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Ich will alles!

Über die Autorin

Nina Kresswitz wurde 1960 in Regensburg geboren. Sie studierte in München Romanistik und Archäologie. 1996 kam ihre Tochter Anna zur Welt.

Mal ehrlich, wann hattest du das letzte Mal Sex?«

»Wie bitte?« Lale fiel fast die Kaffeetasse aus der Hand. »Wann ich das letzte Mal – was?«

»Ich meine, du und dein Ralf …«

Kitty war wirklich unmöglich. Frech, direkt, indiskret. Dummerweise war es genau das, was Lale an Kitty mochte. Doch das ging eindeutig zu weit. Na gut, Lales Eheleben war in etwa so aufregend wie die Feinrippunterhosen ihres Gatten. Aber das ging niemanden was an. Und schon gar nicht Kitty, das verrückte Huhn, das sich einen ganzen Streichelzoo allzeit bereiter Lover hielt. Kitty genoss ihr temporeiches Singledasein in vollen Zügen, während Lale jetzt schon seit neun Jahren brav mit Mann und Kindern in einem Reihenhaus lebte. Es war so gut wie abgezahlt. Das war doch was.

»Ich liebe meinen Mann, ich liebe meine Kinder, und ich habe eine erfüllte Ehe«, sagte sie trotzig. »Sonst noch was?«

Klar ist da noch was, dachte sie, aber man kann nicht alles haben. Oder doch? Plötzlich wurde ihr das Herz sehr schwer. Oder – doch?

Sie saßen in der Küche, an dem winzigen Tisch zwischen Edelstahlspüle und Mikrowelle, und hatten gerade Lales letzten Diätversuch und Kittys neueste Eroberung durch, als Kittys Frage mitten in Lales Herz geplumpst war wie ein Stein in einen tiefen, tiefen See. Da lag er nun. Er wog Tonnen.

Kichernd lehnte Kitty sich zurück. »Sorry, Süße, war nur ’ne kleine Nachfrage, weil du so einen unbetreuten Eindruck machst. Ich weiß ja, dass du glücklich bist.«

»Sehr glücklich«, sagte Lale mit Nachdruck und stand auf.

Wie jeden Morgen trug sie einen abgeliebten Jogginganzug in verwaschenem Hellgrau, hatte ihre dunkelblonden Haare mit einem Gummiband festgezurrt und ihre Füße in ein Paar bequeme Sneakers gesteckt. Sie war der Aber-praktisch-muss-es-sein-Typ. Kitty dagegen trug schon am helllichten Tag einen roten Stretchmini zu rattenscharfen Pumps. Sie war genau das, was Männer einen Hingucker nennen.

»Feierst du eigentlich deinen Geburtstag?«, wechselte Kitty das Thema. »Wenn ich richtig gerechnet habe, wirst du in zwei Wochen fünfunddreißig. Da sollten wir es mal richtig krachen lassen!«

Lale werkelte auffällig lange an der Kaffeemaschine herum. Geburtstag?, dachte sie. Sehr witzig. Sind fünfunddreißig Jahre etwa ein Grund zum Feiern? Der erste Lack war längst ab. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie in die Stützstrumpfliga wechseln würde.

»Mal sehen«, murmelte sie. »Kannst ja zum Kaffee vorbeikommen, die Kinder backen bestimmt wieder eine Torte.«

»Torte …«, echote Kitty, und man sah ihr an, dass sie eher an eine entfesselte Party gedacht hatte als an ein Kaffeekränzchen. »Also gut, ich bin dabei. Aber jetzt muss ich los, heute ist im Theater der Fundusverkauf, da werden Kostüme versteigert und schräger Kleinkram, was ist, hast du nicht Lust zu kommen? Und heute Abend nach der Vorstellung gehen wir noch alle zusammen einen Absacker trinken.«

Lale drehte sich langsam zu ihrer Freundin um. Kitty arbeitete als Maskenbildnerin am Stadttheater. Öfter schon hatte Lale sie im Schminkraum besucht und zugesehen, wie sie falsche Bärte klebte und Tränensäcke wegpuderte. Alle im Theater liebten Kitty, weil sie noch den hässlichsten Vogel zum strahlenden Star hochtunen konnte.

»Nee, lass mal stecken«, erklärte Lale, »unser Babysitter ist frisch verliebt und hat momentan gar keine Zeit, und Ralf, na, du weißt ja, der kommt vor zehn nicht nach Hause. Sein Chef nimmt ihn neuerdings richtig hart ran.«

Sie streckte ihrer Freundin die volle Kanne entgegen. »Noch ’n Kaffee?«

»Nee, ich muss los.« Mit einem sehenswerten Hüftschwung stand Kitty auf, schüttelte ihre nussbraune Mähne und legte dann eine Hand auf Lales Schulter.

»Du musst hier mal wieder raus, Kleines«, sagte sie leise. »Nur mal wieder andere Luft schnuppern. Vielleicht das nächste Mal, ja?«

»Ganz bestimmt«, antwortete Lale.

Dann hatte Kitty auch schon einen flüchtigen Kuss auf ihre Wange gehaucht und war losgestöckelt. Alles, was von ihr blieb, war ein Wölkchen Parfum, das in der Küche schwebte, und ein leuchtend roter Lippenstiftabdruck an der Tasse.

Während Lale die Spülmaschine einräumte, eine Barbiepuppe vom Boden aufhob und Ralfs Morgenzeitung zusammenfaltete, kreisten ihre Gedanken um ein Wort, das wie ein Stromstoß durch ihre Adern schoss. Sex. Wann war das letzte Mal eigentlich gewesen? Sex! Sie versuchte sich zu erinnern, aber es fiel ihr nicht ein. Sex?

Egal, dachte sie, irgendwann wird Kitty total vereinsamt in ihrem Loft heulen, während ich mit einer fröhlichen Schar Enkelkinder spiele. Ein tröstlicher Gedanke. Aber bis dahin würden Jahre vergehen. Jahre im Bermudadreieck zwischen Kindern, Küche, Supermarkt. Jahre, in denen nichts passierte außer ein-, zweimal Urlaub im Jahr und zwischendurch ein Töpferkurs.

Erschöpft sank sie auf einen Stuhl. Du meine Güte, Sex. Warum hatte Kitty das bloß gefragt? Wollte sie ihr etwa das alles hier madig machen? War sie vielleicht nur eifersüchtig, weil sie es selbst nie zu einer Beziehung gebracht hatte, die den Haltbarkeitswert eines Jogurts überschritt? Lales Blick fiel auf die Barbiepuppe, die rücklings auf der Spüle lag. In einem knappen roten Mini und rattenscharfen Pumps.

»Lass mich doch in Ruhe, du tiefergelegte Schnalle!«, schrie sie und schleuderte die Barbie quer durch die Küche. Sie landete hart neben dem Abfalleimer. »Ich lasse mir nicht mein Leben in die Tonne treten«, flüsterte Lale. Nein, sie brauchte keine Luftveränderung. Sie hatte doch alles.

Entschlossen griff sie zu ihrer Handtasche, um sich auf den Weg zum Einkaufen zu machen. Motivation ist alles, sprach sie sich Mut zu. Sie wusste, wofür sie kämpfte. Sicher, das Familienleben war nicht gerade der bunte Brüller, und der Alltag war oft so grau und öde wie ihr Jogginganzug. Doch tauschen hätte sie nicht wollen. Nicht mit Kitty, nicht mit irgendwelchen anderen unbemannten Frauen, die immer noch nach dem Richtigen suchten.

Also auf in den Supermarkt. Sie stieg in den roten Kleinwagen, der in der Einfahrt stand. Ihr Mann fuhr natürlich den standesgemäßen Viertürer, obwohl Lale ihn viel besser gebrauchen konnte, weil es immer jede Menge zu transportieren gab, Kinder, Mineralwasserkästen, Blumenkübel. Aber Ralfs Limousine war sein Heiligtum. Ein rollender Herrensalon, in dem man weder essen noch trinken durfte. Lales betagtes Gefährt dagegen war ein Kinderzimmer auf vier Rädern, voller Plastikspielzeug, Kekskrümel und zerfledderter Mickeymaushefte. Na und? Sie zog eine vergammelte Bananenschale zwischen den Vordersitzen hervor, dann gab sie Gas.

Doch während sie den immer gleichen Weg fuhr, rollte dieses kleine dumme Wort durch ihr Gehirn, wie eine Kugel in einem Flipperautomaten. Sex. Überall stieß es an und hinterließ kleine Funken. SEX! Wie war das noch damals gewesen, als sie frisch verliebt waren, sie und Ralf? Ausgelassen hatten sie nichts. Knutschereien auf der Parkbank, wilde Szenen auf dem Küchentisch, heiße Küsse unter der Dusche. Lale schluckte unwillkürlich. Himmlisch war das gewesen. Aber das alles hatte sich in Luft aufgelöst. Plopp.

Leicht umwölkt parkte sie vor dem Supermarkt, ergatterte einen Einkaufswagen und schob los. Doch, es stimmte, manchmal war ihr Leben der laufende Schwachsinn. In hohem Bogen flogen Zahnpasta und Toilettenpapier in das Drahtgefährt. Ha! Andere Luft schnuppern. Was hatte Kitty eigentlich damit gemeint?

»Passen Sie doch auf, Sie Trampel!«

Lale zuckte zusammen. Das war ja wohl die Höhe! Konnte man jetzt nicht mal mehr unfallfrei einkaufen? Sie bugsierte ihren Einkaufswagen an einem Mann vorbei, der sie wütend anstarrte. War sie ihm wirklich in die Kniekehlen gedonnert? Oder hatte er sich vorgedrängelt? Ein bisschen gescheppert hatte es schon.

»Immer diese tranigen Hausfrauen«, hörte sie ihn noch hinter sich grummeln, als sie die Käsetheke ansteuerte. Was war denn das für einer? Kam der direkt vom Blödmännerkongress?

Sie fuhr herum und wollte gerade etwas zurückgiften, doch in diesem Moment traf sie eine Erkenntnis, die schlimmer nicht sein konnte. Der Typ war rasend attraktiv, ein richtiger Womanizer mit dunkler Haartolle und Nutellablick. Früher hätte sie ein paar schlingernde Sekunden mit ihm geflirtet, einfach nur so. Aber heute? Sah er überhaupt ein weibliches Wesen in ihr? Wohl kaum. Er zog noch eine entnervte Grimasse, dann drehte er ab zu den Tiefkühlpizzen.

Hilfe!, dachte Lale. Ich bin doch kein Zombie! Merkt denn keiner, dass ich noch lebe?

»So wie immer?«, riss die Bedienung sie aus ihrer Sinnkrise. Lale griff sich an den Hals. Keine Luft, dachte sie, ich bekomme keine Luft mehr. Gleich ersticke ich.

»Hallo, ich habe gefragt: So wie immer?«, wiederholte die Frau hinter dem Tresen ungeduldig.

»Natürlich, was denn sonst? So wie immer«, antwortete Lale unwirsch, aber sie fühlte Tränen in sich hochsteigen.

Ein Stück Gouda, ein Pfund Kinderwurst, zehn Scheiben Schinken und ein Becher Fleischsalat für den Herrn Gemahl, so ging das tagaus, tagein, und so würde es die nächsten Jahre weitergehen. So wie immer. Das war ihr ganz persönliches Deppenprogramm, das war die perfekte Gehirnwäsche, damit man nicht an solche Sachen dachte wie – Sex.

Während die Verkäuferin alles abwog und einpackte, klammerte sich Lale an ihren Einkaufswagen. Ihr war schwindelig. Du musst mal wieder hier raus, hallte Kittys Stimme in ihrem Kopf. Aber wie denn? Und warum? Sie hatte doch genau das Leben, das sie sich immer gewünscht hatte. Oder war sie nur noch eine gut geölte Maschine, die prächtig funktionierte? Die Servicekraft der Familie? Ein neutrales Wesen, das vergessen hatte, dass es eine Frau war?

»’nen schönen Tag noch«, nuschelte die Bedienung, als sie Lale die Tüten über den Tresen reichte. Sie war vielleicht Ende dreißig, nicht besonders hübsch, aber ihr Augenaufschlag hatte etwas Verwegenes. Wann hatte die wohl das letzte Mal …, schwirrte es durch Lales Kopf.

Und nun geschah etwas Wunderbares: Lale musste lächeln. Ohne dass sie es wollte, rutschten ihre Mundwinkel stetig nach oben, und ein seliges Grinsen breitete sich in ihrem Gesicht aus. Sex. Was für ein herrliches Wort!

»Sind Sie immer so verträumt?«, meldete sich plötzlich eine Männerstimme direkt neben ihr.

Wow! War das etwa der Nutellamann, der sie eben zusammengefaltet hatte? Aber es war nur ein älterer Herr in einer steingrauen Windjacke, der sich die letzten weißen Strähnen quer über die Glatze gekämmt hatte und sie gütig anlächelte. Oha, Abteilung rüstiger Rentner. Sie wich unwillkürlich zurück.

»Ich – äh, ich dachte gerade an – an was anderes«, stammelte sie.

Der ältere Herr betrachtete sie belustigt. »Junge Frau, dann brauchen Sie vielleicht jemanden, der Sie durch die Gefahren des Alltags begleitet.«

Was sollte denn das nun? War das die Anmache aus dem Seniorenheim? War sie etwa schon ein Fall für die reifere Generation? Lale spürte, dass sie rot wurde. Himmel noch mal, wie peinlich! Was war sie doch für ein verflixter Backfisch. Dass sie bald fünfunddreißig sein würde, nützte ihr im Moment gar nichts. Hoffentlich kam jetzt nicht auch noch der Nutellamann vorbei, sonst sah er am Ende noch, dass ihr Gesicht den Farbton von Erdbeermarmelade angenommen hatte.

»Aufpassen? Wie reizend von Ihnen. Wenn Sie mich in zwanzig Jahren wieder treffen, können wir uns ja gegenseitig die Betablocker abzählen«, sagte sie schnell und genoss den verblüfften Blick ihres Gegenübers, dann rollte sie mit erhöhter Geschwindigkeit ihren Einkaufswagen zur Kasse.

So eine Frechheit. Sie war jung, sie war gesund, und kein Freiwild für Sugar Daddys. Oh, Kitty, hilf! Stand es wirklich schon so schlimm um sie, dass nur noch unternehmungslustige Silberpappeln auf sie flogen? Sie sah sich suchend um, ob der Nutellamann sich noch blicken ließ. Doch er blieb verschwunden. War auch besser so. Aber irgendwie hatte sie das dumme Gefühl, dass sie ihn nicht das letzte Mal gesehen hatte.

*

Mami, Mami, ich habe Hunger! Und Nils hat mich gehauen!«

»Nee, hab ich gar nicht. Nur gekniffen. Aber Bine hat angefangen!«

Willkommen im Leben, dachte Lale. Es war später Nachmittag, sie hatte Bine vom Ballettunterricht abgeholt und Nils vom Fußballtraining, sie hatte ein paar Kinder-Sweatshirts und Sportsocken gekauft, das Auto durch die Waschanlage gefahren und das Altpapier entsorgt. Was man eben so tut als Servicekraft.

Erschöpft stand sie am Herd und brutzelte Pfannkuchen. Die Küche, gerade noch passabel aufgeräumt, hatte sich längst wieder in die übliche Müllkippe verwandelt, wo Bonbonpapier, Plastiktüten und Schuhe munter durcheinanderflogen, während sich die lieben Kleinen ein herzhaftes Scharmützel lieferten.

»Aufhören! Schluss jetzt!«, schrie Lale und drohte den Kindern mit dem Pfannenwender. »Sonst ist Schicht im Schacht, und es gibt heute nichts zu essen!«

Auf der Stelle verstummten die zwei. Nils war acht, ein kräftiges, rothaariges Kerlchen mit Sommersprossen, Bine war sechs, ein blondlockiges Püppchen, das ein nicht minder aktives Mundwerk hatte als ihr großer Bruder. Und beide krakeelten sie auf Frequenzen, die eindeutig nicht für das menschliche Ohr geeignet waren.

Jetzt klingelte auch noch das Telefon. Lale klemmte es zwischen Kinn und Schulter. »Hallo? Ach, Ralf? Ja, uns geht’s ganz gut. Was? Eine Dienstreise? Wann denn?«

Einen Moment lang horchte Lale angestrengt, während ihre Kinder gebannt auf die Pfanne starrten, wo gerade zischend ein Pfannkuchen verendete.

»Aber da habe ich doch …« … Geburtstag, wollte Lale sagen, doch schon schossen ihr die Tränen in die Augen. Auch das noch. Aber was hatte sie denn erwartet? Ralf und seine Arbeit, das war eine ganz große Lovestory. Die Lovestory seines Lebens. Sie war die Frau fürs Grobe. Lale hörte noch eine Weile zu, dann drückte sie auf den roten Hörer.

»Mami, der Pfannkuchen ist irgendwie schwarz«, sagte Bine und zeigte auf die Pfanne.

Lale sah gar nicht hin, geistesabwesend betrachtete sie über Bines Lockenkopf hinweg ein Foto, das sie vor Kurzem beim Aufräumen gefunden und an den Kühlschrank gepinnt hatte. Es zeigte sie und Ralf auf Mallorca, das war lange her. Sie erkannte kaum die beiden gebräunten Gesichter, die den Betrachter übermütig anlachten. Das waren sie mal gewesen. Das Traumpaar der Saison. Damals. Und was war übrig geblieben?

»Mami, Mami«, rief Bine. »Du siehst auf einmal so traurig aus! Hast du Kopfschmerzen?«

»Nö, das ist der Depri«, stellte Nils sachlich fest. »Komm, wir gehen Computer spielen.«

Noch immer stand Lale wie schockgefrostet da. Ralf würde eine Dienstreise machen, nach Italien. Ausgerechnet dann, wenn sie Geburtstag hatte. Er hatte nicht einmal schuldbewusst geklungen. Für ihn war das total normal.

Wieder klingelte das Telefon. Wütend nahm Lale das Gespräch an. »Sag mal, Ralf, denkst du eigentlich gar nicht mehr an – oh, ’tschuldigung, hallo Kitty.«

Kitty erkundigte sich besorgt, ob alles in Ordnung sei. Das brachte Lale vollends auf die Palme. »Was? Ja, wieso? Hör mir mal gut zu, ich bin kein Pflegefall, ja? Lass mich endlich in Ruhe mit deiner Krankenschwesternummer. Ich habe zu tun.«

Sie beendete das Gespräch, und nun endlich registrierte sie die Bescherung in der Pfanne. Dicker Qualm stieg mittlerweile von dem verbrannten Teig auf, die ganze Küche war durchzogen von Rauchschwaden.

»Mami! Hunger!!« Da waren sie wieder, die beiden Mäuse, ungeduldig lugten sie um die Ecke.

Lale gab sich einen Ruck. Die Kleinen konnten am allerwenigsten dafür, dass sie sich wie ein alter Scheuerlappen fühlte. Also Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Das war ihre Devise. Lange schon. Zu lange?

»Fünf Minuten, dann geht’s los«, knurrte Lale und bugsierte das verbrannte Etwas in die Biotonne. »Kleiner Betriebsunfall. Ihr könnt euch ja schon mal einen Yogurt nehmen.«

Während sie eine neue Portion Teig in die Pfanne gleiten ließ, wirbelten die verrücktesten Gedanken durch ihren Kopf. Andere Luft schnuppern, hatte Kitty gesagt. Und wie, bitteschön? Kanurafting in Alaska? Tango in Timbuktu? Gruppensex auf dem Wasserbett? Oder ganz einfach mal wieder eine Nacht durchtanzen? Kitty sagte immer: Wenn du keine Zeit hast für Shiatsu, dann mach wenigstens einen Einlauf.

Geschenkt. Sie konnte doch nicht einfach ausflippen. Andererseits – nahm Ralf etwa irgendwelche Rücksichten? Der plante sein Leben ohne sie drauflos, mit Konferenzen, mit Geschäftsessen, sogar mit Dienstreisen. Ihm war es egal, ob gerade Schulferien waren, ob Lale Geburtstag hatte oder ob sie vielleicht mal eine Auszeit brauchte.

Als sie wenig später mit den Kindern am Esstisch saß, überlegte sie, wie sie etwas Abwechslung in ihr Leben bringen könnte. Es musste ja nicht gleich eine Weltreise sein. Vielleicht ein Yogakurs? Ein Wellness-Wochenende? Sie könnte ja mal im Internet nachsehen, ob es ein Wellness-Hotel in der Nähe gab. Oder besser mal Sport? Die einsamen Abende vor dem Fernseher hatten Spuren hinterlassen, ein bisschen Hüftgold hier, ein paar Dellen dort, wie man halt aussah, wenn man vom Alltag gefressen wurde und sich mit Schokolade und Chips bei Laune hielt. Lale nannte es ihr Kohlehydratdoping.

Plötzlich hatte sie eine Eingebung. »Habt ihr mal wieder Lust, Oma und Opa zu besuchen?«, fragte sie. »Für ein Wochenende?«

»Au ja!«, rief Nils. »Da dürfen wir immer fernsehen bis zum Pupillenstillstand!«

»Und Oma kocht Griesbrei für uns!«, schwärmte Bine.

Lale hatte sich schon das Telefon geangelt und wählte die vertraute Nummer. Erwartungsvoll sahen die Kinder ihr zu.

»Hallo, Mutter«, zirpte Lale.

Es folgte der übliche Smalltalk, ein bisschen Wetter, ein paar Wehwehchen, dann kam sie zur Sache. Und machte bald ein langes Gesicht.

»Natürlich verstehe ich das«, sagte sie mit schmalen Lippen. »Tschüss dann und viel Spaß.«

»Was hat sie gesagt?«, fragte Nils gespannt.

»Ein andermal. Oma und Opa machen am Wochenende eine Wandertour«, antwortete Lale und gab sich alle Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Da hatte sie’s. Sogar ihre eigenen Eltern machten, was sie wollten. Gingen auf Wandertour, einfach so. Die hatten es gut, diese Egoisten. Ciao, große Pläne. Dann würde sie also wieder das übliche Wochenendprogramm durchziehen: Großeinkauf, Fußballplatz und abends einen drittklassigen Spielfilm in der Glotze.

Na ja, sie könnte vielleicht mit den Kindern am Sonntag Rad fahren. Um ein paar Dellen zu straffen. Auch wenn sie sich das mit der Luftveränderung etwas anders vorgestellt hatte. Einmal wieder mit Kitty um die Ecken ziehen, so wie früher, oder ins Kino oder …

Die Türglocke schrillte.

»Ist das Papi?«, fragte Bine.

Lale sah auf die Uhr. Punkt sechs. Nie im Leben war das Ralf. Doch die Kinder tobten schon mit großem Geschrei los. Wenig später kamen sie mit Kitty im Schlepptau an den Esstisch gestürmt. Natürlich war Kitty, die gnadenlos Unwiderstehliche, auch bei den Kindern beliebt, weil sie immer einen kleinen Joker in der Tasche hatte, ein Kaugummi oder ein scheußliches Plastikspielzeug.

»Hast du uns was mitgebracht?«, fragte Bine ungeduldig.

»Nicht für euch«, erklärte Kitty und gab Bine einen freundschaftlichen Klaps auf den Po. »Heute ist mal die Mami dran.«

Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und legte eine zerknitterte Plastiktüte auf den Tisch. »So, ihr süßen Monster, geht schön spielen! Und appi!«

Lale verschränkte unwillig die Arme. Hatte sie nicht gerade ihrer Freundin klargemacht, dass sie keine Mutter Theresa brauchte? Was sollte das nun wieder?

»Nun guck nicht so versemmelt, ich habe dir wirklich was Tolles mitgebracht«, gluckste Kitty. Sie klaubte sich einen Pfannkuchenrest vom Teller und schob ihn genüsslich in den Mund. »Mit ’nem schönen Gruß vom Theater. Ich hab was für dich abgestaubt beim Fundusverkauf. Hab’s einfach mitgehen lassen. Na los, sieh es dir doch wenigstens mal an!«

»Ich muss schon sagen, Kitty, dein Timing haut mich um.« Lale hätte die Tüte am liebsten in den Müll geworfen, so sehr ärgerte sie sich über Kittys Aufdringlichkeit. Doch ihre Neugier siegte. Mit spitzen Fingern griff sie zu der Tüte und spähte hinein. Was war denn das?

Ungläubig sah sie auf. Kitty lachte ihr quirliges Lachen. »Hol’s raus, es beißt nicht.«

Wieder sah Lale in die Tüte. Was war das bloß für ein Ding? Ein Büschel roter Haare war zu sehen. Igitt. Ein Stofftier? Ging’s noch krasser? Sie schüttelte sich. Dann holte sie das Ding heraus.

Kitty biss sich vor Aufregung auf die kirschroten Lippen. »Und? Was sagst du? Die Perücke ist völlig neu! Sie wurde letztes Jahr für eine Sängerin angeschafft, die dann aber lieber blond sein wollte, typisch Operndiva.«

Lale wedelte entrüstet mit dem Haarbüschel durch die Luft. »Sag mal, hast du Wimperntusche im Hirn? Was soll ich denn damit?«

Kitty verdrehte die Augen. »Schätzchen, das ist eine handelsübliche Zweitfrisur. Demnächst ist eine Premierenparty in der Kantine. Und ich dachte, du hättest vielleicht Lust, dich mal richtig zu verwandeln. Raus aus dem grauen Alltag und rein ins pralle Leben.«

Zweifelnd drehte Lale die Perücke in den Händen hin und her. »Ist nett gemeint«, murmelte sie, »aber …«

»Nichts aber«, schnitt Kitty ihr das Wort ab. »Probier sie wenigstens mal auf. Du wirst schon sehen, das wird ein Mordsspaß!«

Sie nahm Lale die Perücke aus der Hand, zog sie mit geübten Bewegungen über Lales Kopf und zupfte ein wenig daran herum.

»Bitte sehr, im Handumdrehen wird aus der Hausfrau Lale der Vamp Lulu!« Sie zupfte und zog noch ein bisschen, dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden ihr Werk. »Irre«, raunte sie. »Das Ding ist der Hammer!«

Lale sah sie zweifelnd an, dann erhob sie sich und ging in den Flur, vor den großen Spiegel. Schock. Das sollte sie sein? Kaum zu glauben, was so ein bisschen Kunsthaar ausmachte. Die roten Fransen legten sich schmeichelnd um ihr Gesicht und wippten bei jeder Bewegung. Gar nicht so schlecht, das musste sie zugeben.

Kitty war ihr gefolgt und trat aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. »Cool, was? Warte, dazu muss man sich heftig aufbrezeln, Krähenfüße zuspachteln und so …«

Sie lief ins Esszimmer und kehrte mit ihrer Handtasche zurück, in der sie stets mit sich führte, was sie ihre kosmetische Notfallapotheke nannte. Da war Kitty nun mal Expertin. Ohne ihre Freundin groß zu fragen, hatte sie auch schon einen Lippenstift aufgeschraubt und zog Lales Lippen nach, dann verrieb sie Rouge auf Lales blassen Wangen und ließ zum Schluss einen Puderpinsel über die Haut tanzen.

»So«, sagte sie zufrieden. »So wirst du die Königin der Nacht sein!«

Wie im Traum besah sich Lale die fremde Frau, die vor ihr im Spiegel stand, eine Frau, die wild und sinnlich aussah, eine Frau, die ein Versprechen auf mehr war.

»Meinst du – wirklich?«, fragte sie. Sofort fiel ihr Ralf ein. Der würde ausrasten, wenn er sie so sähe. Ralf stand auf naturbelassen. Er hasste Puder und Lippenstift, er mochte es nicht, wenn Lale sich ausgefallen zurechtmachte. Mit den Jahren hatte sie einen unauffälligen Stil entwickelt, der hart an der sprichwörtlichen grauen Maus vorbeischrammte. Und es verstand sich von selbst, dass er Kitty nicht gerade ins Herz geschlossen hatte. Ihr extremes Styling, ihre unbekümmerte Art, ihr lockerer Umgang mit Männern, all das fand er ziemlich daneben.

»Was denn sonst? Willst du etwa mit Pferdeschwanz und Jogginganzug zur Party?«, fragte Kitty entrüstet.

»Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich überhaupt Zeit habe«, protestierte Lale. »Wann ist denn diese komische Feier?«

Kitty legte den Kopf schräg. »Lass mich mal rechnen – in zwei Wochen, kurz vor deinem Geburtstag. Wünsch dir doch von Ralf, dass er auf die Kinder aufpasst, Himmel noch mal, einmal im Jahr wird er sie ja wohl ins Bett bringen können, oder?«

Lale fühlte ein unwiderstehliches Kribbeln in der Magengegend. In zwei Wochen würde Ralf auf seiner dämlichen Dienstreise sein. Jetzt mussten nur noch die Großeltern mitspielen, und sie konnte als Lulu der Vamp durch die Kantine hotten. Aber wollte sie das? War das nicht Betrug? Durfte man einfach so tun, als sei man jemand anderes?

»Mal sehen«, sagte sie vage. »Du weißt doch, mein Zeitplan ist so eng wie die Hose eines italienischen Kellners.« Doch sie hatte Feuer gefangen, das spürte sie.

»Nun zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen, wir organisieren das schon«, sagte Kitty resolut. »Ich schenke dir die Perücke. Und den Lippenstift dazu. Du solltest bei Gelegenheit mal üben, damit es dann auch gefühlsecht wirkt, wenn du in Feuerrot durch die Gegend zitterst.«

Lale sah sich noch einmal im Spiegel an, dann umarmte sie ihre verrückte Freundin. »Danke«, hauchte sie. »Nette Idee.«

Von fern hörte sie die Kinder, die im Kinderzimmer Ball spielten. Gerade fiel irgendetwas krachend um. Sie zog die Perücke vom Kopf. »Ich setze sie lieber ab«, sagte sie, »damit die Kinder sich nicht erschrecken.«

Kitty grinste vergnügt. »Erschrecken? Denen würde das bestimmt gefallen. Da wird Mutti wieder jung! Aber wie du meinst. So, Süße, ich muss düsen, zur Abendvorstellung, mach’s gut!«

Sie raffte ihre Schminkutensilien zusammen, rief ein »Tschüss, Kinder!« durchs Haus und huschte davon.

Sofort ging Lale in die Gästetoilette, nahm ein Kleenex und wischte sich das Make up vom Gesicht. Noch war ihr das alles fremd, doch der Gedanke an die Party ließ ihren ganzen Körper prickeln. Sie würde tanzen, sie würde flirten, bis die Heide wackelte. Und das Beste war: Niemand würde sie erkennen. Oder doch? Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie sich im Spiegel. »Das werden wir mal antesten«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. »Aber wann? Und wo?«

*

Hallo, Liebling. Du glaubst gar nicht, was heute los war im Büro. Der Chef hatte seinen Kingkong-Tag. Einen nach dem anderen hat er sich vorgeknöpft und zusammengebrüllt. Die kamen völlig fertig aus seinem Büro. Wir haben einen neuen Kunden in Aussicht, den Saneta-Konzern, die machen in Medikamenten und suchen einen Partner für eine Fusion, aber die Konzepte gefielen Grasskamp nicht, dann hatte ich eine Idee, eine wirklich hervorragende Idee und dann …«

Lale hörte gar nicht richtig hin. Wie jeden Abend hatte sie gekonnt Ralfs Jackett aufgefangen und an die Garderobe gehängt, nun machte sie sich auf den Weg in die Küche, um ein Brot mit Fleischsalat anzufertigen und ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen.

Wenn er doch einmal fragen würde: Wie war dein Tag? Stattdessen kamen immer die gleichen Berichte seiner Heldentaten, immer war er der tolle Hecht in diesen Geschichten. Mr. Universum lässt grüßen. Lale hatte längst aufgehört, genauer nachzufragen, denn Ralfs Redestrom ergoss sich ohnehin wie ein Platzregen auf sie und verstummte erst, wenn er mit seiner Stulle vor dem Fernseher saß.

»Bitte sehr«, sagte sie, als sie ihm den Teller und das Bierglas reichte.

Er hatte es sich auf der Couch bequem gemacht und die Tagesthemen angestellt. Die schaffte er meist so gerade. Manchmal hatte Lale den Verdacht, dass er eher wegen der Tagesthemen nach Hause kam als ihretwegen. Wer konnte das noch unterscheiden, so, wie er sich aufführte, Abend für Abend?

»Köstlich«, murmelte er kauend. »Genau richtig.«

Mit brennenden Wangen setzte sich Lale neben ihn. Die Perücke hatte sie sorgfältig versteckt, ganz hinten im Wäscheschrank, aber immer musste sie daran denken. Fast kam es ihr so vor, als sei schon allein der Besitz dieser Perücke etwas Verbotenes. Erzählen würde sie Ralf davon nicht, das hatte sie sich fest vorgenommen. Sie wollte keine Diskussionen. Dazu war dieses haarige Ding einfach zu aufregend.

»Die Kinder schlafen?«, fragte Ralf beiläufig und wischte sich einen Krümel von den Lippen.

»Tief und fest«, antwortete Lale. »Nils hat übrigens heute beim Fußballtraining ein Tor geschossen, er war …«

»Guter Junge«, unterbrach Ralf sie. »Ganz der Papa, stimmt’s? Ein Siegertyp eben.«

Ja, ja, dachte Lale, und wer bringt ihn immer zum Training? Und wer wäscht sein Trikot? Und wer steht samstags auf dem Platz und schwenkt das Vereinsfähnchen? Vaterstolz hin oder her, Ralf zog es vor, am Samstag auszuschlafen. Also war Lale dran, im Sommer und im Winter, bei dreißig Grad Hitze und bei fünf Grad unter null. Das war nicht der Gute-Laune-Film. Wirklich nicht.

»Der Außenminister kehrte soeben von seiner Nahostreise …«, tönte die Stimme des Moderators aus dem Fernseher. Lale lehnte sich zurück und betrachtete ihren Mann, wie er auf der Sofakante saß, den Teller auf den Knien, das Bier neben sich auf dem Couchtisch, das Hemd geöffnet und den Blick starr auf den funkelnagelneuen Flatscreen gerichtet, den er vor Kurzem mit nach Hause gebracht hatte.

Lale war wütend gewesen über diese Anschaffung, denn sie fand, dass Bine ein neues Fahrrad brauchte und Nils neue Schuhe, und ein neuer Teppich wäre auch dran gewesen – aber Ralf hatte einfach gekauft, was er für nötig befand, und so war die Sache entschieden. Wer die Kohle hat, der hat die Macht. Erleichtert dachte Lale an das Bündel Geldscheine, das sie wie die Perücke im Wäscheschrank versteckt hielt, eine Notkasse für besondere Fälle. Sie hatte sich das meiste vom Haushaltsgeld abgespart, auch ihre Eltern steckten ihr manchmal etwas zu. So war im Laufe der Zeit ein guter Batzen zusammengekommen. Man konnte nie wissen.

»Lecker, du bist wirklich die Beste«, stöhnte Ralf und stellte den Teller auf den Boden. »Holst du mir noch ein Bier?«

Aber klar doch, dachte Lale. Ich bin doch längst deine Kellnerin. Fehlt nur noch das Häubchen.

Wortlos nahm sie den Teller und das leere Bierglas und ging in die Küche.

Kitty hatte völlig recht. Sie war unbetreut. Sie war das Verwöhnprogramm für den Gatten, aber wer verwöhnte sie? Und dann war da noch die Sache mit dem –
Sex. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Und wenn sie nun heute Nacht …? Vielleicht würde alles so wie früher. Vielleicht hatte sie Ralf nur zu wenig gezeigt, dass sie immer noch Lust »darauf« hatte.

Während sie eine Flasche Bier öffnete, lächelte sie verschmitzt. Warum nicht? Versuch macht klug, hieß es doch. Sie kehrte mit dem Bier in der Hand ins Wohnzimmer zurück, immer noch lächelnd.

»Ist was?«, fragte Ralf. »Du hast so einen merkwürdigen Gesichtsausdruck.«

»Ich gehe schon mal nach oben«, erwiderte Lale geheimnisvoll. »Kommst du gleich?«

»Ja, klar«, sagte Ralf und wandte sich wieder dem Fernseher zu. »Nur noch die Sportnachrichten, dann ab in die Falle. Morgen früh habe ich eine wichtige Konferenz.«

Nachdenklich stand Lale vor ihm. Der Nutellamann fiel ihr ein. Wenn der die Wahl hätte zwischen Sport und Sex, dann würde er bestimmt nicht den Sesselpuper machen, hundertpro.

»Also, bis gleich«, sagte sie.

Im Badezimmer hing ihr Schlaf-T-Shirt neben den Handtüchern, ein XXL-Sack mit einer verblassten Mickymaus darauf. Sie stopfte es in den Wäschekorb, dann duschte sie schnell, zerrte das Gummiband aus dem Haar und bürstete es, bis es ihr locker auf die nackten Schultern fiel. Im Schlafzimmer kramte sie ein bisschen in der Wäscheschublade herum und förderte schließlich ein rosa Satinnachthemd mit Spaghettiträgern zu Tage. Scharfes Teil. Sie hatte es noch nie getragen. Es war ein Geschenk von Kitty, von wem sonst? Eilig streifte sie es über und schlüpfte ins Bett.

Schon hörte sie Ralfs Schritte auf der Treppe. Dann surrte die elektrische Zahnbürste. Ob er überhaupt bemerken würde, wie hübsch sie sich für ihn gemacht hatte? Meist löschte er sofort das Licht, wenn er zu Bett ging. Also knipste Lale ihre Nachttischlampe an und drehte den Schirm so, dass sich ein sanftes, milchiges Licht über die Bettdecke ergoss. Sie strich über den glatten Stoff des Nachthemds. Ganz schön sexy, das Teil. Auf so was konnte auch nur Kitty kommen. Die hatte Übung in diesen Dingen. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper. Heute war die Nacht der Nächte!

Tapp, tapp, tapp. Ralf nahte. Lale hielt den Atem an.

»Die Zahnpasta ist fast alle, denk bitte daran, morgen neue zu kaufen«, sagte er, während er den Lichtschalter betätigte. Verblüfft darüber, dass es nicht völlig dunkel wurde, blieb er wie angewurzelt stehen.

»Schön, dass du endlich da bist«, flüsterte Lale und zog die Bettdecke etwas zurück, damit Ralf auch ja nicht entging, was für eine verführerische Frau sich auf den Laken räkelte.

»Äh – wie jetzt?«, fragte Ralf lahm und schaute irritiert seine Frau an.

»Komm schon, Schatz, ich friere ohne dich«, sagte Lale mit weicher Stimme. Na los doch, so blöd kann kein Mann sein, dachte sie, merkst du denn gar nichts?

»Kein Wunder, dass du frierst«, knurrte Ralf. »In dem Aufzug willst du schlafen? Was ist das überhaupt für ein Fetzen? Wir wollten doch sparen, und was machst du? Kaufst dir dauernd Klamotten.«

Hätte jemand einen Kübel Eiswürfel in Lales Ausschnitt geschüttet, so hätte sich das warm und gemütlich angefühlt gegen die Eiseskälte, die sie plötzlich überzog. Sprachlos starrte sie den Mann an, den sie geheiratet hatte. Das durfte einfach nicht wahr sein. Ihr war so elend zumute, dass sie sich am liebsten das Nachthemd vom Leib gerissen hätte. Stattdessen zog sie schnell die Bettdecke bis zum Kinn.

»Oh, das ist ein G-ge-geschenk«, stammelte sie, »von –
meiner Mutter.«

Ungerührt ließ sich Ralf in die Kissen fallen und grunzte etwas Unverständliches.

»Gefällt es dir denn gar nicht?«, fragte Lale leise.

»Entschuldige, aber dies ist nicht der richtige Moment, über den Geschmack deiner Mutter zu streiten. Sei so nett und mach endlich das Licht aus. Ich bin hundemüde. Schlaf gut.«

Damit drehte er ihr den Rücken zu, wühlte seinen Kopf ins Kissen und ächzte geräuschvoll. Sofort knipste Lale die Nachttischlampe aus. Wut und Enttäuschung krampften sich in ihr zusammen. Schon kamen die ersten Tränen, während Ralf leise Schnaufgeräusche von sich gab, die sich, das wusste sie, schon bald zu dem üblichen Schnarchkonzert steigern würden.

Voll daneben gegangen, dachte sie verzweifelt, die absolute Katastrophe. Der Kerl interessiert sich nicht die Bohne für dich. Unaufhörlich rollten die Tränen über ihre Wangen und sickerten an ihren Ohren vorbei ins Kopfkissen. Tote Hose. So ist das also. Ihr Unglück war grenzenlos.

*

Und vergiss nicht die Zahnpasta«, sagte Ralf zum Abschied, dann trank er im Stehen seinen Kaffee aus und verließ mit eiligen Schritten das Haus.

Lale war wie ferngesteuert aufgestanden. Vor lauter Scham hatte sie ihrem Gatten kaum in die Augen sehen können während des Frühstücks. Wenigstens hatte er mit keinem Wort den kleinen Vorfall vor dem Einschlafen erwähnt, wenigstens das. In Gedanken war er schon bei seiner superwichtigen Konferenz gewesen und hatte Lale mit irgendwelchen genialen Strategien angeödet.

Mechanisch belegte Lale die Schulbrote für die Kinder, packte Obst ein, goss Milch auf die Cornflakes und half Bine bei den Knöpfen ihrer Jacke. Vorbei, vorbei, dröhnte es in ihrem Kopf. Tote Hose. Das Thema Sex kannst du abhaken. Wie ein Roboter fuhr sie die Kinder zur Schule. Sie winkte den beiden noch hinterher, dann gab sie Gas. Sie hatte kein Ziel, keinen Plan, nur eines wusste sie: Dieser Tag musste anders werden als sonst. Der Supermarkt konnte warten, der Staubsauger auch.

Ohne es recht zu bemerken, machte sie einen Umweg durch die City, vorbei an den großen Geschäften mit ihren bunt dekorierten Schaufenstern, vorbei an Cafés und Restaurants, wo die anderen saßen, die Glücklichen, die verliebt waren und Dates hatten und sich auf den Abend freuten, an dem sie herrliche Dinge unternehmen würden.

Im Autoradio lief ein alter Schmachtfetzen: »When a man loves a woman.« Wieder spürte Lale ein Schluchzen in sich aufsteigen. »Wenn ein Mann eine Frau liebt« – ja, was macht er dann?

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