Logo weiterlesen.de
Ihr Wille geschehe

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

IHR WILLE GESCHEHE

Mitchell & Markbys zehnter Fall

Ins Deutsche übertragen von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Widmung

Einem Freund und Schriftstellerkollegen gewidmet, Deryn Lake, der die Art und Weise versteht, in welcher die Vergangenheit unserer Gegenwart ihren subtilen Stempel aufdrückt.

Ich schien mich in einer Welt aus Geistern zu bewegen, und ich fühlte mich wie der Schatten eines Traums.

ALFRED LORD TENNYSON

Gütiger Gott, verschone uns

Vor langbeinigen Dingern

Und Wesen der Nacht,

Vor Geistern und Gespenstern.

Altes schottisches Gebet

 KAPITEL 1 

Es liegt Freude in der Erinnerung.

Gedenkstein für ein Pferd

EIN TROCKENER Sommer hatte den Erdboden hart wie Beton gemacht. Die Füße der Männer in ihrem stabilen Schuhwerk hallten wie auf der Oberfläche einer riesigen Trommel, als sie darüber trampelten. Rory Armitage sah die tiefen, gezackten Risse, die sich durch den braunen, fadenscheinig gewordenen Rasen zogen.

Sein Rasen zu Hause war in ziemlich genau dem gleichen Zustand. Sprengen stand ganz außer Frage – nicht, dass jemand es gemeldet hätte. Nicht in Parsloe St. John. Doch er hatte ein gewisses Ansehen in ihrer kleinen Gemeinde, und es schickte sich für ihn, mit gutem Beispiel voranzugehen. Also ließ er den Garten verwelken und verdorren. Nur die Rosen waren von seiner Frau am Leben erhalten worden, indem sie erfinderisch das Abwaschwasser über ihnen ausgeleert hatte.

Hier draußen, auf dem freien Land, war der Wassermangel viel schlimmer. Rory scharrte mit der Sohle über einen Riss im Boden und wurde mit einer aufsteigenden Staubwolke belohnt.

»Man kriegt nicht einmal den Spaten rein, so trocken ist die Erde!«, verkündete Ernie Berry. Er rammte das Werkzeug in den Boden, um seine Worte zu untermalen. Der Spaten prallte mit einem dumpfen Klirren ab. »Mein Junge und ich haben gestern einen halben Tag lang geschuftet, um deinen Versuchsgraben auszuheben. Mit einer Spitzhacke haben wir gearbeitet. Aber ein so verdammt großes Loch, wie du es brauchst«, polterte er weiter und rieb sich mit dem Rücken seines kräftigen Unterarms die Schweißperlen aus dem Gesicht. »Keine Chance! Du brauchst einen Bagger. Mein Junge und ich schaffen das nicht.«

Die kleine Gruppe von Gestalten hatte sich in der Mitte der Koppel unter einem ausladenden Kastanienbaum eingefunden. Sie hatten den Platz für ihre Diskussion wegen des Schattens ausgewählt, den die großen Blätter boten, nicht weil das Loch dort gegraben werden sollte. Die Wurzeln des Baums hätten gestört. Das Loch sollte einige Meter entfernt weiter oben ausgehoben werden, und die Stelle war mit Stöcken und Kordel abgesteckt. Innerhalb der abgegrenzten Fläche lag der mühsam ausgehobene Graben, den die Berrys angelegt hatten, um den Grundwasserspiegel zu bestimmen. Der Boden des Grabens war knochentrocken. Sie waren ein gutes Stück oberhalb des Grundwassers, wie Rory erleichtert festgestellt hatte. Grundwasser hätte ein ernstes Problem dargestellt.

Doch weiter waren die Berrys nicht gekommen, und ohne Bagger würde es wohl auch dabei bleiben, dachte Rory nun. Berry hatte Recht. Er musterte den Mann mit einer Mischung aus Widerwillen und Sarkasmus. Ernie Berry besaß eindeutig Ähnlichkeit mit dem Baum, unter dem sie standen. Ernie war vierschrötig, kräftig, sonnenverbrannt und knorrig. Er besaß einen breiten Unterkiefer und einen kurzen, dicken Hals. Er trug wie immer eine Arbeitshose und ein schmuddeliges ärmelloses Unterhemd, das über seinem Bierbauch spannte. Ergrauendes Haar spross auf der Brust über dem Saum des Unterhemds und in riechenden Büscheln unter seinen Achselhöhlen. Noch mehr Haar wuchs auf seinen Schultern und Armen – lediglich auf seinem glänzend glatten Walnussschädel waren keine Haare zu sehen. Eine regelrechte Rutschbahn für landende Insekten.

Rory unterdrückte ein Grinsen, das unter den Umständen kaum angemessen gewesen wäre, und drehte das Gesicht in die kühlende Brise. Sie waren auf dem höchsten Hügel der Umgebung, der Wind und Wetter ungeschützt ausgesetzt war, was er durch eine wahrhaft überwältigende Aussicht wettmachte. Rorys Blick schweifte abwesend über die rollende Hügellandschaft, während er überlegte, welch eine Schande es war, dass Charles Darwin keine Gelegenheit gehabt hatte, Ernie Berry kennen zu lernen. Der große Naturforscher hätte in Berry ohne Mühe das Missing Link seiner Evolutionstheorie gefunden, die fehlende Übergangsform zwischen Affen und Menschen.

Der Veterinär rief sich ins Gedächtnis, dass Berry ein zuverlässiger Arbeiter war. Er kümmerte sich gewissenhaft um Mrs Smeatons Garten und erledigte kompetent sämtliche Aufgaben, auch die unangenehmen. Rory wusste, dass er sich anstrengen musste, um seine natürliche Abneigung zu überwinden, und dieses Wissen ärgerte ihn. Offen gestanden mochte er Ernie nicht, weil er ihm nicht traute. Der ausweichende Blick des Mannes, die Art und Weise, wie er einen von der Seite her musterte, wenn er glaubte, dass man es nicht merkte – alles Warnzeichen, die Rory von Pferden her kannte. Pass auf vor gemeinen Tritten und hinterhältigen Bissen, sagten diese Zeichen. Das ständige ausdruckslose Halbgrinsen um Ernies Mund herum machte alles nur noch schlimmer.

Neben Ernie stand der Junge, eine Studie in Gegensätzen: bleich, schweigsam, mit stumpfen Augen. Er stand dort und wartete darauf, dass man ihm sagte, was als Nächstes zu tun war. Das war normal. Sein eigentlicher Name war Kevin, doch in der gesamten Gemeinde sprachen sie nur von »Berrys Jungem«. Soweit Rory wusste, war er mehr zufällig Ernies Lenden entsprungen. Er arbeitete für und mit Ernie und schien kein eigenes Leben zu führen. Rory wandte den Blick von ihm ab und konzentrierte sich mit Nachdruck auf die weit drängendere Aufgabe, die er zu erledigen hatte. Dorfpolitik, wie seine Frau Gill es nannte, überließ man am besten den Dörflern.

Rory wohnte seit zwanzig Jahren im Dorf. Er hatte eine Vertrauensposition inne, und er hatte allen Grund zu der Annahme, dass er respektiert wurde. Doch er wusste auch, dass man ihn nicht als Dörfler betrachtete. Die wahren Dorfbewohner mit ihren verschlungenen Stammbäumen lebten seit undenklichen Zeiten hier. Sie waren in einem subtilen Gewirr sich ständig ändernder Allianzen miteinander verbunden, die dem mittelalterlichen Italien oder dem alten Byzanz zur Ehre gereicht hätten, so kompliziert und undurchschaubar waren sie für Außenseiter.

Demografisch war das Dorf in vier Lager gespalten, insgesamt genug Junge und Alte, um die Schule, zwei oder drei Läden und ein Pub zu unterhalten. Abgesehen von dem bereits erwähnten inneren Kreis der Einheimischen gab es die Bewohner der sich ausbreitenden städtischen Wohnsiedlung, eine kunterbunte Truppe, zum Teil mit den Dorfbewohnern verwandt, zum anderen Teil aus den verschiedensten Gründen hergezogen. Das soziale Spektrum wurde nach oben hin abgeschlossen durch eine kleine Schar von Akademikern, aktiv oder im Ruhestand, zu denen Rory gehörte.

Die vierte Gruppe waren die verachteten Bewohner der neuen Häuser, die sich jenseits der Grenzen des Erlaubten bewegten. Sie wurden von allen mit Geringschätzung bedacht; arme Seelen, nicht weil sie nicht respektabel gewesen wären, sondern, im Gegenteil, weil sie nach der Logik der Dörfler nicht den geringsten sichtbaren Grund für ihr Hiersein hatten. Sie arbeiteten nicht hier, sondern pendelten tagaus, tagein in großen, lauten Wagen von ihren Vierzimmerhäusern mit den doppelt verglasten Fenstern und den Doppelgaragen in die Stadt. Sie besaßen keine Verwandten in der Gemeinde. Sie waren ganz gewiss nicht das, was Einheimische als Sippschaft bezeichneten. Sie waren ehemalige Yuppies in den Dreißigern, die es für schick hielten, auf dem Land zu leben, gesünder für ihre Kinder und sicherer als im Stadtzentrum.

Derart ängstliche, verzagte Gedankengänge brachten das Eis bei den Dorfbewohnern nicht zum Schmelzen, auch wenn der Rektor der Grundschule die Kinder willkommen hieß, um seine Klassen aufzufüllen, obwohl er wusste, dass sie das staatliche System nur vorübergehend durchliefen auf ihrem Weg zu unabhängigen privaten Schulen irgendwo sonst im Land, sobald sie das dazu notwendige Alter erreicht hatten.

