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Ich will dein Leben

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. EINS
  9. ZWEI
  10. DREI
  11. VIER
  12. FÜNF
  13. SECHS
  14. SIEBEN
  15. ACHT
  16. NEUN
  17. ZEHN
  18. ELF
  19. ZWÖLF
  20. DREIZEHN
  21. VIERZEHN
  22. FÜNFZEHN
  23. SECHZEHN
  24. SIEBZEHN
  25. ACHTZEHN
  26. NEUNZEHN
  27. ZWANZIG
  28. EINUNDZWANZIG
  29. ZWEIUNDZWANZIG
  30. DREIUNDZWANZIG
  31. VIERUNDZWANZIG
  32. FÜNFUNDZWANZIG
  33. SECHSUNDZWANZIG
  34. SIEBENUNDZWANZIG
  35. ACHTUNDZWANZIG
  36. NEUNUNDZWANZIG
  37. DREISSIG
  38. EINUNDDREISSIG
  39. ZWEIUNDDREISSIG
  40. DREIUNDDREISSIG
  41. VIERUNDDREISSIG
  42. FÜNFUNDDREISSIG
  43. SECHSUNDDREISSIG
  44. SIEBENUNDDREISSIG
  45. ACHTUNDDREISSIG
  46. NEUNUNDDREISSIG
  47. VIERZIG
  48. EINUNDVIERZIG
  49. ZWEIUNDVIERZIG
  50. DREIUNDVIERZIG
  51. VIERUNDVIERZIG
  52. FÜNFUNDVIERZIG
  53. SECHSUNDVIERZIG
  54. SIEBENUNDVIERZIG
  55. ACHTUNDVIERZIG
  56. NEUNUNDVIERZIG
  57. FÜNFZIG
  58. EINUNDFÜNFZIG
  59. ZWEIUNDFÜNFZIG
  60. DREIUNDFÜNFZIG
  61. VIERUNDFÜNFZIG
  62. FÜNFUNDFÜNFZIG
  63. Epilog
  64. Danksagung

Über dieses Buch

Cornwall im Sommer 1986. Fasziniert beobachtet die sechzehnjährige Tamsyn ihre neuen Nachbarn: den attraktiven Mr. Davenport, seine wunderschöne Ehefrau und ihre schillernde Tochter Evie, die etwa in Tamsyns Alter ist. Als sich die ungleichen Mädchen schließlich kennenlernen, hat dies ungeahnte Folgen. Denn hinter dem scheinbar perfekten Familienidyll der Davenports verbergen sich dunkle Abgründe, und Tamsyns neidvoller Blick auf ihre Nachbarn wird immer mehr zur unheilvollen Obsession …

Über die Autorin

Amanda Jennings hat Kunstgeschichte an der Cambridge University unterrichtet und war beim BBC in der Produktion tätig. Sie hat bereits mehrere psychologische Spannungsromane geschrieben, von denen mehrere international veröffentlicht wurden und in den Kindle-Top-5 standen. Euer dunkelstes Geheimnis ist ihr neuester Roman und spielt in Cornwall, wo Jennings viel Zeit während ihrer Kindheit verbrachte. Heute lebt sie in Henley mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern.

AMANDA JENNINGS

ICH
WILL DEIN

LEBEN

ROMAN

Aus dem Englischen
von Christina Neuhaus

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Wenn man Glück hat, kann eine einzige Fantasie

eine Million Realitäten verwandeln.

Maya Angelou

Prolog

Du setzt dich hin und nimmst sie von deinem gewohnten Platz aus ins Visier.

Ich beobachte.

Mit meinem kleinen Fernglas.

Dort, wo du dich niedergelassen hast, ist das Gras flach gedrückt. Und da, wo du mit deinen Füßen gelegentlich vor und zurück scharrst, um die Zeit totzuschlagen, ist schon die nackte Erde zu sehen. Die lila Folie eines Schokoriegels, den du vor einer Woche hier gegessen hast, schimmert neben dir in dem sandfarbenen Gestrüpp. Traurig kreischende Möwen ziehen über dir ihre Kreise, hoch über den sich brechenden Wellen und der salzigen Gischt, kaum mehr als kleine Punkte am Himmel.

Wie ein Kalksteinmonolith erhebt sich das Haus auf der windgepeitschten Klippe. Manchmal stellst du dir vor, dass jemand, vielleicht Gott, es aus einem einzigen riesigen Marmorblock herausgehauen hat, glatt und weiß mit klaren Linien und schnurgeraden Kanten und riesigen Glasscheiben, auf denen sich Meer und Himmel wie auf einer Kinoleinwand widerspiegeln. Stolz und trotzig steht es da, ein Fremdkörper an dieser Küste, die geprägt ist von verwitterten Cottages, eingefallenen Minenschächten und aus trockenem Seegras und alter Angelschnur gebauten Bodennestern. Sein Herzschlag ist regelmäßig. Er wummert in deinen Ohren. Macht dich fast taub, während du verfolgst, wie sie wie Geister von einem Raum in den anderen schweben, um schließlich auf der Terrasse zu erscheinen, wo die ausgelassene Küstenbrise an Kleidern und Haaren zerrt.

Er setzt sich an den schmiedeeisernen Tisch. Du hältst den Atem an, während er seinen Drink in einem Glas mit Facettenschliff, in dem sich das Licht bricht, hin und her schwenkt. Es ist, als könntest du das Klirren der Eiswürfel hören, auch wenn dir klar ist, dass das unmöglich ist. Die Fantasie spielt dir einen Streich, denn du bist viel zu weit entfernt, um überhaupt etwas zu hören.

Obwohl du dir natürlich wünschst, es wäre anders.

Sie rückt ihre Sonnenbrille zurecht und hält das Gesicht in die Sonne, schließt die Augen wie eine Katze, die die Wärme genießt. Du siehst, wie sie auf der Gartenliege ein Stückchen herunterrutscht, dann ein Bein ausstreckt, bis ihr Fuß den Rand des schwarz gefliesten Swimmingpools berührt. Ihre Haut ist gebräunt und samten und erinnert an Karamell. Kurz stellst du dir vor, wie du sie mit der Zungenspitze berührst, um die sahnige Süße zu schmecken. Du erschauderst, als sie ihren Zeh ins Wasser taucht. Zarte Wellen breiten sich auf der tintendunklen Oberfläche aus, die farblich perfekt mit den altersgeschwärzten Felsen an der Küste Cornwalls harmoniert.

Du scannst das Haus. Das Fernglas drückt hart in dein Gesicht. Du schwenkst hinauf zu den Fenstern im Obergeschoss. Hinauf zum Schieferdach, das hier und da mit gelblichen Flechten gesprenkelt ist. Hinunter zu den riesigen Gunnerablättern, die den in lebhaften Farben erstrahlenden Garten teilweise überschatten. Eine Oase an dieser rauen, salzzerfressenen Steilküste.

Ich beobachte.

Du wendest dich wieder dem Mann zu. Dein Blick folgt dem Schwung seiner Schulter. Du studierst die Neigung seines Kopfes. Wie er das Glas mit seinen Fingern zu liebkosen scheint, während er sich ganz auf die Lektüre seiner Zeitung konzentriert. Er hat die Beine übereinandergeschlagen. Ein Fuß ruht auf dem Knie. Blaue Lederschuhe – die du so sehr magst – schmiegen sich um seine Füße wie Cinderellas Pantoffeln.

Etwas, das mit P beginnt.

Die Frau bewegt sich, was deine Aufmerksamkeit erregt. Verlagert ihr Gewicht, als sie ihren Körper streckt und den Rücken durchbiegt. Sie legt einen Arm über ihren Kopf, sacht streicheln ihre Finger etwas Unsichtbares. Unter dir donnern die Wellen gegen die Felsen, und ein salziger Geruch hängt in der warmen trockenen Luft. Zwei junge Klippenmöwen, durch deren Flaum sich die ersten richtigen Federn schieben, schubsen sich in sicherer Entfernung lautstark herum. Du schaust ihnen noch eine Weile zu, dann widmest du deine Aufmerksamkeit wieder der Terrasse.

Ihr und ihm.

Dem Haus mit den weißen Mauern.

»Mit meinem kleinen Fernglas beobachte ich etwas, das mit P beginnt«, flüsterst du.

Der Mann hebt sein Glas und nimmt einen Schluck. Die Frau fährt sich mit der Hand durch das honigblonde Haar.

Perfektion.

»Ich beobachte Perfektion.«

EINS

Heute

Ich lehne an der Arbeitsplatte und betrachte sie. Ihre Hand liegt locker auf dem Tisch. Sie sieht mich an, reglos, teilnahmslos. Würde ich sie nicht so gut kennen, wäre das zermürbend.

Es ist kühl im Haus, und ich reibe meine Arme, um mich ein wenig zu wärmen. Es freut mich zu sehen, dass sie gut ausschaut mit ihrem glänzenden Haar, der makellosen Haut und den leuchtenden Augen. Keine von uns sagt ein Wort. Die Stille ist nicht unbehaglich, aber ich weiß, dass sie nicht lange anhalten wird. Sie ist ja aus einem ganz bestimmten Grund gekommen.

Wie immer.

Unfähig, noch länger zu schweigen, sage ich: »Also dann, heraus damit.«

Sie hebt eine Augenbraue. »Ich habe mich gerade erinnert.« Ihre Stimme überrascht mich immer wieder aufs Neue, weich und melodisch klingt sie, fast singend.

»An den Sommer damals?«

»Ja.« Ihr Gesicht ist wie ein Mühlteich, der Ausdruck friedvoll und ruhig. Natürlich trügt der Schein. Unter der Oberfläche treibt ein wirres Knäuel aus Fragen und Gefühlen. »Aber meine Erinnerungen sind verschwommen, fast so wie ein verblassender Traum.«

Ich wende mich von ihr ab. Schaue aus dem Fenster. Ein Riss verläuft schräg übers Glas. In den Ecken hängen verstaubte Spinnweben. Der Lack am Rahmen blättert ab, und an den Kanten sind Rostflecken zu sehen. Zu gern würde ich es öffnen. Ein schwerer Schimmelgeruch hängt in der Küche, der mich fast würgen lässt, und ich bin keinesfalls sicher, dass ein geöffnetes Fenster viel daran ändern würde. Also lasse ich es geschlossen.

