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Ihr stolzer Sklave

1. KAPITEL

Irland, Anno Domini 1102

„Er wird sterben, nicht wahr?“ Iseult MacFergus sah auf den zerschundenen Körper des Sklaven hinunter. Grausame, nicht verheilte Striemen, die von Peitschenhieben herrührten, bedeckten den Rücken des Mannes. Seine Haut war bleich, und die Knochen stachen hervor, als hätte er seit Monaten nicht richtig gegessen. Alles in ihr empörte sich bei dem Gedanken an die Qualen, die er erlitten haben musste.

Davin Ó Falvey reichte ihr eine Schüssel mit kaltem Wasser. „Ich weiß es nicht. Gut möglich, dass ich eine Menge Silbermünzen verschwendet habe.“

Iseult senkte den Blick und wusch das Blut ab. „Wir brauchen keinen Sklaven in unserem Haushalt, Davin. Du hättest ihn nicht kaufen sollen.“ Langsam wurde es unter den Stämmen unüblich, Sklaven zu halten. Ihre Familie hatte sich nie welche leisten können, und es gab ihr ein unbehagliches Gefühl, wenn sie an ihren eigenen niederen Rang dachte.

„Wenn ich ihn nicht gekauft hätte, ein anderer hätte es getan.“ Er trat hinter sie und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Er litt, meine Liebe. Auf der Sklavenversteigerung schlugen sie ihn, bis er nicht mehr stehen konnte.“

Sie legte die Hand auf seine. Ihr Verlobter war kein Mann, der einen Menschen leiden ließ, jedenfalls nicht, wenn er eingreifen konnte. Das war einer der Gründe, warum er ihr liebster Freund war. Und er war der Mann, den sie heiraten wollte.

Ein hohles Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Davin verdiente eine bessere Frau als sie. Sie hatte ihr Bestes getan, um sich wieder einen guten Ruf zu verschaffen, aber der Klatsch und Tratsch hatte auch nach drei Jahren immer noch kein Ende gefunden. Sie wusste nicht, warum Davin um sie anhielt, aber ihre Familie hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Es geschah nicht jeden Tag, dass die Tochter eines Schmiedes den Sohn eines Stammesführers heiraten konnte.

„Lass die Heilerin sich um ihn kümmern“, drängte Davin. Seine Stimme klang erregt. Iseult merkte, was er mit seinen Worten sagen wollte, sie waren eine verborgene Einladung. „Geh mit mir spazieren, Iseult. Seit einer Woche habe ich dich nicht gesehen. Ich vermisste dich so.“

Sie erstarrte. Doch sie zwang sich zu einem Lächeln. Geh mit ihm, drängte ihr Verstand. Obwohl Davin ihr nie ihre Verfehlung vorwarf, fühlte sie sich seiner Liebe nicht würdig.

Nachdem er die Heilerin herbeigerufen hatte, nahm er sie bei der Hand und führte sie nach draußen. Das Mondlicht lag auf seinem Gesicht. Mit den hellen Haaren und den durchdringenden blauen Augen war er der hübscheste Mann, den Iseult je gesehen hatte. Er zog ihre Hand an seine bärtige Wange. Sie wusste, dass er sie jetzt küssen würde. Jäh erwachte die Angst in ihr. Sie nahm seine Umarmung hin und wünschte, sie könnte für ihn die gleiche Leidenschaft empfinden wie er für sie.

Du musst Geduld haben, redete sie sich ein. Doch selbst als sie sich seinem Kuss hingab, hatte sie das Gefühl, neben sich zu stehen und nur Beobachterin, keine Beteiligte zu sein.

Er hielt sie an sich gepresst und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich weiß, du möchtest nicht, dass wir einander vor Beltaine lieben. Aber ich wäre doch ein Narr, wenn ich nicht versuchen würde, dich zu überreden.“

Sie löste sich von ihm und senkte den Blick. „Ich kann nicht.“

Selbst jetzt glühte ihr Gesicht vor Scham. Der Gedanke, bei einem Mann zu liegen, ganz gleich welchem Mann, weckte nur traurige Erinnerungen.

Davins Miene versteinerte, aber er bedrängte sie nicht länger. „Ich würde nie etwas von dir fordern, was du nicht selbst willst.“

Das war es, weswegen sie sich noch schuldiger fühlte. Sie wollte nicht bei ihm liegen, aber was für eine Frau machte das aus ihr? Vor Jahren hatte sie einem Moment der Leidenschaft nachgegeben und den Preis dafür gezahlt. Doch jetzt, da ein Mann sie liebte und sie heiraten wollte, schien sie die bösen Erinnerungen nicht vergessen zu können.

Davin legte ihr die Hand auf die Schulter und küsste sie auf die Schläfe. „Ich werde warten, bis du bereit bist.“

Hand in Hand ging er mit ihr zu ihrer Wohnstatt im Innern der Wallanlage. Als sie die Hütte erreichten, blieb Iseult einen Augenblick neben dem hölzernen Türrahmen stehen, als wäre er ein Schild.

„Was wirst du mit dem Sklaven anfangen?“

„Das weiß ich noch nicht. Möglicherweise kann er bei der Ernte helfen oder die Pferde pflegen. Wenn er aufwacht, werde ich mit ihm sprechen.“

„Ich sehe dich morgen früh“, sagte Davin. In seiner Stimme schwang Bedauern mit. Wieder küsste er sie auf den Mund. „Denk darüber nach, was du tun kannst, um unseren Sklaven am Leben zu erhalten.“

Iseult nickte und bückte sich, um in die Hütte zu gehen. Einen Moment lang blieb sie im Eingang stehen und sammelte ihre Gedanken. Warum nur konnte sie nicht diese Glut empfinden, von der die anderen Frauen sprachen? Davins Küsse und seine Zuneigung weckten nichts als Leere in ihr.

Was stimmte nicht mit ihr? Von allen Männern verdiente er es am meisten, geliebt zu werden. Er behandelte sie wie einen ihm teuren Schatz, bot ihr alles, was sie sich wünschte. Aber genau das gab ihr das Gefühl, seiner nicht würdig zu sein.

Mit schwerem Herzen ging sie zu den anderen hinein. Muirne und ihre Familie waren damit beschäftigt, das Abendmahl aufzutragen. Obwohl die Ó Falveys nicht mit Iseult verwandt waren, hatten sie ihr bereitwillig die Tür zu ihrer Hütte geöffnet und sie gastfreundlich aufgenommen. Ihretwegen hatte sie nun einen Ort, wo sie wohnen konnte, während sie sich an ihren neuen Stamm gewöhnte.

Und dank der Ó Falveys brauchte sie nicht mit Davins Mutter zusammenleben. Die Frau des Stammesführers machte keinen Hehl daraus, dass sie Iseult nicht leiden konnte.

„Wer ist der Mann, den Davin mitbrachte?“, fragte Muirne, eine stämmige Frau mit rabenschwarzem Haar. Sie hatte sieben Kinder geboren und Iseult unter ihre Fittiche genommen, als wäre sie ein weiteres ihrer Kinder. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Du hast nicht zu Nacht gegessen. Komm, und setz dich zu uns.“ Sie deutete zu dem niedrigen Tisch hin, wo die anderen Pflegekinder saßen und ihr Abendessen verschlangen, wobei sie einander andauernd neckten.

„Er ist ein Sklave“, antwortete Iseult. „Halb tot, soweit ich weiß.“

„Nun, nicht gerade ein guter Kauf.“ Muirne verdrehte die Augen und reichte ihr einen Teller mit gesalzenen Makrelen und gekochten Mohrrüben. „Aber für dich ist Davin das schon.“ Dabei lächelte sie, als spräche sie von einem Heiligen.

„Mutter, kann ich noch etwas von dem Fisch haben?“, fragte einer der Jungen.

„Ich auch“, fiel ein anderer ein. Iseult war von Glendon und Bartley bezaubert. Doch ihr Anblick ließ sie ihren eigenen schmerzlichen Verlust noch tiefer empfinden. Iseults Sohn wäre jetzt zwei Jahre alt.

Sie stocherte in ihrem Essen herum. Mit einem Mal war ihr der Appetit vergangen.

„Wieso hast du Davin noch nicht geheiratet?“, fragte Muirne und legte ihr eine weitere Scheibe Brot auf den Teller. „Ich verstehe nicht, wieso du bis Beltaine warten willst.“

„Davin bat mich, zu warten. Er wünscht sich einen besonderen Segen für unsere Ehe.“ Als Muirne ihr noch mehr Essen aufhäufen wollte, hielt Iseult die Hand über ihren Teller. „Ich habe genug, danke.“

„Ich werde es verspeisen“, erbot sich Glendon. Iseult ließ den Fisch auf seinen Teller gleiten, und der Junge verschlang ihn hungrig. Muirne murmelte leise vor sich hin, dass sie zu dünn sei.

Iseult versuchte die Kritik zu überhören. „Ich will den Rest mitnehmen und nachschauen, ob der Sklave hungrig ist.“

„Mit einem wie ihm solltest du nichts zu schaffen haben“, warnte Muirne. „Er ist ein fudir. Und die Leute werden reden.“

Iseult zauderte. Ja, das würden sie. Es wäre am klügsten, zu bleiben und nicht mehr an den Sklaven zu denken. „Aber ich möchte einen Spaziergang machen. Ich werde nicht lange fort sein.“

Muirne warf ihr einen wissenden Blick zu. „Tue nichts, was du einmal bereuen könntest.“

Iseult versuchte, ein unbekümmertes Lächeln aufzusetzen. Doch es wollte ihr nicht gelingen. „Ich bin bald zurück.“

Draußen beleuchtete der Mond einen Kreis von zwölf strohgedeckten Steinhütten. An der Seite stand ein Holzrahmen, über den ein Rehfell gespannt war. Die Kochfeuer unter freiem Himmel waren niedergebrannt. Der vertraute Geruch von Torf hing in der Luft, und der Wind des Vorfrühlings drang schneidend durch ihren Kittel und ihr léine. Sie legte sich ihr brat über Kopf und Schultern und suchte unter dem Umschlagtuch nach Wärme. Obwohl sie erst seit letztem Winter bei diesem Stamm lebte, betrachtete sie die Ansiedlung als ihr Heim.

Schließlich blieb sie vor der Krankenhütte stehen. Warum war sie hierhergekommen? Die Heilerin Deena würde den Sklaven bereits versorgt und ihm auch etwas zu essen gegeben haben. Ihre Anwesenheit würde nur stören. Sie wollte sich gerade abwenden, als die Tür sich öffnete.

„Oh“, keuchte Deena und griff sich ans Herz. Schon fast eine Generation lang kümmerte sich die Heilerin um Davins Stamm, aber ihr Haar besaß immer noch seinen schwarzen Schimmer. Feine Linien zogen sich um ihren lächelnden Mund. „Du hast mich erschreckt. Ich wollte gerade etwas Wasser holen.“

„Wie geht es dem Sklaven?“, fragte Iseult.

Deena schüttelte den Kopf. „Nicht gut, fürchte ich. Er will weder trinken noch essen. Das ist ein ganz Eigensinniger. Wenn er unbedingt sterben will, so ist das seine Sache, aber eigentlich wäre es mit lieber, wenn es nicht in meiner Krankenhütte geschähe.“

„Soll ich mit ihm sprechen?“

„Wenn du magst. Nicht, dass es irgendetwas ändern würde.“ Deena stieß einen verächtlichen Seufzer aus. „Dann mal los.“

Iseult trat über die Schwelle in den verdunkelten Raum. In der Feuerstelle glühten Kohlen, und es roch intensiv nach Wintergrün und Kamille. Der Sklave lag mit geschlossenen Augen auf seinem Lager. Das ungekämmte schwarze Haar fiel ihm bis auf die Schultern, seine Wangen waren rau und unrasiert. Er ähnelte einem aus der Unterwelt heraufgekrochenen Dämon, einem dunklen Gott wie Crom Dubh einer war.

Doch er war ein Sklave, und als solcher musste er durch Irland gereist sein. Vielleicht hatte er ihren Sohn Aidan gesehen oder Neuigkeiten über ihn in Erfahrung gebracht. Iseult versuchte die Welle der Hoffnung zu unterdrücken, die in ihr aufstieg.

Sei nicht närrisch, ermahnte sie sich. In einem so weiten Land war es höchst unwahrscheinlich, dass er etwas über einen kleinen Jungen wusste.

„Willst du etwas essen?“, fragte sie, als sie sich neben seine Strohmatte kniete.

Er öffnete die Augen nicht und rührte sich auch sonst nicht. Iseult streckte die Hand aus, um seine Schulter zu berühren.

Da schoss seine Hand vor und umklammerte ihr Handgelenk. Dunkelbraune Augen blitzten sie warnend an. Der Schmerz ließ sie aufschreien.

„Raus“, sagte er. Der schneidende Klang seiner Stimme erschreckte sie. Dieser Mann hatte nichts von der demütigen Haltung eines Sklaven an sich.

Heilige Mutter Maria, was für eine Sorte Mann hatte Davin da gekauft? Iseult sprang auf die Füße und entriss ihre Hand seinem Griff. „Wer bist du?“

„Kieran Ó Brannon. Und ich möchte allein gelassen werden.“ Er drehte sich auf die Seite. Beim Anblick seines geschundenen Rückens überlief Iseult ein Schauder. Die Stimme der Vernunft riet ihr zu gehen. Und zwar sofort, bevor er noch einmal wild um sich schlug.

„Ich bin Iseult MacFergus“, sagte sie ruhig. „Und ich bringe dir Essen.“

„Ich will es nicht.“

Mit fester Stimme fügte Iseult hinzu: „Wenn du nicht isst, wirst du sterben.“

„Lieber sterbe ich, als so zu leben.“

Iseult spürte, dass er von einer kochenden Wut erfüllt war, nicht von Kummer. Das machte ihr Angst. Sie wusste nicht, was er sagen oder tun würde. Wie ein wildes Tier war er bereit, jeden anzugreifen, der ihm gegenüber Mitleid zeigte.

Ohne sich darum zu kümmern, dass das Brot mit Schmutz in Berührung kam, stellte sie das Essen neben ihn auf den Boden. „Wenn du sterben willst, dann mach schnell. Solltest du dich entscheiden zu leben, dann wisse, dass dir hier niemand etwas tun wird.“

Bevor er noch etwas erwidern konnte, floh sie aus der Hütte. Von einem Mann wie diesem würde sie keine Antwort über den Verbleib ihres Sohnes erhalten. Je eher Davin diesen Sklaven wieder loswurde, desto besser. Das war jedenfalls ihre Meinung.

Kieran Ó Brannon hätte am liebsten laut gelacht. Einer von Gottes Engeln war ihm erschienen, wie passend! Nachdem er die letzte Zeit in der Hölle verbracht hatte, war ihm die Ironie des Geschehens nicht entgangen.

Ihr Haar besaß die Farbe des Sonnenuntergangs, Gold mit etwas Rot darin. Ihr blaues léine und ihr Oberkleid ließen einen schlanken Körper und lange Beine erkennen. Früher einmal hätte er vielleicht versucht, mit einer Frau wie Iseult Mac-Fergus anzubändeln.

Aber Frauen war nicht zu trauen, besonders schönen Frauen nicht. Seiner Erfahrung nach fand man in ihren Herzen umso mehr Verrat, je hübscher sie waren.

Er starrte auf das heruntergefallene Brot. Obwohl sein Körper nach Nahrung schrie, verweigerte sein Verstand sie ihm. Es kümmerte ihn nicht länger, was aus ihm wurde. Wenn er den Tod ermuntern konnte, früher zu kommen, dann war das gut so.

Kurz darauf kehrte die Heilerin Deena zurück. Sie setzte sich zu ihm. In ihrem Mörser hatte sie ein widerlich riechendes Gebräu. Das schwarze Haar hing ihr in einem langen Zopf über den Rücken und war mit einem Leinentuch bedeckt.

„Warum willst du sterben, mein Junge?“, fragte sie.

Sie erinnerte ihn an seine Großmutter, eine Frau, die sich keine Narrheiten gefallen ließ und immer sagte, was sie dachte. Als er nicht antwortete, bohrte sie weiter. „Nun denn, ich weiß, dass du reden kannst, denn du hast Iseult fast zu Tode erschreckt. Du musst wissen, dass das bei mir nicht klappt. Ich kann wirklich jemand sein, mit dem man rechnen muss. Davon, dass ich mich jetzt die nächsten paar Wochen um dein Essen und Trinken kümmern werde, will ich gar nicht erst reden.“

Der Kopf schmerzte ihm von ihrem Geschnatter. Unaufhörlich redete sie, während sie weiß Gott was in ihrem Mörser zusammenmischte.

Schließlich antwortete er ihr, wenn auch nur aus dem einzigen Grund, sie endlich zum Schweigen zu bringen. „Warum sollte ich leben wollen?“

Sie zuckte die Achseln. Ein schwaches Lächeln huschte um ihre Mundwinkel. Sie hatte gewonnen – und wusste es auch.

„Du bist ein ganz Gescheiter, mein Junge, oder? Irgendwo hast du eine Familie. Und du wirst leben, weil deine Verwandtschaft es so will.“

Hatte sie ihn so leicht durchschaut? War sie nicht nur eine Heilerin, sondern auch eine Wahrsagerin? Die ungewollte Erinnerung an seinen jüngeren Bruder schoss ihm durch den Kopf. Egan, wie er um Hilfe flehte. Wie eine eisige Klinge schlitzte sie seine Schuld auf und ließ ihn bluten.

Seine Verwandtschaft würde ihn lieber tot sehen.

Aber als die Heilerin erneut zu reden anfing, verbarg er seine Gefühle und hob das heruntergefallene Brot auf.

Du verdienst es nicht. Du verdienst zu sterben wie der Rest seines Stammes.

Er verdrängte die Stimme und aß. Es schmeckte so trocken, wie es aussah, aber der brutale Hunger in ihm verlangte nach mehr.

Deena reichte ihm einen Tonbecher, und Kieran nahm ihn mit zitternden Händen. Er war so durstig. Er konnte sich noch nicht einmal mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal gegessen oder getrunken hatte. Als er das bittere Gebräu kostete, musste er wegen des scheußlichen Geschmacks fast würgen.

Wieder kicherte Deena. „Es wird dich schlafen lassen, Junge. Du musst bald wieder auf die Beine kommen.“

Wenn es ihm Vergessen schenkte, war er bereit, alles zu trinken. Ohne Widerrede leerte er das Gefäß.

Die Heilerin schmierte ihm eine Kräutermixtur auf den Rücken. Wie versprochen milderte die kühlende Wirkung der Medizin die Schmerzen seiner Wunden. Die Peitschenhiebe waren nicht so tief wie andere, die er erlitten hatte. Er hieß die Schmerzen als körperlichen Akt der Reue willkommen.

„Du solltest dich Iseult MacFergus gegenüber besser benehmen“, ermahnte ihn Deena. „Sie ist dem Mann zur Frau versprochen, der dein Besitzer ist. Davin Ó Falvey wird denjenigen, der seine Verlobte schlecht behandelt, nicht gerade mit freundlichen Blicken betrachten.“

„Dann werde ich kein Wort mehr mit ihr wechseln.“ Kieran knirschte mit den Zähnen, als sie seine von den Peitschenhieben herrührenden Wunden mit einem Leinentuch bedeckte. Er wusste, warum sie sich so um ihn kümmerte. Nicht aus Mitleid etwa. Ein geschwächter Sklave besaß keinen Wert.

Die Vorstellung, in Knechtschaft zu sein, verletzte seinen Stolz. Nie war er irgendeines Mannes Sklave gewesen, und stärker denn je wuchs in ihm das instinktive Verlangen, sich zu wehren. Verlockende Gedanken an Flucht stiegen in ihm auf und appellierten an seinen stolzen Sinn. Geheilt oder nicht, er könnte einen Fluchtweg aus diesem Ringwall finden.

Und was dann?

Er schloss die Augen und wünschte, er wüsste es. Es gab keinen Ort, wohin er hätte zurückkehren können, keinen Flecken, wo er hingehen konnte. Vielleicht verdiente er wegen seines Versagens ein so leiderfülltes Leben.

Die Heilerin reichte ihm noch ein Stück Brot, das er, ohne lange nachzudenken, aufaß.Sein Magen gierte nach mehr. Aber bei der unverhofften Nahrung krampfte er sich zusammen.

„Das ist jetzt genug“, warnte ihn die Heilerin. „Wenn du zu viel isst, kommt es nur wieder heraus, so dünn wie du bist.“

Statt des Gebräus hielt sie ihm nun einen Becher Wasser hin. Es schmeckte süß wie geschmolzener Schnee. Ganz anders als all das schlammige Wasser, das er während der letzten Monate hatte hinunterwürgen müssen. Mit Genuss stillte er seinen Durst.

Die Heilerin half ihm, sich wieder auf den Bauch zu legen, damit er sich ausruhte. Die Kräuter hatten begonnen, den Schmerz zu betäuben, und ließen Kieran jetzt in den Schlaf sinken. Er schloss die Augen. Sein Geist fühlte sich genauso zerschlagen und verletzt an wie sein Körper. Erneut stieg dunkle Todessehnsucht in ihm auf. Das endgültige Ende würde die Geister zum Schweigen bringen, die ihn verfolgten.

Er selbst hatte diesen Weg gewählt und sich in die Sklaverei verkauft. Er hatte geglaubt, so seinen Bruder retten zu können und Egan nach Hause zu holen. Stattdessen hatte er dem Feind in die Hand gespielt. Und verloren.

Das würde ihm sein Vater nie vergeben. Gebe Gott, dass er seiner Familie nie mehr unter die Augen treten musste.

2. KAPITEL

Iseult legte eine Decke über die schwarze Stute und sprang auf das Tier. Für den Morgen und den frühen Nachmittag hatte sie sich eine Tasche voll Proviant gepackt. Stumm flüsterte sie ein Gebet. Bitte, Gott, lass mich ihn finden. Lass es heute anders sein.

Seit fast einem Jahr suchte sie nach ihrem Sohn Aidan. Und wenn sie ihn auch immer noch nicht gefunden hatte, konnte sie die Suche doch nicht aufgeben.

„Iseult!“, rief Davin. Er schritt auf sie zu und nahm die Zügel des Pferdes in die Hand. „Wohin willst du?“

Bei der scharfen Frage zuckte sie zusammen. „Ich glaube, die Antwort darauf kennst du.“

Davin verbarg seinen Ärger und wandte den Blick ab. Selbst wenn er es nicht laut sagte, so hielt er ihre Suche doch für zwecklos. Die Chance, ein kleines Kind nach einem Jahr noch zu finden, war bestenfalls gering. Aber Iseult konnte die Suche nach Aidan nicht aufgeben. Noch nicht.

„Ich weiß, dass du nicht mitkommen willst“, meinte sie. „Ich werde es auch nicht von dir verlangen.“

„Es ist gefährlich für eine Frau, so allein unterwegs zu sein.“ Er verzog besorgt das bärtige Gesicht.

Iseult griff nach dem Dolch an ihrer Seite. „Ich bin bewaffnet, Davin. Und ich besuche nur die benachbarten Stämme.“

Er ergriff ihre Hand. „Ich werde dich begleiten.“

„Wirklich, du musst nicht …“

„Es ist dir wichtig.“ Er sah sie ruhig an, als wäre ihre Suche nichts Außergewöhnliches. „Und vielleicht findest du eines Tages die Antwort, nach der du suchst.“

Doch Iseult hörte, was er nicht aussprach: Vielleicht gibst du eines Tages auf.

Er mochte recht haben. Aber sie wollte einfach nicht glauben, dass Aidan tot war. In ihrem Herzen rührte sich immer noch eine schwache Hoffnung.

Niemals konnte sie das Kind vergessen, das mit seinen winzigen Fäustchen ihr langes Haar gepackt und die Strähnen an seinen Mund gezogen hatte. Ebenso nicht den entsetzlichen Augenblick, als sie sich zu ihm umdrehte und entdecken musste, dass es fort war.

Davin schloss sich ihr an und ritt schweigend neben ihr, während sie die Stute über den sandigen Boden hinauf zum Benoskee Mountain lenkte. Wolken jagten hoch über dem felsigen Gipfel und warfen ihre Schatten auf die Hänge des Berges. Das tiefe Azurblau des Sees markierte das Land des Sullivan-Stammes.

Iseult ritt oft in dieses Gebiet hinüber und fragte, ob Boten mit irgendwelchen Nachrichten bei ihnen haltgemacht hätten. Im vergangenen Jahr hatte sie jeden der benachbarten Stämme und Clans besucht. Ihre Hände umklammerten die Mähne des Pferdes, als könnte sie so an ihrer Hoffnung festhalten.

Vielleicht würde sie heute finden, was sie suchte. Iseult wappnete sich gegen die mitleidigen Blicke, die ihr bevorstanden. Man mochte sie für närrisch halten, aber es ging um ihr Kind. Sie würde nie aufgeben können.

Davin hielt an, um die Pferde zu tränken. Iseult sah die Ungeduld in seinem Gesicht. Er würde dieses Kreuz, das sie mit sich herumschleppte, nie verstehen, denn Aidan war nicht sein Sohn.

In diesem Augenblick schien das Schicksal einzugreifen, denn ein einzelner Reiter näherte sich ihnen in schnellem Tempo. Der Mann stieg gar nicht erst vom Pferd ab, sondern wandte sich gleich an Davin. „Du wirst zu Hause in Lismanagh gebraucht. Dein Sklave macht Ärger.“

„Welche Art von Ärger?“ Auf Davins Gesicht war deutlich zu erkennen, dass er über die Unterbrechung ungehalten war.

„Er kämpft mit den anderen. Wir haben ihn gefesselt, aber da er dir gehört …“ Der Bote beendete den Satz nicht.

„Ich komme.“ Entschlossen wendete Davin sein Pferd.

Als er Iseult einen Blick zuwarf, schüttelte die den Kopf. „Reite nur mit ihm. Ich werde schon zurechtkommen.“

„Ich will, dass du mit mir zurückkehrst. Ich mag dich nicht hierlassen.“ Seine Stimme ließ eine gewisse Schärfe erkennen, ähnlich der eines verärgerten Vaters.

Iseult blickte ihn wütend an. Sie hatte nicht gewollt, dass er sie begleitete, und jetzt behandelte er sie, als könnte sie nicht für sich selbst sorgen. „Ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Und ich will lieber nach meinem Sohn suchen, als mich mit einem respektlosen, arroganten Sklaven herumzuplagen.“

Ein seltsamer Ausdruck lag in seinen Augen. „Was meinst du mit ‚respektlos‘?“

Iseult biss sich auf die Zunge und wünschte, sie hätte nichts gesagt. „Ich ging zu Deena, um ihr zu helfen. Der Sklave erwachte, aber ich mochte ihn nicht.“

„Bedrohte er dich?“ Der stählerne Klang von Davins Stimme zeigte, dass er alles andere als erfreut war.

Iseult zuckte die Achseln. „Er forderte mich auf zu gehen, das war alles.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, als handle es sich um einen bedeutungslosen Vorfall. „Geh jetzt. Heute Nachmittag bin ich wieder bei dir.“

Als er erneut zögerte, lenkte sie ihr Pferd neben Davins Reittier und küsste ihn zärtlich. „Geh.“

Ihr Tun hatte den gewünschten Effekt, und er beruhigte sich. „Sei vorsichtig. Wenn ich dich beim Mittagsmahl nicht sehe, schicke ich Männer aus, dich zu suchen.“

Er beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie wieder, dieses Mal mit mehr Nachdruck. Iseult ließ es geschehen, doch ihre Gedanken waren beim Stamm der Sullivan. In Kürze würde sie wissen, ob ihre Suche umsonst gewesen war.

„Ich sehe dich später“, versprach sie.

Kieran zerrte an seinen Stricken. Es kümmerte ihn nicht, dass sie sich dabei in sein Fleisch eingruben. Man hatte ihn an Händen und Füßen gefesselt, zusammengeschnürt wie Geflügel, das gebraten werden sollte.

Es war sein eigener Fehler gewesen. Er hatte geglaubt, er könnte sich davonschleichen, ohne dass es jemand bemerkte – und dabei ganz vergessen, dass das lange Hungern ihm die Kraft geraubt hatte. Als die Männer ihn entdeckten, hatte er sie, so gut er konnte, abgewehrt, einige von ihnen auch verwundet, doch letztendlich hatte ihm seine ganze Gegenwehr nichts gebracht. Seine Kräfte waren auf die eines Jungen zusammengeschrumpft. Jetzt war er voller Blut, und seine Lippen waren unter den Schlägen der Männer aufgeplatzt. Von den neuerlichen Peitschenhieben brannte sein Rücken gleich einem teuflischen Feuer.

Ob sie ihn jetzt töteten? Kieran machte sich darauf gefasst. Er senkte den Blick und starrte auf die feuchte Erde. Der Geruch nach Stroh und Rauch war wie der bei ihm zu Hause im Süden von Éireann. Es war so weit weg von seiner Heimat, fast eine ganze Welt lag dazwischen. Aber er war auch weit weg von denen, die ihn mit Schuld überhäufen würden.

Kieran war bereit, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Es war sein Fehler gewesen, dass Egan hatte sterben müssen. Wenn er an die Stelle seines jüngeren Bruders hätte treten können, er wäre tausend Tode gestorben. Erst dreizehn Jahre war sein Bruder alt gewesen – und hatte nie die Chance gehabt, zum Manne heranzureifen.

Kieran sah das Aufblitzen einer Klinge, aber er rührte sich nicht. Ein großer, bärtiger Mann stand vor ihm. Er trug eine dunkelgrüne Tunika, die mit einem goldenen Faden umsäumt war. Während er mit einer Hand das Messer schwang, befahl er den anderen mit hörbarer Autorität in der Stimme, sich zu entfernen. Nach seiner kostbaren Kleidung zu schließen, konnte er ihr Stammesführer sein.

„Ich bin Davin Ó Falvey“, richtete der Mann das Wort an ihn.

Sein Herr also. Bei dem besitzergreifenden Ton hätte Kieran am liebsten geknurrt. Noch nie war er irgendeines Mannes Sklave gewesen, und ihn erfüllte bitterer Groll wegen seines Schicksals. „Du bist der Mann, der mich kaufte.“

„Der bin ich. Und den Geschichten nach, die man mir erzählte, möchtest du vermutlich, dass ich dir mit dieser Klinge die Kehle aufschlitze.“

Kieran hob einladend das Kinn. „Dann tu es doch.“

Davin drehte das Messer im Sonnenlicht und ließ die Metallschneide aufblitzen. „Ich könnte es. Aber dann hättest du, was du wolltest. Und ich hätte das Silber verloren, das ich für dich ausgegeben habe.“ Davin streckte die Hand aus und half ihm auf die Füße. Er schnitt die Fesseln an seinen Füßen durch, ließ seine Hände aber zusammengebunden. „Wie ist dein Name?“

„Kieran vom Stamme der Ó Brannon.“

„Ich habe von deinen Leuten gehört. Sie leben weit weg von hier, nicht wahr?“

Kieran antwortete nicht. Das musste er auch nicht, denn Ó Falvey wusste es bereits. Er betrachtete seinen Feind genauer. Der flaith strahlte eine ruhige Selbstsicherheit aus und zeigte keine Spur von Beklommenheit. Davin betrachtete ihn, als versuchte er, eine Entscheidung zu treffen.

„Du willst deine Freiheit. Das kann ich verstehen, und vielleicht kann ich sie dir versprechen, als Gegenleistung für deine Dienste.“

Kieran antwortete nicht. Nichts würde ihn dazu bringen, freiwillig die Sklaverei zu ertragen. Eher würde er sterben, denn als Sklave eines anderen Mannes zu leben.

Davin griff in eine Falte seines Mantels und hielt eine hölzerne Figur hoch, das geschnitzte Abbild von Kierans Bruder Egan. „Vielleicht möchtest du auch dieses zurückgewinnen.“

Die Schnitzerei. Fluchend versuchte Kieran trotz seiner gefesselten Hände nach ihm zu schlagen. Aber Davin wich zur Seite aus und schickte ihn dann mit einem Fußtritt zu Boden. Kieran schmeckte Blut und Schmutz. Aber es kümmerte ihn nicht, und er versuchte noch einmal anzugreifen.

Bei allen Göttern, dieses Stück Holz war alles, was ihm noch von Egan geblieben war. Es war nur ein Stück Eibe, aber er hatte es vor Jahren seinem Bruder geschenkt. Dass er es jetzt in der Hand seines Herrn erblickte, entzündete die gleiche Wut in ihm, wie er sie gegenüber den Sklavenhändlern empfunden hatte.

Davins Schlag erwischte ihn und drückte ihm die Luft aus den Lungen. Kieran krümmte sich und rang nach Atem. Blut sickerte aus den Wunden auf seinem Rücken, aber er unterdrückte den Schmerz.

„Hast du das geschnitzt?“, fragte Davin ruhig und ließ die Finger über die Figur gleiten. Kieran starrte den Mann nur böse an. Heftige Wut stieg in ihm auf. Es war ein Fehler gewesen, Davin zu zeigen, dass die Figur ihm wichtig war. Jetzt zwang er sich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen, während er sich aus der knienden Stellung erhob.

„Du bist geschickt“, stellte Davin fest. „Ich denke, ich weiß einen Weg, wie du dir deine Freiheit verdienen kannst. Und das hier.“ Er steckte die Figur wieder in die Falte seines Mantels. „Komm.“ Davin packte den Strick, der Kierans Hände fesselte, und Kieran folgte ihm mühsam.

Er glaubte keinen Moment lang daran, dass Davin ihn freilassen würde. Die Glieder taten ihm weh, und sein Mund war von salzigem Blutgeschmack erfüllt. Mehr als einmal stolperte er. Vor Schwäche zitterten ihm die Knie.

Davin führte ihn in eine abgedunkelte Hütte, in der Kieran den schalen Geruch nach Bier und altem Stroh wahrnahm. Nahe der Tür stand eine große Eichentruhe, die ihm bis an die Oberschenkel reichte. Ihre Länge betrug etwas mehr, als er mit ausgebreiteten Armen hätte andeuten können.

Die komplizierte Schnitzerei war alt, das Holz hart und abgelagert. Auch wenn sein geübtes Auge einige Fehler entdeckte, Kerben, die gegen die Maserung gesetzt waren, konnte die Truhe als ein Meisterwerk bezeichnet werden. Und sie war noch nicht fertig.

„Das ist eine Truhe, die vom Vater meiner Braut in Auftrag gegeben wurde. Sie sollte schon letzten Winter fertig werden, als Teil ihrer Mitgift.“

„Wer schnitzte sie?“

„Das tat Seamus“, sagte Davin mit leiser Stimme und zeigte auf die leere Strohmatratze. „Aber er wurde krank und starb vor einer Woche.“ Er senkte respektvoll den Kopf und machte das Kreuzzeichen.

Kieran strich mit der Hand über das Holz, als wäre es ein vertrauter Freund. Er war versucht, sich in die Tage zurückzuversenken, als er stundenlang die Zeit und alles andere außer dem Holz vergaß. Das Holz fehlte ihm.

„Eine Aufgabe wie diese wäre eine einfache Sache und für dich ein würdiger Zeitvertreib …“, Davin hielt inne, „… außer du bedienst lieber am Tisch meines Vaters oder arbeitest auf den Feldern.“

Kieran hatte weder vor, das eine noch das andere zu tun. „Hast du keine Angst vor dem, was ich anstellen könnte, wenn du mir eine Krummaxt oder ein Messer gibst?“

Davin starrte ihn einen Augenblick lang an, als überlegte er, ob die Drohung echt war. „Ich weiß nicht, wer du bist oder was für Geheimnisse in deiner Vergangenheit liegen. Aber vielleicht warst du einmal ein Mann von Ehre. Und wenn dem so ist, wirst du keinem ein Leid zufügen.“

Ein Mann von Ehre. Sein Vater hatte gewollt, dass er zu einem solchen Mann wurde, zu einem zukünftigen Häuptling, einem Mann, der die Bürden des Stammes auf seine Schultern lud. Vielleicht hatte er selbst das irgendwann sogar einmal vorgehabt. Aber dieser Teil von ihm war für immer verschwunden, seitdem er Egan hatte sterben sehen.

Trotz seiner gefesselten Hände strich Kieran mit dem Daumen über eine feine Erhebung am Rand der Oberfläche.

„Wenn deine Schnitzerei gut ist, schenke ich dir die Freiheit“, sagte Davin. „Ich gebe dir mein Wort.“ In seinen Augen blitzte eine dunkle Warnung auf. „Jedenfalls wenn du gehorchst und dich nach meinen Befehlen richtest.“

Leere Versprechungen hatten nichts zu bedeuten. Aber das Holz lockte. Er konnte sich die fertige Truhe vorstellen: ein Muster aus Ähren als Sinnbild der Fruchtbarkeit; Wasser und Feuer, um die alten Götter zu symbolisieren, und das Antlitz der Jungfrau Maria, um der Braut Trost zu bieten. Man würde Talg benötigen, um ein Reißen zu verhindern. Und schärfere Werkzeuge zum Schnitzen, weil das Holz an Feuchtigkeit verloren hatte.

Es war Monate her, seitdem er ein Messer in Händen gehalten hatte. Er suchte nach einem Mittel, um zu vergessen. Das hier würde ihm noch einmal eine Chance geben. Einen Augenblick lang erlaubte er sich, es sich vorzustellen.

Die Stricke um seine Gelenke scheuerten an den nicht verheilten Wunden. Er schloss die Augen, während in ihm Erinnerungen an seinen Bruder Egan aufstiegen.

Stimmen verhöhnten ihn, die Trostlosigkeit zerriss ihn fast. Nach allem, was geschehen war, konnte es ihm nicht erlaubt sein, Freude bei der Arbeit mit dem Holz zu finden.

„Wie lautet deine Antwort?“, fragte Davin.

Kieran hob das Gesicht zu seinem Herrn auf. „Nein.“

Der Hochmut des Sklaven musste gebrochen werden. Davin hatte befohlen, ihn am Pfosten des Geiselsteins anzubinden und draußen zu lassen. Ein leichter Frühlingsregen hatte begonnen. Vielleicht würde seine unangenehme Lage den Mann zwingen, seine Meinung zu ändern.

Noch nie hatte Davin solch eine Fertigkeit bei Holzschnitzereien gesehen. Jeder andere Mann würde eine solche Aufgabe willkommen heißen, denn sie war weit einfacher als die Knochenarbeit, welche die meisten Sklaven vollbringen mussten. Er zweifelte nicht daran, dass Kieran die Figur des kleinen Jungen gefertigt hatte. Der Gesichtsausdruck des Sklaven, als er das Eichenholz berührte, zeigte deutlich, dass er ein Fachmann war.

Vielleicht sogar von Adel.

Kieran konnte, wie die meisten Krieger, Schmerzen ertragen. Und wenn es auch grausam war, ihn den Elementen auszusetzen, es musste sein. Davins Stammesangehörige erwarteten, dass der Sklave für seinen Fluchtversuch bestraft wurde.

Eine Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Er sah, dass Iseult zurückkehrte. Zum Schutz gegen den Regen hatte sie die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Bei ihrem Anblick wurde Davin leicht ums Herz. Nach Beltaine würde sie ihm gehören. Zu wissen, dass er mit solch einer Frau zusammenlebte und jeden Tag ihre Schönheit sehen würde, erfüllte ihn mit Befriedigung.

Sie hielt ihr Pferd nahe dem Geiselstein an und nahm die Kapuze ab, um besser einen Blick auf den Sklaven werfen zu können. Davins Hand schloss sich fester um die mit Fell bespannte Tür, bereit, Iseult von diesem Mann fortzubringen.

Iseult sprach den Sklaven nicht an. Sein schwarzes Haar war feucht vom Regen, seine Wangen waren nass und blutbefleckt. Er saß mit dem Rücken gegen den hölzernen Pfosten gelehnt, die Hände lässig auf die Knie gestützt.

„Genug gesehen?“ Seine dunkle Stimme verunsicherte sie und gab ihr ein unbehagliches Gefühl. Er war starr vor Zorn und äußerst angespannt.

Sie wollte ihn fragen, was er getan hatte, um solch eine Strafe zu verdienen, aber er hätte ihr doch nicht die Wahrheit gesagt. Einen Mann wie ihn sollte man nie einsperren. Seine Augen beobachteten den Ringwall, als würde er nach einem Fluchtweg suchen.

Am liebsten hätte sie ihm den Rücken zugewandt und ihn, ohne lange nachzudenken, verlassen. Aber sie wollte sich nicht wie ein Feigling benehmen.

„Warum hat er dich bestraft?“, fragte sie ihn.

Er biss die Zähne zusammen. Der Regen strömte ihm über das Gesicht und zeichnete seine eingefallenen Wangen nach. „Weil ich zu flüchten versuchte.“

„Du wurdest nicht misshandelt. Warum wolltest du also fort?“ Davin hatte ihm das Leben gerettet. War er ihm denn nicht dankbar dafür?

„Eine Frau wie du wird das nie verstehen.“

Iseult erstarrte bei dieser Anschuldigung. Was meinte er damit, eine Frau wie sie? Glaubte er, sie wisse nichts von Leid? „Du kennst mich überhaupt nicht.“

Sie beobachtend, erhob er sich langsam. Iseult sah den Schmerz in seinem Gesicht, aber er klagte nicht. „Du solltest nicht hier sein und mit mir reden“, sagte er. „Dein Verlobter beobachtet uns.“

„Ich tue nichts Schlimmes.“

Er trat einen Schritt auf sie zu. Seine Stricke strafften sich. Ein wilder Ausdruck umspielte seine Lippen. „Aber ich habe Schlimmes getan.“

Ihre Vorstellung beschwor Bilder von Mord oder anderen bösen Dingen herauf. Auch wenn Kieran abgemagert war, so strahlte er doch etwas Unbarmherziges aus. Als würde er alles tun, um zu überleben.

„Wurdest du nie vor Männern wie mir gewarnt?“ Sein unverwandter Blick traf sie bis ins Innerste und zehrte an ihren Nerven. Der kühle Regen rann über ihre Haut und kroch wie eine Liebkosung in den Ausschnitt ihres Gewandes. Iseult erschauerte und zog den Mantel enger um sich. Nicht, dass er sie wirklich schützte.

Kierans Gesicht wurde abweisend. Er presste die Lippen zusammen. „Geht zurück zu Eurem eigenen Herrn, Lady Iseult.“

3. KAPITEL

Der zweite Fluchtversuch schlug fehl. Dieses Mal hatte Kieran es bis jenseits der Tore, fast schon bis zum Wald geschafft, bevor er zusammenbrach. Er wusste nicht, wie lange er dort gelegen hatte. Ob Stunden oder Minuten, es war alles gleich.

Umgeben vom würzigen Duft des Regens und des Grases hatte er seinen Tod herbeigesehnt. Ein Tier, das ihm das Gesicht leckte, hatte ihn ins Bewusstsein zurückgeholt. Es war ein Wolfshund von der Größe eines neugeborenen Fohlens gewesen, und er hatte gejault und gefiept, um die anderen auf ihn aufmerksam zu machen.

Es war mitten in der Nacht, als sie ihn zurück zu Deenas Hütte zerrten. Seine Haut war ganz runzelig vom Regen und sein Körper taub von der Kälte.

Genau wie zuvor behandelte Deena die Spuren der Peitschenhiebe auf seinem Rücken. Über die brennenden Wunden an seinen Handgelenken, die von den Stricken herrührten, strich sie eine ölige Salbe. Doch statt seine geschundene Haut zu beruhigen, verursachte sie ein Brennen.

„Du solltest dir keine Mühe geben“, sagte er. „Ich habe keine Angst davor zu sterben.“

Die Heilerin musterte ihn, während sie ihre Arbeit tat. Sanft fuhr sie fort, jede seiner Wunden zu behandeln.

„Einst hatte ich einen Sohn“, sagte Deena ruhig und hielt ihm einen Becher mit bitterem Tee hin. Auch wenn er ihn nahm, so trank er ihn doch nicht. Eine Medizin, die Schmerzen stillte, interessierte ihn nicht. Außer das Gebräu brachte ihm vielleicht den letzten Schlaf.

„Ein starker junger Mann, ungefähr in deinem Alter.“ Bei der Erinnerung an ihn lächelte sie, und die feinen Linien um ihre Augen verstärkten sich.

Als würde er ihr keine Aufmerksamkeit schenken, hielt Kieran den Blick auf den einfachen Holzbecher gesenkt. Doch er war sich ihrer Worte wohlbewusst.

„Die bösen Geister, welche die Krankheiten hervorrufen, streckten ihn nieder. Es geschah in einer Frühlingsnacht wie dieser.“ Sie nahm den Becher und hob ihn an seinen Mund. Dabei berührte sie seine Wange. Aber er trank noch immer nicht.

„Ich tat alles, was in meiner Macht lag, um ihn zu retten. Ich gebrauchte jedes Kraut, betete zu jedem Gott, der im Himmel war oder den meine Ahnen gekannt hatten. Aber es war nicht genug.“

Ihre runzlige Hand lag warm auf seiner Haut. Es war die Berührung einer Mutter. „Lange Zeit fühlte ich mich schuldig. Ich wollte sterben, gerade so wie du jetzt.“

Ihre andere Hand wanderte zu seiner Schulter. „Der Schmerz vergeht nicht. Jeden einzelnen Tag musst du ihn aushalten.“

„Ich will nicht, dass mir der Schmerz genommen wird“, erwiderte er heftig. „Ich will mich erinnern. Und ich will noch den Letzten von ihnen tot sehen für das, was sie getan haben.“

„Ich weiß nicht, was du erduldet hast, Junge. Ich will nicht danach fragen. Aber was dir auch immer an Schlechtem widerfahren ist, es braucht mehr Mut zu leben als zu sterben.“ Sie neigte den Becher und ließ die Flüssigkeit in seinen Mund tröpfeln. Zuerst musste Kieran beinahe würgen. Sie nahm den Becher fort, während er hustete.

„Vielleicht ist das deine Buße. Am Leben zu bleiben.“ Wieder hielt sie ihm den Becher an die Lippen.

Dieses Mal akzeptierte er das Gebräu und trank ruhig. Als der Becher leer war, nahm Deena ihn fort und ging zu einer kleinen Truhe. Daraus entnahm sie einen Dolch und legte ihn neben Kieran.

„Den lasse ich dir hier. Und ich gehe in meine eigene Wohnstatt, um meinen Schlaf zu beenden, wie es die meisten mitten in der Nacht tun sollten.“ Deenas Stimme wurde hart. „Wenn du wirklich sterben willst, dann habe ich dir das Werkzeug dafür gegeben.“

Im Begriff zu gehen, blieb sie an der Tür noch einmal stehen. „Wenn du bei Sonnenaufgang noch am Leben bist, dann schlage dir alle Gedanken an Flucht aus dem Kopf. Das hier ist jetzt dein Zuhause. Dies hier ist der Weg, den du gehen sollst. Vielleicht hat Gott dich hierhergeführt, um dich die Demut zu lehren. Du musst dein Schicksal annehmen.“

Kieran schlief tiefer denn je zuvor. Es war, als könnte sein Körper nicht gesunden, bevor er nicht jede verlorene Stunde Schlaf nachgeholt hatte. Als die Tür sich öffnete, blendete ihn die Sonne. Er rieb sich die Augen und sah den Dolch immer noch neben sich liegen.

Seine Buße, hatte sie gesagt. Und obwohl ihm bei dem Gedanken an die Sklaverei unsichtbare Stricke die Kehle zuschnürten, wusste er, dass sie recht hatte. Er hatte bei seinem Bruder versagt. Er verdiente es, sein Geburtsrecht und seine Familie zu verlieren. Er verdiente es, versklavt zu sein. Er musste seine Strafe annehmen.

Die Tür schwang auf, und sein Herr, Davin Ó Falvey, betrat die Hütte. Er blickte finster drein.

„Du hast meinen Männern gestern Abend große Unannehmlichkeiten bereitet. Ich weiß nicht, wie es dir gelang, dich von den Stricken zu befreien, aber ein weiteres Mal werde ich es nicht dazu kommen lassen. Ich werde dich an die Händler zurückverkaufen, und sie können dann mit dir machen, was sie wollen.“ Er musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Außer du hast deine Meinung, was das Schnitzen betrifft, geändert.“

Zweifellos meinte Davin, was er sagte. Die Nordmänner handelten viel mit Sklaven und verschickten sie über das Meer nach Byzanz oder in ferne Länder. Auch wenn sein Leben nie mehr dasselbe sein würde wie früher, konnte er so doch wenigstens in seiner Heimat bleiben.

Alles, was er dazu tun musste, war, sich bereit zu erklären, die Brauttruhe zu vollenden.

Wie es schien, hatte er keine andere Chance, oder? Er musste sein Schicksal ertragen und jede Arbeit verrichten, die man ihm auftrug.

Gegen die Schmerzen ankämpfend, setzte er sich langsam auf. „Ich werde noch heute mit der Arbeit an der Truhe beginnen.“

Davins Schultern senkten sich etwas. Es war das kaum sichtbare Zeichen seiner Erleichterung. „Nicht gleich. Bevor du die Brauttruhe anrührst, musst du mir dein Können beweisen.“

Sein Können beweisen? Seit er ein Messer halten konnte, hatte er Schnitzereien aus Holz gefertigt. Es gab nichts, das er nicht aus einem Stück Holz zum Leben erwecken konnte. Das ist deine Strafe, ermahnte er sich und schluckte seinen Ärger und seinen Zorn hinunter.

„Ich möchte, dass du das Abbild meiner Braut schnitzt. Wenn ich es ihrer Schönheit für würdig befinde, werde ich dir erlauben, die Truhe zu vollenden.“

Er hätte es wissen müssen. Die Frau hasste seinen Anblick. Er hatte keine Lust, seine Zeit mit Iseult MacFergus zu verbringen. Doch wenn er einem geschnitzten Porträt ihr Wesen einhauchen wollte, blieb ihm keine andere Wahl.

„Wenn ich ihr Porträt schnitze, werdet Ihr die Truhe nicht rechtzeitig als Brautgeschenk zur Hochzeit erhalten.“ Es war ein letzter, vergeblicher Versuch, die Meinung seines Herrn zu ändern.

„Ich möchte die Figur trotzdem gern haben.“ Davin öffnete die Tür und zeigte auf eine der Hütten. Das Morgenlicht fiel in das Innere des Ringwalls, und die blendende Helle brannte Kieran in den Augen.

„Die kleinste Hütte gehörte unserem Holzschnitzer Seamus“, sagte Davin. „Drinnen wirst du die Werkzeuge finden, die du brauchst.“

„Und das Holz?“

„Ist dort.“ Davin beugte sich hinunter und hob den Dolch auf, den Deena zurückgelassen hatte. „Nach deiner Haft wirst du mit dem Schnitzen beginnen.“

Haft? Kieran ballte die Fäuste, als sich die volle Last seiner Versklavung auf seine Schultern legte. Natürlich. Er würde bestraft werden, weil er wieder geflohen war.

„Du wirst drei Tage lang abgesondert von den anderen in Seamus’ Hütte unter Bewachung stehen. Wenn du machst, was man dir sagt, werden die Wächter am dritten Tag gehen, und du erhältst die Erlaubnis, mit dem Schnitzen zu beginnen.“ Davin warf den Dolch in die Luft und fing ihn am Griff wieder auf. „Für diese Barmherzigkeit solltest du dich bei Iseult bedanken. Ich hätte dich die drei Tage im Freien gefangen gehalten.“

„Von einer Frau brauche ich kein Mitleid“, war die wütende Antwort. „Es gibt keine Strafe, die ich nicht ertragen könnte.“

Davin beugte sich zu ihm hinunter. Die Klinge des Dolchs blitzte auf. „Was sie betrifft, so werde ich keine respektlosen Worte dulden. Sie bat mich, dir gegenüber barmherzig zu sein, und um ihretwillen bin ich es.“ Er brachte die Klinge dicht an Kierans Haut. Es war eine stumme Drohung. „Ich schicke jetzt die Wachen. Sie werden dich zur Hütte bringen.“ Ohne ein weiteres Wort schritt er ins Sonnenlicht hinaus.

Kieran rollte sich auf den Rücken und starrte die Decke aus Stroh und Holz an. Er wollte seine Tage nicht damit verschwenden, das Abbild einer Frau zu schnitzen. Und es zählte auch nicht, dass sie die schönste Frau war, die er je gesehen hatte. Um sie sich zu imaginieren, musste sie noch nicht einmal anwesend sein. Schon jetzt konnte er die Linien ihrer Wangen vor sich sehen und den traurigen Ausdruck in ihrem Gesicht.

Er schloss die Augen und versuchte, die Erinnerung an die letzte weibliche Skulptur zu verdrängen, die er geschaffen hatte. Fast hätte er Branna geheiratet, doch am Ende gehörte ihr Herz einem anderen Mann.

Eine tückische Arbeit, in der Tat.

„Ich komme mit dir“, sagte Davin.

Sein Angebot brachte Iseult keine Erleichterung. Allein die Vorstellung, von dem Sklaven betrachtet zu werden und es zuzulassen, dass er sie in Holz verewigte, beunruhigte sie.

„Am liebsten würde ich gar nicht zu ihm hingehen.“ Sie wandte sich einem Korb mit Kleidung zu, die ausgebessert werden musste – Muirne hatte ihn dort hingestellt –, und griff nach einer Nadel aus Knochen. Die Näherei war etwas, womit sie ihre Hände beschäftigen konnte. „Es vermittelt mir ein Gefühl von Eitelkeit. Wozu brauchen wir ein Abbild von mir?“

„Ich möchte eines besitzen.“ Er stellte sich hinter sie und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Ich möchte etwas von dir haben, falls wir einmal getrennt sind.“

„Du wirst mich jeden Tag sehen.“ Sie wollte es ihm ausreden. Dieser Sklave hatte etwas an sich, das war erschreckend und faszinierend zugleich. Kein anderer Mann hatte sie je derart aufgerüttelt.

Als sie ihn an jenem Tag draußen im Regen fand, gefesselt, hatte er sich trotz der jammervollen Umstände geweigert, sich in seinem Stolz brechen zu lassen. Er war ein Kämpfer bis in sein Innerstes. Irgendwie hatte er sich befreit, hatte sich im verzweifelten Ringen um seine Freiheit durch den Schlamm geschleppt.

Ob sie wohl das Gleiche getan hätte?

Ein stechender Schmerz durchfuhr ihr Herz. Sie hätte es nicht für sich getan. Doch wenn sie jemals Nachricht von ihrem Sohn erhalten würde, dann, ja dann würde sie niemals aufhören zu suchen, ganz gleich, was geschehen mochte.

Sie wusste, dass Davin keine andere Wahl gehabt hatte, als den Sklaven zu bestrafen. Aber sie wusste, wenn sie den Mann, angebunden und der Witterung ausgesetzt, ein weiteres Mal so am Geiselstein sehen würde, käme er ihr sicher nur noch unbezähmbarer vor, wie ein wildes Tier, das bereit war, jeden anzugreifen, der ihm wehtat.

Sie wollte Kieran nicht noch einmal sehen. Nicht so. Deshalb hatte sie Davin gebeten, ihn in einer Hütte einzusperren. Als ob er durch das Einsperren verschwinden würde. Was für kindische Gedanken. Früher oder später musste sie ihm gegenübertreten. Doch wenn sie dem Sklaven ihre Furcht zeigte, würde er das nur ausnutzen.

„Hat er dir etwas getan?“, fragte Davin.

Schon zuvor hatte er sie das gefragt. Und die Wahrheit war, Kieran hatte ihr nichts getan.

„Nein. Es waren nur Worte. Er hatte ziemlich starke Schmerzen.“

Iseult zuckte mit den Achseln, als wäre es nicht wichtig. Sie sprang auf die Füße und ergriff Davins Hände. Seine umschlossen die ihren und gaben ihr das Gefühl von Sicherheit. „Ist sie dir wirklich so wichtig, diese Schnitzerei?“

„Das ist sie. Und zudem ist sie Teil eines Geschenks, das ich dir machen möchte. Er wird deine Brauttruhe vollenden.“

Sie wollte ihm sagen, dass die Truhe doch nur ein hölzerner Kasten ohne jede Bedeutung sei. Aber er hatte Seamus beauftragt, ein Kunstwerk daraus zu machen, ein Kleinod. Obwohl Davin selbst nicht würde sagen können, warum dem so war, konnte Iseult erkennen, dass die Truhe ihm sehr viel bedeutete.

Sie stieß einen Seufzer aus. „Dann will ich gehen.“ Sie strich ihm mit der Hand über die Wange und fügte hinzu: „Und ich werde einen Wächter mitnehmen. Du musst mich nicht begleiten. Ich weiß doch, dass deine Verpflichtungen deinem Vater gegenüber wichtiger sind.“ Als Sohn eines Anführers hatte Davin bestimmte Aufgaben zu erfüllen.

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