Wenn die einheimischen Bewohner von Parsloe St. John irgendetwas gemeinsam hatten, dann war es, wie Rory vor langer Zeit herausgefunden hatte, Misstrauen und Unmut gegen jeden, der versuchte, irgendetwas zu verändern. Die neu Hinzugezogenen waren ganz groß, wenn es um das Anleiern von Veränderungen ging. Sie kamen hierher und erklärten Parsloe St. John als »absolut vollkommen«, und es vergingen keine sechs Wochen, bis sie den Gemeinderat mit der Forderung nach verbesserten Freizeiteinrichtungen nervten und dem alten Mr Horrock mit einer einstweiligen Verfügung wegen des Lärms seines Hahns drohten. Dieses Verhalten ärgerte Rory im Übrigen genauso sehr wie die Einheimischen.

»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte er laut zu den anderen. »Der Kadaver fängt in der Hitze schnell an zu verwesen.« Schweiß rann ihm aus den dichten lockigen Haaren über die Stirn. Er sehnte sich danach, die Angelegenheit zum Abschluss zu bringen, nach Hause zu gehen und sich unter eine kühlende Dusche zu stellen.

Berry befingerte seinen Unterkiefer. »Stinkt schon ein wenig, wie?«, stimmte er Rory zu.

Doch das tat er selbst ebenfalls, dank der Hitze und der vielen Haare auf der Haut und dem ärmellosen Unterhemd, das aussah, als würde er wochenlang darin schlafen und arbeiten. Doch Berry meinte nicht den Geruch eines lebenden Wesens. Er meinte den unverwechselbaren Gestank des Todes.

Die Dringlichkeit des Falles inspirierte Rory zu einer Idee. »Ich werde mich auf ein Wort mit Max Crombie unterhalten! Vielleicht kann er uns aushelfen; schließlich handelt es sich um einen Notfall.«

Rory ließ die beiden Berrys unter dem Kastanienbaum stehen und eilte zu seinem staubigen, geliebten neuen Range Rover. Er warf einen Blick zu dem Haus, das halb verborgen hinter einer schönen alten Ziegelmauer stand. Die Mauer war übersät mit Nägeln, wo einst Spaliere Obstbäume gestützt hatten. Er zögerte und überlegte kurz, ob er nach drinnen gehen und Mrs Smeaton berichten sollte, was er vorhatte. Doch dann entschied er sich dagegen. Die ganze Angelegenheit war auch so schon schwierig genug für sie, und bei Gott, sie war auch ohne die Aufregung bereits wacklig auf den Beinen gewesen …

Ich rede zuerst mit Max, beschloss er. Frage ihn um Hilfe. Er wird bestimmt nicht Nein sagen. Seine Tochter hat ein Pony. Er wird bestimmt Verständnis haben. Wenn alle Stricke reißen, biete ich ihm die nächsten Behandlungen kostenlos an. Wenn wir mit allem fertig sind, kann ich es der alten Dame immer noch erzählen. Sie will bestimmt keine unappetitlichen Einzelheiten hören.

Max Crombie, ein einheimischer Bauunternehmer, war ein Selfmademan und stolz darauf. Er lebte sehr geschmackvoll auf der anderen Seite des Dorfes, und sein Bauhof lag nur einen Steinwurf von seinem Haus entfernt. Max hielt gerne ein Auge auf die Dinge. Er hatte sein Vermögen nicht dadurch verdient, dass andere die Dinge für ihn regelten. Er kannte Bauarbeiter genau. Holzdielen, Schalbretter, Farbeimer, selbst eine halbe Wagenladung Ziegelsteine war nicht sicher vor ihnen, wenn nicht irgendjemand ein wachsames Auge auf sie hatte.

»Du musst nicht beliebt sein«, sagte Max zu jedem, der es nicht bereits wenigstens ein Dutzend Mal vorher aus seinem Mund gehört hatte. »Nur respektiert. Eine goldene Regel!«

Doch wie Rory sich gedacht hatte, Max hatte Verständnis für die gegenwärtige Situation, auch ohne Rorys Angebot, die nächsten Tierarztrechnungen für das teure Ausstellungspony seiner Tochter unter den Tisch fallen zu lassen.

»Die arme alte Dame. Wirklich ein Riesenpech. Unsere Julie ist ganz außer sich. Sie hat geweint wie ein Schlosshund, als wir die Sache erfahren haben. Es hat ihr Angst gemacht. Jetzt verbringt sie jeden freien Augenblick damit, unsere Koppel für diesen elenden Gaul sauber zu machen. Ich schicke gleich einen Mann mit einem Bagger rüber, sagen wir in einer halben Stunde, einverstanden?«

»So bald es geht, Max.« Rory seufzte erleichtert auf. »Der Kadaver beginnt bereits zu verwesen. Wir müssen bis heute Abend mit der Sache fertig sein, oder wir schaffen es überhaupt nicht mehr.«

Eine halbe Stunde später rumpelte der Bagger wie versprochen auf das Feld. Er sah aus wie ein wandelnder Dinosaurier mit seiner Schaufel am Ende des langen Auslegers, die bei jeder Unebenheit wackelte und schaukelte. Ernie Berry beobachtete das Näherkommen des Ungetüms misstrauisch. Er war fest davon überzeugt, dass Maschinen einem Mann die Arbeit wegnahmen und man ihnen widerstehen musste. Der heutige Tag war eine Ausnahme, doch Berry wollte nicht, dass irgendjemand auf den Gedanken kam, er und sein Junge könnten nicht fast jede ihnen gestellte Aufgabe erfüllen.

Das Gesicht des Jungen hingegen hellte sich auf, und auf seiner Miene zeigte sich vorübergehendes Interesse an den Aktivitäten des Baggers, den er in gewohntem Schweigen beobachtete.

Der Bagger hatte Erfolg. Er hob innerhalb der abgesteckten Fläche eine tiefe Grube aus. Als er fertig war, traten Ernie und der Junge vor, glätteten die Kanten und machten das Loch rechteckig.

Inzwischen stank der Kadaver ganz erbärmlich, teilweise ausgenommen wie ein heiliges Tier im alten Ägypten, das für die rituelle Mumifizierung vorbereitet wurde. Er sah grotesk und irreal aus, wie ein Albtraum. Die Beine stachen in die Luft wie Holzpfähle, der Hals war eingefallen, und ein Schwarm schwarzer Fliegen umkreiste das tote Tier. Es zu bewegen erwies sich als über die Maßen schwierig.

»Mein Gott!«, sagte der Baggerführer und hielt sich ein Taschentuch vor das grüne Gesicht.

Berry und sein Junge waren aus härterem Holz geschnitzt. Es gelang ihnen, Seile um den Kadaver zu schlingen. Sie befestigten die Seile am Heck des Baggers, und die Maschine zuckelte tuckernd über das Feld und schleppte den Kadaver hinter sich her. Beim Loch angekommen, lösten sie die Seile, der Bagger schwenkte herum, und mit Hilfe seiner Schaufel gelang es Ernie, Rory und dem Jungen unter gemeinsamer Anstrengung, das Ding in das Loch zu schieben und zu stoßen. Gott sei Dank landete es auf der Seite.

Sie arbeiteten wie besessen, um das Loch wieder zuzuschütten. Endlich war es so weit. Sie traten zurück, wischten sich den Schweiß aus den Gesichtern und betrachteten ihr Werk. Es sah ganz anständig aus. Ein hübsches Rechteck aufgeworfener Erde.

»So hübsch, wie man sich’s nur denken kann«, sagte Ernie stolz.

»Das war vielleicht eine Arbeit!«, sagte der Baggerführer mit Nachdruck. Er hatte nicht eine Minute Freude an seinem Auftrag gehabt, doch Max hatte ihm versprochen, ihn für die Erledigung der unorthodoxen Aufgabe »anständig« zu entschädigen. Was fünfzig Mäuse bar auf die Hand bedeutete, an der Steuer vorbei, keine Fragen. Außerdem konnte er seinen Kumpels eine Geschichte erzählen.

»Ich denke«, sagte Rory mit unüberhörbarer Erleichterung, »ich denke, wir können nun Mrs Smeaton holen, damit sie einen Blick darauf wirft.«

Er suchte sie persönlich auf, um ihr die Nachricht zu überbringen. Er fuhr sie mit seinem Range Rover zu der Stelle, obwohl es nicht weit zu laufen gewesen wäre und er einen Umweg machen musste, indem er die Straße um ihren gesamten Besitz herumfuhr und dann in einen kleinen Feldweg abbog, der zur Rückseite der Koppel führte. Doch Mrs Smeaton war dieser Tage nicht mehr gut zu Fuß unterwegs, und der unebene Weg über das Feld wäre sehr beschwerlich für sie gewesen.

Sie war zufrieden mit dem Werk, dankte den Männern für ihre harte Arbeit und bedachte die drei Arbeiter mit einem großzügigen Trinkgeld.

»Das arme alte Mädchen«, sagte der Baggerführer. »Und so eine nette Frau.«

Die Koppel leerte sich. Die Sonne versank in rotem Feuer am Horizont. Die Zweige des Kastanienbaums warfen ihre immer länger werdenden Schatten schützend über das Grab. Bevor alles ganz im Schatten der Dämmerung versank, trällerte eine Singdrossel ihr Abendlied, und ihre klare, zwitschernde Stimme hallte über die verlassene Szene.

Olivia Smeaton saß an ihrem Schlafzimmerfenster und beobachtete das schwindende Licht und die länger werdenden Schatten in ihrem Garten. Sie saß mit im Schoß verschränkten Händen auf ihrem Sessel, und ihr Gehstock lehnte an der Armlehne. Ihr silbernes Haar stand in einem Halo von ihrem Kopf ab, und zwischen den Wurzeln schimmerte die rosig glänzende Haut. Ihre runzlige Haut war so zart wie die eines Babys und genauso stark gepudert. Ihr welker Mund war von einer zittrigen Linie fuchsienroten Lippenstifts umrahmt, und über den Augen trug sie hellblauen Lidschatten. Sie war gelehrt worden, auf ihr Äußeres zu achten, auch dann, wenn sie allein war. Eine junge Frau, die als selbstständige Friseurin Hausbesuche machte, kam regelmäßig aus Long Wickham vorbei und frisierte Mrs Smeaton das Haar.

