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Ihr bittersüßes Geheimnis

1.KAPITEL

Steve Lindstrom war gern vor dem Rest seiner Mannschaft auf der Baustelle. Während dieser ersten einsamen Stunde des Arbeitstages sah er sich in Ruhe um, ohne dass er jemandem die Pläne erklären oder sich um fehlendes Material kümmern musste. Er konnte sich ungestört daran erfreuen, wie aus seiner Vorstellungskraft, seinem Geld und nicht zuletzt auch aus seinem Schweiß etwas Handfestes entstand.

Jetzt stand er neben seinem Transporter und nippte am Kaffee, während das rötliche Licht des Sonnenaufgangs langsam über dem gezackten Kamm der Cascade Mountains im Osten verblasste. Die Baubranche war ein hartes und riskantes Geschäft, aber eine günstige Marktsituation und sein eigener guter Ruf hatten es ihm ermöglicht, dieses perfekt gelegene Grundstück zu kaufen. Darauf erhob sich ein großes und stabiles Gerüst aus dicken Holzbalken – der Beginn seines bisher ehrgeizigsten Bauprojekts und größten finanziellen Wagnisses. Ganz in der Nähe stand ein anderes Haus, fast ebenso gewaltig und kurz vor der Fertigstellung.

Seit Steve erstmals in den Sommerferien auf dem Bau gejobbt hatte, gab die Arbeit ihm immer wieder ein Gefühl von Selbstbestätigung. So zufrieden wie hier hatte er sich sonst nur gefühlt, wenn ihm beim Football ein perfekter Pass genau in die Hände eines anderen Teammitglieds gelungen war oder er eine schwere Prüfung bestanden hatte. Jetzt war er der Chef und für sämtliche Entscheidungen und Probleme bei Lindstrom Bau zuständig.

Vom Admiralty Inlet, wo weiße Segelboote auf dem schimmernden Wasser tanzten, wehte eine nach Salz und Sonnenschein duftende Brise herüber. Hoch über einer Gruppe schnurgerader Fichten segelte ein Adler über den Himmel. Sein weißer Kopf zeichnete sich vor dem klaren Blau deutlich ab, und die weit ausgebreiteten Schwingen boten einen unvergesslichen Anblick. In diesem Moment herrschte auf der Lichtung mit den beiden neuen Häusern und der holprigen Zufahrtsstraße eine friedliche Atmosphäre.

Steve stellte den leeren Becher ab, schnappte sich ein Klemmbrett und überflog mit gerunzelter Stirn die darauf notierten Termine von Lieferanten und Subunternehmern. Zwei Projekte gleichzeitig zu bewältigen war anstrengend. Eine verspätete Lieferung, ein Problem bei einer Installation, und schon würden seine Zeitpläne wie eine Reihe Dominosteine in sich zusammenfallen.

Seit Steve gehört hatte, dass Lily Mayfield wieder in der Stadt war, fiel es ihm schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Der Gedanke, ihr irgendwann über den Weg zu laufen, quälte ihn wie das dumpfe Pochen in einem kranken Zahn. Die Vorstellung, sich nach so vielen Jahren wieder in ihren blauen Augen und ihrem berauschenden Duft zu verlieren, ließ ihn schon jetzt schneller atmen.

Er kickte einen faustgroßen Felsbrocken zur Seite, damit niemand darüber stolperte. Wenn ich doch einen Vorschlaghammer schwingen und etwas zertrümmern könnte, dachte Steve. Stattdessen muss ich meinen Architekten besänftigen und den Bankier beruhigen.

Steve schaute gerade nach der gestern errichteten Dreiergarage, als er ein Motorengeräusch hörte. Er drehte sich um und sah den Pick-up seines Freundes Wade Garrett die Zufahrt herauffahren – langsam, um keinen Staub aufzuwirbeln. Wade wohnte im Moment bei ihm, war jedoch gestern Abend nicht nach Hause gekommen.

Er beobachtete, wie Wade den Wagen abstellte, ausstieg und auf ihn zukam. Sein verlegenes Grinsen verriet, dass er die Nacht in einem fremden Bett verbracht hatte – und zwar nicht allein. Steve spürte einen Anflug von Neid. Wann hatte er selbst das letzte Mal tollen Sex erlebt – oder einfach nur Sex? Er konnte sich kaum daran erinnern.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du heute hier auftauchst“, begrüßte er seinen Freund.

Wade half auf der Baustelle aus, überlegte aber seit Kurzem, ob er nicht in seinen alten Beruf als Investmentberater zurückkehren sollte.

„Ich arbeite heute nicht, Partner. Ich feiere.“ Begeistert klopfte Wade dem Freund auf den Rücken. „Wenn es nicht so verdammt früh wäre, würde ich dir ein Bier ausgeben.“

Steve musterte die unrasierte Gestalt. „Hast du gerade im Lotto gewonnen oder dir einen Besuch im Luxusbordell gegönnt?“

Er konnte sich nicht erinnern, Wade jemals so aufgedreht erlebt zu haben. Im Gegenteil, seit der Trennung von Pauline Mayfield, die zufällig Lilys ältere Schwester war, hatte er nur selten gelacht.

„Was mich gerade glücklich macht, ist besser als Geld.“ Wade strahlte. „Wesentlich besser.“

„Du hast eine neue Freundin“, riet Steve und lehnte sich mit der Schulter gegen einen Pfosten. „Wer ist die Glückliche?“

Wade schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so, wie du denkst, aber du solltest es als Erster erfahren.“

„Die Arbeiter werden jeden Moment hier sein, und du siehst aus, als würdest du gleich platzen, also heraus damit“, erwiderte Steve. „Was ist los?“

Wades Wangen waren gerötet, und er zitterte fast vor Aufregung. „Pauline und ich sind wieder zusammen!“ Er warf seine Mütze in die Luft und stieß einen Jubelschrei aus, der eine Kuh auf der benachbarten Weide erschreckt zusammenzucken ließ. „Wir werden heiraten.“

„Glückwunsch!“ Steve freute sich von Herzen für die beiden. Er ergriff Wades ausgestreckte Hand, umarmte ihn und klopfte ihm auf den Rücken, bevor er ihn wieder losließ.

Zu wünschen, dass Wade sich in eine andere verliebt hätte, wäre egoistisch gewesen. Dass Lily wieder in der Stadt war, war kein Grund, sich nicht für den Freund zu freuen. Auch dann nicht, wenn sie einen zwölf Jahre alten Sohn mitgebracht hatte, von dem jeder behauptete, dass er Steve frappierend ähnlich sah.

„Kein Wunder, dass du die ganze Zeit wie ein Idiot grinst“, rief er und ließ Wade wieder los. „Du machst eine tolle Partie, das steht fest.“

„Stimmt“, bestätigte Wade, während ein näher kommendes Motorrad das Eintreffen der Mannschaft ankündigte.

„An die Arbeit“, sagte Steve. „Aber heute Abend gebe ich im Crab Pot die erste Runde aus. Bring Pauline mit, damit ich ihr klarmachen kann, was für eine miese Wahl sie getroffen hat.“

„Ich werde sie fragen“, antwortete Wade, als wäre er schon verheiratet.

Carlos’ Harley-Davidson knatterte auf die Baustelle, gefolgt von Georges rotem Pick-up.

„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten“, begann Wade, während die Männer ihr Werkzeug abluden. „Kannst du mein Trauzeuge sein? Wir werden Ende September heiraten und wollen nichts Großes machen.“ Er räusperte sich. „Ich weiß, es ist viel verlangt.“

Also war ihm nicht entgangen, wie Steve vor Kurzem auf Lilys Stimme auf dem Anrufbeantworter reagiert hatte. Er war sehr überrascht gewesen, aber Wade hatte offenbar seine eigenen Schlüsse gezogen.

Jetzt kannst du dir beweisen, dass Lily nur eine böse Erinnerung ist, wisperte eine Stimme in Steves Kopf. Pauline und Lily hatten sich versöhnt, und zweifellos würde seine Exfreundin zur Hochzeit ihrer Schwester kommen.

