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Ich werde nicht zerbrechen

Über die Autoren

Shahinda Maklad, 73, kämpft seit über einem halben Jahrhundert an vielen Fronten für die Freiheit ihres Volkes. Als linke Aktivistin setzte sie sich für die Rechte der Landbevölkerung ein, während der ägyptischen Revolution 2011 sprach sie mit vielen Menschen auf dem Tahrir-Platz und half im Hintergrund mit, die Opposition zu organisieren.

Gerhard Haase-Hindenberg ist ausgewiesener Ägyptenkenner und hat bereits verschiedene Bücher, Reportagen und Interviews über Kairo publiziert. Er lebt in Berlin und Kairo und veröffentlicht regelmäßig in der Welt, der Zeit und im Cicero.

Shahinda Maklad
mit Gerhard Haase-Hindenberg

Ich werde
nicht zerbrechen

Eine Frau auf dem Weg zum Tahrir-Platz.
Wie ich nach der Ermordung
meines Mannes weiterkämpfte

Inhalt

Über die Autoren

Vorwort

Kapitel 1: Wie ich von der Not der Bauern erfuhr

Kapitel 2: Der Beginn einer neuen Zeit

19. Februar 2010

Kapitel 3: Der Kampf der Bauern von Kamshish

7. Juni 2010

Kapitel 4: Sadat entpuppt sich als Freund der Großgrundbesitzer

11. Dezember 2010

Kapitel 5: Abschied von Shebin El-Kom

28. Dezember 2010

Kapitel 6: Zwischen Bevormundung und Selbstbestimmung

23. Januar 2011 Vormittags – Nachmittags – Abends

Kapitel 7: Braut wider Willen

24. Januar 2011 8.30 Uhr – 9.50 Uhr – 10.45 Uhr

Kapitel 8: Wie mir ein Magier zur Flucht verhalf

25. Januar 2011 9 Uhr

Kapitel 9: Frauen nach vorn

25. Januar 2011 13 Uhr – 15.30 Uhr

Kapitel 10: Die Stimme des Herzens setzt sich durch

25. Januar 2011 17 Uhr

Kapitel 11: Beginn eines neuen Lebens

25. Januar 2011 19 Uhr – 22.30 Uhr

Kapitel 12: Meine erste öffentliche Rede

26. Januar 2011 10 Uhr – 14 Uhr

Kapitel 13: Die Macht des Opportunismus

26. Januar 2011 18 Uhr

Kapitel 14: Ein erster Sieg

26. Januar 2011 18.30 Uhr

Kapitel 15: Wedads Glück und Salahs Verhaftung

27. Januar 2011 18 Uhr – 22.30 Uhr

Kapitel 16: Salahs Ermordung machte mich stark

28. Januar 2011 11 Uhr – 16.30 Uhr

Kapitel 17: Der traurige Ruhm des Dorfes Kamshish

28. Januar 2011 19 Uhr – 21 Uhr

Kapitel 18: Der Kampf um das Gedenken an Salah

29. Januar 2011 0 Uhr – 11 Uhr

Kapitel 19: Che Guevara grüßte uns mit erhobener Faust

29. Januar 2011 15 Uhr

Kapitel 20: Jean-Paul Sartre in Kamshish

29. Januar 2011 20 Uhr

Kapitel 21: Die Rache des Gouverneurs

30. Januar 2011 Tagsüber – Nachmittags – Abends

Kapitel 22: Sechs Tage Krieg

31. Januar 2011 Mittags

Kapitel 23: Verzweiflung, Angst und Stolz

31. Januar 2011 19 Uhr – 20.30 Uhr

Kapitel 24: Das taktische Manöver des Anwar as-Sadat

1. Februar 2011 14 Uhr – 22 Uhr

Kapitel 25: Meine erste Verhaftung

2. Februar 2011 11 Uhr – 12 Uhr

Kapitel 26: Sadats »Demokratie« – eine ägyptische Farce

2. Februar 2011 15 Uhr – 21 Uhr – 22 Uhr

Kapitel 27: Verrat und Flucht

3. Februar 2011 13 Uhr

Kapitel 28: Der Druck nimmt zu

4. Februar 2011 13 Uhr

Kapitel 29: Der Tag, an dem ich das fuchsiarote Kostüm trug

5. Februar 2011 7.30 Uhr – 10 Uhr – 12 Uhr

Kapitel 30: Die wiedergewonnene Freiheit

6. Februar 2011 Nachmittags

Kapitel 31: Salahs Vision vorerst gescheitert

7./8. Februar 2011

Kapitel 32: Feudalisten auf dem Vormarsch

9. Februar 2011

Kapitel 33: Unterwegs in zwei Welten

10. Februar 2011 Abends

Kapitel 34: Die Zeit der Depression

11. Februar 2011 Nachmittags

Kapitel 35: Rückkehr ins Leben – die Revolution

Nachwort des Co-Autors

Dank

Bildteil

Vorwort

Es war für mich ungewöhnlich und erfreulich zugleich, als ich davon erfuhr, dass ein deutscher Autor mit mir gemeinsam meine Lebensgeschichte aufschreiben möchte. Meine Internet-Recherche ergab, dass ich es nicht mit jemandem zu tun haben würde, dem meine Heimat weitgehend fremd ist. Vielmehr hatte mein künftiger Co-Autor bereits längere Zeit in Kairo gelebt. Ich durfte also von einem Grundverständnis für die ägyptische Kultur und die jüngere Geschichte meines Landes ausgehen. Dabei ergab es sich, dass mein biografischer Bericht nahezu ausschließlich auf meinen Erinnerungen beruht. Die Darstellung der Revolution des Jahres 2011 basiert aber darüber hinaus auf den Gesprächen, die wir gemeinsam mit meinen Kampfgefährtinnen und jungen Leuten geführt haben, die auf dem Tahrirplatz dabei waren. So ergaben sich zwei Erzählstränge, von denen der eine aus meiner Perspektive, der andere jedoch aus einer Außensicht geschildert wird. Ich bin überzeugt, dass es für die Leser des Buches einen Reiz ausmacht, parallel die Jahrzehnte währende politische Entwicklung der Shahinda Maklad einerseits und deren Aktivitäten als zweiundsiebzigjährige Aktivistin während der achtzehn Tage auf dem Tahrirplatz andererseits zu verfolgen. Es ist aber natürlich auch eine andere Lesart möglich, indem man sich zunächst dem autobiografischen Hauptteil und erst danach den typografisch abgesetzten Szenen des »ägyptischen Frühlings« widmet. In beiden Fällen, so hoffe ich, wird deutlich, dass meine scheinbar private Geschichte Teil einer oppositionellen politischen Kultur ist, die es in Ägypten immer gab – nicht erst seit dem 25. Januar 2011.

Shahinda Maklad

Kapitel 1

Wie ich von der Not der Bauern erfuhr …

Der Besucher sah neben meinem Vater erbärmlich aus. Zumindest auf den ersten Blick, den ich als verwöhnte neunjährige Tochter eines hohen Polizeioffiziers auf ihn werfen konnte. Der alte Mann war klein, sehr mager und trug die schlichte Galabeya eines Fellachen. Mein Vater hingegen war ein gut aussehender mittelgroßer Mann. Wenn er in seiner Uniform durch die unterägyptische Stadt Tanta lief, in der er damals der Polizeichef war, schielte so manches Mädchen nach ihm. Unserem Besucher passierte das sicher nicht, aber er glich die armselige äußere Erscheinung durch einen wachen Blick aus und durch das freundliche Lachen, mit dem er mich begrüßte. Dennoch war nicht zu übersehen, dass er sich offenbar in einer verzweifelten Situation befand. Er sprach leise und hektisch auf meinen Vater ein, der ihn höflich in den Salon bat und ihm dabei beruhigend auf die Schulter klopfte. Mich hingegen schickte er in die Küche, wo ich mithelfen sollte, unserem Gast ein Mittagsmahl zuzubereiten. Das tat er sonst nie. Schließlich hatten wir einen Koch, der das viel besser konnte. Mir war klar, dass mein Vater sich mit diesem Mann im Salon unseres Hauses allein unterhalten wollte. Das war nichts Ungewöhnliches, denn er diskutierte dort oft mit diesen oder jenen Besuchern über irgendwelche politischen Dinge. Mein Vater sympathisierte mit der Wafd-Partei, der stärksten gesellschaftlichen Kraft im damaligen Ägypten. Jeder seiner Gesprächspartner war ein Effendi, also ein Herr. Sie waren Rechtsanwälte, Offiziere oder Ärzte. Da verstand es sich von selbst, dass sie mich nicht dabeihaben wollten. Dieser Mann aber war ein Fellache, ein Bauer. Was hatte mein Vater mit ihm zu besprechen? Eine vage Antwort darauf gab er mir am Abend, als mir meine Neugier keine Ruhe gelassen und ich nachgefragt hatte: »Das war Sheikh Abdel Latif Abou Laban, ein tapferer Mann aus Kamshish.«

Ich kannte Kamshish, es war ein altes Dorf, ein sehr altes sogar, denn es wurde in der Liste der pharaonischen Dörfer geführt. Mein Vater war dort aufgewachsen, wo auch vor 3000 Jahren schon Bauern die Felder bestellten. Hier stand sein Elternhaus. Ich aber wurde im November 1938 im benachbarten Shebin El-Kom, bei meinen Großeltern mütterlicherseits, geboren. Noch heute ist es in den ländlichen Gebieten Ägyptens üblich, dass das erstgeborene Kind im Elternhaus der Mutter zur Welt kommt. Meine frühe Kindheit habe ich an den wechselnden Standorten meines Vaters verbracht. Nun also lebten wir in Tanta. Diese Stadt ist nicht allzu weit von Kamshish entfernt, aber um die Ecke lag Tanta auch nicht gerade. Was also mochte Sheikh Abdel Latif Abou Laban zu uns geführt haben?