Vom Fenster ihres Schlafzimmers aus hatte Mrs Smeaton einen guten Ausblick über die verwitterten Mauern des alten Gemüsegartens hinweg, in dem seit Jahren nichts Essbares mehr angebaut worden war, hinaus auf die Koppel. Sie konnte bis zum Kastanienbaum sehen; dahinter senkte sich das Land, und die tieferen Gegenden entzogen sich ihrem Blick. Sie sah das Rechteck aus frisch aufgeworfener Erde, denn es befand sich weiter vorn, auf der dem Haus zugewandten Seite des Hügels, vor der Kastanie. Hinter dem Kamm verschwand die Landschaft in malvenfarbenem Dunst, in dem sie nichts mehr erkennen konnte. Dort irgendwo lag das Dorf, voll von Menschen, deren Alltagsleben ein einziges Durcheinander von Trivialitäten war, von ununterbrochenen Aktivitäten, die das Leben mit sich brachte. Mrs Smeaton hatte nichts mehr damit zu tun. Sie hatte sich vor Jahren davon losgelöst und verbrachte nun ihre Zeit damit, hier zu sitzen und zu warten.

Firefly hatte sein Grab, doch Mrs Smeaton, die Besitzerin, würde niemals in der Erde ruhen, denn sie hatte spezifische Anweisungen hinterlassen, in denen sie die Verbrennung ihrer sterblichen Überreste anordnete. Sie hatte es Behrens gesagt, ihrem Anwalt, und hinzugefügt, dass sie so wenig Feierlichkeiten wollte wie nur irgend möglich. Sie wusste nicht einmal genau, ob sie überhaupt einen Priester dabeihaben wollte, obwohl sie eine Frau christlichen Glaubens war. Die moderne Kirche sagte ihr nichts mehr; trotzdem hatte sie die Gemeinde in ihrem Testament bedacht, was sie als ihre Pflicht betrachtete, obwohl der Kirchenvorstand es fertig gebracht hatte, so viel Geld zu verlieren. Die Kirchengemeinde von St. Johns sammelte Mittel für die Restauration der Kirche, und es war ein schönes altes Bauwerk. Es wäre schade, es einfach verkommen zu lassen.

Mr Behrens, der selbst der orthodoxen Religionsgemeinschaft angehörte, hatte sehr unbehaglich reagiert angesichts der Beiläufigkeit, mit der sie ihren Abschied aus dieser Welt begehen wollte. Keine Versammlung alter Freunde und Verwandter, die über ihrem Tod zusammensitzen und trauern würden, keine Gebete, kein Respekt vor der Tradition.

»Wirklich, Mrs Smeaton, sind Sie sich dessen auch ganz sicher? Hören Sie, meine Liebe, ich suche Ihnen gerne einen netten, altmodischen Geistlichen, wenn die Zeit gekommen ist – Gott bewahre, so weit ist es noch lange nicht. Vielleicht einen Geistlichen im Ruhestand? Meine Schwester lebt an der Küste, und sie sagt, dass ihr Dorf voll ist mit Kirchenleuten aller Glaubensrichtungen im Ruhestand …«

»Also schön, Mr Behrens, meinetwegen. Wenn Sie jemanden finden können, der wenigstens siebzig ist und das Gebetbuch der anglikanischen Kirche benutzt. Sagen Sie ihm, er soll keine Zeit mit einer Gedenkrede verschwenden. Es wird niemanden geben, der ihm zuhören wird. Ich will keine Trauernden.«

Olivia kicherte leise beim Gedanken an Behrens’ ernste Ergebenheit. Das Kichern erstarb ihr in der Kehle, als ihr Blick durch das Fenster auf die Koppel zurückkehrte. Es war sehr anständig von Armitage gewesen, die Männer für das Begräbnis zu organisieren. Sie hatte ihn durch das Fenster beobachtet; er hatte selbst mit angepackt, zusammen mit Berry und seinem Jungen. Später war noch ein vierter Mann hinzugekommen, dessen Namen sie nicht kannte. Crombie hatte ihn geschickt, mit einer großen Maschine, die das Loch ausgehoben hatte.

Crombie war ebenfalls ein anständiger Mann, unbestreitbar ein ungeschliffener Diamant. Genau wie Ernie Berry ein ungeschliffener …

Olivia Smeatons Verstand stockte beim Wort »Diamant« im Zusammenhang mit Ernie Berry, denn Diamant legte den Gedanken an etwas Reines, Strahlendes nahe. Doch ihr wollte kein passender Ersatz einfallen, und so beließ sie es dabei, Berry einfach nur als »ungeschliffen« zu bezeichnen. Doch er war ein guter Arbeiter. Ja, das war es. Ein guter Arbeiter – selbstverständlich nur unter Aufsicht.

Sie hätte sich eigentlich müde fühlen müssen. Es war spät, der Tag war lang und voller Anstrengungen gewesen, und sie war in weit fortgeschrittenem Alter. Doch sie fühlte sich hellwach. Zorn brannte in ihr und vertrieb die Müdigkeit.

Sie war zornig, weil sie Firefly nicht mehr von diesem Fenster aus beobachten würde können, wie er auf der Koppel graste oder unter dem Kastanienbaum döste, während sein Schwanz träge von einer Seite zur anderen wedelte oder er hin und wieder den Kopf schüttelte, um die Fliegen abzuschütteln, die sich auf seinen langen Wimpern niedergelassen hatten.

Sie war wütend, weil Firefly nicht hätte tot sein dürfen. Sie war wütend wegen der im Dorf kursierenden Lüge, ihr Pony hätte giftige Kräuter gefressen und wäre daran eingegangen. Wütend, weil sie mit absoluter Sicherheit wusste, dass Firefly es nicht nötig gehabt hatte, so etwas zu tun.

Das war es, die Nahrung, die ihren Zorn mehr am Leben hielt als alles andere: Die Unterstellung, sie hätte sich nicht angemessen um Firefly gekümmert. Es entsprach einfach nicht der Wahrheit. Manche Leute hielten Pferde, obwohl sie überhaupt nichts über die Tiere wussten. Es war eine traurige Tatsache. Doch sie – sie kannte sich mit Pferden aus. Sie wusste, dass ein robustes Pony sehr wohl das ganze Jahr über draußen leben konnte, vorausgesetzt, es bekam in den mageren Monaten zusätzliches Futter, man kümmerte sich um seine Hufe und legte ihm eine Decke über, wenn es ganz besonders kalt wurde. Firefly war nicht ihr erstes Pony gewesen, doch er würde das letzte sein. All seine Vorgänger hatten sich prachtvoll gehalten, genau wie Firefly im Verlauf der – Olivia überschlug rasch die Zeit – zwölf Jahre, die er bei ihr gewesen war.

Es war eine lange Zeit für eine Freundschaft zwischen Mensch und Tier, und Firefly war tatsächlich mehr gewesen als ein Diener oder Haustier. Jeden Morgen vor dem Frühstück war Olivia durch den Gemüsegarten zu dem Tor in der umlaufenden Mauer gegangen, das zur Koppel führte. Firefly hatte sie an ihren Schritten und am Tappen ihres Gehstocks erkannt, lange bevor er sie hatte sehen können. Er war schnaubend zum Gatter gelaufen, um sie zu begrüßen, mit dampfender Decke vom Tau des Morgens und mit hellen Augen und leicht bebender Oberlippe in Erwartung einer Köstlichkeit. Manchmal hatte sie ihm einen Apfel mitgebracht, manchmal eine Karotte, doch stets genau vier Smarties. Er war ganz gierig auf die kleinen runden Schokoladenlinsen mit dem süßen Zuckerüberzug, doch sie war streng mit Firefly, weil ihr etwas an ihm lag. Hätte es ihm an Futter gemangelt, würde sie es bemerkt haben. Armitage hätte es gesehen, bei einem der regelmäßigen Kontrollbesuche, und er hätte ihr etwas gesagt. Der Hufschmied hätte etwas bemerkt und hätte es gesagt …

Doch Firefly hatte still gelitten, und niemand hatte etwas geahnt, bis es zu spät gewesen war, etwas dagegen zu unternehmen. Sie würde die morgendliche Routine vermissen. Ein Teil ihres Lebens war ihr weggenommen worden. Doch sie wusste, dass einem früher oder später alles weggenommen wurde.

Nichtsdestotrotz haftete dem Verlust von Firefly etwas Ungerechtes an, etwas, das seinen Tod in ihren Augen wie Diebstahl erscheinen ließ. Olivia ballte die knochigen Fäuste und schlug sich damit in ohnmächtiger Wut auf die Knie.

»So eine Gottlosigkeit!«, flüsterte sie in das leere Zimmer. »So eine verruchte Gottlosigkeit, und die Welt ist voll davon!« Sie kam in tausendfacher Gestalt und Verkleidung daher, und ich hätte es wissen müssen …, schalt sie sich.

An diesem Punkt überfiel sie die Müdigkeit, die ihr Zorn zuvor verdrängt hatte. Mit Hilfe ihres Stocks erhob sie sich aus dem Sessel. Sie war allein im Haus. Janine hatte den Tag über frei. Die lose Spitze einer Pantoffelsohle, mit der sie von Zeit zu Zeit beim Gehen hängen blieb, erinnerte sie an ihre Haushälterin.

Janine hatte über die lockere Sohle gemurrt, bis Olivia sich genötigt gesehen hatte, einen Coupon aus einer Anzeige auszuschneiden und an eine Firma zu schicken, die Pantoffeln aus Schaffell auf dem Postweg vertrieb. Die neuen Pantoffeln mussten jeden Tag eintreffen.

