Logo weiterlesen.de
Ich werde euch finden!

Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Epilog

Über dieses Buch

Corinna und Tom - das ist die große Liebe. Als die beiden heiraten, sind sie gerade Mitte 20. Schon kurze Zeit später kommt das erste Kind, später folgen zwei weitere. Doch nahezu unmerklich verändert sich der frühere Traummann: Aus Fürsorge wird Kontrolle, aus Zärtlichkeit Gewalt. Als Corinna die Scheidung einreicht, setzt Tom einen Urlaub mit seinem Nachwuchs durch - und kehrt nicht wieder zurück. Corinna trifft es wie ein Blitz: Tom hat ihre Kinder entführt …

Über die Autorin

Corinna Richter, geboren 1964 in Essen, wuchs am Rande des Ruhrgebiets auf. Sie studierte in Dortmund Geisteswissenschaften. Mit ihrem Mann, Tom Richter, zog sie 1989 nach Münster. Heute ist sie geschieden, lebt, zusammen mit ihren Katzen, immer noch in Münster und arbeitet für einen kleinen Familienbetrieb. Ihre drei Kinder sind inzwischen erwachsen.

Corinna Richter

Ich werde euch finden

Eine Mutter kämpft um ihre vom Vater entführten Kinder

Prolog

Donnerstagnachmittag, Mitte August, Sommerferien. Im Flur unseres Gründerzeithauses stehen drei Kisten mit Spielsachen. Lego und Autos, Bilderbücher und Barbie, Schaufel und Förmchen zum Sandburgen bauen. Daneben das Bobbycar, Lieblingsspielzeug von Lukas, unserem Dreijährigen. Die Kinder, Alexander, siebeneinhalb, Johanna, fünfeinhalb, und Lukas laufen aufgedreht durch die Wohnung. Gleich geht es in den Urlaub. Nach Schweden, in ein Ferienhaus am Strand.

Habe ich alles gepackt? Sommersachen natürlich. Sandalen. Aber auch Strickjacken und Pullover. Man weiß nie, wie das Wetter an der Küste wird. Gummistiefel und Regenjacken, Matschhosen. Ja, alles ist da. Alexanders Lieblingsdino und sein Plüschpferd. Die Stoffkuh hält er im Arm. An Johannas Schmusedecke hab ich auch gedacht. Es ist ein alter Bettbezug aus Flanell, der früher einmal grün war und auf den ich immer ein wenig von meinem Parfüm träufeln muss, nachdem ich ihn gewaschen habe. Ohne die Schmusedecke kann Johanna nicht schlafen. Habe ich einen Ersatzschnuller für den Kleinen eingepackt? Lukas setzt sich auf das Bobbycar, fährt lachend durch den Flur.

In einer Pappmappe stecken die Kinderausweise, die Krankenversicherungskarten und die Informationen zu den Medikamenten, die Alexander nehmen muss. Es ist alles da.

Tom kommt. Die Kinder hören sein Auto in der Auffahrt.

»Papa! Da ist Papa! Jetzt fahren wir in den Urlaub«, ruft Alexander und legt stürmisch die Arme um meinen Hals, küsst mich auf die Wange.

»Ich habe dich lieb, Mami«, sagt Johanna mit ihrer hohen Mädchenstimme.

»Mami!« Lukas drückt sich ebenfalls an mich, vergräbt den Kopf in meiner Halsbeuge. Er duftet so gut nach Kleinkind, süßlich und frisch.

Tom betritt das Haus durch die schöne Eingangstür mit der Eule im Oberfenster aus Bleiglas. Ich habe diese Tür sofort geliebt, noch bevor ich das Haus komplett gesehen hatte.

Er stapft die wenigen Stufen hoch, lächelt den Kindern zu, packt dann die erste der drei Kisten und trägt sie zum Auto, das in der Einfahrt steht. Was haben wir gegen die Ämter kämpfen müssen, um diesen Stellplatz vor dem Haus genehmigt zu bekommen. Tom hat alles dafür gegeben. Er wollte nicht, dass ich ständig nach einem Parkplatz suchen muss. Nun sind Einfahrten und Stellplätze nicht üblich in diesem alten Viertel. Aber Tom hat es geschafft. Aus der einen Hälfte des Vorgartens wurde ein Stellplatz. Dort steht nun sein großer Wagen mit den verdunkelten Fenstern.

Tom packt eine Kiste nach der anderen ins Auto. Dann die Taschen mit der Kleidung. Ich überreiche ihm die Mappe mit den Unterlagen, habe Lukas immer noch auf dem Arm. Er nimmt ihn mir ab, sieht mich nicht an.

Sie gehen durch den Flur über die schönen rotblauen Jugendstilfliesen von Villeroy & Boch von 1909, dem Baujahr unseres Hauses. Die Spätsommersonne, die durch das Oberlicht im Dach in den Flur scheint, lässt die dunkle Vertäfelung der Wände leuchten.

Lukas schaut über Toms Schulter zu mir. »Mami«, sagt er.

Alexander und Johanna drehen sich noch einmal um, winken mir zu, dann fällt die Tür hinter ihnen ins Schloss.

In diesem Moment denke ich: Ich werde meine Kinder nie wiedersehen.

1. Kapitel

Es ist 1983. Ich bin zarte neunzehn Jahre alt, habe gerade mein Abitur bestanden und trage mich zum Wintersemester an der Technischen Universität von Dortmund ein. Für Geisteswissenschaften. Damit gehörte ich zur absoluten Minderheit.

»Studierst du Maschbau oder E-Technik?«, ist die übliche Frage beim Kennenlernen. Meine Antwort löst in den ersten Wochen auf dem Campus oft ungläubiges Staunen und große Verwirrung aus: »Kulturwissenschaften, Soziologie und Psychologie.«

Obwohl ich eher der zurückhaltende Typ bin, finde ich schnell Anschluss. Im Oktober, kurz nachdem das Semester losgegangen ist, lädt mich meine Kommilitonin Anja zu einer Fete ein. Anja ist mit Tom zusammen, und auf der Party lerne ich ihn kennen. Er fällt mir durch seine ruhige und gelassene Art auf, ist nicht so hibbelig und aufgedreht wie die Jungs in meinem Alter.

Ich hatte schon zwei feste Partnerschaften. Die eine hielt ein Jahr, wobei ich die Hälfte der Zeit als Austauschschülerin in Amerika war, die andere acht Monate. Es gab ein paar flüchtige Beziehungen, zwei Bettgeschichten. Ein ganz unbeschriebenes Blatt bin ich nicht, bilde ich mir ein. Trotzdem macht er mich nervös.

Irgendwann im Laufe des Abends kommen Tom und ich ins Gespräch, und er erzählt mir, dass er schon ein Diplom an der Fachhochschule gemacht hat und nun das zweite an der Technischen Uni nachlegen will.

»Damit habe ich viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt«, erklärt er mit sanfter tiefer Stimme und schaut mich eindringlich an. Seine Augen sind schokoladenbraun. Wenn er lacht, funkeln sie. »Ich will Karriere machen, etwas erreichen im Leben.«

Ich mag es, wenn jemand konkrete Vorstellungen von seiner Zukunft hat.

»Was sind deine Pläne?«, fragt mich Tom.

Ich lache, aber es ist gar nicht lustig. Das ist eine Frage, die ich mir schon seit einiger Zeit stelle. Was will ich eigentlich im Leben erreichen? Ich weiß es nicht genau, deshalb imponiert es mir, wenn jemand sein Ziel schon gefunden hat. Wie Tom.

Überhaupt gefällt mir dieser Tom, nicht nur wegen seiner Einstellung – aber er ist ja mit Anja zusammen und somit tabu.

In den kommenden Monaten sehe ich ihn hin und wieder in der Mensa oder im AStA-Keller, meist jedoch ohne Anja. Manchmal wechseln wir ein paar Worte miteinander, und jedes Treffen mit ihm lässt mich ein wenig atemloser werden. Aber er ist vergeben. Ich kann mich doch nicht in jemanden verlieben, der vergeben ist. Das macht man nicht. Und er ist eigentlich auch überhaupt nicht mein Typ. Tom hat dunkelblonde glatte Haare, ist nur wenig größer als ich, aber sehr gut gebaut – flacher Bauch, breite Schultern, schmale Hüften. Sportlich irgendwie. Attraktiv.

Wenn wir uns unterhalten, erzählt er mir von seinen Träumen. Er will Erfolg haben, will Familie, ein Haus, einen Baum pflanzen, Kinder. Er ist ehrgeizig, Anerkennung ist ihm wichtig. Mit jedem Mal, an dem wir uns sehen, imponiert mir seine Vorstellungskraft mehr. Für Tom sind es keine Träume – er beschreibt seine Zukunft.

Ich ertappe mich immer häufiger dabei, wie ich über ihn nachdenke, an der Uni nach ihm Ausschau halte. Bescheuert, Corinna, sage ich mir. Er ist doch in festen Händen, und die gehören auch noch einer Kommilitonin von mir.

Ich lebe in einer Wohngemeinschaft mit Susanne aus meinem Semester und Martina, meiner Schulfreundin, die beschlossen hat, Elektrotechnik zu studieren. Und ich finde es herrlich. Wir sind das perfekte Team. Es gibt keinen Streit um den Abwasch, keine Diskussion um das Essen – wir verstehen uns blind. Bis auf die Benutzungszeiten des Bads. Martina studiert zwar in einem technischen Fach, das hält sie aber nicht davon ab, das Bad jeden Morgen eine Stunde lang zu besetzen. Sie schlägt sich oft die Nächte um die Ohren und braucht morgens entsprechend länger, um sich zu restaurieren. Aber darüber können Susanne und ich hinwegsehen und platzieren unsere Zahnbürsten an der Spüle in der Küche – falls es doch mal knapp wird. »Relax, don’t do it, when you want to go do it, relax, don’t do it, when you want to come …« Frankie goes to Hollywood und singt dort unser Lebensmotto.

Susanne liegt eines Nachmittags im Mai bäuchlings auf meinem Bett und stopft Weintrauben in sich hinein, als hätte sie seit Wochen nichts mehr zu essen bekommen. »Ach, weißt du es schon? Anja und Tom haben sich getrennt«, sagt sie beiläufig und pflückt eine weitere Traube vom Stängel.

»Du wirst Bauchschmerzen kriegen«, erwidere ich grinsend. Dann erst begreife ich, was sie gesagt hat. Mein Herz klopft wie ein kleiner Specht in meiner Brust. »Echt?«

»Ja.« Susanne nickt und mampft weiter.

»Wieso? Hat sie sich getrennt oder er? Woher weißt du das?«, frage ich atemlos.

Erstaunt schaut sie mich an. »Anja hat es mir erzählt. Ist wohl schon eine Weile her. Er war ihr nicht spontan genug oder so. Außerdem kommt sie doch aus dieser Arztfamilie. Er würde nicht passen, hat sie gemeint.«

»Wie arrogant!« Ich räume die Hausarbeit über Präkognition zur Seite, darauf kann ich mich jetzt sowieso nicht mehr konzentrieren. Tom und Anja haben sich getrennt. Das bedeutet dann ja, dass Tom …

Susanne zuckt mit den Schultern. »Arrogant? Ja, vielleicht. Du kennst doch Anja. Immer die teuersten Sachen und so. Er kommt wohl nicht aus einer Akademikerfamilie.«

»Aber er ist doch selbst einer! Er hat ein Diplom von der FH und will jetzt das zweite an der TU machen. Wie viel Akademiker kann man sein? Es ist doch scheißegal, aus welcher Familie man stammt, es kommt darauf an, was man aus seinem Leben macht!«

Ich bin laut geworden – aber das merke ich erst, als ich verstumme.

Susanne sieht mich erstaunt an. »Sag mal, bist du in den verknallt?«

»Ich? Nein!« Meine Haut spannt, und gleich wird sie aufplatzen wie eine mit kochendem Wasser überbrühte Tomate.

Meine Mitbewohnerin schmeißt sich auf den Rücken und quietscht vor Lachen. »Bist du wohl! Du bist in Tom verknallt.«

Leugnen ist zwecklos. »Er ist fünf Jahre älter und hat schon so viel mehr erlebt als ich. Er wird sich nie für mich interessieren«, sage ich leise.

Tom ist in allem so viel erfahrener als ich. Ich weiß noch nicht mal wirklich, wohin ich will, was ich anstellen möchte mit meinem Leben. Studieren, ja, das ist mein Wunsch. Aber was mache ich mit meinem Abschluss, wenn ich fertig bin? Irgendetwas mit Menschen und Kunst – aber was? Eigentlich ist mir das im Moment noch völlig egal. Ich will leben, Spaß haben, Erfahrungen sammeln. Die Zukunft, das weiß ich von meiner Oma, kommt sowieso.

Tom ist da ganz anders. Er hat Pläne und Ziele, und das ist so cool, so abgefahren vernünftig und ernsthaft. So ganz anders als alle um mich herum, die denken, es wird sich schon etwas ergeben. So ganz anders als ich. Deshalb bin ich für Tom bestimmt ein Nichts. Uninteressant.

»Ach Quatsch«, unterbricht Susanne meine deprimierenden Gedanken. »Natürlich steht der auf dich! Habt ihr nicht neulich in der Mensa miteinander gesprochen? Na klar doch, ihr habt sogar an einem Tisch gesessen.«

Ich seufze. »Wenn er lacht, könnte ich in seinen Augen versinken. Die sehen aus wie flüssiges Nutella.«

»Ich glaub es nicht. Hallo?« Susanne winkt mit der Hand vor meinem Gesicht herum. »Erde an Corinna, das ist nur ein Typ!«

»Ja, aber ein ganz besonderer.«

Die nächsten Wochen werden für mich zu einer Achterbahnfahrt. Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt ist meine Stimmung, wechselhaft wie das Aprilwetter. Ich halte mich länger in der Mensa auf, als es mein Stundenplan zulässt, denn dort treffen wir uns meistens. Obwohl das Sommersemester in ein paar Wochen vorbei sein wird und ich mich eigentlich auf die Klausuren vorbereiten sollte, schwänze ich immer häufiger die Kurse. Aber was sind schon ein paar Vorlesungen über Generationenbeziehungen und soziale Ungleichheit, wenn man den Mann seines Lebens treffen könnte? Während ich warte, überlege ich mir, was ich Geistreiches sagen könnte, wenn wir uns das nächste Mal über den Weg laufen.

»Was hältst du von der kommenden Anschnallpflicht? Glaubst du, dass Gurte im Auto Unfälle glimpflicher ausgehen lassen?«

Äh … hallo? Was für eine doofe Frage von jemandem, der gerade erst den Führerschein macht. Tom hat sogar schon ein Auto. Hat es Gurte? Ich bin mir nicht sicher.

»Glaubst du, dass General Kießling wirklich schwul ist?«

Ganz blöde Frage, um einen Typen anzumachen.

Aber die Hitler-Tagebücher sind ein gutes Thema.

»Hast du geglaubt, dass sie echt sind?«

Ich könnte ihn auch einfach nach seinem Lieblingsessen fragen oder wie er gern Weihnachten feiert. Oder warte ich lieber ab, was er sagt? Ich zerbreche mir den Kopf und habe schließlich mehrere Themen parat – politisch, intellektuell und auch harmlos privat, aber pfiffig, wie ich finde.

Als wir uns dann tatsächlich begegnen, bekomme ich keines der sorgfältig zurechtgelegten Worte heraus und stammele irgendetwas Dämliches. Ironischerweise vor lauter Angst, Blödsinn zu verzapfen. Gott, ist das peinlich!

Doch Tom geht charmant über meine Unsicherheit hinweg, tut so, als hätte er sie nicht bemerkt, und redet ganz normal mit mir – was dafür sorgt, dass ich wieder etwas ruhiger werde. Was ist das nur für ein Mann … Wenn er mich anlächelt, fühlt sich das wie eine Glückshormondusche an, die sich über mich ergießt. Ich liebe sein warmes Lachen. Und seine Hände, er hat so wunderschöne Hände – groß und mit langen Fingern. Nicht wirklich schmal, eher kräftig. Schöne Hände sind wichtig, finde ich.

»Hast du Lust, heute Abend mit mir essen zu gehen?«, fragt er plötzlich.

Habe ich richtig gehört? Hat er mich gerade wirklich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen will? Ich werde gleich ohnmächtig, denke ich, sage aber so locker wie möglich: »Na klar.«

»Okay, ich hole dich ab. Sieben Uhr?«

Ich nicke und sehe ihm hinterher, als er weggeht.

Anja, denke ich. Er war doch vor ein paar Wochen noch mit Anja zusammen, und jetzt gehe ich mit ihm aus. Ist das in Ordnung?

Aber dann fällt mir ein, was Susanne in einem Nebensatz erwähnt hat: Sie hat sich von ihm getrennt. Ihre Entscheidung – mein Glück. Hurra!

Doch das Hochgefühl ist nur von kurzer Dauer, denn sofort stürze ich wieder in den Keller der Verzweiflung: Was soll ich bloß anziehen? Ich habe nichts!

Wir gehen essen. Hmm … Er hat nicht gesagt, wohin. Karottenjeans, Sweatshirt oder eher knielanger Rock? Aber was, wenn er etwas Schickeres meint? Dann ist das doch zu leger. Bluse, Rock, Pumps? Damit zur Pizzeria ist overdressed. Überhaupt, was mag er wohl für Klamotten an Frauen? Und, o Gott, worüber werden wir uns unterhalten? Hoffentlich ist das schwarze Loch in meinen Gehirnwindungen bis heute Abend verschwunden, ansonsten wird es das kürzeste Rendezvous der Menschheit.

Ich lasse das Proseminar über »Jung in einer alternden Gesellschaft« sausen, eile nach Hause und baue mich vor dem Kleiderschrank auf. Darin ist nichts, absolut nichts, überhaupt gar nichts. Ich habe nichts anzuziehen. Schnell noch in die Stadt? Nein, dafür ist es zu spät. Außerdem muss ich noch duschen und mir die Beine rasieren. Soll ich meine Zahnbürste einpacken, oder hält er mich dann für eine Schlampe? Vielleicht gehen wir danach ja noch zu ihm. Ich habe immer Ersatzzahnbürsten da, für den Fall der Fälle – der aber noch nie eingetreten ist. Doch natürlich will ich vorbereitet sein, nur falls es wirklich zum Äußersten kommt.

Ob er Frauen nach dem ersten Date überhaupt mit zu sich nach Hause nimmt? Er hat eine kleine Wohnung, in der er allein lebt. Immerhin nicht mit einem Mitbewohner oder – zum Glück! – seiner Exfreundin. So lange waren er und Anja ja nicht zusammen, als dass sie hätten zusammenziehen wollen.

Ich hingegen wohne in einer WG mit zwei Freundinnen. Kann ich ihn mit hierher nehmen? Mein Bett ist mit der Biberbettwäsche von Oma bezogen – ich liebe meine Großmutter heiß und innig, aber Biberbettwäsche? Das geht gar nicht! Die beiden anderen Bezüge, die ich besitze, sind noch aus meinen Jugendtagen, einmal mit einem grinsenden Garfield darauf, einmal mit rosa Blümchen. Keine wirkliche Alternative.

Welchen BH ziehe ich an? Schwarz oder Spitze? Und: Soll er den BH am ersten Abend überhaupt zu sehen kriegen?

Schneller, als ich gucken kann, ist der Nachmittag vorbei, und ich kann mich immer noch nicht entscheiden. Aber die Uhr tickt, und irgendwann, nach dem dritten Mal umziehen, klingelt es an der Tür. Im letzten Moment stopfe ich die Zahnbürste in meine Handtasche, ziehe die Lippen nach und öffne Tom die Tür.

Er trägt eine ausgeblichene Jeans und ein dunkles Hemd, hat die Ärmel hochgerollt. Wissen Männer eigentlich, wie sexy ihre Unterarme sind? Ich könnte dahinschmelzen. Er küsst mich auf die Wange – es ist das erste Mal, dass wir uns so nahe sind –, und seine Berührung schlägt wie ein Blitz in meinen Körper ein. Aftershave und Seife, glattrasierte Haut … Ich rieche und fühle alles auf einmal. Die Endorphine tanzen.

Elektrisiert folge ich Tom zu seinem Wagen und bin froh, dass ich mich für ein Outfit entschieden habe, mit dem ich sowohl in der Frittenbude als auch im Fünf-Sterne-Gourmettempel eine ganz gute Figur abgeben würde: glitzernde Leggins, ein weißes Herrenhemd und darüber mein Highlight der Saison, eine taillenkurze Lederjacke. Ich habe überlegt, meine Overknee-Stiefel dazu anzuziehen, mich dann aber doch für die stylischen weißen Turnschuhe entschieden, die ich erst letzte Woche gekauft habe.

Ich gehe zu Toms Auto, versuche einen sexy Hüftschwung und hoffe, dass er mir meine Aufregung nicht allzu sehr anmerkt.

Er fährt einen alten roten 1er-Golf. Mann, wie beeindruckend! Ich habe noch nicht mal den Führerschein, und kaum jemand in meinem Freundeskreis hat ein Auto. Tom ist eben schon ein Mann, kein Junge mehr. Die Erkenntnis schüchtert mich ein, und in den ersten Minuten der Fahrt kriege ich wieder mal kaum einen Ton heraus.

»Magst du die italienische Küche?«, fragt er mich und lächelt.

»Ja«, sage ich mit kieksiger Stimme und räuspere mich. »Sehr gerne.«

»Dann habe ich das perfekte italienische Bistro für uns. Klein, aber fein.«

Bemerkt er meine Aufregung wirklich nicht?

»Es gibt dort leckere Pizza, aber auch Nudeln und Salate.«

Diese Stimme, so sanft und warm und tief … Mein Herz klopft wild.

»Aber wir können auch woanders hingehen, wenn dir das lieber ist. Griechisch? Oder zum Chinesen?«

»Italiener ist perfekt«, quetsche ich hervor.

»Wunderbar. Vielleicht können wir ja draußen sitzen. Wobei die Abende immer noch recht kühl sind.«

»Stimmt.«

»Den Frühsommer mag ich am liebsten. Und den Herbst. Ich gehe gern im Park spazieren. Rombergpark. Oder in die Bittermark. Warst du schon mal in der Bittermark?«

»Ja. Aber noch nie im Rombergpark.«

Urplötzlich ist meine Blockade weg, und wir können miteinander reden. Und dann sind wir auch schon da. Es ist ein wirklich nettes, aber nicht zu teures Lokal – schließlich sind wir beide Studenten –, und ich stelle erfreut fest, dass ich genau richtig angezogen bin.

Als der Ober kommt und unsere Bestellung aufnehmen will, bin ich noch einmal verunsichert. Was soll ich nehmen? Auch eine Vorspeise? Oder nur ein Nudelgericht? Ich will keinen Fehler machen und mich auf keinen Fall blamieren.

Aber wieder übernimmt Tom die Führung und hilft mir, vermutlich ohne es zu merken, aus der Klemme. Er bestellt als Vorspeise einen Teller Bruschetta, dazu Weißwein für uns beide. Auch beim zweiten Gang, einer Lasagne, schlägt er mir einen Wein vor, diesmal einen roten, den teuersten von der Karte! Ich bin erleichtert – und fühle mich geschmeichelt. So hat sich noch kein Mann um mich bemüht.

Wir reden lange und viel, lachen oft, und manchmal berührt er mich dabei am Arm, was mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Worüber wir uns unterhalten haben, weiß ich danach nicht mehr so genau, ich weiß nur, dass ich glücklich bin. Er bringt mich nach Hause und wartet, bis ich drin bin, bevor er fährt. Ein Gentleman.

Susanne ist noch wach. »Und?«

»Es war … himmlisch!«, seufze ich und versuche meine Atmung zu kontrollieren.

»Hat er dich geküsst? Seid ihr jetzt zusammen?«

Ich berühre vorsichtig die Stelle auf meiner Wange, die Toms Lippen gerade berührt haben. Sie glüht, was nicht nur von seinem Kuss kommen kann. »Nicht so richtig. Er möchte mich kennenlernen, hat er gesagt.«

Susannes Lächeln zerbröselt vor meinen Augen. »Oh.«

Meine Welt bricht zusammen. Dabei war sie doch gerade noch so schön! Aber Susanne hat recht. Er, der Gentleman – ich, der Backfisch. Was will ein erwachsener Mann mit so einem naiven Küken wie mir? Von wegen, er will mich näher kennenlernen … Wahrscheinlich findet er mich zu blöd, zu oberflächlich, zu jung. Sonst hätte er doch mehr versucht, oder etwa nicht? Verdammt, ich bin doch kein kleines Mädchen mehr, und Jungfrau erst recht nicht. Aber wenn Tom in meiner Nähe ist, verwandele ich mich automatisch in ein stammelndes Etwas mit null Selbstbewusstsein und nervösen Flecken im Ausschnitt. Ich sacke auf einem der Küchenstühle zusammen, schlage die Hände vors Gesicht und kann mir gerade so verkneifen, laut aufzuheulen.

»Aber es ist schon ziemlich spät«, startet Susanne einen kläglichen Versuch, mich zu trösten. »Er hat dich nicht nach einer halben Stunde abgeschossen oder so.«

»Nein«, murmele ich und lasse den Kopf auf die Tischplatte sinken. »Wir haben lange geredet. Seine Eltern sind tot, wusstest du das?«

Meine Mitbewohnerin setzt sich mir gegenüber und schüttelt den Kopf. »Beide?«

»Ja, seine Mutter ist durch einen Schlaganfall gestorben, sein Vater hat sich ein paar Jahre später umgebracht. Hat den Verlust nicht verkraftet.«

»Wahnsinn … Das ist ja schrecklich.«

»Er tut mir so leid. Es muss furchtbar sein, wenn man schon so früh seine Eltern verliert.« Mir steigen die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke, wie Toms Stimme gezittert hat, als er darüber sprach.

»Dass er dir das erzählt hat«, sagt Susanne leise, »ich meine, das erzählt man ja nicht einfach so …«

Hoffnung keimt wieder in mir auf. Ich hebe den Kopf von der Platte. »Stimmt.«

»Hat er denn irgendetwas von einer weiteren Verabredung gesagt?«

»Ja, wir wollen morgen spazieren gehen.«

Susanne grinst. »Mensch, Corinna, sag das doch gleich!«

»Meinst du, das ist ein gutes Zeichen?« Ich richte mich auf und wische mir die Tränen aus den Augenwinkeln.

Sie lacht. »Nein, es bedeutet, dass er dich nicht ausstehen kann. Blöde Kuh!«

Aber er hat mich nicht geküsst, denke ich, als ich später im Bett liege. Wie es wohl sein wird, wenn er es tut? Hoffentlich passiert es bald.

Wir gehen am nächsten Tag spazieren, dann verabreden wir uns im Kino, gehen erneut essen, diesmal zum Griechen. Irgendwann, beim dritten oder vierten Date, nimmt er endlich meine Hand. Seine ist warm und trocken, er hat einen festen Griff – aber nicht zu fest. Er ist genau richtig, einfach perfekt.

Mein Herz schlägt heftig. Das muss er doch hören. Vor Schreck und Aufregung stelle ich das Atmen ein.

Er aber sieht tief in meine Augen, beugt sich zu mir, und aus dem Blick wird ein langer warmer Kuss. Jetzt, denke ich, ist die richtige Zeit, um zu sterben. Besser kann es nicht werden.

Aber es wird besser. Wir sind ein Paar und unglaublich verliebt und glücklich. Mein Zimmer in der WG nutze ich kaum noch, fast jede Nacht verbringe ich mit Tom in seinem Apartment. Wir schlafen zusammen ein, wachen zusammen auf. Es ist himmlisch, so intensiv habe ich noch nie gefühlt. So intensiv habe ich noch nie geliebt. Wir frühstücken gemeinsam, fahren dann in die Unibibliothek, wo ich an einer Hausarbeit schreibe und er lernt. Nachmittags oder abends treffen wir uns wieder, gehen einkaufen, kochen gemeinsam, schlafen miteinander.

Zugegeben, Sex mit Tom ist noch nicht so erfüllend, wie ich es mir erhofft hatte. Irgendwie scheint er sich nicht richtig fallen lassen zu können, deswegen dauert der Akt immer sehr lang. Tom rackert sich ab und gibt sich sichtbar Mühe, kommt selbst jedoch nur selten zum Orgasmus. Aber er ist zärtlich und liebevoll zu mir. Das wird schon noch, sage ich mir. Ganz sicher wird das.

Der Sommer mit Tom ist herrlich. Wir gehen oft in den Park, sitzen in der Sonne und reden, reden, reden. Wir planen unsere Zukunft, malen sie uns in den buntesten Farben aus. Wir wollen beide Kinder, irgendwann später. Tom wird bestimmt ein toller Vater. Er ist so aufmerksam, souverän und fürsorglich. Wenn ich auf dem Sofa einschlafe, deckt er mich zu. Manchmal macht er Kaffee und bringt ihn mir ans Bett. Oder er überrascht mich mit einem Stück meines Lieblingskuchens, wenn er nach Hause kommt. Es sind nur Kleinigkeiten, aber die machen ihn aus – und mich zur glücklichsten Frau auf der Welt.

Wir kochen zusammen. Da wir beide wenig Erfahrung damit haben und er sich vorher hauptsächlich von Tüten und Dosen ernährt hat, ist es richtig spannend, gemeinsam Rezepte auszuprobieren. Ich probiere, und er kostet. Oft brennt mir etwas an oder kocht über – aber dann lachen wir nur. Übung macht schließlich den Meister, und mit der Zeit werde ich immer besser.

Aus dem goldenen Herbst wird ein nasskalter Winter. Weihnachten steht vor der Tür, und langsam, aber sicher, wird es richtig frostig kalt. Toms Wohnung wird nur durch einen kleinen Gasofen beheizt, der schon aus dem letzten Loch pfeift. Dass das Wasser im Bad nicht in Form von Eiswürfeln aus dem Hahn fällt, ist ein Wunder, und auch die kleine Küche kann man nur dann benutzen, wenn man den Backofen anstellt und die Klappe offen stehen lässt. Ich friere permanent. Wir übernachten zwar ein paar Mal bei mir, aber Tom ist die WG zu unruhig und zu eng.

Über die Feiertage fahren wir nach Hause. Er kommt wie ich aus Essen, wo er bei Onkel und Tante, die ihn nach dem Tod des Vaters bei sich aufgenommen haben, aufgewachsen ist. Tom fährt mich zu meinen Eltern, begrüßt sie. Ich habe ihnen natürlich schon von ihm erzählt. Dann fährt er weiter nach Essen-Steele. Weg ist er. Einfach so.

Die Festtage sind grauenvoll, dabei liebe ich Weihnachten eigentlich. Aber Tom fehlt mir so sehr. Wer ist noch mal auf die bescheuerte Idee gekommen, dass wir uns erst an Silvester wiedersehen? Wir wohnen doch gar nicht weit voneinander weg, höchstens eine halbe Stunde mit dem Auto. Seit Monaten habe ich keinen Tag ohne ihn verbracht, und nun schon vier ganze Tage. Ich fühle mich wie ein Drogenabhängiger, dem man seinen Stoff weggenommen hat.

»Mama«, bitte ich am 28. Dezember mit flatterndem Herzen, »kann Tom uns besuchen kommen?«

»Natürlich. Wir haben noch jede Menge Kuchen von gestern. Lad ihn zum Kaffee ein. Das ist eine gute Idee, dann können wir ihn uns ein bisschen genauer angucken.«

Ob er über Nacht bleiben darf, frage ich noch nicht. Vielleicht ergibt sich das ja, ohne dass ich es vorschlagen muss. Meine Eltern haben auf jeden Fall begriffen, dass dieser Mann für mich etwas Besonderes ist.

Meine Mutter ist immer skeptisch, was Männer angeht, die mir gefallen. Bisher konnte ich es ihr noch nie recht machen. Aber diesmal, diesmal habe ich den perfekten Schwiegersohn angeschleppt, das weiß ich ganz sicher. Er ist klug, er ist gebildet, fleißig und strebsam. Er hat sogar schon einen guten Job bei einem großen Energiekonzern in der Region in Aussicht, den er antreten kann, sobald er sein Diplom in der Tasche hat. In den Semesterferien jobbt er immer dort, um seine Kasse aufzubessern, denn die Waisenrente reicht nicht wirklich aus.

Das Wichtigste ist natürlich: Ich liebe ihn. Schon nach so kurzer Zeit war ich mir dessen sicher. Er ist der Mann, mit dem ich mein Leben verbringen will. Deshalb müssen meine Eltern ihn auch mögen, ja, noch mehr, sie müssen ihn in ihr Herz schließen und ihm einen Platz in unserer Familie geben.

Nervös erwarte ich Tom am nächsten Tag und falle glücklich in seine Arme. Ich habe seine Wärme und seinen Geruch so sehr vermisst. Endlich, nach fünf langen Tagen haben wir uns wieder. Junge, Junge, bin ich verliebt! Tom drückt mich an sich, als wollte er mich nie wieder loslassen. Für meine Mutter hat er einen Blumenstrauß mitgebracht, für meinen Vater eine Flasche Wein. Ich wusste doch, dass er der Richtige ist.

Trotz der Mitbringsel ist es zuerst etwas schwierig am Kaffeetisch, meine Mutter und mein Vater begutachten ihn kritisch. Doch Tom kann durchaus mit Besteck umgehen und höfliche Konversation betreiben und lässt sich durch die zurückhaltende Art meiner Eltern nicht verunsichern. Die Lage entspannt sich etwas, als mein Bruder Christoph auftaucht. Er studiert Bauingenieurswesen und wohnt noch bei meinen Eltern im Haus. Tom und Christoph verstehen sich auf Anhieb, und so wird die Atmosphäre bald schon etwas lockerer.

Nach dem Kaffee helfe ich meiner Mutter, den Tisch abzuräumen und das Abendbrot vorzubereiten. Ich warte darauf, dass sie Tom einlädt, noch etwas zu bleiben, doch das tut sie nicht. Ich kann ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, will mir aber vor der versammelten Mannschaft nicht die Blöße geben nachzufragen.

Schmollend gehe ich mit Tom auf mein Zimmer. In aller Eile habe ich aufgeräumt und sämtliche Erinnerungen an meine Kindheit in die Schränke gestopft. Nur mein alter Teddy sitzt noch auf dem Bett. Wir schließen die Tür hinter uns, küssen uns, können kaum die Finger voneinander lassen. Ich will ihn spüren, überall auf meinem Körper, will mit ihm verschmelzen …

Doch Tom drückt mich von sich weg und schüttelt den Kopf. »Nicht hier. Das kann ich nicht.«

»Du bist nicht das erste männliche Wesen in diesem Zimmer«, spotte ich.

Er verzieht das Gesicht zu einer Grimasse, lächelt dann aber. »Mag sein, aber ich will es mir mit deinen Eltern nicht verscherzen. Lass ihnen Zeit. Ich denke, sie merken, dass wir es ernst miteinander meinen.«

Ich schnappe nach Luft. Er hat es ausgesprochen – wir meinen es ernst miteinander. Plötzlich bin ich so glücklich, dass es kaum auszuhalten ist. Seine Worte sind mein schönstes Weihnachtsgeschenk.

»Ich finde, du solltest hierbleiben«, sage ich.

»Nein. Das halte ich für keine gute Idee. Ich gehe jetzt.«

»Jetzt schon?« Ich blicke ihn entsetzt an.

»Ja. Und morgen hole ich dich ab, dann lernst du meine Tante und meinen Onkel kennen.«

Aufregung macht sich in mir breit. Tante und Onkel sind die Menschen, die Tom am nächsten stehen.

Er verabschiedet sich von meinen Eltern und geht. Es bricht mir fast das Herz, eine weitere Nacht ohne ihn, es ist unerträglich. Aber nun muss ich erst einmal herausfinden, wie er bei meiner Mutter und meinem Vater angekommen ist.

»Na?«, frage ich sie, als ich den Tisch zum Abendbrot decke.

»Nett.« Mehr sagt sie nicht.

Ich möchte sie schütteln. Nett? Was ist das denn für eine Aussage? Tom ist nicht nett, Tom ist perfekt.

»Er weiß, was er will«, meint mein Vater und klingt anerkennend. Na immerhin.

»Ja, das weiß er. Ich finde das toll«, gerate ich augenblicklich ins Schwärmen.

Meine Mutter sieht mich nachdenklich an. Ihr Gesicht bleibt ernst, aber sie sagt nichts mehr. Gut so, ich will es nämlich auch gar nicht hören.

Am nächsten Tag besorge ich Blumen für die Tante. Der Onkel trinkt nur Bier und hat keine Hobbys, aber er mag Schokolade – also kaufe ich Pralinen.

Sie wohnen in Steele, einem Stadtteil von Essen. Es ist eine triste Gegend, die durch das Regenwetter und die Kälte noch trister als sonst wirkt. Doch in der kleinen Wohnung ist es warm und gemütlich.

Ich werde freundlich begrüßt, genauso wie ich es mir von meinen Eltern auch für Tom gewünscht hätte. Onkel Rolf und Tante Christel sind einfache Menschen, aber voller Herzlichkeit. Sie freuen sich aufrichtig über meine Mitbringsel und bieten mir gleich das Du an. Ich fühle mich wohl bei ihnen.

»Tom hat noch nie eine Freundin mitgebracht«, sagt Christel und strahlt mich an. »Du bedeutest ihm viel.«

»Er mir auch.«

Sie nickt. »Das sieht man.«

Am Abend, als Tom mich wieder nach Hause bringt, bin ich traurig. Zu gern hätte ich ihn noch hineingebeten, aber er will nicht – er wolle sich meinen Eltern nicht aufdrängen, sagt er.

»Ich vermisse dich so«, murmele ich mit den Lippen an seinem Hals, sauge seinen Geruch in mir auf. Er riecht immer so gut nach Seife und nach sich selbst. Nach Tom eben. Ich liebe seinen Duft.

»Ich dich auch«, sagt er und rückt von mir ab. »Wir wollten doch Silvester miteinander verbringen. Ich bin bei Kommilitonen eingeladen. Hast du Lust, mich zu begleiten?«

Silvester zusammen mit Tom? Ja klar, sofort! Ich nicke.

»Dann geh jetzt rein und grüß deine Eltern von mir.« Er küsst mich, es ist ein langer, zärtlicher Kuss.

Meine Mutter ist nicht begeistert, als ich ihr sage, dass wir morgen zurück nach Dortmund fahren.

»Wir haben doch kaum Zeit miteinander gehabt«, beschwert sie sich. »Warum willst du denn schon wieder weg?«

Ich verdrehe genervt die Augen. »Wir wollen mit Freunden ins neue Jahr feiern, Mama.«

Ich bin doch keine fünfzehn mehr! Sie muss endlich begreifen, dass ich mein eigenes Leben leben will.

Zusammen mit Tom.

2. Kapitel

Wir fahren zurück nach Dortmund. Tom bringt mich zu meiner WG und bleibt gleich da, denn meine Mitbewohnerinnen sind noch bei ihren Familien, also haben wir die Wohnung für uns. Eine Wohnung mit einer vernünftigen Heizung, sogar im Bad.

Silvester gehen wir zu seinen Freunden, die Party ist laut und fröhlich. Es wird getanzt und getrunken. Ich vertrage den Alkohol nicht besonders gut und halte mich deswegen zurück, auch Tom trinkt nur ein Bier.

Um Mitternacht kommt er mit zwei Gläsern Sekt in den Händen auf mich zu. »Frohes Neues«, sagt er. »1985. Das wird unser Jahr, Maus.«

»Auf uns!« Ich hebe das Glas und nippe daran.

»Ich habe Zeitungen besorgt. Wir sollten nach einer Wohnung suchen, meinst du nicht?« Er grinst.

»Eine gemeinsame Wohnung?« Fast lasse ich das Glas fallen, so zittern mir plötzlich die Hände. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Tom nickt. »Meine Bude ist zu klein für uns zwei – und zu kalt. Ich möchte immer neben dir einschlafen und aufwachen.«

Gerührt werfe ich mich in seine Arme. Das Jahr fängt gut an und wird sicher noch besser werden.

Wir durchforsten die Zeitung, lesen Aushänge an der Uni und besichtigen verschiedene Objekte. Preiswerter und ansehnlicher Wohnraum in Dortmund ist rar und kaum zu finden, aber dann stoßen wir auf eine nette Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung mit Zentralheizung. Sie liegt etwas außerhalb der Stadt, aber wir sehen darin keinen großen Nachteil. Tom hat ja ein Auto, außerdem gibt es öffentliche Verkehrsmittel.

Begeistert unterschreiben wir den Mietvertrag. Die Wohnung ist frei, und wir können sofort einziehen. Wir müssen nur Teppich verlegen und tapezieren. Ich habe so etwas noch nie gemacht, aber Tom kann wirklich alles und zeigt mir geduldig, wie man die klebrigen Bahnen an den Wänden anbringt. Er repariert eine kaputte Klinke und bringt eine neue Armatur in der Küche an.

Schnell sind auch Nachmieter für Toms Wohnung und mein WG-Zimmer gefunden. Ein wenig traurig bin ich ja schon, als ich Ende Januar meine wenigen Habseligkeiten packe und mich von Susanne und Martina verabschiede. Doch es ist ja kein Abschied für immer, wir ziehen nur einige Kilometer weiter und werden uns ständig in der Uni sehen.

»Was? Wieso ziehst du denn um?«, fragt meine Mutter, als ich ihr am Telefon davon berichte. »Hast du Streit mit deinen Mitbewohnerinnen? Die WG war doch so super, du hast dich wohlgefühlt. Und außerdem ist sie direkt an der Uni.«

»Nein, ich habe keinen Streit, und ja, die WG war schon toll, Mama«, sage ich und bin direkt wieder genervt.

Meine Mutter mag Tom nicht besonders, das ist mir mittlerweile klar, und sie ist schon immer sehr kritisch gewesen, wenn ich Entscheidungen getroffen habe, ohne sie vorher mit ihr oder meinem Vater zu besprechen. Daher wundert mich ihre Reaktion kein bisschen.

»Tom und ich werden zusammenziehen.«

Meine Mutter sagt nichts. Das ist die Höchststrafe. Wo andere Mütter schreien, toben und weinen, versinkt meine in Schweigen und zwingt mich so zum Reden.

»Die Wohnung ist echt ein Traum«, plaudere ich weiter und ignoriere ihren stummen Protest. »Mit Deckenbalken und Balkon. Und mit einer Badewanne, einfach himmlisch. Sie wird dir bestimmt gefallen.«

Sie muss weder mit der Wohnung noch mit Tom einverstanden sein – es reicht, wenn ich mit meiner Wahl glücklich bin.

Und das bin ich. Es ist wunderbar, wenn auch zuerst ungewohnt, mit Tom zusammenzuwohnen. Unser Leben läuft viel strukturierter ab als vorher. Morgens fahren wir gemeinsam zur Uni, mittags treffen wir uns meist in der Mensa, aber wir essen dort nur noch selten. Es ist viel schöner, zusammen einzukaufen und abends zu kochen. Wir gehen nur noch selten aus. Abends noch mal in die Stadt zu fahren, ist uns oft zu mühsam. Lieber kuscheln wir gemeinsam auf der durchgesessenen Couch, schauen fern, lesen oder lernen.

»Aber sag mal«, fragt mich Susanne, als ich sie ein paar Wochen nach meinem Auszug auf dem Campus treffe, »fehlt dir nichts?«

Verblüfft sehe ich sie an. »Was soll mir fehlen?«

»Du kommst selten mit, wenn wir um die Häuser ziehen, gehst auf keine AStA-Fete mehr, und überhaupt, man sieht dich ja kaum noch!«

Ich denke nach. Nein, es fehlt mir wirklich nichts. »Wir genießen unsere Zeit zusammen«, versuche ich zu erklären. »Außerdem lernen wir abends oft.«

»Lernen? Ist klar.« Sie lacht, aber es klingt nicht belustigt. »Mensch, du bist erst Anfang zwanzig, du wirst doch jetzt nicht zum Hausmütterchen mutieren! Was ist das für ein Kerl, dieser Tom? Klar, er ist handwerklich begabt und kann zupacken, aber ihr seid doch nicht verheiratet! Du warst früher ganz anders drauf.«

»Aber es gefällt uns so. Im Sommer sind wir abends bestimmt wieder öfter in der Stadt und im Biergarten.«

Ich wische Susannes Bedenken beiseite, ärgere mich sogar darüber. Was weiß sie schon von der großen Liebe?

In der vorlesungsfreien Zeit zwischen Winter- und Sommersemester fahren Tom und ich wieder nach Essen. Er hat dort wie immer seinen Ferienjob, mit dem er sich einen Teil des Studiums finanziert, ich habe in der Bücherei eine Stelle als Werkstudentin angenommen. Der Gedanke, dass wir getrennt sein werden, zwei Monate lang nicht gemeinsam einschlafen können, bereitet mir Bauchschmerzen – selbst wenn wir in derselben Stadt wohnen werden.

In den vergangenen Monaten haben wir meine Eltern ein paar Mal besucht und sie sind zu uns gekommen, um unsere Wohnung zu besichtigen. Ich habe das Gefühl, dass sich das frostige Verhalten meiner Mutter Tom gegenüber langsam verändert – sie taut auf. Mein Vater und Tom kommen gut miteinander aus, sie mögen und respektieren sich. Vor allem seit Tom ihm geholfen hat, eine defekte Wasserleitung zu reparieren und die alte Tanne im Garten zu fällen. Dinge, die mein Vater nicht besonders gern und auch nicht besonders geschickt macht. Aber Tom weiß, wie das geht, und kann anpacken, er scheut keine Arbeit.

Meine Mutter ist ihm gegenüber trotzdem sehr zurückhaltend. Und so überrascht es mich sehr, als sie mich fragt, wo denn Tom während der Ferien unterkomme.

»Bei seiner Tante. Dort kann er in seinem alten Kinderzimmer wohnen, auch wenn der Weg bis zur Arbeit weit ist.«

Meine Mutter schweigt, dann seufzt sie. »Er kann auch zu uns kommen.«

Mir fällt die Kinnlade runter. »Wirklich, Mami? Echt?«

»Nun, Papa mag ihn, du scheinst ihn zu lieben, und er ist ja auch kein schlechter Kerl.«

»Aber du magst ihn nicht«, füge ich leise hinzu.

»Das stimmt so nicht. Ich finde bloß, dass es zu schnell geht mit euch. Du bist noch jung, und außerdem seid ihr so verschieden. Tom ist viel ernsthafter als du.«

»Wie meinst du das denn?«, frage ich und versuche meine Empörung herunterzuschlucken. »Wäre es dir lieber, ich hätte mich in einen Hallodri verliebt?«

»Nein, so meine ich das nicht«, sagt sie nachdenklich. »Du bist halt nur einmal zwanzig, und ich finde, du solltest es genießen. Aber es ist deine Entscheidung. Und ich habe nichts gegen ihn, deshalb könnt ihr beide bei uns wohnen.«

Tom nimmt das Angebot dankbar an, auch wenn er einplant, ein paar Nächte in der Wohnung von Christel und Rolf zu schlafen, um ihnen im Haushalt ein wenig zur Hand zu gehen. Ich schätze das sehr an ihm; er will für seine Familie da sein, helfen und Probleme lösen. Er geht zielstrebig seinem Studium nach. Er trinkt nicht, schlägt nicht über die Stränge, und außerdem lieben wir uns. Es ist perfekt, und zum Glück sieht das endlich auch meine Mutter ein.

Der Sommer kommt, und auch, wenn ich es Susanne versprochen hatte, fahren Tom und ich abends nur selten in die Stadt, um uns mit ihr und anderen Freunden im Biergarten zu treffen. Wir sitzen stattdessen von der Dämmerung bis Mitternacht auf unserem Balkon, trinken kühle Weißweinschorle und lauschen dem Zirpen der Grillen.

Im Spätherbst fahren Tom und ich eine Woche nach Dänemark, es ist Nachsaison, und die Ferienhäuser sind sehr preiswert. Wir sind fast allein in dem kleinen Ferienort. Der Sturm peitscht über das Reetdach, und wir sitzen am Kamin, schauen ins flackernde Feuer und malen uns unsere Zukunft aus. Ein Haus, ein Garten, ein Hund oder eine Katze und natürlich irgendwann Kinder, so stellen wir uns das vor.

Eine lange und steile Holztreppe führt hinunter zum Meer. Am ersten Morgen des Urlaubs klettern wir hinunter, laufen über den menschleeren Strand und steigen die Stufen anschließend wieder hoch. Auch am nächsten Tag machen wir es so, stundenlang gehen wir spazieren. Es ist herrlich, der Wind pfeift um unsere Nasen und pustet uns so richtig durch. Nach ein paar Stunden kommen wir in das vom Kamin erwärmte Haus, setzen uns vor das Feuer und genießen die Ruhe.

Als wir am dritten Tag von unserer Strandwanderung zurückkommen, ist die Treppe plötzlich verschwunden. Oben auf den Dünen, in einiger Entfernung, sehen wir die Arbeiter, die gerade noch die letzten Bretter auf einen Lastwagen laden und dann davonfahren.

Ohne Treppe kommen wir die Steilküste nicht hoch.

Also müssen wir bis zum nächsten Ort laufen, dort ist ein kleiner Hafen, der durch eine schmale Straße mit dem Dorf weiter oben verbunden ist. Drei Stunden sind wir unterwegs und ziemlich erschöpft, als wir endlich wieder im Ferienhaus ankommen.

Ich fand das Abenteuer eigentlich ganz lustig, aber Tom ärgert sich über die Arbeiter.

»Sie hätten doch wenigstens irgendwo ein Schild hinstellen können, dass der Strand winterfest gemacht wird«, grummelt er.

Ich lache. »Stell dir vor, es wäre noch später gewesen, und wir hätten im Dunkeln den Weg finden müssen.«

Schließlich stimmt er in mein Lachen ein. »Fünfzig Meter bis zum Strand, stand in der Beschreibung des Hauses«, sagt er und grinst. »Aber sie haben vergessen zu erwähnen, dass der Strand hundertfünfzig Meter unterhalb der Steilküste liegt.«

»Dafür ist der Blick unbeschreiblich. Ich liebe den Sonnenuntergang«, seufze ich.

Und ich liebe Tom, denke ich glücklich.

Wir lernen fleißig und verbringen unsere Freizeit immer noch meist zu zweit lesend oder vor dem Fernseher. Manchmal laden wir Bekannte ein und machen Spieleabende. Tom hat sein Vordiplom und ich meine Zwischenprüfung bestanden. Inzwischen wohnen wir in den Semesterferien immer bei meinen Eltern, es hat sich eingependelt, und alle sind glücklich mit der Situation.

Wir sind seit zwei Jahren zusammen und fahren im Spätsommer wieder nach Dänemark. Diesmal kommen mein Bruder und seine Freundin mit. Wir haben immer noch das Haus unseres ersten Urlaubs vor Augen, aber diesmal gibt es keine Steilküste und keine Treppe. Dafür kann man allerdings auch nicht das Meer sehen, sondern nur die Dünen, in denen das Ferienhaus liegt. Dennoch ist es ganz kuschelig.

Christoph und seine Freundin Sabine sind ein wenig enttäuscht, dass wir ein Haus ab vom Schuss gebucht haben. Sie wären abends gern mal ausgegangen, essen oder sogar tanzen. Aber die nächste Stadt mit Disko ist eine Stunde Fahrtzeit entfernt.

»Fehlt euch das gar nicht?«, fragte Sabine. »Ausgehen? Feiern gehen? Im Urlaub sollte man doch auch mal einen draufmachen.«

»Ach, das ist nicht so unser Ding«, erkläre ich und baue das Brettspiel auf.

Wir spielen jeden Abend gemeinsam, und manchmal sogar bis zum Morgengrauen. Tom spielt sehr ernsthaft, er verliert nicht gern, und so entsteht eine freundschaftliche Rivalität zwischen ihm und meinem Bruder. Jeder möchte der Beste sein – es ist ziemlich lustig, wirklich ernst meinen sie es ja nicht. Insgesamt haben wir viel Spaß miteinander und verstehen uns prächtig. Nur Tom ist nicht ganz so glücklich, wie ich später erfahre.

»Mit Sabine muss ich nicht noch mal Urlaub machen«, sagt er mir auf der Rückfahrt. »Die ist mir zu anstrengend. Ich glaube, sie konnte die wunderbare Ruhe nicht genießen.«

»Sie ist noch jung«, versuche ich zu erklären. »Sie will sich halt noch austoben.«

»So eine Frau wäre nichts für mich«, sagt Tom, beugt sich dann zu mir und küsst mich. »Aber zum Glück habe ich ja dich.«

Ein paar Wochen später, es ist Mitte Oktober, werde ich jäh aus meiner Puderzuckertraumwelt gerissen. Obwohl ich schon seit Jahren die Pille nehme, sie nie vergessen und auch sonst keine Probleme mit meinem Zyklus oder Hormonschwankungen habe, bin ich schwanger. Ich kann es nicht fassen. Ein Kind passt überhaupt nicht in meine momentane Lebensplanung.

Verzweifelt sitze ich auf dem Rand der Badewanne und starre den Test an, so gut ich ihn mit meinen tränenden Augen erkennen kann. Ich heule wie ein Schlosshund, dabei sollte man sich über so eine Nachricht doch freuen.

Der Test ist bestimmt falsch, sage ich mir und mache noch einen zweiten. Sicherheitshalber habe ich mehrere Tests gekauft – man weiß ja nie, ob man in der Aufregung alles richtig macht. Doch auch der zweite und der dritte Test verkünden dasselbe Ergebnis.

O nein. Mein Leben ist vorbei.

Da wächst ein Baby in meinem Bauch.

Das darf nicht wahr sein! Ich will zu Ende studieren, habe sogar schon ein Jobangebot von einer Firma. Mit einem Baby wird das furchtbar schwierig. Es wird nicht gehen. Ich kann jetzt kein Kind bekommen.

Zum Glück, denke ich und wische mir die Tränen von den Wangen, ist Tom ein sehr vernünftiger Mensch. Auch er wird das Kind nicht wollen. Es wird eine Lösung geben.

Doch zu meiner Überraschung freut sich Tom, er freut sich sogar sehr.

»Wir heiraten«, beschließt er kurzerhand.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, protestierte ich. »Ich werde in drei Monaten erst dreiundzwanzig! Ich brauche noch ein paar Semester, um meinen Magister zu machen.«

»Aber das ist doch kein Problem. Die AStA betreibt doch diese Krippe an der Uni, das schaffen wir schon. Es ist unser Kind, Corinna, unser beider Kind.«

Wie ein kleiner Junge freut er sich, ist ganz begeistert.

»Wenn es ein Junge wird, werde ich ihm eine Carrerabahn kaufen. Ich wollte schon immer eine haben. Und dann werden wir Rennen fahren. Oder es wird ein Mädchen, eine kleine Prinzessin. Ich werde ihr ein Schaukelpferd bauen. Das wird so wunderbar werden! Du und ich und das Kind – unsere kleine perfekte Familie.«

»Aber ein Kind kostet Geld«, erwidere ich.

Obwohl wir beide jobben, ich Unterstützung von meinen Eltern bekomme und er seine Waisenrente hat, ist das Geld bei uns immer knapp. Zu zweit kommen wir gut klar, wir brauchen nicht viel und haben gelernt uns einzuschränken, dennoch müssen wir rechnen.

»Schatz, ein Kind kostet in den ersten Jahren nicht viel.« Er guckt in meine Richtung, dann erst scheint ihm der Schrecken aufzufallen, der mir in die Glieder gefahren ist.

Tom kommt zu mir, setzt sich neben mich und nimmt meine Hände in seine. »Du denkst doch nicht über eine Abtreibung nach, oder? Das kannst du nicht machen. Du trägst ein Kind in dir, unser Kind, entstanden durch unsere Liebe. Corinna!«

»Ach, nein, natürlich nicht«, sage ich schnell. »Es ist nur so … ungeplant.«

»Deine Eltern helfen uns bestimmt. Sie werden sich doch über ihr erstes Enkelkind freuen. Und wir werden heiraten!«

Ich bin mir nicht so sicher, ob sich meine Eltern wirklich freuen werden, wenn sie jetzt schon Oma und Opa werden. Außerdem habe ich mir einen Heiratsantrag doch etwas romantischer vorgestellt. Mehr so mit Rosen und Kerzen und einem Ring. Tom hat sachlich beschlossen, dass wir heiraten werden. Er hat mich noch nicht einmal gefragt, sondern setzt einfach voraus, dass ich einverstanden bin. Aber vermutlich ist meine schlechte Laune nur meiner Schwangerschaft geschuldet. Es heißt doch immer, dass Schwangere so schlimme Stimmungsschwankungen haben.

Am nächsten Wochenende fahren wir zu meinen Eltern. Die ganze Zeit zerbreche ich mir den Kopf darüber, wie ich ihnen die Neuigkeit verklickern soll. Tom hat keine Bedenken, für ihn ist alles klar und schön. Wir werden heiraten und ein Kind bekommen. Dann werde ich meinen Abschluss machen und er sein Diplom, und wir werden glücklich sein, bis dass der Tod uns scheidet. Punkt.

Mit diesem Optimismus tritt er meinen Eltern gegenüber. Ihre Sprachlosigkeit hält er für freudige Überraschung, aber ich weiß es besser.

Meine Mutter nimmt mich in der Küche zur Seite. »Das muss doch nicht sein, Conny!«

»Ich werde mein Baby nicht abtreiben«, erwidere ich entschlossen.

»Nein, natürlich nicht. Aber ihr müsst doch nicht heiraten. Wir leben im Jahr 1986, da muss man doch nicht mehr vor den Altar treten, nur weil ein Kind unterwegs ist! Ihr könnt doch auch so zusammenleben.«

Nun bin ich sprachlos. »Du willst nicht, dass wir heiraten?«

»Es ist eure Entscheidung, aber denk gut darüber nach. Ich halte es nicht für wichtig.« Sie nimmt mich in den Arm. »Wir werden immer für dich da sein. Und natürlich auch für das Baby.«

Doch Toms Entschluss steht fest. Wir gehen zum Standesamt und bestellen das Aufgebot. Ich möchte auch kirchlich heiraten, wenn schon, denn schon – aber das schaffen wir nicht mehr so schnell. Denn für das restliche Jahr sind alle Termine in unserer Gemeinde ausgebucht, im Januar muss ich mich auf die Klausuren im Folgemonat vorbereiten, und im verregneten März heiraten, das muss ja nicht sein. Und dann werde ich auch schon sichtbar schwanger sein – mit dicker Kugel auf dem Hochzeitsfoto, das ist nicht unbedingt das, was ich mir immer vorgestellt habe.

»Dann lass uns das verschieben, Maus. Wir könnten die kirchliche Trauung mit der Taufe verbinden«, sagt Tom.

Ich hatte immer so schöne rosa Mädchenträume von einer weißen Sommerhochzeit mit allem Pipapo. Und nun soll es eine Familienfeier in der Vorweihnachtszeit werden. Mist!

Die Hormone übernehmen schon bald darauf die Vorherrschaft in meinem Körper, und ich verändere mich. Babybilder lösen wahre Glückstsunamis in mir aus. Ich abonniere die Zeitschrift Eltern, leihe mir Bücher über Säuglingspflege aus und melde uns bei einem Geburtsvorbereitungskurs an. Tom ist Feuer und Flamme und will auf jeden Fall bei der Geburt dabei sein. Wir besuchen Trödelmärkte und kaufen winzige Söckchen und Hemdchen, diskutieren darüber, ob wir Fertig- oder Stoffwindeln verwenden sollen und ob ich unserem Baby die Brust gebe – keine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit.

Ich habe schon einen kleinen Bauch, als im Dezember endlich der Termin unserer standesamtlichen Trauung ist. Wir heiraten in Essen, Tante Christel und Onkel Rolf kommen, meine Eltern, mein Bruder mit Freundin und ein paar Leute aus dem Studium sind ebenfalls dabei. Das Standesamt ist ein modernes Gebäude, der Trausaal schlicht und praktisch, wenn auch nicht gerade ansprechend. Aber all das ist egal, heute soll der schönste Tag meines Lebens sein, denn heute werden Tom und ich den Bund fürs Leben schließen. Wir blicken uns an und wissen, es ist die richtige Entscheidung. Jetzt werden wir zum Ehepaar, und in ein paar Monaten werden wir Eltern werden.

Der Standesbeamte sieht ein wenig aus wie Norbert Blüm, Glatze, Pfannkuchengesicht, gemütlicher Bauch. Er begrüßt uns fröhlich, allerdings mit falschen Namen. Es dauert eine Weile, bis er seine Unterlagen sortiert hat und das richtige Stammbuch findet. Tom und ich sitzen Hand in Hand vor dem Tisch und lauschen seinen Worten.

Dann kommt das Eheversprechen. Der Standesbeamte wendet sich an Tom. »Wollen Sie, Tom Richter, mit der hier anwesenden Frau Corinna Schneider, die Ehe eingehen? Dann antworten Sie bitte mit Ja.«

Tom guckt stur geradeaus. Er sieht sehr ernst und entschlossen aus. »Ja.«

»Nun meine Frage an Sie, Frau Schneider«, sagt der Standesbeamte und blinzelt mir freundlich zu. »Wollen auch Sie mit Herrn Tom Richter den Bund der Ehe eingehen? Dann antworten Sie bitte ebenfalls mit Ja.«

Meine Stimme zittert, als ich sage: »J

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ich werde euch finden!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen