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Ihr größter Wunsch

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1. KAPITEL

Von der Straße drang das tiefe Dröhnen eines schweren Motorrads herein und verstummte. Sekunden später tauchte der Besitzer der Maschine im Eingang der Bar auf. Seine große Silhouette verdunkelte für einen Moment die Mittagssonne.

Dave blickte von seinem Bier auf und machte große Augen, als er den Neuankömmling erkannte. Du liebe Güte, Nick! Nick war wieder zurück von dort, wohin auch immer er vor fast achtzehn Monaten verschwunden war.

Dave war sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte. Er mochte Nick, sogar sehr. Seine Gesellschaft war ihm lieber als die irgendeines anderen Mannes. Trotzdem war Dave erleichtert gewesen, als der biologische Vater seines Neffen von der Bildfläche verschwunden war. Denn Dave war von Anfang an nicht wohl dabei gewesen, dass er sich von Linda hatte überreden lassen, einen geeigneten Samenspender für das Baby zu finden, das sie plötzlich unbedingt haben wollte. Aber er kannte seine eigensinnige kleine Schwester und hatte befürchtet, dass sie einfach mit irgendeinem x-Beliebigen ins Bett gegangen wäre, wenn er sich geweigert hätte.

Kurz zuvor war Lindas langjähriger Lebensgefährte bei einer Fotoreportage in Kambodscha ums Leben gekommen, und Linda hatte sich entschlossen, die Lücke in ihrem Herzen und ihrem Leben mit dem Baby zu füllen, das Gordon ihr immer versprochen, aber nie mit ihr gezeugt hatte.

Natürlich nicht irgendein Kind! Nein, Lindas Kind sollte die Art von Genen in sich tragen, die Gordon ihm vererbt hätte. Mit anderen Worten, der Samenspender musste mindestens ein schöpferisches Genie und noch dazu auch in seinem Äußeren perfekt sein. Linda hatte irgendeinen blöden Fernsehbericht über eine Klinik in Amerika gesehen, die für Frauen, die schöne und begabte Kinder wollten, „ausgesuchte“ Samenspenden zur Verfügung stellte, und war von dieser Idee ganz begeistert gewesen!

In Australien gab es aber keine derart fortschrittlich gesinnte Klinik, und Lindas Anfrage an die Samenbank von Sydney hatte keinen Spender ans Tageslicht gebracht, der ihren Anforderungen an den zukünftigen Vater ihres „begabten“ Nachkömmlings auch nur annähernd entsprach. Deshalb hatte sie sich an ihren großen Bruder gewandt, was sie nur in äußersten Notfällen tat. Sie hatte ihm mit dem Hinweis geschmeichelt, dass es im Kreis seiner gebildeten Freunde doch jemand geben müsste, der ihre Bedingungen erfüllte. Irgendein intelligenter, kreativer Bursche von attraktivem Äußeren, der keine Bedenken hatte, seinen Samen einer unbekannten Frau zu spenden.

Dave hatte sofort an Nick gedacht, was die meisten nicht verstanden hätten. Er lächelte still vor sich hin, als der Mann, um den es ging, jetzt die Bar betrat und die Deckenbeleuchtung seine beeindruckende Erscheinung ins rechte Licht rückte.

Groß, dunkelhaarig und gutaussehend waren die Attribute, die jedem zunächst einmal zu seiner Beschreibung einfielen. Doch sie wurden Nicks komplexer Persönlichkeit, wie Dave sie kennen- und schätzen gelernt hatte, bei Weitem nicht gerecht. Bei Nicks Anblick dachten die Leute – und vor allem die Frauen – sicherlich zuletzt an Intelligenz und schöpferische Begabung. Ein verzeihlicher Irrtum, denn es war schwer, hinter seiner beachtlichen athletischen Figur den wahren Menschen zu sehen oder hinter der erotischen Ausstrahlung seiner glutvollen dunklen Augen einen messerscharfen Verstand zu vermuten.

Nick war nicht das, was er zu sein schien. Einmal abgesehen von seinem gut getarnten Intelligenzquotienten, sah er auch noch beträchtlich jünger aus als fünfunddreißig, weshalb er es sich leisten konnte, sein schwarzes Haar länger zu tragen und sich in hautenge Jeans und eine schwarze Lederjacke zu kleiden, auf deren Rücken ein wilder Adler prangte. Dave, kaum zwei Jahre älter als Nick, wusste, dass er in dieser Aufmachung verdammt lächerlich ausgesehen hätte.

„Kann ich ans Klavier, Hal?“, fragte Nick den Barkeeper.

Hal nickte, und diejenigen, die keine langjährigen Stammkunden der Bar waren, beobachteten verwundert, wie dieser Machotyp in Motorradkluft zu dem alten Klavier in der Ecke ging, die Lederhandschuhe auf den Deckel warf, sich auf den Holzhocker setzte und eine Polonaise von Chopin zu spielen begann.

Nick ließ die langen, schlanken Finger virtuos über die Tasten fliegen. Die Gäste des Lokals stellten ihre Unterhaltung ein, um erstaunt und fasziniert zu lauschen. Klassische Musik war in dieser Umgebung keine alltägliche Kost, aber die Brillanz des Spielers, noch dazu im Gegensatz zu seinem äußeren Erscheinungsbild, war selbst für unbedarfte Zuhörer nicht zu verkennen.

Das Stück steigerte sich zu einem bravourösen Finale, um mit einem letzten, strahlenden Akkord zu enden. Für einen Moment hielt Nick den Kopf gesenkt. Die Augen waren geschlossen, das schwarze Haar hing ihm wild in die Stirn.

Dann richtete er sich auf, strich sich das Haar zurück, klappte den Deckel des Klaviers zu, stand auf und verbeugte sich spöttisch vor seinem völlig verblüfften Publikum.

Dave klatschte als Erster, und die übrigen Bargäste an diesem Samstagnachmittag folgten begeistert seinem Beispiel. Nick lächelte seinem Freund zu und bedeutete ihm, dass er sich nur ein Bier holen würde, um sich dann zu ihm zu gesellen.

„Wie ich sehe, hast du nichts verlernt“, lobte Dave, als Nick sich schließlich zu ihm an den Tisch setzte.

Nick lachte. „Du machst Witze! Ich bin völlig eingerostet. Aber ich habe auch kein Klavier mehr angefasst, seit ich zuletzt hier war.“ Er hob sein Bierglas und trank einen großen Schluck. „Ah! Das tut gut. Für Anfang November ist es verdammt heiß.“

„Du hast dich lange nicht blicken lassen, Nick“, sagte Dave, wobei er sich bemühte, nicht vorwurfsvoll zu klingen.

„Stimmt“, räumte Nick freimütig ein. „Siehst gut aus, alter Junge.“

Dave lächelte angesichts dieser wohlgemeinten Lüge. Sicher, er war einmal ein gut aussehender junger Mann gewesen, aber inzwischen hatte er einiges Übergewicht, und sein hellbraunes Haar wurde zusehends lichter. Ihm war das jedoch recht gleichgültig. Sein Leben drehte sich nicht um derartige Äußerlichkeiten. „Wo bist du gewesen?“, fragte er seinen Freund.

„Mal hier, mal da.“

Dave schüttelte seufzend den Kopf. „Wie ich sehe, hast du dich nicht verändert. So mitteilsam wie eh und je.“

„Komm schon, Dave, das stimmt doch nicht“, wehrte Nick lachend ab. „Wir beide haben genau an diesem Tisch schon endlose Debatten geführt und dabei so ziemlich alles von A bis Z durchdiskutiert. Wir haben, zumindest theoretisch, die Umweltprobleme der Welt gelöst, jeden lebenden Politiker zerrissen und jedes Buch, das es wert ist, gelesen zu werden, kritisch analysiert.“

„Das meine ich nicht, wie du genau weißt. Verdammt, Nick, du hättest wenigstens so anständig sein können, mir Bescheid zu geben, bevor du mit unbekanntem Ziel entschwunden bist! Ich dachte, wir wären Freunde.“

„Das sind wir auch. Aber du kennst mich doch. Ich bleibe nie lange an einem Ort. Das langweilt mich.“

Dave erinnerte sich nicht mehr genau, wie lange er sich mit Nick vor dessen Verschwinden regelmäßig in dieser Bar getroffen hatte. Wahrscheinlich nur ein paar Wochen lang. Es war ihm länger vorgekommen, denn mit Nick konnte man unheimlich interessante Gespräche führen. Er war so viel herumgekommen, hatte schon so viel gemacht. Vom Arbeiter auf einer Bohrinsel bis zum Koch im Schnellrestaurant, vom Chauffeur bis zum Maurer – es gab kaum einen Job, in dem Nick noch nicht gearbeitet hatte.