Janine war eine gute Seele. Na ja, dachte Olivia mit einem zynischen Grinsen, so gut nun auch wieder nicht. Olivia erkannte ein Flittchen, wenn sie eines sah. Aber sie arbeitete fleißig, genau wie Ernie Berry, nur war sie besser als Berry, weil sie ein freundliches Wesen besaß. Olivia spielte mit den Worten, ließ sie in ihrem Kopf hin und her springen wie Pingpongbälle. Gute Arbeit. Gutes Herz. Die Nutte mit dem guten Herzen. Gab es nicht ein altes Sprichwort diesbezüglich?

Sie war halb den Korridor hinunter und wich nun vom geraden Weg ab, um einer ausgetretenen Stelle im Läufer in weitem Halbkreis auszuweichen. Es war weniger Vorsicht als abergläubische Angst. Zwei Wochen zuvor war sie über die ausgetretene Stelle gestolpert und nach vorn gefallen. Sie war auf Händen und Knien gelandet, und ihr Stock war über den Boden davongeschlittert, außer Reichweite.

Sie hatte niemandem von ihrem Missgeschick erzählt. Es hatte sich ereignet, nachdem Janine das Haus verlassen hatte, und es war niemand zugegen gewesen, der etwas gesehen oder gehört hätte. Sie hatte sich die Knie schlimm aufgeschlagen und eine Weile nicht regen können. Sie hatte im Schock in dieser würdelosen Haltung verharrt, und als sie sich von diesem Schock erholt hatte, war der nächste gekommen. Sie konnte nicht aufstehen. Sie hatte auf allen vieren gekauert, zu schwach und zu steif in den Gelenken, um sich aus ihrer Lage zu befreien. Verängstigt und bestürzt hatte sie eine scheinbare Ewigkeit auf das abgetretene türkische Muster gestarrt, die geometrischen Muster und die stumpfen Blau- und Rottöne mit einer Gründlichkeit in sich aufgenommen wie noch nie zuvor. Was für ein eigenartiges Muster, hatte sie gedacht. Wer hat sich bloß so etwas ausgedacht? All diese merkwürdigen Formen!

Sie hatte eine helfende Hand gebraucht, und niemand war da gewesen, um sie ihr zu reichen. Gott hilft denen, die sich selbst helfen!, hatte sie streng zu sich selbst gesagt. Sie war zur nächsten Tür gekrochen und hatte sich irgendwie mit beiden Händen an der altmodischen Klinke aus Messing in die Höhe gezogen.

Sie hatte weder Janine noch Tom Burnett ein Wort von ihrem Missgeschick erzählt, als dieser vorbeigekommen war. Warum nicht? Sie hatte sich geschämt, darum nicht. Es ist dir peinlich, du alberne alte Ziege, schalt sie sich, dass du gebrechlich und alt bist. Als wäre es etwas, dessen man sich schämen musste.

Zu schade, dass Janine gegangen war. Eine Tasse Tee hätte Olivias Lebensgeister geweckt, und nun musste sie nach unten und sie selbst machen. Noch während sie diesen Gedanken dachte, hörte sie irgendwo im Haus eine Holzdiele knarren. Vielleicht war ihre Haushälterin ja doch noch nicht gegangen.

Olivia blieb stehen. »Janine?«, rief sie ungeduldig. »Sind Sie das?«

Niemand antwortete. Nichts außer altem Holz, das sich am Ende des Tages setzte. Niemand im Haus außer Olivia. Sie war ganz allein, und weil es Freitag war, würde auch Mr Behrens bei seiner Familie sein und den Sabbat genießen. Doch für Olivia bedeutete Freitagabend, dass sie bis zum folgenden Montag allein bleiben würde. Janine kam nicht an den Wochenenden.

Olivia setzte sich wieder in Bewegung und erreichte den Treppenabsatz. Sie blickte über das Geländer nach unten in die Halle. Das Schachbrettmuster der Fliesen war sauber und gefegt, doch es glänzte nicht. Sinnlos, Janine darum zu bitten, es zu polieren. Janine würde antworten, dass es zu gefährlich wäre, während sie in Wirklichkeit meinte, dass sie keine Lust auf die zusätzliche Arbeit hatte. Olivia erinnerte sich an eine Zeit, als diese stark vom Aussterben bedrohte Spezies, die Stubenmädchen in ihren schwarzen Kleidern und weißen Schürzen, ein vertrauter Anblick in jedem Haus dieser Größe gewesen war. Diese Zeit war lange vorbei, und Olivia konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Janine sich einverstanden erklären würde, solche Kleidung zu tragen. Das bloße Wort »Dienstbote« war zu einem Tabu geworden. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Janine behandelte ihre Arbeitgeberin, als wäre Olivia eine ältliche, störrische Tante. Manchmal war es Olivia egal, und sie betrachtete die Tatsache mit mildem Amüsement, doch an anderen Tagen ärgerte es sie über alle Maßen.

Wie dem auch sei, dachte Olivia, es macht keinen Unterschied. Sie war von Janine abhängig, auf die ein oder andere Weise. Vielleicht war es einfach eine aufrichtigere Zeit, in der die Janines dieser Welt wussten, welchen Wert sie besaßen.

Das zweihundertfünfzig Jahre alte hölzerne Skelett des Hauses knarrte einmal mehr, doch diesmal ignorierte Olivia das Geräusch und setzte sich die Treppe hinunter in Bewegung.

Rory Armitage blickte gedankenverloren aus seinem Schlafzimmerfenster, während er Salbe auf seine wunden Handflächen strich und über die unangenehme Geschichte vom Nachmittag nachdachte. Gott sei Dank war das Pony der alten Mrs Smeaton unter der Erde und begraben.

Rory drehte sich zu seiner Frau um. »Ich habe ganz vergessen, Max zu fragen, ob er tatsächlich giftige Kräuter auf der Koppel gefunden hat. So bleibt die Sache vielleicht auf ewig ein Geheimnis.«

Gill murmelte etwas Undeutliches. Sie schlief schon halb, als er neben ihr unter die Decke kroch. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und schlief auf der Stelle ein.

Olivia Smeaton hatte bereits seit einigen Stunden ohnmächtig am Fuß der Treppe in ihrem großen alten Haus gelegen. Unbemerkt schlief sie endgültig ein.

 KAPITEL 2 

Das Los des Ordnungshüters ist kein glückliches, wenn die Pflicht getan werden will.

Sir W. S. Gilbert

»ICH GESTEHE es«, sagte Alan Markby zerknirscht. »Ich bin Polizeibeamter.«

»Da!«, erwiderte Wynne Carter. »Und da heißt es immer, es gäbe keine Zufälle! Genau als ich dachte, ich müsste eigentlich mit einem Polizisten reden. Ganz im Vertrauen, wenn Sie verstehen.«

Wie man es auch drehte und wendete – es war eine ziemlich ominöse Bemerkung.

Alan warf einen besorgten Blick zu Meredith Mitchell, die auf der anderen Seite des Zimmers in der tiefen Fensternische auf dem Sims saß, die Knie unter dem Kinn. Auf dem Sims lag eine Decke, doch der übliche Bewohner des Platzes war unterwegs auf Mäusejagd. Es war früher Abend. Ein Strahl rötlichen Sonnenlichts fiel seitlich durch das Fenster und ließ Merediths dicke, braune Haare bronzefarben glänzen. Sie trug Jeans, ein Baumwollhemd und eine mit Stickereien verzierte Weste. Sie sah glücklich und entspannt aus, fast wie ein Schulmädchen, während sie von Wynnes Holunderbeerlikör schlürfte. Beim Gedanken daran, dass sie zufrieden war, fühlte sich auch Markby entspannt und glücklich.

Vielleicht nicht ganz so entspannt wie noch fünf Minuten zuvor, vor Wynnes geheimnisvoller Anmerkung.

Es war eine Gefahr, die jeder Profi kennt – ständig versuchen irgendwelche Leute, irgendetwas aus einem herauszuholen, ohne dafür zu bezahlen. Sie machen es ganz besonders dann, wenn man freihat und sich amüsiert, erst recht, wenn man Urlaub hat, wie Markby jetzt. Er bedachte Wynne mit einem, wie er hoffte, strengen offiziellen Blick und sagte: »Ich bin nicht im Dienst.«

Sie lächelte ihn gleichmütig an. »Oh, das ist mir durchaus bewusst, Alan! Ich würde nicht im Traum daran denken, Sie in Ihren Ferien zu belästigen!«

Ho! Ho! Ho! Nein wirklich!, dachte Markby. Alarmiert stellte er fest, dass »Ho! Ho! Ho!« genau die Art von Bemerkung war, die Schauspieler auf der Bühne von sich gaben, wenn sie Polizisten spielten.

»Ich werde Ihren Namen und Ihre Adresse notieren!«, fügte er unvorsichtig laut hinzu.

Seine beiden Gesellschafterinnen bedachten ihn mit milde verwirrten Blicken. Er besaß den Anstand zu erröten. »Das ist aus Toytown. Hab ich in meiner frühen Jugend stapelweise gelesen. Ernest der Polizist hat ständig damit gedroht, Namen und Adressen aller möglichen Leute zu notieren, in der Regel die Namen von Larry dem Lamm und seinem Freund dem Dackel, ich hab den Namen vergessen.«

»Dennis«, kam Meredith ihm entgegenkommenderweise zu Hilfe. »Dennis der Dackel.«

»O nein, nichts dergleichen«, sagte Wynne. »Ich möchte gar nicht, dass Sie jemanden festnehmen. Es wäre schwierig, auch nur Nachforschungen anzustellen. Ich weiß es, weil ich es versucht habe, und nun ist die betreffende Person tot, sehen Sie?«

Das war alles sehr verlockend, doch Markby weigerte sich standhaft, Interesse zu entwickeln.

Nicht jedoch Meredith, wie er es vielleicht erwartet hatte. »Wer ist tot?«, fragte sie prompt. Markby funkelte sie an.