Der Himmel draußen hat eine Farbe wie ein alter Bluterguss. Tief und schwer hängt er über der Landschaft und kündigt ein Gewitter an. Schon klatschen die ersten Regentropfen gegen das Fenster, laufen in unregelmäßigen Bahnen an der Scheibe herunter und vereinigen sich zu immer breiteren Bächen. Ich schließe die Augen und höre das entfernte Echo von Edies Lachen. Mich an sie zu erinnern bringt den Geruch von Seegras zurück, das dort vor sich hin trocknet, wo die Springflut es zurückgelassen hat, den Salzgeruch des Tangs, der mit der Sommerbrise herangetragen wird, und das Gefühl der sonnenwarmen Terrasse unter meinen Füßen. Meine eigenen Erinnerungen sind kristallklar. Jede Einzelne von ihnen so scharf und lückenlos, als wäre alles erst von wenigen Stunden geschehen.

Edie und ich, wir sind uns am ersten Ferientag des Jahres 1986 begegnet. Bis zu jenem Moment kannte ich weder ihren Namen, noch wusste ich, wie sie aussah. Ja, ich wusste nicht einmal, dass sie existierte.

Aber ich wusste, wo sie wohnte.

Denn ich kannte das Haus auf der Klippe.

ZWEI

Tamsyn – Juli 1986

Als ich wach wurde, sprang ich sofort aus dem Bett. Es war der erste Tag der Ferien, und ich konnte es kaum erwarten, von hier zu verschwinden.

Ruhig lag das Haus da, die Stille, die mich umgab, war dick wie Erbsensuppe. Mum war schon bei der Arbeit, und mein Bruder befand sich in seinem Zimmer, hinter fest verschlossenen Türen. Ich wusste, er schlief noch, dazu musste ich nicht mal nachsehen. Schlafen war so ziemlich alles, was er tat, seit die Zinnmine geschlossen worden war. Auch Grandpa war auf seinem Zimmer. Obwohl es eigentlich nicht sein Zimmer war, sondern das von Mum und Dad. Aber nachdem mein Großvater bei uns eingezogen war, hatte Mum sich ein Klappbett ins Wohnzimmer gestellt. Sie wollte, dass er es gemütlich bei uns hatte. Wegen seiner Lungenkrankheit, erklärte sie. Ich weiß noch, wie der Mann von der Halde kam, um das Bett meiner Eltern abzuholen. Jago hatte es auf die Straße geschleppt, dann sahen wir drei zu, wie der Mann und sein Kumpel es auf den Laster wuchteten. Im Austausch gegen ein Sixpack Bier. Auch wenn Mum das Ganze nicht kommentierte, war ihr doch anzusehen, dass sie traurig darüber war. Aber, wie sie sagte, Grandpa brauchte den Platz, und ein Sessel nützte ihm mehr als ein Doppelbett.

Seine Tür stand einen Spalt weit offen, und da saß er in seinem Sessel, nachdenklich über ein Puzzle gebeugt, dessen Teile auf dem kleinen Tisch vor ihm verstreut waren. Ich beobachtete ihn ein paar Minuten, bereit zu lächeln, falls er mich bemerkte, aber er rührte sich kein bisschen, starrte nur unverwandt auf den Tisch.

Ich wandte mich ab und ging hinüber zu dem Wäscheschrank auf dem Treppenabsatz. Den benutzte Mum nun für ihre Sachen. Die früher darin aufbewahrten Laken und Handtücher hatte sie in einem Karton verstaut, der nun in einer Ecke von Grandpas Zimmer stand. Dann hatte sie die unteren Regalbretter herausgenommen und eine Kleiderstange in den Schrank eingebaut. Die bestand aus einer langen Kiefernstange aus dem Baumarkt, die sie mit unserer rostigen Säge auf die richtige Länge gebracht hatte. Damals dachte ich, dass sie das wirklich gut hingekriegt hat, wo sie doch nicht Dad ist.

Ich öffnete den Schrank und starrte auf die Kleider und die Schuhe, die sorgsam darunter aufgereiht standen. Auf dem obersten Brett lagen einige Schachteln, in denen Mum Gürtel und Ohrringe, ihre Wintermütze und einen Schal aufbewahrte. Ich fuhr mit den Fingern über die Kleider auf den Bügeln, genoss es, die unterschiedlichen Stoffe zu fühlen, während ich nach etwas Hübschem Ausschau hielt. Etwas Passendem.

Mein Blick blieb an ihrem Regenbogenkleid hängen, und ich lächelte. »Perfekt.«

Ein Schauer der Erregung erfasste mich, als ich das gute Stück mit ins Badezimmer nahm und hinter mir die Tür schloss. Ich ließ meinen Morgenmantel zu Boden fallen und schlüpfte in das Kleid. Zog es an den Hüften und der Taille glatt. Spürte, wie der Kreppstoff dabei rau über meine Haut strich. Mum bewahrte ihre Kosmetika in einer geblümten Kulturtasche auf. Diese stand auf einem metallenen Rollwagen unter dem Waschbecken gleich neben der Duschhaube, der Kordelseife, die niemand benutzte, und einer Flasche Oil of Olaz, die Jago und ich ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatten. In der Tasche fanden sich ein Döschen Kompaktpuder, den sie nie auflegte, eine eingetrocknete Mascara und ihr Lippenstift. Den nahm ich heraus und hob den Verschluss ab. Dann drehte ich das scharlachrote Innere aus der Hülse, hielt den Lippenstift an meine Nase und atmete tief ein. Der Geruch weckte Erinnerungen an eine Zeit, als ich noch jünger war und meine Eltern sich fein gemacht hatten, um vielleicht – wenn es eine besondere Gelegenheit war – zu dem Italiener in Porthleven zu fahren, den sie so sehr liebten. Ich stellte mir vor, wie Mum sich für Dad leicht im Kreis drehte, sah ihn mit leuchtenden Augen lächeln und ihr einen Kuss auf die Wange drücken. Sie war schmerzhaft, die Erinnerung an damals. Damals, als sich unser Haus noch wie ein Zuhause angefühlt hatte.

Zuhause.

Nicht mehr als eine Erinnerung. Undeutlich und verblassend. Ich betrachtete mich im Spiegel über dem Waschtisch und suchte nach dem zehnjährigen Mädchen, das an diesem einst glücklichen Ort gelebt hatte. Aber das war lange her. Ich holte tief Luft und strich mit der Fingerspitze über den blutroten Lippenstift, nahm etwas von der wachsartigen Substanz ab und verteilte einen Hauch davon auf meinen Lippen. Ich ließ den Lippenstift zurück in die Kosmetiktasche fallen und schloss den Reißverschluss. Dann bewegte ich mich hin und her, um das Regenbogenkleid zum Schwingen zu bringen, und stellte mir vor, wie mein Vater bei dem Anblick lächelte.

Ich ging nach unten und warf einen Blick ins Wohnzimmer. Ihr Bett hinter dem Sofa war ordentlich gemacht. Die gefaltete Zudecke und das Kissen lagen obenauf. Durch einen Spalt in den Vorhängen fiel ein Sonnenstrahl darauf. Ich ging weiter in die Küche. Auf dem Tisch standen zwei Tassen. Eine wies am Rand einen Hauch von Lippenstift auf, die andere nicht. Der Anblick machte mich wütend. Ich schnappte mir beide Tassen und ging zum Spülbecken. Dort öffnete ich den Wasserhahn, spritzte Spülmittel in jede Tasse und nahm den Schwamm zur Hand. Die ohne die Lippenstiftspuren bearbeitete ich am heftigsten. Wie hatte er es bloß in diese Küche hineingeschafft? Ich schrubbte, wollte jede Spur von ihm auslöschen, dann trocknete ich die Tassen ab und stellte sie zurück in den Schrank. Gleich darauf verteilte ich Bleichmittel auf dem Tisch und scheuerte sorgfältig jeden Zentimeter der Platte, jede Kante und jede Ecke.

Der stechende Geruch des Bleichmittels hing in der Küche, doch meine Gedanken kreisten schon wieder darum, von hier zu verschwinden. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und angelte nach der verbeulten alten Keksdose auf dem Kühlschrank. Darin befand sich der hauseigene Krimskrams, wie Mum die Sammlung immer nannte: Sicherheitsnadeln, Bleistiftstummel, ein paar verrostete Schrauben und Nägel sowie eine Reihe von Schlüsseln. Die kribbelnde Aufregung breitete sich von meinem Arm bis in meine Magengrube aus. Ich nahm den Schlüssel mit dem grünen Anhänger, schob ihn in die Tasche des Regenbogenkleides, stellte die Dose wieder an ihren Platz und schnappte mir meine Tasche vom Haken im Flur.

Als ich die Haustür hinter mir zugezogen hatte, entspannte sich jeder Muskel meines Körpers. Ich ließ unsere Straße hinter mir und machte mich auf den Weg zur Landspitze. Ich lächelte, als mir der Wind spielerisch das Haar ins Gesicht wehte. An diesem Tag hatte das Meer exakt die gleiche Farbe wie Grandpas liebster Guernsey-Pullover, dazu war es mit Diamanten aus Sonnenlicht gesprenkelt. Hoch über mir zog eine Handvoll Seemöwen ihre ausgedehnten Runden, ihre entfernten Schreie klangen geradezu frohlockend. Ein fast perfekter Tag.

Wie immer musste ich an meinen Vater denken. Es war mir unmöglich, diesen Weg zu gehen, ohne mich nicht daran zu erinnern, wie er mich auf unseren Spaziergängen zum Cape Cornwall an der Hand gehalten hatte. Oder wie ich oft fast rennen musste, um den Anschluss nicht zu verlieren. Noch immer sehe ich das Buch vor mir, das er stets in seiner Gesäßtasche bei sich trug. Das mit den vielen Eselsohren und dem Abdruck einer feuchten Teetasse auf dem Einband. Ich erinnere mich, wie er es hervorholte, sobald er einen Vogel erspähte, es rasch durchblätterte, bevor er mich zu sich heranzog.

Siehst du den da?

Er deutete auf den Vogel, und meine Wange berührte sein stoppeliges Gesicht. Der Vogel war mir egal, wichtig war nur das Gefühl, Dad nahe zu sein.

Ein Goldregenpfeifer.

Andächtig lauschte ich, während er mir alles zu dem Tier erzählte. Dass sein zoologischer Name aus dem Lateinischen – oder war es aus dem Griechischen? – stamme, weil sich die Regenpfeifer bei Wetterumschwung zusammenscharen. Nach seinem Tod ist auch der letzte Hauch von Interesse an Seevögeln mit ihm gegangen. Aber manchmal, wenn ich ihn am meisten vermisse, tue ich so, als hätte ich sie ebenso sehr geliebt wie er. Dann beobachte ich sie durch das Fernglas, wie sie auf den Felsvorsprüngen balancieren oder sich auf der Jagd nach Fischen kopfüber in die Fluten stürzen. Dann versuche ich, mich an ihre Namen zu erinnern, die Größe ihrer Population und die Farbe ihrer Eier.

Auf dem Parkplatz von Cape Cornwall standen nur vier Autos. Aber es war ja auch noch früh am Tag. Später würden hier die Wagen Stoßstange an Stoßstange stehen, alle mit einem National-Trust-Aufkleber an der Windschutzscheibe und wollenen Picknickdecken und Regenmänteln im Kofferraum. Ich bog auf den Küstenpfad ein und stieg hinauf zur Klippe, wo der Wind heftiger wehte und mir eine Gänsehaut bescherte. Ich schlang die Arme um meinen Körper und ärgerte mich, dass ich keinen Pulli mitgenommen hatte.

Durch die vielen Spaziergänger, die von Botallack zum Cape wanderten und dann in den seitlich mit Segeltuch geschützten und mit Sicherheitsleinen ausgerüsteten Ausflugsbooten nach Sennen Cove weiterfuhren, war der Fußweg ziemlich ausgetreten. Mein Körper vibrierte vor Erregung, als die saftigen Weiden zu meiner Linken in wildes Heideland übergingen. Das Violett des Heidekrauts, das Grün des Farns und das Gelb der stacheligen Ginsterbüsche lagen wie ein farbenfroher Teppich zu meinen Füßen. Als ich innehielt und die Augen schloss, konnte ich das Rascheln der Wühlmäuse hören. Sie versteckten sich wohl vor dem Sperber, der mithilfe der Thermik über uns seine Kreise zog.

Als der Fußweg eine scharfe Linkskurve machte, durchlief mich ein erwartungsvolles Prickeln. Noch vier Stufen bis zum steinernen Herzen. Ich zählte mit, die Augen starr auf den Weg vor mir gerichtet.

Eins. Zwei. Drei.

Vier.

Da war er, der Stein. Und er hatte tatsächlich die Form eines perfekt gearbeiteten Herzens. Grau und poliert lag er da, mitten in einem Bett aus Gras, das sich um ihn schmiegte wie das Meer um eine Insel. Ich stellte mich mit beiden Füßen darauf und hob langsam den Kopf.

Mir stockte der Atem.

Weiß schimmerte das Haus in der Sonne. Ein Leuchtturm auf den Klippen. Und wie immer traf mich seine Schönheit wie ein Schlag. Dann sah ich meinen Vater vor mir, wie er mit seinen langen Beinen den Weg entlangging, während er die Arme energisch im Rhythmus seiner Schritte schwang. Jetzt drehte er sich lächelnd zu mir um, winkte mich herbei.

Beeil dich!

Der Wind zerrte an seinem Haar und trieb ihm die Tränen in die Augen.

Ist das nicht wunderschön?

»Ja, das ist es, Dad.«

Als er sich wieder umwandte, um weiterzugehen, lächelte auch ich, dann verfiel ich in einen Trab, um mit ihm Schritt zu halten.

DREI

Tamsyn – Juli 1986

Über den grasbedeckten Abhang stieg ich weiter hinauf bis zu dem mit Flechten überwucherten Felsenkliff. Ich holte das Fernglas meines Vaters aus der Tasche, hängte es mir mit dem Lederriemen um den Hals und liebkoste das kühle Metall mit dem Daumen.

Das war unser Platz gewesen. Hierher hatte er mich immer mitgenommen, um das Meer und die Vögel zu beobachten. Ein Klippenvorsprung mit aufragenden Felsen, die uns vor Wind und Wetter schützten, und einem Blick bis zum weit, weit entfernten Horizont. Zu unserer Linken lag Sennen Cove, zu unserer Rechten das Haus auf der Klippe.

Und es war auch der Ort, wo meine Erinnerungen an ihn am stärksten waren. Genau hier sah ich ihn deutlich vor mir, in den lebendigsten Farben und in allen Details. Die Schweißflecken, die an manchen Stellen sein T-Shirt dunkel färbten. Die vereinzelten Tropfen, die auf seiner Stirn glitzerten. Ich konnte ihn sagen hören, wir sollten das Beste aus diesem Sonnentag herausholen, da sich das gute Wetter bestimmt nicht halten würde. Weil ein Sturm heranzog. Und wie ich so dasaß und das Haus beobachtete, konnte ich ihn wieder ganz nah bei mir fühlen.

Ist das nicht wunderschön, Tam?

Er sprang auf die Füße, nahm meine Hand und zog mich mit sich zurück auf den Pfad und zu dem Eisenzaun, der den Garten umgab. Als er sich anschickte, das Törchen zu öffnen, wich ich zurück.

Dürfen wir das denn?

Keiner da.

Bist du sicher?

Ich hob das Fernglas an meine Augen und checkte Haus und Auffahrt. Keine Bewegung, kein Licht, keine geöffneten Fenster. Auch kein Wagen, der vor dem Haus parkte. Ich ließ mir Zeit, um sicherzugehen, dass wirklich niemand da war. Dann verstaute ich das Fernglas wieder in meiner Tasche und ging zurück zum Fußweg.

Der weiß lackierte Zaun war hier und da mit Rost bedeckt, der sich in hellbraunen Schlieren am Metall heruntergefressen hatte. Ich lief bis zu dem Tor und schob es nur so weit auf, dass ich mich hindurchquetschen konnte, ohne dass es in den Angeln quietschte. Der weiche Rasen leuchtete smaragdgrün und war von einem Gärtner, der immer mittwochsnachmittags kam, zu einem typischen Streifenmuster gemäht worden. Und der nach seinem Eintreffen erst mal in die Büsche pinkelte, nicht ahnend, dass ich ihn dabei beobachtete. Die Rasenfläche reichte vom Tor bis zum Haus und war von prächtigen Blumenbeeten gesäumt, in denen Pflanzen in allen Farben wuchsen. Zwischen den Blüten schwirrten Insekten geschäftig hin und her. Einige der Gewächse hatte ich in Dads Buch Der umfassende Führer durch die Flora und Fauna von Cornwall und Devon nachgeschlagen und mir viele ihrer Namen eingeprägt. Keulenlilie, Grasnelke, rote und lilafarbene Mohnblumen, Neuseelandflachs, blühender Meerkohl und viele andere, an die ich mich nicht mehr erinnerte, wuchsen zwischen Bambusstauden und blauen Hortensiensträuchern. Es gab dekorative Farne, die eigentlich aus dem tropischen Regenwald stammten, Schmucklilien und Mammutblatt-Pflanzen mit riesigen Blättern, als wären sie geradewegs aus Alice im Wunderland hierher verpflanzt worden.

Als ich die Terrasse erreicht hatte, blieb ich stehen und schaute an dem Haus hinauf. Es schien mich zu umfangen wie eine wärmende Decke. Die Luft knisterte vor Elektrizität, und das Geschrei der Brachvögel drang an meine Ohren, als ich das salzbefleckte Weiß der Mauern und die geisterhaft vorbeiziehenden Wolken in den großen Fenstern in mich aufnahm. Laut Dad war das Gebäude zwischen den Weltkriegen von jemandem, der ein riesiges Tabakpflanzer-Vermögen geerbt hatte, in einem Stil erbaut worden, den man Art déco nannte. Der Mann hatte es seinerzeit seiner amerikanischen Frau, die eine Schwäche für Cornwall hatte, zum Geschenk gemacht. Schwer zu glauben, dass hier in St Just mal eine richtige Amerikanerin gewohnt haben sollte. Ich stellte mir vor, wie sie über diese Terrasse geschlendert war und dabei Amerikanisch gesprochen hatte. Eine Frau in weißen Slacks und mit silbernem Zigarettenetui wie eine Diva, wie Lauren Bacall.

Den größten Teil der Terrasse nahm der prächtige Swimmingpool ein. Er war rechteckig mit einer halbkreisförmigen Treppe am einen Ende und mit tiefschwarzen Mosaikfliesen gekachelt. Ich ging zum Rand des Beckens und trat mir hinten auf die Turnschuhe. Sofort glaubte ich, die mahnende Stimme meiner Mutter zu hören.

Trampel sie nicht an der Ferse runter. Mach die Schnürsenkel auf. Wir haben kein Geld für neue.

Die Steinplatten unter meinen Füßen waren warm. Ich stellte meine Tasche neben den Schuhen ab und starrte in den Pool. Das Wasser war spiegelglatt, nicht die kleinste Unebenheit war zu erkennen. Wie die Fenster des Hauses reflektierte es den Himmel wie ein schwarzer Spiegel. Als ich mich bückte und einen Finger eintauchte, hörte ich das Echo seiner Stimme. Sah, wie er mich anlächelte. Sah das Glitzern in seinen Augen. Kleine Wellen breiteten sich aus, wo ich die Wasseroberfläche berührt hatte. Nur kurz veränderte sich das Licht auf dem gekräuselten Wasser.