„Red keinen Unsinn“, erwiderte Steve und ignorierte das mulmige Gefühl in seinem Bauch. „Ich fühle mich geehrt.“

Wades Miene hellte sich auf. „Danke.“

„Hey, Frisco, arbeitest du heute?“, rief Carlos ihm zu. Frisco war Wades Spitzname auf der Baustelle. „Das heißt, ich kann blaumachen, richtig, Chef?“

„Falsch“, widersprach Steve und klopfte Wade auf den Rücken. „Er hat Besseres zu tun, als Nägel einzuschlagen.“ Er wandte sich wieder seinem Freund zu. „Gut gemacht. Du hast dir eine großartige Ehefrau gesucht.“

Mit dem Rest, da war Steve sicher, würde er umgehen können. Lily gehörte in seine Vergangenheit, und genau dort würde sie auch bleiben.

Lily Mayfield und ihre Schwester standen vor dem Laden, in dem Pauline ihre Stickereiwaren verkaufte. Er hieß „Uncommon Threads“ und befand sich im Erdgeschoss eines alten Gebäudes, das im historischen Geschäftsviertel von Crescent Cove lag.

„Ich kann noch immer nicht fassen, wie sehr sich hier alles verändert hat.“ Lily schaute die Straße entlang. An den schmiedeeisernen Laternenpfosten hingen Körbe mit Blumen und farbenfrohe Banner. Vor dreizehn Jahren hatte in jedem zweiten Schaufenster gähnende Leere geherrscht.

„Hast du etwa geglaubt, alles bleibt so, wie es ist, bis du endlich zurückkommst?“, entgegnete Pauline und warf einen prüfenden Blick auf ihre eigenen Auslagen.

„Natürlich nicht.“ Lily sah auf die Uhr. Es war an der Zeit, ihren Sohn Jordan bei seinem Freund abzuholen.

„Wie findest du es?“ Nachdenklich betrachtete Pauline ihr Schaufenster. „Zu unruhig? Zu verspielt?“

Lily folgte dem Blick ihrer Schwester. Vor einem weißen Holzzaun waren schlichte Tontöpfe arrangiert. In jedem steckte wie ein Lolli ein gesticktes Blumenmotiv in rundem Rahmen.

„Es sieht verlockend aus“, sagte sie. „Wenn ich nicht zwei linke Hände hätte, würde ich es selbst mal versuchen.“

Pauline schien nicht überzeugt zu sein. „Ich hoffe, du hast recht“, murmelte sie und spielte mit einer Strähne ihres dunkelblonden Haars. „In all den Ausflugsbussen aus Seattle und Kanada könnten ruhig ein paar neue Kunden sitzen.“

„Ich muss zu Jordan. Vergiss nicht, etwas Zeit für die Hochzeitsvorbereitungen einzuplanen. Der September kommt schneller, als du denkst.“ An diesem sonnigen Julitag war der Herbst allerdings noch weit weg.

Pauline zuckte mit den Schultern. „Ich stelle mir eine schlichte Trauung im Garten vor. Wenn es regnet, verlegen wir sie einfach ins Haus.“

Lieber nicht, dachte Lily. Das Wohnzimmer der alten viktorianischen Villa war riesig, aber seit vielen Jahren nicht mehr renoviert worden. „Schlicht, aber elegant.“ Sie lächelte. „Keine Sorge, ich helfe dir.“ Noch vor zwei Monaten hätte sie nicht im Traum gedacht, dass sie beide Paulines Hochzeit planen würden, doch jetzt freute sie sich darauf.

„Nochmals Glückwunsch, Paulie.“ Sie umarmte ihre Schwester. „Wade kann sich glücklich schätzen.“

Pauline schüttelte den Kopf. „Nein, ich. Danke fürs Mitnehmen. Er holt mich nachher ab, also sehen wir uns zu Hause.“

Lily winkte Pauline zu und stieg in ihren Wagen. Sie haben beide großes Glück, dachte sie. Wade ist ein toller Bursche und Pauline eine wunderbare Frau.

Als sie eine Lücke im langsam fließenden Verkehr nutzte und losfuhr, sah sie, dass ihre Schwester noch immer am Straßenrand stand und jemandem zuwinkte.

Sekunden später fuhr ein großer weißer Pick-up an Lilys Wagen vorbei. Neugierig schaute sie durch die Seitenscheibe. Das Gesicht des Fahrers war halb hinter einer Sonnenbrille und einer Baseballkappe verborgen, doch das Lächeln kam ihr bekannt vor. Selbst nach so langer Zeit.

Einen Moment lang schienen ihre Blicke sich zu treffen. Unwillkürlich packte Lily das Lenkrad fester, während sie auf die schwarzen Buchstaben an der Tür des Pick-ups starrte.

Lindstrom Bau.

Als sie wieder hochsah, war es schon zu spät. Er war weitergefahren, als wäre nichts passiert.

Lily hatte gewusst, dass sie Steve irgendwann begegnen würde. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und der vielen Touristen war Crescent Cove im Grunde die überschaubare Kleinstadt geblieben, in der sie beide zusammen aufgewachsen waren. Sie hatte geglaubt, darauf vorbereitet zu sein – auf das Wiedersehen mit dem Jungen, der damals ihr Herz erobert hatte. Aber sie hatte sich etwas vorgemacht. Selbst jetzt schämte sie sich noch dafür, wie sie ihn damals behandelt hatte, und bereute es zutiefst.

Bald würde sie mit ihm reden müssen. So viel war sie ihm schuldig, aber noch brachte sie es nicht fertig.

Hatte er sie erkannt? Vermutlich war sie für ihn nur eine unschöne Erinnerung. Die Vorstellung stimmte sie traurig, während sie im Rückspiegel seinem Pick-up nachblickte.

„Lily, pass auf!“, rief Pauline.

Lily schaute nach vorn und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass der Wagen vor ihr gehalten hatte, um einzuparken. Sie bremste scharf und entging nur knapp einem Auffahrunfall.

„Verdammt!“ Hoffentlich hatte Steve nicht mitbekommen, wie sehr er sie aus der Fassung gebracht hatte.

„Alles in Ordnung?“ Pauline stand plötzlich neben dem offenen Seitenfenster und schaute herein. „Hast du gesehen, dass …“

„Es geht mir gut!“, erwiderte Lily schärfer, als sie wollte, und schämte sich sofort dafür. Schließlich war es nicht die Schuld ihrer Schwester, dass sie sich so idiotisch benommen hatte.

Der Fahrer vor ihr überlegte es sich anders und fuhr weiter. Verlegen lächelnd winkte sie Pauline zu und gab Gas. Wenn sie Glück hatte, vergaß ihre Schwester den Vorfall schnell wieder.

Leider konnte Lily das von sich selbst nicht behaupten. Sie fühlte sich so feige wie mit achtzehn, als sie sich auf den Weg machte, um einen kleinen Jungen abzuholen. Einen kleinen Jungen, für den sie das alles auf sich genommen hatte – und für dessen Existenz sie Steve eine Erklärung schuldig war.

Du meine Güte! Als Steve die attraktive Blondine und ihr schockiertes Gesicht gesehen hatte, hätte er fast einen Unfall gebaut. Zwei Querstraßen weiter bog er abrupt von der Harbor Avenue auf einen Parkplatz und schreckte mit quietschenden Reifen zwei Fußgänger auf. Erst kurz vor der Barriere, die Autos daran hinderte, in der Bucht zu landen, stieg er auf die Bremse und schaltete den Motor aus.

Der kurze Blick hatte nicht ausgereicht, um sicherzugehen, dass es Lily gewesen war. Hatte sie sich in den letzten dreizehn Jahren stark verändert? War ihre Schönheit vielleicht verblasst? Oder spiegelte sich in ihrem Gesicht die Kälte, die ihr Herz so gefühllos gemacht hatte? Wütend auf sich selbst, weil er sich überhaupt Gedanken darüber machte, schlug er mit der flachen Hand gegen das Lenkrad und fluchte so laut, dass ein näher kommender Fischer ihn erstaunt ansah. Der Mann machte vorsichtshalber einen Bogen um den Pick-up, und Steve kam sich noch idiotischer vor.

Er warf einen Blick auf sein Handy, das fast vom Beifahrersitz gerutscht wäre, und überlegte, ob er Wade anrufen sollte. Nein, er war kein winselnder Waschlappen, der es nicht verkraftete, seiner Ex zu begegnen. Er war ein richtiger Mann, also würde er sich im Crab Pot ein paar Flaschen Bier genehmigen, um seine Nerven zu beruhigen. Später konnte er Wade bitten, ihn dort abzuholen.

Der Haken war nur, dass es für Bier viel zu früh war. Außerdem war er gerade auf dem Weg zum Baumarkt gewesen. Also startete er den Motor wieder und wendete. Eine Rothaarige in einem gelben Cabrio hupte und winkte ihm zu. Ihr Lächeln erinnerte ihn daran, dass die Welt voller entgegenkommender Frauen war. Wozu sollte er Zeit – oder Bier – darauf verschwenden, über eine einzelne hinwegzukommen?

Als er eben beim Baumarkt vorfuhr und sein inneres Gleichgewicht einigermaßen wiederhergestellt war, rief ihn Carlos von der Baustelle an.

Was war jetzt schon wieder? Konnten die Männer nicht einmal eine Stunde ohne ihn auskommen? „Ja!“, meldete er sich brüsk.

„Hey, Chef, kannst du uns ein paar Burger mitbringen? Wir sind am Verhungern.“

Steve stieg aus, das Handy am Ohr. „Kommt darauf an. Habt ihr die Küche schon hochgezogen?“

Langsam fuhr Lily durch den alten Teil der Stadt, der oberhalb des Ufers auf der Klippe lag, und hörte ihrem Sohn zu.

„Cory hat eine Xbox“, erzählte Jordan aufgeregt. Seit Lily ihn bei einem seiner neuen Freunde abgeholt hatte, redete er unaufhörlich. „Wir haben sein neues Skateboarding-Spiel gespielt.“

Der Umzug nach Crescent Cove war für Jordan nicht einfach gewesen, denn er hatte Heimweh nach L. A. gehabt und vermisste auch jetzt noch Francis Yost, seinen langjährigen väterlichen Freund und Lilys Schutzengel. Jordan war auf Francis’ großem Anwesen aufgewachsen und hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er am liebsten dort geblieben wäre. Zum Glück hatte Paulines Verlobter Wade nach dem Umzug viel Zeit mit Jordan verbracht und ihn mit einigen Jungen in seinem Alter bekannt gemacht.

„Also hattet ihr Spaß?“, fragte Lily. „Und hast du auch nicht vergessen, dich bei Corys Mutter dafür zu bedanken, dass sie dich ertragen hat?“

Er nahm sein Cap ab, um sich durchs dichte blonde Haar zu fahren. Mein Sohn muss zum Friseur, dachte sie.

„Klar, Mom.“ Der Junge seufzte. „Das vergesse ich doch nie. Du predigst mir das seit meiner Geburt.“ Er setzte die Mütze wieder auf und zog sich den Schirm tief in die Stirn. „Ich wette, du hast es mir schon gesagt, als ich noch in deinem Bauch war.“

Lily bog in die Cedar Street ein, eine schmale Allee mit viktorianischen Häusern. „Meine Lebensaufgabe besteht eben darin, dich zu zähmen und aus dir einen Menschen zu machen“, scherzte sie.

Anstatt etwas darauf zu erwidern, drehte Jordan sich zu seiner Mutter um und sah sie eindringlich an. „Stimmt es, dass mein richtiger Dad hier in der Nähe wohnt?“, fragte er. „Und dass ich ihm ähnlich sehe?“

Die Frage hätte sie nicht überraschen dürfen. Glaubte sie etwa, dass ausgerechnet neugierige Kinder nicht mitbekamen, worüber die halbe Stadt tuschelte?

„Wo hast du das gehört?“, entgegnete sie, um Zeit zu gewinnen. Vor ihnen tauchte die Villa auf, die einer ihrer Vorfahren „Mayfield Manor“ getauft hatte. Sie bog auf das Grundstück ein, fuhr am Haus vorbei, und als sie vor der Garage hielt, stellte sie erstaunt fest, dass ihre Hand zitterte.

Sie warf Jordan einen verstohlenen Blick zu. Hatte er es bemerkt?

„Ryan MacPherson hat mich geärgert, als er bei Cory war, aber Corys Mom hat ihn nach Hause geschickt.“

„Das hat sie gut gemacht.“ Vor vielen Jahren hatte Lily die Hauptrolle in einer Schulaufführung bekommen, obwohl sich auch ihre Mitschülerin Heather Rolfe darum beworben hatte. Jetzt hieß Heather mit Nachnamen MacPherson, war Ryans Mutter und hatte Lily vermutlich noch immer nicht verziehen. Offenbar war sie wie früher eine Zicke.

Am liebsten wäre Lily zu ihr gegangen, um sie zur Rede zu stellen. Was fiel ihr ein, vor Jordan über solche Dinge zu reden? Andererseits konnte sie Heather kaum vorwerfen, dass sie laut aussprach, was jeder zweite Einwohner von Crescent Cove dachte.

Jordan gab nicht auf. „Stimmt es denn? Wohnt mein Dad in dieser blöden Stadt?“

Bevor Lily antworten musste, kam Wade auf den Wagen zu.

„Wir reden später darüber“, vertröstete sie den Jungen.

Lächelnd beugte Wade sich durch das offene Seitenfenster. „Kann ich deinen Sohn für ein paar Stunden entführen?“, fragte er Lily. „Hallo, Partner! Hast du Lust, mit mir ein paar Körbe zu werfen?“

Erleichtert atmete Lily auf. „Er muss erst etwas essen“, wandte sie ein.

„Ich habe bei Cory gegessen.“ Jordan stieg aus. „Darf ich mit? Bitte, Mom!“

Offenbar hatte er es nicht eilig, über seinen Vater zu sprechen. Aber sie würde mit ihm reden müssen. Und natürlich mit Steve.

Was für ein Schlamassel!

Als sie ausstieg, sahen die beiden sie erwartungsvoll an. „Klar darfst du“, erwiderte sie rasch. „Nehmt Wasser mit, und vergesst nicht, es auch zu trinken!“

Wade legte eine Hand auf Jordans schmale Schulter und zwinkerte Lily zu. „Ich werde gut auf ihn aufpassen.“

„Das weiß ich. Danke.“

„Ich muss mir andere Schuhe anziehen“, verkündete der Junge. „Bin gleich zurück.“

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Wade, als Jordan außer Hörweite war. „Habe ich euch bei etwas gestört?“

Abgesehen von ihrer Schwester war Wade der letzte Mensch, dem Lily sich anvertraut hätte. Sie schüttelte den Kopf. „Das kann warten, und es tut ihm gut, mit dir zusammen zu sein.“

„Mir auch“, antwortete Wade und folgte ihr durchs Gartentor.

„Du bist froh, wenn du mal nicht an die Hochzeitsvorbereitungen denken musst, was?“ Selbst ein perfekter Mann – und dafür hielt Pauline ihren Verlobten – war es irgendwann leid, sich mit all den Einzelheiten zu beschäftigen: Gäste, Einladungen, Kleidung, Musik, Essen – die Liste war endlos.

Er grinste verlegen. „Bitte, sag Pauline nichts davon. Das alles macht ihr großen Spaß.“

„Kein Wort“, versprach Lily. Bevor sie die Hintertür öffnen konnte, die ihr Sohn hinter sich zugeknallt hatte, berührte Wade ihren Arm.

„Lily, warte eine Sekunde.“

Wahrscheinlich brauchte er einen Rat, was seine eigenen Vorbereitungen anging. Doch als sie sich zu ihm umdrehte, wirkte er besorgt.

„Ich habe Steve gebeten, mein Trauzeuge zu sein“, begann er leise. „Ich wollte, dass du das weißt, und hoffe, dass es angesichts eurer Vorgeschichte kein Problem für dich ist. Aber seit ich hier bin, ist er mir zu einem wirklich guten Freund geworden.“

Jeder hier wusste, dass Steve zwei Jahre lang ihr fester Freund gewesen war, bevor sie plötzlich die Stadt verlassen hatte. Wade wusste auch, dass sie seitdem nicht mit Steve gesprochen hatte.

Lily rang sich ein Lächeln ab. „Kein Problem“, erwiderte sie und sah ihm an, wie erleichtert er war. „Das alles ist lange her.“

Doch dann runzelte er die Stirn. „Hast du schon mit ihm geredet?“

Sie zog die Augenbrauen hoch und tat so, als wüsste sie nicht, wovon er sprach. „Worüber denn?“

„Ich weiß, es geht mich nichts an …“

„Danke, dass du dir Sorgen machst“, unterbrach sie ihn und öffnete die Tür. „Ich habe einen Riesendurst. Möchtest du ein Glas Limonade?“

Wade nahm die Sporttasche vom Haken in der Waschküche. „Nein danke, aber falls du reden möchtest …“ Er verstummte, als Jordan die Treppe heruntergerannt kam.

Das mulmige Gefühl in Lilys Magengrube wurde stärker, als ihr Sohn in seinem alten Lakers-Trikot und den viel zu weiten Shorts in der Küche erschien. Mehr als alles andere wollte sie ihn davor bewahren, unter dem zu leiden, was vor seiner Geburt geschehen war. Aber sie wusste auch, wie unrealistisch das war.

„Hey, nimm eine für mich mit“, forderte Wade den Jungen auf, als Jordan den Kühlschrank öffnete und eine Flasche Mineralwasser herausholte.

Jordan klemmte den Basketball unter den Arm und schnappte sich zwei Flaschen. „Bis nachher, Mom“, sagte er und lief nach draußen.

Als sie ihm nachsah, wurde ihr bewusst, wie sehr er in den letzten Monaten in die Höhe geschossen war. Schon in ein paar Jahren würde er erwachsen sein. Voller Wehmut dachte sie an die vielen Jahre, die sein Vater bereits verpasst hatte.

Bevor Wade dem Jungen folgte, warf er Lily einen eindringlichen Blick zu. „Er hat ein Recht auf die Wahrheit.“

„Du weißt nicht, was du von mir verlangst“, flüsterte sie, nachdem Wade die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Würde Jordan die Wahrheit verkraften? Würden sie es alle tun?

2. KAPITEL

„Ich dachte, wir fahren zum Park“, sagte Jordan und starrte mit gerunzelter Stirn auf die unbekannte Straße.

Würde er sich jemals in dieser blöden Stadt auskennen? In Los Angeles hatte er ganz genau gewusst, welchen Bus er nehmen musste, wenn seine Mom keine Zeit hatte, ihn zum Skateboard-Park, dem Einkaufszentrum, der Bibliothek oder seinen Freunden zu fahren. In Crescent Cove gab es überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel, abgesehen vom Greyhound-Überlandbus, der ein Mal am Tag draußen am Highway hielt. Und als er seine Mom gefragt hatte, ob er allein mit der Fähre nach Seattle fahren durfte, war sie praktisch ausgeflippt.

Die Straße war schmal und kurvenreich. Stellenweise war der Asphalt ausgebessert, und die Äste der Bäume hingen so tief herab, dass Jordan das Gefühl hatte, durch einen grünen Tunnel zu fahren.

„Ich muss vorher etwas erledigen“, antwortete Wade. „Ein Freund von mir hat ein paar wichtige Unterlagen vergessen, und wir bringen sie ihm zur Baustelle.“

Wade starrte nach vorn und sah aus, als würde er sich nicht darüber freuen.

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