Logo weiterlesen.de
Ich werde dich finden, mein Sohn

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. Nachwort

Über dieses Buch

Als die Collegestudentin Carol im ersten Semester schwanger wird, gerät ihr Leben völlig aus den Fugen. Es ist das Jahr 1965, und ein uneheliches Kind gilt als Schande für die ganze Familie. Als ihr Freund sie trotz der Schwangerschaft nicht heiraten will, schicken Carols Eltern das Mädchen eilig in ein von katholischen Ordensschwestern geleitetes Heim für ledige Mütter. Und Carol – beschämt und verzweifelt – unterschreibt die Freigabe zur Adoption. Das Kind wird ihr gleich nach der Geburt weggenommen. Doch die junge Mutter kann ihren Sohn, den sie nur kurz in den Armen hielt, nicht vergessen. Sie liebt ihn, vermisst ihn – und zählt die Tage bis zu seinem 18. Geburtstag. Denn das ist der Zeitpunkt, an dem für Carol eine lange Suche beginnen soll …

Über die Autorin

Carol Schaefer ist eine amerikanische Autorin. Sie schrieb bereits fünf Bücher. Bekanntheit erlangte sie durch die Veröffentlichung ihres Buchs »Ich werde dich finden, mein Sohn«, in dem sie ihre tragische Vergangenheit und die Suche nach ihrem Sohn Jack schildert.

Bis heute hat sie eine sehr gute Beziehung zu Jack und kümmert sich liebevoll um ihre Enkel und Großenkel.

CAROL SCHAEFER

ICH WERDE DICH
FINDEN,
MEIN SOHN

Mein Kind wurde mir nach der Geburt
weggenommen. Doch die Liebe zu ihm
konnte mir keiner nehmen

Aus dem Amerikanischen von
Mechthild Sandberg-Ciletti

»Kann eine Mutter ihr Kind vergessen?
Ohne Liebe sein für die Frucht ihres Leibes?
Und auch wenn sie es vergäße,
so will ich dich doch nicht vergessen.«

Jesaja 45, 15

1

Es war das Jahr 1965.

Wir saßen auf den dunklen Holzstühlen vor dem Schreibtisch der Ordensschwester. Die Sonnenjalousien am großen Fenster hinter dem Schreibtisch waren fast ganz heruntergelassen. Das Licht warf ein Muster schmaler Streifen an die Zimmerdecke. Auf Schwester Dominics schwarze Tracht fiel es nicht. Meine Mutter, die rechts von mir saß, beugte sich vor, als wolle sie unser eifriges Bemühen zeigen, das Rechte zu tun, um uns von dieser Todsünde reinzuwaschen. Ich würde mit dem Einzug in ein Heim für ledige Mütter büßen. Die Absolution würde ich erhalten, nachdem ich mein Kind zur Adoption freigegeben hätte. Die Schwester erklärte mir, ich würde alles vergessen; es würde sein, als wäre es nie passiert.

Die Querleisten des Stuhls drückten sich hart in meinen Rücken, als ich mich haltsuchend zurücklehnte. Schwester Dominic saß meiner Mutter zugewandt. Mir zeigte sie buchstäblich die kalte Schulter. Keine der beiden Frauen betrachtete mich als eigenständiges, von der Mutter getrenntes Wesen. Ich war wie gelähmt, unfähig, für mich selbst einzustehen. Ich wünschte, meine Mutter würde das Zimmer verlassen. Ich wollte so gern mit der Schwester allein sprechen, sie fragen, ob es nicht eine Möglichkeit für mich gäbe, das Kind zu behalten; ob mir nicht jemand helfen könne, Mittel und Wege dazu zu finden.

Meine Mutter hatte diesen Termin beim katholischen Sozialdienst vereinbart, um meine Aufnahme im Seton House zu beantragen. Während wir draußen vor dem Büro Schwester Dominics gewartet hatten, hatte man uns ein Formular gebracht, das vor dem Gespräch ausgefüllt werden musste. Die meisten der Fragen hatte meine Mutter für mich beantwortet. Ich schaffte es nicht, mich zu widersetzen; schlimm genug, dass ich schwanger geworden war und die ganze Familie in Schwierigkeiten gestürzt hatte. Ich fürchtete, ihre Liebe zu verlieren. Meine Angst vor der Missbilligung der Kirche war nicht so groß wie die meiner Mutter. Aber meine Angst, verstoßen zu werden, war so stark, dass ich stillschweigend einwilligte, mein Kind zu verstoßen.

»Möchten Sie, dass das Kind im katholischen Glauben erzogen wird?«

»Aber ja, natürlich, Schwester«, antwortete meine Mutter pflichteifrig.

»Und die Adoptiveltern sollen Akademiker sein?«

»Unbedingt.« Endlich fand ich die Kraft, ein Wörtchen mitzureden.

»Wir werden selbstverständlich dafür sorgen, dass Ihr Kind in einer Familie gleichen ethnischen Ursprungs aufwächst«, versicherte uns die Schwester. Mir wurde etwas unbehaglich dabei; wir kannten ja unsere Ursprünge gar nicht so genau. »Sie können sich darauf verlassen, dass wir ein Elternpaar mit gutem Einkommen aussuchen werden, das dem Kind alles bieten kann, was es braucht.«

Und da der Vater des Kindes – Chris – und ich blaue Augen hatten, würden natürlich auch die Adoptiveltern blaue Augen haben, fuhr sie fort und blickte mit wohlwollendem Lächeln himmelwärts, als gäbe sie den Auftrag gleich an Gott persönlich weiter.

Die Adoptiveltern, sagte sie, würden Chris und mir in allen äußeren Merkmalen gleichen. Es würde dem Kind an nichts fehlen, auch wenn es nicht bei uns aufwachsen könne. Ja, der katholische Sozialdienst werde ein Elternpaar finden, das in der Lage sein werde, weit mehr für das Kind zu tun, als Chris und ich es je könnten. Uns beiden werde damit die Chance gegeben, unsere Ausbildung zu beenden und später, falls wir einmal heiraten sollten, eine ordentliche Familie zu gründen. Ohne Zweifel sei es für mich die beste – die einzige – Möglichkeit, das Kind zur Adoption freizugeben.

Am liebsten hätte ich meine Mutter aus dem Zimmer geschickt, um mit der Schwester allein sprechen zu können. Ich wollte wissen, was geschehen würde, wenn ich es mir doch noch anders überlegen sollte. Aber meine Mutter wich mir nicht von der Seite, und ich wagte nicht, sie wegzuschicken.

Wir unterzeichneten die Papiere, und damit war es erledigt. Der genaue Zeitpunkt meiner Aufnahme im Seton House hänge davon ab, wann dort ein Platz frei werde. Das Heim nehme niemals mehr als sechzehn Frauen auf. Ich könne aber mit meinem Einzug im Laufe des Oktober rechnen.

Schwester Dominic beugte sich etwas vor, stützte die Hände auf den Schreibtisch und stemmte sich in die Höhe. In ihren schwarzen Gewändern wirkte sie noch größer, als sie sowieso schon war, und sie schien sich förmlich über uns zu erheben.

Die Wände des Zimmers schienen zu verschwimmen, als ich aufstand. Die Stimmen meiner Mutter und der Schwester drangen wie aus weiter Ferne zu mir. Konnte das alles Wirklichkeit sein?

Wie hatte ausgerechnet mir das passieren können? Nun, wie es eben jedem Mädchen passieren kann, selbst einem anständigen katholischen Mädchen wie mir.

Ich war in meinem vorletzten Jahr an der Highschool, als ich Chris kennen lernte. In jenem Sommer pflegten meine Freundin Jessica und ich wie alle anderen jungen Leute in unserem Städtchen in North Carolina abends mit dem Auto auf den großen Parkplatz vor dem Boar and Castle Drive-in-Restaurant hinauszufahren, um uns mit Freunden zu treffen oder neue Bekanntschaften zu schließen. Der Parkplatz war in zwei Hälften geteilt. Auf der linken Seite, die hell erleuchtet war, ging es laut und munter zu, da wurde die Geselligkeit gepflegt. Die rechte Seite, die wir scherzhaft die Schlangengrube nannten, war dunkel und still. Die Fenster der Autos, die dort standen, waren immer so dicht beschlagen, als seien sie zugehängt.

An jenem besonderen Abend drehten Jessica und ich erst eine Runde durch die Schlangengrube, ehe wir den großen blauen Buick ihres Vaters unter einem ausladenden Ahorn auf der linken Seite parkten, um dort auf Jessicas Freund Michael zu warten. Michael jobbte abends in einer Buchbinderei und wollte sich in seiner Pause mit uns treffen.

Er kam mit einem Freund, einem Jungen, den ich nicht kannte. Gleich nachdem sich die beiden hinten zu uns in den Wagen gesetzt hatten, fielen mir die Hände des fremden Jungen auf. Fest und kräftig lagen sie auf der Lehne des Vordersitzes, als er sich nach vorn beugte, um sich mit mir bekanntzumachen. Im Lichtschein der Lampen von draußen sah ich sein Gesicht, und sein Lächeln gefiel mir. Es hatte etwas Strahlendes, das seine Augen erleuchtete. Ich verspürte ein beinahe unwiderstehliches Verlangen, diese Hände zu berühren, die mir so vertraut schienen, aber ich tat es nicht.

Er hieß Chris und war im zweiten Jahr auf dem College. Damit hätte der Fall für mich eigentlich schon erledigt sein müssen. Freundschaften mit Studenten waren absolut tabu. Niemals würde mein Vater mir erlauben, mit Chris auszugehen. Aber solche Überlegungen zählten in diesem Moment nicht. Ich wollte Chris unbedingt kennen lernen. Ich hatte mich über beide Ohren in ihn verliebt.

Nach dieser ersten Begegnung sandten Chris und ich in aller Heimlichkeit unsere Spione aus, Jessica und Michael, um herauszubekommen, wie es um die Gefühle des anderen bestellt war. Es gab keinen Zweifel, wir hatten beide Feuer gefangen. Die Vertrautheit, die ich gleich bei der ersten Begegnung gespürt hatte, war auch noch da, als ich mich zum ersten Mal allein mit Chris traf, und sie verlor sich nie. Meine Eltern fanden ihn sympathisch, als sie ihn kennen lernten, obwohl er älter war und nicht katholisch. Während meines ganzen letzten Schuljahrs sahen wir uns regelmäßig. Beinahe jedes Wochenende kam Chris vom College nach Hause, und unsere Gefühle füreinander wurden immer intensiver.

In den sechziger Jahren herrschte unter den jungen Leuten im Süden ein strenger Verhaltenskodex, der unsere Leidenschaft füreinander in Schach hielt. Es gab nur Schwarz oder Weiß. Man war ein anständiges oder ein schlimmes Mädchen, anders gesagt, man schlief mit einem Jungen, oder man tat es nicht, auch wenn man noch so lange mit ihm befreundet war. Man wohnte in der guten oder in der schlechten Gegend, man gehörte dem richtigen oder dem falschen Country-Club an, man trug Villager-Blusen und Markenjeans, oder man gehörte nicht dazu. Bis zum Umzug meiner Eltern nach North Carolina hatte ich eine katholische Mädchenschule in Ohio besucht, an der man nur ›in‹ war, wenn man Leinenschuhe trug. Als ich ahnungslos in meinen Leinenschuhen in der neuen Schule aufkreuzte, geriet ich, wie Jessica mir später anvertraute, bei einigen meiner Klassenkameraden sofort in den Verdacht, arm zu sein. Und Armsein war ›out‹.

Die Lehrsätze doppelter Moral saßen tief. Wehe, ein Junge kam beim Stelldichein mit einem ›anständigen‹ Mädchen der imaginären Grenze des Bis-hierher-und-nicht-Weiter zu nahe! Augenblicklich traten die Instinkte des Southern Gentleman in Aktion, und die lockere Hand oder das leidenschaftliche Begehren wurden schleunigst unter Kontrolle gebracht. Das Maß an Selbstbeherrschung, das wir uns angeeignet haben, während wir geschlagene vier Stunden lang leidenschaftlich zu den Schnulzen von Johnny Mathis schmusten, ohne bis zum ›Letzten‹ zu gehen, hat uns zweifellos alle geprägt.

An dem Abend, an dem ich schwanger wurde, waren Chris und ich das zweite Mal intim miteinander, nachdem wir es uns in den zwei Jahren unserer Freundschaft wahrscheinlich hundertmal versagt hatten. Ich studierte mittlerweile am Winthrop College, einem Frauencollege in South Carolina. Wir waren beide zu den Osterferien nach Hause gekommen, nachdem wir uns wegen der Zwischenprüfungen über einen Monat lang nicht gesehen hatten. Noch nie waren wir so lange getrennt gewesen. An jenem Abend hatten wir nur wenig Zeit für uns. Es war Karfreitag, und ich musste vorher in die Kirche.

Wir parkten beim Country-Club, in der Nähe der Tennisplätze. Alles war wie ausgestorben. Der Himmel war pechschwarz, die angemessene Karfreitagsstimmung. Nach der langen Trennung gingen Gefühl und Leidenschaft mit uns durch.

Als Chris mir hinterher sagte, dass das Kondom gerissen war, beruhigte ich ihn. Meine Periode war immer sehr unregelmäßig und schon seit vier Monaten ausgeblieben. Ich versicherte ihm, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche.

Aber als ein weiterer Monat verging, ohne dass etwas geschah, begann ich mir Sorgen zu machen und wurde immer unruhiger. Da ich nicht zu einem Arzt am Ort gehen wollte, meldete ich mich bei einem Gynäkologen in Charlotte an, den mir eine Kommilitonin empfohlen hatte, obwohl den Studentinnen der ersten Semester Reisen, die über eine Entfernung von 25 Meilen hinausgingen, ohne Genehmigung der Eltern nicht erlaubt waren. Bei der Rückkehr aus Charlotte wurde ich erwischt, und man verständigte meine Eltern. Innerhalb von zwei Stunden rief meine Mutter mich an, um mir mitzuteilen, dass sie den Gynäkologen ausfindig gemacht und mit ihm gesprochen hatte. Von der ärztlichen Schweigepflicht schien der Mann nie etwas gehört zu haben.

Das Ergebnis des Tests war negativ. Zur Strafe für mein Vergehen durfte ich bis zum Ende des Semesters den Campus nicht verlassen. Es ärgerte mich, dass Schule, Eltern und Arzt mich wie ein kleines Kind behandelten, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren.

Chris war erleichtert, als er vom negativen Ergebnis des Tests hörte. Aber ich traute dem nicht so ganz.

Infolge der seelischen Belastung, unter der ich in jenen Monaten stand, versagte ich bei den Prüfungen kläglich. Meine Eltern empfingen mich mit vorwurfsvollen Gesichtern, als ich nach Hause kam, aber besprochen wurde nichts. Meine Mutter erkundigte sich lediglich, ob ich inzwischen meine Tage bekommen hätte. Ich musste verneinen.

Genau diese Situation hatte mein Vater immer gefürchtet, wenn er Abend für Abend im Wohnzimmer gesessen und auf meine Heimkehr von einer Verabredung gewartet hatte. Meistens hatte ich ihn dann schlafend in seinem Sessel vorgefunden, auf dem Schoß das Buch oder die Zeitung, die er gelesen hatte, um sich wach zu halten. Kam ich nur fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit nach Hause, wurden mir sechs Wochen Hausarrest auferlegt, wahrscheinlich weil er nach den vielen schlaflosen Nächten im Wohnzimmersessel einfach einmal wieder ruhig durchschlafen wollte. Irgendwie rührte er mich, aber gleichzeitig machte es mich unglaublich zornig, dass er meinte, mir nicht vertrauen zu können. Mir vertraue er ja, pflegte er zu behaupten, aber nicht den jungen Männern, mit denen ich ausging.

Jetzt verbot mein Vater mir jeden weiteren Umgang mit Chris. Wir mussten uns also in Zukunft heimlich treffen.

Ein weiterer Monat verstrich. Ich fühlte mich wohl, aber meine Regel ließ weiterhin auf sich warten. Es war Ende Juni. Chris hatte Verbindungen zum Krankenhaus; wir konnten den Test noch einmal machen lassen.