Einer ihrer Schals lag auf der Sonnenliege, die mir am nächsten stand, und ich hob ihn auf. Weich umschmeichelte die Seide meine Finger. Ich hielt ihn an mein Gesicht und holte tief Luft. Er roch nach ihrem Parfüm, ein schwerer Duft, unter den sich ein Hauch von Kokosnuss mischte, der von ihrem Sonnenöl stammte. Ich schlang mir den Schal um den Hals, so, wie ich es bei ihr hunderte Male gesehen hatte.

Immer wieder hatte ich das Haus der Davenports beobachtet, seit sie es vor zwei Jahren dem älteren Ehepaar abgekauft hatten, das nach Spanien gezogen war. Ich weiß nicht mehr genau, warum ich das erste Mal wieder zu dem Aussichtspunkt gegangen war, um es mir anzusehen. Bis zu jenem Tag hatte ich genau das immer vermieden, weil ich den Gedanken, hierher zurückzukehren, zu bitter fand. Zu viele Erinnerungen daran, was ich mit dem Tod meines Vaters verloren hatte. Aber irgendetwas hatte mich dann doch neugierig gemacht. Vielleicht lag es an den Gerüchten, die sich in St Just wie ein Lauffeuer verbreitet hatten. Ein berühmter Schriftsteller. Seine schöne, elegante Frau. Ein Londoner Paar, das seine exaltierte Lebensart nach West Penwith brachte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass mir, wenn jemand das Haus erwähnte, auch lebhafte positive Erinnerungen kamen. Was auch immer der Grund für meinen ersten Besuch war – ich wusste vom ersten Moment an, dass es nicht der letzte sein würde. In der Sekunde, da ich das Haus aus der Ferne sah, hatte es mich in seinen Bann geschlagen. Die Verbindung war noch immer da. Und als ich dann damit anfing, sie – Mr und Mrs Davenport – zu beobachten, wurde die Verbindung noch enger. Ich wurde mehr und mehr in ihr Leben hineingesogen. Zu dem Haus zu gehen wurde zu einer berauschenden Mischung aus Erinnerungen an meinen Vater und einer träumerischen Flucht aus der Wirklichkeit.

Inzwischen kannte ich die Routine der Davenports. Sie kamen nur an den Wochenenden. Meist reisten sie am Freitagnachmittag an und montagvormittags wieder ab. Sooft es ging, machte ich mich also freitags auf den Weg zum Aussichtspunkt, das Fernglas im Anschlag, und hoffte, schon bald das Röhren des Jaguars in der Auffahrt zu hören. Manchmal kamen sie auch nicht. Aber das konnte ich nie im Voraus wissen. Auch wenn Mum jede Woche dort hinging – ob sie nun da waren oder nicht –, hielten die Davenports es nie für nötig, ihr mitzuteilen, an welchen Wochenenden sie nach Cornwall kommen würden. Wenn sie nicht auftauchten, fühlte ich mich dermaßen im Stich gelassen, dass es fast körperlich wehtat. Ich war dann wie leer vor Enttäuschung.

An einem dieser verlorenen Tage beschloss ich zum ersten Mal, mich mutig in ihren Garten zu schleichen, so, wie ich es früher mit Dad getan hatte.

Das Adrenalin pumpte durch meinen Körper, als ich über den Rasen auf das Haus zuging. Bis zur Terrasse schaffte ich es allerdings nicht. Ich verlor die Nerven, wirbelte herum und rannte durch das Tor zurück auf den sicheren Fußweg. Als ich anhielt und nach Luft schnappte, zitterte ich am ganzen Körper, und ein unkontrolliertes lautloses Lachen schüttelte mich. Dieser Nervenkitzel wurde zu so etwas wie einer Droge für mich. Während die anderen Kids in der Schule Klebstoff schnüffelten oder Snakebite and Black tranken, um sich ihre Kicks zu holen, ging ich hinauf zum Haus auf der Klippe. Entweder um die Davenports zu beobachten oder um heimlich das Grundstück zu erkunden, je nachdem, worauf ich gerade Lust hatte.

Auch an diesem Tag verharrte ich eine Weile vor dem Fenster und beschirmte mit den Händen meine Augen, um noch einmal zu überprüfen, dass das Haus wirklich leer war. Das Wohnzimmer war so tadellos aufgeräumt wie immer. Kein Magazin, kein Abdruck, kein schief hängender Bilderrahmen. Ich musste an meine Mutter denken, die hier putzte und wienerte und alles so perfekt wie möglich arrangierte, bevor die Londoner wieder eintrafen. Ich tastete in meiner Tasche nach dem Schlüssel mit dem grünen Anhänger und schob ihn ins Schloss. Es folgte ein lautes Klicken, dann hielt ich inne und lauschte. Das einzige Geräusch war das Brummen des riesigen Kühlschranks in der Küche. Also trat ich ein und zog die Tür hinter mir zu.

Das Innere des Hauses sah aus, wie ich mir eine Kunstgalerie vorstellte. Eine kühle und stille Umgebung, großformatige Gemälde an den Wänden, hier und da ausgefallene Keramiken, in einer Ecke ein großer Klotz aus grauem Stein, der die angedeuteten Konturen eines Gesichts aufwies. Die Bilder waren riesige Leinwände ohne Rahmen oder Glas. Von dicken bunten Klecksen überzogene Flächen, die auf mich wirkten, als hätte jemand die Farbe aus einer Dose darauf ausgekippt, anstatt sie mit dem Pinsel aufzutragen. Alle Bilder waren mit dem Namen Etienne signiert, ein blauer schnörkeliger Schriftzug unten rechts. Um ehrlich zu sein, ich fand die Werke nicht so toll, aber was wusste ich schon? Ausgeschlossen, dass sich Leute wie die Davenports etwas an die Wände hängten, das nicht das Beste vom Besten war. Mir allerdings waren die Fotos lieber. Schwarz-weiße Makroaufnahmen von Körperteilen, die auf diese Weise aussahen wie Landschaften. Die Brust einer Frau wurde so zu einem Hügel, ein mit Wasser gefüllter Bauchnabel zu einem See in der Wüste.

Meine Schritte klangen gedämpft, als ich den Raum durchquerte. Die polierten Bodendielen glänzten wie mit Sirup überzogen. Durch die Tür des Wohnzimmers ging ich in die Küche, in deren Mitte die Arbeitsinsel stand. Darauf lag ein dekorativer Stapel mit Kochbüchern, deren Titel und Autoren ich mittlerweile auswendig kannte – Robert Carrier, Elizabeth David, Der F-Plan, Die vollständige Scarsdale-Diät. Daneben stand eine riesige Pfeffermühle, die genauso rot war wie der Hollywood-Lippenstift meiner Mutter. In gezierter Pose lehnte ich mich gegen die Arbeitsplatte, warf mein Haar zurück, raschelte mit meinem Kleid.

»Darling?«, durchbrach meine affektierte Stimme die Stille. »Ja, mein Liebes?« – »Ach, Darling, bring mir doch einen Martini, ja? Gerührt, bitte.« – »Natürlich, Liebes, sofort. Soll ich auch eins von diesen grünen Dingern reintun? Ich weiß doch, wie sehr du sie liebst.«

Ich gab ein trällerndes Lachen von mir, von dem ich annahm, dass es zu ihr passte.

»Ja, Darling, stimmt. Die liebe ich. Ach, ist es nicht heiß heute? So schrecklich heiß. Dem Herrn sei Dank für den Swimmingpool. Was würden wir bloß ohne ihn machen? Wir würden zu Tode gekocht, Darling. Absolut zu Tode gekocht.«

Er schmunzelte.

Mein Magen ballte sich zusammen, als er meine Hand nahm, sie dann zu seinem Mund führte und seine Lippen auf meine Haut presste.

Ich lächelte und ging zum Schrank, um ein Glas zu holen, und füllte es am Wasserhahn auf. Die letzten Tropfen fielen im Tempo einer immer langsamer tickenden Uhr auf die rostfreie Edelstahlspüle. Mit abgespreiztem kleinen Finger trank ich. Das tat ich in winzigen Schlucken, weil Leute wie die Davenports ihre Getränke nie und nimmer einfach so herunterstürzten. Nachdem ich das Glas ausgespült und an meinem Kleid abgetrocknet hatte, stellte ich es zurück in den Schrank. Dann ging ich durchs Wohnzimmer zurück und hinaus auf die Terrasse, wo die Hitze noch zugenommen zu haben schien.

Ich stolzierte herum wie ein Model auf dem Laufsteg, schwang beim Gehen die Hüften, setzte mit vorgerecktem Kinn einen Fuß vor den anderen. Ich löste den Schal, zog ihn von meinem Hals, genoss das Gefühl, wie er dabei fast liebkosend meine Haut streifte. Ich legte ihn genauso auf die Liege, wie ich ihn vorgefunden hatte, sah, wie eine kleine Brise den Stoff anhob und ihn ein wenig tanzen ließ. Ich ging zur Treppe des Swimmingpools und schaute wieder ins Wasser. Die Schwärze hatte etwas von einem toten TV-Bildschirm, und ich starrte eine Weile auf das Spiegelbild meines Gesichts. Stellte mir vor, ich triebe unter der Oberfläche dahin, den Blick zum Himmel gerichtet. Ich zog den Reißverschluss am Kleid meiner Mutter auf, ließ es zu Boden fallen, genoss die Brise auf meiner schweißfeuchten Haut.

In diesem Moment spürte ich, dass ich beobachtet wurde.

Ich fuhr herum, aber die Terrasse war leer, und das Haus lag still da.

Ich wartete. Mein Blick wanderte über die Fassade, suchte jedes einzelne Fenster ab. Nein, das hatte ich mir nur eingebildet.

Niemand zu Hause.

Eingedenk der versichernden Worte meines Vaters wandte ich mich wieder dem Pool zu. Stieg die erste Stufe hinab ins Wasser. Es war geheizt, aber nicht so sehr, dass mir keine Gänsehaut über den Körper kroch. Ich rieb mir die Arme und wartete, bis sich das Wasser unter mir beruhigt hatte. Als die Oberfläche wieder spiegelglatt vor mir lag, machte ich einen weiteren Schritt ins Becken hinein. Das wiederholte ich bei jeder weiteren Stufe und genoss das wachsende Gefühl der Ruhe, die mich dabei erfasste.

Ich stieß mich an der Wand ab, hielt den Kopf bewusst über Wasser und schwamm, so, wie sie es tat, mit hochgerecktem langen Schwanenhals. Meine Züge waren raumgreifend, doch gemächlich, und während ich meine Bahn durchs Wasser zog, konzentrierte ich mich ganz darauf, wie das kühle Nass meine Haut beruhigte. Am Ende des Beckens wendete ich, tauchte hinab in die Tiefe und schloss die Augen, als die totale Stille mich umfing. Ich hielt den Atem an und wartete auf das wohlvertraute Brennen in meinen Lungen. Wie immer erlaubte ich mir auch jetzt den Gedanken, einfach den Mund zu öffnen.

Ein Atemzug. Schnell und sanft. Und dann …

Als der drängende Schmerz zu mächtig wurde, stieß ich mich vom Beckenboden ab und schraubte mich nach oben. Mein Kopf durchbrach die Wasseroberfläche, ich holte tief Luft, sog gierig den Sauerstoff in meine Lungen.

Als ich die Stimme hörte, schrie ich erschrocken auf.

»Was zum Teufel hast du hier zu suchen?«

VIER

Tamsyn – Juli 1986

»Was zum Teufel hast du hier zu suchen?«

Mein Magen machte einen Satz.

Die Person stand mit dem Rücken zur Sonne, eine dunkle undeutliche Silhouette am Rand des Pools.

Mein Herz wummerte, als ich durch das Wasser auf die Stufen zuwatete.

»Ich … Es tut … Entschuldigung …« Die Worte wollten nicht so wie ich, und meine Stimme versagte gänzlich, als ich aus dem Swimmingpool kletterte. Mit den Händen versuchte ich meine Unterwäsche zu bedecken. Warum hatte ich zu Hause keinen Badeanzug druntergezogen? Warum musste ich in BH und Unterhose schwimmen gehen? Einer Unterhose, die alt und schlabbrig war und deren Stoff durchsichtig wurde, sobald er mit Wasser in Berührung kam. »Ich bin … ich …«

Panik verkleisterte meine Gedanken. Die Stimme war weiblich. Wer war sie? Heute war Donnerstag. Die Davenports kamen nie an einem Donnerstag hierher. Und wenn sie es doch war? Mrs Davenport? Ich konnte es nicht mit Gewissheit sagen, weil die Sonne mich blendete.

»Beantworte meine Frage.«

Ich bückte mich, klaubte mein Kleid vom Boden auf und hielt es mir unters Kinn, um meinen Körper zu bedecken.

»Ich bin sofort weg«, flüsterte ich. »Sorry. Tut mir leid.«

Sie antwortete nicht. Ein sanftes rhythmisches Klappern wurde auf der Terrasse laut. Die Hintertür war nur angelehnt, und der Wind ließ sie immer wieder sanft gegen den Rahmen schlagen. Alles in mir schrie: Lauf! Ich schaute hinunter Richtung Tor und Fußweg. Mein Weg in die Freiheit.

»Denk nicht mal dran.«

Als ich sie wieder ansah, verschwamm sie wie ein unscharfes Foto. Ich schluckte hart. Mein Hals war trocken, meine Handflächen schwitzten, mein Körper war wie betäubt vor schlechtem Gewissen und Angst. Als sie auf mich zukam, machte ich mich schon auf Mrs Davenport gefasst, aber vor mir stand nicht Mrs Davenport. Es war ein Mädchen in meinem Alter, vielleicht ein, zwei Jahre älter. Die Hände in die Hüften gestemmt und den Kopf leicht geneigt, starrte sie mich an. Ihre Augen waren stark geschminkt mit schwarzem Eyeliner, der an den Außenseiten pfeilspitzenartig nach oben gezogen war. Sie trug einen schwarzen Rock, der fast den Boden berührte, dazu ein schwarzes T-Shirt mit Löchern in den Ärmeln. Um ihren Hals lag eine dünne Lederkordel, die sie fast zu strangulieren drohte. Das weißblond gefärbte Haar war zu einem herausfordernd kurzen Bob geschnitten, der ein elfenhaftes Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen umrahmte. Sie strahlte eine aristokratische Selbstsicherheit aus, die mir den Atem stocken ließ. Meine Mutter hätte mir in diesem Punkt wohl widersprochen, hätte das Make-up des Mädchens ebenso kritisiert wie die Tatsache, dass sie erschreckend dünn war. Sie sieht aus wie eine Drogensüchtige, hätte Mum gesagt. Aber dafür war die Haut des Mädchens zu perfekt, zu porzellanhaft. Und die Augen waren zu klar. Ich wusste, welche Kids in der Schule Drogen nahmen. Ich erkannte sie an der Akne, den ausgemergelten Gesichtern und dem leeren Blick.

Nichts davon traf auf dieses Mädchen zu.

Sie sah mich an, als stünde ich zum Verkauf. Ich krümmte mich förmlich unter ihrem prüfenden Blick, war mir völlig darüber im Klaren, wie schwammig und ungepflegt mein Körper aussah. Scham überkam mich. Verzweifelt nestelte ich an dem Kleid herum, um noch mehr von mir zu verdecken.

Sie trug eine Reihe silberner Armreifen wie Madonna, die melodisch klimperten, als sie die Hände in die Hüften stemmte.

»Wer hat dir erlaubt, hier zu schwimmen?«

Mein Mund öffnete und schloss sich wieder, als ich versuchte, eine Erklärung zu liefern – irgendeine Erklärung, die meine Anwesenheit rechtfertigte. Ich dachte an meinen Vater. Versuchte, mir vorzustellen, welche elegante Ausrede er aus dem Ärmel geschüttelt hätte. Irgendwo über meinem Kopf, da war ich mir sicher, hörte ich einen Raben kreischen, und ein Schauder überlief mich.

»Um Himmels willen«, sagte sie und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf die Steinplatte. »Zieh doch das Kleid an, wenn dir so kalt ist.«

Einen Moment lang rührte ich mich nicht, dann drehte ich ihr den Rücken zu und schüttelte das Kleid aus, während ich die Tränen der Demütigung herunterschluckte. Ich konnte ihren Blick auf mir spüren, als ich mich bückte und in das Kleid stieg. Der Stoff klebte auf meiner feuchten Haut, weshalb ich fest daran zerrte und dabei riskierte, das empfindliche Material zu zerreißen. Ich zog den Reißverschluss hoch und drehte mich wieder zu ihr um. Mein nasses Haar tropfte mir in den Nacken, und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht zu weinen.

Das Mädchen hob eine dunkle und perfekt gezupfte Augenbraue. »Wenn du nicht bald redest, rufe ich die Polizei und lasse dich festnehmen.« Sie sprach, als käme sie aus reichem Elternhaus. »Also, wer bist du, und was hast du hier zu suchen?«

Ich war unerlaubterweise hier eingedrungen, und Mum würde ihre Stelle verlieren. Mir wurde schlecht, als ich mir vorstellte, wie sie am Küchentisch saß, ein tränennasses, zerknülltes Stück Toilettenpapier in der Hand, während sich um sie herum die Mahnschreiben stapelten.

»Ich bin … Ich …« Wieder versagte meine Stimme.

Das Mädchen wirkte irritiert. »Ja?«

Etwas erweckte meine Aufmerksamkeit. Eleanor Davenports Seidenschal flatterte in einer Windbö, wurde ein Stück von der Sonnenliege gehoben, als wolle er, genau wie ich, schleunigst von hier entkommen. Ich sah wieder zu dem Mädchen. Ihre Augen verengten sich. Sie verlor zusehends die Geduld.

»Meine … Mutter …«

»Was? Sprich lauter, Herrgott noch mal!«

»Meine Mutter«, sagte ich. »Sie … macht hier sauber. Sie ist … die Putzfrau. Ich denke … Ich meine, sie hat gesagt … sie hätte ihren Schal hier vergessen und … hat mir den Schlüssel gegeben.« Ich zog den Schlüssel mit dem grünen Anhänger aus der leicht klammen Tasche des Kleides und hielt ihn hoch, als wäre dieses kleine Stück Metall so eine Art Passierschein. »Ich hab ihn gesucht. Den Schal, meine ich, konnte ihn aber nicht finden. Ich wollte schon wieder gehen und … Na ja, es war so heiß …« Meine Stimme bebte, und der Anflug von Mut welkte dahin. »Und der Pool … Ich dachte, es wäre niemand … Es tut mir leid.«

Das Mädchen mit den wasserstoffblond gefärbten Haaren schwieg, und es schien mir wie eine Ewigkeit. Unbehaglich trat ich von einem Bein aufs andere, hoffte inständig, dass sie mich einfach davonjagen und es bei einer scharfen Verwarnung bewenden lassen würde.

»Mit wem hast du gesprochen?«

»Was?« Mein Hals war wie ausgedörrt, weshalb meine Stimme sehr heiser klang.

»Als du ins Haus eingedrungen bist, um den Schal zu suchen. Ich hab dich reden hören. Ist noch jemand hier?« Ihr Blick zuckte von mir zum Haus und wieder zurück.

Meine Wangen wurden heiß. »Nein … Es ist … niemand außer mir hier. Ich … Ich hab … nur mit mir selbst geredet.«

»Wie seltsam.«

Sie drehte sich um und ging auf die Hintertür zu. War das das Signal für meinen Aufbruch? War ich entlassen? Während ich mich noch fragte, ob ich gehen sollte oder nicht, drehte sie sich zu mir um. »Denk nicht mal dran, von hier zu verschwinden. Wenn du dich auch nur rührst, wird es dir leidtun.«

Mein Magen verhärtete sich zu einem steinharten Klumpen. Wer war sie? Warum war sie hier? Aber ich tat, was sie wollte, und stand reglos da, während sich unter meinen Sohlen der Schweiß sammelte. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass auch sie hier eingedrungen sein könnte und dass wir beide durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals ungebeten zur selben Zeit aufgetaucht waren. Vielleicht war ich ja nicht das einzige Mädchen, das das Haus von einem sicheren Platz aus beobachtet hatte und immer dann herkam, wenn niemand da war.

Kein abwegiger Gedanke, wie ich fand. Mein Verstand schien sich zu klären. Wer auch immer sie war, warum auch immer sie hier war, das Wichtigste war jetzt, sie zu überzeugen, den Davenports nichts zu sagen. Wenn Mum ihre Arbeitsstelle verlor, würde sie noch mehr Stunden in dieser verdammten Pommesbude schuften müssen oder, schlimmer noch, Sozialhilfe beantragen müssen. Und ich wusste, sie würde lieber sterben, als das zu tun.

Das Mädchen erschien wieder auf der Terrasse. Sie hielt zwei Flaschen und einen Öffner in den Händen.

»Mir gefällt dein Kleid«, sagte sie, während sie auf mich zukam.

Da ich nicht sicher war, ob ich richtig gehört hatte, schwieg ich.

»Wo hast du es her?«

»Mein Kleid?«

Sie sah mich an, als wäre ich irgendwie zurückgeblieben. »Ja doch, dein Kleid

»Das gehört meiner Mutter. Aus den Sechzigern. Sie hat es bei einem Rolling-Stones-Konzert getragen.«

»Retro?« Ihre Augen blinzelten langsam. »Très chic.«

Ich lachte nervös und stellte einmal mehr erstaunt fest, wie hübsch sie war. Nicht hübsch wie Alice Dales oder Imogen Norris – die mit ihren hochgepushten Brüsten und knallengen Röcken als die hübschesten Mädchen der Schule galten. Nein, dieses Mädchen war eine klassische Schönheit, so wie Prinzessin Di, sofern Prinzessin Di sich die Augen schwarz schminken, hundert Armreifen und ein Silberpiercing in der Nase tragen würde, versteht sich.

»Très cool«, meinte sie.

Ich schaffte es zu nicken.

»Kannst von Glück sagen, dass du so ’ne coole Mutter hast. Meine«, sagte sie bedächtig, »ist sehr, sehr uncool.«

Ich musste an das Foto meiner Eltern denken, das, bei dem auf der Rückseite stand: Angie und ich. Odeon Theatre. Guildford, März 1965.

Auf diesem Bild hatte Mum das Regenbogenkleid an. Damals war sie siebzehn gewesen, noch nicht lange verlobt und bis über beide Ohren verliebt. Ihre Haare wurden von einem dicken roten Tuch zusammengehalten, die Augen hatte sie katzenartig mit Eyeliner betont, Lippen und Haut waren eher blass, wie es damals Mode war. Mein Vater trug ein weißes Hemd und einen schmalen schwarzen Schlips. Das Haar war zurückgekämmt, und er hielt lässig eine Zigarette in der Hand. Kurz schloss ich die Augen und erinnerte mich daran, wie er mich in den Schlaf gesungen hatte und ich den Zigarettenrauch auf seiner Haut riechen konnte.

»Möchtest du was trinken?« Sie deutete auf die Flaschen in ihrer Hand. Coca-Cola – the real thing, in genau den kurvigen dickwandigen Glasflaschen, die im Fernsehen immer von strahlenden Amerikanern mit Zahnpastalächeln in die Kamera gehalten wurden.

»Wer bist du?«

Sie machte nicht den Eindruck, als hätte sie mich gehört. Vielleicht hatte ich zu leise gefragt. Sie ging zu dem schmiedeeisernen Tisch und stellte die Flaschen darauf ab, öffnete sie eine nach der anderen, wobei die Colas ein lautes Zischen von sich gaben. Sie warf die Kronkorken auf den Tisch, einer purzelte mit einem blechernen Geräusch auf die Steinplatten.

»Ich denke, ich sollte jetzt gehen.«

»Wenn du gehst, sag ich meiner Mutter, dass du in unser Haus eingebrochen bist und ich dich dabei erwischt hab, wie du gerade ihren Schmuckkasten durchwühlst.«

Ein Grauen erfasste mich, so stark, dass mir schlecht wurde.

»Deine Mutter?« Ich verstand nicht. Sie hatten doch keine Tochter. Mum hatte dergleichen nie erwähnt. Nichts im Haus wies darauf hin, dass die Davenports Eltern waren. Keine Fotos, keine Kleidung, keine Poster in den Schlafzimmern. Log sie?

»Ja. Meine Mutter. Leider.« Sie setzte sich auf einen der Stühle, legte ihre nackten Füße auf die Tischplatte und schlug sie übereinander. Noch nie hatte ich purpurfarben lackierte Zehennägel und Menschen mit Zehenringen gesehen, aber sie trug derer drei, und ihre Fußnägel hatten die Farbe reifer Pflaumen.

»Sind deine Eltern auch hier?« Meine Stimme zitterte. Warum war ich nur so leichtsinnig gewesen? Wie dumm konnte man eigentlich sein?

»Meine Mutter ist einkaufen, und mein Vater lässt irgendwas am Jag machen. Einen Reifen oder was weiß ich. Jedenfalls irgendwas Langweiliges. Meine Mutter wird schon jetzt ’ne Stinklaune haben, weil sie wieder nichts gefunden hat, was sich zu kaufen lohnt, und sich darüber aufregen, dass Cornwall im Mittelalter stecken geblieben ist und sich einmal mehr fragen, warum man Chelsea überhaupt verlassen sollte.«

»Meine Mum darf ihren Job nicht verlieren«, wisperte ich.

Einen Moment lang starrte sie mich ausdruckslos an, doch dann schien sich ihre Haltung zu lockern.

»Entspann dich.« Ihre Stimme hatte jede Schärfe verloren. »Musst dir keine Sorgen machen. Ich werde ihnen nichts sagen. Ist mir doch scheißegal, ob du im Pool schwimmst oder nicht. Ich meine, warum auch nicht. Ist ja schließlich verdammt heiß heute.«

Ich hätte vor Erleichterung weinen mögen.

»Komm schon, bleib noch ein bisschen. Ich sterbe hier fast vor Langeweile. Du kannst ja gehen, bevor sie zurückkommen.« Sie schob mir eine der Flaschen zu. »Trink ’ne Cola.«

»Ich hab noch nie ’ne echte Cola getrunken, nur das Zeug, das sie im Wimpy servieren.« Und selbst das hatte ich nur einmal probiert, aber das sagte ich ihr nicht.

Sie zog die Brauen zusammen, dann erschien ein amüsiertes Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie schnappte sich die Flasche, die ihr am nächsten stand, und hob sie an ihre Lippen. Scharf zog ich die Luft ein, so ähnlich war sie in diesem Moment Mrs Davenport. Wie ich sie so anstarrte, fielen mir weitere Übereinstimmungen zwischen dem Mädchen und seinen Eltern auf. Ihr Gesicht hatte die gleiche Form wie seins. Der sanft geschwungene Nacken war genau wie bei ihr. Wie dumm, dass mir das nicht gleich aufgefallen war. Wie dumm, dass ich sie nicht gleich erkannt hatte. Ihre Tochter. Ihr Haus. Eine irrationale Eifersucht durchzuckte mich wie ein Stromschlag.

Das Mädchen beschirmte die Augen vor der Sonne und sah zu mir auf. »Um Himmels willen, jetzt setz dich doch endlich!« Sie trat gegen einen leeren Stuhl, der mit einem knirschenden Geräusch über die Steinplatten schrammte.

Ich gab mir einen Ruck und ging auf sie zu. Am Tisch blieb ich zögernd stehen und fragte mich, ob das wohl so etwas wie eine Falle war. Ob sie mich, sobald ich mich gesetzt hatte, auslachen würde: »Ha, was für eine Idiotin! Als ob jemand wie du sich mit jemandem wie mir an den gleichen Tisch setzen könnte!«

Aber sie sagte nichts dergleichen. Wieder lächelte sie.

Als ich mich hinsetzte, nahm ich einen Hauch ihres Parfüms wahr. Im gleichen Moment musste ich an Truro denken. An das dortige Einkaufszentrum, um genau zu sein. Ich sah meine Mutter im Body Shop die diversen Flaschen und Sprays testen. Sah, wie sie die Verschlüsse abhob und sich den einen oder anderen Duft aufs Handgelenk sprühte. Dann auf meins. Und das, ohne sich um den gestrengen Blick der Dame hinter dem Verkaufstresen zu scheren.

»White Musk.«

»Bitte?«

Hatte ich das etwa laut gesagt? »Dein Parfüm«, erklärte ich schnell. »Das ist White Musk.«

»Du bist schon ziemlich seltsam, oder? Aber das ist nicht schlimm. Ich steh auf seltsam.« Sie blies nach oben über ihre Stirn. »Mann, ist das heiß.« Sie hob das T-Shirt an und wedelte sich damit Luft zu.

Dann verfielen wir in Schweigen. Sie schien es nicht zu stören, aber ich fühlte mich irgendwie unwohl dabei. Als das Ganze zu unbehaglich wurde, wandte ich den Blick ab und sah hinaus aufs Meer. Der Wind hatte weiße Schaumkronen auf die Wasseroberfläche gezaubert, und am Horizont konnte ich ein kleines Boot erkennen. So weit weg. Kaum mehr als ein Punkt. Ich musste an den Tag denken, an dem mein Vater starb. Wie schnell das Wetter umgeschlagen, wie schnell Sonnenschein und blauer Himmel zu strömendem Regen und tückischem Wellengang geworden waren. Das Echo eines Donners hallte in meinen Ohren wider, als ich mich daran erinnerte, wie ich vergeblich seine Beine umklammerte, als er im Begriff war, die Sicherheit unseres Hauses zu verlassen.

»Ich heiße übrigens Edie.« Erwartungsvoll sah sie mich an. Als ich nichts erwiderte, wurde ihre Miene gelangweilt.

Du liebe Güte, sag was. »Gefällt mir.«

»Was?«

»Dein Name. Er gefällt mir.«

Einen Moment lang starrte sie mich verblüfft an, dann brach sie in Gelächter aus. Es klang wie die Glöckchen an einem Winterschlitten. Sie legte den Kopf in den Nacken und entblößte damit ihre Kehle. Blass und elegant. Mir wurde bewusst, wie verletzlich dieser Teil von ihr in diesem Augenblick war. Rasch verbannte ich den Gedanken daran, meine Hände um ihren Hals zu legen und so lange zuzudrücken, bis sich die ach so weiße Haut rot färbte.

Ich hoffte, sie würde mir erklären, was so komisch war, doch vergeblich. »Meine Mutter hat ihn für mich ausgesucht«, sagte sie. »Ist die Kurzform von Edith. Nach Édith Piaf. Eleanor fand den Namen wohl glamourös. Alles und jedes à la France est très glamoureux, chérie, meint jedenfalls maman

Der Akzent, mit dem sie das sagte, erinnerte mich an meine Französischlehrerin. Madame Thomas stammte aus Widemouth Bay, wurde aber fuchsteufelswild, wenn man ihren Nachnamen nicht »Toh-maah« aussprach. Der Gedanke an die lächerliche Madame Toh-maah ließ mich mutiger werden, sodass ich ihr Lächeln erwiderte.

»Und du?« Edie Davenport hob die Flasche, schwenkte sie und beobachtete, wie die Cola darin von einer Seite zur anderen schwappte.

Ich zögerte. Sollte ich mir einen Namen ausdenken? Mir was très glamoureux einfallen lassen? So was wie Esmeralda. Oder Ruby. Oder Anastasia.

»Mein Gott.« Sie verdrehte die Augen. »Das ist doch nun wirklich nicht schwierig. Jemand nennt dir seinen Namen, fragt dich nach deinem, und du antwortest. Hat dir denn deine Mutter zwischen ihren Putzjobs keine Manieren beigebracht?«

Edie fegte sich etwas vom Knie, eine Fliege vielleicht. Ich bemerkte, wie makellos ihre Beine waren. Haarlose weiße Haut. So weiß wie die einer Porzellanpuppe. Bis auf die Fußsohlen. Die waren so zartrosa wie das Innere eines Katzenöhrchens. Ich dachte an meine eigenen Beine, die von den Fesseln bis zu den Oberschenkeln mit von der Sonne gebleichten Härchen überzogen waren. Die Haut hier und da aufgeritzt von Brombeerbüschen und gesprenkelt mit Blessuren unbekannter Herkunft. Die Fußnägel rau und viel zu lang.

Edie räusperte sich und hob die Augenbrauen, während sie an ihrer Coke nuckelte. Dabei ließ sie mich nicht aus dem Blick.

Rede. »Tamsyn.«

»Tamsyn.« Sie rollte meinen Namen in ihrem Mund herum wie die Cola. »Ja, der perfekte Name für eine Diebin.«

Mein Magen zog sich zusammen. »Nein! Ich bin keine Diebin. Ich war hier, um …«

»Ja, ja«, winkte Edie ab. »Wegen des Schals der Putzfrau. Ich weiß.«

»Ich sollte jetzt gehen.« Meine Stimme bebte, und als ich den Blick senkte, sah ich, dass sogar der Saum meines Kleides erzitterte.

»Das geht nicht. Hab deine Flasche schon aufgemacht.« Sie deutete auf die zweite Cola auf dem Tisch. »Und schon wieder bist du unhöflich.«

»Unhöflich?«

»Ja, unhöflich. Ich hab dich eingeladen, dich mit mir hierherzusetzen, aber das hast du nicht getan. Das ist unhöflich

Ich ließ mich rasch wieder auf den Stuhl sinken, denn unhöflich wollte ich nun wirklich nicht sein. Sie schenkte mir ein halbherziges Lächeln und setzte wieder die Flasche an. Ich hätte alles gegeben, um nur einen Bruchteil ihres Selbstvertrauens und ihres Benehmens zu haben. Um zu besitzen, was sie besaß – einschließlich der Lässigkeit ihres Vaters und der Eleganz ihrer Mutter.

Auch wenn die Stille auf uns lastete wie ein tonnenschweres Gewicht, schien Edie das ganz und gar nicht zu stören. Mich schon. So gern hätte ich etwas gesagt, aber es war, als wären meine Lippen wie zugenäht. Ich stellte mir vor, wie ich versuchte, meinen Mund zu öffnen, und die Fäden meine Lippen blutig rissen.

Mit den Fingern strich ich über die Außenseite der Flasche, ertastete jede Erhebung und spürte das Kondenswasser unter meinen Fingerspitzen.

»Probier mal.«

Ich nahm einen Schluck. Blasen explodierten auf meiner Zunge, und die klebrige Süße ließ mich unwillkürlich grinsen.

Sie verlagerte ihr Gewicht auf dem Stuhl und stellte die Beine wieder auf den Boden. »Bist du schon mal hier geschwommen?«

»Nein.« Heiß durchflutete die Lüge meinen Körper. Ich musste an meinen Vater und mich in eben diesem Pool denken. Wie seine Arme mich umschlungen hielten. An die Tropfen in seinen Wimpern, die geglitzert hatten wie winzige Perlen. »Ich wusste nicht, dass sie eine Tochter haben«, sagte ich, um von meinem illegalen Eindringen abzulenken. Das Thema auf Edie zu bringen war sicherer. Fragen zu stellen war gut. Ich musste einfach nur Fragen stellen.

Die Feststellung schien sie zu amüsieren. »Also weißt du eine ganze Menge über sie?«

Ich schüttelte den Kopf. Wieder eine Lüge. Ich wusste viel. Wusste, welche Zeitung er las, welche Marken sie trugen, wie er sich hinsetzte, wenn er auf seiner Schreibmaschine tippte. Ich wusste, dass sie ihren Liegestuhl fortwährend nach der Sonne ausrichtete und dass er den Himmel absuchte, wann immer der Schrei eines Sperbers ertönte. Ich wusste, dass sie Lebensmittel vergammeln ließen. Dass schwarz gewordenes Gemüse neben sauer gewordener Milch im Kühlschrank zurückgelassen wurde. Und dass das Brot in dem glänzenden Brotkasten aus Stahl vor sich hin schimmelte. Ich wusste, dass sie nie das Bett machten, bevor sie nach London zurückkehrten, und ich wusste, wo die Laken lagen, die meine Mutter für sie wechselte. Ich wusste, welche Bücher auf seinem Nachttisch aufgetürmt waren, wie ihre Nachtcreme roch und wie weich sich ihr seidener Morgenmantel an meiner Wange anfühlte.

Edie trank den letzten Schluck aus ihrer Flasche. »Würde mich ehrlich gesagt wundern, wenn irgendwer wüsste, dass sie eine Tochter haben. Sie wissen’s ja selbst kaum noch. Haben mich sogar ins Internat gesteckt, damit sie nicht darüber nachdenken müssen.«

»In ein Internat?«

Edie nickte.

Vor meinem geistigen Auge erschien ein riesiges Gebäude in gotischem Stil, wie man es aus den Dolly-Büchern kannte. Ein Institut mit Hockey-Turnieren und mitternächtlichen Festen, einem getäfelten Speisesaal, in dem hunderte identisch aussehende Mädchen um die Tische herumsaßen und Suppe von silbernen Löffeln schlürften.

»Das muss toll sein.«

»Es ist ätzend. Ich hasse es. Jedes, aber auch jedes Mädchen dort ist eine Zicke, und die Lehrer sind einfach Idioten. Praktisch jeder dort hasst mich, und ich hasse sie.« Sie verdrehte die Augen. »Die Rektorin meint, ich mache nur Ärger. Unerzogen und schwierig sei ich. Aber«, sie hielt inne und lehnte sich vor, »was zum Henker weiß diese Ziege denn schon über mich? Einen Scheiß!«

Ich musste lächeln, und endlich fiel die Anspannung von mir ab, die ich verspürt hatte, seit sie plötzlich aufgetaucht war.

Mit durchdringendem Blick sah sie mich an. »Aber du … Du hasst mich doch nicht, oder?«

»Nein«, sagte ich schnell. »Überhaupt nicht.«

Sie lehnte sich wieder auf ihrem Stuhl zurück. »Egal«, sagte sie. »Wahrscheinlich ist’s auch besser, dass mich die Alten ins Internat abgeschoben haben. Sonst könnte ich noch auf den Gedanken kommen, sie umzubringen. Ihn vielleicht nicht, aber sie auf jeden Fall.«

Sie lächelte mich an, und ich lächelte zurück, und in diesem Moment wurde das unsichtbare Band der Freundschaft zwischen uns geknüpft.

»Wo gehst du denn zur Schule?«

»In die Gesamtschule hier. Ein Saustall.«

»Ich gäbe was drum, auf so eine Schule zu gehen. Internat ist total uncool. Auf einer Gesamtschule ist es bestimmt geil. Schätze, da muss man sich nicht mal groß anstrengen, was? Unsere Lehrer sind besessen von Noten, und die Mädchen verbringen die meiste Zeit mit Komasaufen und Kotzen. Du hast echt Glück.«

Ich musste an meine Schule denken. An die Lehrer, die vom Lärm in den Klassen übertönt wurden, an die ständig kaputten Toiletten, an den Gestank in der Mensa …

»Wie auch immer«, sagte Edie, »ich bin in den Ferien praktisch hier eingesperrt und langweile mich zu Tode. Bleibst du den Sommer über in Cornwall?«

Ich fragte mich, was sie wohl dachte, wo ich meine Ferien verbrächte. In Frankreich vielleicht? Oder in einem dieser Schüleraustausch-Programme? Oder in New York, Tokio oder Indien? Ich antwortete nicht sofort, genoss die kostbaren Sekunden, in denen Edie Davenport womöglich annahm, ich hätte ein spannendes Leben außerhalb von St Just.

Als die Stille unbehaglich wurde, nickte ich. »Ja, ich werde die ganze Zeit hier sein.«

»Und vermutlich hast du keine Freunde?«

Ihre Frage, vielmehr ihre Feststellung haute mich aus den Socken. Ich öffnete den Mund, um zu widersprechen, tat es jedoch nicht. Immerhin hatte sie ja recht.

»Gut«, erwiderte sie begeistert. »Dann sollten wir uns zusammentun, du und ich. Wir werden Ferien-Freundinnen. Das wird bestimmt lustig.«

Ferien-Freundinnen? Der Gedanke ließ meine Haut kribbeln.

»Ich meine, jetzt mal im Ernst«, rief sie. »Der Gedanke, hier sechs Wochen festzusitzen und niemanden zum Reden zu haben, ist doch unerträglich!«

Ich sah hinüber zum Haus und fragte mich, ob es auf diesem Planeten einen Ort geben könnte, an dem ich lieber festsitzen wollte.

Edie seufzte ungeduldig. »Also? Was sagst du? Bist du dabei?« Sie klang leicht verunsichert. Mir wurde bewusst, dass sie mein Schweigen als Desinteresse interpretieren könnte, also nickte ich rasch.

Wie aus dem Nichts blies uns plötzlich eine Bö ins Gesicht. Staub und ein wenig Laub aus dem Vorjahr wurden auf der Terrasse aufgewirbelt. Wieder fiel mein Blick auf den Schal von Eleanor Davenport, der flatternd in die Luft gehoben wurde. So schnell, wie er aufgekommen war, legte sich der Wind, und der Schal sank auf die Wasseroberfläche des Pools herab. Der Stoff wurde dunkel, als er sich vollsog, dann sank der Schal in die Tiefe, wo er so reglos hängen blieb, als wäre er in Aspik eingelegt.

Während ich noch den Schal betrachtete, zerriss ein Krächzen die Stille. Ich erkannte es sofort. Unwillkürlich fuhr ich zusammen, griff instinktiv nach der schmiedeeisernen Tischplatte und streifte dabei mit der Hand meine Colaflasche. Sie fiel um, und die braune Flüssigkeit tropfte durch das filigrane Lochmuster auf die Steinplatten.

»Oh, es … Entschuldigung …« Schnell stellte ich die Flasche wieder hin, während meine Augen nach dem Raben suchten, von dem ich wusste, dass er hier irgendwo ganz in der Nähe lauerte.

Mir brach der Schweiß aus, und meine Haut fing an zu jucken. Mein Blick huschte über den Rasen, die Bäume, den Eisenzaun.

»Ich muss jetzt gehen.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja. Mein Großvater. Ich muss zurück, um nach ihm zu sehen. Es geht ihm nicht besonders gut.« Ich hob den Kopf, suchte den Himmel und das Hausdach ab. Dann stieß ich erleichtert die Luft aus. Da war er. Der Rabe hockte auf der Regenrinne. Das schwarze Federkleid war zerzaust durch den Wind, der vom Meer herüberblies. Wieder krächzte er, und das Geräusch schnitt in mich hinein wie eine Glasscherbe.

Wie ein Blitz durchzuckte mich die Erinnerung an den Raben auf dem Pfad vor uns. Den Dad und ich gesehen hatten, als wir unter dem immer dunkler werdenden Himmel nach Hause hasteten, während uns schon die ersten Regentropfen ins Gesicht peitschten.

Es wurde eng in meiner Brust.

Es ist doch nur ein Vogel.

Ich konnte seinen brennenden Blick auf mir förmlich spüren. Augen wie polierte schwarze Murmeln. Der dunkel glänzende Schnabel.

»Wirst du deinen Eltern von mir erzählen?«, fragte ich, als ich mich zum Gehen wandte.

Sie antwortete nicht sofort.

»Bitte, tu’s nicht.«

»Ich hab gesagt, dass ich es nicht tu«, sagte sie ein bisschen ärgerlich, »also tu ich’s auch nicht.« Sie lächelte mir spöttisch zu. »Jedenfalls nicht heute.«

FÜNF

Edie – Juli 1986

Edie streckte die Hand aus dem Fenster und entzündete ein Streichholz an der Hauswand. Zischend geriet der rote Zündkopf in Brand. Sie bewegte die Flamme ans Ende ihrer Zigarette, wo der Tabak mit einem Knistern zu glimmen begann. Sie inhalierte, hielt dann die Hand aus dem Fenster, damit sich der Rauch Richtung Himmel verflüchtigen konnte, anstatt sich in ihrem Zimmer auszubreiten. Nicht, dass es sie groß gekümmert hätte, wenn ihre Eltern mitbekämen, dass sie rauchte. Was wollten sie denn schon tun? Sie nach London zurückschicken? Wohl kaum eine Bestrafung.

Auf den Klippen in der Ferne konnte sie noch immer Tamsyn ausmachen. Sie lehnte sich an den Fensterrahmen, während sie rauchte, die Augen fest auf die sich entfernende Gestalt des Mädchens gerichtet, dessen zerzaustes rotes Haar im Wind flatterte wie das Banner eines Ritters.

Die gleißende Sonne hatte sich hinter hellgraue Wolken zurückgezogen, dann hatte es angefangen zu regnen. Eine willkommene Abkühlung, aber eher ein tröpfelndes Nichts, das Edie nur aus Cornwall kannte. Mehr Nebel als Regen. Cornwall hatte, soweit sie wusste, sein eigenes Wettersystem. Nichts daran war vorhersehbar. Sie bemerkte kleine feuchte Flecken auf ihrem Glimmstängel, winzige Punkte, die das weiße Papier in ein durchscheinendes Grau verwandelten. Es war dieselbe Farbe wie Tamsyns kindlicher Baumwoll-BH.

Noch nie hatte Edie einen unschuldigeren Menschen kennengelernt. Unschuldig und arglos. So bemerkenswert war dieses Verhalten, dass Edie sich fragte, ob das Ganze vielleicht nur eine Masche von ihr war. Ein von Tamsyn wohleinstudiertes Theater, um Mitleid zu erregen und so einer möglichen Bestrafung zu entgehen, nachdem sie beim Einbruch erwischt worden war. Das wäre allerdings ziemlich clever. Und auch unnötig. Edie scherte es einen Dreck, dass sich Tamsyn Zugang zu dem Haus verschafft hatte. Als sie aus dem Erdgeschoss Geräusche hörte, hatte sie zunächst vermutet, jemand wolle sie entführen, um ihrem Vater dann einen Erpresserbrief zu schicken. Einen, der aus den ausgeschnittenen Buchstaben einer Tageszeitung zusammengesetzt war und in dem tausende Pfund Lösegeld gefordert wurden. Deshalb war sie ziemlich erleichtert gewesen, ein Mädchen ihres Alters anzutreffen, das so erschrocken aussah wie ein Hase in der Schlinge. Und weil sie hier vor Langeweile schier umkam, schien Tamsyn so etwas wie die perfekte Ablenkung zu sein.

Als Tamsyn ganz aus ihrem Blickfeld verschwunden war, nahm Edie einen letzten Zug und drückte die Zigarette an der Mauer unter ihrem Fenster aus, wo sie unter einem kleinen Funkenregen eine weitere Rußspur auf dem Putz hinterließ. Dann schnippte sie den Stummel durch die Luft. Er landete unten auf der Terrasse und glomm noch ein wenig nach, bis er endgültig erlosch. Ein letzter dünner Rauchfaden stieg auf und verflüchtigte sich zu einem Nichts. Sie hob den Kopf und sah hinaus aufs Meer. Eine Handvoll Boote sprenkelte das Blau, und dahinter, in weiter Ferne, lag der lockende Horizont, hinter dem die aufregendsten Länder ihrer Entdeckung harrten. Jedes verhieß ein anderes köstliches Abenteuer wie Pralinen in einer Schachtel.

Edie schloss das Fenster, sperrte damit zugleich die Geräuschkulisse aus Meeresrauschen und Möwengeschrei aus und ließ ihren Blick verächtlich durch das Zimmer wandern. Den ganzen verdammten Sommer lang würde sie hier festsitzen. Jesus, diese Bude war kaum besser als eine Gefängniszelle! Mit gerade mal dem Notwendigsten möbliert – Bett, Schrank, Nachttisch, dazu trostlos gestreifte Vorhänge in Creme und Grau. Keine Bilder, keine Topfpflanzen. Das einzig halbwegs Interessante waren die vier weißen Wände, die ihre Schattierung änderten, je nachdem, wie die Sonne im Laufe des Tages durchs Zimmer wanderte. Edie dachte an Tamsyn hier im Haus, an ihre wilden ungebändigten Haare, ihren kornischen Akzent, der die hier vorherrschende Designer-Sterilität, die ihre Eltern für den Gipfel der Kultiviertheit hielten, irgendwie zu verunreinigen schien. Minimalismus nannten sie diesen Stil – der letzte New Yorker Schrei, Darling –, was, soweit Edie es beurteilen konnte, widerhallende Räume mit zu viel Weiß sowie sündhaft teure Statement-Möbel bedeutete, die man nicht benutzen sollte.

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