„Schön, wie lange dürfen wir diesmal das Privileg deiner Gesellschaft genießen?“

„Keine Ahnung. Eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Hängt ganz davon ab.“

„Wovon?“

„Verdammt, Dave, frag mich nicht! Ich lasse mich mit dem Strom treiben.“

„Ich wette, es war eine Frau“, brummelte Dave.

Nick erstarrte und blickte ihn mit seinen dunklen Augen durchdringend an. „Wovon, zum Teufel, sprichst du?“

Das war eine Seite, die Dave an Nick nicht kannte. Dieser plötzliche Wechsel von entspanntem Plaudern zu aggressiver Feindseligkeit war verblüffend. Nicks ganze Haltung bis hin zum drohenden Klang seiner Stimme wirkte völlig verändert.

„Nichts, worüber du dich aufregen müsstest“, beschwichtigte Dave ihn rasch. „Ich habe nur über den Grund für deinen letzten plötzlichen Abschied von Sydney spekuliert. Ich dachte, eine deiner Freundinnen hätte vielleicht versucht, dich an die Kette zu legen.“

Nick entspannte sich und lächelte entwaffnend. Jetzt war er wieder ganz der Alte. „Eine meiner Freundinnen, Dave?“ Er lehnte sich zurück und trank einen Schluck Bier. „Das klingt ja, als hätte ich einen ganzen Harem!“

„Hast du das denn nicht?“

„Ganz und gar nicht. Ich habe nie zwei Freundinnen auf einmal.“

„Da magst du recht haben. Jede Nacht eine andere, stimmt’s? Ich habe dich jedenfalls noch nie zweimal hintereinander in Begleitung derselben Frau gesehen, Nick.“

„In der Abwechslung liegt die Würze, das weißt du doch“, meinte Nick gelassen.

„Glückspilz. Andererseits, wenn ich so aussähe wie du, würde ich es vermutlich genauso machen. Aber ehrlich gesagt ist mir mein ruhigeres Leben doch lieber. Frauen bringen nur Probleme. Du hast also nicht die Fliege gemacht, weil irgendein liebeskrankes Vögelchen dir wegen Babyschnullern und Hochzeitsglocken in den Ohren gelegen hat?“

„Du liebe Güte, nein! Um solche Frauen mache ich einen Bogen. Es war aber tatsächlich eine Dame, die mich veranlasst hat, nach Sydney zurückzukehren“, gestand Nick ein.

„Ach ja? Ich bin ganz Ohr. Sie muss schon etwas Besonderes sein, wenn sie dich zu einem zweiten Versuch verlocken kann.“

Nick lachte. „Du wirst es mir nicht glauben, wenn ich es dir erzähle.“

„Was dich betrifft, bin ich bereit, alles zu glauben.“

„Sie ist eine Nonne.“

„Eine Nonne?“ Dave schüttelte den Kopf. „Du liebe Güte, Nick, gibt es denn nicht genug Frauen auf der Welt, dass du dich ausgerechnet an eine arme, naive Seele aus einem Kloster heranmachen musst?“

„Schwester Augustine geht auf die Achtzig zu“, erklärte Nick belustigt.

„Oh, na ja, in dem Fall ist sie vielleicht vor dir sicher.“

„Sie hat mich praktisch großgezogen.“

„Im Ernst? Los, erzähl!“

„Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Ihr Orden leitete ein Waisenhaus und Kinderheim in Strathfield. Vor fünfunddreißig Jahren wurde ich dort als wenige Wochen altes Baby vor die Tür gelegt, mit einem Zettel, der lediglich besagte, dass mein Name Nick sei. Die Nonnen und vor allem Schwester Augustine zogen mich auf und gaben mir auch den Nachnamen Joseph.“

