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Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus

Über den Autor

Gabriel Heim, geboren 1950 in Zürich, studierte an der Münchner Filmhochschule Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik. Als Autor, Regisseur und Produzent realisierte er bis 1990 Dokumentarfilme, Reportagen und preisgekrönte Programme zur Zeitgeschichte für die ARD und das Schweizer Fernsehen. Von 1992 bis 2002 war er Programmleiter beim WDR Fernsehen. 2003 wurde er Fernsehdirektor des neugegründeten Rundfunks Berlin-Brandenburg. Seit 2009 widmet sich Heim mit Filmen, Radiomanuskripten und Drehbüchern Themen der neueren Zeitgeschichte.

GABRIEL HEIM

Ich will keine Blaubeertorte,
ich will nur raus

Eine Mutterliebe in Briefen

BASTEI ENTERTAINMENT

Die Orthografie der Zitate wurde angepasst an die Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung. In jeweils eckigen Klammern sind editorische Bemerkungen des Autors aufgeführt.

Für Saskia, David und Valerie,
die Enkelkinder von Ilse
und Urenkel von Marie

»In diesen Gezeiten bin ich aufgewachsen.«

ZÜRICH, DOLDERSTRASSE 111

Auf dem Zürichberg hoch über der Stadt.

Die Wohnung, in der ich mit meiner Mutter Ilse lebte, war die Belleetage einer Villa aus der Jahrhundertwende. Bis zum Kriegsende ist sie Residenz des Deutschen Konsuls in Zürich gewesen. Danach wurde das Anwesen umgebaut und in vier Mietwohnungen aufgeteilt. Ilse, die immer gut zu wohnen wusste, zog im Herbst 1948 zusammen mit ihrem Ehemann Fred Heim in die Dolderstrasse 111 ein. Das Parterre der Villa hat die schönen hohen Räume, das noble Entree und die hübsche, dicht bepflanzte Veranda zum Garten hin. Ein langer und breiter Flur teilt die Wohnung. An der einen Längswand hängt das Plakat mit Toulouse-Lautrecs »La Goulue«, gegenüber erstreckt sich der tiefe Wandschrank, in dem Schätze ruhen, Relikte eines fernen Haushalts, deren Herkunft ich nicht kenne und von denen Ilse nie Gebrauch macht. Nur einmal im Jahr bittet sie das italienische und später das spanische Mädchen, das bei uns im Souterrain wohnt, das viele Silber im Besteckkasten zu putzen. Ich erinnere mich an ein komplettes Kaffeeservice im Meissener Zwiebelmuster, zwölf königlich-blaue Sèvres-Gedecke für eine große Tafel, viel Goldrand und schwere Saucieren. Weiter feinste Tischtücher mit eingewebten Blumenmustern, Besteck in mit grünem Samt ausgelegten Schubladen. Auf Schaft und Griff der Messer, Löffel und Gabeln ist ein verschnörkeltes W graviert. Die oberen Regale sind gefüllt mit schneeweißen Leintüchern und Kopfkissenbezügen, alle mit Monogramm und stramm gefaltet, abhanden gekommen wie die Aussteuer für eine Zukunft, die nie eingetreten ist. Jahre später, ich wohne schon nicht mehr mit ihr am Zürichberg, verkauft Ilse Besteck, Porzellan, alte Stiche und Kristall an einen Antiquar – sie ist oft knapp bei Kasse.

Ilse ist eine elegante Frau, sie lebt in Gesellschaft. Männer schauen ihr von Weitem entgegen, Frauen beneiden sie. Ihre Lebensart verlangt den Mittelpunkt. Ganz egal ob vier oder vierzig Personen, auf Ilses Auftritt ist Verlass. Ihre Überschwänglichkeit, ihre beinahe hemmungslose Körpernähe, die sie nach Belieben zwischen Menschen stellt, um an sich zu ziehen, ihr Pepita-Schick – das ist Furore. Man ist amüsiert, man ist brüskiert. Ilse ist frivol, man ist hingerissen, man ist entsetzt. Ihr rutscht viel heraus, der Nachsatz kostet auch Freundschaften. Sie jagt jede Pointe, jeden Gag, ganz vorn immer die gespitzten Lippen, so schnell, dass kein Funke Vernunft sie bremsen kann. Kluge Männer mögen ihr Temperament, freuen sich auf Ilse Heim.

Ilse versprüht ihre Sätze ohne Hemmungen, und wenn ihre Pointe sitzt, pfeift sie dem Satz hinterher und schnalzt mit der Zunge – ein genialer Effekt: laut, unnachahmlich, frech. In Zürich ist sie ein Unikat. Damals auch schon, Schweizerinnen benehmen sich dezent und trauen sich wenig. Ilse macht vor, wie frei und schlagfertig Frau sein kann. Ihr berlinerischer Witz mit Schnauze und Tempo, die rasante Auffassungsgabe, sie ist voller Leben und Leidenschaft. Sie weiß viel, aber nichts genau. Das ist ihr auch nicht wichtig, denn sie spielt. Und dabei geht es nicht ums Rechthaben, sondern ums Vergnügen. Das amüsiert die klugen Männer, und für die tut sie alles, denn das sind ihre wahren Helden.