Ihre Gastgeberin machte sich an einer Locke grauer Haare zu schaffen, die sich aus ihrem unordentlichen Chignon gelöst hatte. Ein Wald von Nadeln ragte stachelschweinartig aus dem Haarknoten und erinnerte Markby an die defensiven Igelstellungen von Cromwells Pikenieren. Die Effektivität des Stacheligels wurde allerdings von Wynnes Angewohnheit, von Zeit zu Zeit mit der Hand über den Knoten zu streichen, unterminiert – möglicherweise, um die Hirnzellen im Schädel darunter auf Trab zu bringen. Genauso schnell, wie sie die fehlgeleitete Locke an ihren Platz gesteckt hatte, fiel die nächste herab. Er wartete nun darauf, dass dies geschah, und als es passierte, empfand Markby ein Gefühl merkwürdiger Befriedigung.

Er blickte vor sich auf sein Glas Brombeerwein. Vielleicht kam das zufriedene Gefühl auch von Wynnes exzellenten selbst gemachten Getränken. Der Brombeerwein hatte jedenfalls eine ganze Menge Prozente. Markby war froh, dass er hinterher nirgendwo mehr hinfahren musste, sondern nur bis zum nächsten Cottage laufen.

Wynnes Gedanken kreisten offensichtlich um das gleiche Thema. »Lassen Sie mich Ihr Glas auffüllen, Alan. Oder möchten Sie vielleicht einen Karottenwhiskey probieren? Wie steht es mit Ihnen, Meredith? Sie müssen doch nicht mehr fahren, und weit haben Sie es auch nicht.«

»Ich würde lieber noch etwas Wein nehmen«, sagte Meredith. »Diesmal.« Sie hatte eine beträchtliche Menge Alkohol intus. Sie wusste, dass Wynne ihre Frage von eben gehört hatte, doch sie dehnte genüsslich den Augenblick bis zu ihrer Antwort, so ärgerlich das für die Fragestellerin auch sein mochte.

»Ja, bitte«, stimmte Markby zu. »Ich möchte ebenfalls einen Wein.« Er wusste nicht, was er von Karottenwhiskey halten sollte.

Wynne klapperte mit den Flaschen auf ihrem Sideboard. »Was sagen Sie zu dem hier? Apfel. Nein, überhaupt nicht wie Cidre, eher wie ein deutscher Weißwein, jedenfalls glaube ich das. Ein interessanter Kontrast zum Brombeerwein. Versuchen Sie ihn.«

Die Unterhaltung verstummte vorübergehend, während sie den Wein probierten, doch selbst längst im Ruhestand befindliche Mitglieder der vierten Macht im Staate ließen sich nicht so leicht von etwas ablenken. Wynne hatte während ihrer Berufsjahre eine ganze Menge an starken Getränken zu sich genommen in dem Bemühen, die Verteidigung ihrer Interviewpartner aufzuweichen, und nun kehrte sie zu ihrem Angriff zurück, wenngleich auf ein wenig durchsichtige Art und Weise.

»Die liebe Laura hat mir erzählt, sie hätte einen Bruder bei der Polizei, in gehobener Stellung, hat sie gesagt«, berichtete Wynne.

»So gehoben nun auch wieder nicht«, wehrte Markby bescheiden ab. »Nur Superintendent, das ist alles.«

»Das klingt in meinen Ohren sehr gehoben!«, schmetterte Wynne den Versuch ab, ihr Interesse abzulenken. Sie bedachte Markby mit einem freundlichen Lächeln, um ihn wissen zu lassen, dass er es nicht mit einer Amateurin zu tun hatte.

Alan spürte, wie Hilflosigkeit ihn übermannte (oder zu viel selbst gemachter Wein). Eine Haarnadel fiel klappernd auf den gemauerten Kamin. Wynne starrte auf die Nadel hinab, als könnte sie sich nicht erklären, woher sie kam.

»Ich muss schon sagen, Sie scheinen eine Familie zu sein, die dem Gesetz sehr verhaftet ist«, fuhr sie fort. »Laura eine Anwältin, und Sie ein hoher Polizeibeamter. Auf der anderen Seite ist Lauras Ehemann Paul ganz anders. Er schreibt Kochbücher! Seine Tante Florrie Danby hat oft davon erzählt. Sie klang immer ganz überrascht, dass ein Knabe so viel Interesse am Kochen haben kann. Ich sagte ihr, sie solle sich überlegen, wie viele berühmte männliche Köche es gibt. Ich habe vor Jahren Philip Harbin interviewt, als ich noch eine junge Gesellschaftsreporterin war. Erinnern Sie sich an ihn? Er hatte einen Bart.«

Wynne nippte an ihrem Wein. »Er fuhr mit einer kleinen Show durch das Land und veranstaltete Kochvorführungen in Theatern. Vor den Tagen des Fernsehens war er eindeutig einer der Stars der Szene.«

»Paul ist ein sehr guter Koch«, machte sich Alan für seinen Schwager stark. Oder zumindest hoffte er, dass er die Worte gesagt hatte. Er befürchtete, dass seine Zunge inzwischen ein wenig schwer war, und versuchte es deswegen erneut. »Ein – sehr – guter – Koch!«, wiederholte er gewichtig.

Merediths Augenbrauen zuckten.

Wynne schien nichts Ungewöhnliches zu bemerken. »Florrie Danby war viele Jahre lang meine Nachbarin. Ich vermisse sie sehr.«

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, und die alte Frau schien von unsichtbaren Emotionen übermannt. Meredith, die sensibel war für die Stimmungen anderer, musterte sie eingehend. Wynnes Blick war geistesabwesend und ein wenig traurig. Karrierefrau zu sein, wie Wynne es gewesen und Meredith es immer noch war, mochte ja schön und gut sein – das Leben war so unglaublich interessant und abwechslungsreich. Und dann eines Tages – puff. Es war alles vorbei. Sie bedachte das Weinglas mit einem gehetzten Blick. Dieses Zeug war unglaublich stark. Alan hatte bereits angefangen zu lallen, und sie wurde nach zwei Schlucken rührselig!

Wynne hatte unterdessen ihre abschweifenden Gedanken wieder unter Kontrolle gebracht. »Ich hatte bereits befürchtet, das Cottage könnte verkauft werden, als Florrie starb. Es ist sehr wichtig, wer neben einem wohnt, wenn man eine Doppelhaushälfte hat, erst recht in einer so kleinen Gemeinde. Florrie war meine Nachbarin, seit ich hier eingezogen bin, vor, warten Sie … siebzehn Jahren. Und als Paul mir eröffnete, dass er das Cottage seiner Tante behalten und nicht aus den Händen der Familie geben wollte, habe ich vor Freude einen Luftsprung gemacht!«

»Es ist ein ideales Wochenend-Cottage für meine Schwester und ihren Mann«, sagte Markby. Das war schon besser. Die Worte kamen wieder klar und deutlich. Mit zurückkehrender Selbstsicherheit wurde er auch gleich redselig. »Bei vier Kindern ist es jedes Mal kostspielig, in Urlaub zu fahren. Hierher zu kommen ist genau das Richtige für sie, obwohl es nicht besonders weit von Bamford entfernt ist. Im Gegenteil, es ist sogar ein Vorteil. Keine langen Fahrzeiten hin und zurück. Wussten Sie, dass sie planen, das Cottage im Sommer als Ferienhaus zu vermieten? Wenn sie es nicht selbst nutzen, heißt das.«

»Ich weiß. Es macht mir nichts aus. Besser, als wenn es leer steht. Selbst wenn einige der Feriengäste nicht mein Geschmack sind, ein paar Wochen lang kann man es aushalten. Und Sie und Meredith kommen ebenfalls hin und wieder, wie ich zu behaupten wage?« Sie blickte Markby hoffnungsvoll an.

»Tatsache ist …«, begann Markby mit einem Seitenblick auf Meredith, die ihren Apfelwein in das schwächer werdende Dämmerlicht hielt, »Tatsache ist, wir wollten eigentlich schon früher kommen, im Sommer, aber meine Arbeit hat das leider verhindert. Und kaum hatte ich wieder Zeit, wurde Meredith unerwartet für ein paar Wochen nach Paris abgeordnet – zur Konsularabteilung der Botschaft.«

»Ich will mich nicht beschweren«, warf Meredith ein. »Immerhin war es Paris! Außerdem hat es gut getan, für eine Weile weg zu sein von diesem Schreibtisch in Whitehall. Der reinste Segen! Zugegeben, die Abordnung hat in mir eine gewisse Sehnsucht nach einer richtigen …« Sie bemerkte Markbys gequälten Blick und verstummte. »Nicht, dass ich jetzt noch einen Posten im Ausland angeboten bekommen würde. Trotzdem, es hat gut getan, so kurz es auch war.« Sie hob erneut ihr Glas. »Auf Tobys gebrochenes Bein, dem ich den Kurzaufenthalt in Paris verdanke.«

»Typisch Toby Smythe«, brummte Markby unfreundlich. »Er bricht sich das Bein, und jemand anderes kann seine Urlaubspläne an den Nagel hängen.«

Es ging ihm gegen den Strich, Mitleid für jemanden zum Ausdruck zu bringen, den er nur als einen jüngeren Rivalen sehen konnte, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen von sowohl Merediths als auch Smythes Seite. Außerdem hatte Markby irgendwie das Gefühl, als würde das Unglück Smythe hinterherlaufen. Einmal war er aus irgendeiner Bananenrepublik ausgewiesen worden und unerwartet nach England zurückgekehrt, was in der Folge dazu geführt hatte, dass Meredith die Wohnung räumen musste, die sie von Toby gemietet hatte, und zu einer Freundin in den Wohnwagen an einer archäologischen Grabungsstelle gezogen war …

Sie sah Markby tadelnd an. »Er hat sich das Bein bestimmt nicht mit Absicht gebrochen! Sie mussten ihn nach Hause fliegen, so kompliziert war der Bruch. Er hat noch immer Stahlnägel im Knochen. Aber er ist wieder auf den Beinen und arbeitet – also trinken wir auf seine weitere Genesung.«

Sie hoben ihre Gläser.

»Nun haben Meredith und ich wenigstens zwei Wochen zur gleichen Zeit frei.« Markby hob sein Glas und toastete ihr zu. »Wir können zusammen essen, trinken, ein wenig spazieren gehen. Das ist sowieso das Beste am Urlaub: nichts zu tun. Wir hätten ein wenig weiter wegfahren können, aber es wäre anstrengender geworden, und Paul hat uns das Cottage angeboten. Warum nicht, dachten wir. Wären wir in ein Hotel gegangen, wir wären von Fremden umgeben gewesen und von geschäftigem Personal. Hier im Cottage ist es viel angenehmer und ruhiger.«

Er hoffte inbrünstig, dass er mit diesen letzten Worten nicht das Schicksal herausforderte. Doch wie sich herausstellen sollte, hatte er genau das getan.

Wynne blickte wehmütig drein. »Ich vermisse meine Arbeit als Journalistin«, sagte sie. »Als ich noch gearbeitet habe, dachte ich immer, wie schön es wäre, endlich im Ruhestand zu sein. Ich stellte mir vor, hier in meinem Cottage zu sitzen, meinen eigenen Wein zu keltern, all die vielen Bücher zu lesen, zu denen ich nicht gekommen bin, und im Garten zu werkeln. Ich wollte mir eine schöne Zeit machen. Aber so ist es nicht, ganz und gar nicht. Nicht, wenn man an ein Leben in einem geschäftigen Redaktionsraum gewöhnt ist, an Leute, die um einen herum hin und her rennen, an wichtige Storys, jede Menge Gerüchte und Geschwätz und all die netten versoffenen Dinners und Lunches.«

»Genau das Gleiche habe ich vor nicht ganz fünf Minuten gedacht«, seufzte Meredith. Doch Wynne, stets gut für eine unerwartete Wendung des Gesprächs, ließ sie nicht weiterreden.

»Deswegen bin ich auch gleich auf das Angebot eingegangen, ein paar Nachforschungen für das Leichenschauhaus anzustellen.«

Ihre beiden Besucher waren schlagartig nüchtern und starrten sie in schockiertem Schweigen an.

»Das Leichenschauhaus, wie wir es nennen«, erklärte Wynne lachend, »ist die Seite mit den Todesanzeigen. Die Zeitung archiviert die Lebensläufe der Prominenten und Wichtigen, um sie jederzeit in Druck zu geben, falls einer von ihnen ins Gras beißt. Seit ich in den Ruhestand gegangen bin, habe ich eine ganze Menge Biografien verfasst – es gibt ständig irgendwelche neuen Berühmtheiten, über die es Nachforschungen anzustellen gilt. Außerdem habe ich eine Reihe von bereits existierenden Biografien auf den aktuellen Stand gebracht. Es ist unglaublich interessant, und man muss schrecklich diskret zu Werke gehen. Der oder die Betreffende darf nicht ahnen, was man tut.«

»Das kann ich gut verstehen«, sagte Markby. »Würde mich auch ziemlich runterziehen, wenn ich denke, dass irgendein Geier – Verzeihung, Wynne –, irgendein Schreiber an meinem Nachruf sitzt, obwohl ich noch ganz gesund und munter bin. Das würde jeden in Depressionen stürzen.«

»O nein, das ist es nicht!«, widersprach Wynne aufgeregt. »Ganz im Gegenteil! Es macht ihnen nicht das Geringste aus! Sie sind erfreut und fasziniert, und sie würden alles dafür geben zu erfahren, was man über sie geschrieben hat – aber sie dürfen es nicht sehen. Also ist es am besten, wenn sie erst gar nichts von seiner Existenz ahnen. Wenn sie es erst herausgefunden haben, bieten sie einem die unglaublichsten Dinge, nur um einen Blick hineinwerfen zu dürfen.«

»Ich verstehe, dass es Spaß macht, auf eine gewisse Weise«, sagte Meredith vom Fenster her.

Der nachdenkliche Blick kehrte in Wynnes Gesicht zurück. »Ja. Ich habe es genossen. Das heißt …« Sie machte sich am Korken der Weinflasche zu schaffen. »Das heißt, bis die Sache mit Olivia Smeatons Pferd passiert ist.«

Meredith stellte ihr Glas ab und drehte sich auf der Fensterbank so, dass sie ins Zimmer sah. Sie ignorierte Alans panische Signale, nicht auf diesen offensichtlichen Köder einzugehen, und fragte unschuldig: »Wieso? Was hat es denn getan?«

»Getan? Oh …« Wynne lächelte vage, doch Markby hätte schwören können, ein triumphierendes Glitzern in ihren Augen zu entdecken. Sie hatte Meredith und ihn am Haken, und sie wusste es. »Getan hat es überhaupt nichts, das arme Tier. Es ist gestorben, weiter nichts.«

Es war an der Zeit, zu gehen oder die Sache bis zum Ende durchzustehen. Jetzt oder nie. Markby unternahm eine letzte verzweifelte Anstrengung, vom Thema in all seiner Ernsthaftigkeit abzulenken. »Wollen Sie uns erzählen, Sie hätten einen Nachruf auf ein Pferd geschrieben, Wynne?«

»Nein, für die arme Olivia, die nur wenige Tage später gestorben ist. Sie haben das Pony freitags begraben, und Olivia wurde am folgenden Montagmorgen tot aufgefunden. Ich hab direkt bei der Redaktion angerufen und Bescheid gegeben. Ich war bereits beauftragt worden, den Nachruf zu ergänzen und zu korrigieren. Ganz im Stillen, angesichts ihres fortgeschrittenen Alters. Trotzdem hat niemand damit gerechnet, dass sie so plötzlich und auf diese Art und Weise sterben könnte! Ich erzähle die Geschichte nicht besonders gut, nicht wahr?« Wynnes Entschuldigung ermangelte es an Ernsthaftigkeit; sie lächelte verschmitzt, während sie weiterredete. »Vielleicht sollte ich lieber von Anfang an erzählen.«

»Es ist schon ziemlich spät«, sagte Markby mit einem verzweifelten Blick auf seine Armbanduhr.

Meredith glitt von der Fensterbank und kam zu ihm. Sie setzte sich neben ihm auf den Boden, zog die Knie an die Brust und schlang die Arme um die Schienbeine. »O ja, bitte!«, bettelte sie die unübersehbar dankbare Wynne an. »Erzählen Sie uns die Geschichte von Anfang an. Erzählen Sie uns alles!«

Markby unterdrückte ein Stöhnen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Draußen wurde es dunkel. Wynne streckte die Hand nach dem Schalter einer Tischlampe aus. Es würde eine lange Nacht werden, eine Nacht voller Geschichten. Der Raum füllte sich mit den Geistern aus der Erinnerung Wynnes. Und dabei war noch lange nicht Weihnachten.

»Letzten Januar bekam ich einen Anruf von der Zeitung«, begann Wynne. »Jemand, der für die Unterlagen des Leichenschauhauses verantwortlich war, hatte einen Eintrag über Olivia gefunden. Erkundigungen zufolge lebte sie hier am Rand dieses Dorfes, in Rookery House. Damit war ich die ideale Besetzung für die Ergänzung ihrer biografischen Daten. Die Zeitung wusste, dass ich diskret vorgehen würde. Ich warnte sie, dass es nicht einfach werden würde. Olivia war zwar keine ausgesprochene Einsiedlerin, doch sie lebte zurückgezogen und unterhielt keine Beziehungen mit anderen Dorfbewohnern. Sie war eben schon alt. Andererseits hat sie sich nie mit den Dorfbewohnern eingelassen, nicht einmal damals, als sie noch jünger und gerade erst hierher gezogen war.«

»Wann war das?«, fragte Markby resignierend in der Annahme, dass sie umso schneller würden entkommen können, je schneller Wynne mit ihrer Geschichte fertig war. Hoffentlich noch bevor sie dazu kam, ihm zu beichten, warum sie all das erzählt hatte und was sie von ihm wollte. Denn die nette alte Dame wollte etwas von ihm, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Er sollte irgendetwas unternehmen, wahrscheinlich etwas Drastisches, und wer weiß, vielleicht sogar etwas Ungesetzliches.

»Das war 1975. Und das war auch der letzte Eintrag in ihrer Biografie. Eine Lücke von mehr als zwanzig Jahren, und ich sollte sie auffüllen.«

»Vielleicht hatte sie nach einem ereignisreichen Leben genug davon, an irgendetwas teilzunehmen. Vielleicht wollte sie einfach ihre Zeit in Ruhe verbringen und nichts tun.«

»Niemand will das wirklich«, entgegnete Wynne entschieden. »Selbst wenn er es steif und fest behauptet. Das Alter ist schlimm genug, auch ohne Einsamkeit. Vergessen Sie nicht, sie war erst Anfang sechzig, als sie sich hier niederließ, und selbst damals schon lehnte sie jegliche Einladung höflich ab. Sie sprach nie selbst eine aus. Die Leute erinnern sich, dass sie zwar nicht mit irgendjemand Freundschaft schloss, doch sie ließ sich im Dorf sehen. Sie besaß ein Pony und einen zweirädrigen Einspänner, und sie fuhr damit herum, sodass jeder sie vom Sehen her ziemlich gut kannte. Sie grüßte die anderen Dorfbewohner und zeigte sich gelegentlich auch in der Kirche. Das Pony wurde irgendwann durch ein neues ersetzt. Ich glaube, am Ende hatte sie drei Stück – nicht alle auf einmal, sondern nacheinander.