„Warum wurdest du nicht adoptiert?“

„Es heißt, jedes Mal, wenn ein Paar sich für mich interessierte, wurde es von Schwester Augustine zum Tee gebeten und entschied sich danach plötzlich für ein anderes Baby. Der Himmel weiß, was sie den Leuten über mich erzählte. Sie hat immer behauptet, nie etwas Nachteiliges gesagt zu haben, sondern es sei Gottes Wille gewesen, dass ich bei ihnen geblieben sei. Als ich dann älter wurde, zeigten mich die Nonnen erst gar nicht mehr den potenziellen Adoptiveltern und konnten mich von da an ungestört nach Strich und Faden verwöhnen.“

„Siehst du, schon damals warst du der Liebling der Frauen!“

Nick lächelte nachsichtig. „Ich glaube, sie waren einfach nur einsam, vor allem Schwester Augustine. Sie sehnte sich danach, jemand bemuttern zu können. Dabei fällt mir ein, Dave … War mein Einsatz für das kinderlose Paar eigentlich erfolgreich? Gibt es inzwischen ein süßes Baby, ob Junge oder Mädchen, das das Glück deiner Bekannten vervollkommnet?“

Die Frage erwischte Dave auf dem falschen Fuß. Er hatte kaum damit gerechnet, dass Nick nach seinem plötzlichen Verschwinden zurückkehren, geschweige denn sich nach dem Ergebnis seiner Samenspende vor achtzehn Monaten erkundigen würde. Was sollte er ihm sagen? Er hatte Nick damals, was die Empfängerin der Samenspende betraf, angelogen und von einem weitläufig mit ihm bekannten Ehepaar gesprochen, bei dem der Mann steril sei und das Schwierigkeiten habe, aus den üblichen Quellen einen vernünftigen Spender zu bekommen. Denn Nick wäre bestimmt nicht begeistert gewesen, einer alleinstehenden Frau – noch dazu seiner, Daves, Schwester – zu deren Wunschbaby zu verhelfen.

Es war unwahrscheinlich, dass Nick Linda und ihrem Sohn je begegnen würde. Sicher würde er schon bald wieder aus Sydney verschwinden. Aber selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden sich rein zufällig trafen, verschwindend gering war, konnte er, Dave, es nicht riskieren, Nick wissen zu lassen, dass er aus biologischer Sicht damals tatsächlich ein Kind gezeugt hatte. Denn ein Blick auf Lindas Jungen hätte vermutlich genügt, und Nick hätte die richtigen Schlüsse gezogen. Die Folgen wären nicht auszudenken!

So entschied sich Dave zu einer weiteren Lüge. „Nein, es hat leider nicht geklappt. Die fragliche Dame war nicht mehr ganz so jung, weißt du, und vielleicht war es besser so.“

„Ja, wahrscheinlich“, meinte Nick langsam. „Ehrlich gesagt fand ich die Vorstellung, irgendwo ein Kind zu haben, das ich nie kennenlernen und das mich nie kennenlernen würde, im Nachhinein etwas beunruhigend.“

Unwillkürlich dachte Dave an Lindas wundervollen kleinen Jungen. Rory war ganz und gar Nicks Ebenbild: pechschwarze Locken und große dunkle Augen, die hellwach und intelligent in die Welt blickten. Mit nur neun Monaten krabbelte er nicht nur, sondern zog sich bereits an den Möbeln hoch. Es war abzusehen, dass er einmal so groß und stark wie sein Vater werden würde.

Vom Gefühl her wusste Dave, dass es eine Schande war, dass Nick Rory nie kennenlernen würde und umgekehrt. Aber die Vernunft verlangte von ihm, dafür zu sorgen, dass Vater und Sohn nie voneinander erfahren würden. Linda hätte ihn andernfalls umgebracht! Sie hatte damals verlangt, dass die Identität der Beteiligten absolut geheim bleiben würde. Sicherlich wollte sie in der Illusion leben, Rory wäre wirklich Gordons Sohn.

Abgesehen von der Tatsache, dass Lindas verstorbener Lebensgefährte auch groß, dunkelhaarig und gut aussehend gewesen war, sah Rory Gordon aber überhaupt nicht ähnlich. Gordon war zeit seines Lebens so etwas wie ein schlanker, hübscher Junge gewesen. Lindas Baby dagegen war seinem wirklichen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Schon jetzt deutete alles darauf hin, dass es dessen markante Züge und kraftvolle Statur geerbt hatte. Ein unvoreingenommener Beobachter hätte beim Anblick der beiden durchaus auf die Idee kommen können, zwei und zwei zusammenzuzählen – und die Bombe wäre geplatzt!

Nein, Nick durfte nie die Wahrheit erfahren. Und Dave machte sich deswegen kein schlechtes Gewissen. Was Nick nicht wusste, konnte ihm auch nicht wehtun. Wenn er sich wirklich eine Familie und Kinder gewünscht hätte, hätte er das doch längst haben können. Dave betrachtete seinen attraktiven und hochintelligenten Freund nachdenklich und fragte sich, warum ein Mann von seinen Qualitäten nicht verheiratet war. Was mochte Nick veranlasst haben, ein unstetes, ungebundenes Junggesellenleben zu führen? War in seiner Vergangenheit etwas vorgefallen, was ihm den Wunsch nach Familie und dauerhafter Bindung verleidet hatte?

„Nick?“, fragte Dave, plötzlich neugierig geworden. „Warum hast du nie geheiratet und eine Familie gegründet?“

Diese an sich völlig harmlose Frage des Freundes schien Nick erneut unangenehm zu berühren. „Warum fragst du?“, erkundigte er sich schroff.

„Reine Neugier. Du bist ein gut aussehender Bursche und nach meinen Beobachtungen gewiss nicht schwul. Na ja, die meisten Männer heiraten doch früher oder später.“

„Die Ehe ist nichts für mich“, erwiderte Nick immer noch ziemlich kurz angebunden. Dann aber lächelte er und war wieder der Alte. Seine dunklen Augen blitzten spöttisch. „Ich könnte dich dasselbe fragen, Dave. Warum hast du nicht Frau und Kinder?“

„Ich hatte einmal eine Frau.“

Nick sah Dave erstaunt, ja, fast erschrocken an. „Was ist passiert?“

„Oh, nichts Dramatisches. Wir haben uns scheiden lassen, aber von da an hatte ich von der Ehe ein für allemal genug. Und was Kinder betrifft … Nun ja, ich bin zeugungsunfähig.“

„Das ist Pech, Dave. Tut mir leid für dich. Du wärst ein großartiger Vater gewesen.“

„Ach, das ist Ansichtssache.“ Tatsächlich hielt Dave sich nicht für jemanden, der gut mit Kindern, schon gar nicht mit Babys, zurechtkam. Deshalb hatte er Linda auch von Anfang an deutlich gesagt, dass er ihr nur in äußersten Notfällen als Babysitter zur Verfügung stehen würde. Wenn sie dumm genug sei, ganz bewusst allein ein Kind bekommen zu wollen, habe sie das auch ganz allein zu verantworten.

Linda hatte ihm spöttisch versichert, sie würde seine zweifelhaften Talente als Babysitter sowieso nicht brauchen. Seine kleine Schwester war völlig blauäugig in die Sache hineingegangen und hatte sich das Leben als alleinstehende Mutter in den rosigsten Farben ausgemalt.

Doch die Wirklichkeit hatte sie bald eingeholt. Schon der Anfang war nicht vielversprechend gewesen. Linda hatte sehr unter postnatalen Depressionen gelitten und ihr Baby nicht stillen können. Recht schnell musste sie widerstrebend einsehen, dass man mit der Geburt eines Kindes nicht automatisch eine gute Mutter war, egal, wie sehr man sich das Baby gewünscht hatte. Manche Frauen schienen nicht dafür geschaffen, sich rund um die Uhr ausschließlich um ihr Kind zu kümmern.

Diese Einsicht hatte sie nur noch mehr deprimiert, aber Linda wäre nicht Linda gewesen, wenn sie sich lange in Selbstmitleid ergangen hätte. Kurz entschlossen hatte sie eine verwitwete Nachbarin als Tagesmutter für Rory engagiert und war wieder arbeiten gegangen. Zwar war sie mit der Situation nicht völlig glücklich, aber sie hatte wenigstens nicht mehr das Gefühl, verrückt zu werden.

Die Erfahrung seiner Schwester hatte Dave in seiner Ansicht bestätigt, dass Linda und Dave Sawyer nicht die geborenen Eltern waren und es kein Weltuntergang sei, kinderlos zu bleiben.

„Ehrlich gesagt“, wandte er sich jetzt an Nick, „bin ich mit meinem Leben ganz zufrieden. Ich bin schon immer mit meinem Beruf verheiratet gewesen und wollte, auch bevor ich wusste, dass ich steril bin, nicht unbedingt Kinder haben. Meine Frau hat richtig daran getan, sich von mir scheiden zu lassen. Inzwischen hat sie mit ihrem zweiten Mann drei unglaublich lärmende Jungen.“

„Und wie läuft es in deinem Job bei der Zeitung?“

„Es ist aufreibend wie immer. Ich bin direkt aus der Redaktion hierhergekommen. Habe die ganze Nacht und den ganzen Vormittag daran gearbeitet, die Sonntagsausgabe fertigzumachen. Und jetzt mache ich mich auf den Weg nach Hause und ins Bett und werde für die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht mehr zum Vorschein kommen. Aber vorher gehe ich noch schnell ‚für kleine Jungs‘. Dieses Bier will wieder raus. Pass so lange auf mein Handy auf, ja? Als Journalist wird man nie lange in Ruhe gelassen. Sollte es läuten, sag dem Anrufer, wer es auch ist, dass ich im Koma liege!“

Nick blickte seinem Freund nach, wie er müde in Richtung Toiletten schlurfte. Armer Dave! Er hatte nichts in seinem Leben als diese Zeitung, für die er sich kaputtschuftete. Andererseits konnte er, Nick, gut verstehen, dass Dave nach dem Scheitern seiner Ehe nicht noch einmal heiraten wollte. Ein gebranntes Kind scheute das Feuer, das wusste keiner besser als er, Nick.

Dunkle Erinnerungen wollten sich ihm aufdrängen. Er schob sie weg. Fang nicht wieder an, darüber nachzudenken, befahl er sich energisch.

Stattdessen richtete er seine Gedanken auf das, was er soeben von Dave erfahren hatte. Er hatte jener unglücklichen Unbekannten also nicht zu ihrem Wunschkind verhelfen können. Nick wusste nicht, ob er darüber enttäuscht oder froh sein sollte. Ursprünglich war die Vorstellung, einer unbekannten Frau zu dem Baby zu verhelfen, das sie sich so sehnlichst wünschte, für ihn ein gutes Gefühl gewesen. Seine Einstellung hatte sich aber sehr rasch geändert, und er hatte schon bald an nichts anderes mehr denken können als daran, dass er auf diese Weise Vater eines Kindes geworden sei.

Immer stärker hatte er den Wunsch verspürt, herauszufinden, wer diese Frau war, wie sie aussah, ob sie eine gute Mutter sein würde und ob es richtig von ihm gewesen war, ihr den Samen zu spenden, damit sie ein Kind bekommen konnte. Von ihm, nicht von ihrem Ehemann.

Deshalb war er vor achtzehn Monaten aus Sydney geflohen. Denn wenn er geblieben wäre, hätte er wahrscheinlich wirklich angefangen nachzuforschen. Und das wäre falsch gewesen.

Also war er wieder einmal durch Australien gezogen, um sich von seinen beunruhigenden Gefühlen abzulenken. Ohne großen Erfolg. Schließlich hatte er doch zurückkommen müssen, um sich dem zu stellen, was ihm keine Ruhe ließ – und hatte nun erfahren, dass dieses Kind, das ihn in Gedanken nicht mehr losgelassen hatte, überhaupt nicht existierte!

Heftige Enttäuschung durchzuckte ihn. Männliche Eitelkeit! dachte er ironisch. Er hätte doch froh sein sollen, dass es ihm nicht gelungen war, dieser unbekannten Frau ein Kind zu machen. Was war nur los mit ihm? Zehn Jahre hatte er seinen Hang zu selbstzerstörerischen Gefühlen gut im Griff gehabt. Er würde jetzt nicht wieder von vorn anfangen!

Das Läuten von Daves Handy schreckte ihn aus seinen Grübeleien. Nick schaute sich rasch um. Da Dave nirgends zu sehen war, nahm er das Handy und drückte auf die Antworttaste.

„Hier am Apparat von Dave Sawyer.“

„Ich muss Dave sprechen“, meldete sich eine ungeduldige Frauenstimme. „Ist er da? Ich bin Linda, seine Schwester.“

Nick war ganz überrascht, zu hören, dass Dave überhaupt eine Schwester hatte. Aber wenn er ehrlich war, hatten sie sich bis zu diesem Tag eigentlich nie über persönliche Dinge unterhalten. Wenn sie sich samstags in der Bar getroffen hatten, hatten sie typische Männergespräche über Gott und die Welt geführt. „Er kann im Moment nicht ans Telefon kommen“, erklärte Nick nun Daves Schwester. „Kann ich ihm etwas ausrichten?“

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, fragte sie gereizt.

„Meine Name ist Nick. Ich bin ein Freund Ihres Bruders.“

„Wo steckt Dave, verdammt? Ständig behauptet er, dass er sein Handy immer griffbereit haben muss. Aber wenn ich ihn einmal brauche, ist er nicht zu erreichen!“

„Er ist zur Toilette. Wir sind hier in der Bar. Kann ich Ihnen nicht weiterhelfen?“

„In der Bar!“, wiederholte sie geringschätzig. „Na, dann kann er sich wenigstens nicht herausreden, er hätte keine Zeit, mir heute Nachmittag auszuhelfen, wenn er nichts Wichtigeres zu tun hat.“

„Aushelfen wobei?“

„Es geht um den Rasen in meinem Vorgarten. Der Mann, der ihn sonst für mich mäht, ist erkrankt, aber der Rasen muss unbedingt noch heute gemäht werden. Ich erwarte heute Abend Gäste, und nach all dem Regen in den letzten vierzehn Tagen steht das Gras kniehoch. Also, wo ist mein Bruderherz? Inzwischen müsste er doch wieder aufgetaucht sein. … Ja, Sue, ich bin gleich fertig!“, rief Daves Schwester jemand im Hintergrund zu.

„Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Linda. Dave ist heute nicht in der Lage, irgendeinen Rasen zu mähen. Er ist restlos k. o., nachdem er die Nacht in der Redaktion durchgearbeitet hat.“

„Herrje, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich auf den Quatsch reinfalle, oder? Und jetzt geben Sie mir bitte Dave!“, erwiderte sie schnippisch.

„Ich sagte Ihnen doch, er ist im Moment nicht hier. Und dann geht er schnurstracks nach Hause und ins Bett. Hören Sie, geben Sie mir Ihre Adresse, dann komme ich vorbei und mähe Ihnen den Rasen.“

„Wie bitte? Und warum sollten Sie das tun? Sie kennen mich doch gar nicht!“

Liebe Güte, sie klang wirklich ziemlich gereizt! „Ich bin Daves bester Freund.“ Ein bisschen Übertreibung kann nicht schaden, dachte Nick. Außerdem genoss er es, dem mangelnden Mitleid dieser zickigen Linda seinen Edelmut entgegenzuhalten. „Und Freunde helfen sich in der Not.“

„Oh.“ Es klang schon ziemlich besänftigt. Vielleicht schämte sie sich auch ein wenig. „Nun gut, einem geschenkten Gaul schaut man nichts ins Maul. Vielen Dank“, fügte sie widerstrebend hinzu und gab ihm eine Adresse in Balmain durch, die kaum zwanzig Minuten von der Bar in der City entfernt war. „Das Arbeitsgerät finden Sie in der Garage. Läuten Sie an der Haustür, dann wird Madge Ihnen alles zeigen. Ich rufe sie an und sage ihr, dass Sie kommen werden.“

„Sie werden selbst nicht da sein?“

„Nein, ich muss leider arbeiten.“

Wer mochte Madge sein? Eine Freundin? Mitbewohnerin? Eine weitere Schwester? „Okay, machen Sie sich keine Sorgen, Linda. Ihr Rasen wird heute Nachmittag gemäht. Sie haben mein Wort.“

„Das ist sehr nett von Ihnen … Nick, nicht wahr?“

„Ja, so heiße ich.“

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