»Warum ist dieser Mann tapfer?«, fragte ich und erhoffte mir in meiner kindlichen Naivität eine heldenhafte Geschichte.

Mein Vater sah mich eine kleine Weile nachdenklich an, ehe er mir erklärte: »Der Großgrundbesitzer Ahmed El-Feki wollte ihn zwingen, sein Land zu verkaufen, so wie er es auch bei anderen Familien getan hat. Aber Sheikh Abdel Latif Abou Laban weigerte sich und sagte, dass er es nicht für eine Million hergeben würde. Wer Land verkaufe, das die eigene Familie seit vielen Generationen bestellt, sei jemand, der seine Ehre verrät.«

»Ist das tapfer? Er hat nein gesagt – na und? Das ist sein Recht!«, erwiderte ich enttäuscht.

»Natürlich ist das sein Recht. Aber in Kamshish ist das schon tapfer, denn mit einer solchen Antwort gibt sich Ahmed El-Feki nicht zufrieden. Dort gibt es freie Bauern wie Sheikh Abdel Latif Abou Laban und viele unfreie Landarbeiter, von denen einige früher auch mal freie Bauern waren, die nun aber für den Großgrundbesitzer Ahmed El-Feki arbeiten müssen. Und wenn es nach dem ginge, wäre auch Sheikh Abdel Latif Abou Laban ein solcher unfreier Lohnarbeiter. Doch weil er sich weigerte, hat Ahmed El-Feki seine Felder angezündet und auch das Haus abbrennen lassen, und weil er sich danach noch immer geweigert hat, sein Land zu veräußern, haben korrumpierte Leute gestern sogar versucht, ihn umzubringen.«

Ich war erschüttert. Wie konnten Menschen so etwas tun? Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, fragte ich: »Aber warum kommt er bis hierher nach Tanta? Gibt es nicht auch eine Polizeistation in Kamshish oder in Shebin El-Kom?«

»Sheikh Abdel Latif Abou Laban bat mich nicht in meiner Funktion als Polizeioffizier um Hilfe«, erklärte mein Vater in einem Ton, der keine Nachfrage zuließ. Heute weiß ich, dass er mich damals noch als zu jung ansah, um mich in Vorgänge einzuweihen, in die er involviert war. Er griff zu seiner Oud, um sich selbst zu einem Lied von Om Kolthum zu begleiten. Ich liebte es, wenn mein Vater mit samtener Stimme die sentimentalen Lieder der großen ägyptischen Volkskünstlerin sang, und ich wusste, dass es sein heimlicher Traum war, in ihrem Orchester diese arabische Laute zu spielen. Meine Mutter hatte mir das einmal gesagt. Dabei hatte sie mit hochgezogenen Augenbrauen leicht den Kopf geschüttelt. Sie brachte so zum Ausdruck, dass sie eine Musikerexistenz nicht als erstrebenswerte Alternative zu einem Leben als Polizeioffizier ansah. Auch nicht an der Seite der größten Sängerin Arabiens.

Wenige Wochen später, im Mai 1948, kam die Schwester meines Vaters ganz aufgelöst in unser Haus. Sie muss wohl auf der langen Fahrt von Shebin El-Kom bis zu uns nach Tanta geweint haben. Ihre Augen waren verquollen. Kaum hatte meine Tante Amina auf dem Sofa Platz genommen, begannen die Tränen wieder zu fließen. Stockend berichtete sie, dass ihr Sohn Salah Hussein verschwunden sei, schließlich reichte sie meinem Vater, der sich zu ihr gesetzt hatte, ein Stück Papier.

»Er hat sich nicht einmal verabschiedet«, schluchzte sie, während mein Vater das überflog, was auf dem Zettel stand. Dann hellte sich seine Miene auf. Er wirkte fast fröhlich, als er seine Schwester in den Arm nahm und sagte: »Ich bin stolz auf meinen Neffen!«

Ich kannte meinen Cousin Salah nicht, ich kannte nur seinen jüngeren Bruder Hamouda. Mit dem hatte ich manchmal gespielt, wenn wir meine Tante, also seine und Salahs Mutter, besuchten. Hamouda war fünf Jahre älter als ich, und es schien, als ob er mich, seine kleine Cousine, gerne mochte. Als er viele Jahre später im Jemen-Krieg fiel, war es für mich, als hätte ich einen Bruder verloren. Salah aber war zehn Jahre älter als ich, und ich hatte ihn bis dahin noch nie gesehen.

Mein Vater rief den Rest der Familie zu sich. Meine jüngeren Brüder Medhat und Kamal kamen herbeigesprungen, den kleinen Ashraf hatte meine Mutter an der Hand und den neugeborenen Ali auf dem Arm. So standen wir nun also nebeneinander aufgereiht im Salon. Meine Tante wirkte mittlerweile schon gefasster, als mein Vater verkündete: »Mein Neffe Salah ist nach Palästina gereist und kämpft an der Seite der Partisanen, unserer palästinensischen Brüder, gegen die Zionisten.«

Ich wusste nicht genau, wo Palästina liegt, und schon gar nicht, was Partisanen sind oder Zionisten. Aber so wie mein Vater es verkündete, musste es etwas ganz Besonderes sein, weswegen mein Cousin seine Familie verlassen hatte. Meine Tante hatte sicher Angst um ihn, anders waren ihre Tränen nicht zu erklären. Doch als mein Vater ausrief, dass Salah »ein Held« sei, huschte ein stolzes Lächeln über ihr Gesicht. In diesem Augenblick begann ich Salah zu verehren, auch wenn es zunächst noch ein Phantom war, das ich verehrte.

Nach seiner Rückkehr aus Palästina habe ich Salah dann gesehen, als er meinen Vater besuchte. Das tat er glücklicherweise mehrfach, und jedes Mal hatten sie leise irgendetwas zu besprechen. Mein Cousin begrüßte mich freundlich, wie man ein kleines Mädchen begrüßt, und ich war selig, weil er für mich ein Held blieb, auch wenn es nicht gelungen war, die Zionisten aus Palästina zu vertreiben. Seit dem Besuch meiner Tante hatte ich aufmerksam zugehört, wenn in unserer Familie von Salah gesprochen wurde. Vor allem mein Vater erwähnte seinen Namen immer mit großer Hochachtung. So erfuhr ich, dass Salah ein »Rebell« sei, der schon als ganz junger Mensch gegen soziale Ungerechtigkeit aufbegehrt hätte. Als Halbwüchsiger habe er bereits mitgeholfen, Demonstrationen gegen das feudale Regime von König Faruq I. zu organisieren, welches die Verbrechen der Großgrundbesitzer deckte und den Fellachen die elementarsten Rechte vorenthielt. Dann sei er dem Aufruf der Muslimbrüder gefolgt, um den patriotischen Kampf der Palästinenser zu unterstützen. Meine Mutter teilte die Bewunderung für Salah keineswegs. Es sei keine Heldentat, sagte sie, wegen irgendwelchen politischen Flausen die schulische Ausbildung zu vernachlässigen. In Shebin El-Kom gäbe es kaum eine höhere Lehranstalt, die Salah nicht habe verlassen müssen. Wie könne mein Vater nur annehmen, dass es Allahs Willen entspreche, wenn jemand die ihm verliehenen geistigen Fähigkeiten vernachlässigt, um sich womöglich für andere erschießen zu lassen? Mein Vater winkte nur ab, und weil er dabei überlegen lächelnd den Kopf schüttelte, hatte ich das Gefühl, dass in meiner Familie einiges schieflief. Meine Mutter hatte Allah ins Spiel gebracht, obgleich wir keine sehr religiöse Familie waren. Es wurde bei uns zu Hause nicht einmal gebetet, meine Mutter trug das Kopftuch nur, wenn Sandstürme durch die Stadt wehten. Und das Fasten während des islamischen Monats Ramadan hielten wir eigentlich nur ein, weil es alle anderen auch taten. Als ich noch klein war, besuchte ich einen christlichen Kindergarten, und mein Vater hat mir einmal nach einigen Gläsern Wein gestanden, dass seine erste Freundin jüdisch gewesen sei. Nun aber, als meine Mutter gegen Salah hetzte, musste Allah dafür herhalten, um meinen Cousin zu diskriminieren. Natürlich war ich auf der Seite meines Vaters, Salah war mein Held. Aber unabhängig davon war das Verhalten meines Vaters gegenüber meiner Mutter alles andere als üblich. Er machte sonst in seiner Wertschätzung keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, wie dies bei traditionelleren Ägyptern der Fall war. Niemals hatte er seine Söhne mir gegenüber bevorzugt behandelt. Doch jetzt, als er über Salah sprach, schien es ihm nicht angebracht, sich mit der abweichenden Meinung seiner Frau partnerschaftlich auseinanderzusetzen.

Bevor ich meinen Cousin kennenlernte, hatte ich mir eine Vorstellung von ihm gemacht. Es war die eines glühenden Revolutionärs, der wortgewaltig andere von seinen Idealen überzeugen konnte. Aber Salah hatte nichts davon – zumindest nicht auf den ersten Blick. Als er kurz nach seiner Rückkehr aus Palästina endlich leibhaftig vor mir stand, erlebte ich einen zurückhaltenden Menschen, der sogar scheu lächeln konnte. Das kam der romantischen Seite in mir natürlich sehr entgegen. Vor allem ähnelte seine ruhige Stimme so sehr der meines Vaters, dass ich die beiden bei geschlossenen Augen kaum voneinander unterscheiden konnte. Und weil ich die Stimme meines Vaters sehr mochte, steigerte dies den Grad meiner schwärmerischen Verliebtheit. Dennoch tat ich, wie die meisten Mädchen, die sich in einen zehn Jahre älteren Jungen verguckt haben, alles, um meine Gefühle nicht zu verraten. Ich vermied es, ihm bei der Begrüßung in die Augen zu sehen, und wenn er sich leise mit meinem Vater unterhielt, betrachtete ich ihn heimlich, aus sicherer Entfernung. Blickte er zufällig in meine Richtung, wandte ich mich ab und beschäftigte mich schnell mit irgendetwas. Stundenlang saßen die beiden zusammen, und einmal verließ Salah unser Haus mit einem Koffer, den er noch nicht bei sich hatte, als er gekommen war. Es sollte einige Jahre dauern, ehe ich erfuhr, was sich darin befunden hatte.

Als ich zwölf Jahre alt war, wurde mein Vater nach Deir Mouass im mittelägyptischen Gouvernement Minya versetzt, weit weg von dort, wo Salah lebte. In diesem Jahr wurden in Ägypten Parlamentswahlen abgehalten. Schon damals tauschte man in vielen Wahlkreisen einfach die Urnen aus, um das Wahlergebnis zugunsten königstreuer Politiker zu manipulieren. Als Polizeichef hatte mein Vater in Deir Mouass einen solchen Wahlbetrug unterbunden. So hat er seinen Beitrag zum Wahlsieg des Kandidaten der Wafd-Partei geleistet. Zum Dank für diese Unterstützung bewirkte Mustafa Nahhas die Versetzung meines Vaters nach Samanoud. Er war der Vorsitzende der Wafd-Partei, der durch diese Wahl im Jahr 1942 nach vielen Jahren der Opposition wieder Ägyptens Ministerpräsident wurde. Samanoud war nicht nur die Heimatstadt von Mustafa Nahhas, sie lag auch wieder näher an Shebin El-Kom, wo nicht nur meine Großeltern, sondern auch Salah und seine Familie wohnten. Die bevorstehenden Sommerferien sollte ich mit Eltern und Geschwistern dort verbringen. Die Aussicht, einige Wochen ganz in der Nähe von Salah zu wohnen, bescherte mir schlaflose Nächte. Ich malte mir aus, dass ich hinter dem Haus meiner Großeltern mit ihm im riesigen Garten umhergehen und er mir von Palästina erzählen würde. Doch dann kam alles ganz anders.

Am Tag unserer Ankunft in Shebin El-Kom lag ich im ersten Stock auf meinem Bett und blickte auf den still dahinfließenden Nil hinaus. Plötzlich gab es unten im Salon einige Unruhe. Ich hörte die aufgeregte Stimme von Hamouda, der davon berichtete, dass sein Bruder Salah drüben in Kamshish mit einigen seiner Freunde von Ahmed El-Feki verhaftet worden sei. Nun hielt mich nichts mehr auf meinem Bett, und ich stürzte die Treppe hinunter. Ich erlebte, wie mein Großvater meinen Cousin bat, erst mal zur Ruhe zu kommen und im Zusammenhang zu erzählen, was sich konkret abgespielt habe. So erfuhr ich, dass Salah und seine Freunde in der Moschee an einer Trauerfeier für einen Bauern teilgenommen hatten, der während der Pilgerfahrt gestorben war. Gegen Ende der Veranstaltung hatte Salah sich das Mikrofon geschnappt und eine flammende Rede gegen die Großgrundbesitzer gehalten. Er forderte die Fellachen auf, keinen ihrer Söhne mehr für Sklavenarbeit zur Verfügung zu stellen, wie Ahmed El-Feki es von ihnen verlangte. Und sie sollten sich das Land zurückholen, das man ihnen durch Erpressung und Brandschatzung abgenommen hatte. In der Trauergesellschaft hatten einige der von Ahmed El-Feki bezahlten Leute gesessen – Hamouda nannte sie »Spione« –, und die hatten ihren Herrn umgehend informiert. Und weil Ahmed El-Feki nicht nur das Oberhaupt der berüchtigten Großgrundbesitzer-Familie war, sondern auch der Bürgermeister von Kamshish, ließ er Salah und seine Freunde festnehmen und in sein Privatgefängnis stecken.

»Er hat ein Privatgefängnis?«, staunte ich.

»Das ist ein fensterloser Raum neben dem Stall«, fing Hamouda zu erklären an, »in den er Bauern einsperrt, die sich weigern, für ihn zu arbeiten – oder die angeblich etwas gestohlen haben. Dort sitzt nun mein Bruder mit seinen Freunden. Das Dorf ist von El-Fekis Leuten umstellt, aber einer der Bauern konnte die Umzingelung durchbrechen und mich über all das informieren. Wir sind gleich zur Polizeistation hier in Shebin El-Kom gelaufen, aber niemand war bereit, sich mit Ahmed El-Feki anzulegen. Die Beamten haben die Anzeige gar nicht erst zu Protokoll genommen.«

Nun war es meine Mutter, die besonnen reagierte. Ihr Bruder war damals Staatsanwalt beim zuständigen Bezirksgericht in Talla, und er wohnte ebenfalls im Haus meiner Großeltern. Die Sache werde sich schnell regeln, meinte sie. Tatsächlich aber war dies erst der Beginn wahrhaft dramatischer Ereignisse. Mein Onkel, der Bezirksstaatsanwalt, erklärte sich wegen der familiären Nähe für befangen und schickte daher einen seiner Stellvertreter nach Kamshish, um die Vorfälle untersuchen zu lassen. Von irgendjemandem musste Ahmed El-Feki darüber informiert worden sein, denn es wurde vor seinem Kommen überraschend die Tür des Privatgefängnisses geöffnet und den jungen Leuten befohlen, es nun wieder zu verlassen. Salah aber weigerte sich. Wie sollte man die Freiheitsberaubung sonst nachweisen? Und weil er zudem befürchtete, dass ihn Ahmed El-Fekis Leute mit Gewalt in die Freiheit schleppen würden, griff er zu einem Trick. Er schwärzte seine Hände mit dem Ruß einer der Petroleumlampen, die in dem Raum herumstanden und drückte sie gegen die Wände. Er wollte Spuren hinterlassen, die später als Beweis dienen sollten, dass er tatsächlich hier inhaftiert war.

Als der Staatsanwalt in Kamshish eintraf, wollte er die vormals Festgenommenen gemeinsam mit Ahmed El-Feki in dessen Haus verhören. Die jungen Leute aber weigerten sich, das Anwesen des Großgrundbesitzers zu betreten. Stattdessen schlugen sie vor, das Verhör in einem Nachbardorf durchzuführen. Da wiederum wollten Ahmed El-Feki und sein Sohn nicht hin, weil die dortigen Bewohner sie beschuldigen würden, sie hätten vor den Wahlen jemanden umbringen lassen. Diese Anklage sei aber »völlig aus der Luft gegriffen«, behaupteten die El-Fekis.

Deren Beteuerungen glaubte ich kein Wort, denn schließlich hatten sie ja auch versucht, Sheikh Abdel Latif Abou Laban zu töten.

Der Staatsanwalt entschied, sie alle zusammen in seinem Büro in Talla zu vernehmen. Salah und seine Freunde wurden in einer Box, wie man in Ägypten die Gefangenentransporter der Polizei nennt, dorthin gebracht, während die beiden El-Fekis in ihrer privaten Limousine fuhren. Welch eine Verkehrung der Verhältnisse – so dachte ich auch damals schon. Das Ergebnis des Verhörs war, dass Ahmed El-Feki als Bürgermeister von Kamshish für vierundzwanzig Stunden vom Dienst suspendiert wurde. Viel wichtiger aber war, dass ihm fortan verboten wurde, die unbezahlte Sklavenarbeit fortzusetzen. Niemand durfte auf seinen Feldern künftig ohne Lohn arbeiten. Dies war ein großer Erfolg, denn noch saß in Kairo der König auf seinem Thron, und die Lehnsherrschaft war ein monarchistisches Prinzip.

Mein Cousin Salah und seine Freunde wurden nach ihrer Rückkehr aus Talla wie Filmstars gefeiert. Viele der Fellachen hatten befürchtet, man würde sie für lange Zeit ins Gefängnis werfen, womöglich sogar umbringen. Nun aber zogen sie als freie Menschen in Kamshish ein, und der Bürgermeister war mit einer Strafe belegt worden, wenngleich mit einer geringen. Vor allem wurde das Ende der Lehnsherrschaft bejubelt. Ich beobachtete Salah, wie er mit seinen Freunden diesen kleinen Triumph gegen Ahmed El-Feki genoss. Er strahlte vor Stolz. Ich aber stellte mir insgeheim die Frage: Wie kann ein Mann mit einem solch schönen Gesicht und einem so freundlichen Wesen ein Revolutionär sein, der gefürchtet und verfolgt wird?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, aber ich hatte sie nicht in seiner Miene entdecken können. Gemeinsam mit den Bauern entwickelte Salah schon bald eine List, wie man den Kampf gegen den Großgrundbesitzer Ahmed El-Feki intensivieren konnte. Dabei machten sie es sich zunutze, dass ein Kanal, der vom Nil ausging, durch das Land eines der Bauern lief. Durch ihn wurden die weiter hinten liegenden Ländereien des El-Feki bewässert. Salah schlug den Bauern von Kamshish vor, das Wasser zu stauen und auf die eigenen Felder zu leiten. So war es zumindest geplant, und dieses Vorhaben schien auch aufzugehen. Als sich das Wasser tatsächlich neue Wege suchte und bei den El-Fekis nichts mehr ankam, fing eine der Bäuerinnen vor lauter Begeisterung laut an zu trillern, wie es Frauen sonst bei Hochzeiten oder anderen freudigen Anlässen zu tun pflegen. Bald stimmten andere mit ein, und das laute Trillern wurde vom Wind bis zum Haus von Ahmed El-Feki getragen. Dadurch entdeckte er, was sich draußen abspielte. Ohne Vorwarnung ließ er das Feuer eröffnen. Bald lagen siebzehn Bauern verletzt auf den Feldern herum, darunter auch die Frau, die den Großgrundbesitzer mit ihrem Triller überhaupt erst auf das Geschehen aufmerksam gemacht hatte.

Die verletzten Bauern wurden nach Shebin El-Kom ins Krankenhaus gebracht, und vom Staatsanwalt in Talla wieder Ermittlungen eingeleitet. Am Ende suspendierte man Ahmed El-Feki abermals für vierundzwanzig Stunden vom Dienst des Bürgermeisters. Diesmal schien mir diese Strafe, angesichts von so vielen Verletzten, nun wirklich viel zu gering zu sein. Dennoch: Die Bauern hatten ihre Muskeln spielen lassen und erste bescheidene Erfolge erzielt. Nie wieder würden sie gegen den Großgrundbesitzer klein beigeben. Am Ende meiner Ferien wusste ich, was mein Vater meinte, als er Salah als Rebellen bezeichnete. Aus meiner schwärmerischen Verliebtheit zu ihm war trotz meiner Jugend – ich war fast vierzehn – inzwischen eine tiefe Zuneigung geworden, auch wenn ich Salah gegenüber meine Gefühle noch immer verbarg. Was ihm aber nicht entgangen war: In diesem Frühsommer 1952 war ich zu einem politischen Menschen geworden.

Kapitel 2

Der Beginn einer neuen Zeit

Ende Juli 1952 saß ganz Ägypten vor den Radioempfängern. Seit Wochen schon hatte im Land Unruhe geherrscht. Im Januar war es am Suezkanal zu einer Schießerei zwischen ägyptischen Polizisten und der britischen Mandatsmacht gekommen. Am nächsten Tag stand Wust Al-Balad, Kairos überwiegend von Ausländern bewohnter Innenstadtbezirk, in Flammen. Der »Schwarze Samstag« war der Vorbote eines Umbruchs ins Ungewisse. Mustafa Nahhas wurde vom König entlassen und ein anderer mit der Regierungsbildung beauftragt. Ein solcher Wechsel war bis zum Juli noch zweimal passiert, dann hatte sich eine Gruppe von Militärs unter dem Namen »Freie Offiziere« erhoben und die Macht in Ägypten übernommen. Am 23. Juli lauschte meine gesamte Familie vor dem krächzenden Röhrenradio der getragenen Stimme von Anwar as-Sadat, der im Namen eines Revolutionären Kommandorats ein Kommuniqué verlas.

»Sieh mal an, der kleine Anwar hat plötzlich was zu sagen«, rief mein Vater. »Ich kann mich noch erinnern, wie er als Junge in der Galabeya in unserem Nachbardorf Mit Abu El-Kom herumlief.«

»Er hat nichts zu sagen«, konterte meine Mutter. »Er verliest ein Kommuniqué, das ihm irgendwer in die Hand gedrückt hat.«

An diesem Tag glaubte ich meiner Mutter, und es sollte eine ganze Weile dauern, ehe ich dahinterkam, dass es falsch war, die Rolle Sadats zu unterschätzen. Doch die Köpfe dieser »Revolution«, die das alte System in Ägypten aus den Angeln gehoben hatten, hießen Gamal Abdel Nasser und Muhammad Nagib. Das wusste auch mein Vater. Er griff zu Papier und Bleistift und begann unter dem misstrauischen Blick meiner Mutter etwas aufzuschreiben.

»Ich werde dem Revolutionären Kommandorat ein Glückwunschtelegramm schicken«, sagte er schließlich und löste damit ein mittelschweres Erdbeben aus.

»Das wirst du nicht tun!«, zeterte meine Mutter, während sie meine weinende Schwester Shadia auf ihrem Arm an sich drückte. »Willst du uns alle ins Unglück stürzen? Noch ist der König im Amt. Die Lage kann in der nächsten Woche schon eine ganz andere sein, und dann findet man den Glückwunsch eines Polizeioffiziers namens Abdel Hamid Maklad aus Samanoud an die Revolution … Du hast sechs Kinder. Wer soll für sie aufkommen, wenn du im Gefängnis sitzt?«

Mein Vater aber las uns Kindern vor, unbeeindruckt von den Protesten seiner Frau, was er geschrieben hatte: »Ich wünsche der Revolution viel Erfolg, solange sie zugunsten des Volkes wirken wird!«

Dann fragte er meinen ältesten Bruder Medhat und mich, ob er dieses Telegramm abschicken solle.

»Ja«, schrien wir beide, was meine Mutter noch mehr in Rage brachte.

»Bist du verrückt? Was fragst du deine Kinder?«

»Ich frage meine älteste Tochter und meinen ältesten Sohn. Das entspricht unserer Tradition«, antwortete mein Vater gelassen.

»Mädchen werden schon gar nicht gefragt«, rief meine Mutter.

»Für mich sind Mädchen und Jungen gleichwertig«, setzte mein Vater seine Ausführungen mit ruhiger Stimme fort. »Ebenso wie Frauen und Männer.«

»Und meine Meinung zählt gar nicht?«, versuchte meine Mutter ihn zu provozieren.

Mein Vater erhob sich, und während er mir den Zettel und einen Geldschein reichte, sagte er lachend: »Oh doch, deine Stimme zählt auch. Du wurdest nur gerade überstimmt.«

So schnell wir konnten liefen mein Bruder und ich zum Telegrafenamt. Der alte Mann hinter dem Schalter blickte durch zentimeterdicke Brillengläser auf den Text. Was mag er wohl denken?, ging es mir durch den Kopf. Vielleicht war er ja ein Gegner dieser Revolution. Aber würde er es wagen, etwas gegen den Polizeichef der Stadt zu sagen? Der Mann starrte den Zettel an, als würde er den kurzen Text immer wieder von vorn lesen. Dann wandte er sich freundlich an uns: »Sagt eurem Vater, dass dies ein sehr kluger Text ist. Er verbindet den Wunsch nach Erfolg für die Revolution mit einer Bedingung …, solange sie zugunsten des Volkes wirken wird. Wirklich, sehr klug!«

Nun wurde auch mir der tiefere Sinn klar, den mein Vater in nur einem einzigen Satz ausgedrückt hatte. Medhat und ich sahen zu, wie der Mann mit den dicken Brillengläsern das Telegramm nach Kairo kabelte. In wenigen Minuten schon wird dort vielleicht Oberst Gamal Abdel Nasser das lesen, was mein Vater eben erst in Samanoud auf einen Zettel geschrieben hat. Und vielleicht wird er es auch Anwar as-Sadat weiterreichen, dessen Familie in Mit Abu El-Kom lebt, jenem Nachbardorf von Kamshish.

Den Tag über verfolgten meine Eltern im Radio, wie wahrscheinlich ganz Ägypten, die pausenlosen Nachrichten aus Kairo. Der Nachrichtensprecher Galal Moawad war längst zu einer kleinen Berühmtheit geworden, obgleich niemand wusste, wie der Mann mit der prononcierten Stimme eigentlich aussah. Galal Moawad war ein Star ohne Gesicht, und ausgerechnet er verlas am frühen Abend das Telegramm meines Vaters. Es war die allererste Verlautbarung eines Ägypters zugunsten der Revolution, und genau das warf meine Mutter nun ihrem Ehemann vor: »Musstest du unbedingt der Erste sein, der im Radio namentlich genannt wird? Die Leute des alten Regimes sind doch nicht alle schlagartig verschwunden, nur weil eine Handvoll Offiziere in Kairo geputscht hat!«

Jetzt bekam auch ich ein wenig Angst um meinen Vater. Wenn ihm etwas passieren sollte, würde ich Schuld daran haben. Denn ich hatte ja zugestimmt, das Telegramm nach Kairo zu schicken. Um meinen Gewissenskonflikt zu überspielen, lief ich zu ihm, legte meine Arme um seinen Hals und küsste ihm die Stirn. Dann flüsterte ich in sein Ohr, dass ich stolz auf ihn sei.

In den nächsten Stunden und Tagen riefen nahe und entfernte Verwandte an, und alle äußerten ähnliche Befürchtungen wie meine Mutter. Das änderte sich erst, als König Faruq I. Ende Juli das Land verließ und sein gerade mal sechs Monate alter Sohn Ahmed zu König Fuad II. erklärt wurde. Einen Säugling auf dem Thron nahm niemand sonderlich ernst, und nun gratulierten wildfremde Menschen meinem Vater auf der Straße.

Als Dank bescherte der Revolutionäre Kommandorat unserer Familie wieder einen Umzug. Diesmal ging es nach Talkha, einem Ort nicht sehr weit von Samanoud entfernt. Um meine kleineren Brüder zu trösten, die um den drohenden Verlust ihrer Freunde bangten, erklärte mein Vater Talkha zu einem außergewöhnlichen Ort. Dort werde gerade eine riesige Brücke hinüber nach Mansura, auf der anderen Nilseite gelegen, errichtet, ein wahres Wunderwerk der Technik. Von der Terrasse unseres neuen Hauses könnten wir den Bau verfolgen. Schon beim ersten Blick auf die Baustelle wurde mir klar, dass er maßlos übertrieben hatte. Die Brücke würde sich kaum unterscheiden von den Nilbrücken, die wir anderswo gesehen hatten. Dennoch war Talkha in anderer Hinsicht ein besonderer Ort – und die Versetzung unseres Vaters dorthin alles andere als zufällig. Die Stadt galt nämlich als eine Hochburg der Großgrundbesitzer, die der Revolution eher feindlich gesinnt waren. Das, was in Kamshish die El-Fekis waren, ist in Talkha die Familie Badrawy gewesen. An ihnen sollte ein Exempel für die vom Revolutionären Kommandorat verabschiedete Landreform statuiert werden. Kein Geringerer als Gamal Abdel Nasser würde Land an die Kleinbauern von Talkha verteilen, und im Vorfeld war ein Polizeichef gefragt, der der Revolution positiv gegenüberstand.

Es würde sich nun alles ändern, nur bei den Privilegien, die lokale Polizeichefs seit jeher genossen, hatte sich nichts geändert. Ihnen standen auch weiterhin ein Fahrer und ein Dienstfahrzeug zu, Adjutanten, die Erledigungen besorgten, Köche sowie Wachposten vor den Wohnhäusern. Und die Kinder des Polizeichefs von Talkha wurden wie einst die der königlichen Familie mit einer Kutsche zur Schule gefahren. Das war ein merkwürdiger Widerspruch: Einerseits schlug mein Herz für die Fellachen und einfachen Landarbeiter, andererseits führte ich das Leben einer Prinzessin.

Der Tag, an dem Gamal Abdel Nasser nach Talkha kam, war für mich ein wundervoller Tag. Auf einem zentralen Platz war ein Zeltdach über ein gewaltiges Podium gespannt. Nasser stand in seiner Offiziersuniform da und rief einzeln die Namen der Bauern auf. Es berührte mich, wie sie in den einfachen Galabeyas der Fellachen nach oben stiegen und aus seinen Händen ihre Besitzurkunden in Empfang nahmen. Die meisten konnten das Dokument gar nicht lesen, aber sie hatten eine Vorstellung davon, wie groß ein Feld von fünf Feddan (2,1 Hektar) ist, das ihnen damit zugesprochen wurde. Für viele Fellachen-Familien war dies das erste eigene Land überhaupt. In nur wenigen Stunden schmolzen die riesigen Ländereien der Badrawys, die der Zeremonie ferngeblieben waren, auf 200 Feddan (rund 84 Hektar) zusammen. Ich sah in die glücklichen Gesichter der Bauern und bedauerte, dieses Erlebnis nicht mit Salah teilen zu können. So nahm ich mir vor, auf jedem Fall neben ihm zu stehen, wenn sicher schon bald auch in Kamshish das Land des Ahmed El-Feki jenen Bauern zurückgegeben würde, denen er es zuvor gestohlen hatte. Da wusste ich noch nicht, dass Salah in Alexandria, wo er mittlerweile Geografie studierte, unter Hausarrest gesetzt worden war, weil er an der Seite der Muslimbrüder gegen Nasser demonstriert hatte. Und schon gar nicht ahnte ich, dass der Großbauer Ahmed El-Feki einen mächtigen Fürsprecher haben würde, der schützend die Hand über ihn halten sollte. Das war jemand, der sich meinen Vater weit weg von Kamshish wünschte. Und so wurde ihm eines Morgens durch ein Schreiben die Versetzung ins mittelägyptische Assiut mitgeteilt. Die Stadt liegt fast 400 Kilometer südlich von Kairo und noch viel weiter von Kamshish entfernt. Mein Vater war ziemlich ungehalten. Nur ein Jahr nachdem ihm die neue Revolutionsregierung den Posten in Talkha angetragen hatte, wollte man ihn zurück in den Süden, in eine Wüstenregion schicken. Spontan setzte er ein Kündigungsschreiben auf und begründete diesen Schritt damit, dass für ihn eine Versetzung inakzeptabel sei, unverkennbar würde dahinter ein Großgrundbesitzer stecken. Da es nun also eine »begründete Kündigung« war, mussten sich höchste Stellen im regierenden Revolutionären Kommandorat damit befassen. Und wieder war es meine Mutter, die ihre Beziehungen spielen ließ. Diesmal war es Zakaria Mohi El-Din, ein entfernter Verwandter, an den sie sich wandte. Er gehörte nicht nur dem Revolutionären Kommandorat an, sondern war auch Ägyptens Innenminister und damit der oberste Dienstherr meines Vaters. Zakaria Mohi El-Din konnte zwar nicht bewirken, dass mein Vater den Posten in Talkha behalten, wohl aber den des Polizeichefs in Bani Suwaif bekommen konnte – eine Stadt, die nicht ganz so weit im Süden des Landes lag. Mir aber war das immer noch zu weit von Salah entfernt, den ich ja in Shebin El-Kom wähnte. Obgleich er nach wie vor keine Ahnung von meinen schwärmerischen Gefühlen ihm gegenüber hatte, war ich fest davon überzeugt, dass er sie bald bemerken würde. Und da passte mir ein Umzug nach Bani Suwaif überhaupt nicht. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und bat meinen Vater, mir zu gestatten, im Haus meiner Großeltern in Shebin El-Kom leben zu dürfen, um bei ihnen meine schulische Ausbildung fortzusetzen. Zu meiner Überraschung stimmte er ohne irgendeine Nachfrage sofort zu.

In Shebin El-Kom besuchte ich die neunte Klasse einer Schule, und dort unterrichtete eine Frau, die in meinem weiteren Leben eine wesentliche Rolle spielen wird. Sie hieß Wedad Metri, und ihr Name verriet, dass sie eine Koptin war, also aus einer christlichen Familie stammte. Sie war Mitte zwanzig, alleinstehend und wohnte im Lehrerheim. Wir Schülerinnen liebten sie sehr. Im Philosophieunterricht vermittelte sie uns eine Betrachtung der Welt, die uns bisher verschlossen geblieben war. Ihre Sichtweise unterschied sich von nahezu allem, was die Imame in den Moscheen und wohl auch die koptischen Priester in den Kirchen predigten. Hier war nicht von Maktub die Rede, also von göttlichen Fügungen, denen man sich zu beugen hatte, sondern davon, dass die Menschen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen müssen. Und um die neuen Erkenntnisse bei ihren Schülerinnen zu vertiefen, organisierte sie in einer Art Club Arbeitsgemeinschaften und Leseabende, in denen sie uns auch mit ägyptischer Literatur bekannt machte. Sie lud auch Journalisten ein, mit denen wir diskutieren konnten. Nie hatten wir das Gefühl, dumme kleine Mädchen zu sein, vielmehr begegneten uns Wedad Metri und ihre Gäste auf Augenhöhe. Wir fühlten uns ernst genommen, was für Mädchen in der Pubertät ein sehr schönes Gefühl ist. Auch die Nachmittage verbrachten wir freiwillig auf dem Schulgelände, in dem wir neben sportlichen Betätigungen in Gesprächskreisen lernten, einander selbst dann zu akzeptieren, wenn wir über Dinge verschieden dachten. Wir lernten das Zuhören ebenso wie im Diskurs eine eigene Meinung zu diesen oder jenen Fragen zu entwickeln und sie gegenüber anderen zu verteidigen.

Die Schule wurde zu einem Ort der freien Rede. Aber bald wurde uns auch vor Augen geführt, dass unser Schulhof in dieser Hinsicht in Ägypten eher eine Ausnahme denn die Regel darstellte. Ausgerechnet ein Ausflug sollte uns diese Erkenntnis bringen. Gemeinsam mit unserer Lehrerin fuhren wir mit dem Schulbus zu den Barragen, einem Gebiet am Stadtrand von Kairo, wo einst die königliche Familie einen Sommersitz hatte und sich nun ein Frauengefängnis befand. Diese Haftanstalt war das Ziel unserer Exkursion.

Mit gemischten Gefühlen trat ich mit meinen Klassenkameradinnen durch das große Tor. Nachdem es sich hinter uns wieder geschlossen hatte, wurden wir vom Gefängnisdirektor begrüßt, der offenbar ein Bekannter unserer Lehrerin war. Jedenfalls gingen sie vertrauter miteinander um, als dies bei Leuten der Fall ist, die sich zum ersten Mal treffen. Und mit einem Teil der auf dem Gefängnishof angetretenen Frauen schien Wedad Metri geradezu befreundet zu sein. Sie umarmte und küsste sie, nannte manche sogar beim Namen, und ich bemerkte, wie sie der einen oder anderen Geld zusteckte. Einige dieser Gefangenen hatten Babys bei sich, die sie in einem Tuch vor der Brust trugen. Ein Bild, das mich sehr berührte.

Auf der Rückfahrt ließ uns die Lehrerin wissen, dass die meisten dieser Frauen nicht etwa inhaftiert seien, weil sie Mörderinnen oder Räuberinnen wären, sondern deshalb, weil sie Meinungen vertraten, welche die mächtigen Herren in Kairo nicht schätzten.

In den Tagen nach diesem Ausflug ging unter den Schülerinnen das Gerücht um, dass Wedad Metri eine Kommunistin sei. Es wurde von einer zur anderen weitergetragen. Ich hörte davon, natürlich immer unter dem Siegel der Verschwiegenheit, von mindestens fünf meiner Klassenkameradinnen. Keine von ihnen aber konnte mir die Frage beantworten, was Kommunismus eigentlich bedeutete. Schließlich fragte ich Wedad Metri selbst. Sie sah mich mit einem merkwürdig skeptischen Blick an, wie ich ihn bei dieser freundlichen Person nie zuvor gesehen hatte. Schließlich drückte sie mir ein Buch in die Hand und sagte: »Lies das! Dann weißt du es.« Das Werk war von einem deutschen Autor namens Friedrich Engels verfasst worden und hieß Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Ich trug es in meiner Schultasche nach Hause und hoffte, dass der Inhalt nicht so kompliziert sein würde, wie es der Titel vermuten ließ. Ich fing an zu lesen – und musste feststellen, dass er noch sehr viel komplizierter war. Darin wurden ungeheuerliche Behauptungen aufgestellt. Angeblich, so schrieb dieser Friedrich Engels, hätten die Menschen in der Phase der Wildheit, zum Schutz vor Raubtieren, auf Bäumen gelebt und sich von Früchten und Nüssen ernährt. Dann seien sie von den Bäumen heruntergestiegen, hätten das Feuer entdeckt, Werkzeuge entwickelt und sich auf die Jagd begeben. Von Barbarei war die Rede und von wichtigen Entdeckungen wie die der Metallherstellung. Die Menschen hätten verschiedene Formen entwickelt, um ihr Leben in Familienverbänden und schließlich in Staaten zu organisieren. Das Ungeheuerliche an diesen Behauptungen war, dass sie dem widersprachen, was unsere Religion uns über die Geschichte der Menschheit lehrte. Viele Sätze musste ich drei- oder viermal lesen, manche, die mir wichtig erschienen, unterstrich ich mit einem Bleistift, und die Ränder des Buches waren voller Fragezeichen. Ich sagte meiner Großmutter, dass ich krank sei und nicht zur Schule gehen könne, nur um mich diesem eigenartigen Buch zu widmen. Nach drei Tagen war ich wirklich krank. Ich hatte Fieber bekommen, und in meinem Kopf schwirrten die Theorien herum, die mir dieser Friedrich Engels beschert hatte.

Als ich wieder zur Schule ging, gab ich meiner Lehrerin das Buch zurück und gestand, nichts von dem verstanden zu haben, was ich gelesen hatte. Als Wedad Metri all die Unterstreichungen in dem Buch sah und die vielen Fragezeichen, zog sie die Augenbrauen in die Höhe.

»Du hast das Buch wirklich gelesen?«, fragte sie verwundert.

Dann erkundigte sie sich nach meiner Familie. Ich erzählte ihr von meinem Cousin Salah, der in Palästina gegen die Zionisten gekämpft habe, und von der Unterdrückung der Bauern in Kamshish durch die El-Feki-Familie. Auch von dem Kampf gegen die Großgrundbesitzer, den Salah und auf geheime Weise wohl auch mein Vater tatkräftig unterstützte. Ich erwähnte ihr gegenüber nichts von meinen Gefühlen, die ich für Salah empfand, wohl aber die grenzenlose Bewunderung für ihn, die ich mit meinem Vater teilen würde. Inzwischen hatte ich erfahren, dass Salah sich in Alexandria aufhielt und es ihm verboten war, die Stadt zu verlassen. Auch das sagte ich zu Wedad Metri. Sie wirkte plötzlich auf eine für mich überraschende Weise verändert, als habe sich eine eben noch bestehende Sorge in Luft aufgelöst. Schon im nächsten Moment erfuhr ich, dass meine Empfindung nicht falsch war. Sie gestand mir nämlich, dass sie sehr argwöhnisch gewesen sei, als ich nach dem Kommunismus gefragt hatte. Immerhin sei mein Vater ein hoher Polizeioffizier. Und viele ihrer Freundinnen, von denen ich einige in dem Gefängnis bei den Barragen gesehen habe, seien von Nassers Geheimdienst verhaftet worden. Nicht ohne Grund habe sie mir daher dieses schwer verständliche, aber eben auch unverfängliche Buch gegeben.

Ich musste lachen. Drei Tage und Nächte hatte ich mich bis zum Fieberwahn mit den Theorien dieses Friedrich Engels beschäftigt, um nun zu erfahren, dass dahinter Wedad Metris Angst stand, ich könne von meinem Vater als Spionin geschickt worden sein. In diesem Moment begannen wir Freundinnen zu werden. Sie sagte: »Du musst meine Furcht verstehen. Unsere Gegner werden nichts unversucht lassen, uns mundtot zu machen.«

19. Februar 2010

Die einundsiebzigjährige, erfahrene Politaktivistin Shahinda Maklad ist skeptisch, ob er der richtige Mann für einen Wandel in Ägypten ist. Deshalb kommt sie auch nicht mit, als politische Mitstreiterinnen – mit einigen von ihnen saß sie in der Sadat-Zeit in verschiedenen Gefängnissen – zum Kairoer Flughafen fahren, um Mohamed El-Baradei in seiner Heimat zu begrüßen. Sie verfolgt dessen Ankunft am heimischen Fernsehgerät. Seit Wochen hatten die regimenahen Medien versucht, den ägyptischen Diplomaten, der zuletzt der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) vorstand, in ein schlechtes Licht zu rücken. Nachdem Gerüchte aufkamen, er werde bei der nächsten Präsidentenwahl gegen den Amtsinhaber Husni Mubarak in den Ring steigen, war gegen ihn ins Feld geführt worden, dass seine jahrzehntelange Abwesenheit ihn kaum für ein solches Amt qualifiziere. Shahinda aber sieht darin eher einen Vorteil. Kann man doch davon ausgehen, dass dieser Mann nicht in den korrupten Filz des Mubarak-Regimes involviert ist. Sie wolle ihm aber »keinen Blanko-Scheck ausstellen«, hatte sie den Freundinnen gegenüber ihre Absage begründet, Mohamed El-Baradei einen triumphalen Empfang zu bereiten. Auf dem Bildschirm erkennt sie nun einen wenig charismatischen Mann, der zudem ein leichtes Stottern nicht verbergen kann. Ein Volkstribun jedenfalls würde er nicht sein, vielleicht aber eine Art politischer Direktor auf Zeit, der Reformen für das Land anschiebt, in dem sich dann schon bald neues politisches Personal herausschälen würde. Wenige Tage später steht sie dem Hoffnungsträger in dessen Haus unweit der Pyramiden persönlich gegenüber. Es gefällt ihr, wie ernst und sicher der freundliche Mann seine Vision vorträgt, ein breites Bündnis zu schmieden, welches von radikalen linken Gruppierungen bis zu den Muslimbrüdern reichen soll.

Kapitel 3

Der Kampf der Bauern von Kamshish

Ich hatte den Mann erst gar nicht erkannt, der da in einer schmuddeligen Galabeya und einem um den Kopf geschlungenen Tuch im Haus meines Großvaters in Shebin El-Kom wie aus dem Nichts auftauchte. Erst als der vermeintliche Fellache meine Tante Nazek sehr herzlich mit der Stimme meines Vaters begrüßte und mir die Hand zum Gruß reichte, erkannte ich hinter dem schüchternen Lächeln Salah. Da es ihm untersagt war, Alexandria zu verlassen, musste er zu dieser Verkleidung greifen, um unbemerkt in die Nähe von Kamshish zu gelangen. Nach Sonnenuntergang würde er die wenigen Kilometer hinüberlaufen. Wie viel Mut gehörte dazu, sich über das Verbot hinwegzusetzen und in unserer Gegend aufzutauchen, wo ihn jeder kannte, auch die Polizei! Andererseits wollte er die Bauern nicht im Stich lassen, denn nichts sprach im Moment dafür, dass das neue Regime sie ebenso beschenken würde wie die Bauern von Talkha. Für diesen Mut bewunderte ich ihn grenzenlos.

Zu meiner Überraschung fragte mich Salah nach meinen Interessen. Nie zuvor hatte er so etwas getan. Mein Herz schlug mir vor Aufregung bis zum Hals. Ich erzählte ihm von meiner Lehrerin Wedad Metri und holte das neue Buch hervor, das sie mir zu lesen gegeben habe. Es behandelte die Grundlagen der marxistischen Philosophie. Im Gegensatz zu dem Werk von Friedrich Engels war es in einem leicht verständlichen Arabisch geschrieben. Salah aber sagte, dass ihn die Philosophie von Marx und Engels weniger interessiere als deren ökonomische Analysen. Und dann erzählte er ausführlich, warum das so sei. Ich hing an seinen Lippen. Als er in Alexandria an den Demonstrationen gegen Nasser teilgenommen habe, so begann er auszuführen, sei er noch bei den Muslimbrüdern gewesen. Sie hätten dessen Revolution zunächst unterstützt, dann aber wäre es mit dem neuen Regime zum Bruch gekommen. In dieser Zeit hätte er in seinem Wohnheim einen jungen Mann kennengelernt, der zwar den islamischen Namen Mohammed getragen, sich aber als Kommunist bezeichnet habe. So sei er mit sozialistischen Ideen in Berührung gekommen. Ihm habe der Gedanke gefallen, dass diejenigen, die durch ihre Arbeit Werte schaffen, auch angemessen an den Gewinnen beteiligt werden. Seine Freunde bei den Muslimbrüdern aber wandten ein, dass die Kommunisten gottlose Gesellen seien. Also sei er wieder zu diesem Mohammed gegangen und habe ihn zur Rede gestellt.

»Selbst wenn es so wäre, was interessiert dich das? Es geht um soziale Gerechtigkeit!«, habe dessen Antwort gelautet.

Salah sah mich mit seinen warmen dunklen Augen an, als erwartete er von mir eine Erklärung, wie ich dazu stand. Tatsächlich war auch mir schon in jenem Philosophie-Buch, das Wedad Metri mir gegeben hatte, aufgefallen, dass die Religion von den Kommunisten nicht sehr geschätzt wurde. Obgleich ich ja aus keiner sehr religiösen Familie komme, schien mir eine politische Richtung, die sich von Allah abwendet, von vornherein zum Scheitern verurteilt zu sein, und das gab ich meinem Cousin auch zu verstehen.

Über Salahs Gesicht huschte wieder dieses schüchterne Lächeln, das ich so liebte, ehe er mit seiner Erzählung fortfuhr: »Ich habe zu Mohammed gesagt, wenn sein Kommunismus wirklich gegen die Religion sei, dann würde ich ein Maschinengewehr nehmen und alle Marxisten töten!«

Ich musste lachen – und Salah lachte ebenfalls.

»Was hat Mohammed geantwortet?«

»Er sagte: ›Marxisten wachsen immer wieder nach!‹ … Na ja, ich glaube noch immer an Gott, aber die religionsfeindliche Philosophie interessiert mich nicht so sehr wie etwa das, was Marx über Ausbeutung sagt, über Mehrwert und über den Klassenkampf.«

Salah warf mit politischen Begriffen um sich, die ich entweder noch nie gehört oder – wenn – nicht verstanden hatte. Alles, was ich an diesem Nachmittag begriff: Salah war noch immer ein gläubiger Muslim, aber eben trotzdem auch ein Marxist. Also das, was ich später als die »ägyptische Variante des Kommunismus« kennenlernen sollte.

Am Abend war Salah weg. Er hatte sich nach Kamshish aufgemacht, um mit den Führern der dortigen Bauern zu beraten, welche Aktionen gegen die Großgrundbesitzer zu unternehmen seien. Immerhin hatten sie ja inzwischen, wie das Beispiel Talkha gezeigt hat, den in Kairo herrschenden Revolutionären Kommandorat auf ihrer Seite.

Am nächsten Morgen fiel mir ein Flugblatt in die Hände. Hatte Salah es für mich zurückgelassen? Warum war es mir am Abend nicht aufgefallen? War er am Morgen noch einmal ins Haus meiner Großeltern zurückgekehrt, ehe er sich wieder auf den Weg nach Alexandria gemacht hatte? Ich überflog den Text: »Bauern von Kamshish! Ihr pflügt die Erde eurer Unterdrücker mit der Hacke – warum spaltet ihr damit nicht deren Brust?« Im ersten Moment war ich schockiert über diesen Aufruf zur Gewalt. Dann aber sagte ich mir, dass Ahmed El-Feki ja auch nicht davor zurückschreckte, nicht einmal vor feigem Mord.

Am Wochenende darauf besuchte ich meine Eltern und Geschwister in Bani Suwaif. Ich zeigte meinem Vater das Flugblatt. An der Art, wie er es kaum wahrnehmend zur Seite legte und mich herausfordernd anlächelte, konnte ich erkennen, dass er dessen Inhalt kannte. Er sah mich eine Weile mit einem Blick an, in dem ich sowohl Verwunderung als auch Stolz lesen konnte. Dann stellte er fest: »Ich habe gar nicht bemerkt, dass du so erwachsen geworden bist!«

Bevor ich mich von allen verabschiedete und mich der Fahrer nach Shebin El-Kom zurückbrachte, hatte mir mein Vater einen Koffer überreicht, den ich Salah bei dessen nächstem Besuch übergeben solle. Es war derselbe Koffer, der mir schon in Tanta aufgefallen war. Nur wusste ich diesmal, was sich darin befand: Munition für jene Waffen, die damals in dem Koffer waren. Mein Vater hatte bei der Übergabe gesagt, dass die Bauern nie wieder wehrlos sein dürften. Ich legte den Koffer so behutsam auf den Rücksitz des Wagens, als enthielte er Porzellan. Endlich würde für mich ein Traum in Erfüllung gehen – ich würde Salahs Kampfgefährtin werden.

Die Bauern von Kamshish hatten seit jenem Tag an Selbstbewusstsein gewonnen, als der verzweifelte Sheikh Abdel Latif Abou bei uns in Tanta aufgetaucht war. Dazu mag Salah beigetragen haben, der sie zum Widerstand ermutigte, und sicher auch die Waffen, über die sie nun verfügten. Nie wieder würden sie es widerstandslos hinnehmen, sollte Ahmed El-Feki auf sie schießen lassen. Vor allem wollten sie sich nicht mehr gefallen lassen, dass der Großgrundbesitzer Nilwasser in einen eigenen kleinen Stausee leitete und den Kleinbauern nichts davon abgab. So begannen sie erneut, das Wasser auf ihre eigenen Felder zu leiten. Eine Szene, die später in einen berühmten ägyptischen Film eingebaut wurde. Während dieser Aktion wurde nicht wieder getrillert, aber trotzdem entging sie Ahmed El-Feki auch diesmal nicht. Wie ein Kolonialherr schwang er sich auf das Pferd, um eigenhändig dagegen vorzugehen. Die auf den Feldern versammelten Bauern konnten aus einiger Entfernung beobachten, wie sein Sohn, der auch Salah hieß, noch versuchte, ihn von einem solchen Alleingang abzuhalten. Vergebens – das Oberhaupt des El-Feki-Clans galoppierte mit der Reitpeitsche in der Hand in Richtung der Bauern, um sie von »seinem Land« zu vertreiben.

Die Leute aus Kamshish ließen den Herrenreiter sehr nahe an sich herankommen, dann feuerten sie aus vielen Gewehren in die Luft. Es dröhnte wie bei einem gigantischen Feuerwerk, und es passierte das, was sie beabsichtigt hatten. Das Pferd bäumte sich auf, entledigte sich seines Reiters und lief voller Angst im wilden Zickzack zurück. Ahmed El-Feki aber landete, wohin er gehörte: im Dreck. Blitzschnell lief eine Bäuerin zu ihm hin und warf ihr Tuch über ihn, was in unserer Kultur eine sehr erniedrigende Geste darstellt. Dem so Gedemütigten blieb nichts anderes übrig, als zu Fuß in Richtung seines Hauses zu rennen und die ohrenbetäubenden Triller der Landfrauen zu ertragen.

Natürlich würde ein Mann wie Ahmed El-Feki die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Das ahnte jeder, und so herrschte eine angespannte Situation in Kamshish. Was aber würde er unternehmen?

In dieser Zeit waren landesweit viele Kleinkriminelle unterwegs, die sich der Verurteilung durch Bezirksgerichte entzogen, also sich quasi auf der Flucht befanden. Sie waren bereit, für ein entsprechendes Honorar nahezu jeden Auftrag anzunehmen, auch wenig ehrenwerte. Drei solcher Strolche nahm nun Ahmed El-Feki unter seine Fittiche und beauftragte sie, in Kamshish für Angst und Schrecken zu sorgen. Die dunklen Gestalten zogen als Trio durch das Dorf und ballerten mit ihren Gewehren herum. Niemand traute sich auf die Straße. Tags darauf wiederholte sich das Geschehen.

Am Abend kamen die Bauern zusammen und berieten, was zu unternehmen sei. Keiner war bereit, sich das länger gefallen zu lassen. An einem der nächsten Tage versammelte sich eine große Zahl von ihnen im großen Garten des Elternhauses meines Vaters, vor allem junge, kräftige Burschen. Wieder erschienen die drei Söldner des Ahmed El-Feki und schossen in der Gegend herum. Die Bauern warteten ab, bis sie keine Munition mehr hatten. Als die drei Halunken sich zurückziehen wollten, stürzten die Bauern hervor und gingen auf sie los. Zwei von ihnen erwischten sie unweit unseres Hauses. In ihrer grenzenlosen Wut schlugen die Leute aus Kamshish ihre Peiniger auf der Stelle tot. Den Dritten erwischten sie auf den Feldern, ehe er den schützenden Hort des Großgrundbesitzers erreichen konnte, wo ihn dasselbe Schicksal ereilte.