Gebildete Frauen hassen Ilse, sie können es nicht zulassen, dass die Schauspielerin mit dem leichten »Rüstzeug« die »guten Männer« auf ihrer Seite hat, flirtet und sie umschwärmt und – noch viel schlimmer – immer wieder eingeladen wird. Das ärgert die »langweiligen Frauen« der Gesellschaft, die weniger wissen, das dafür genau, und darum verhindern sie, wozu Ilse hier »geboren« ist, Conférencieuse des Zürichbergs zu sein, Kolumnistin des noch kleinen »Tout-Zürich«. Doch das wollen auch die klugen Männer der langweiligen Frauen nicht. Dazu ist Ilse ihnen zu unberechenbar, zu indiskret und so schrecklich neugierig, ein Risiko trotz Amüsement. Ilse bleibt also im Feuilleton, im Blatt wie auch im Leben. Sie sitzt im Theater und im Film, sie liest und interviewt, sie bringt Reportagen von Reisen mit und trifft Regisseure, Stars und Sternchen. Stoff genug, um im trägen Zürich der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre Szene und Szenen zu haben.

Ihr Publikum ist, wo sie ist. Sie sprudelt, kann kneifen, in die Rippen knuffen, langweilige Gespräche mit zwei frechen Fragen aufdrehen. Sie ist laut und schrill, jeder soll wissen: Ich bin da! Sie kann sich in Not zwischen zwei geparkte Autos hocken und pinkeln, sie betritt teure Boutiquen, um vor dem Spiegel wortlos und herablassend Rouge nachzulegen. Sie ist schamlos und manchmal ohne Maß. Für den Sohn eine sichtbare, oft zu deutliche Frau. Was habe ich mich für sie – und wegen ihr – geschämt! In der Stadt und auf Reisen, überall drängelt sie sich vor, am Bahnschalter, im Kino, beim Eismann. Anstehen gilt nicht, so viel Zeit ist nicht, wir haben noch viel vor! In der Stadt und auf Reisen, wenn sie erzählt, dann so laut, dass am Nachbartisch, in gegenüberliegenden Zugabteilen oder zwei Sitzreihen weiter vorn jedes Wort zu verstehen ist. Am liebsten dort, wo sie an der Drehtür mit Namen begrüßt wird und immer wieder Pointen, Intimitäten, Sottisen, auch Unbeholfenheiten des kleinen Gabriel zum Besten gibt – mit Pfiff und Zungenschlag!

Das alles ist grausam für mich – oh, wie gern wäre ich im Boden versunken, wenn Ilse in Fahrt kam. Danach hätte ihr gar nicht der Sinn gestanden, ich gehöre zum Publikum, zur Claque, zum Inventar. Dabei ist sie schrecklich stolz auf den kleinen Sohn, nimmt ihn überall mit und versorgt ihn preußisch unnachgiebig mit wollenen Pullovern; gestreiften und geringelten, die von der dicken Frau Nägeli auf Maß gestrickt werden. Oh, wie kratzt und juckt das alles, und die Anproben sind endlos. Frau Nägeli kann bestimmt fleißig »zwei rechts, zwei links«, ist aber langsam von Begriff und Ilse so ungeduldig. Während probiert und eingefädelt wird, ist Ilse schon wieder mit Zigarette am Telefon; eine nahe Freundin, Gespräch ohne Ende, ein neues Gerücht, ein Film, den man sehen muss: Ilse Heim, Anschluss 34 22 68, kommt nicht zur Ruhe.

Bei alledem und Hektik ist Ilse hilfsbereit, loyal und vielen eine gute Freundin. So wie sie sich selbst Raum verschafft, so kann sie sich für andere einsetzen. Sie kann eben schneller, besser und lauter reden, sie kann beleidigen und schmeicheln, drohen und belohnen. Woran ich mich deutlich erinnere – meine Primarschullehrerinnen lieben und fürchten Ilse in rascher Folge. Ilse ist viel Flut und kaum Ebbe, in ihren Gezeiten wachse ich auf.

Mein Zimmer ist groß. In jeder anderen Familie wäre es das Schlafzimmer der Eltern. Ich kann mich nicht erinnern, dass hier je ein breites Bett gestanden hätte, obwohl ich später ein kleines Foto mit gezacktem Rand finde, das mich als zufriedenen Säugling auf der geblümten Daunenendecke eines Doppelbetts mit Kopfteil aus Bastgeflecht zeigt. Viele Bilder aus meinem ersten Jahr entdecke ich erst als erwachsener Mann in einem Schuhkarton, unbeschriftet und nicht mit Fotoecken in einem Familienalbum eingeklebt. Schon bald hat das breite Bett keinen Sinn mehr für Ilse, und so wird mein Zimmer stattdessen eingerichtet. Ilse hat es modern und knapp gehalten. Auf dem schönen Eichenparkett liegt ein großer, leuchtend roter Linoleumkreis. Er wird der Parameter meiner frühen Erlebniswelt – hier spiele ich, hier spielt sich alles ab.

Über Eck zwei weite Fenster mit schweren roten und blauen Vorhängen. Die hat Fred Heim in seiner elsässischen Hemdenfabrik nähen lassen. Von dort kommen auch meine farbig gestreiften Pyjamas und das erste Seidenhemd. Vor dem Gartenfenster der lange Arbeitstisch mit der polierten, schwarzen Resopalplatte und der breiten Schublade, in die ich meine Geheimnisse gebe. Über dem schmalen Bett ist eine helle Leselampe angebracht, die sich mit einem Scherengitter bewegen lässt. An deren Glühbirne verstehe ich es, das Fieberthermometer auf jene magischen achtunddreißig Grad zu treiben, die mich von drohenden Klassenarbeiten und anderen Unglücken verschonen. Die Lampe habe ich immer noch.

Ilse hat ihr Zimmer im vorderen Teil der Wohnung. Das Bett wird tagsüber mit einer bunten Decke eingeschlagen, und die Plumeaus werden in einem Bettkasten versenkt, denn ihr Zimmer zur Straße ist auch Durchgangsweg zur Veranda, wo gegessen wird. Ein großer antiker Nussbaumschrank und ein Sekretär aus dem Biedermeier bestimmen den Raum. Der breite zweitürige Wellenschrank hat ein unheimliches Innenleben. Dunkel und tief klebt in ihm ein Odeur von Kampfer und Chanel. Sommerblusen hängen neben Pelzmänteln, und tief unten warten Schuhe auf ihre Saison. Zweimal im Jahr verkriecht sich meine geliebte Tschibi hierher, um Kätzchen zur Welt zu bringen. Sie kündigt das jeweils ein paar Tage vorher an, indem sie mauzig durch die Wohnung streicht. Dann werden alte Kissen aus dem Keller geholt, und Tschibi springt in das dunkle Verließ.

Ilses Hund Ajax, eine Rauhaarbracke aus der Steiermark, den wir an einem Sonntagmorgen aus dem Zollfreilager am Güterbahnhof abgeholt haben, streckt sich dann tagsüber vor dem Schrank und bewacht die Katzenfamilie. Von dem Wurf der jeweils vier oder fünf Kätzchen behalten wir nur zwei. Die Italienerin oder Spanierin aus dem Souterrain besorgt das Wegmachen. Ilse ist zuständig für das Aussuchen. Wenn ich aus dem Kindergarten oder von der Schule nach Hause komme, bin ich gespannt, welche zwei es geschafft haben. Für mich ist diese Auslese völlig normal, denn es wird bei uns immer so gemacht.

Noch spannender ist der Sekretär. Viele kleine Schubladen und Kästchen und auch ein »Geheimfach«, das aber wie alle angekündigten Verstecke leer bleibt. In den Schubladen befindet sich Ilses Schmuck. Die jemenitischen Halsketten und silbernen Armringe, die sie von unserer ersten Reise nach Israel zu den Überresten ihrer Familie – zu Onkel Hans und Tante »Putz« und den Vettern Peter und Fritz – mitgebracht hat. Die vielen Ohrringe mit den bunten Steinen, der Solitär, der später verloren geht, und die vielen kleinen Schächtelchen mit meinen Milchzähnen und Haarlöckchen. Überall verstreut kleine Glücksbringer und Amulette, Notizbüchlein und Kunstpostkarten, Lackdöschen mit fremden Münzen, Bleistifte, Oropax-Schächtelchen, alte Portemonnaies, Visitenkarten. Auf dem Sekretär kleine Schildpattrahmen mit Kupferstichen. Und was mir erst in der Erinnerung deutlich wird: keine Fotografien. In der ganzen Wohnung gibt es keine einzige Fotografie zu sehen! Kein einziges Gesicht, kein Blick, nach dem ich fragen kann.

Das Wohnzimmer ist schwer und behaglich. Vor dem Fenster steht Ilses Schreibtisch. Sie hat ihn bei Vladimir Rosenbaum in Ascona gesehen, gekauft hat ihn Fred Heim um 1944 oder 1945, damals frisch mit Ilse verheiratet und spendabel. Die Tischplatte aus dunklem Nussholz hat viele Wunden und Kerben – Ilses Folterbank, denn auf diesem Tisch steht, solange ich mich zurückerinnern kann, gedämmt durch eine schwarze Unterlage aus Filz, die kleine Remington-Schreibmaschine. Abends beginnt sie zu klappern bis spät in die Nacht. Kurz vor jedem Zeilensprung singt ein helles, metallisches Signal – das frohe Glöckchen meiner Nachtmusik; ich kann es heute noch hören.

1945 wird Ilse Journalistin. Kluge Männer, Feuilletonchef Rychner, Theaterdramaturg Hirschfeld und Freund Erich Kästner, haben ihr dazu geraten, sie auf den Weg gebracht. Ilse ist so bildhaft wie schwatzhaft, neugierig und hartnäckig, fabelhaft charmant und blitzschnell. Das hat geholfen, aber nicht beim Schreiben. Ihre Angst vor dem leeren Blatt ist groß, wird übermächtig und lähmt sie oft über Wochen. Das Telefon klingelt unaufhörlich. Dann ist sie sehr verzweifelt, das Telefon klingelt ins Leere, sie droht mir immer wieder, sich umzubringen. Das habe ich ihr schon als Kind zu keiner Sekunde geglaubt, nie habe ich Mitleid mit ihr.

Die beiden Längswände des Salons sind mit Bücherregalen bis zur Zimmerdecke verstellt: lederne Buchrücken, Bildbände, Gesamtausgaben, Dünndrucke und bibliophile Editionen. Vieles davon hat Ilse in ihren Basler Emigrationsjahren antiquarisch zusammengetragen oder wurde fleißig von ihrer Mutter Marie in Berlin besorgt und mühsam zugeschickt. Auch Ilses Pariser Exil hat hier seinen Platz gefunden; Bände der Pléiade und viele broschierte Ausgaben, Bücher, die zur Lektüre mit einem scharfen Messer aufgeschnitten werden müssen. In der Regalnische: »Jacques«, eine Radierung von Erich Heckel. Nur dieses eine Bild hinterlässt Ilse mir. Woher dieser nachdenkliche Jünglingskopf, wo sie doch sonst keine Originale an den Wänden hat? In der Dolderstrasse 111 bin ich umstellt von stummen Zeugen. Vergangenes und Erloschenes beobachtet mich. Ich bin das Licht, in dem Ilse ihre Schatten zu beherrschen sucht. Vor dem Kamin stehen das nierenförmige, mit dunkelgrünem Cordstoff bezogene Sofa und links und rechts davon zwei bequeme, dazu passende Sessel. Ein niedriger Tisch mit schwerer schwarzer Schieferplatte auf dünnen Holzbeinchen drängt sich zwischen die Fauteuils.

Im Herbst und Winter darf ich ein kleines Feuer anfachen und Marroni braten. Einmal, es muss Weihnachten 1956 sein, denn wir haben ungarische Flüchtlingskinder zu Besuch, spreizt sich ein kleiner Weihnachtsbaum auf dem Schiefertisch. In den Jahren darauf steht dort nur noch der achtarmige Chanukka-Leuchter, neben dem aber keine Geschenke liegen, die kommen an Weihnachten, so wie bei allen Kindern in der Nachbarschaft.

Ilse ist eine starke Raucherin, vor allem nachts, wenn sie sich vor ihrer Remington mit Worten und Sätzen quält. Sie raucht Players, später North State und zuletzt Marylong. Oft werde ich abends in das nahe Hotel Waldhaus geschickt, um noch ein Päckli oder zwei an der holzgetäfelten Rezeption zu kaufen. Ilse raucht bis in ihr letztes Jahr, bis zum Sommer 1999.

Der lange Flur teilt sich am Ende in eine kleine Küche und in ein geräumiges Bad, wo jeder von uns sein eigenes Waschbecken hat. Ich will nie gleichzeitig mit meiner Mutter Hände waschen, Zähne putzen oder sie gar in der Wanne sehen. Schon der Gedanke daran ist mir unangenehm. Auch der Vorstellung von körperlicher Nähe zwischen ihr und mir versuche ich aus dem Weg zu gehen. Nie bitte ich um einen Gutenachtkuss – und bekomme auch nie einen.

An Ilses Geburtstagen bringe ich ihr Kaffee ans Bett. Im Lauf des Jahres will ich ihr Schlafzimmer nicht betreten. Ich fürchte mich vor ihren Träumen und ekele mich vor der Nachtwärme ihres Körpers. In dieser Wohnung leben Ilse und ich fünfzehn Jahre lang zusammen. In all dieser Zeit bringt sie keine fremden Männer ins Haus, und wenn doch, so habe ich es nicht gemerkt oder war nicht da.

Nie sehe ich Ilse weinen. In den Jahren unseres Zusammenlebens höre ich sie nie von Toden sprechen. Keine Unfälle, keine Trauer. Nie sehe ich sie in einem schwarzen Kleid aus dem Haus gehen. Ilse kann keine Tränen vergießen. Wenn ihr etwas nahegeht, presst sie ihre Lippen so fest aufeinander, bis sie ganz bleich werden, wirft den Kopf ins Genick und wendet sich dann mit einem jähen Ruck ihres ganzen Körpers ab, tonlos. Auch von ihrem Vater Felix oder der Mutter Marie wird nicht gesprochen. Von Großvater Chaskel Eisenberg, dessen Grab ich zusammen mit meinen Kindern David und Valerie 2004 auf dem Jüdischen Friedhof von Berlin-Weißensee unter einem Brombeerstrauch entdecke, will Ilse oft erzählen. Sie muss ihn sehr geliebt haben, während seiner Zeit ist Ilse behütet und bewahrt.

Immer wieder unternimmt Ilse den Versuch, ihr Leben aufzuschreiben. Sie weiß, dass sie viel zu erzählen hat und ihren drei Enkelkindern Saskia, David und Valerie eine Herkunft schuldet. Doch sie hat auch viel zu verbergen – vor sich selbst. So beginnt sie zaghaft und in vielen zerstreuten Fragmenten, Geschichten von früher aufzuschreiben. Die Version aus dem Jahr 1994, Ilse ist jetzt zweiundachtzig Jahre, beginnt so:

Ich beginne mich zu erinnern. Warum habe ich alles verdrängt? Um nicht achtzig Jahre zu sein? Keine Memoiren, immer im Augenblick sein wollen. Aber die Augenblicke bringen nichts mehr. Sieh doch zurück. Man kann sich nicht drücken. Gedrückt habe ich mich immer. Mit Geschick. Erzähl von dir. Lass es doch mal hochkommen. Gehört doch zu dir.

FRAGMENTE I

Ich will versuchen, die Geschichte meiner Familie zu erzählen, soweit sie mir bekannt ist. Der Holocaust des Deutschen Reiches hat bis auf wenige Dokumente alle Zeugnisse vernichtet. Mein Großvater mütterlicherseits ist um 1880 aus Russisch-Polen nach Deutschland ausgewandert. Mit ihm meine Großmutter. Ihr Mädchenname war Rifka Scheingold, die Tochter eines Rabbiners in Warschau. Großvater Chaskel Eisenberg begann als armer Schuster in Stettin, wo er in einem Keller Schuhe flickte. Zehn Jahre später war er ein reicher Mann. Er legte seinen jiddischen Vornamen ab und nannte sich in Berlin Christian Eisenberg. In seinem eleganten Schuhgeschäft Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße bestellte die Crème de la Crème aus Militär und Gesellschaft Reitstiefel. Über dem Eingang hing ein orientalisch verziertes Wappen: Hoflieferant des Schahs von Persien.

Großmutter lebte nur für ihre Familie – drei Töchter und zwei Söhne und für ihren Mann, der blendend aussah und ein Autokrat war. Sie starb 1918 an Krebs und an dem Schmerz über den Tod des jüngsten Sohns, meines Onkels Ischen (Isidor), der im Krieg gefallen war.

Die Familie wohnte in Berlin-Schöneberg, Hauptstraße 139, in einer großen Wohnung, in der ich jeden Freitagabend verbrachte. Meine Tante Putz, die jüngste der Eisenberg-Töchter, hat mir oft erzählt, dass jeden Morgen eine Pferdekutsche vor dem Haus wartete, um die Geschwister zur Schule zu bringen. Pferde waren Großvaters Leidenschaft. Ich war das einzige Mädchen unter seinen Enkeln und sein Liebling. Er nannte mich »Klein-Keckele«, und am Shabbath war mein Platz am großen Familientisch neben ihm. Ich will noch hinzufügen, dass bei meinen Großeltern der Tee auf dem silbernen Samowar zubereitet wurde, und natürlich waren an den Zimmertüren der großen Wohnung Mesusses [Mesusot, Mehrzahl von hebräisch Mesusa] angebracht.

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Der Patriarch: Chaskel Eisenberg, um 1920

Ilse und ich sprechen hochdeutsch, so nennen die Schweizer die »Schriftsprache« im Gegensatz zu ihrer »Mundart«, die Ilse verstehen, aber nicht aussprechen kann. Zu Hause ist deutsch, und die Freunde und Bekannten sind es meist auch. In den ersten Jahren hat Ilse oft Besuch von Freundinnen und alten Kollegen aus Berlin, die am Schauspielhaus gastieren oder auf der Durchreise sind. Manche wohnen auch ein paar Tage im kleinen Gästezimmer und erzählen mir lange Gutenachtgeschichten. Viele kommen nur ein- oder zweimal, andere hingegen oft und gern. Zu ihnen gehört Walter Mehring. Er besucht Ilse immer am späten Nachmittag und bleibt zum Abendessen. Er kann wunderbar berlinern, und nie habe ich seine Geschichten aus der großen Stadt mit den vielen Lichtern und Theatern satt. Ich frage ihn ein Loch in den Bauch nach Nollendorfplatz und Bahnhof Zoo, nach Molle und Bolle. Ich bettele darum, und er rührt mich. Schon als Kind entwickele ich eine Ahnung davon, dass Walter und Ilse, dass Onkel Hans und Tante »Putz« und auch Emil und Gustav mit der Hupe und selbst der Ganove Grundeis ihre aufregende Welt, in der sie so viel erleben und in der sie zu Hause sind, verloren hatten. Es musste ganz wunderbar gewesen sein dort, denn alle meine Helden tragen prächtige Bilder in sich, mit Namen von Cafés und Menschen, mit Plätzen und Straßenecken. Sie machen Jahre zu Jahreszeiten, sie nehmen die Elektrische oder fahren mit der S-Bahn ins Grüne. Natürlich gehen sie jeden Tag ins Theater oder in eine Revue. Immer kommen sie im Gedränge der Großstadt zu spät zur Vorstellung – Ilse kommt ihr Leben lang immer zu spät. Und natürlich treffen sie sich unaufhörlich mit Freunden und Intriganten, mit Verehrern und Hochstaplern.

So möblieren alle Besucher in Ilses Wohnung ihre Erinnerungen. Ihre Bilder werden mir zu Räumen, zu Straßen, zu einem rasend rieselnden Kaleidoskop voller Lärm und Neon. Es wird so mächtig, dass ich als kleiner Junge fast jede Nacht von dieser rauschhaften Stadt träume und am Tag gar nicht verstehen kann, warum Ilse und Walter und die vielen anderen nicht dort leben und noch immer dort sind, statt sich am stillen, eintönigen Waldrand über Zürich gemeinsam danach zu sehnen.

Mehring ist ein raffinierter Spötter und sarkastischer Charmeur. Für ihn ist Ilse immer noch die zwanzigjährige Schauspielerin, mit der er vom Kakadu aus in die Nächte zieht, die bei Tagesanbruch Mampe und Prärieauster schlürft und Stullen mampft und im Leben wie im Rollenfach gern die Lulu von Wedekind gibt. Ilse mag dieses Spiel, denn es handelt von den guten Erinnerungen. Wenn ich aber frage, warum wir alle nicht mehr dort sind und warum ich nicht dort zur Schule gehen darf, wo es doch so viel zu sehen und immer wieder davon zu erzählen gibt, da bekomme ich kaum eine Antwort, allenfalls knapp: »Du sollst dem lieben Gott danken, dass du damals nicht auf der Welt warst.« – Warum? Das gefällt mir nicht, was hat das mit meinem lieben Gott zu tun, zu dem ich vor dem Einschlafen »Ich bin klein, mein Herz ist rein …« bete?

Mehring trägt notorisch Bücher in seinen ausgebeulten Jackentaschen herum, und in jeder freien Minute, wenn Ilse kurz zur Küche geht oder das Telefon klingelt, greift er nach einem Bändchen und versinkt in dem grünen Sofa. Ich mag Walter gern, denn er ist nicht viel größer als ich, hat flinke Augen, kleine Händchen mit Spindelfingern und ist schlagfertig. Mit fünf oder sechs Jahren fordere ich ihn ernsthaft zu Boxkämpfen heraus. Er nimmt an, und viele Jahre lang fighten wir bei jedem seiner Besuche im langen Flur der Wohnung verbissen miteinander. Als ich stärker werde und Walter immer mehr schrumpft, ist Schluss damit. Er ruft mich zu seinem Meister aller Klassen aus, und als ich zwölf werde, schenkt er mir ein signiertes Bändchen seines Ketzerbreviers: »Für Gabriel, den jungen – Engel – von dem greisen ›Dichter‹ Walter.« Ilse freut sich immer auf Mehrings Besuche. Ich spüre, dass die beiden viel Gemeinsames miteinander gehabt haben, so wie ich sie in ihre verlorene Zeit schlüpfen sehe.

Meist, aber besonders wenn Besuch da ist, werde ich früh ins Bett geschickt. Mehrings schnarrende und durchdringende Stimme und Ilses helles Lachen dringen bis spät in mein Zimmer. An diesen Tagen sehe ich den Alexanderplatz an der hohen Decke und schlafe im Schein der vielen bunten Lichter ein, die in meinem Berlin gerade angezündet werden.

FRAGMENTE II

Die zweite Generation: die Kinder von Chaskel und Rifka Eisenberg.

Den jüngsten Sohn Isidor habe ich nicht mehr richtig gekannt. Ischen war der Stolz seines Vaters. Er ist als Träger des Eisernen Kreuzes Erster [1.] Klasse an der Marne gefallen. Auch das bewahrte seinen Bruder Willi und unsere Familie nicht vor Deportation und Verfolgung durch das Hitler-Regime.

Onkel Willi wurde von mir vergöttert. Er liebte und verwöhnte mich und hatte Verständnis für alle Wünsche, alle Sorgen, alle Dummheiten.

Er war ein herzensguter Mensch, war nie verheiratet und führte ein mondänes Leben im Berlin der Zwanzigerjahre, begleitet von seinen zwei Russischen Windhunden. Willi Eisenberg war ein bekannter Architekt. Zusammen mit dem Großunternehmer Koritowski baute er das Hotel Eden oder den Kinopalast Marmorhaus.

Unter den vielen Freundinnen meines Onkels erinnere ich mich vor allem an eine entzückende junge Polin, Karola Piotrikowsky, ich glaube, sie war nicht älter als achtzehn Jahre. Wir nannten sie »das Küken«. Onkel Willi flüchtete vor den Nazis 1934 nach Paris.

Tante Anni, die zweitälteste der Mädchen, war eine bescheidene Frau. Ihr Mann, Bob Kanitz, ein Prager Jude, hatte sich in Wien noch zu Kaisers Zeiten taufen lassen und konnte so Karriere machen. Trotzdem war es eine gute Ehe, und in seinen zärtlichen Augenblicken nannte er Tante Anni »mein geliebtes Weichtier«.

Ihr Sohn Fritz, genannt Bibi, ging auf die feinste Schule von Wien, das Schottengymnasium. Als Hitler 1938 in Österreich einmarschierte und unter dem Jubel der Bevölkerung die Verfolgung der Juden proklamierte, rettete die christlich humanitäre Gemeinschaft der Quäker der Familie Kanitz das Leben. Sie konnte nach England fliehen und lebte bis zu ihrem Tod in London, wo ich sie oft besucht habe.

Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit gehören die Sommerwochen in der Mark Brandenburg bei Tante Putz und ihrem Mann Hans Treitel und meinen Cousins Peter und Fritz. Der Ort meiner glücklichen Tage hieß Hegermühle, eine Siedlung am Finowkanal bei Eberswalde. Dort war Onkel Hans Chefingenieur bei Hirsch Kupfer, dem größten Messingwerk Deutschlands. Tante Putz führte ein offenes Haus. Sie war temperamentvoll, gesellig, sehr hübsch und elegant. Dort bildeten sich Freundschaften, und es gab Feste für Groß und Klein mit Musikkapelle und Feuerwerk. Und wenn sich meine Mutter an den Flügel setzte und mit ihrer wunderbaren Altstimme Schubert-Lieder sang, war es der Höhepunkt des Abends.

Bald nach der »Machtübernahme« wurde Messingwerk auf Rüstung vorbereitet, und die Chefposten [wurden] mit Parteigängern besetzt.

Von Ilse weiß ich schon früh, dass sie in einer wichtigen Berliner Klinik, die den merkwürdigen Namen Charité trägt, zur Welt gekommen ist. Sie war also von Anfang an ein besonderer Mensch, denke ich mir, denn keine Mutter meiner Schulfreunde oder Nachbarkinder kann irgendetwas Interessantes über die eigene Geburt erzählen. Ilse jedoch kann und wird durch ihren zweiten Vornamen, Victoria, ein Leben lang daran erinnert. Den bekommt sie von Professor Straßmann, dem Prominentenarzt unter den Gynäkologen Berlins. 1912 hat Straßmann sie mit gewagtem Kaiserschnitt ins Leben gezerrt. Ilses Mutter Marie hat von Kindheit an eine verkrümmte Hüfte und kann – dreimal schwanger – die Kinder nicht lebend zur Welt bringen. Mit viel Mut hat sie noch einmal alles gewagt, um ein gesundes Kind zu gebären und doch noch Mutter zu werden. So ist Ilse von ihrem ersten Atemzug an dazu bestimmt, Maries Leben Sinn zu geben. Die Geburt von Ilse Victoria wird Maries Lebensglück. So will sie von nun an nur noch für ihre »Illepuppe« auf der Welt sein.

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FRAGMENTE III

Und nun komme ich zu meiner Mutter Marie, genannt Mieze.

Mieze war eine schöne Frau, die intelligenteste unter ihren Schwestern, voller Lebensfreude trotz ihres Gebrechens. Sie erkrankte als Kind an Kinderlähmung. Seither hinkte sie und ging am Stock. Ihr innigster Wunsch war ein Kind. Für Chaskel war es ein ungeschriebenes Gesetz: Unter seinen Töchtern musste erst die Älteste verheiratet werden. Er beauftragte einen Schadchen, den Ehegatten für Mieze zu suchen. Unter den Kandidaten wählte er den jungen Kaufmann Felix Winter aus Frankfurt.

Felix war Verkäufer in einem Möbelgeschäft, so richtete ihm Großvater eine Möbelfabrik in Berlin ein und gab dem jungen Paar eine Wohnung in Berlins goldenem Westen, in der Hardenbergstraße, in einem Haus, das ihm gehörte. Mutti hatte als Kindermädchen eine Spreewälder Amme engagiert.

Sie hieß Nanna, und jeden Morgen ging sie mit mir in den Zoo. Ich war ein lebhaftes und ungehorsames Kind, und wenn sich Nanna nicht mehr zu helfen wusste, rief sie den Wärter Petrus, einen bärtigen Mann mit freundlichem Gesicht: »Wenn dat kleene Mamsell nicht folgt, sperr ich ihr in den Käfig mit die Biberratten.« Brüllend flüchtete ich unter Nannas Rock, und dann gingen wir in die nahe Waldschänke, wo Mutti mit Grete Ucko, Lotte Sachs oder Marta Baum Kaffee trank, und ich bekam einen Negerkuss.

1914 wurde Vati eingezogen. In unserer Wohnung bekamen wir Einquartierungen. Einen Major, der mir wie ein Märchenprinz vorkam in seiner glitzernden, ordengespickten Uniform. Mutti strickte Militärsocken, sehnte sich nach ihrem Felix und flirtete ein bisschen mit dem Herrn Major.

Im Zoo war die große Kolonialausstellung zu sehen. Farbige, Frauen, Männer, Kinder in ihren afrikanischen Trachten saßen hinter Gittern wie wilde Tiere und wurden von der Menge der Besucher bestaunt, und manche wollten ihnen Erdnüsschen durch die Gitterstäbe geben. Der Eindruck vom weißen deutschen Herrenmensch und dem schwarzen Underdog ist mir unvergesslich.

Zu den beständigen Berliner Boten gehört an der Dolderstrasse auch die Wienerin Maria Schanda. Maria ist als junge Schauspielerin Anfang der Dreißigerjahre nach Berlin gezogen. Dort lernt sie Ilse an der Schauspielschule des Deutschen Theaters kennen. Ilse ist temperamentvoll und sehr sexy und wird schnell für den Film entdeckt. Maria muss sich im Fach der Tragödin hocharbeiten und viel mehr leiden als die lebenslustige Freundin. Das hat Maria keine Ruhe gelassen, und sie erwähnt es immer wieder – auch mit spätem Neid.

Die beiden Frauen stehen nie gemeinsam auf der Bühne, doch sie haben Erinnerungen – an die Mitschülerinnen, an die unzähligen Theaternächte in der Friedrichstadt, an den Dreigroschenkeller in der Kantstraße, Ilse an Fritz Kortner im Separee bei Horcher oder an den Tiergarten, wo bei Dobrin alle Russen verkehren. Sie schwärmen von Elisabeth Bergner und Karl Kraus, von ihren ersten Auftritten mit O. E. Hasse oder Henny Porten, Vorsprechen, Probeaufnahmen, Träume … Maria kann den aus Wien stammenden Regiestar Max Reinhardt, den alle vergötterten und bei dem sie gelernt hatte, wunderbar imitieren, und Ilse erzählt immer wieder unter Lachtränen die eine Geschichte, wie sie von Reinhardt persönlich bei seiner letzten Berliner Fledermaus von der Bühne gefegt worden ist.

FRAGMENTE IV

In der Fledermaus hat man einige mitmachen lassen. Ich war da auch, zum Entsetzen vom ganzen Chor, weil ich einfach nie in den Takt kam. Also das ging nicht, musste da raus. Dann haben sie mir sogar eine stumme Rolle gegeben, eine Hanakin – ein Bauernmädchen mit einem hübschen Kostüm, und ich musste zu Rosalinde sagen: »Noch eine Tasse Schokolade, gnädiges Fräulein?« Und dann war Reinhardt zum ersten Mal auf der Probe, und er sieht mich da: »Noch eine Tasse Schokolade …«, und Reinhardt ruft: »Nehmt mir doch diesen Trampel weg!« – Das war ich! Damit war ich auch mein hübsches Kostüm los. Das war mein Erlebnis mit Reinhardt in der Fledermaus!

Diese Szene mit den verteilten Rollen von Maria als Reinhardt und Ilse als Ilse habe ich mir immer wieder gewünscht: »… ein Tässchen Schokolade …« Im Lauf der vielen Besuche von Maria wird die Anekdote immer opulenter, immer neue Namen kommen hinzu, und irgendwann stürzt sich der große Professor Reinhardt aus lauter Verzweiflung über das Fräulein Winter über die Brüstung der Proszeniumsloge. Ich bin begeistert und applaudiere so lange, bis Maria nochmals vor die Bettlaken – den Vorhang – tritt, um sich als Theaterdirektor beim Publikum für den Zwischenfall zu entschuldigen. Ich johle vor Begeisterung.

Maria ist den ganzen Krieg über in Berlin beim Theater geblieben. Sie sieht die Stadt brennen und erlebt die Feuerstürme. Davon erzählt sie mir später auch. Es sind ganz andere, schreckliche Bilder als die, die Ilse zu entwerfen weiß, Bilder, die Ilse nicht kennen kann, denn Ilse hat Berlin nach einem letzten Besuch 1934 für immer verlassen.

FRAGMENTE V

Ich war wohl so etwas wie eine »Bilderbuch-Berlinerin«, sehr lebendig, schlagfertig, an allem interessiert, ganz unabhängig, ohne materielle Sorgen trotz wenig Geld. Ein Mädchen, das ganz im Augenblick lebte, heute würde man sagen: emanzipiert. Ich war in der Cecilienschule, einer Mädchenschule natürlich, und da waren wir 18 jüdische Mädchen von 23. Das war Berlin-Wilmersdorf, Nikolsburger Platz, ich habe von keiner einzigen mehr je gehört! In einem Schulaufsatz in der Obertertia mit dem Thema »Lebenswünsche« schrieb ich: Ich wünsche mir, immer das tun zu können, was mir gerade einfällt. Wir haben in Französisch die Fabel von La Fontaine »La Cigale et la Fourmie« gelesen. Ich bin für die Grille, trotzdem.

Ich weiß nur, unser Geschichtslehrer – Herr Gehrig, ein Erz-Nazi schon damals –, der hat von den dreckigen Polen etwas erzählt, von diesen Untermenschen, und meine Mutter ist in Polen geboren.

Ich bin nach Hause gekommen und habe sie angebrüllt: »Du dreckige Schlampe, aus diesem Land kommst du her« – meine Mutter ist in Warschau geboren, das war die Schule.

Nie werde ich die Nacht im Schlafwagen von Zürich nach Genua vergessen. Der dunkelblaue Waggon Lits mit dem livrierten Herrn auf dem Bahnsteig. Er legt die Hand an sein Käppi, beugt sich zu mir hinab, um mich elegant die Stufen hochzuheben. Mai 1955, ich bin vier Jahre, wir reisen nach Israel – mein Teddy darf mit. Ich schlafe oben – in der Erinnerung ist es die einzige Nacht überhaupt, in der mich Ilses Nähe ergriffen hat –, wir sind auf dem Weg in ein großes Abenteuer, das Ilse nicht allein bestehen kann, und ich bin der kleine Mann mit auf dem Weg. So stolz wird sie nie wieder auf mich sein. In Genua schiffen wir uns auf der Pace ein. Marseille, Piräus, Rhodos, Haifa. Auf der Fahrt durch den Isthmus von Korinth darf ich auf der Kapitänsbrücke stehen. Die Besatzung dreht sich stündlich nach der schönen Signora mit dem blonden Bambino um. Fotos von der Akropolis, Gabriel im weißen Hemd mit Blazer – zwischen den Karyatiden.