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Ich wünsche mir ’nen (Weihnachts-)Mann

Laura Marie Altom

Ich wünsche mir ’nen (Weihnachts-)Mann

1. KAPITEL

Wenn Jess Cummings nicht ganz schnell handelte, würde das Fohlen nicht überleben.

Die Schmerzensschreie des jungen Tiers und das viele Blut auf dem honigfarbenen Fell rührten Jess zu Tränen. Doch sie musste stark bleiben – um Honeys und auch ihrer kleinen Töchter willen, aber vor allem wegen Dwayne, dem die Farm und die Tiere so viel bedeutet hatten.

Verzweifelt versuchte Jess, das Fohlen von dem Stacheldraht zu befreien, in dem es sich verfangen hatte. Währenddessen stand die Mutterstute nervös wiehernd auf der anderen Seite des Gatters. Jess merkte gar nicht, wie die Stacheln des Drahts sich durch ihre Handschuhe bohrten, und auch den eisigen Dezemberwind nahm sie kaum wahr.

„Ganz ruhig, Honey“, sagte sie mit besänftigender Stimme, doch Honey trat aus und wand sich verzweifelt, sodass es sich immer mehr in dem Stacheldraht verhedderte. Sie müsste unbedingt Hilfe holen, aber dummerweise hatte sie ihr Handy nicht dabei.

In zwei Tagen war Weihnachten, und dieser Tag war für Jess ohnehin schwer zu ertragen. Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren?

Wie oft hatte sie sich bei den Versammlungen der Farmer darüber beschwert, dass am Südrand ihrer Farm ständig Müll abgeladen wurde? Wie oft hatte sie den Sheriff darauf hingewiesen, dass da verrosteter Maschendraht und leere Dosen herumlagen, die für die Tiere gefährlich werden konnten?

Während sie fieberhaft das Fohlen zu befreien versuchte, redete sie beruhigend auf das Tier ein, das inzwischen so entkräftet war, dass es den Kopf auf die Seite gelegt hatte.

Plötzlich hörte sie hinter sich das Brummen eines Motors, und als sie sich umdrehte, sah sie einen Jeep über den holprigen Feldweg kommen. Sie kannte jedes Fahrzeug im näheren Umkreis, aber dieses gehörte nicht dazu. Vielleicht ein Gast, der seine Angehörigen zu Weihnachten besuchte? Egal. Hauptsache, er konnte ihr helfen.

Mit ausgebreiteten Armen stellte sie sich auf den Feldweg. Der Fahrer erfasste offenbar sofort den Ernst der Lage und trat scharf auf die Bremse. Mit ein paar Schritten war er bei ihr.

„Geben Sie mir das“, sagte der große, schlanke Mann, Typ Cowboy, sprang aus dem Wagen und nahm ihr die Drahtschere aus der Hand. „Ich schneide den Draht auf, und Sie versuchen, das Fohlen ruhig zu halten.“

Mit geschickten Handgriffen schnitt der Fremde den Draht auf, ohne darauf zu achten, dass er sich die Hände blutig stach.

„Haben Sie schon den Tierarzt gerufen?“, fragte er.

„Nein, ich habe leider kein Handy dabei.“

„Hier, halten Sie mal“, sagte er und reichte ihr die Drahtschere. „Rufen Sie auch immer Doc Matthews?“

„Ja, aber …“ Jess kam nicht mehr dazu, die Frage zu stellen, woher der Mann den örtlichen Tierarzt kannte. Das würde sie später nachholen, wenn Honey versorgt war.

„Doc kommt gleich“, sagte der Mann Sekunden später und steckte das Handy in seine Jeanstasche. „Wenn ich mir das Tier so ansehe … er sollte sich besser beeilen.“

Das Fohlen lag kraftlos auf der Seite und blutete aus mehreren Wunden. Vorsichtig entfernte Jess einen Rest Draht aus seinem rechten Vorderfuß. „Ich kann Ihnen gar nicht genug danken.“

„Das hätte doch jeder getan.“

„Schon, aber wenn Sie nicht vorbeigekommen wären …“

Der Mann nickte mit düsterer Miene, dann ging er zu seinem Jeep und holte eine Satteldecke, die er behutsam über dem Fohlen ausbreitete. „Ziemlich kalt hier draußen. Ich würde ihn gern in den Stall zurückbringen, aber solange der Arzt ihn nicht untersucht hat …“

„Der Meinung bin ich auch“, sagte Jess. „Es ist sicher besser, wenn ich hier auf Doc warte. Aber Sie können ruhig weiterfahren. Sicher sind Sie ja irgendwohin unterwegs.“

Er brummte nur undeutlich etwas vor sich hin und schlug seinen Jackenkragen hoch. „Ist Ihnen nicht auch kalt?“, fragte er.

„Nein“, log sie.

Schweigend hockten sie neben dem verwundeten Fohlen, Jess am Kopf, der Fremde an der Seite.

„Gage ist mein Name“, sagte er nach einer Weile. „Gage Moore.“

„Jess Cummings.“ Sie streckte ihm ihre behandschuhte Hand hin, zog sie jedoch sofort wieder zurück, denn auf dem Handrücken des Mannes klaffte eine hässliche Schnittwunde. „Sie brauchen selbst einen Arzt.“

Er zuckte die Achseln. „Hab schon Schlimmeres erlebt.“

Der Schatten, der über sein Gesicht ging, zeigte ihr, dass er nicht nur von körperlichen Schmerzen redete.

„Trotzdem. Kommen Sie nachher mit zu mir nach Hause, damit ich die Wunde versorgen kann.“

Wieder zuckte er die Achseln.

In dem Moment kam Doc Matthews angefahren. „Schon wieder der Kleine“, sagte der freundliche alte Veterinär kopfschüttelnd mit Blick auf das Fohlen. „Seit du auf der Welt bist, hältst du uns ganz schön auf Trab, Honey.“

Die schwarze Arzttasche neben sich, kniete der Tierarzt neben Honey nieder. Es stimmte, das Fohlen hatte in seinem jungen Leben schon ziemlich viel Unfug angestellt. Es fing damit an, dass es eine Steißgeburt war und seiner Mutter Buttercup höllische Schmerzen bereitet hatte. Kaum konnte es laufen, galoppierte es direkt in ein Hornissennest, und einmal biss es einen geschlossenen Futtersack auf und fraß so viel, dass es eine Bauchkolik bekam.

„Wird er wieder gesund?“, fragte Jess ängstlich. „Du weißt ja, wie die Mädels an ihm hängen.“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Doc. „Der kleine Kerl ist zäher, als er aussieht. Ich gebe ihm jetzt eine Schmerzspritze, und dann bringen wir ihn und seine Mutter erst mal in den Stall. Hier draußen ist es zu kalt, um ihn zu behandeln. Nachdem die Wunden versorgt sind, bekommt er ein Antibiotikum, und dann ist er bald wieder auf den Beinen.“

Vor Erleichterung kamen Jess die Tränen. Schnell wischte sie sich über die Augen, denn sie wollte ihre Gefühle nicht zeigen.

„Wie bist du denn überhaupt bis hier heraus gekommen?“, fragte Doc, nachdem er die beiden Tiere mit Hilfe von Gage in seinen Pferdeanhänger verfrachtet hatte. Er blickte sich suchend um. Weder sah er Jess’ Jeep, noch Smoky Joe, das Pferd, das sie seit ihrem sechzehnten Lebensjahr ritt.

Erst jetzt merkte Jess, dass sie in der ganzen Aufregung vergessen hatte, den Hengst anzubinden. Inzwischen war er sicher zum Stall zurückgelaufen. „Sieht aus, als hätte Smoky Joe mich sitzen lassen“, sagte sie und lächelte schief. „Wahrscheinlich hatte er genug von der Kälte und vor allem von Honeys ständigen Dramen.“

Doc lachte. „Wenn du mich fragst, er ist der Cleverste von der ganzen Bande.“ Gemeinsam gingen sie zu seinem Pick-up.

„Soll ich nicht lieber hinten bei Honey sitzen?“

„Nicht nötig, nach der Spritze wird er sich erst mal beruhigen. Wahrscheinlich träumt er schon wieder von seinem nächsten Abenteuer.“

„Soll ich … zu dir nach Hause zurückfahren?“, fragte Gage, zu Doc gewandt.

„Nein, Martha wollte zwar, dass du bis nach den Ferien bei uns bleibst, aber ich glaube, Jess braucht dich im Moment mehr.“

„Macht es dir etwas aus, mir zu erzählen, wovon ihr gerade geredet habt?“, fragte Jess, als sie neben Doc im Wagen saß. Sie hatte die Handschuhe ausgezogen und hielt ihre steif gefrorenen Hände vor die heiße Lüftung.

„Was meinst du denn?“

„Tu nicht so unschuldig. Du weißt genau, was ich meine. Hast du mit meinem Vater zusammen schon wieder einen Plan ausgeheckt, wie ihr mich unter die Haube bringen könnt?“

„Nein, du kannst ganz beruhigt sein. Glaub mir, wir haben unsere Lektion gelernt, nachdem Pete Clayton uns erzählt hat, dass du ihn mit gezogenem Revolver aus deinem Haus vertrieben hast.“

„Er hat versucht, mich zu küssen.“

„Kannst du es ihm verdenken?“, fragte Doc lachend. „Wenn ich nicht so alt wäre, dass ich dein Großvater sein könnte, würde ich es vielleicht selbst mal probieren.“

Mit zusammengepressten Lippen schüttelte Jess den Kopf. „Dwayne ist doch gerade erst gestorben …“

„Vor knapp einem Jahr, ich weiß. Wir alle wissen das, Jess. Aber du bist eine schöne junge Frau mit zwei äußerst lebhaften kleinen Mädchen. Dwayne würde nicht wollen, dass du das alles allein bewältigen musst.“

„Du übertreibst wie immer. Meine Mädels und ich kommen sehr gut zurecht. Ich habe nicht das geringste Interesse an einem neuen Mann – vor allem nicht an einem der Cowboys, mit denen du und mein Vater immer ankommt.“

„Habe schon verstanden“, erwiderte Doc, als er auf den Kiesweg einbog, der zum Haus führte. „Deshalb ist Gage ja auch nur hergekommen, um dir bei der Farmarbeit zu helfen.“

„Wie bitte?“ Mit offenem Mund starrte Jess ihn an.

„Beruhige dich. Wir machen uns eben Sorgen um dich. Du kannst diese ganze Arbeit nicht allein schaffen. Wir haben alle zusammengelegt und Gage für die ersten paar Monate seinen Lohn gezahlt.“

Doc hob die Hand, bevor sie protestieren konnte.

„Gage ist ein feiner Kerl, glaub mir. Ich kenne seine Familie schon seit ewigen Zeiten. Und vor allem kann er zupacken. Er wird dir viel von deiner Last abnehmen.“

„Aber ich kann es mir nicht leisten …“

„Wie gesagt, für die ersten Monate hat er sein Geld schon bekommen. Und wenn erst der Frühling kommt und du wieder gut verkaufst, dann kannst du bestimmt einen Farmarbeiter bezahlen.“

Der Tierarzt stellte das Radio an, und als ein Countryklassiker gespielt wurde, fing er an, fröhlich mitzusingen. Jess warf ihm einen Seitenblick zu.

„Worüber freust du dich denn so?“, fragte Jess.

„Ach, nichts weiter. Aber immerhin haben wir bald Weihnachten.“

Gage saß hinter dem Lenkrad seines Jeeps und wünschte sich weit weg. Von Anfang an hatte er Zweifel gehabt, ob es eine gute Idee war, hierherzukommen. Jess Cummings hatte zwar nichts direkt Ablehnendes gesagt, aber ihre Körpersprache drückte deutlich aus, dass er unerwünscht war.

Als sein Vater zum ersten Mal das Thema ansprach, der Freundin eines Freundes oben in Oklahoma zu helfen, war ihm das als möglicher Ausweg aus seiner Misere erschienen. Bekanntlich half man sich selbst am besten, indem man anderen Menschen half. Doch er hätte sich näher über diesen Job erkundigen sollen, bevor er zusagte.

Docs Stimme schreckte ihn aus seinen Grübeleien. „Willst du den ganzen Tag in deinem Auto hocken, oder mir helfen, unseren Patienten in den Stall zu bringen?“

„Mommy!“

Zwei kleine Mädchen mit rotblonden Locken stürmten aus dem Haus, gefolgt von einer älteren, grauhaarigen Frau.

„Hallo, meine Süßen“, sagte Jess und nahm ihre Töchter in den Arm.

Die Größere fragte: „Wird Honey wieder gesund?“

„Ja, ganz bestimmt.“

„Guten Tag.“ Die ältere Frau streckte Gage freundlich lächelnd die Hand hin. „Ich bin Georgia, Jess’ Mutter. Und Sie sind bestimmt Walters Sohn Gage.“

„Ja, Madam.“ Gage nahm den Hut ab. Es war schon eine Weile her, seit er in einer Kleinstadt gelebt hatte, und er hatte ganz vergessen, wie schnell sich Neuigkeiten herumsprachen. „Schön, Sie kennenzulernen. Meine Eltern haben mir viel von Ihrer Familie erzählt.“

„Die beiden waren hier sehr beliebt, und es hat mir sehr leidgetan, dass sie weggezogen sind. Natürlich waren Sie damals erst zwei Jahre alt und können sich wahrscheinlich gar nicht mehr erinnern.“

„Nein.“

„Kannst du mir mal helfen, Gage?“, fragte Doc, der den Pferdeanhänger geöffnet hatte.

„Sicher.“ Insgeheim war Gage froh über die Ablenkung. Früher hatte er gern neue Kontakte geknüpft, aber in letzter Zeit war er froh, wenn er nicht behelligt wurde.

„Er blutet ja!“, rief das größere der beiden Mädchen erschrocken. „Mommy, tu doch was!“ Die jüngere Schwester hing Daumen lutschend am Bein ihrer Mutter.

„Keine Angst, Lexie“, sagte Doc. „Honey ist ein zäher Bursche. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Wenn Gage und ich ihn verarztet haben, wird er bald wieder gesund.“

„Versprochen?“

„Ja, und jetzt zieht ihr beiden euch eure Jacken über und kommt mit in den Stall. Ihr könnt mir helfen.“

„Dürfen wir, Mommy?“

„Natürlich. Es wird Honey sicher beruhigen, wenn ihr da seid.“

Als die Mädchen ins Haus liefen, nahm Georgia ihre Tochter beiseite: „Stimmt es, dass Honey wieder gesund wird, oder hat Doc das nur wegen der Mädchen gesagt?“

„Ich hoffe nicht.“ Gage stand in einiger Entfernung, und ihr erschöpfter Seufzer rührte ihn. Sein Vater und Doc hatten ihm lediglich erzählt, Jess sei eine Witwe, die dringend Hilfe benötige. Niemand hatte ihre Töchter und die vielen Pferde erwähnt. Ein alter Jagdhund, der schwanzwedelnd angelaufen kam, gehörte offensichtlich auch noch zu den Lebewesen auf der Ranch, die versorgt werden mussten. Er blieb vor Gage stehen und knurrte leise.

Jess lief herbei. „Keine Angst, Taffy muss nur jedem zeigen, wer hier der Boss ist.“

Gemeinsam brachten sie das Fohlen in den Stall. Hier war die Temperatur erträglicher als draußen, und es roch nach Pferden und nach Stroh und Hafer und nach Leder.

Als Doc sich neben das kranke Tier kniete, bemerkte er: „Martha hat gesagt, dass wir einen Schneesturm bekommen. Du weißt ja, wie verrückt sie auf den Wetterbericht ist.“

„Na, das sind ja schöne Aussichten.“ Jess lachte trocken auf.

„Hast du denn genügend Brennholz?“

Sie nickte, ohne Doc anzusehen.

Doc wandte sich an Gage. „Siehst du, weshalb ich dich hergebeten habe? Dieses Mädel lügt wie gedruckt. Ich vermute, sie hat grade mal einen Korb voll Holz, und das ist nicht mal trocken genug zum Verbrennen.“

„Erstens …“, sagte Jess und nahm dem Pferd, von dem Gage annahm, dass es sich um Smoky Joe handelte, den Sattel ab, „… bin ich kein Mädel, sondern eine erwachsene Frau. Zweitens habe ich Grips genug, um den Holzstapel bei Regen abzudecken. Und drittens … sicher meinen Sie es gut, Gage, aber vielleicht war es doch keine so gute Idee, herzukommen.“

„Hör nicht auf ihr Geschwätz, Gage“, wandte Doc ein. „Wirf lieber mal einen Blick auf die Holzvorräte. An der südlichen Hauswand.“

Nachdem Gage außer Hörweite war, baute Jess sich wütend vor Doc auf. „Jetzt hör mir mal zu. Ich weiß es ja zu schätzen, dass ihr, du und Martha und meine Eltern, mir helfen wollt, aber ich schaffe es inzwischen ganz gut allein. Und ich habe absolut etwas dagegen, dass ihr über meinen Kopf weg einfach jemanden für mich angestellt habt. Soll das so eine Art Ritter sein, der die Prinzessin rettet?“

„Ganz so ist es nicht“, erwiderte Doc. „Und sprich bitte etwas leiser, denn mit deinem schrillen Ton machst du Honey ganz nervös.“

„Tut mir leid, aber es ist einfach so, dass …“

„Hier sind wir!“, rief Lexie, die mit Ashley in den Stall gestürmt kam. „Was sollen wir helfen?“

„Eine von euch kann Honey streicheln, während ich seine Wunden versorge, und die andere kann mir die Verbandsachen reichen“, erklärte Doc.

Jess nagte an ihrer Unterlippe. „Na, ihr kommt ja wahrscheinlich ohne mich zurecht. Bis nachher.“ Sie verließ den Stall.

Draußen war der Himmel von dunklen Wolken verhangen. Jess hätte sich liebend gern zu ihrer Mutter in die Küche gesetzt, die garantiert bei einem schönen heißen Tee mit einer ihrer vielen Freundinnen aus der Kirchengemeinde telefonierte. Doch stattdessen ging sie um das Haus herum, um sich ihren kümmerlichen Holzstapel anzusehen.

Als sie die dumpfen Schläge einer Axt hörte, wusste sie, dass ihr neuer Angestellter bereits seine Arbeit aufgenommen hatte. Bei seinem Anblick wurde ihr der Mund trocken. Wow. Gage hatte seine Jacke ausgezogen und trug trotz der Kälte nur ein weißes T-Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper umspannte.

„Ziehen Sie lieber Ihre Jacke wieder an, sonst erkälten Sie sich.“ Das sagte sie nur, weil sein Anblick sie so verwirrte.

Er blickte hoch. „Mir war so heiß. Wie geht’s Honey?“

„Besser, Doc vernäht ihn gerade. Ich glaube, das Schlimmste ist überstanden.“

„Gut, dass Sie ihn rechtzeitig gefunden haben.“ Gage nahm sich einen neuen Holzklotz vor und hieb ihn kraftvoll auseinander. „Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, so weit draußen nach ihm zu sehen?“

„Weil er von Anfang an von diesem Abfallhaufen fasziniert war. Als er nicht mehr auf der Weide stand, habe ich sofort an diese Stelle gedacht. Irgendein unverschämter Typ lädt da immer seinen Müll ab.“

Er brummte etwas Unverständliches und griff wieder nach einem Holzklotz. Jess zwang sich, nicht allzu auffällig auf sein Muskelspiel zu starren.

Schon eine ganze Weile hatte Jess keinen Mann mehr um sich gehabt, der vom Alter her nicht ihr Vater oder Großvater hätte sein können. An solche knappen, typisch männlichen Äußerungen war sie nicht mehr gewöhnt. Vielleicht sollte das ungefähr so viel heißen wie: Unglaublich, dass manche Leute die Unverfrorenheit besitzen, einfach ihren Müll auf dem Nachbargrundstück abzuladen.

„Wollen Sie nicht doch lieber Ihre Jacke anziehen?“ Sie redete sich ein, dass diese Frage nichts damit zu tun hatte, dass sein Anblick im T-Shirt ihr Blut in Wallung brachte. „Sieht aus, als ob wir gleich Eisregen bekommen.“

Wieder kam von ihm nur ein Brummen.

„Mit Eisregen ist nicht zu spaßen“, plapperte sie weiter. „Wenn das einmal anfängt, ist man besser dort, wo man hin will, sonst kann es unterwegs ziemlich brenzlig werden.“

„Madam“, erwiderte er, als er sich die kräftigen Arme mit Holzscheiten belud und den Stapel an der Hauswand damit aufstockte. „Ich will Ihnen ja nicht zu nahetreten, aber ich bin in Nordtexas aufgewachsen. Über Eisregen weiß ich alles.“

„Mommy!“ Ashley kam keuchend angerannt. „Grandma hat gesagt, wenn du nicht sofort ins Haus kommst, wirst du dir den Tod holen.“

Gage lachte in sich hinein.

Die Tatsache, dass er sich nicht nur über sie, sondern über ihre ganze Familie amüsierte, erinnerte Jess daran, weshalb sie überhaupt zu ihm gekommen war. Um ihn zu bitten, wieder zu gehen.

„Sag Grandma, ich komme gleich.“ Sie gab dem Bommel an Ashleys grüner Strickmütze einen liebevollen Stups.

„Okay.“ Die Kleine war so schnell wieder weg, wie sie gekommen war.

„Sie ist süß“, sagte Gage.

„Ja, finde ich auch.“

„Ich möchte nicht indiskret sein“, begann Gage und nahm sich einen neuen Holzklotz vor. „Aber Doc hat mir erzählt, was mit Ihrem Mann passiert ist. Sicher sind Ihre Töchter für Sie ein großer Trost.“

Seine Stimme war voller Wärme, und plötzlich spürte Jess ihren Verlust wieder mit ganzer Wucht, als wäre es erst gestern gewesen. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Jedenfalls wollte ich sagen, dass es mir leidtut“, fügte Gage hinzu. „Das muss sehr schwer für Sie gewesen sein.“

Sie nickte mit zusammengekniffenen Lippen.

„Sie sollten wirklich ins Haus gehen“, sagte Gage.

Jess fand seine Sorge um ihr Wohlbefinden ziemlich irritierend. Eigentlich hatte sie ihm sagen wollen, dass sie ihn nicht brauchte, doch innerhalb einer Viertelstunde hatte er mehr Holz gehackt als sie in einem ganzen Monat.

Und dass er sich zu allem Überfluss noch um sie sorgte, wie Dwayne es immer getan hatte, machte ihr die Entscheidung auch nicht gerade leichter. Dwayne, ihr Freund aus der Highschool, war der einzige Mann gewesen, den sie je geliebt hatte. Und irgendwie tat es weh, plötzlich Zuwendung von einem anderen Mann zu bekommen.

Natürlich meinte Gage es gut, aber sie wollte nun mal von niemandem abhängig sein, weder arbeitsmäßig noch emotional.

Als strahlende Braut hatte sie noch an ein dauerhaftes Glück geglaubt. Jetzt wusste sie es besser. Geliebte Menschen konnten einem plötzlich und ohne Vorwarnung genommen werden. Wirbelstürme konnten einem das Haus wegreißen. Zu lernen, dass es im Leben für nichts eine Garantie gibt, war für Jess eine wertvolle Lektion gewesen. Es hatte ihr gezeigt, jeden Tag, den sie mit ihren Töchtern, ihren Eltern und ihren Freunden verbringen konnte, als Geschenk zu betrachten.

Und sie war zu der Einsicht gekommen, dass es besser war, keinen Mann mehr in ihr Leben zu lassen. Selbst wenn es sich dabei nur um einen Farmarbeiter handelte. Denn der unvermeidliche Verlust dieser helfenden Hand würde sie mehr schmerzen als ihre Muskeln nach einem harten Arbeitstag auf der Ranch.

„Hören Sie“, fing sie an, und die Tatsache, dass der Eisregen in diesem Moment einsetzte, brachte sie noch mehr durcheinander. Dicke Hagelkörner prasselten auf das Blechdach und auf den verrosteten antiken Pflug, den Dwayne zur Dekoration an der Hofecke aufgestellt hatte. Sie hatten so viele Pläne für dieses alte Haus geschmiedet.

Nach und nach wollten sie es restaurieren und zu einem Ort machen, auf den sie beide stolz sein könnten. „Ich weiß nicht, wie ich es auf höfliche Weise ausdrücken soll, deshalb sage ich es direkt. Sie machen das mit dem Holz fantastisch, und ich könnte zweifellos Hilfe brauchen, aber …“

„Sie wollen mich nicht hier haben.“

„Nun …“ Jess wollte nicht grob zu dem Mann sein, aber er hatte recht.

„Wissen Sie was?“, sagte er, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. „Doc und mein Dad sind ziemlich stolz darauf, dass sie das mit uns eingefädelt haben, und …“

Sie wurde rot. „Was haben sie?“

„So habe ich es nicht gemeint.“ Gage warf ihr ein zurückhaltendes, aber unwiderstehliches Lächeln zu. „Ich habe unbedingt einen Tapetenwechsel nötig, und Sie brauchen offensichtlich einen kräftigen Arbeiter. Für zwei komische Käuze wie Doc und meinen Vater sind wir wahrscheinlich das perfekte Paar.“

„Aha, na klar.“ Jess’ Wangen glühten jetzt noch stärker, diesmal vor Zorn, weil sie Gages unschuldige Bemerkung falsch auffasste.

„Ich war noch nicht fertig. Was halten Sie von folgendem Vorschlag: Ich bleibe den Nachmittag hier – gerade lange genug, um den Holzvorrat ordentlich aufzustocken, und dann fahre ich wieder, bevor das Wetter noch schlechter wird. Doc braucht das gar nicht zu wissen.“

„Das würden Sie für mich tun? So zu tun, als ob Sie bleiben?“

Er lachte. „Wenn ich hier schon einen ganzen Nachmittag in der Eiseskälte für Sie Holz hacke, wieso sollte ich dann nicht so eine Kleinigkeit hinkriegen?“

Sein Lachen war ansteckend, und einen Moment lang fühlte Jess sich erleichtert. Doch seltsamerweise hatte ihre bessere Laune weniger mit dem wachsenden Holzstapel als mit Gages warmem Lächeln zu tun.

2. KAPITEL

Noch ein paar Stunden, und dann wäre er hier wieder weg. Eigentlich hätte Gage darüber froh sein sollen, doch der Kloß in seinem Magen fühlte sich sehr nach Schuldgefühlen an.

Jess brauchte ihn, und er war dazu erzogen worden, niemals jemanden im Stich zu lassen, der Hilfe brauchte. In Anbetracht der Lage, in der Jess sich befand, empfand er es als Pflicht, sich um sie und ihre Kinder zu kümmern. Selbst der räudige alte Hund, der zusammengerollt vor dem Kamin im Wohnzimmer lag, schien ihn zu brauchen.

„Danke“, sagte Gage und nahm die dritte Schüssel Chili con Carne entgegen, die Jess’ Mutter ihm reichte. Es schmeckte köstlich, und er hätte das Essen noch mehr genossen, wenn nicht die beiden Gören am Tisch ihn auf unterschiedliche Weise genervt hätten. Die eine fragte ihm Löcher in den Bauch über die verschiedenen Größen von Dinosaurier-Eiern, die andere schoss ihm unablässig vernichtende Blicke zu.

Georgia machte es wieder wett mit ihrem netten Geplauder über das Wetter und ihre Kochrezepte. Gage vermisste seine Mutter. Weihnachten würde sicher schlimm für sie werden, weil er nicht da war.

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