Sosehr ich die Wut der Bauern verstehen konnte, sosehr erschreckte mich aber auch deren Brutalität. Ich war sicher: Wäre Salah an diesem Tag in Kamshish gewesen, er hätte sie von der Lynchjustiz abgehalten und die drei Männer in Shebin El-Kom der Polizei übergeben. Stattdessen wurde die Polizeibehörde nun gegen die Bewohner von Kamshish aktiv. Sie schickte eine Hundertschaft der Hagana-Truppe, die aus nubischen Kamelreitern bestand, welche mit Stöcken und Peitschen ausgerüstet waren und das Dorf umstellten. Eine Ausgangssperre wurde verkündet. Aber diese Maßnahme hatte auch Folgen für Ahmed El-Feki. Er wurde als Bürgermeister abgesetzt, und in einem Zelt wurde ein Polizeiposten eingerichtet, der die Leitung des Ortes kommissarisch übernahm. Das Weitere, so wurde gesagt, würde man in Kairo entscheiden.

Kurz darauf hieß es, der Revolutionäre Kommandorat würde einen Schlichter nach Kamshish entsenden und kein Geringerer als Anwar as-Sadat würde diese Aufgabe übernehmen. Er stamme schließlich aus dieser Gegend und sei daher mit den Verhältnissen und der Mentalität der Menschen im Nildelta bestens vertraut. Die Bauernschaft wurde aufgefordert, einen Vertreter zu benennen, der in ihrem Namen sprechen würde. Bisher waren in Kamshish Beschlüsse immer in einer Vollversammlung der Dorfbewohner getroffen worden. Und so gab es viele, die wollten, dass bei dem Besuch von Sadat ebenso verfahren werden solle. Deshalb weigerten sie sich, ein Schlichtungsgespräch im Haus von Ahmed El-Feki zu akzeptieren. Es musste auf neutralem Boden stattfinden. Was also eignete sich dafür besser als jenes Polizeizelt, das von allen Seiten einsehbar war. Hierfür aber musste die Ausgangssperre aufgehoben werden. Die Polizeiführung willigte ein. Im Gegenzug benannten die Bauern Abdallah Sherif zu ihrem Sprecher, einen großen hellhäutigen Mann mit einem starken Willen. Als ich diese charismatische Führerpersönlichkeit sah, wusste ich sofort, dass er der Richtige war.

Anwar as-Sadat erschien mit großer Entourage, Leuten mit wichtigen Mienen, und mit Ahmed El-Fekis Sohn Salah. Sie nahmen hinter einem Tisch in der Mitte des Zeltes Platz. Mir fiel auf, dass Sadat mit Salah El-Feki sehr vertraut, ja geradezu freundschaftlich umging. Dann betrat Abdallah Sherif das Zelt. Ihm aber wurde im Gegensatz zu den anderen kein Stuhl angeboten. Rundherum standen die Bauern und feixten, als ihr Sprecher nach einem Stuhl griff, sich Sadat und Salah El-Feki gegenübersetzte und eine Zigarette anzündete. Das Gesicht von Sadat verfinsterte sich, und als Abdallah Sherif genüsslich den Rauch in die Luft blies, bekam der Mann, der als Schlichter angereist war, einen cholerischen Anfall.

»Weißt du, vor wem du sitzt?«, brüllte er.

»Natürlich! Ich sitze vor Anwar as-Sadat aus unserem Nachbarort Mit Abu El-Kom, der ein Mitglied des Revolutionären Kommandorats ist«, schleuderte Abdallah Sherif Sadat entgegen.

Rund um das Zelt brandete Applaus auf. Abdallah Sherif hatte ihn nicht mit seinem militärischen Rang angesprochen, sondern als einen von uns. Also sollte er sich auch so benehmen. Das aber tat er nicht. Mir gefiel nicht, wie er sich überlegen lächelnd nach hinten lehnte und Abdallah Sherif abschätzend taxierte und sich, nachdem er mit Salah El-Feki vertraute Blicke austauschte, zu der Frage herabließ: »Was hast du mir an Klage vorzutragen? Ich höre!«

Abdallah Sherif ließ sich durch diese arrogante Attitüde nicht verunsichern. Seelenruhig drückte er mit dem Stiefel seine Zigarette aus, ehe er erklärte: »Ich habe kein persönliches Anliegen, ich vertrete die Bauern von Kamshish, und …«

»Und was haben die Bauern von Kamshish vorzutragen?«, wurde er von Sadat unterbrochen.

»Sie verlangen, dass ihnen das beschlagnahmte Land zurückgegeben wird!«

Abermals brauste Applaus auf, einige Frauen ließen Triller los.

»Beschlagnahmtes Land?«, fragte Sadat und beugte sich nach vorn. Seine Haltung hatte plötzlich etwas Bedrohliches. »Beschlagnahmt durch wen?«

Nun brüllten rund um das Zelt alle durcheinander, dass ihnen das Land von Ahmed El-Feki weggenommen worden sei. Sadat hob den Arm, ohne die Leute außerhalb des Zeltes anzusehen. Nachdem Ruhe eingekehrt war, sagte er zu Abdallah Sherif, den er die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte: »Du bist der Sprecher der Bauern, also sorge dafür, dass nur wir beide miteinander reden. Ich frage dich, ob das Land tatsächlich okkupiert oder ob es nicht vielmehr von der Familie El-Feki ordentlich durch Kauf erworben und dieser Kauf durch rechtswirksame Verträge besiegelt wurde?«

Wieder brach Unruhe aus, Worte wie »Erpressung« und »Brandlegung« fielen. Abdallah Sherif erhob sich, und nun war er es, der Sadat nicht aus den Augen ließ. In ruhigem Ton, so als ob er sich nach der Uhrzeit erkundigen würde, stellte er die Frage: »Wenn alles so legal ist, wie du sagst … Warum habt ihr dann eine Revolution gemacht und den König abgesetzt?«

Sadat schlug mit der Faust auf den Tisch. Immer und immer wieder. Das aber ging im allgemeinen Gejohle unter. Schließlich sprang er auf und brüllte: »Ich werde hier richten, ohne dass man mich beleidigt.«

Er blickte drohend umher. Zum ersten Mal schien er die Menschen wahrzunehmen, die um das Zelt herum standen. Mit scharfer Stimme verkündete er: »Und wenn ich es für nötig erachte, werde ich hier einen Galgen aufstellen lassen.« Dann holte er ein großes Blatt Papier aus seiner Tasche und sagte: »Deinen Namen setze ich auch noch auf diese Liste … Abdallah Sherif!«

Es war eine offenbar schon vorbereitete Namensliste, die Sadat an einen hohen Polizeioffizier weitergab, wobei er befahl: »Dies sind die Namen von fünfundzwanzig Aufrührern. Sie sind auf der Stelle zu verhaften und ins Bezirksgefängnis nach Shebin El-Kom zu bringen.«

Zwei Polizisten griffen nach Abdallah Sherif, der sich widerstandslos festnehmen ließ. Ringsum aber herrschte Aufruhr. Angehörige der Hagana-Truppe schlugen mit Schlagstöcken auf die Bauern ein und nahmen die Festnahmen vor. Anwar as-Sadat verließ unter Polizeischutz das Zelt. Kurz darauf stieg Salah El-Feki zu ihm in den Dienstwagen, und gemeinsam rasten sie die Straße entlang zum Haus des Großbauern. In diesem Augenblick wurde mir nicht nur klar, wer der mächtige Fürsprecher war, der seine schützende Hand über die Großgrundbesitzerfamilie von Kamshish hielt, sondern auch, wer die Versetzung meines Vaters nach Assiut veranlasst hatte. Es war derselbe Mann, der Salah verbieten ließ, Alexandria zu verlassen und der sich von den El-Fekis schon vor diesem Treffen die Namen »besonders aufsässiger« Bauern hatte nennen lassen. An diesem Tag wurde Anwar as-Sadat mein Feind.

7. Juni 2010

Das Foto, auf welches Shahinda Maklads Tochter Bassma ihre Mutter im Internet aufmerksam macht, ist die grausame Abbildung eines in Alexandria zu Tode geprügelten jungen Mannes. Sein Gesicht ist entsetzlich entstellt. Offenbar sind ihm die Zähne eingeschlagen und der Kiefer gebrochen worden. Die Umstände, unter denen der junge Mann in Alexandria ums Leben kam, werden auf der Internet-Seite exakt beschrieben. Der erst achtundzwanzigjährige Khaled Said hatte sich in der Vergangenheit als Blogger betätigt und die politischen Verhältnisse in Ägypten angeklagt. Korruption, politische Unfreiheit und die krassen sozialen Unterschiede im Land waren seine Themen. Leute wie er sind dem Regime ein Dorn im Auge. Im Internet beschreiben Augenzeugen, was sich tags zuvor in Alexandria abgespielt hat. Khaled Said saß vor einem Computer in einem Internet-Café im Stadtbezirk Kleopatra, als zwei Zivilpolizisten hereinstürmten und zunächst seine Ausweispapiere verlangten.

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