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Ich wusste nicht, wie gut du küsst!

1. KAPITEL

Es war entschieden kein guter Tag für Jayne Pembroke.

Sie begann ihn damit, dass sie verschlief, ein Umstand, der nicht gerade dadurch verbessert wurde, dass sie aus einem der wundervollsten Träume erwacht war, den sie seit sehr langer Zeit gehabt hatte. In ihrem Traum hatte Jayne Gesellschaft gehabt, und zwar wirklich nette Gesellschaft in Form eines gut aussehenden, dunkelhaarigen, dunkeläugigen Fremden, der die wundervollsten – und erotischsten – Dinge mit ihr anstellte.

Zumindest glaubte sie das. Denn sehr viel Erfahrung hatte sie nicht auf diesem Gebiet. Aber was auch immer der dunkelhaarige, dunkeläugige Fremde mit ihr in ihrem Traum getan hatte, es hatte sich herrlich angefühlt.

Was jedoch ihre Wirklichkeit anging, so war sie weder wundervoll noch erotisch und ganz bestimmt nicht herrlich – und das nicht nur, weil Jayne verschlafen hatte, sondern sie lag auch, wie immer, allein im Bett.

Als sie es schließlich doch noch schaffte, zur Uhr hinüberzublinzeln, fiel sie buchstäblich aus dem Bett und stieß sich dabei den Kopf am Nachttisch. Deshalb trat sie rachsüchtig mit dem Fuß gegen denselben und stieß sich den Zeh. Als sie daraufhin fluchend ins Badezimmer hüpfte, kam Mojo, der Kater ihrer Schwester Chloe, ins Zimmer stolziert und brachte Jayne zu Fall. Es war ein großer Fehler gewesen, ihrer Schwester, die auf dem College war, zu versprechen, auf das kleine Biest aufzupassen.

Doch damit war die Liste ihrer Missgeschicke noch keineswegs erschöpft.

Das Wasser in der Dusche war nur noch lauwarm, weil ohne Zweifel alle anderen Bewohner von Amber Court Nr. 20 schon längst geduscht hatten, denn sie waren natürlich alle pünktlich aufgewacht. Die einzige saubere Bluse, die Jayne finden konnte, passte nicht zu dem einzigen sauberen Rock, den sie finden konnte, und die einzige saubere Strumpfhose, die sie fand, hatte eine Laufmasche. Die Folge war, dass sie gezwungen war, eine Farbzusammenstellung zu tragen, die einem die Tränen in die Augen trieb: eine erdbeerrote Bluse zu einem orangefarbenen Rock mit hellgrünem Gürtel.

Da war es schon keine Überraschung mehr für sie, dass der Haartrockner in dem Moment seinen Geist aufgab, als sie ihn anstellte, dabei einen gefährlich klingenden Summton von sich gab und verdächtig nach Verbranntem roch. Jayne zog sofort den Stecker heraus und warf das Gerät in den Abfalleimer, der natürlich umkippte und seinen gesamten Inhalt auf dem Badezimmerboden verteilte.

Jayne unterdrückte einen hysterischen Aufschrei, flocht dann methodisch ihr nasses, rotes Haar zu einem dicken Zopf und rubbelte hastig ihren Pony trocken, so gut sie konnte. Sie legte schnell erdbeerroten Lippenstift auf – wenigstens würde er zu einem Teil ihrer Kleidung passen – und benutzte einen dezenten Lidschatten für ihre veilchenblauen Augen. Dann rannte sie in die Küche, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken, die sie unbedingt haben musste, wenn sie halbwegs funktionieren wollte.

Das Gute war, dass der Timer der Kaffeemaschine offenbar vollkommen funktionierte. Das Schlechte war, dass Jayne vergessen hatte, Kaffee in die Filtertüte zu füllen. Also erwartete sie nur eine Kanne heißes Wasser.

Sie unterdrückte einen Schrei, der alles Dagewesene überboten hätte, das aber nur mit größter Mühe. Dann nahm sie resignierend hin, dass ihr heute wohl kein Kaffee vergönnt sein sollte – oder sonst irgendetwas –, und sah aus dem Fenster. Es war, wie nicht anders zu erwarten, ein ungewöhnlich regnerischer Tag für Anfang September. Und natürlich, ebenfalls nicht verwunderlich, hatte sie ihren einzigen Regenschirm bei Colette Jewelry vergessen, dem bekannten, erfolgreichen Juweliergeschäft, in dem sie als Verkäuferin arbeitete.

Du meine Güte, dachte Jayne beklommen. Was mag mir heute noch bevorstehen? Dabei war es noch nicht einmal neun Uhr morgens.

So schnell sie konnte, jagte sie durch ihr restliches Morgenritual, und tatsächlich ging kaum noch etwas schief. Sie brach sich nur einen Fingernagel ab, als sie auf der Suche nach ihrem Regenmantel – den sie natürlich nicht fand – in ihrem Schrank herumwühlte.

Sie schloss gerade ihre Wohnung ab, als die Tür der gegenüberliegenden Wohnung geöffnet wurde und ihre Vermieterin heraustrat. Es war das erste Mal heute Morgen, dass Jayne lächelte. Rose Carson löste bei jedem ein Gefühl guter Laune und Wohlbefindens aus, ganz gleich, wo sie auftauchte. Rose war eine sehr nette Dame, und sie war es auch gewesen, die für Jayne den Job bei Colette Jewelry gefunden hatte. Die Freundin einer Freundin, hatte Rose ihr damals erzählt, habe die freie Stelle in dem Juweliergeschäft erwähnt, und Jayne hatte sie sofort erhalten.

Mit ihrem kurzen dunklen Haar, das gerade anfing, ein wenig zu ergrauen, den Lachfältchen um die dunklen Augen und der rundlichen Figur musste Rose nach Jaynes Schätzung Anfang fünfzig sein und damit im gleichen Alter wie ihre Mutter, wenn diese das Flugzeugunglück vor vier Jahren überlebt hätte. Auch ihr Vater war dabei umgekommen.

Obwohl Jayne erst seit einem Monat in Amber Court Nummer 20 wohnte, hatte sie das Gefühl, ihre Vermieterin schon seit Ewigkeiten zu kennen. Rose weckte in ihren Mitmenschen vom ersten Moment an Zuneigung und das Gefühl, man könne sich ihr bedenkenlos anvertrauen. Bereits wenige Tage nach ihrem Einzug hatte Jayne Rose alle Einzelheiten ihrer Lebensgeschichte enthüllt. Sie hatte ihr von dem Tod ihrer Eltern erzählt, als sie achtzehn gewesen war, und dass sie seitdem für die vier Jahre jüngeren Zwillinge, Chloe und Charlie, verantwortlich war. Und dass sie auf den Besuch des College verzichtet hatte, damit die beiden jetzt studieren konnten.

Wenn ihr Bruder und ihre Schwester in vier Jahren das Diplom in der Tasche haben würden, wäre sie an der Reihe, um aufs College gehen. Immerhin hatte sie noch sehr viel Zeit. Sie war erst zweiundzwanzig, und das ganze Leben lag noch vor ihr.

Im Augenblick war Jayne einfach froh, endlich einmal keine Angst vor der Zukunft haben zu müssen. Die vergangenen vier Jahre waren ungemein schwierig gewesen, da sie ständig darum hatte kämpfen müssen, dass die Zwillinge und sie ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen hatten.

Der Verkauf ihres Elternhauses, eine bescheidene Lebensversicherung und das Kindergeld für die Zwillinge hatten ihnen das Anfangskapital gesichert, das sie in jener Zeit gebraucht hatten. Aber jetzt waren Charlie und Chloe achtzehn und es gab kein Kindergeld mehr. Die jährlichen Collegegebühren für zwei Studenten würden zwar selbst mit dem kleinen Stipendium, das die Zwillinge erhielten, eine große Belastung darstellen, aber im Augenblick war ihre finanzielle Situation einigermaßen gesichert. Solange sie ihren Job bei Colette Jewelry behielt, würde alles gutgehen.

Das hoffte sie jedenfalls.

“Guten Morgen, Jayne”, sagte Rose lächelnd, nachdem sie ihre Tür abgeschlossen hatte, und wandte sich ihrer jüngsten Mieterin zu. Sie sah auf die Uhr. “Sind Sie nicht ein wenig spät dran, meine Liebe?”

Jayne unterdrückte die aufsteigende Panik. So spät war es nun auch wieder nicht. Da sie sich wie eine Wilde beeilt und nicht einmal Kaffee getrunken hatte, würde sie es gerade noch rechtzeitig zur Arbeit schaffen – vielleicht wenn sie den ganzen Weg dorthin lief. Und es blieb ihr kaum etwas anderes übrig, da sie den Bus verpasst hatte und es immer noch regnete. Doch wenn sie sich dicht an den Häuserwänden hielt, würde sie vielleicht relativ trocken bleiben.

“Ja, ein wenig”, gab Jayne zu. “Irgendwie ging heute alles schief”, fügte sie hinzu.

Rose nickte verständnisvoll. “Strömender Regen und dazu noch Montag, nicht wahr?”

Jayne lachte geringschätzig. “Strömender Regen an einem Montag, ein kaputter Wecker und ein kaputter Haartrockner, keine saubere Wäsche und eine unkooperative Kaffeemaschine, menschenmordende Katzen und …”

Rose hob lachend die Hand. “Mehr brauchen Sie nicht zu sagen. Du meine Güte, solche Tage habe ich zu meiner Zeit auch einige erlebt.”

Jayne wollte sich verabschieden und davoneilen, als sie eine Brosche an Roses cremefarbener Bluse bemerkte. Die Brosche war sehr schön gearbeitet mit mehreren dunkelgelben Steinen, die in verschieden getönten Edelmetallen eingefasst waren. Jayne war so fasziniert von dem Schmuckstück, dass sie Rose unwillkürlich darauf ansprach.

“Ihre Brosche ist wunderschön”, sagte sie impulsiv. “Das sind keine Topase, oder?”

Rose strahlte, als ob Jayne ihr gerade das schönste Kompliment gemacht hätte. “Nein, es ist Bernstein.” Ihr Lächeln wurde verhaltener. “Ich besitze die Brosche schon seit sehr langer Zeit. Und die Geschichte, wie ich dazu gekommen bin, ist ziemlich interessant.”

“Sie müssen sie mir einmal erzählen, wenn ich nicht so in Eile bin und nicht einen so miserablen Tagesbeginn habe.”

Doch bevor Jayne nun endlich losrennen konnte, hielt Rose sie noch einmal zurück. “Warten Sie. Tragen Sie die Brosche heute”, sagte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln und nahm die Brosche ab. “Sie hat mir früher Glück gebracht. Vielleicht hilft Sie Ihnen, diesen verrückten Tag besser zu überstehen.”

Jayne lächelte schief. “So wie es heute angefangen hat, habe ich das Gefühl, dass ich die Brosche eher für einen ganzen Monat bräuchte.”

“Dann tragen Sie sie eben den ganzen Monat”, meinte Rose und befestigte sie kurzerhand an Jaynes Bluse. Mit einem schelmischen Lächeln fügte sie hinzu: “Sie werden schon wissen, wann Sie sie zurückgeben möchten.”

“Aber ich kann doch nicht …”

“Aber natürlich können Sie”, unterbrach Rose sie sanft und betrachtete die Bernsteinbrosche an Jaynes erdbeerrote Bluse. “Sie passt zwar nicht zu Ihrer heutigen Aufmachung …”

Jayne musste trotz allem lachen. “Als ob heute irgendetwas an mir zusammenpasst! Erinnern Sie mich bitte daran, dass ich große Wäsche mache, wenn Sie mich heute Abend sehen, okay?”

Rose nickte. “Werde ich.”

Jayne schenkte Rose noch ein letztes Lächeln, winkte und spurtete los.

“Viel Glück!”, rief ihre Vermieterin ihr nach.

“Danke!”, rief Jayne zurück. “Irgendetwas sagt mir, dass ich es gebrauchen kann!”

Am anderen Ende von Youngsville, Indiana, genoss Erik Randolph seinen Morgen auch nicht besonders, wenn auch aus völlig anderen Gründen als Jayne Pembroke.

Er hatte in der Nacht sehr ruhig und traumlos geschlafen und er wachte nicht zu spät zur Arbeit auf. Aber das lag daran, dass keine Arbeit auf ihn wartete, zu der er sich hätte verspäten können. Er könnte zwar zur Arbeit gehen, wenn er wollte – es war kein Geheimnis, dass sein Vater ihm den Posten des Vizepräsidenten in der “Randolph Shipping and Transportation” offenhielt. Aber es war ebenfalls kein Geheimnis, dass Erik nicht zur Arbeit geschaffen war. Um zu arbeiten, brauchte man zunächst so etwas wie eine Arbeitsmoral und darüber hinaus Zielstrebigkeit oder wenigstens Pflichtgefühl und das Verlangen, seinen Teil zu was auch immer beizutragen. Erik jedoch wies, wie man allgemein wusste, keine einzige dieser lobenswerten Eigenschaften auf. Das minderte jedoch nicht im Geringsten seinen Charme.

Wie die Dinge nun also standen, war der Zeitpunkt, zu dem er aufwachte, völlig nebensächlich, weil er den heutigen Tag ohnehin so verbringen würde wie alle anderen Tage – ohne bestimmte Dinge oder Pläne im Sinn zu haben. Und er wachte nur deswegen allein in seinem Bett auf, weil er nie jemandem mit nach Hause brachte.

Das lag natürlich daran, dass er das Haus mit seinen Eltern teilte, die die wahren Besitzer waren. Er musste nicht etwa befürchten, von besagten Eltern entdeckt zu werden, denn das Haus war so groß, dass man sich monatelang darin aufhalten konnte, ohne jemandem zu begegnen. Aber Erik fühlte sich nicht ganz wohl, wenn er zu Hause war. Je weniger Zeit er hier verbringen musste, desto besser. Er wusste nicht einmal genau, warum das so war.

Das Haus war wunderschön und elegant eingerichtet, mit edlen Perserteppichen, den exquisitesten europäischen Möbeln und eindrucksvollen Kunstwerken aus allen Ländern. Seine Eltern und seine zwei jüngeren Schwestern waren alles recht nette Menschen, und als Familie kamen sie sehr gut miteinander aus. Aber irgendetwas fehlte hier. Dem Haus fehlte etwas. Deswegen hielt Erik sich nie besonders gern zu Hause auf.

Aber das war nur einer der Gründe, weswegen er so oft auf Reisen war. Der andere Grund war natürlich, dass das Reisen ihm so viel Spaß machte. Ein weiterer Grund war, dass er auf Reisen vielen wundervollen Menschen aus allen Schichten begegnete, und mit den Frauen, auf die er bei der Gelegenheit traf, ging er nicht selten eine ernsthafte, monogame Beziehung ein – manchmal sogar für mehrere Tage. Die Tätigkeit eines Playboys, das hatte Erik schon vor Langem festgestellt, war die beste, die ein Mann ausüben konnte.

Doch wenn er gezwungen war, Zeit im Haus seiner Eltern in Youngsville zu verbringen, kam man ihm in jeder Hinsicht entgegen. Dessen war Erik sich durchaus bewusst. Selbst um neun Uhr lag er immer noch in seinem breiten Bett, die Überreste seines Frühstücks, das der den Randolphs treu ergebene Butler Bates ihm vor einer Stunde gebracht hatte, auf dem silbernen Tablett neben sich. Obwohl Erik unruhig und ein wenig gereizt war, als ob er kurz davor wäre, eine irgendwie lebensverändernde Erfahrung zu machen, brachte er einfach nicht die nötige Energie auf, um das Bett zu verlassen und für jene Erfahrung bereit zu sein.

Wozu denn auch?, fragte er sich und fuhr sich ungeduldig durch das etwas zu lange dunkle Haar. Heute war Montag und es regnete, also war ein wenig Trägheit das einzig Richtige. Zu allem kam noch hinzu, dass heute der erste September war, der Monat, in dem er Geburtstag hatte, und das …

Plötzlich verstand Erik seine Rastlosigkeit, seine Nervosität, sein Bedürfnis, das Haus zu verlassen und besagte lebensverändernde Erfahrung zu machen. Bis zu seinem dreißigsten Geburtstag waren es nur noch zwei Wochen. Verdammt noch mal! Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er hatte den ganzen Sommer damit zugebracht, über den Erdball zu jetten, um die Tatsache zu verdrängen, dass er bald dreißig Jahre alt sein würde. Trotzdem war der Augenblick gnadenlos näher gerückt. Nur noch zwei Wochen würde er ein Twen sein – zwei armselige Wochen … vierzehn armselige Tage.

Dreißig. Er war bald dreißig. Wahnsinn! Wie hatte das bloß geschehen können?

Es war gar nicht so sehr die Tatsache, dass er älter geworden war – immerhin war das nicht anders zu erwarten gewesen –, die Erik störte. Er hatte sein Dasein als Twen zwar sehr genossen, dachte aber nicht, dass das dreißigste Lebensjahr das Ende seines gesamten Lebens einläutete. Im Gegenteil, er kannte einige Leute, die tatsächlich über dreißig waren und sich trotz allem erstaunlich gut zu amüsieren schienen. Viele von ihnen behaupteten sogar, dass sie jetzt noch mehr Spaß hätten als früher.

Erik ging zwar nicht so weit, ihnen das auch noch zu glauben, aber er hatte im Grund nichts dagegen, dreißig zu werden – jedenfalls unter normalen Bedingungen, und wenn es nicht um eine ganz bestimmte familiäre Verpflichtung ginge, die er sehr bald erfüllen musste. Und zwar in besagten zwei Wochen oder anders gesagt: in vierzehn Tagen.

Vierzehn armselige Tage.

Denn innerhalb dieser jämmerlich wenigen Tage musste Erik sich etwas ganz Bestimmtes beschaffen, um das Erbe anzutreten, das ihm sein Großvater väterlicherseits als Treuhandvermögen hinterlassen hatte. Sicher wäre er finanziell nicht ruiniert, wenn er das Erbe ausschlug, denn auch ohne die Reichtümer seines Großvaters waren die Randolphs eine außerordentlich wohlhabende Familie.

Damien Randolph, Eriks Vater, war nicht besonders gut mit seinem eigenen Vater ausgekommen. Das war sogar so weit gegangen, dass die beiden Männer zehn Jahre lang nicht miteinander gesprochen hatten. Schließlich hatte der alte Randolph sein Vermögen von einhundertachtzig Millionen Dollar zwischen Erik und seinen zwei Schwestern aufgeteilt und seinen Sohn ausgeschlossen.

Natürlich gab es einen kleinen Haken bei der Sache. Der alte Randolph hatte befürchtet, dass seine Enkel das Leben im Luxus zu sehr genießen könnten – und das aus gutem Grund, wie Erik jetzt fairerweise zugab. Deshalb enthielt sein Testament eine Klausel, nach der seine Enkel ihren Anteil nur dann erben könnten, wenn sie eine gewisse Bedingung vor ihrem dreißigsten Geburtstag erfüllten. Eriks Schwestern mussten sich da noch eine ganze Weile keine Sorgen machen. Celeste war vier Jahre und Maureen acht Jahre jünger als er. Also würde er sozusagen das Versuchskaninchen sein. Da Erik allerdings eine sehr gute Beziehung zu seinem Vater hatte, fühlte er sich verpflichtet, die Bedingung seines Großvaters zu erfüllen und das Vermögen in der Familie zu halten. Das war schließlich das Mindeste, was er für seinen Vater tun konnte.

Außerdem betrug sein Anteil immerhin sechzig Millionen Dollar.

So etwas bekam man nicht jeden Tag geschenkt. Der alte Randolph war im Umgang mit Geld immer sehr klug gewesen und hatte außerdem auch einige Prinzipien gehabt. Das erinnerte Erik wieder an die Bedingung, die er erfüllen musste, bevor er die Kontrolle über sein Erbe erhalten würde. Und er musste sie noch vor seinem dreißigsten Geburtstag erfüllen. Nun, so schwierig würde es schon nicht sein. Was er dafür brauchte, konnte man so ziemlich überall finden. Er war nur noch nicht dazu gekommen, danach zu suchen. Da ihm jetzt aber nur noch vierzehn Tage blieben, wäre es wohl besser, wenn er sich allmählich in Bewegung setzte.

Aber wo soll ich zuerst gucken?, fragte er sich. Gab es in den Gelben Seiten eine Rubrik für das, was er brauchte? Wenn er unter “E” nachschlug, würde er eine Liste von potenziellen Ehefrauen finden?

Vermutlich nicht, was auch nicht schlimm war. Sollte es in Youngsville zu wenige Heiratskandidatinnen geben, würde er eben irgendwo anders eine Frau finden. Chicago lag gleich auf der anderen Seite des Lake Michigan und war um einiges größer. Dort würde er bestimmt fündig werden.

Außerdem war es ja nicht so, dass er die Frau, die er fand, auch behalten musste. Im Testament seines Großvaters hieß es klar und deutlich, dass er nur ein Jahr verheiratet bleiben müsste, um sein Erbe zu erhalten. Wahrscheinlich hatte er gedacht, dass Erik sich nach einem Jahr so an das Eheleben gewöhnt haben würde, dass er es danach nicht würde aufgeben wollen. Der alte Randolph war dermaßen in seine Frau verliebt gewesen, dass es ihm gar nicht in den Sinn gekommen war, es könnte anderen Männern in dieser Hinsicht anders gehen. Oder er hatte gedacht, dass ein Jahr in der Gesellschaft einer guten Frau genügen würde, damit sein Enkel sich in sie verliebte.

Erik schüttelte ungläubig den Kopf.

Er war viel zu pragmatisch, um an etwas so Romantisches wie die ewige Liebe zu glauben, und er genoss sein Leben als Playboy auch viel zu sehr, um es jemals aufgeben zu wollen. Aber wenn es darum ging, den Status quo der Familienfinanzen aufrechtzuerhalten, konnte er notfalls ein Jahr aufs Junggesellenleben verzichten. Besonders wenn bei diesem Verzicht Millionen von Dollars für ihn heraussprangen.

Manchmal musste man eben Opfer bringen.

Zufrieden mit dem Entschluss, noch an diesem Morgen auf die Jagd nach einer Ehefrau zu gehen, erhob Erik sich aus seinem Bett. Während er sich genüsslich reckte, machte er sich in Gedanken eine Liste mit allen Qualitäten, über die seine Zukünftige verfügen musste. Sie würde natürlich, das verstand sich von selbst, schön sein. Blondinen hatten ihm schon immer gefallen, also musste auch seine Frau blond sein. Die Augenfarbe war nicht so wichtig, aber er fand, dass Braun besonders attraktiv aussah zu blondem Haar. Außerdem musste seine Frau einigermaßen intelligent und recht redegewandt sein. Er hasste nichts sagende Unterhaltungen. Natürlich sollte sie ihm keine Vorträge über Atomphysik oder Gentechnik halten, aber eine gewisse Kenntnis der gegenwärtigen Modetendenzen wäre äußerst willkommen.

Was sonst noch?, überlegte er.

Nun, eine sanfte Disposition wäre Starrköpfigkeit bei Weitem vorzuziehen. Natürlich sollte sie eine eigene Meinung haben, aber seinen Vorschlägen gegenüber immer offen sein, und sie musste ausreichende Kenntnisse über das passende Benehmen in der Öffentlichkeit besitzen. Er besuchte viele Partys und erwartete von seiner Frau, dass sie sich in seinen Kreisen ebenso souverän bewegte wie er. Sie musste einen guten Geschmack haben, einen guten Wein erkennen können und die schönen Künste zu schätzen wissen …

Er sollte das alles vielleicht lieber aufschreiben. Himmel, es gab noch so viel zu tun, und er hatte nur so wenig Zeit!

Ein lautes Donnerkrachen erinnerte ihn daran, dass er seine Suche auch noch unter recht unangenehmen Wetterbedingungen beginnen musste. Aber das machte die Herausforderung nur noch interessanter. Und er liebte Herausforderungen, vorausgesetzt, sie waren nicht übertrieben.

Andererseits, was war schon so schwierig daran, eine Frau zu finden? Er war einer von Youngsvilles begehrtesten Junggesellen. Das hatte er selbst vor nicht allzu langer Zeit in der Sonntagsausgabe der “Youngsville Gazette” gelesen. Also musste es auch stimmen. Er war praktisch eine hiesige Berühmtheit. Jede Frau würde die Gelegenheit, ihn zu heiraten, sofort ergreifen. Immerhin hatte er ja auch viel zu bieten: gutes Aussehen, trockenen Humor, eine fröhliche Natur, viel Geld und ein nettes Zuhause. Na schön, Letzteres war vielleicht nicht wirklich seins, aber das war nur eine Formalität. Trotzdem machte der Familiensitz der Randolphs einen wichtigen Teil seiner persönlichen Vorteile aus. Das Einzige, was ihm eigentlich noch fehlte, um der ideale Bräutigam zu sein, war ein Ring.

Ja, er brauchte einen Verlobungsring, um die Angelegenheit auf passende Weise zu erledigen. Eine Ehefrau musste vorher eine Verlobte gewesen sein, und ohne Ring gab es keine Verlobte. Für Erik Randolphs Verlobte war natürlich nur das Beste gut genug, und alle in Youngsville wussten, wo man hingehen musste, um das Beste zu bekommen, was es an Schmuck gab: zu Colette.

Also war das der Ort, den er aufsuchen würde, bevor seine Jagd richtig beginnen konnte. Er würde genau den richtigen Ring aussuchen, der schön, aber nicht zu auffällig sein musste, exquisit, ohne protzig zu wirken und von schlichter Eleganz – ungefähr so wie die Frau, die er zu finden hoffte.

Ja, Colette würde sicher genau das haben, was er suchte.

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