Diesmal war das Ergebnis positiv.

Den ganzen Weg vom Krankenhaus zum Parkplatz sprachen wir kein Wort miteinander. Die Sonne lag glühend heiß auf dem schwarzen Asphalt. Die Luft war so feucht, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste ersticken. Ich wollte den Tatsachen am liebsten entfliehen.

Um sich zum Reden ins Auto zu setzen, war es zu heiß. Wir blieben draußen in der Sonne stehen. Es fiel mir schwer, die Realität dessen anzuerkennen, was mir noch immer völlig irreal erschien. Wären nicht das Ausbleiben der Periode und der Test gewesen, ich hätte keine Ahnung gehabt, dass ich schwanger war. Ich hatte keinerlei Symptome. Mein Körper hatte sich nicht verändert. Chris sah dieselbe Frau vor sich, die er immer gekannt hatte. Und doch war alles anders geworden und würde nie wieder so sein wie zuvor.

Eine Abtreibung war ausgeschlossen. Dazu hätte ich auf die Bahamas fliegen müssen, und ohne die Hilfe unserer Eltern hätten wir das Geld für die Reise unmöglich aufbringen können. Und meine Mutter, das wusste ich, wäre mit einer Abtreibung niemals einverstanden gewesen. Chris hatte von Heirat bisher nicht gesprochen. Aber wollte ich ihn denn überhaupt heiraten?

Während ich auf dem heißen Asphalt stand, der mir fast die Füße verbrannte, schossen mir alle möglichen Kommentare durch den Kopf, die ich über Frauen in meiner Situation gehört hatte. Die Jungen machten sich über Mädchen lustig, die beim Trampen ›aufs Kreuz gelegt‹ worden waren. Oder man unterstellte Frauen, sie hätten den Mann ›reingelegt‹, als sie schwanger wurden, um ihn zur Ehe zu zwingen. Würde Chris sich vielleicht sein Leben lang die Frage stellen, ob ich ihn ›reingelegt‹ hatte? Würde ich ständig von Zweifeln an seiner Liebe geplagt werden? Wo hatten diese Fragen ihren Ursprung? Gewiss nicht in meinem Herzen. Aber ich traute meinem Herzen nicht.

Wir beschlossen, unseren Eltern die Wahrheit zu sagen.

Am nächsten Morgen bat ich meine Mutter in mein Zimmer. Ich saß auf dem Boden in einem kleinen Fleckchen Sonnenlicht, als ich ihr klar und ohne Umschweife sagte, dass ich mich einem weiteren Schwangerschaftstest unterzogen hatte und das Ergebnis positiv ausgefallen war. Ich wusste, dass es sie im Grunde nicht überraschte. Sie hatte sich, ohne den geringsten Anhaltspunkt zu haben, ausgerechnet, dass ich das Reiseverbot am College gebrochen hatte, um einen Arzt aufzusuchen und feststellen zu lassen, ob ich schwanger sei. Sie hatte den Verdacht praktisch aus der Luft gegriffen. Wie hätte sie da jetzt überrascht sein sollen? Sie war es nicht. Aber sie war entsetzt.

»Du musst betrunken gewesen sein«, sagte sie.

»Nein«, entgegnete ich. »Ich war völlig nüchtern.«

»Das glaube ich nicht. Du kannst nur betrunken gewesen sein.«

»Nein, Mutter, ich war nicht betrunken«, sagte ich mit aller Deutlichkeit. Ich war verliebt, hätte ich gern gesagt, aber die Worte wollten mir nicht über die Lippen. Warum musste sie sich darauf versteifen, dass ich nur betrunken gewesen sein könne? Wäre ich damit automatisch entlastet gewesen? Hätte mir das meine Tugend zurückgegeben? Fürchtete sie so sehr die Todsünde, die auf meiner Seele lastete?

»Will Chris dich heiraten?«, fragte sie.

Ich sagte, dass ich das nicht wüsste.

Sie ging hinaus, um mit meinem Vater zu sprechen. Das Fleckchen Sonnenschein auf dem Boden war weitergewandert. Ich blieb lange Zeit reglos sitzen und beobachtete, wie es sich immer weiter entfernte.

Mein Vater war zornig und traurig zugleich. Ich sah es in seinen Augen. Und er war tief verletzt. Ich fühlte mich entsetzlich schuldig.

»Wir werden dir und Chris natürlich helfen, wo wir können«, sagte er. »Wir haben ja immer gedacht, dass ihr beide eines Tages heiraten werdet. Wir sind auch bereit, uns an den Kosten für Chris’ Ausbildung zu beteiligen, wenn das für ihn die einzige Möglichkeit ist, sein Studium fertigzumachen.«

Ich war tief gerührt von der Großzügigkeit meiner Eltern. Ich wusste, es würde ihnen nicht leicht fallen, uns unter die Arme zu greifen. Ich hatte schließlich noch drei jüngere Geschwister.

Am folgenden Tag setzten sich die beiden Elternpaare zusammen, um die Zukunft ihrer Kinder zu besprechen. Ich fuhr in dieser Zeit mit Jessica im Wagen ihres Vaters ziellos durch die Gegend. Die Sonne erschien mir trüb und glanzlos, obwohl es sehr heiß war. Wir machten einen Abstecher zum Castle, um eine Cola zu trinken. Bei der Hitze war dort kein Mensch. Ich versuchte, mir vorzustellen, was Chris gerade tat; was unsere Eltern jetzt miteinander sprachen. Ich glaube nicht, dass die vier auch nur einen Moment lang in Erwägung gezogen hatten, Chris und mich an dem Gespräch zu beteiligen. Obwohl es um unsere Zukunft ging. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass Heiraten früher von den Eltern abgesprochen worden waren, nicht viel mehr als geschäftliche Abmachungen zwischen zwei Familien, bei denen die Kinder, um deren Schicksal es ging, nicht um ihre Meinung gefragt wurden.

Als wir nach einigen Stunden wieder zum Haus meiner Eltern kamen, stand der Wagen von Chris’ Eltern nicht mehr davor. Ich stieg aus dem Auto, und während ich langsam zum Haus ging, versuchte ich, mir vorzustellen, was für Menschen Chris’ Eltern waren. Ich hatte sie nie kennen gelernt, ich wusste nur, dass Chris ein gutes Verhältnis zu ihnen hatte.

»Sie machen einen sehr netten Eindruck«, berichtete mein Vater, als ich kam. »Ich habe ihnen meine Vorschläge gemacht. Jetzt liegt die Entscheidung bei ihnen.«

Als Chris am nächsten Abend anrief und mich bat, ihn in einer halben Stunde beim Castle zu treffen, holte ich mir die Erlaubnis, den Wagen zu nehmen, und rannte aus dem Haus. Aber auf der Fahrt durch die altvertrauten Straßen erschien mir plötzlich alles düster und bedrückend. Ich nahm den Fuß vom Gaspedal. Ich hatte es gar nicht mehr so eilig, Chris zu sehen.

Er war schon da, als ich kam. Ohne darauf zu warten, dass er ausstieg, setzte ich mich zu ihm in den Wagen, und noch ehe ich ihn überhaupt angesehen hatte, wusste ich es. Mein Körper spürte es. Als ich schließlich aufsah, trafen sich unsere Blicke. Ich begann automatisch den Kopf zu schütteln, obwohl Chris noch nicht ein Wort gesagt hatte.

Er erklärte mir, er habe seinen Entschluss ganz allein gefasst; seine Eltern hätten ihm jede Unterstützung bedingungslos zugesagt. Doch er habe sich entschlossen, dem Rat seines Vaters zu folgen. Bei einem so schlechten Start, hatte dieser gesagt, werde unsere Ehe nicht lange halten. Von Beginn der Ehe an in der Schuld der Eltern zu stehen, auf unabsehbare Zeit abhängig zu sein und dazu noch ein Kind großziehen zu müssen, das sei für eine Beziehung eine zu starke Belastung. Er sei sicher, hatte er gemeint, wir würden in ein paar Jahren sowieso heiraten. Jetzt jedoch sei gewiss nicht der richtige Moment dafür.

Zornig und gekränkt wandte ich mich von Chris ab. Ringsum standen hübsche adrette Häuser in gepflegten Gärten, aber ich wusste, auch die Leute, die in ihnen wohnten, hatten ihre Probleme, schlimmere vielleicht als wir. Ein Leben ohne Schwierigkeiten gab es nicht. Warum also nicht kämpfen? Machte denn die Vermeidung von Schwierigkeiten ein glückliches Leben aus? Ich wusste, dass wir es schaffen würden. Warum behaupteten sie das Gegenteil, anstatt uns Mut zu machen? Ich brach in tiefe Schluchzer aus und dachte, ich könnte nie mehr aufhören.

Mein Vater hatte mir erklärt, wenn Chris sich weigern sollte, mich zu heiraten, müsse ich die Beziehung zu ihm abbrechen. Aber ich liebte Chris immer noch. Auch wenn sich nun erste Zweifel an seinen Gefühlen für mich regten, konnte ich ihm nicht einfach sagen, er solle aus meinem Leben verschwinden.

In Zukunft, sagte ich ihm, würden wir uns nur noch heimlich sehen können. Er versprach, mich nicht im Stich zu lassen.

Wie betäubt fuhr ich nach Hause und wünschte nur eines – dass unser Kind nie diesen tiefen Schmerz des Zurückgewiesenwerdens würde erfahren müssen. Ich ging ins Haus und sagte meinen Eltern, ohne sie anzusehen, dass wir nicht heiraten würden. Dann verkroch ich mich in meinem Zimmer.

Ein paar Tage später trafen sich Chris und ich heimlich mit einem anderen Pärchen im Hinterzimmer eines Tanzlokals, das seit Jahren zu unseren Stammtreffpunkten gehörte. Jedes Mal, wenn sich die Tür zum Tanzsaal öffnete, drangen die Klänge der Lieder der Beatles, der Temptations und Johnny Mathis’ zu uns herein, und ich dachte daran, wie oft wir da drinnen stundenlang im dicksten Gewühl auf dem mit Sägemehl bestreuten Boden getanzt hatten. Im Hinterzimmer war ich an diesem Abend zum ersten Mal. Die Beleuchtung war schummrig, der Raum hatte etwas Geheimnisvolles. Der goldene Schimmer des Bierkrugs, der in der Mitte des Tisches stand, erinnerte mich an den Glanz einer Kristallkugel.

Ted, ein guter Freund von Chris, und seine Cousine Sarah saßen uns gegenüber. Ich hatte Sarah, deren Schönheit ich immer bewundert hatte, lange nicht gesehen und war fasziniert von der Veränderung, die ich an ihr wahrnahm.

Sie schien mir sehr stark zu sein und zugleich sehr traurig. Knapp zwei Monate zuvor hatte sie ein kleines Mädchen zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben. Seit ich wusste, dass ich schwanger war, wünschte ich, das Kind würde ein Junge werden. Nur ein Junge, glaubte ich, würde die Kraft besitzen, damit fertigzuwerden, dass er von seiner Mutter verlassen worden war. Ich befürchtete, dass eine Tochter das niemals könnte.

Sarah erzählte uns von dem kleinen Heim für ledige Mütter in Richmond, Virginia, in dem sie entbunden hatte. Ich war erleichtert zu hören, dass es eine Alternative zu den Florence-Crittendon-›Fabriken‹ gab, einer Kette von Heimen für ledige Mütter, in denen, wie ich gehört hatte, jeweils bis zu siebzig Frauen untergebracht waren.

Während Sarah erzählte, wischte ich mir verstohlen eine Träne weg. Niemand sollte mich weinen sehen. Chris hielt meine Hand so fest, als hätte er Angst, wir könnten auseinandergerissen werden, und ich starrte in den goldenen Schimmer des Bierkrugs, als könnte er uns irgendeine Wahrheit offenbaren. Ich hoffte, Chris hörte Sarah genau zu; ich selbst nämlich bekam nur Fetzen des Gesprächs mit.

Allein die Bezeichnung ›Heim für ledige Mütter‹ hatte bei mir stets eine Art morbider Faszination hervorgerufen, einen Schauder aus sicherer Distanz, wie er in unserer Gemeinde gut katholischer Familien spürbar wurde, wenn der Geistliche diesen aufrechten, korrekt gekleideten Männern mit ihren tadellos frisierten Ehefrauen, den niedlichen kleinen Töchtern in den schwarzen Lackschuhen und den sommersprossigen kleinen Söhnen die Not der Armen schilderte und Güte und Nächstenliebe predigte. Ich konnte mir das Leben in einem Heim für ledige Mütter so wenig vorstellen, wie diese selbstgerechten Leute den Hunger der Armen nachfühlen konnten, wenn sie ein paar Münzen in den Klingelbeutel warfen.

Unsere Gläser stießen klirrend an den noch zur Hälfte gefüllten Krug, als wir sie niederstellten. Sarah stand auf, um zu gehen, und sah mir einen Moment in die Augen. Ich wünschte, ich hätte lesen können, was ihr Blick mir sagen wollte. Ich blickte zu Chris auf, der wartend neben meinem Stuhl stand. Ich sah die Liebe und die qualvolle Verwirrung, unter der auch er litt. Ich konnte noch immer nicht glauben, dass wir nicht heiraten würden.

Nachdem die Entscheidung gefallen war, wurde ich wieder Kind meiner Eltern. Meine Mutter nahm die Zügel in die Hand und vereinbarte den Termin beim katholischen Sozialdienst, um meine Aufnahme im Seton House, dem Heim, in dem auch Sarah entbunden hatte, zu beantragen. Sie hatte mich an diesem Morgen zu der Besprechung gefahren. Ich war nur Beifahrerin gewesen, nur Zuhörerin bei dem Gespräch.

Nun war alles geklärt. In drei Monaten würde ich in ein Heim für ledige Mütter einziehen. Die Schwester gab meiner Mutter die Hand und versicherte ihr nochmals, wir hätten die richtige Entscheidung getroffen – für das Kind und für mich. Einen Moment lang glaubte ich, meine Mutter würde knicksen und der Schwester dankbar die Hand küssen. Ich selbst war wie betäubt und empfand nichts.

Wie eine Marionette ging ich zum Wagen. Meine Mutter setzte sich ans Steuer und startete den Motor. Wir standen im Schatten einer Weide, dennoch war es im Auto drückend heiß. Sie legte die Hand auf den Schalthebel, doch dann hielt sie inne und wandte sich mir zu.

»Kein Mensch darf von deinem Zustand erfahren«, sagte sie. »Das gilt auch für deine Freundinnen Jessica und Cindy.« Als hätten die beiden auf Kommando alles vergessen können, was sie wussten. Und ich solle in Zukunft Miederhöschen tragen. Dabei war mein Bauch noch ganz flach.

Ich sagte kein Wort. Ich starrte geradeaus in das Grün der Weide, von der wir uns langsam entfernten.

Es war jetzt sehr schwierig für Chris und mich, uns zu sehen; dennoch trafen wir uns, so oft es ging. Immer noch trafen wir uns meistens beim Castle, aber wir hatten ständig Angst, meine Eltern würden davon erfahren.

Ich behielt meinen Ferienjob im Kaufhaus Penney. Eines Tages kam meine Mutter nach Hause und lachte, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie kam mir plötzlich vor wie eine Gleichaltrige. Eine Nachbarin von gegenüber hatte sie am Morgen angehalten, um ihr zu sagen, wie schmal ich auf sie gewirkt hatte, als ich sie bei Penney bedient hatte. Meine A-Linien-Kleider schienen meinen peinlichen Zustand glänzend zu verbergen.

Ich hatte Glück, dass die Mode in diesem Sommer die Taille nicht betonte. Im August war ich zur Hochzeit meiner Cousine Joanie eingeladen; sie hatte mich gebeten, ihre Brautjungfer zu sein. Sobald mein Kleid eintraf, probierte ich es an. Ich begriff erst, unter was für einer Spannung meine Mutter gestanden hatte, als ich den Stoßseufzer der Erleichterung hörte, den sie ausstieß, als das pinkfarbene Chiffonkleid locker über meine Hüften glitt. Wir dankten Gott, dem Allmächtigen, dass es im Empirestil geschnitten war. Dennoch – bis zur Hochzeit war es noch ein ganzer Monat.

Am Morgen vor der Trauung war das Haus meiner Verwandten voller Menschen. Ich war oben beim Anziehen, als meine Mutter heraufkam, um zu sehen, wie weit ich sei. Das Kleid passte wie angegossen, obwohl ich schon im vierten Monat war.

Die Miedergürtel, die sie mir eingepackt hatte, lagen unbenutzt im Koffer. Als meine Mutter das entdeckte, geriet sie völlig außer sich. Trotz ihres Zorns bemüht zu flüstern, befahl sie mir, sie anzuziehen, beide. Viel eher, dachte ich bei mir, würde sie mit ihrem ›Geflüster‹ das Geheimnis verraten als ich, wenn ich die Strumpfgürtel wegließ. Der eine war ein Monstrum, das fast bis zu den Knien hinunterreichte. Da einer der Strapse fehlte, rollte sich das Bein beharrlich auf und schnürte meinen Oberschenkel ein wie eine Aderpresse. Jeder, der mich in Taillenhöhe berührte, musste argwöhnisch werden. Ich war so fest eingepanzert, dass ich kaum atmen konnte in den Dingern. Ebenso gut, fand ich, hätte ich ein scharlachrotes S auf der Brust tragen können. Aber meine Mutter bestand darauf, dass ich mich in die Gummischläuche hineinzwängte, und wich mir nicht mehr von der Seite, bis wir in der Kirche waren.

Flirrendes Licht strömte durch die bunten Glasfenster der Kirche und spielte über uns wie ein Regen von Blütenblättern. Langsam gingen wir den Mittelgang hinauf. Ich war unmittelbar vor Joanie, der Braut. Mir war sehr feierlich zumute. Unter meinem Blumensträußchen ruhte meine Hand leicht auf meinem Bauch. Ich glaubte, Bewegung wahrzunehmen. Ich blickte nach vorn zum Altar und hatte plötzlich die Gewissheit, ganz in Frieden mit Gott zu sein. Ich wusste, dass ich ihm hier, in seiner Kirche, als Joanies Brautjungfer willkommen war. Dennoch stritten Scham und kaum zu unterdrückende Erheiterung in mir, als ich mir vorstellte, wie der Priester und die Hochzeitsgäste reagieren würden, wenn sie die Wahrheit erführen. Ich fragte mich, wie meine Mutter diese Lüge mit ihrem Glauben vereinbart hatte.

Natürlich musste mir beim nachfolgenden Empfang fast jeder zur Begrüßung einmal kurz den Arm um die Taille legen. So schien es mir jedenfalls, und ich war sicher, sie wunderten sich alle, weshalb ich unter einem lose geschnittenen Kleid einen Hüfthalter trug, zumal ich ausgesprochen schlank war. Meine Eltern saßen wie auf Kohlen, während ich mit den jungen Leuten feierte und fleißig tanzte. Ich fand es ganz normal, keineswegs unnatürlich, die Hochzeitsfeier zu genießen, auch wenn mich ab und zu Traurigkeit überfiel, dass es nicht meine eigene war.

Mitte August, keine zwei Wochen später, fing das Semester wieder an. Zu Hause glaubten alle, ich würde ans College zurückkehren. Am College glaubten alle, ich würde ein Semester in Florida studieren. In Wirklichkeit war abgemacht, dass ich nach Charlotte gehen würde, zu Tessa, der Schwester meiner Zimmergenossin vom College.

Die ewigen Lügen, die ständigen Heimlichkeiten zermürbten mich. Der ganze Sommer war eine einzige Lüge. Uneheliche Schwangerschaften waren ein spannendes Gesprächsthema, aber stets wurde nur flüsternd und in Andeutungen über sie geklatscht. Offen besprochen wurde nichts; Heimlichtuerei war einfacher, auch für meine Eltern. Ich fühlte mich nicht als ›außereheliche‹ Sünderin. Ich fühlte mich als werdende Mutter eines Kindes, das ich schon jetzt liebte. Aber ich akzeptierte das Spiel. So waren nun einmal die Regeln.

Voll zu Bewusstsein kam mir die Realität meiner Situation, als sich meine Freunde ringsum gegen Ende des Sommers auf die Rückkehr ans College vorbereiteten, ihre Koffer mit neuen Kleidern und neuen Hoffnungen packten. Die A-Linien-Kleider gerieten aus der Mode und wurden zu Säcken, formlos, mit tiefer Taille und viel Spiel um die Körpermitte. Was die Mode anging, hätte ich mir für mein Dilemma keine bessere Zeit aussuchen können.

Jedem musste ich Freude und gespannte Erwartung auf mein zweites Collegejahr vorspielen. Und meinen Eltern machte ich vor, ich werde mit allem – den Lügen, dem, was mir bevorstand – bestens fertig. Oft fragte ich mich, ob ich langsam verrückt würde. Ich war tieftraurig, aber ich konnte nicht weinen. Ich glaubte, tapfer sein zu müssen. Ich hatte mich der Obhut meiner Eltern und der Kirche anvertraut. Sie wussten, was richtig war. Zweifellos waren sie klüger und erfahrener als ich, eine Neunzehnjährige. Ich schrieb meinen stummen Schmerz meiner eigenen Unvernunft zu. Niemals hätten sie mich all dem ausgesetzt, wenn sie von meinen Qualen gewusst hätten.

Ehe ich nach Charlotte abreiste, musste ich zum Arzt. Meine Mutter begleitete mich nicht. Zwei hochschwangere Frauen saßen in dem kleinen Wartezimmer. Ich ließ die linke Hand in der Tasche, um zu verbergen, dass ich keinen Trauring trug. Ich fühlte mich tief beschämt und gedemütigt, dass ich meine Schwangerschaft verstecken musste. Die beiden Frauen, die sich so offenkundig auf ihre Kinder freuten, schienen förmlich zu strahlen. Und wahrscheinlich ahnten sie gar nicht, wie glücklich sie sich preisen konnten. So wie die eine mir gegenüber an einem Babyjäckchen strickte, so begann ich, an einem Kokon zu weben, in den ich mich langsam zurückzog. Und das war gut so. Bei der Untersuchung behandelte mich der Arzt wie eine Aussätzige. Ich fühlte mich durch seinen Mangel an Teilnahme wie mit Füßen getreten. Sein einziger Kommentar war, dass ich schön dumm gewesen sei, mich in eine solche Lage zu bringen. Es war, als hätte er mich angespien, eine arme Bettlerin an einer staubigen Straße nach Babylon. Und dennoch gab es zu dieser Zeit einen Teil von mir, der ihm das nicht einmal übel nahm.

In Tessas Wohnung ließ ich die Jalousien den ganzen Tag unten. Ich hatte jetzt begonnen, etwas rundlicher zu werden. Tessa war sehr lieb zu mir, wie eine ältere Schwester. Sie war eine alleinstehende, berufstätige Frau, eine Seltenheit damals, als die meisten jungen Mädchen sofort nach Abschluss ihrer Ausbildung heirateten. Mir gefiel es, mit einer selbständigen Frau zusammenzuleben, aber meine Scham fesselte mich an die Wohnung. Ich wollte Tessa nicht in Verlegenheit bringen. Ich brachte die Tage in einer Art Niemandsland zu, meistens vor dem Fernsehapparat.

Immerzu spürte ich jetzt die Bewegungen meines Kindes. Während ich endlose Episoden endloser Fortsetzungsserien verfolgte, wurde es mein Freund, und ich hielt die meiste Zeit die Hand auf meinen Bauch, um die Verbindung aufrechtzuerhalten. Ich war von Kind an kontaktfreudig gewesen und hatte immer irgendetwas vor. Diese Isolierung war beinahe unerträglich für mich.

Ein Wochenende, als Tessa verreist war, unternahm Chris die Acht-Stunden-Fahrt von seinem College nach Charlotte, um mich zu sehen. Je weiter meine Schwangerschaft fortschritt, desto mehr wurde ich zur Frau und desto absurder erschienen mir gewisse Situationen. Weshalb sollte ich ein Geheimnis daraus machen, wenn ich den Vater meines Kindes sah? Und dennoch fühlte ich mich schuldig. Als Chris kam, hatte ich das Gefühl, ihn aus weiter Ferne zu sehen, beinahe als wäre er ein Fremder. Sechs Wochen waren vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Er war in seinem letzten Jahr am College. Sein Leben, so schien es, hatte sich kaum verändert.

Ich wusste nicht, was ich von diesem Wiedersehen mit ihm erwartete, was ich dabei empfand. Keiner von uns hatte in irgendeiner Form Rat oder Hilfe bekommen; was wir dachten und fühlten, damit mussten wir allein fertigwerden. Wir waren wie zwei Kinder, die sich im Wald verlaufen hatten.

Als wir in der Nacht beieinander lagen, legte Chris seine Hand auf meinen Bauch und fühlte unser Kind. Alle Fremdheit zwischen uns war ausgelöscht, die alte Verbindung war wiederhergestellt.

Mitte Oktober kam endlich der Anruf. Im Seton House war ein Platz frei geworden. Ich dachte einen Moment lang an das Mädchen, dessen Stelle ich einnehmen würde, und an ihr Kind, das nun schon von ihr getrennt war. Panik wallte in mir auf, als ich meine Sachen packte. Ich hatte das Gefühl, in ein wildfremdes Land zu reisen, aus dem ich niemals zurückkehren würde.

2

Als ich vier Jahre alt war, hatte ich zugesehen, wie die Sonne funkelnde Lichter auf meine neuen schwarzen Lackschuhe zauberte, und hatte den Wind mein gelbes Kleidchen bauschen lassen, um es herunterschlagen zu können. Wie eine Prinzessin war ich mir vorgekommen mit meinem grünen Strohhut, dessen Samtbänder mit meinem langen blonden Haar um die Wette flatterten. Ich saß vorn im Auto, ganz allein mit Daddy, der mich ins Krankenhaus fuhr, wo mir die Mandeln herausgenommen werden sollten. Dann, erinnere ich mich, lag ich auf dem Operationstisch mit dem Rahmen aus kaltem Stahl, und der Arzt neigte sich über mich und sagte, sobald ich die Spritze bekommen hätte, würden die Mandeln heraus sein. Das erschien selbst mir, mit meinen vier Jahren, unglaubhaft. Als sie mir die Äthermaske über das Gesicht hielten, geriet ich in Panik. Ich wehrte mich und schrie nach meinem Vater. Aber er war nicht da.

Jetzt fuhr Dad mich zum Seton House, aber es war nicht der Wind, der mein Kleid bauschte. Der Spätnachmittagshimmel war von schweren Wolken verdunkelt, als wir die Monument Avenue in Richmond hinunterfuhren. Ich blickte hinauf in die steinernen Gesichter der Helden des Bürgerkriegs und meinte, etwas wie Vorwurf von ihnen zu spüren.

Das Seton House stand in einer der Hauptstraßen, zwischen Bürogebäuden, Wohnhäusern und einem Einkaufszentrum. Ausladende Bäume beschatteten seine Fassade, aber mir war es dennoch nicht versteckt genug. Sahen vorüberkommende Autofahrer es mit morbider Neugier an?, fragte ich mich. Drückten sich Kinder ins Gebüsch, um einen heimlichen Blick zu riskieren? War es für Teenager Zielscheibe von Gelächter und übermütigen Streichen? Und kam es auch einmal vor, dass ein junges Mädchen in stummer Teilnahme auf dem Rücksitz saß, während ihre Freunde aus dem Auto johlten?

Ich fragte mich, ob Eltern, wenn sie hier vorbeifuhren, in stummem Gebet darum baten, dass ihren Töchtern und ihnen dieser Schmerz und diese Demütigung erspart bleiben mögen. Oder ein lautes Dankgebet sprachen, dass ihre Töchter es geschafft hatten und auf dem besten Weg waren, die Träume ihrer Eltern zu erfüllen. Ich konnte es noch immer nicht glauben, dass ich in einem solchen Haus leben würde. Ich konnte nicht glauben, dass mein Vater wirklich davonfahren und mich dort zurücklassen würde. Aber er tat es, auch wenn es ihm, dessen bin ich sicher, fast das Herz zerriss.

Es war nur noch Zeit für einen kurzen Rundgang. In einer halben Stunde gab es Abendessen. Schwester Beatrice bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen. Mit klopfendem Herzen trottete ich ihr hinterher, in der Hand mein Köfferchen. Hier würde ich nicht viel brauchen.

Graues Licht von einem bewölkten Himmel sickerte in das Foyer. Links von der Eingangstür war das Büro der Mutter Oberin. Dort wurden die Mädchen angemeldet, und dort holten, wie man mir sagte, die Adoptiveltern ihre Kinder ab. Für sie, dachte ich bitter, wird sicher die Sonne scheinen.

Ich versuchte, die Eindrücke nicht zu tief in mich eindringen zu lassen; ich wollte mich und mein Kind schützen. Aber unglücklicherweise nahm ich alles um mich herum nur allzu deutlich wahr.

Hinter dem Büro der Mutter Oberin war der Speisesaal und rechts von der Haustür die Kapelle. Ich warf einen Blick hinein. Es war dunkel und roch schwach nach Weihrauch. Die Zimmer der Mädchen befanden sich alle im selben Korridor eines Seitenflügels. Es gab zwei große Gemeinschaftswaschräume mit mehreren Duschkabinen, eine Waschküche und eine Telefonzelle. Am Ende des Flurs, hinter einer zweiflügligen Tür, war ein großer Fernseh- und Freizeitraum. Sessel reihten sich an den Wänden, in einer Ecke stand ein großer runder Tisch. Auf dem Rückweg erzählte mir die Schwester, dass sich die Räume der Nonnen im linken Flügel befänden.

Stumm folgte ich der zierlichen Gestalt. Der dunkle Stoff ihrer Tracht raschelte in der Stille. Die Holzperlen ihres Rosenkranzes schlugen klappernd den Takt zu ihrem ruhigen, sicheren Schritt. Sie begann, mir die Hausregeln aufzusagen: Herumrennen in den Gängen war verboten. In den Fernsehraum durften wir erst nach dem Mittagessen. Die Messe fand jeden Morgen um acht Uhr statt. Der Arzt kam Donnerstag abends. Samstag war Wäsche- und Putztag. Wir mussten bei allen Mahlzeiten präsent sein.

Zum Schluss kam die wichtigste Regel: Keine von uns durfte den anderen irgendwelche Auskünfte über sich selbst geben. Wir mussten verschweigen, wie wir mit Nachnamen hießen, woher wir kamen, welche Schule wir besucht hatten. Jeder Verstoß gegen diese Regel würde zum sofortigen Ausschluss aus dem Seton House führen. (Brachten sie es tatsächlich fertig, ein schwangeres junges Mädchen einfach auf die Straße zu setzen?) Wenn wir wollten, konnten wir uns einen Namen oder Spitznamen ausdenken.

Das fand ich spannend. Seit der sechsten Klasse hatte ich nicht mehr daran gedacht, meinen Namen zu ändern. Hier bot sich Gelegenheit, eine ganz neue Person aus mir zu machen. Ich hatte vor dem Abendessen noch fünf Minuten Zeit, mir einen neuen Namen auszudenken. Dann sollte ich den anderen Mädchen vorgestellt werden.

Die Schwester führte mich in ein schlichtes Zimmer in Grün- und Brauntönen. Über beiden Betten hing ein Kruzifix. Meine Zimmergenossin erwartete mich. Sie war ein zierliches Mädchen mit langem braunen Haar, das ihr fast bis zur Taille herabhing. Ihr Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck. Ihr Bett war das unter dem Fenster. Als ich hörte, dass ihr Entbindungstermin nach dem meinen lag, gab ich gleich die Hoffnung auf, je an dieses Bett heranzukommen. Sie sagte mir, sie heiße Anne-Marie. Es hätte mich interessiert, ob das ihr richtiger Name war.

Die Schwester war an der offenen Tür stehen geblieben. Ihre Haut war so dünn wie Pergament; durchsichtig und fahl. Ein Gesicht wie das einer Toten. Als wir mit ihr durch den Korridor gingen, fragte sie mich, ob mir schon ein neuer Name eingefallen sei. Aber ich hatte keine Idee gehabt; ich war enttäuscht über meine Phantasielosigkeit. Wenn es mir möglich gewesen wäre, gleich in diesem Moment ein neues Selbst für mich zu erschaffen, hätte ich vielleicht auch die Kraft bekommen, um mein Kind zu kämpfen. Aber ich brachte nicht mehr fertig, als in Passivität und Schuldbewusstsein alles zu akzeptieren, was mir befohlen wurde.

Während ich durch den langen Korridor zum Speisesaal ging, berührte ich meinen wachsenden Bauch. Meine Liebe strömte durch meine Hände zu meinem Kind. So seltsam es war, ich hatte auf einmal das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Ich konnte all die Muskeln, die ich verkrampft hatte, um mein schreckliches Geheimnis zu verbergen, endlich entspannen. Ich konnte sein, was ich war – eine werdende Mutter. Ein Friede hüllte mich ein, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Und doch war ich auf dem Weg zum Speisesaal auch voller Furcht und Zaghaftigkeit. Auch ich hatte meine Vorurteile über ›ledige Mütter‹, obwohl ich selbst eine war. Ich fürchtete, die Mädchen im Speisesaal würden nicht viel besser sein als jugendliche Kriminelle. Ganz bestimmt waren sie dick geschminkt, mit schwarz umrandeten Augen, wie ägyptische Huren. Ganz bestimmt hatten sie das Make-up zentimeterdick über ihre Pickel geschmiert und ihr gebleichtes Haar zu riesigen Aufbauten hochtoupiert, die schon seit zwei Wochen keinen Kamm mehr gesehen hatten. Und ganz bestimmt kauten sie alle Kaugummi und empfingen mich mit geringschätzigem Spottgelächter, wenn ich vorgestellt wurde.

Oder aber es waren lauter dumme Landpomeranzen mit Kuhaugen und strähnigem mausbraunen Haar. Ihre Freunde fuhren in klapprigen alten Lieferwagen mit Gewehren im Rückfenster herum, und sie wussten wahrscheinlich nicht einmal mit Sicherheit, wer der Vater ihres Kindes war. Ihre Blicke würde meinem ausweichen, wenn ich vorgestellt wurde. Vielleicht waren es aber auch lauter Motorradbräute in schwarzem Leder mit Silbernägeln und mit schwarzgefärbtem Haar. Sie würden mich von oben bis unten mustern und alle in hysterisches Gelächter ausbrechen, ehe sie sich von mir abwandten.

Die Hitze aus der benachbarten Küche schlug mir entgegen, als ich die Tür zum Speisesaal öffnete. Neonröhren an der Decke tauchten den Raum in helles Licht. Stimmengewirr mischte sich mit dem Klirren von Besteck und dem Klappern von Töpfen und Pfannen in der Küche. Mit einem Schlag wurde es still, als ich kurz mit meinem Vornamen vorgestellt wurde.

Die Gesichter, die sich mir zugewandt hatten, erschienen mir alle ziemlich normal. Ich hätte in unserer Collegekantine stehen können, wären nicht die dicken Bäuche gewesen. Schüchtern setzte ich mich neben meine Zimmergenossin, und sie machte mich mit den anderen an unserem Ende des Tisches bekannt – natürlich nur mit Vornamen. Sofort wurde ich in allen Einzelheiten über die Schwestern und das tägliche Leben im Seton Haus informiert. Aber wir achteten alle sorgfältig darauf, nichts zu sagen, was unsere Identität verraten hätte. Es war merkwürdig und hatte etwas Künstliches, zu versuchen, unter diesen Gegebenheiten miteinander bekannt zu werden. Das jüngste Mädchen war fünfzehn, das älteste dreiundzwanzig Jahre alt. Die meisten waren neunzehn oder zwanzig.

Sechs der Mädchen hatten für den kommenden Samstag einen Ausflug ins Café und danach in das Einkaufszentrum geplant. Zum Mittagessen sollte es den größten Eisbecher mit heißer Schokoladensoße geben, den man im Café bekommen konnte. (Ich stellte bald fest, dass im Seton House streng auf gesunde Ernährung geachtet wurde. Weder Kuchen noch Süßigkeiten waren erlaubt. Und natürlich auch keine sauren Gurken.)

Der Ausflug sollte Cathleen zu Ehren stattfinden. Sie erwartete ihr Kind in zwei Wochen, und dies war für sie die letzte Gelegenheit zu einem größeren Ausgang. Danach durfte sie das Gelände nicht mehr verlassen. Das war so Vorschrift.

Cathleen, die mir am Resopaltisch gegenübersaß, sah aus wie Mutter Erde persönlich. Sie hatte sonnenhelles Haar, und ihr hübsches Gesicht strahlte Heiterkeit und Wärme aus. Mit ihrer Fröhlichkeit hielt sie alle bei guter Laune, und ich konnte mir vorstellen, dass Kinder auf sie fliegen würden. Mit den Mädchen, die sie kannte, ging sie sehr liebevoll um, aber sie machte keinen Versuch, mir näher zu kommen. Vielleicht wollte sie sich nicht auf neue Bindungen einlassen, da sie das Haus ja bald verlassen würde. Ich konnte Schmerz in ihren Augen sehen, aber sie behielt ihre Geschichte für sich. Vielleicht musste sie, wenn sie mich sah, an sich selbst denken, wie sie drei Monate zuvor hier angekommen war.

Obwohl dies eine ziemlich fest gefügte kleine Gruppe war, forderten mich die Mädchen auf, am Samstag mitzukommen. Aber dazu brauchte ich erst eine Sondererlaubnis. Die Vorschriften gestatteten im Allgemeinen nicht, dass ein Neuankömmling in den ersten vier Tagen das Gelände verließ.

In der Waschküche war es so heiß und feucht wie in einem Treibhaus, und ich öffnete die Außentür, um frische Luft hereinzulassen. Ich war die letzte beim Wäschewaschen. Anne-Marie war ziemlich sauer, weil wir den Vorschriften gemäß samstags erst dann frei über unsere Zeit verfügen durften, wenn auch die Zimmergenossin alle ihre Arbeiten erledigt hatte. Da ich mit dem System noch nicht vertraut war, stand ich nun ganz allein in der Waschküche, während alle anderen mit ihrer Wäsche längst fertig waren. Und Anne-Marie saß völlig frustriert in unserem Zimmer und musste auf mich warten. Der Samstag war nicht nur der allgemeine Waschtag, es war auch der Tag, an dem die Zimmer inspiziert wurden, das hieß, dass wir alle unsere Schränke und Schubladen ordentlich aufräumen mussten. Zusätzlich hatte jede von uns eine größere Hausarbeit zu erledigen. Ich musste den Linoleumbelag in dem langen Flur zwischen Foyer und Kapelle wischen und bohnern. Das allein schien den größten Teil des Vormittags in Anspruch zu nehmen.

Die Mädchen warteten auf mich, obwohl ich spät dran war. Wir trafen uns im Foyer. Als alle da waren, stieß eine von uns die große Tür zur Welt hinaus auf. Obwohl ich erst zwei Tage im Seton House war, traf mich die Berührung mit der Außenwelt wie ein Schock. Das helle Sonnenlicht blendete mich einen Moment lang. Der Autoverkehr, die Hektik eines geschäftigen Samstagnachmittags überwältigten mich fast. Wie hatte ich in so kurzer Zeit vergessen können, wie es war?

Wir nahmen uns aus wie eine Gänseschar, wie wir da den Bürgersteig entlangwatschelten. Ich versuchte, die Sache positiv zu sehen und mich nicht unterkriegen zu lassen, während ich das Gefühl hatte, dass jedermann sich nach uns umdrehte. Als wir das Café betraten, hätte ich mich am liebsten gedrückt und wäre draußen geblieben. Natürlich war nur ganz hinten noch etwas frei. Unter Entschuldigungen schlängelten wir uns im Gänsemarsch zwischen den Tischen auf der linken und dem Tresen auf der rechten Seite durch. Einige der Mädchen waren bereits sehr dick, und die Leute mussten aufstehen und ihre Stühle zur Seite schieben, um uns Platz zu machen. Wir trugen alle die Eheringe, die für solche Ausflüge ausgegeben wurden, aber ich glaube nicht, dass wir irgendjemanden täuschten. Die meisten Blicke jedoch, die uns auf unserem Weg begleiteten, waren freundlich.

Halb war mir elend, halb hätte ich mich ausschütten können vor hysterischem Gelächter. Die anderen marschierten durch das Lokal, als gehöre ihnen der ganze Laden, und das war sicher das einzig Richtige. Aber ich schaffte das nicht. Die Eisbecher mit heißer Schokoladensoße waren gigantisch, aber mir machte das alles keinen Spaß.

Nach den Eisbechern erst richtig schwerfällig, watschelten wir weiter zum Einkaufszentrum in der Nähe. Einige der Mädchen wollten Wolle kaufen, um ihren Kindern etwas zu stricken. Die Jäckchen und Pullis, sagte Cathleen, würden allerdings aus naheliegenden Gründen nicht unseren eigenen Kindern mitgegeben werden, sondern anderen. Was meinte sie mit ›naheliegenden Gründen‹? Ich berührte die scharfen Spitzen der Stricknadeln und spielte mit der weichen Wolle, während ich mir vorzustellen versuchte, wie ich die Farbe wählte, rosa, blau oder gelb, um einen Pulli, ein Mützchen oder eine Decke zu stricken. Ich wünschte mir, ich könnte etwas stricken. Aber dazu war ich nicht in der Lage. Die Mädchen, die das schafften, waren in meinen Augen Heilige. Ich fragte mich, ob mein Kind es einmal erfahren und Schwierigkeiten haben würde, mir meinen Egoismus zu verzeihen. Ich konnte nicht für ein anderes Kind stricken, wenn ich mein eigenes nicht behalten durfte. Es empörte mich, dass wir unseren Kindern nicht einmal etwas mitgeben durften.

Ich kaufte ein Glas Gewürzgurken und versteckte es unter meine Matratze, als wir zurückkamen. Erschöpft und ausgelaugt legte ich mich auf mein Bett und wartete auf das Abendessen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich noch einmal so einen Ausflug unternehmen würde. Es war zu demütigend.

Schon drei Tage nach meiner Ankunft fing mein Bauch an, sich zu weiten wie nach einem schweren Seufzer. Mein Körper hatte mir brav geholfen, das Geheimnis zu bewahren, aber nun wollte er die Freude am Wachstum neuen Lebens genießen. Ich hätte gern gewusst, wie die Nonnen tief in ihrem Inneren zu uns standen. Wir waren so eklatante Sünderinnen und doch so schön und voller Leben. Waren wir eine Herausforderung an ihre Keuschheitsgelübde?

Die Tage vergingen in stumpfsinnigem Einerlei. Noch drei solche Monate, das war unvorstellbar. Frühstück gab es morgens um halb acht. Wir mussten alle da sein, vorher unsere Betten gemacht und geduscht haben. Die Vormittage brachten wir mit Briefeschreiben, Lesen oder Lernen herum. Nach dem Mittagessen versammelte sich alles im Fernsehraum. Den ganzen Nachmittag sahen wir uns eine Fernsehserie nach der anderen an, als hätte unser eigenes Leben nicht Dramatik genug. Julie, in Days of Our Lives, hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht. Die Handlung kreiste um die Frage, wer das Kind großziehen würde. Wir waren alle völlig gefangen genommen von ihrer Geschichte, Beweis genug für unsere Fähigkeit zu verleugnen.

Der Höhepunkt des Tages war das Abendessen, weil da die Post verteilt wurde. Schwester Agatha war sehr vorsichtig beim Austeilen und achtete darauf, dass keine von uns die Namen auf den Briefumschlägen lesen und sich so Informationen über die anderen beschaffen konnte. Schlimm war es, wenn ein erwarteter Brief nicht eintraf.

Chris schrieb mir jeden Tag, meine Mutter, Jessica, Cindy und Blair schrieben mehrmals in der Woche. Meine Mutter schrieb, dass sie jeden Tag zum Briefkasten stürzte, um als Erste dort zu sein; meine Geschwister Bob, Janice und Ellen durften nicht sehen, dass die Briefe mit den Beschreibungen meiner Erlebnisse im College und des lustigen Lebens, das ich führte, in Richmond abgestempelt waren.

Eines Nachts, zwei Wochen nach meiner Ankunft, weckten mich das Klappern hölzerner Rosenkranzperlen und das Rascheln der Trachten der Schwestern, die an meiner geschlossenen Tür vorbei den dunklen Korridor hinuntereilten. Ich bekam eine Gänsehaut. Mit aufgerissenen Augen starrte ich in die Finsternis, die vor Spannung zu knistern schien. Cathleen lag in den Wehen.

Zweifellos waren alle wach und lauschten mit angehaltenem Atem. Aber nur die Zimmergenossin durfte einem Mädchen, das in den Wehen lag, beistehen, selbst wenn andere ihm vielleicht näherstanden.

Das Stimmengemurmel hatte etwas sehr Geheimnisvolles. Ich schlich mich vorsichtig über den Flur in den Waschraum. Durch den Spalt unter Cathleens Zimmertür schimmerte Licht. Ich stellte mir vor, wie die Schwestern sich jetzt um sie bemühten. Erst war ich voller Ehrfurcht, dann voller Angst.

Kurze Zeit später wurde eine Tür geöffnet. Gedämpfte Stimmen und leise Schritte verklangen im Korridor. Als die Tür zu Cathleens Zimmer versehentlich mit lautem Knall hinter der kleinen Menschengruppe zufiel, war mir, als würde Cathleen zur Hinrichtung geführt. Zweimal setzte das Schlurfen ihrer Hausschuhe aus, als sie stehen blieb, um den Schmerz über sich hinweggehen zu lassen. Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu.

Beim Frühstück hörten wir, dass sie noch immer in den Wehen lag. Mit der Geburt des Kindes wurde nicht vor dem Nachmittag gerechnet. Die Kontraktionen waren offenbar lang und schmerzhaft, doch der Abstand zwischen ihnen war noch groß, und der Muttermund hatte sich erst wenig geweitet. Ich glaube, auf diese oder jene Weise waren wir innerlich alle bei ihr. Wir waren jedenfalls den ganzen Tag über zerstreut und in Gedanken versunken.

Als wir zum Mittagessen wieder im Speisesaal zusammenkamen, gab es keine Neuigkeiten. Noch immer keine Fortschritte. Also setzten wir uns wieder in den Fernsehraum und sahen uns die Fernsehserien an.

Beim Abendessen hatte sich noch immer nicht viel verändert. Wir hatten alle Angst um Cathleen und um uns selbst. Ich bekam einen Brief von Chris. Er tröstete mich und dämpfte ein wenig das Gefühl des Verlassenseins. Aber auch Zorn begann in mir aufzusteigen über den krassen Unterschied in unseren Lebenssituationen. Als ich seinen Brief in die Tasche meines braunen Kordhemds schob, stopfte ich den Zorn mit hinunter. Ich wollte dem Groll, den ich empfand, nicht ins Auge sehen.

Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer kam ich an der Kapelle vorüber und ging hinein. Leise schob ich mich in eine der hinteren Kirchenbänke. Die Nonnen, die mit gesenkten Köpfen das Abendgebet sprachen, erschienen unnahbar. Mit wem konnte ich sprechen? Ich mochte Schwester Bartholomew, die unsere Mahlzeiten kochte. Sie war gutmütig und besaß eine Herzlichkeit, die in wohltuendem Gegensatz zur steifen Zurückhaltung der übrigen Nonnen stand. Vielleicht, sagte ich mir, hatten die Barmherzigen Schwestern gerade ihre strengsten Nonnen ins Seton House abgeordnet, um unsere offensichtlich allzu heftige Leidenschaftlichkeit zu dämpfen. Schwester Bartholomew konnte sich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ihr freundliches Wesen angesichts ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ich werde dich finden, mein Sohn" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen