Schiff, noch irgendein Taucher oder Schwimmer zu sehen. Ich bin völlig alleine mit mir und dieser phantastischen Unterwasserwelt und muss sagen: ich genieße es sehr. Das Wasser ist auf der Haut äußerst angenehm, und ich fühle mich von Minute zu Minute frischer und auch irgendwie stärker.

 

Urplötzlich höre ich ein leichtes Rauschen.

 

Verschreckt hebe ich den Kopf aus dem Wasser und blicke mich um. Da ist nichts. Ich vermute aber trotzdem ein Motorboot, das sich mir eventuell nähert, und das ich noch nicht sehen kann. Fehlanzeige. Ich schwimme etwas im Kreis, jedoch um mich herum ist nichts. Gar nichts. Der Strand befindet sich etwa zweihundert bis dreihundert Meter von mir entfernt.

 

Erneut tauche ich leicht ab, und höre wiederum dieses seltsame Rauschen. Das unerklärliche Geräusch geht wie eine Welle auf und ab. Kann es ein U-Boot sein? Überlege ich. Was für ein Unsinn! Ein U-Boot! Was man sich alles einbildet, wenn man so völlig alleine im Meer herumpaddelt!

 

Da! Dieses Rauschen kommt immer näher.

Und es schwillt konstant an.

 

Ich bekomme nun doch ein ziemlich beklemmendes Gefühl in der Magengegend und blicke angestrengt durch meine angelaufene Taucherbrille, kann aber nichts Besonderes entdecken. Könnte ein großes Tier solch ein Rauschen verursachen? Vielleicht ein weißer Hai? Oder gar ein Wal? Geht es mir durch den Kopf. Nein. Ich antworte mir selbst, weil ansonsten niemand hier ist. Verdammt! Wie seltsam! Da es mir nun endgültig reicht, beschließe ich, doch lieber zurück zu schwimmen. Ich getraue mich nicht mehr, den Kopf aus dem Wasser zu heben, weil ich im Unterbewusstsein spüre, dass sich dieses Rauschen im Wasser, und nicht auf oder an der Oberfläche befindet. Je weiter ich mich dem Strand nähere (dieses eigentlich kurze Stück Weg kommt mir in diesem Moment wie zehn Kilometer vor), desto lauter wird dieses unangenehme Geräusch. Es schwillt an und ebbt wieder ab.

 

Wie eine rauschende Sirene!

 

Ich kann dieses unerklärliche Rauschen nirgends einordnen, und gerade deswegen empfinde ich es als bedrohlich. Jetzt kriege ich es mit der Angst. Was könnte es wohl sein? Eine Wasserströmung? Aber seit wann rauschen Strömungen so stark? Nein, das ist Unsinn. Ich versuche, mich auf den letzten Rest des Weges zu konzentrieren.

 

Von einer Sekunde auf die andere gerate ich in Panik, obwohl überhaupt nichts passiert. Ich möchte um Hilfe schreien, aber kein Ton kommt aus meiner Kehle, die wie zugeschnürt ist. Sie fühlt sich auch so an! Wie zugeschnürt! Und auf einmal wird mir heiß. Das Rauschen besteht nach wie vor, jedoch nichts ist zu erkennen. Nichts! Noch knappe hundert Meter trennen mich von dem rettenden Strand. Ich winke und gestikuliere und kann undeutlich erkennen, dass mir zwei Personen zuwinken. Sie denken, ich freue mich so, sie zu sehen! Sie nehmen an, dass ich vor Lebensfreude übersprühe! Wenn sie wüssten, was in diesem Augenblick hier draußen wirklich vor sich geht, was ich für furchtbare Ängste ausstehe, würden sie sicherlich nicht winken und lachen! Aber ich bringe, wie gesagt, keinen Ton heraus. Auch bin ich plötzlich der Meinung, dass ich es nicht mehr schaffe, an den rettenden Strand zu gelangen. Es ist mehr ein Gefühl.

 

Eine Ahnung.

 

Ansatzlos verschwindet dieses unheimliche Rauschen. Abrupt, gemein und hinterhältig. So, als ob es niemals da gewesen wäre. Genau in diesem Moment kriege ich wieder Luft, und nun könnte ich auch wieder problemlos drauflos schreien. Aber ich sehe nun keinen Sinn mehr dahinter. Meine bestehende Panik ist wie weggeblasen. Ich fühle mich unheimlich erleichtert und überglücklich. Was war das? Letzte Nacht dieser ominöse Schatten, und jetzt dieses ungeheuere Rauschen? Wenn ich nicht genau wüsste, dass ich keine Drogen oder Medikamente nehme, die eventuelle Halluzinationen auslösen könnten, würde ich es nicht glauben. Als ich dann noch zwanzig, dreißig Meter vom Strand entfernt bin, überlege ich schon intensiv, ob ich es Gerda erzählen kann -

 

oder aber nicht.

 

Ich erinnere mich etwas verärgert an ihre Reaktion von letzter Nacht und beschließe für mich, ihr von meinem Erlebnis nichts zu erzählen. Es würde mich nämlich brennend interessieren, ob es den anderen drei Herren, gesetzt den Fall, dass sie ebenfalls ins Meer hinausschwimmen würden, auch so erginge!

 

„Du warst aber lange draußen, Michael!“ Gerda steht vor mir und umarmt mich stürmisch.

„Ja, wie lange war es denn?“

„Über zwei Stunden!“

„Nein!“

 

Ich kann es einfach nicht fassen. Es kam mir allerhöchstens wie eine gute halbe Stunde vor! Allerhöchstens! Sie spricht von mehr als zwei Stunden! Mein Zeitgefühl war da draußen restlos durcheinander!

 

„Du bist ja ein Meisterschwimmer!“, lacht Anita anerkennend.

„Möchtest du einen Schluck Sekt?“ Juliane steht bei den Frauen und ist schon mittags halb voll. Wie soll das denn abends werden, frage ich mich insgeheim.

 

Ich nehme ihr die ebenfalls halbvolle Flasche aus der Hand und leere sie mit einem einzigen Zug.

 

„Wahnsinn!“, meint Anita.

„Sag mal, was ist denn mit dir los?“, will Gerda von mir wissen.

„Ich hatte Durst!“ Ich rülpse laut.

„Du führst dich nicht besser auf wie eine andere, bestimmte Person, Michael!“, tadelt mich meine holde Ehefrau.

 

Juliane steht direkt neben ihr und fühlt sich überhaupt nicht angesprochen. Ich lache Gerda an und denke bei mir: halt doch die Klappe, du schnöde Nuss! Was dachte ich da soeben? Das kann doch nicht sein! So etwas Abwertendes dachte ich ja noch nie von Gerda! Ich bin über mich selbst entsetzt. Ganz ehrlich. Wie unter einem Schuldgefühl sage ich zu ihr:

 

„Entschuldige bitte. Kommt nicht mehr vor!“

 

Langsam, aber sicher wird mir komisch. Was ist denn los mit mir? Seit wann gehorcht mir mein Gehirn nicht mehr? Abgesehen, von den guten Manieren? Normalerweise hätte ich vor den mir fast fremden Damen niemals laut gerülpst! Nicht einmal vor Gerda mache ich das! Mein Gehirn spielt mit mir seit letzter Nacht ein dummes, böses Spiel! Diese fast schon traurige Erkenntnis, dass ich momentan offenbar nicht mehr ganz Herr meiner Sinne bin, macht mich nun doch sehr unruhig und nervös. Was ist, wenn ich mich nicht mehr in den Griff kriege? Ja, was ist dann? Gerda wird mir nicht allzu lange zusehen!

 

Plötzlich habe ich das dringende Bedürfnis, zu erfahren, ob auch die anderen Gäste irgendwelche seltsamen Erfahrungen gemacht haben. Ich werde sie fragen! Schließlich sind sie einen Tag länger hier, als wir. Jawohl, auch wenn es Gerda nicht passt! Ihr geht es ja gut, wie es scheint! Ich habe diese Probleme! Nur ich! Aber ich werde sie lösen! So wahr ich Michael Plank heiße!

 

Wir schließen uns zusammen und laufen zu siebt zurück zum Haus Lichtblick. Ich fühle mich ein wenig sonderlich. Irgendetwas sagt in mir: was ist, wenn ich plötzlich während des Mittagessens laut zu rülpsen beginne? Oder gar zu furzen? Ja, was ist dann? Gerda würde vor Scham im Erdboden versinken! Was würde sie dann wohl tun? Sie würde mich wahrscheinlich vor allen Leuten zur Sau machen! Ja, und das mit Recht! Soll ich die anderen heimlich nach ihren eventuellen Erlebnissen fragen, oder aber soll ich es ganz offiziell machen? Schön verpackt, in indirekte Fragen? Gerda kennt mich in- und auswendig, und sie würde es nicht dulden, wenn ich mich vor den anderen Gästen zum Hampelmann machen würde! Sie würde mich mit einem einzigen Blick ins Appartement beordern und mich vor die Alternative stellen: entweder den Mund zu halten, oder abzureisen. Ja, und letzteres möchte ich natürlich keinesfalls! Sie würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihr diesen herrlichen Urlaub vermiesen würde!

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