Schließlich gab sie das Herumfahren in ihrem Einspänner auf, und das Pony erhielt früh sein Gnadenbrot. Nachdem sie nicht mehr herumfuhr, verließ sie ihr Grundstück nur noch selten. Das Pony stand auf der Koppel neben dem Haus. Rory Armitage, der Tierarzt, meldete sich von Zeit zu Zeit bei ihr und untersuchte das Tier. Das Gleiche gilt für Doc Burnett, den praktischen Arzt. Er kam von Zeit zu Zeit vorbei und untersuchte Olivia. Außerdem hatte sie eine Haushälterin, Janine Catto. Sie kam während der Wochentage und putzte und erledigte die Einkäufe. Ernie Berry, unser einheimischer Gelegenheitsarbeiter – er ist ein wirklich eigenartiger Bursche, der arme Kerl – hielt den Garten in Ordnung. Nichts Aufregendes; er hat den Rasen gemäht und Unkraut gejätet, diese Art von Arbeiten, und alles repariert, was kaputtging. Die größeren Sachen hat Max Crombie erledigt. Er ist der einheimische Bauunternehmer. Er hat eine Tochter, Julie, und für eine Weile stand das kleine Mädchen Olivia näher als jeder andere in den vergangenen Jahren. Näher, als sich irgendjemand erinnern kann. Julie ist verrückt nach Pferden.«

»Wie meine Nichte«, sagte Markby.

»Genau wie Emma, ja. Julie brachte ihren Vater dazu, sie mitzunehmen, als seine Firma das Dach von Rookery House neu deckte. Sie wollte das Pony aus der Nähe sehen. Sie kam mit Olivia ins Plaudern, auf die unverfängliche, arglose Weise von Kindern, und die alte Dame scheint sie auf Anhieb gemocht zu haben. Sie erlaubte Julie sogar, auf dem Pony über die Koppel zu reiten.

Danach war Julie in jeder freien Minute bei Olivia. Der alten Dame schien es nichts auszumachen. Ich glaube, es gefiel ihr, das Kind zu unterrichten. Ich hab sie ein paar Mal zusammen gesehen. Olivia saß auf einem Stuhl unter dem alten Kastanienbaum auf der Koppel und erteilte Instruktionen, während Julie immer um sie herumritt. Es erinnerte mich an einen Maître de Ballet und seine Musterschülerin.« Wynne lächelte.

»Es war ein hübsches Pony, ein Apfelschimmel, genau wie das Tier in dem Kinderreim. Julie mit ihren langen blonden Haaren und dem Samthut trottete auf dem Pony über die Koppel; wie sie über Pfosten im Boden sprangen – es war ein bezaubernder Anblick! Manchmal sah ich Max dort. Er beobachtete seine Tochter voller Stolz. Sein kleines Mädchen, seine Augenweide und so weiter.

Das Kind wurde immer besser, und es bedrängte seinen Vater, ihm ein eigenes Pony zu kaufen. Max wollte Olivias Pony, doch die alte Dame sagte nein. Das Tier war schon zu alt und vielleicht nicht mehr sicher im Straßenverkehr. Außerdem wäre es besser, wenn Julie ein jüngeres Pony bekäme, weil sie doch offensichtlich eine gute kleine Reiterin war und Turniere sicherlich die nächste Herausforderung wären, an der sie sich versuchen würde. Also ging Max – die Crombies haben jede Menge Geld! – hin und kaufte seiner Tochter ein wunderschönes Tier, einen Palomino. Olivias Pony kehrte auf die Koppel zurück, wo es tagaus, tagein vor sich hin döste. Julie gewann nach und nach auf jeder Ausstellung im Umkreis von vielen Meilen die rote Rosette in ihrer Klasse. Sie ist immer noch dabei, und ich zweifle nicht daran, dass sie eines Tages bei der Ausstellung für das Pferd des Jahres mitmachen wird. Oder vielleicht sogar bei den Olympischen Spielen, wer weiß!«

Wynne hielt inne, um Atem zu schöpfen. »Aber ich eile schon wieder voraus.«

»Ich sehe nicht«, sagte Markby zweifelnd, »was diese angesehene, zurückgezogen lebende, pferdeliebende und allem Anschein nach liebenswürdige alte Dame erreicht haben könnte, das ihr Dahinscheiden in den Augen der Nation interessant machen könnte. Warum ein Nachruf für jemanden wie Olivia Smeaton?«

»Ah«, sagte Wynne. »Sie hat nicht immer so still und zurückgezogen gelebt.«

 KAPITEL 3 

Der Mann erholte sich von dem Biss;

Es war der Hund, der starb.

Oliver Goldsmith

»ZUNÄCHST EINMAL«, fuhr Wynne fort, »hat Olivia 1937 im jugendlichen Alter von fünfundzwanzig Jahren die Rallye Kitwe-Bulawayo in Afrika gewonnen – die Damenklasse.«

»Mensch!«, sagte Meredith beeindruckt.

»Das ist noch längst nicht alles.« Wynne war höchst erfreut über das Resultat ihrer Bekanntgabe. »Ich nehme doch an, keiner von Ihnen beiden hat den Nachruf auf Olivia Smeaton gelesen, als er abgedruckt wurde?«

Markby und Meredith schüttelten die Köpfe.

»Natürlich nicht. Sie waren beide viel zu beschäftigt zu dieser Zeit. Warum hole ich ihn nicht einfach? Ich könnte gleichzeitig Kaffee aufsetzen. Ich bin in einer Sekunde wieder da!«

Sie trottete hinaus in die Küche, und sie hörten, wie sie mit Utensilien klapperte. Einen Augenblick später knarrte die Hintertür auf ungeölten Angeln, dann knarrte sie erneut, als sie wieder geschlossen wurde. Markby und Meredith hörten, wie Wynne mit dem abendlichen Besucher sprach.

»Sie sind im Wohnzimmer, am Kamin. Geh schön rein und sag ihnen guten Abend.«

Meredith blickte mit gehobenen Augenbrauen zu Markby, doch der zuckte nur die Schultern; er hatte genauso wenig wie sie eine Vorstellung, wer der Besucher sein könnte. Wer auch immer es war, mit ein wenig Glück würde er Wynne von ihrem Vorhaben abbringen.

Doch dem war nicht so. Die Wohnzimmertür quietschte leise, und ein unglaublicher Kater kam herein. Wenn er mit neun Leben angefangen hatte, so war er mit Sicherheit bei seinem letzten angelangt. Er hatte nur noch ein Auge, die Hälfte eines Ohrs fehlte, und das Resultat war, dass er aussah wie ein Pirat. Die Schwanzspitze fehlte ebenfalls. Er bedachte sie mit einem verachtenden Blick, der jeden Versuch einer Begrüßung von vornherein erstickte, und sprang hinauf auf das Fenstersims, das Meredith kurze Zeit zuvor geräumt hatte. Dort begann er, sein Fell zu reinigen, während er die Eindringlinge unablässig aus seinem einzelnen Auge beobachtete.

Alan beugte sich zu Meredith hinab. »Wir hätten aus der Hintertür flüchten sollen, als sie dieses Monster reingelassen hat«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Warum nur musstest du sie auch noch ermuntern?«

»Ich? Ich hab doch überhaupt nichts gemacht!« Meredith sah ihn überrascht an.

»Von wegen, nichts gemacht! Du hast sie angebettelt, ihre Geschichte ganz von Anfang an zu erzählen! Aber wahrscheinlich hätte sie das sowieso getan.« Markby sank in seinen Sessel zurück und starrte düster auf das Tablett mit den Weinflaschen. Der Inhalt leuchtete in den verschiedensten Farben. Markbys Blick wanderte von tiefem Rubinrot, fast Purpur (Damaszenerpflaume) über grünliches Gelb (Stachelbeere) zu hellem Bernstein (Apfel) und endete bei einem tiefen, feurigen Rostbraun. Das dürfte dann wohl der Karottenwhiskey sein, dachte er.

»So ein Unsinn!« Der Ausdruck in den haselnussbraunen Augen seiner Begleiterin war gekränkt. »Du hast ihr Fragen gestellt! Also warst du an ihrer Geschichte interessiert!«, folgerte sie.

Cogito ergo sum, dachte Markby.

Der Kater hatte seine Reinigungsprozedur eingestellt und schien die Missstimmung zwischen den beiden Besuchern mit gehässigem Vergnügen zu beobachten.

»Aber nur, weil sie so lange gebraucht hat, um zur Sache zu kommen!«, verteidigte sich Markby. »Ich wollte die Angelegenheit ein wenig beschleunigen, damit wir schneller nach Hause kommen.«

»Alan! Sei nicht so unhöflich! Sie hat uns ein wunderbares Essen aufgetischt – und all den Wein …« Merediths Blick wanderte wie der von Markby zu dem leuchtenden Arrangement von Köstlichkeiten auf dem Tablett. »Offen gestanden glaube ich, dass ich viel zu viel davon getrunken habe. Ich bin froh, dass sie Kaffee macht. Ich fühle mich ein wenig beschwipst.«

»Warte erst bis morgen!«, prophezeite er. »Du wirst dich noch viel schlimmer fühlen. Ganz besonders, nachdem wir die halbe Nacht hier gesessen und den Abenteuern von Penelope Pitstop gelauscht haben.«

»Pssst. Sie kommt zurück!«

Wynne kehrte aus der Küche zurück und wedelte triumphierend mit einem Zeitungsausschnitt in der Hand. »Hat Nimrod Sie begrüßt? Nein? Er verhält sich bei Fremden eigenartig. Wenn er sich erst an Sie gewöhnt hat, wird er sehr zutraulich.«

Nimrod schnaubte von seinem Platz auf der Fensterbank und kratzte sich heftig.

»So, da ist es«, fuhr Wynne fort. »Das einzige Foto von Olivia, das die Zeitung in ihren Archiven hatte, war unglücklicherweise bereits ziemlich alt. Es wurde während des Zweiten Weltkriegs gemacht.«

»Das ist allerdings alt …«, murmelte Markby.

Meredith nahm den Zeitungsausschnitt in die Hand. Die Fotografie stammte eindeutig aus Kriegszeiten. Sie zeigte eine atemberaubend aussehende Frau mit einer Lockenfrisur, wie sie damals üblich war, und einer schicken Uniformkappe. Merediths Blick wanderte auf den Text darunter.

Olivia Smeaton, die in ihrem Anwesen Rookery House in Parsloe St. John verstarb, wurde in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als Rallyefahrerin und Schöne der Gesellschaft berühmt, um nicht zu sagen berüchtigt. Sie pflegte von sich scherzhaft zu behaupten: »Man sagt, ich sei schnell – Tatsache ist, ich bin schnell.«

Sie wurde im Jahre 1912 als Olivia Adelaide Broughton geboren und war das einzige Kind und Alleinerbin des Waffenfabrikanten Wilberforce Broughton. Sie war Debütantin und während des Jahres 1933 die begehrteste Junggesellin der Londoner Gesellschaft. Obwohl es zahlreiche Spekulationen gab, wen und wann sie heiraten würde, und obwohl ihr Name mit mehreren jungen Männern in Verbindung gebracht wurde, war bald offensichtlich, dass ihre wahre Leidenschaft dem Motorsport galt. Ihren größten Erfolg feierte Olivia Broughton im Jahre 1937, als sie die Rallye KitweBulawayo in Afrika in der Damenklasse gewann, obwohl sie im Busch von einem Elefanten angegriffen wurde und einen Fieberanfall erlitt, der es ihr und ihrer Beifahrerin, wie sie später erklärte, fast unmöglich machte, die Karte zu lesen.

Den Ausbruch der Kriegshandlungen im Jahre 1939 nahm sie zur Gelegenheit, ihre Fahrkünste in die Dienste der Armee zu stellen. Sie wurde Fahrerin des War Office und chauffierte viele ranghohe Offiziere sowie hin und wieder Mitglieder des Kabinetts, die häufig in hoch geheimen Missionen unterwegs waren. 1944 heiratete Olivia Colonel Marcus Smeaton, der tragischerweise nur sechs Monate später getötet wurde. Sein Tod, so kurz vor dem endgültigen Ende des Krieges, wurde von ihr stets als persönliche Ungerechtigkeit des Schicksals empfunden.

Nach dem Krieg betätigte sie sich in wohltätiger Weise, doch im Jahre 1958, im relativ jungen Alter von 46 Jahren, verkündete sie, dass sie sich in den Ruhestand begeben und nach Frankreich ziehen würde. Sie fand ein Haus im Süden des Landes, in der kleinen Stadt Puget-Theniers in den Bergen hinter Nizza, wo sie gemeinsam mit ihrer früheren Schulfreundin Violet Dawson einzog. 1975 verkaufte sie das Haus in Frankreich und kündigte an, nach England zurückzukehren, zusammen mit Miss Dawson. Doch das Schicksal schlug erneut zu: Auf der Heimreise wurde ihr Wagen in einen schweren Unfall verwickelt, bei dem Violet Dawson starb und Olivia Smeaton schwer verletzt wurde.

Sobald sie wieder reisefähig war, fuhr sie nach England und ließ sich auf dem Land nieder. Sie setzte sich nie wieder hinter ein Steuer, sondern fuhr mit einem Einspänner und einem Pony durch die Landschaft. Ihre letzten Jahre verbrachte sie vollkommen zurückgezogen.

Ihr Tod war ein weiteres tragisches Ereignis. Sie wurde von ihrer Haushälterin am Montagmorgen am Fuß ihrer Treppe gefunden. Die Verhandlung zur Feststellung der Todesursache ergab, dass sie über eine lose Pantoffelsohle stolperte und die Treppe hinunterstürzte. Sie lag bereits vierundzwanzig Stunden tot in ihrem Haus, bevor sie gefunden wurde. Olivia Smeaton hinterlässt keine Kinder; der Großteil ihres Besitzes geht an wohltätige Einrichtungen.

Meredith reichte Markby den Zeitungsausschnitt, und er las ihn ebenfalls. Ihre Gastgeberin beobachtete die beiden schweigend.

Als Alan fertig war, legte er ihn auf den Tisch. »Ja, ich verstehe, was Sie meinen«, sagte er. »Ein interessantes, um nicht zu sagen faszinierendes Leben.«

»Das wirft eine Menge Fragen auf«, sagte Meredith langsam.

»Zu denen es, wie ich anmerken darf, nur wenige spärliche Antworten gibt, das dürfen Sie mir glauben«, entgegnete Wynne.

Ihre Haltung wurde resolut. »Dieser Nachruf war die größte berufliche Herausforderung meiner gesamten Karriere! Es gab ganz eindeutig eine Menge mehr zu berichten. Olivia lebte praktisch vor meiner Nase, doch ich konnte nicht zu ihr gehen und ihr sagen, woran ich arbeitete. Also begegnete ich ihr immer wieder zufällig auf der Straße oder rief sie unter irgendeinem Vorwand an und stellte die ein oder andere beiläufige Frage. Wenn jemand so ist wie Olivia und Anrufer nicht gerade ermutigt, sich wieder zu melden, dann ist das gar nicht so einfach! Ich musste sogar Kirchenarbeit leisten!«

»Wynne!«, sagte Meredith spöttisch. »Das klingt ja allmählich nach den allerübelsten Taktiken der Regenbogenpresse! Was haben Sie getan?«

Wynne erwiderte Merediths Grinsen; sie nahm ihr die Bemerkung nicht übel. »Ich habe mich beim Vikar erboten, in meiner Freizeit für die Restauration der Kirche zu sammeln. Das gab mir eine Chance, Olivia zu besuchen. Nach außen hin bat ich sie um Unterstützung für Wohltätigkeitsfeste, Flohmärkte und so weiter. Sie gab mir eine Menge alten Plunder, Kleider, Bücher, Vasen, was weiß ich. Sie stellte ein paar Schecks über recht ansehnliche Summen aus. Sie kam mir in allem entgegen, doch persönliche Geschichten waren tabu. Sie war selbstverständlich viel zu höflich, um es mir auf den Kopf zuzusagen, doch ich konnte ihrem Gesicht ansehen, dass sie mich für unverschämt hielt, weil ich immer neue Andeutungen machte und versteckte Fragen stellte. Glauben Sie mir, ich war einfallsreicher als ein hungriger Fuchs! Aber ich war ihr nicht gewachsen. Sie hat mich ins Leere laufen lassen. Und wissen Sie was? Ich vermisse Olivia«, fügte Wynne hinzu.

Sie trank von ihrem Kaffee. »Natürlich habe ich auch andere Methoden eingesetzt, um mehr in Erfahrung zu bringen«, fuhr sie nach einer Pause fort. »Das heißt, ich habe Janine Catto über Olivia befragt. Janine war willig, doch sie konnte mir auch nichts erzählen. Sie meinte nur, ›Mrs Smeaton ist nicht sehr gesprächig‹, und sie wusste überhaupt nichts über sie, außer, dass Olivia einige Jahre in Frankreich gelebt hat. Sie war ausgesprochen überrascht, als sie von mir erfuhr, dass ihre Arbeitgeberin eine so interessante Vergangenheit gehabt hat. Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass Olivia offensichtlich auf die harte Tour gelernt hatte, dass zu große Offenherzigkeit mit einem hohen Preis verbunden sein kann. Sie hat eine Mauer gegen unerwünschtes Eindringen in ihr Privatleben errichtet.«

»Ich hätte da eine Frage«, sagte Meredith. »Olivia und diese Violet waren ein Liebespaar, habe ich Recht? Das erklärt, warum sie England verlassen haben. Die Leute damals waren nicht besonders tolerant in dieser Hinsicht.«

»Olivia hat nie ein Hehl aus der Natur ihrer Beziehung gemacht«, antwortete Wynne. »Sie gehörte nicht zu der Sorte, die sich im Schatten herumtrieb und so tat, als wäre alles normal. Verstehen Sie, ich glaube, sie hätten durchaus auch in London bleiben können, wenn sie ein wenig diskreter gewesen wären. Doch das waren sie nicht. Beziehungsweise Olivia war es nicht. Violet Dawson hätte sich vielleicht lieber hinter einer Fassade guter Freundschaft versteckt. Violet kam aus sehr viel bescheideneren Verhältnissen als Olivia. Sie war die Tochter eines Landpfarrers und hatte kein Geld. Bevor sie und Olivia zusammenzogen, war sie die ›Begleiterin‹ zahlreicher älterer Damen. Bei diesem Leben hat sie offensichtlich gelernt, dass die Meinung anderer letzten Endes doch wichtig ist.

Nicht so jedoch Olivia. Sie hatte nie gelernt, die Meinung anderer zu fürchten, verstehen Sie? Und sie begriff einfach nicht, warum Violet Angst davor hatte. Olivia war wunderschön, geistreich und besaß eine Menge Geld. Sie hatte sich nie um Konventionen geschert, doch selbst dafür gibt es Wege, die akzeptabler sind als andere. Ich meine, wären Olivia und Violet Künstler gewesen, Bohemiens, oder hätten sie einer radikalen politischen oder sozialen Theorie angehangen, wäre ihr Verhalten als exzentrisch angesehen worden. Doch Olivia war einfach nur eine reiche Frau, die keinen Grund sah, warum sie nicht genau das tun sollte, was sie wollte. Ihr kam nicht einmal der Gedanke, dass sie eines Tages einen Schritt zu weit gehen könnte und irgendjemand sich genügend daran störte, um etwas gegen sie zu unternehmen. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, dass so etwas möglich ist. Dass man für alles einen Preis zahlen muss. Geschweige denn, dass jemand aufstehen und diesen Preis von ihr verlangen könnte. Sie konnte sich, kurz gesagt, nicht vorstellen, dass irgendjemand etwas gegen die Art und Weise haben könnte, wie sie ihr Leben lebte. Sie irrte sich gründlich. Irgendjemand hatte etwas dagegen, und er stand auf und forderte den Preis. Sie hatte die Rechnung ohne Lawrence Smeaton gemacht, ihren Schwager.

Er war außer sich vor Zorn über ihre Beziehung mit Violet. Er betrachtete es als eine Beleidigung des Andenkens an seinen Bruder Marcus.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ihr Wille geschehe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen