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Ich will dich!

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Sie nannten sie die Crimson Rose.

Als im Leather and Lace, einem exklusiven Club für Herren, ihr Name angekündigt wurde, breitete sich eine beinahe ehrfurchtsvolle Stille aus. Bald war das leise Klirren der Eiswürfel in den Gläsern das einzige Geräusch im Raum, da nicht einmal die Kellner die Besucher zu stören wagten, wenn die “purpurfarbene Rose” auf der Bühne stand.

Sie tanzte nur an den Wochenenden und war sehr schnell zu einer der größten Attraktionen der Chicagoer Clubszene geworden. Denn obwohl diese Stadt den Anblick verlebt aussehender Stripperinnen gewohnt war, hatte man noch nie jemanden wie Rose gesehen, die nicht verbraucht, sondern sogar ausgesprochen elegant aussah und deren makellose Haut und wohlgeformten Rundungen jeden Mann zum Träumen brachten.

Und sie strippte nicht, sondern entkleidete sich, so langsam und verführerisch, als hätte sie alle Zeit der Welt. Sie bewegte sich mit der Anmut einer wahren Tänzerin, zu einer Musik, die hocherotisch und gefühlvoll war.

Sie war die Crimson Rose, die ihren Job, der so manche Frau in den Augen anderer diskreditierte, zur wahren Kunst erhob.

Denn sie liebte, was sie tat. Und die Gäste liebten es, ihr dabei zuzusehen.

Die ersten Töne einer leisen, sinnlichen Melodie erklangen, aber die Bühne blieb noch dunkel, als die Arbeiter einen roten Samtvorhang platzierten, der nur von der Rose benutzt wurde. Und statt unter der grellen Deckenbeleuchtung, wie die anderen Tänzerinnen, tanzte sie im Halbschatten und in dem sanften Licht einiger sich im Rhythmus der Musik bewegenden Scheinwerfer. Dabei trug sie eine rote Gesichtsmaske, ohne die sie noch niemand gesehen hatte, was die Aura des Geheimnisvollen noch verstärkte, welche die Crimson Rose umgab.

Nach einer Weile wurde die Musik lauter, und die von Pink bis Dunkelrot wechselnden Lichtkegel der Scheinwerfer tanzten über die Bühne und glitten zum dem Saum des noch geschlossenen Vorhangs.

“Und nun, verehrte Gäste”, verkündete eine männliche Stimme, “Chicagos vollkommenste Blüte – unsere Crimson Rose.”

Niemand klatschte, flüsterte oder rührte sich. Aller Augen waren auf den Vorhang gerichtet, zwischen dessen Falten eine schmale Hand erschien.

Eine zarte Hand mit langen Fingern und schlanken Handgelenken, ein farbenfrohes, mit Körperfarbe aufgemaltes Muster, ein mit einer Ranke verbundenes Blatt, das sich von der Fingerspitze bis zum Handgelenk hinaufwand, wurden sichtbar, als der Arm der Frau sich durch die Öffnung des Vorhangs schob.

Langsam kam sie hinter dem Samtvorhang hervor und hielt den Kopf gesenkt. Das lange rötlichbraune Haar verdeckte ihr Gesicht.

Der Rhythmus wurde pochender, aber die Tänzerin verhielt sich still, als wäre sie sich der Menge nicht einmal bewusst. Schließlich wechselte das Scheinwerferlicht die Farbe, die kräftigen Rottöne wichen einem warmen Gelb. Und wie eine im ersten Tageslicht erwachende Blüte begann sich die “purpurfarbene Rose” zu bewegen.

Ihre vollen roten Lippen weckten die erotischsten Fantasien in den Köpfen der Männer, die nahe genug saßen, um ihren feuchten Glanz zu sehen. Aber außer diesen Lippen war nichts von ihrem Gesicht zu sehen. Da die meisten Gäste wussten, dass sie ihr Gesicht nicht zu erkennen geben würde, konzentrierten sie ihre Blicke auf den Rest von ihr.

Verschiedene Lagen eines in Form von Rosenblüten geschnittenen Stoffs umhüllten ihren Körper. Noch immer wie eine in der Sonne erwachende Blume, schien sie sich im warmen Licht der Scheinwerfer zu entfalten, wiegte und räkelte sich wie eine Katze in der Sonne. Ihre sehr, sehr langsamen Bewegungen enthüllten einen schlanken Schenkel und den Ansatz einer Hüfte.

Dann steigerte sich der Rhythmus der Musik, und auch die Rose beschleunigte ihr Tempo, hob ihre grazilen Arme und tänzelte, sich in den Hüften wiegend, mit femininer Anmut über die Bühne. Mit jedem ihrer Schritte brachte sie die einzelnen Lagen ihres Kostüms so in Bewegung, dass die Blüten sie fast schon wie von selbst umtanzten, sich über ihren schlanken Beinen teilten und auch hier und da einen kurzen Blick auf mehr erlaubten.

Bei jeder ihrer Drehungen flatterte ein Stückchen Stoff zu Boden. Die pinkfarbenen äußeren Schleier fielen als Erste, gefolgt von den schwereren Satinteilen. Bald waren Roses lange, sonnengebräunte Beine bis zu den Schenkeln nackt. Ein Streifen Satin, der ihr Bikinioberteil bedeckte, fiel als Nächster.

Sie setzte ihren verführerischen Tanz fort und passte ihre Bewegungen der immer schneller werdenden Musik an, während die Stofflagen eine nach der anderen fielen. Als sie schließlich nur noch einen glitzernden roten String und zwei pinkfarbene Blütenblätter auf den Spitzen ihrer Brüste trug, ließ sie sich endlich dazu herab, ihr Publikum anzuschauen. Normalerweise würde sie jetzt mit einem provokanten Lächeln die Blütenblätter von ihren Brustspitzen entfernen und sich unmittelbar darauf hinter ihren Samtvorhang zurückziehen. Sie würde ihnen einen kurzen, aber atemberaubend sexy Blick zuwerfen und dann bis zu ihrem zweiten Auftritt im hinteren Teil des Clubs verschwinden. Aber heute Abend zögerte, nein, erstarrte sie regelrecht.

Denn als sie einen letzten Blick auf ihr Publikum warf, erregte eine schattenhafte Gestalt im Hintergrund des Raumes ihr Interesse. Ohne all die anderen erwartungsvollen Gesichter zu beachten, richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen einen Mann.

Aus der Entfernung konnte sie nicht viel erkennen, aber was sie sah, ließ ihr Herz schneller schlagen.

Er hatte schwarze Haare, dunkle Augen und war ganz in Schwarz gekleidet. Seine Gesichtszüge konnte sie nicht sehen, nur seine hochgewachsene Gestalt mit den breiten Schultern und den schmalen Hüften. Aber das genügte, denn sie war auch so schon völlig fasziniert von ihm.

Ihre Blicke begegneten sich. Er wusste, dass sie auf ihn aufmerksam geworden war. Und am liebsten wäre sie sofort zu ihm gegangen, um zu sehen, ob er so attraktiv war, wie seine imponierende Gestalt vermuten ließ.

Doch da pfiff jemand, ein anderer buhte, und Rose merkte, dass sie die Musik, den Tanz und ihr Publikum vollkommen vergessen hatte.

Es war Zeit, den Auftritt zu beenden.

Noch einmal ließ sie ihren Blick über die Menge schweifen und bedachte alle mit einem sündhaft sexy Lächeln, als wäre die kurze Pause voll und ganz beabsichtigt gewesen. Mit einem weiteren Blick unter halb gesenkten Lidern begann sie langsam die winzigen Rosenblüten von ihren harten kleinen Brustspitzen abzupflücken.

Beifall brandete auf, als sie sich hinter den Vorhang zurückzog. Die Menge applaudierte noch einige Minuten lang, in denen Rose um Atem rang und sich wieder zu beruhigen versuchte.

Erst dann riskierte sie einen letzten Blick durch den Vorhang zu dem Fremden an der Bar.

Aber er war verschwunden.

1. KAPITEL

In den ersten Wochen nach seiner Rückkehr aus dem Nahen Osten konnte Nick Santori gut verstehen, dass seine Familie einen solchen Wirbel um ihn machte. Er hatte nichts gegen die Begrüßungs-Barbecues im Garten seines Elternhauses oder die Dinnerpartys in der familieneigenen Pizzeria, die in seiner Kindheit sein zweites Zuhause gewesen war.

Aber irgendwann kam der Punkt, an dem Nick der Fragen müde wurde und den Schlussstrich zog. Nach zwölf Jahren in der Armee, von denen er einige im Irak gewesen war, hatte er genug davon. Er wollte das alles nicht noch mal durchleben.

Mit achtzehn Jahren, frisch von der Highschool und überhaupt nicht interessiert daran, ein Studium zu beginnen, geschweige denn, in das Familienunternehmen einzusteigen, hatte er es für eine großartige Idee gehalten, für ein paar Jahre zu den Marines zu gehen.

Was für ein naiver, dummer Junge er doch gewesen war.

Er hatte schnell gelernt und wünschte heute, er könnte die Zeit zurückdrehen, um diesen Achtzehnjährigen umzustimmen und ihn wachzurütteln für die Realitäten, denen er ins Auge blicken würde.

Realitäten wie diesen: heimzukehren in eine Welt, die er nicht wiedererkannte. Zu einer Familie, die lange ohne ihn zurechtgekommen war.

“Dann hängst du jetzt also gewissermaßen in der Luft?”, fragte sein Zwillingsbruder Mark, der mit ihm an einem Tisch in der Pizzeria der Santoris saß. Seine Brüder hatten sich angewöhnt, ein paar Mal in der Woche nach der Arbeit dort vorbeizuschauen.

“Ich komme schon zurecht.” Der Vater hatte die Leitung des Restaurants Nicks ältestem Bruder Tony übergeben und blieb nun in der Küche, wo er Chianti trank und kochte. Einer von Nicks Brüdern war Staatsanwalt, ein anderer erfolgreicher Bauunternehmer, und ihre einzige Schwester frisch verheiratet. Sie alle waren sehr solide geworden und gründeten Familien … und alle schienen zu glauben, dass Nick genau das Gleiche tun sollte.

Und im Grunde gab er ihnen sogar recht. Oder hatte ihnen recht gegeben, als er an einem Ort gelebt hatte, wo nichts, nicht einmal sein eigenes Leben, sicher war. Damals war es ihm wie ein perfekter, nach Ende seiner Dienstzeit sehr erstrebenswerter Traum erschienen.

Nur war er sich jetzt leider nicht mehr sicher, ob er diesen Traum noch wollte.

Er zweifelte nicht daran, dass seine Geschwister glücklich waren. Dass es ihn zu Tode langweilte, bei Santori’s auszuhelfen, oder dass er noch keine passende Frau gefunden hatte, war lediglich eine Frage der Wiederanpassung an das Leben als Zivilist. Bald schon würde sich das alles ändern.

Solange er nur aufhörte, sich für die Frau zu interessieren, die er erst kürzlich gesehen und die – durch einen Raum voller Menschen – eine fast schon schmerzhafte sinnliche Erregung in ihm ausgelöst hatte. Weil diese Frau in keinster Weise passend war. Sie war Stripperin, eine Erotiktänzerin, mit der er bald zusammenarbeiten würde, denn er hatte im Leather and Lace einen Job als Bodyguard angenommen.

Er zwang sich, die Stripperin aus seinen Gedanken zu verbannen und sich eine etwas “normalere” Frau vorzustellen, der er eines Tages begegnen und die vielleicht eine ähnliche Reaktion in ihm erzeugen würde.

“Finde dich damit ab, dass Mom und Pop nicht eher Ruhe geben werden, bis du in geordneten Verhältnissen lebst”, verkündete Mark, als hätte er erraten, was er dachte.

“Wie du?”, gab Nick zurück. Sein Zwillingsbruder war ein knallharter Chicagoer Cop, dessen Lebensweise man wohl kaum als “geordnete Verhältnisse” bezeichnen konnte.

“Ja, wie ich.”

Nick verdrehte die Augen. “Deine Lebensweise ist alles andere als geordnet”, bemerkte er mit einem Blick auf die Schürfwunden an Marks Fingerknöcheln.

“Der Kerl hat sich gewehrt”, erwiderte sein Bruder.

“Na ja, das könnte mir als Bodyguard natürlich auch passieren”, räumte Nick ein.

“Als Bodyguard?”

“Ja. Joe hat kürzlich bei einem Nachtclubbesitzer einiges umgebaut, und da hörte er, dass sie dort einen Bodyguard benötigen. Ich war am Sonntagabend da, um mit ihnen zu reden.”

“Und wozu braucht ein solcher Club einen Bodyguard?”, fragte Mark.

Nick wusste nur zu gut, wozu der Club einen benötigte, nachdem er die Crimson Rose gesehen hatte. Die schöne Erotiktänzerin beherrschte seine Träume und Fantasien, seit er sie auf der Bühne erlebt hatte, wo sie ihren umwerfenden Körper zwar nach und nach entblättert hatte, aber trotzdem irgendwie erhaben geblieben war. Er konnte sich sehr gut vorstellen, dass Männer, die sich nicht so gut unter Kontrolle hatten, versuchen würden, mehr zu tun, als sich nur ihren erotischen Fantasien hinzugeben.

“Der Tänzerinnen wegen”, entgegnete er ausweichend. Nicht, weil sein neuer Job ihm peinlich war, sondern weil er nicht über die Crimson Rose und ihre Wirkung auf ihn reden wollte.

Eine Stripperin passte nicht in den netten, bürgerlichen Santori-Lebensstil, den er sich für seine Zukunft wünschte.

“Es ist ziemlich viel los hier heute Abend”, stellte er mit einem gelangweilten Blick durch das Restaurant fest. An der Theke stand eine Menge Leute, die auf ihre Bestellungen zum Mitnehmen warteten. Alle Tische waren besetzt. Aber nichts erregte Nicks Interesse … bis er sie entdeckte. Und dann konnte er den Blick nicht wieder von ihr abwenden.

Sie faszinierte ihn ebenso sehr wie die Tänzerin, obwohl die beiden Frauen nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Die Fremde lehnte an der Wand neben der Tür. Sie beachtete niemanden, und ihre Körperhaltung verriet völlige Interesselosigkeit, als sei sie ganz in ihre Gedankenwelt versunken.

Sie passte nicht hierher.

Das war es, warum Nick den Blick nicht von ihr lösen konnte. Denn er wusste nur zu gut, wie es war, in diese laute Welt aus Familie, Freunden und Nachbarn, die sich bereits seit Jahren kannten, nicht hineinzupassen.

Und ihr Aussehen verschlug ihm fast den Atem.

Von seinem Platz aus hatte er einen guten Blick auf ihr Profil. Ihr dunkelbraunes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, was ihre hohen Wangenknochen und ihr fein geschnittenes Kinn betonte. Ihr Gesicht war zart, ihre Haut sehr hell und glatt. Obwohl ihre Lippen leicht geöffnet waren, sah sie nicht so aus, als ob sie lächelte. Wahrscheinlich seufzte sie nur hin und wieder, doch ob aus Langeweile oder Kummer, konnte Nick nicht sagen.

Über Jeans und T-Shirt trug sie eine große Bäckerinnenschürze, die es fast unmöglich machte, ihre Figur zu erkennen. Ihren langen Beinen in den engen, abgetragenen Jeans nach zu urteilen, konnte sie aber eigentlich nur sehr gut sein.

Mark sagte etwas, aber Nick beachtete ihn nicht, sondern starrte die Fremde an und wünschte, sie würde sich umdrehen, damit er ihre Augenfarbe sehen konnte. Schließlich wurde seine Geduld belohnt, und sie drehte sich um, um träge ihren Blick durch das Lokal schweifen zu lassen, und der Seufzer, den sie ausstieß, war ein weiterer Beweis dafür, dass sie sich langweilte.

Dann traf ihr teilnahmsloser Blick auf Nicks … und ließ ihn nicht mehr los.

Ihre Augen waren dunkelbraun wie seine eigenen. Als sie einander in die Augen blickten, registrierte er das Aufflackern von Interesse in den ihren. Sie versuchte nicht einmal, die Blicke abzuwenden, als sie mitbekam, wie er sie anstarrte. Als wüsste sie, dass er sie schon vorher beobachtet hatte, musterte auch sie ihn völlig ungeniert, wobei ihr Blick etwas zu lange auf seinen Schultern und sogar noch länger auf seiner Brust verweilte. Nick bewegte sich nervös, als ein scharfes Ziehen durch seine Lenden ging und seine Jeans ihm plötzlich viel zu eng vorkam.

Obwohl er saß und die Fremde seine Reaktion auf sie unmöglich bemerkt haben konnte, lächelte sie plötzlich. Aber es war kein nettes, flirtendes Lächeln … nichts an dieser Frau war nett und flirtend, sie war herausfordernd und ungemein erotisch.

Da Nick sie auf der Stelle kennenlernen wollte, stellte er sein Bierglas auf den Tisch und rutschte, ohne ein Wort zu sagen, zum Ende seiner Bank.

“Nick?”, fragte sein Bruder überrascht.

“Ich muss sie kennenlernen.”

“Wen?”

Nick antwortete nicht, sondern stand nur auf, ohne seine Blicke von der Fremden zu lösen.

Mark wandte sich um. “Sie?” Sein Bruder klang so überrascht, dass Nick sich fragte, ob die Ehe ihn vielleicht völlig immun gemacht hatte gegen die Reize einer sexy Fremden. “Du musst sie kennenlernen?”

Nick, der sich bereits vom Tisch entfernte, erwiderte nichts. Fest entschlossen, die Fremde nicht entkommen zu lassen, ging er mit großen Schritten auf sie zu. Er musste die erste richtige Frau – und keine in Rosenblüten gehüllte Fantasie – kennenlernen, die sein Herz schneller schlagen ließ, seit er heimgekehrt war.

Izzie Natale hatte ein Geheimnis.

Mehrere sogar. Aber das, was sie gerade zu verbergen versuchte, war eins ihrer bestgehüteten.

In den Jahren in New York hatte sie sich in so gut wie alles dort verliebt. Einschließlich des Essens. Aber das hier in Chicago zuzugeben, hieße Kopf und Kragen zu riskieren. Weil die Leute hier in Sachen Pizza nämlich keinen Spaß verstanden. Ihr Vater, auf dessen Bitte sie bei Santori’s vorbeigegangen war, würde sie enterben, wenn er wüsste, dass sie die dünnen, knusprigen New Yorker Pizzas den dicken, weichen aus Chicago vorzog. Und Izzies Schwester, deren Göttergatte Chef dieser Pizzeria war, würde nie mehr mit ihr sprechen.

Wie soll ich es hier nur aushalten?

Das hatte Izzie sich schon öfter gefragt in den zwei Monaten, seit sie wieder zu Hause war und die Bäckerei ihrer Familie führte, während ihr Vater sich von seinem Schlaganfall erholte. Ihre Freunde in Manhattan würden einen Schock bekommen, könnten sie sie jetzt sehen.

Diese Schürze tragende, mit Mehl bestäubte Bäckerin konnte unmöglich Izzie Natale sein, die sexy, langbeinige Tänzerin, der die Männer in New York zu Füßen gelegen hatten. Und auch nicht die Izzie, die ein Engagement bei einem der bedeutendsten modernen Tanzensembles in New York ergattert hatte, und wenn auch nur für kurze Zeit, da sie sich wegen einer Knieverletzung vor sieben Monaten hatte operieren lassen müssen.

Aber sie war es. Und genau das machte sie verrückt.

Bevor sie sich allerdings weiter bemitleiden konnte, erregte etwas ihr Interesse in dem Restaurant. Als sie einen weiteren gelangweilten Blick durch den Raum warf und wünschte, jemand aus ihrem anderen Leben hier zu treffen – dem geheimen, von dem niemand etwas wusste –, sah sie ihn.

Ein dunkelhaariger Mann starrte sie von der anderen Seite des Raumes an. Selbst aus der Entfernung konnte sie die von ihm ausgehende Hitze spüren … die gleiche Hitze, die auch sie fast augenblicklich zu durchfluten schien.

Das schwarze Haar des Mannes war militärisch kurz geschnitten, seine dunklen Augen tief liegend und umrahmt von dichten schwarzen Wimpern … Schlafzimmerblick, könnte man beinahe sagen. Seine Gesichtszüge waren markant, sein Kinn ein bisschen vorgeschoben und sein Mund zusammengepresst, als versuchte er, zwei volle Lippen zu verbergen.

Er hatte breite Schultern und einen athletischen Körperbau, und seine Haltung war durch und durch die eines männlichen Santori.

Denn Izzie wusste, dass es Nick Santori war, der sich von seinem Platz erhoben hatte und zu ihr herüberkam. Nick Santori, der heute noch den Boden unter ihren Füßen erbeben ließ, genau wie früher, als sie noch Teenager war.

Sie zwang sich, tief durchzuatmen und sich nicht von ihm aus der Fassung bringen zu lassen. Denn genau das hatte er einst getan … wie bei Glorias und Tonys Hochzeit, als sie eine vierzehnjährige Brautjungfer und Nick ein Trauzeuge des Bräutigams gewesen war. Er hatte sie durch den Mittelgang begleiten müssen, was dem damals achtzehnjährigen angehenden Marine sichtlich gegen den Strich gegangen war. Es war ein Tag gewesen, den sie vermutlich nie vergessen würde.

Aber nicht einmal diese peinliche Erinnerung half Izzie, ihre Gefasstheit wiederzugewinnen, als er näher kam. Seine dunklen Augen blickten unverwandt zu ihr herüber, als er sich einen Weg durch die Gästemenge bahnte.

“Hi”, sagte er, als er sie erreichte.

“Hi.” Es bereitete ihr eine gewisse Genugtuung, sich so gleichmütig und distanziert geben zu können, obwohl sich diesem Mann gegenüber auch heute noch wie die kleine, tollpatschige Izzie vorkam.

“Kann ich irgendwas für Sie tun?”

O ja. Zum Beispiel nackt mit ihr im Bett liegen …

Aber das würde ernsthafte Verwicklungen mit sich bringen. Ihre Schwester war mit Nicks Bruder verheiratet. Ihre Familien waren befreundet. Wenn sie Nick auch nur einen interessierten Blick zuwarf, würde die Nachbarschaft alles tun, um sie zu einem Paar zu machen, und dann eine ganze Fußballmannschaft dunkelhaariger italienischer Babys von ihnen erwarten.

Nein, danke. Das war nichts für Izzie. Sex mit Nick wäre ja großartig. Aber er wäre mit zu vielen Bedingungen verknüpft.

“Ich denke nicht”, erwiderte sie schließlich.

“Wer weiß. Warum sagen Sie mir nicht, was Sie möchten, und ich sehe, ob ich es Ihnen beschaffen kann?”

“Danke, aber ich habe bereits bestellt.”

“Ich meinte keine Pizza.”

Gott, war das … o ja. Das mutwillige Funkeln seiner dunklen Augen konnte nur bedeuten, dass er mit ihr flirtete!

“Oh”, war alles, was sie sagte.

“Möchten Sie sich nicht setzen, während Sie warten?”

“Nein, danke.” Mehr wagte sie nicht zu erwidern. Denn hätte sie mehr gesagt, wäre vielleicht so etwas Dämliches dabei herausgekommen wie: “Was hätte ich nicht dafür gegeben, wenn Sie mich früher als Teenager so angeschaut hätten”.

“Und wie wär’s mit einem Tisch?”

“Mit einem Tisch …?”

Wieder schenkte er ihr dieses sexy, selbstbewusste Lächeln, dem vermutlich nur sehr wenige Frauen widerstehen konnten. “Warum setzen wir uns nicht, während Sie warten?”

Gott, wie dumm sie war. “Nein, danke. Ich stehe hier sehr gut.”

Sie durfte nicht so streng mit sich sein. Schließlich hatte Nick Santori sie schon als Zehnjährige aus dem Konzept gebracht, als ihre Schwester Gloria begann mit seinem Bruder Tony auszugehen. Und obwohl Nick Frauen immer sehr gemocht hatte, hatte er sie noch nie so angesehen.

Schon gar nicht seit Glorias und Tonys Hochzeit, bei der sie während des obligatorischen Hochzeitswalzers über ihr weites, grauenhaftes Kleid gestolpert war, das ihre damals viel zu mollige Figur kaschierte. Ausgerechnet sie, die seit ihrem dritten Lebensjahr Ballettstunden genommen hatte, war gestolpert. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, hatte sie Nick auch noch von der erhöhten Tanzfläche mit sich gerissen und sie waren auf einem Tisch voller Gebäck gelandet.

Das war sooo peinlich gewesen.

Kandierte Mandeln waren in alle Richtungen geflogen, Izzie war mit dem Po auf einer Platte Cremetörtchen aufgekommen, mit ihren Ellbogen in Sahneschnitten, und ihr Kleid war bis zur Taille hochgerutscht, sodass alle den Hüfthalter hatten sehen können, den sie trug, um die Folgen ihrer übertriebenen Naschsucht zu verbergen.

Das Allerschlimmste jedoch war, dass Nick sich in ihrem Kleid verheddert hatte und direkt auf ihr gelandet war. Auf ihrer Brust … und zwischen ihren Beinen.

Sie hatte geglaubt, es wäre das erste und letzte Mal, dass Nick Santori zwischen ihren Beinen lag, was ihr damals nicht nur das Herz gebrochen, sondern auch einige hocherotische Fantasien in ihr entfacht hatte. Völlig überrumpelt von dieser unerwarteten, aber auch höchst willkommenen Begegnung, hatte sie ein bisschen zu lange damit gezögert, ihn aufstehen zu lassen. So lange, dass sich der Moment von hochnotpeinlich zu schockierend unanständig verlängert hatte.

Aber das war noch nicht alles. Zu Izzies Pech hatte der Videograf das Ganze auch noch aufgenommen und ein Meisterwerk geschaffen, das sie bis in alle Ewigkeit verfolgen würde.

Sie hatte sich zum Gespött gemacht. Alle hatten gelacht, geklatscht und sie noch Monate danach damit aufgezogen.

“Ich habe Sie hier noch nie gesehen”, brach Nick das Schweigen schließlich wieder.

“Ich komme ein paar Mal die Woche her.”

Er zuckte mit den Schultern. “Ich war lange fort.”

“In der Armee.”

“Richtig. Hier hat sich in den letzten zwölf Jahren viel verändert.”

“In gewisser Hinsicht schon”, stimmte Izzie zu und sah mindestens fünf Bekannte, die sie und Nick interessiert beäugten. “Trotzdem ist es aber immer noch die gleiche Kleinstadthölle.”

Nick lachte. “Da haben wir wohl einiges gemeinsam, denke ich.”

Sein Lachen machte sein Gesicht weicher und ihn selbst noch unwiderstehlicher, wie einige in der Nähe sitzende Frauen zweifellos bemerkten.

Nick war schon als Teenager sehr attraktiv gewesen, aber als dreißigjähriger, erwachsener Mann war er nahezu umwerfend. Izzie glaubte aber nicht, dass er sich innerlich verändert hatte. Ein Santori blieb ein Santori. Die Männer dieser Familie waren immer nett und gutherzig gewesen.

Wäre Nick es damals bei dem Vorfall auf der Hochzeit nicht gewesen, hätte sie ihre Schwärmerei vielleicht bereits früher überwunden und dieser Augenblick hier wäre nicht so schwierig. Sie hätte ihn in die Wüste schicken und daran erinnern können, dass er sie einmal ausgelacht und gedemütigt hatte. Nur hatte er das alles nicht getan, sondern war unheimlich nett gewesen, hatte ihr geholfen, aufzustehen, und ihr das Kleid wieder heruntergezogen, ohne auch nur den kleinsten Witz über ihre dicken Oberschenkel oder ihren grauenhaften Hüfthalter zu machen. Und dann war er wieder mit ihr auf die Tanzfläche gegangen und hatte mit ihr weitergetanzt, so als wäre nichts geschehen. Das einzig Ärgerliche war, dass er sie von da an Cookie genannt hatte.

Zum Glück war sie heute nicht mehr die kleine pummelige Naschkatze von früher und errötete und stammelte auch nicht mehr, wenn ein ...

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