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Ich weiss immer wo Du bist

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Eins
  7. Zwei
  8. Drei
  9. Vier
  10. Fünf
  11. Sechs
  12. Sieben
  13. Acht
  14. Neun
  15. Zehn
  16. Elf
  17. Zwölf
  18. Dreizehn
  19. Vierzehn
  20. Fünfzehn
  21. Sechzehn
  22. Siebzehn
  23. Achtzehn
  24. Neunzehn
  25. Zwanzig
  26. Einundzwanzig
  27. Zweiundzwanzig
  28. Dreiundzwanzig
  29. Vierundzwanzig
  30. Fünfundzwanzig
  31. Sechsundzwanzig
  32. Siebenundzwanzig
  33. Achtundzwanzig
  34. Neunundzwanzig
  35. Dreissig
  36. Einunddreissig
  37. Zweiunddreissig
  38. Dreiunddreissig
  39. Vierunddreissig
  40. Fünfunddreissig
  41. Sechsunddreissig
  42. Siebenunddreissig
  43. Achtunddreissig
  44. Neununddreissig
  45. Vierzig
  46. Einundvierzig
  47. Zweiundvierzig
  48. Dreiundvierzig
  49. Vierundvierzig
  50. Danksagung der Autorin

Über die Autorin

Jane Hill wurde in Portsmouth geboren. Sie arbeitete mehr als 20 Jahre für den Rundfunk, zunächst als Journalistin und Moderatorin, später als Programmdirektorin eines vielfach ausgezeichneten Radiosenders, bevor sie sich als Autorin von Thrillern und Stand-up-Comedian einen Namen machte.

PROLOG

Mit achtzehn habe ich einen Mann umgebracht, aber ich bin davongekommen.

Bis heute habe ich diese Worte noch nie laut ausgesprochen. Und ich habe auch nie geglaubt, dass ich das je tun müsste. Doch nun ist es so weit. Die Falle ist zugeschnappt. Und sehr bald werde ich gezwungen sein, es dir zu gestehen.

Ich sitze auf einer Bank in den Princes Street Gardens von Edinburgh und warte, dass du kommst und alles wieder in Ordnung bringst. Es ist Ende August und jetzt, am frühen Morgen, bereits herbstlich kühl. Hin und wieder nieselt es leicht, der Himmel ist vollständig grau. Meine Jacke – meine Lieblingsjacke aus grünem Samt – eignet sich nicht für dieses Wetter. Trotzdem trage ich sie schon die ganze Nacht. Weil ich friere, hülle ich mich tiefer darin ein und schließe die silbernen Knöpfe.

Über mir erhebt sich die Altstadt von Edinburgh wie ein Bild aus einem Märchenbuch, einem alten Buch aus der Zeit, als man sich noch nichts dabei dachte, Kindern mit Geschichten Angst einzujagen. Große, bucklige ebenso wie spitze graue Gebäude schmiegen sich an die Burg des bösen Riesen. Eine Stadt wie einem Albtraum entsprungen; eine Stadt der Geister, Kobolde und Hexen, mit dunklen Gassen, in denen es spukt und alle nur zu flüstern wagen. Hinaufzublicken macht mich schwindlig, und ich fühle mich, als ob ich auf einem Besen oder den Schwingen einer Fledermaus davonflöge.

Ich sehe vermutlich wie ein Zombie aus. Vielleicht gelange ich ja allmählich an einen Punkt jenseits der Angst. Letzte Nacht hatte ich so gut wie gar keinen Schlaf. Die meiste Zeit bin ich gerannt und habe mich versteckt: davongerannt und versteckt vor Schatten und Schemen, davongerannt und versteckt vor einem Unbekannten, der mich töten will. Seit dem frühen Morgen schleiche ich durch die Stadt und suche nach einem ruhigen Ort, an dem ich mich verbergen kann, um auszuruhen und nachzudenken. Und nun verstecke ich mich in aller Öffentlichkeit; ich hocke hier mit meinem Telefon in der Hand, raffe all meinen Mut zusammen, um dich anzurufen, und wünsche mir, dass du alles wieder in Ordnung bringst.

Aber das kannst du gar nicht. Nichts wird je wieder in Ordnung kommen, denn heute muss ich dir sagen, was ich niemals laut aussprechen wollte: Mit achtzehn habe ich einen Mann umgebracht, aber ich bin davongekommen.

Ich schaue auf mein Telefon, sehe deinen Namen und deine Nummer auf dem Display. Mir wird warm ums Herz, wenn ich deinen Namen sehe, wenn ich an unsere Freundschaft denke und wie viel sie mir bedeutet! Eigentlich wollte ich mich mit niemandem einlassen. Den Menschen, die ich liebe, stoßen schreckliche Dinge zu. Und auch unsere Freundschaft wird bald enden. Wie könntest du mich weiterhin lieben (und ich weiß, dass du mich liebst), nach dem, was ich dir erzählen muss?

Bevor ich dich anrufe, bevor ich dir mein furchtbares Geheimnis enthülle, in der Vorgeständnisphase sozusagen, greife ich tief in die Gesäßtasche meiner Jeans und ziehe den Zettel hervor, den ich seit gestern Abend mit mir herumtrage. Mit zitternder Hand streiche ich ihn glatt. Das Papier ist blutig, blutig von meinen Fingern. Und noch einmal lese ich, was dort steht:

»Du mörderische Schlampe. Jetzt weißt du, wie es sich anfühlt.«

EINS

Da war er wieder, mein eigener, ganz persönlicher Geist. Aus dem Augenwinkel konnte ich ihn sehen. Mein Privatgeist saß in einer Raststätte am Tisch und trank Kaffee. Er war da, links von mir und ein Stück weiter vorn. Hätte ich mich ihm zugewandt, um ihn direkt anzusehen, wäre er wahrscheinlich spurlos verschwunden, als hätte er nie existiert. Aber das wollte ich in dieser Nacht nicht riskieren. Ich wollte nicht hinsehen, denn ich wusste ja auch so, dass er dort saß, die Hände um einen Kaffeebecher gelegt, und mich mit dem vertrauten Zwinkern angrinste. Mein persönlicher Geist: der Mann, den ich umgebracht habe. Ich sah ihn nicht zum ersten und gewiss auch nicht zum letzten Mal.

Leicester Forest East Services war ein seltsamer Ort, um einen Geist zu sehen. Es ist eine dieser altmodischen Raststätten, die als Brücke quer über die Autobahn gebaut wurden, in diesem Fall über die M1. Hier musste man genau wissen, wo man war und wo man hinwollte, denn wenn man die Orientierung verlor und die falsche Treppe nach unten nahm, konnte man glatt in Panik geraten, weil man seinen Wagen nicht wiederfand. Allzu leicht passierte es einem, dass man versehentlich in nördlicher Richtung landete, obwohl man auf der anderen Seite parkte, die nach Süden führte. An der Raststätte gab es ein Burger King, ein Kentucky Fried Chicken und ein Coffee Primo, aber spätabends, und ich war manchmal erst sehr spätabends dort, bekam man nur noch an der Selbstbedienungstheke hinten im Restaurant warmes Essen. Für gewöhnlich lag dort ein einzelnes gekrümmtes graues Cumberland-Würstchen auf einer Edelstahlplatte unter der Warmhaltelampe und allenfalls noch der Rest von einem Hühnchen-Curry oder eine letzte Peperoni-Pizza.

Ich war am Wochenende bei meiner Schwester gewesen und befand mich auf dem Rückweg. Der Anlass meines Besuchs war mein fünfunddreißigster Geburtstag, der ein paar Tage zurücklag und den wir nachfeiern wollten. Meine Schwester Sarah war vier Jahre älter als ich, und mir gefiel ihr Haus ebenso wie die Art, wie sie lebte. Ich war sogar ein wenig neidisch. Sarah wohnte in Sheffield, viel weiter nördlich, als sich irgendjemand aus unserer Familie je vorgewagt hatte. Sie bewohnte ein rotes Backsteinreihenhaus mit drei Schlafräumen, restaurierten Dielenböden und echten Kaminen. Ihre Küche war klein, und der Kühlschrank über und über voller Fotos und Postkarten, die mit Magneten an der Tür hafteten. Jedes Mal, wenn man den Kühlschrank aufmachte, segelte ein Foto oder eine Karte auf den Fußboden. Das Haus lag oben auf einer steilen Anhöhe. Aus den Vorderfenstern konnte man in der Ferne den Peak District sehen, allerdings nur, wenn man ganz genau hinschaute. Nach hinten raus blickte man auf unansehnliche graue Industrieschornsteine und die M1. Sarah wohnte allein mit ihren Kindern, Josh und Katie, beide recht helle und liebenswerte Teenager. Ihr Ehemann hatte sie vor sechs Jahren wegen einer anderen Frau verlassen. Oder vielleicht hatte Sarah ihn auch rausgeworfen, nachdem sie entdeckt hatte, dass er sie betrog. Die Geschichte variierte je nachdem, wie viel Wein Sarah intus hatte. Jedenfalls kam sie bestens ohne ihn zurecht.

Ich war am späten Freitagabend bei ihr angekommen, und kaum hatten wir uns zur Begrüßung auf die Wange geküsst, schaute ich sie mir genauer an. Ich wollte wissen, was diesmal anders war. Sarah sah immer anders aus, wenn ich sie traf, aber es kann auch sein, dass es mir bloß so erschien, weil wir uns nur wenige Male im Jahr sehen. Dann war sie entweder einige Pfund leichter, hatte einen neuen Haarschnitt oder ein anderes Make-up. Gestern war es die Haarfarbe – blond mit goldenen Strähnchen. »Du siehst toll aus«, sagte ich wie immer.

Sie lachte. »Und du siehst … wie immer aus.« Auch das sagte sie stets und jedes Mal zu Recht. Ich hatte meinen Stil längst gefunden: schlicht und unauffällig. Und ich hatte fest vor, dabei zu bleiben.

Später saßen wir auf ihrer winzigen Terrasse, tranken gekühlten Cava-Sekt und genossen es, dass es plötzlich warm geworden war. Währenddessen wurde es dunkel, und die Lastwagen auf der Autobahn schalteten die Scheinwerfer ein. Wir redeten über Familienkram: wie sehr unsere Eltern ihren Ruhestand auskosteten und ob unsere jüngere Schwester Jem jemals erwachsen werden und aufhören würde, sich Tattoos stechen zu lassen. Natürlich sprachen wir auch über Sarahs Kinder, über Katie, die ihre Fächer für die Abschlussprüfungen wählen musste, und über Josh, der gerade an seiner Bewerbung für die Uni feilte. Am nächsten Morgen fuhren wir alle gemeinsam zum Einkaufen ins Meadowhall-Einkaufszentrum und aßen auf dem Rückweg in einem Kentucky Fried Chicken. Abends baute Josh hinten im Garten den Grill auf, und wir futterten verkohlte Würstchen und Salat. Es war nett. Solange es dauerte.

Samstagabend. Ich war auf dem Heimweg, und es war erst Samstagabend. Eigentlich hatte ich geplant, bis Sonntagnachmittag bei Sarah zu bleiben. Aber es war immer noch Samstagabend, und ich war bereits auf dem Weg nach Hause. Ich bin einfach abgefahren. So was tat ich nun mal, sogar ziemlich häufig. Ich machte mich einfach auf und davon, vor allem von meiner Familie. Nicht aufgrund von Streit oder Meinungsverschiedenheiten oder so etwas. Nein, irgendwann wurde es mir einfach zu viel, wenn die Unterhaltung Themen berührte, über die ich nicht sprechen wollte. Dann hatte ich auf einmal das Gefühl, ich müsse mich aus dem Staub machen, ehe es für mich brenzlig wurde. Und in diesem Fall? Wir hatten alle im Garten gesessen, als meine Schwester zu Josh gesagt hatte: »Frag Tante Lizzie doch mal genauer nach ihrem Brückenjahr!«

Sarah nannte mich nach wie vor Lizzie. Sie und ihre Kinder waren praktisch die Einzigen, die mich noch so anredeten. Als ich mit achtzehn nach der Rückkehr von meinem Sommeraufenthalt in Amerika zu Hause verkündete, dass ich von nun an »Beth« heiße, war Sarah bereits verheiratet und ausgezogen.

»Ich hatte kein Brückenjahr«, sagte ich schroff, in der Hoffnung, sie damit von dem Thema wieder abzubringen.

»Doch, hattest du. Du warst in San Francisco.« Es wurmt Sarah bis heute, dass ihre Patentante mich zu sich nach Kalifornien eingeladen hatte und nicht sie.

»Ich war nur einen Sommer lang weg. Das ist kein Brückenjahr.«

Sarah stieß einen verächtlichen Laut aus, der so viel wie »meinetwegen« bedeutete. Dann sagte sie zu Josh: »Deine Tante Lizzie ist gleich nach der Schule nach San Francisco abgeschwirrt, und als sie wiederkam, war sie erwachsen geworden.«

So wollte es die Familienlegende. Natürlich konnte ich ihr damals wie heute nicht sagen, was wirklich geschehen war und warum die laute, kontaktfreudige, schrille und ganz um sich selbst kreisende Lizzie nach Kalifornien ausgezogen und als eine ernste, stille Frau namens Beth zurückgekehrt war.

Josh wollte mehr wissen, also fuhr ich ab. Ich fühlte, wie ich in die typische Stimmung verfiel, kannte ich sie doch zu gut. Das Jucken begann, zunächst an Händen und Füßen, und ich wollte am liebsten schreien und alles herauslassen. Nicht gleich, sonst wäre es zu offensichtlich gewesen, aber ein wenig später, als eine kurze Gesprächspause eintrat, sagte ich: »Hör zu, Saz …«

»Lizzie, nein …«

»Was meinst du?«

»Du willst es schon wieder tun, stimmt’s? Das, was du immer tust. Du erzählst mir, du musst noch haufenweise Arbeiten korrigieren und deshalb früher nach Hause.«

»Ja, muss ich auch.« Korrigieren war eine sehr nützliche Ausrede. Schließlich wusste jeder, dass Lehrer viel zu korrigieren hatten, und zugleich klang es derart öde, dass keiner Fragen stellte. Folglich war ich nicht gezwungen, präziser zu werden und mich womöglich in Lügen zu verstricken.

»Tja, dann verpiss dich!« Sie scherzte, dabei sah ich ihr an, dass sie beleidigt war.

An der Tür umarmte sie mich. »Du bist echt komisch«, sagte sie.

»Ich weiß. Entschuldige.« Ich hasste mich selbst dafür, dass ich davonrannte.

Und so kam es, dass ich da saß, an einem Tisch mit Blick auf die M1 in nördlicher Richtung. Ich betrachtete die weißen und roten Lichter der Autos, bis sie zu einem abstrakten Muster verschwammen, und knabberte dabei an den gummiartigen Peperonistückchen und dem Fäden ziehenden Käse meiner Pizza. Dazu trank ich eine Dose Red Bull und versuchte, mir einzubilden, ich wäre irgendwo – ganz gleich wo –, nur nicht hier. Und dann sah ich ihn.

Erst war er nicht da, und auf einmal war er’s, genauso stämmig, dunkel und lebhaft, wie er stets gewesen war, als er noch lebte. Er saß im Raucherbereich, gleich unter dem großen Fernseher, in dem gerade die »News 24« der BBC liefen. Soweit ich aus dem linken Augenwinkel sehen konnte, hatte er das Kinn auf die rechte Faust gestützt und schaute direkt zu mir, ein mattes Lächeln auf dem Gesicht. Ich spürte seinen Blick, und ich wusste, dass das kleine Grübchen rechts von seinem Mund zuckte. Das hatte es immer getan, wenn er zu wissen glaubte, was ich dachte. Rivers Carillo, der Mann, den ich umgebracht habe. Warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen?

Ich ignorierte ihn, so gut ich konnte, bemüht, mich auf meine Pizza zu konzentrieren. Mit der rechten Hand pickte ich die Peperonistücke auf, während ich die linke an meine Schläfe hielt, um Rivers Carillo auszublenden. Gleich würde ich den Versuch starten, der normalerweise funktionierte: zählen. Ich zählte bis vier, acht, sechzehn, vielleicht sogar bis vierundsechzig – und drehte mich abrupt zu ihm hin, um ihm ins Gesicht zu sehen. Für gewöhnlich war er dann verschwunden. Sein Bild war weg, und ich wusste, dass es nichts gewesen war, bloß meine Fantasie, bloß ein Geist, ein Hirngespinst, das meine Wahrnehmung gestört hatte.

Tief einatmen und zählen. Und dann, die Hände fest an der Tischkante, unvermittelt den Kopf in seine Richtung drehen – ihn direkt ansehen und so zum Verschwinden bringen.

Aber er verschwand nicht.

Er war immer noch da, saß immer noch mit seinem Kaffee am Tisch, stämmig, dunkel, lächelnd, und zwinkerte mir zu.

Mein Stuhl fiel krachend um, und ich stieß mit der rechten Hüfte gegen eine Tischecke, als ich aus der Raststätte rannte. Beinahe wäre ich gestürzt, so schnell lief ich die Treppe hinunter. Ich schaffte es bis nach draußen auf den Parkplatz, atemlos und verängstigt, und wagte nicht, mich umzuschauen. Kaum hatte ich meinen Wagen gefunden, drückte ich die automatische Entriegelung und hörte prompt das beruhigende Klack. Beim Einsteigen kontrollierte ich unwillkürlich die Rückbank. Ich weiß nicht, was ich erwartete – vielleicht eine Bombe, eine Sprengladung, einen blutigen Pferdekopf – oder gar die inzwischen erwachsenen Kinder des Mannes, den ich umgebracht hatte, die von ihrer vor Kummer halb wahnsinnigen Mutter geschickt worden waren, um sich an mir zu rächen, und mir nun mit gezackten Jagdmessern zwischen den Zähnen in meinem Wagen auflauerten. Aber da war nichts. Natürlich nicht. Da war nie etwas.

Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und wollte den Motor anlassen. Es ging nicht. Die Lenkradsperre war eingerastet, weil ich beim Einparken das Steuer scharf nach links hatte einschlagen müssen. Meine Hände schwitzten, als ich am Lenkrad rüttelte, um sie zu lösen.

Ein Klopfen an mein Seitenfenster erschreckte mich so sehr, dass mein Brustkorb schmerzte. Ich hatte alle Mühe, weiterzuatmen, als ich mich nach rechts wandte. Ein Gesicht erschien hinter der Scheibe, ein freundliches, normal aussehendes Gesicht, umrahmt von dunklen Locken. Ein Gesicht, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Nein. Ein Gesicht, das ich sehr wohl vorher gesehen hatte, oben, als ich in der Raststätte saß. Ich kam mir unendlich blöd vor: Das war der Mann, vor dem ich davongelaufen war! Er bedeutete mir mit einer Geste, die Scheibe herunterzulassen, und ich tat es. »Sie haben Ihre Tüte vergessen, Frollein«, sagte er mit einem weichen nordschottischen Akzent und hielt mir eine Plastiktüte hin, in der sich die Flasche Wasser und die Tüte Weingummi befanden, die ich mir im Tankstellenshop gekauft hatte. Ich musste sie in dem Restaurant zurückgelassen haben.

Ich nahm die Tüte und bedankte mich bei ihm.

»Geht es Ihnen gut? Sie sind etwas plötzlich davongerannt.«

»Ja, mir geht es bestens, danke.«

»Ich hoffe, es war nicht, weil ich Ihnen zugezwinkert habe, oder? Das täte mir leid. Sie wirkten nur so besorgt, und da wollte ich Sie ein bisschen aufmuntern, mehr nicht. Na ja, wir waren ja die einzigen Gäste da oben. Ich habe Ihnen zugezwinkert, damit Sie wissen, dass ich harmlos bin, kein Perverser oder so.«

»Schon gut. Machen Sie sich keine Sorgen! Ich habe Sie mit jemandem verwechselt. Danke, dass Sie mir meine Tüte hinterhergetragen haben.«

Lächelnd reckte er beide Daumen. Ich fuhr das Fenster wieder hoch, schaffte es, den Wagen zu starten, und schoss so schnell aus der Parklücke, dass der Mann zurückspringen musste, damit er nicht unter die Räder kam. Mit quietschenden Reifen und kreischender Kupplung raste ich zurück zur M1. Ich verfluchte mich. Blöd, blöd, blöd!

Ich habe sie mit jemandem verwechselt. Ich dachte, Sie wären jemand, den ich umgebracht habe. Ich dachte, Sie wären der Geist, den ich ständig sehe. Ich dachte, Sie wären Rivers Carillo.

Benommen und mit wild pochendem Herzen fuhr ich die M1 hinunter und redete mir ein, das Koffein in dem Red Bull sei schuld daran. Warum sollte mir ein normaler, freundlicher Typ Angst einjagen, der ruhig dasaß und eine Tasse Kaffee trank? Warum hatte ich ihn für meinen Geist gehalten? Es musste eine Sinnestäuschung gewesen sein, irgendwas mit dem Licht in der Raststätte zu tun gehabt haben und mit meiner Müdigkeit. Ja, natürlich, die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos hatten mich zu sehr geblendet. Oder aber mein Verstand spielte mir Streiche und deutete Eindrücke falsch.

Und das nicht zum ersten Mal, nein, nein. Rivers Carillo war mir schon oft erschienen, wenn ich müde, gestresst, am kritischen Punkt meines Hormonzyklus war oder mich in einer fremden Umgebung aufhielt. Manchmal entdeckte ich ihn an Elternabenden in der Menge oder in der Ecke eines überfüllten Pubs. Dann saß oder stand er weit hinten und hatte dieses Grinsen, das mir sagte: Nur zu! Tu ruhig so, als würdest du mich nicht sehen! Jedes Mal bemerkte ich ihn im Augenwinkel, und jedes, ausnahmslos jedes Mal war er verschwunden, sobald ich mich ihm zuwandte und ihn direkt ansah. Bisweilen kündigte das Erscheinen von Rivers Carillo auch eine Migräne an, und dann fragte ich mich, ob es vielleicht eine neurologische Erklärung gab und ich ihn schlicht als eine Sehstörung abtun könnte, wie sie andere oft vor diesen entsetzlichen Kopfschmerzattacken hatten. Zumindest ließ ich mich von ihm nicht fertigmachen. Nicht mehr so sehr jedenfalls. Ich war längst zu dem Schluss gekommen, dass er niemals aufhören würde, mich zu verfolgen. Er tat es bereits seit siebzehn Jahren, weshalb also sollte er es nun lassen?

Heute Nacht jedoch war es anders gewesen. Heute Nacht war es ein realer Mensch gewesen. Ich war vor einer echten Person davongerannt, einem harmlosen Burschen, einem netten, rücksichtsvollen Mann, der in der Raststätte Leicester Forest East einen Kaffee trank. Damit war alles vollkommen irrsinnig geworden; das ging einfach zu weit. Es musste aufhören.

Bis ich zum x-ten Mal durch die Straßen von King’s Cross kurvte, auf der Suche nach einem Parkplatz in der Nähe meiner Wohnung, dämmerte es bereits. Der nächste Tag kündigte sich an, ehe ich dafür gewappnet war. Selbst in der warmen Jahreszeit kann die Morgendämmerung so kühl sein, dass es einen bis ins Mark fröstelt. Manchmal fror ich so stark, dass ich in Panik geriet – wie an diesem Morgen. Nie war das Licht schärfer und kälter als zu dieser Stunde – scharf, kalt und hohl wie ein bohrendes Hungergefühl. Und die Straßen in King’s Cross waren nie leerer als zwischen drei und vier Uhr morgens. Dieses seltsame Licht hatte etwas Entlarvendes. Die Schatten befanden sich an den falschen Stellen, befremdeten und irritierten mich. Mein Kopf schmerzte von dem heftigen Koffeinstoß und vor Erschöpfung. Ich war ziemlich sicher, dass sich eine Migräne ankündigte. Mir war übel, und ich fühlte mich ausgehöhlt.

Als ich zu Fuß zu meiner Wohnung ging, hielt ich meinen Schlüsselbund in der Hand, die einzelnen Schlüssel zwischen die Finger geklemmt: mein selbst gemachter Schlagring. Ich zwang mich, die Schultern zu straffen und betont selbstbewusst zu gehen, auch wenn ich alles andere als selbstbewusst war. Ich kam an dem verrammelten Pub vorbei, an dem Internet-Café, dessen Tische und Stühle zusammengeklappt und mit Ketten gesichert am Schaufenster lehnten, und an dem düsteren Eingang des benachbarten Wohnblocks. Ich zählte meine Schritte, als könne das meine Angst vertreiben. Natürlich war es nur zu verständlich, dass eine Frau – oder überhaupt jeder – sich in den frühen Morgenstunden in King’s Cross fürchtet. Aber meine Angst war anders, sie hatte eine ganz eigene Couleur, wenn man so will, einen ganz eigenen Geruch; es war meine persönliche, vollkommen unbegründete Angst. Ich kannte sie gut. Ich wusste, wie sie mich erzittern ließ. Alles an ihr war mir vertraut, allerdings nicht wie ein alter Freund, ebenso wenig wie ein alter Feind, sondern eher wie ein langjähriger Bekannter, den man nicht leiden kann, an den man sich aber dennoch gewöhnt hat. Ich hatte mich an die Zitteranfälle gewöhnt. Zählen war gut dagegen, denn wenn ich zählte, hatte ich alles unter Kontrolle. Alle sechzehn Schritte blieb ich kurz stehen, hielt den Atem an und lauschte. Darin hatte ich längst Routine, nur war mein Herzschlag an diesem Morgen heftiger und lauter als sonst.

Am Ende der Straße ragten die Türme von St. Pancras gespenstisch aus der vollständig eingerüsteten und verhangenen Fassade auf wie Dornröschens Schloss aus dem Dornengestrüpp. Ich erreichte meinen Wohnblock, der ganz im Stil Edwards VII. in rotem und weißem Backstein gehalten und zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Unterkunft für arme Arbeiter gebaut worden war – eine wohltätige Maßnahme der damaligen Stadtverwaltung –, heute jedoch von Leuten bewohnt ist, die relativ billig und zentral in London leben wollen. Nachdem ich die große Holztür aufgestoßen hatte, schaltete ich das Licht an und stand für einen Moment in der kühlen weißen Eingangshalle, in der jedes noch so kleine Geräusch ein Echo erzeugte. Ich blickte das Treppenhaus hinauf, dessen Steinstufen sich schwindelerregend sechs Stockwerke hinaufwanden. Alles schien leer. Meine Schritte hallten auf dem weißen Boden, als ich zum Aufzug ging und den Knopf drückte, um zu meiner Wohnung im fünften Stock hinaufzufahren. Als die Türen aufglitten, stellte ich mich in die hinterste Ecke und wartete, dass sie sich wieder schlossen. Ich war fast zu Hause.

Oben blickte ich auf dem Weg über den Gang hinunter in den Innenhof, wo zwischen ein paar vereinzelten Bäumen und Sträuchern, die unheimliche Schatten auf den grauen Beton warfen, spärliche Blumenbeete angelegt waren. Endlich hatte ich meine Wohnungstür erreicht. Meine Hand zitterte, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte. Von innen schloss ich zweimal ab und schob den Riegel vor. Danach kontrollierte ich die Zimmer – die Macht der Gewohnheit. Ein Blick nach links: Bad leer. Nach rechts: niemand in der Küche. Das Schlafzimmer: alles in Ordnung. Schließlich schaffte ich es bis in mein Wohnzimmer, dessen großes Fenster einen Ausblick auf die Skyline von London bot. Der Post Office Tower zeichnete sich schroff und grau vor dem zusehends heller werdenden Himmel ab. Die Einrichtung bestand aus einem billigen IKEA-Sofa, einer Stereoanlage, ein paar CDs und einem Schreibtisch, auf dem mein Laptop stand. Neben dem Sofa ein kleiner Bücherstapel, weiße Wände ohne Bilder oder Fotos. Ein sicherer Ort. Ich setzte Wasser auf, machte mir einen Becher Tee, schluckte zwei extrastarke Ibuprofen und setzte mich aufs Sofa. Immer noch zitterte ich.

Das war lächerlich. Die meisten Frauen, die ich kannte und die sich nachts allein auf dem Heimweg fürchteten, hatten Angst vor Vergewaltigern oder Straßenräubern. Ich dagegen fürchtete mich vor dem Geist eines Mannes namens Rivers Carillo. Dabei glaubte ich nicht einmal an Geister. Ich saß früh am Sonntagmorgen hier und dachte darüber nach, wozu mein Leben verkommen war. Ich dachte an den Mann, vor dem ich weggelaufen war, den Mann, der kein Geist war. Und ich dachte an meine Schwester und daran, dass ich vor einem glücklichen, behaglichen Familienwochenende davongerannt war. Ich dachte an mein Leben, das mit so viel Angst und so wenig Freude angefüllt war. Und ich sagte mir: Ich kann so nicht weiterleben. Das muss aufhören. Es ist Zeit zu vergessen.

ZWEI

Das Geräusch eines Päckchens, das durch meinen Briefschlitz geschoben wurde und mit einem Plumps auf der Fußmatte landete, schreckte mich aus dem Schlaf. Ich schaute auf meinen Wecker. Zehn Uhr. Zunächst geriet ich in Panik, weil ich glaubte verschlafen zu haben, aber dann fiel mir ein, dass Sonntag war. Ich setzte mich im Bett auf und bewegte zaghaft den Kopf hin und her, um meine Kopfschmerzen zu testen. Sie hielten sich in Grenzen, waren kaum schlimmer als ein leichter Kater. Das war erträglich und würde vorübergehen. Ich zog meinen Bademantel über und tapste barfuß durch den Flur zur Tür. Dort, auf meiner Fußmatte, befand sich ein weißes Päckchen.

Es war ein flacher Pappkarton, rechteckig, ungefähr so groß wie eine CD. Reglos, aber dennoch bedrohlich lag er da. Eine Weile stand ich dort und betrachtete den Karton. Dann nahm ich ihn behutsam auf und wog ihn in der Hand. Er war ziemlich leicht und machte keine Geräusche, wenn man ihn schüttelte, und trug auf der Oberseite weder eine Briefmarke noch eine Adresse. Ich drehte den Karton um, und bei dem, was ich da sah, wurde mir eiskalt. Ich hatte mit einem Adressaufkleber oder einer handgeschriebenen Anschrift gerechnet. Stattdessen starrte ich auf Buchstaben und Wörter, die aus Zeitungen und Zeitschriften herausgerissen und auf den Karton geklebt worden waren. Auf dem weißen Grund wirkten die rissigen Kanten besonders grob und gefährlich. Es war Sonntag, also war er nicht mit der Post gekommen. Jemand musste ihn direkt durch meinen Briefschlitz geschoben haben, war an meiner Tür gewesen, wenige Meter von mir entfernt, um ihn zu überbringen. Mir wurde übel. Trotzdem zwang ich mich, die Worte zu lesen: »Für die geheimnisvolle Brünette in Wohnung 519. Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«

Mein Herz hämmerte wie verrückt, und auf meinen Unterarmen und Handrücken bildete sich eine Gänsehaut. Ich hielt den Karton an einer Ecke und trug ihn so ins Wohnzimmer. Dort setzte ich mich aufs Sofa und starrte das Päckchen an, als handele es sich um eine Briefbombe, die ich irgendwie entschärfen müsste. Und dann, ganz plötzlich, wurde mir klar: Das war nicht bloß eine Verpackung von der Größe einer CD, das war tatsächlich eine CD! Mit zitternden Fingern öffnete ich den Karton, und siehe da: eine CD, selbstgebrannt, mit einem weißen Kärtchen anstelle eines Leaflets, voller Text, aber ohne Bilder. Eine Zusammenstellung von Songs, die dem entsprach, was früher, vor dem digitalen Zeitalter, unser »Mix Tape« gewesen war. Nichts als eine harmlose CD. Und die konnte nur von Danny sein, meinem musikverrückten Nachbarn. Er machte das oft. Dauernd brannte er mir CDs und schenkte sie mir, und jedes Mal war er gespannt auf mein Feedback. Neben meiner Stereoanlage hatte ich bereits einen kleinen Stapel von seinen CDs. Dass Danny mir Musik zusammenstellte, war folglich weder merkwürdig noch ungewöhnlich, außer dass er mir die Scheiben normalerweise persönlich überreichte. Noch nie hatte er mir eine CD einfach durch den Briefschlitz geworfen. Und schon gar nicht anonym. Abgesehen davon war da noch etwas, was überhaupt keinen Sinn ergab.

»Woher weißt du, dass ich Geburtstag hatte?«

Ich hatte eilig die Sachen vom Vortag übergezogen und stand nun vor Dannys Wohnungstür, die Hände in die Hüften gestemmt.

Danny lehnte in einem verwaschenen T-Shirt und Jeans in seinem Türrahmen. »Oh mein Gott!«, sagte er mit einem spöttischen Ausdruck gespielten Entsetzens. »Habe ich etwa aus Versehen gegen die Etikette deines Zeugenschutzprogramms verstoßen?«

Ich wurde rot und stammelte eine Entschuldigung. Das mit dem Zeugenschutzprogramm war ein Dauerscherz von Danny, mit dem er auf meine zahlreichen Eigenheiten anspielte.

»Ich halte nichts von Beziehungen«, hatte ich ihm erklärt, kurz nachdem wir uns kennenlernten, als er mich nach einem Abend im Pub zum Abschied ein bisschen zu enthusiastisch küsste – ganz zu schweigen von der Zunge, die bei einem harmlosen Gutenachtkuss nichts verloren hatte. Und ein andermal, als er sich bei einer der wenigen Gelegenheiten, die ich ihn überhaupt hineinließ, in meiner Wohnung umblickte und feststellte, dass sie recht kahl und leer wirkte, hatte ich gesagt: »Ich halte nichts von persönlichem Besitz.«

»Heiliger Strohsack!«, hatte Danny geantwortet (und ich dachte: »Heiliger Strohsack – ich liebe diesen Ausdruck!«). »Keine Beziehungen, kein persönlicher Besitz, was ist los? Versteckst du dich vor den Bullen? Gehörst du zur Mafia? Bist du in so ’ner Art Zeugenschutzprogramm?«

Auch da war ich rot geworden, puterrot. Und dann hatte ich laut gelacht, als wäre es das Witzigste, was ich je gehört habe.

Danny Fairburn war klug, freundlich, bisweilen allerdings etwas ungeschickt im sozialen Umgang. Dafür sah er nicht schlecht aus, nein, er sah sogar beinahe gut aus. Er war ungefähr in meinem Alter, groß und sehr schlank, ein wenig schlaksig. Er hatte dunkelbraune Augen und schütter werdendes, stets kurz geschorenes dunkles Haar, war gut gebaut und hatte eine sehr sanfte Art zu sprechen. Trotz gegenteiliger Vorsätze hatte ich ihn richtig liebgewonnen, wenn auch nicht im beziehungstechnischen Sinn, versteht sich. Aber er war ein netter Nachbar und ein guter Freund. Ich wollte ihn nicht verärgern. Jetzt schaute er mich mit diesen dunklen Augen an und sagte: »Und? Hat dir das Geschenk gefallen?«

»Ja, danke, hat es. Ich habe sie mir noch nicht angehört, aber vielen Dank. Das war sehr nett von dir, und es tut mir leid, wenn ich ein bisschen unwirsch reagiert habe. Ich war bloß durcheinander, weil nur wenige Leute wissen, wann ich Geburtstag habe.«

»Der Postbote zum Beispiel.«

»Wie?«

»Ich habe ihn am Donnerstag vor der Tür gesehen, wie er deine Post einwarf, kleine Päckchen, und da war mindestens eine Karte in einem rosa Umschlag dabei. Also tippte ich, dass du Geburtstag haben musst. Tut mir leid, wenn ich dir Angst eingejagt habe oder so. Das wollte ich nicht.«

In meiner Familie wurde nie großes Aufhebens um Geburtstage gemacht. Die Päckchen und die Karte, die Danny meinte, waren ein Scheck über fünfunddreißig Pfund von meinen Eltern, der in einem rosa Umschlag steckte, ein paar Trendromane im Taschenbuchformat von Sarah (es gefiel ihr, mich direkt am Geburtstag zu überraschen, selbst wenn sie mich am nächsten Tag persönlich sah) und eine DVD mit irgendeinem japanischen Zeichentrickfilm von meiner jüngeren Schwester. Ich hasste Zeichentrickfilme, aber mit achtundzwanzig war Jem immer noch das Baby in der Familie, und wir sahen ihr einiges nach. Sollte sie mich nach ihrem Geschenk fragen, würde ich folglich behaupten, der Film habe mir sehr gut gefallen. Alles in allem waren die Geburtstagsgeschenke nicht schlecht gewesen. Und nun gesellte sich auch noch Dannys CD dazu.

»Okay. Tut mir leid. Vielen Dank. Das war wirklich sehr aufmerksam von dir, und die Musik gefällt mir bestimmt.«

Ich ging zu meiner Wohnungstür zurück, aber Danny stand immer noch da und schaute mich an, als ich meine Tür öffnete. »Beth!«, rief er.

»Ja?«

»Wenn du mich fragst, wird diese Paranoia-Nummer langsam ein bisschen heftig. Du solltest lernen, den Leuten zu vertrauen, beispielsweise mir. Ich bin gern mit dir zusammen. Du bist meine Freundin, und Freunde sind was Gutes, okay?«

»Okay«, sagte ich zögerlich.

»Beth«, rief er noch mal, den Blick gesenkt, und trieb die Kappe seines Turnschuhs in die Kante seiner Fußmatte. »Hättest du Lust, mal mit mir zu einem Konzert zu gehen?«

»Als Freunde, ja?«

»Ich weiß nicht. Schau’n wir mal, was passiert.« Er sah mich wieder an, und ein Hoffnungsschimmer lag auf seinem Gesicht.

»Ach Danny, ich weiß nicht.«

Ich stieß meine Tür auf und zog mich in die Wohnung zurück. Danny rief mir in einem scherzhaft flehenden Ton nach: »Komm schon, Beth! Wovor hast du Angst? Was wäre denn das Schlimmste, was passieren könnte?«

Die Frage beantwortete ich nicht.

Ich legte Dannys CD auf und ging in die Küche, um mir einen Kaffee zu kochen. Der erste Song hob mit flotten, dröhnenden Gitarrenklängen an. Ich konnte eine Steel-Guitar erkennen und glaubte, mindestens eine Slide-Guitar herauszuhören, dazu eine eindeutig weibliche Stimme, die etwas nasal und scharf klang – hart wie Fingernägel, aber auch verletzlich. Das war Lucinda Williams, klar. Und der Song hieß »Can’t Let Go«. Unwillkürlich musste ich schmunzeln.

Danny arbeitete in einer Behörde, wo er zweifellos einen unglaublich wichtigen und einträglichen Posten bekleidete, der irgendwas mit Wohnungsbau zu tun hatte. Aber wenn er gerade nicht damit beschäftigt war, rezensierte er Alben und Konzerte für eine Musik-Website. Im Frühjahr war er in Austin in Texas gewesen, bei einem Musikfestival mit dem Namen »South by Southwest«, und hatte einen Tanz gelernt, den Texas-Two-Step. Die Vorstellung, dass der ernste, zugeknöpfte britische Danny tanzte, fand ich so abwegig, dass ich ihn mehrfach danach fragte. Das hatte zur Folge, dass er eines Abends versuchte, mir den Tanz beizubringen. Er legte diesen Lucinda-Williams-Song auf, und wir versuchten, in seinem winzigen Wohnzimmer zu tanzen, wobei er dauernd Kommandos rief: »Schritt, Schritt, Schritt, halt! Schritt, halt!«

»Danny, das ist der falsche Rhythmus! Du kannst das nicht zu der Musik tanzen. Bist du sicher, dass du noch weißt, wie der Tanz geht? Vielleicht hast du die Schrittzahl verwechselt, denn deine Anweisungen hören sich an, als bräuchte man einen Dreivierteltakt. Oder sechs Achtel? Der Song hat aber Vierviertel.«

Für einen Moment stand er regungslos im Zimmer, und ich sah ihm an, dass er im Geiste die Schritte zählte. Dann zog er eine Grimasse. »Ach, was soll’s! Tanzen wir trotzdem, denn der Song ist klasse.«

Also hüpften wir linkisch und im falschen Rhythmus umher und kicherten wie die Idioten, während Lucinda ihr Lied vom süßen Schmerz sang: ein Song über eine Beziehung, die vorbei war, einen Mann, den sie nicht vergessen, den sie nicht gehen lassen konnte.

Ich hatte den linken Arm um Danny geschlungen. Er hielt seine rechte Hand auf beruhigende Art in mein Kreuz gepresst. Unsere anderen beiden Hände lagen ineinander, und unsere Hüften begannen unisono zu schwingen. In der Mitte des Songs gab es eine Unterbrechung, als zwei oder mehr Gitarren beinahe gegeneinander spielten, und Danny nutzte die Gelegenheit, um mich herumzuschwingen und über sein Knie zu werfen. Als wir wieder zusammentanzten, enger als vorher, angelte er sich mit einer Hand die Fernbedienung und klickte den Song ein zweites Mal an.

Und ich war auf einmal in einer anderen Umarmung, einem anderen Tanz gefangen: in einem langsamen Tanz mit Rivers Carillo in der Kajüte dieses winzigen, schäbigen Hausbootes in Sausalito, wo die Nachmittagssonne durch die großen Fenster fiel. Unendlich drehten wir uns zu Bob Dylan oder was immer die Stereoanlage spielte, während wir uns ständig die Schienbeine an dem niedrigen Bett stießen. Er schmiegte sein stoppeliges Kinn an meine Wange und hielt mich fest an sich gedrückt. Wie leicht es war, zu vergessen und sich der Wärme einer Umarmung hinzugeben, wenn man mit einem Mann tanzte!

»Can’t let go«, sang Lucinda Williams, »ich kann nicht vergessen.« Aber an jenem Abend mit Danny, als wir uns im ungelenken Two-Step durch sein Wohnzimmer bewegten, dachte ich, diese Worte könnten auch etwas vollkommen anderes bedeuten. Ich sagte mir: Ich kann nicht vergessen, ich kann mich nicht vergessen. Ich kann mich nicht hingeben. Es wäre so leicht, sich in Danny zu verlieben, so wunderbar warm und tröstlich, aber ich werde mich niemals vergessen. Ich durfte mir nicht erlauben, mich zu verlieben, nicht noch einmal, nicht nach dem, was beim letzten Mal geschehen war. Menschen, die ich liebte, stießen schlimme Dinge zu. Nur wenn man niemanden zu nah an sich heranließ, stellte man sicher, dass es niemanden gab, der einen verletzen konnte. Und niemanden, den man selbst verletzen konnte.

Allerdings bedeutete das ein sehr einsames Leben, und vielleicht war es ja jetzt an der Zeit, das Risiko einzugehen. Vielleicht war es Zeit für eine Veränderung.

DREI

Wovor hast du Angst?«

Danny hatte die Frage scherzhaft gemeint; es war im Grunde ein typisches Muster. In solchen Situationen fragte man die Leute halt: »Sag mal, wovor hast du eigentlich Angst?«

Und die normale, die erwartete Antwort, die von den meisten auch prompt kam, war natürlich: »Vor gar nichts.« Bei mir nicht. Wovor hatte ich Angst? Ich hätte ihm eine Liste geben können. Denn ich hatte tatsächlich eine richtige, aktuelle Liste meiner Ängste.

Mit Angst kannte ich mich aus wie kaum ein anderer. Schließlich lebte ich permanent mit der Angst, und meistens war das auszuhalten. Es machte keinen Spaß, aber damit kam ich klar. Ich hatte jemanden umgebracht, da konnte ich wohl schlecht erwarten, den Rest meines Lebens auf Rosen gebettet zu sein. Vielmehr lernte ich, mit der Angst umzugehen, weitestgehend jedenfalls. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass sie immerzu präsent war, und es quasi zu einer Kunst entwickelt, sie auszuhalten.

Angst ertrug man am besten, indem man sie analysierte, sie in Kategorien unterteilte und sich mit jedem der Teilbereiche einzeln auseinandersetzte. Das machte ich ziemlich oft. Ich setzte mich hin und schrieb eine Liste – eine richtige Liste, mit Stift auf Papier. Ich notierte, wovor ich mich fürchtete, ebenso wie die Gründe, weshalb ich mich ängstigen sollte oder weshalb nicht und was ich dagegen tun konnte. Die Listen bewahrte ich auf. Ich faltete sie ganz klein zusammen und trug sie überall mit mir herum: in der Gesäßtasche meiner Jeans, im Seitenfach meiner Handtasche, in der Innentasche meiner Jacke. Manchmal, wenn ich unsicher wurde, holte ich die Liste hervor und las sie durch. Normalerweise behielt ich sie, bis das Papier auseinanderfiel. Dann schrieb ich eine neue.

Eine durchschnittliche Liste wies drei Rubriken auf. An erster Stelle stand meine Angst vor Rivers Carillo, oder besser: vor seinem Geist, seiner Erscheinung. Die war relativ leicht zu überwinden, denn dass er tot war, wusste ich, weil ich ihn umgebracht hatte. Tote erwachten nicht wieder, es sei denn in meiner Fantasie, und ich konnte die Erscheinung wieder zum Verschwinden bringen – meistens. Das war natürlich nur eine Verdrängung, zumal es bisweilen sehr beängstigend war, wenn er so plötzlich vor mir auftauchte. Manchmal, wie gesagt, kündigte seine Erscheinung eine Migräne an, aber das war okay. Ich musste es nur durchstehen, mehr nicht. Ansonsten konnte es mir nichts anhaben, Rivers Carillo zu sehen.

Die zweite Rubrik, das zweite, wovor ich Angst hatte, war, dass jemand wusste, was ich getan hatte, und mich aufspüren könnte. Damit war ungleich schwerer umzugehen, weil diese Angst realistischer und zugleich weniger greifbar war. Siebzehn Jahre waren vergangen, ohne dass mich irgendjemand gefunden hatte. Das hieß jedoch nicht, dass es nie passieren könnte. Auf meiner Liste hatte ich diese Rubrik noch in drei Unterrubriken aufgeteilt, um die Angst zu kontrollieren. Die erste lautete »Information«, die zweite »Tarnung« und die dritte »Fluchtmöglichkeit«.

Ich hatte so viele Informationen wie möglich über Rivers Carillo gesammelt. Außerdem hatte ich mir eine Nebenliste angelegt mit allen, die von Rivers Carillo und mir gewusst haben konnten, die gewusst haben konnten, dass wir uns trafen, und, so unwahrscheinlich es auch war, zu dem Schluss gelangen konnten, dass ich etwas mit seinem Tod zu tun hatte. Ich verwahrte sämtliche Zeitungsausschnitte, die ich zu dem Thema fand, ebenso wie alles aus dem Internet, zum Beispiel Informationen über die Strömungsverläufe unter und in der Nähe der Golden Gate Bridge, die Namen der Buchantiquariate am Nordstrand von San Francisco, eine Liste der Universitäten im Bundesstaat Indiana. Diese Informationen befanden sich in einer braunen Aktenmappe zwischen dem Weltatlas der Times und Collins umfassendes Do-it-yourself-Handbuch im untersten Fach meines Bücherregals. Mir war klar, dass allein die Akte zu besitzen schon ein gewisses Risiko für mich barg, aber ich glaubte nicht, dass ein Außenstehender die darin enthaltenen Informationen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen könnte. Außerdem lud ich nur selten Leute in meine Wohnung ein.

Die nächste Taktik war Tarnung. Die Frau – die sehr junge Frau –, die Rivers Carillo umgebracht hatte, war die hübsche, lebhafte, quirlige Lizzie Stephens gewesen. Und Lizzie starb auf dem Rückflug von San Francisco. Ich schätze, ich hätte meine Identität komplett ändern müssen, zu einem Friedhof gehen und das Grab eines Kindes finden, das im selben Jahr wie ich geboren und sehr jung gestorben war. So etwas funktioniert durchaus, denn ich hatte es schon einmal in einem Film gesehen oder in einem Buch gelesen. Aber ich war erst achtzehn und hatte entsetzliche Angst, deshalb wollte ich zurück zu meinen Eltern. Ich brauchte sie. Ich wollte zu Hause sein. Also ging ich einen Kompromiss ein, indem ich Lizzie tötete. »Von jetzt ab möchte ich ›Beth‹ genannt werden«, verkündete ich meinen Eltern, als sie mich vom Flughafen abholten.

»Oh, wie schön!«, sagte meine Mutter, der die Kurzform Lizzie ohnehin nie gefallen hatte. »Ich fände ja ›Elizabeth‹ am besten, aber ›Beth‹ klingt zumindest schon mal erwachsener.«

Beth war eine vollkommen andere Person. Sie sah anders aus und wirkte sogar kleiner, obwohl sie es gar nicht war. Ihr Haar war glatter und ihre Kleidung dezenter – Jeans, eine weiße Bluse, ein schlichtes T-Shirt, ein unauffälliger Hosenanzug für die Arbeit. Wie ich feststellte, ist es eine wahre Kunst, unscheinbar zu sein und sich durchs Leben zu bewegen, ohne den geringsten Wirbel zu verursachen. Sich ständig unterhalb des Radars aufzuhalten und keine Spuren zu hinterlassen erforderte einiges Geschick. Gelegentlich sorgte ich mich, dass ich es vielleicht übertrieb, dass ich zu unsichtbar, zu verschlossen, zu zurückhaltend war und mich dadurch unwillkürlich schon wieder interessant machte. Ich wollte schließlich kein Rätsel sein, das zu lösen sich irgendwer plötzlich berufen fühlte. Auf Danny schien ich genau diese Wirkung auszuüben. Er war fasziniert von mir, und das konnte uns beiden gefährlich werden.

Womit wir bei einem Grund wären, warum es mir enorm wichtig war, jederzeit davonlaufen zu können. Deshalb hatte ich so wenige Sachen. Ich hatte gewisse Ähnlichkeit mit Robert de Niro in dem Film Heat. Er spielt darin einen Meisterdieb, der nichts in seinem Leben besitzt, das er nicht binnen weniger Minuten aufgeben kann. Genauso versuchte ich zu leben. Deshalb besaß ich auch ein Auto, ein geradezu exzentrischer Luxus für jemanden, der nur einen Steinwurf vom Bahnhof King’s Cross entfernt wohnte und somit Zugang zu allen öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt hatte. Denn wenn alle Stricke reißen und ich enttarnt werden sollte, könnte ich mein Leben ins Auto verfrachten und davonfahren. Ich könnte nach Cornwall, nach Schottland oder in den wilden Westen Irlands fliehen oder nach Kent fahren, von dort eine Fähre nehmen und irgendwo in Europa untertauchen. Mein zuverlässiger kleiner Polo würde vielleicht eines Tages mein bester Freund.

Die dritte Rubrik auf meiner Liste, meine dritte große Angst, war die, dass ich jemandem erzählen könnte, was ich getan hatte. Von all meinen Ängsten war diese ganz besonders berechtigt, wie ich glaubte. Eigentlich hätte es ganz einfach sein müssen, sie zu kontrollieren, und doch fühlte es sich manchmal am allerschwierigsten an. Die Rubrik war gleichfalls in drei Unterkategorien aufgeteilt, nach drei klassischen Situationen, in denen ich mich womöglich verplapperte. Die erste Situation war die, wenn ich eine scheinbar harmlose Unterhaltung führte, die dem Thema zu nahe kam, wie zum Beispiel im Garten meiner Schwester, als plötzlich mein Sommer in San Francisco angesprochen wurde. Jedes lockere Gespräch mit Freunden im Pub oder mit Kollegen im Lehrerzimmer wurde riskant, sobald es Richtung Studentenleben, Erinnerungen an vergangene Sommer oder Lieblingssongs aus den späten 1980ern abdriftete. Für solche Fälle hatte ich Entschuldigungen parat, mit denen ich mich dezent zurückziehen konnte. »Korrigieren« funktionierte prima, allerdings nur bei Nicht-Lehrern. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich vorgab, dass mir zufällig ein Termin einfiel, den ich vergessen hatte und zu dem ich mich sofort aufmachen musste. Inzwischen erwarteten die Leute praktisch schon von mir, dass ich mitten in der Unterhaltung verschwand.

Und als Letztes war da das Risiko der großen emotionalen Vertrautheit, die Art, wie man sie in Beziehungen und sehr engen Freundschaften erlebt. Für dieses Problem fand ich eine sehr einfache Lösung: Ich ging keine Beziehungen oder Freundschaften ein. Folglich entsprach ich dem alten Klischee von dem Menschen, der eine Leiche im Keller hat. Nur dass es in meinem Fall fast buchstäblich zu nehmen war. Manchmal jedenfalls stellte ich es mir genauso vor. Rivers Carillos Leiche war da, in meinem Keller, gequetscht in einen alten Koffer, der ganz ans hintere Ende geschoben wurde, noch hinter den Wintermantel, den ich so gut wie nie trug. Etwas, was man beinahe ignorieren konnte, selbst wenn man immer wieder einen Teil des Koffers sah, sobald man die Kellertür öffnete. Und bisweilen, wenn ich alte Sachen sortierte, musste ich ihn eben rausholen. Dann klappte ich den Koffer in der Hoffnung auf, dass ich mich geirrt, dass ich alles nur geträumt hatte und gar nichts da war. Aber die Leiche war immer da. Und um das ohnehin schon strapazierte Bild noch weiter auszumalen: Ich fürchtete, ich könne doch jemanden in mein Leben lassen, der eines Tages meine Sachen durchwühlen würde, woraufhin ich ihn vor dem offenen Koffer vorfand mit einem entsetzten Ausdruck im Gesicht, der so viel besagte wie: »Oh mein Gott! Ich bin mit einer Mörderin liiert.«

Deshalb kamen Beziehungen nicht in Frage. Besonders vorsichtig war ich, was enge Freundschaften mit Frauen betraf. Männer waren okay. Mit einem Mann sehr gut befreundet zu sein und so gut wie nichts voneinander zu wissen war überhaupt kein Problem. So eine Freundschaft pflegte ich mit Danny. Dann und wann ging ich rüber zu ihm, wir hörten uns zusammen CDs an oder sahen DVDs, tauschten uns über Lieblingsfilme und Lieblingsbands aus. Solche Abende gefielen mir, weil sie Wärme und Freundschaft vermittelten statt Vertrautheit und Nähe. Das war etwas, was ich mir wirklich nicht ruinieren wollte. Aber ich hielt mich fern von anderen Frauen, denn gute Freundinnen fragten sich gegenseitig über ihr Privatleben aus. Und ich befürchtete, wenn ich anderen zu nahe kam, dann stünde irgendwann nach ein paar Drinks zu viel das unvermeidliche Gespräch über die persönlichen Geheimnisse an – und ich würde unbedacht mit der ganzen schrecklichen Wahrheit herausrücken. Männer waren sicherer. Sie hielten nichts von dieser Sorte Gespräche, sondern wollten bloß wissen, welche Musik einem gefiel.

Und schließlich war da die Befürchtung, dass ich mich eines Tages einfach verplappern könnte. Der unbewusste Geständnisdrang war etwas, was mir größte Sorge bereitete. »Verplappern«, was für ein seltsames und zugleich treffendes Wort dafür! Laut Wörterbuch bedeutete es, versehentlich etwas zu verraten. »Plappern« selbst hatte keine Wurzeln, weder im Lateinischen noch im Altgermanischen, noch sonst irgendwo. Anscheinend ist es imitativ, lautmalerisch, sprich: ein Wort, dessen Klang illustriert, was es meint. In meinem Fall würde es nach jemandem klingen, der ein grauenvolles Geheimnis lüftet, nachdem er es siebzehn Jahre mit sich herumgetragen hatte. Es wäre wie der unsinnige Drang, einen großen roten Feueralarmknopf zu drücken oder im Zug die Notbremse zu ziehen. Je mehr ich mich selbst ermahnte, ich dürfe es nicht tun, desto größer wurde der Drang. Diese besondere Angst konnte ich nur kontrollieren, indem ich so viel Zeit wie möglich allein verbrachte.

Das also war mein Leben. Deshalb lebte ich es so, wie ich es lebte. Deshalb hörte ich mir an jenem Sonntagnachmittag Dannys CD an und starrte aus meinem offenen Fenster auf die Dächer von London hinunter, während ich versuchte, einen Kopfschmerz zu ignorieren, der sich anfühlte, als stecke jemand in meinem Kopf, der mit aller Macht versuchte, meine Augen aus den Höhlen zu drücken. Deshalb fing ich überhaupt nur an, mich zu fragen, ob ich vielleicht ein bisschen entspannen könnte, ob ich jetzt vielleicht sicher war. In siebzehn Jahren war nichts von dem, was ich befürchtete, eingetreten. Eventuell sollte ich mir erlauben, wieder richtig zu leben. Konnte es nicht sein, dass ich meine Strafe verbüßt hatte? Vielleicht durfte ich jetzt ja langsam wieder unter Menschen.

VIER

Miss Stephens?«

Ich stand mit dem Rücken zur zehnten Klasse und schrieb etwas an die Tafel, sodass ich nicht gleich wusste, wer mich angesprochen hatte. Die Mädchen in der Klasse hörten sich alle sehr ähnlich an – selbstbewusste Mittelschichtskinder mit dem affektierten Näseln der Südengländer. Ich drehte mich um und sah, dass es Chloe war, Chloe T. und nicht Chloe P. Mit anderen Worten: die Dreiste in der Klasse, die die Fragen stellte, welche die anderen Mädchen sich nicht zu stellen trauten. Ich sah sie an, zog die Brauen hoch und wartete auf ihre Frage. Im Grunde wusste ich schon, welche kommen würde. In dieser Phase des Schuljahres kam diese Frage immer. Genau genommen provozierte ich sie sogar, denn ich führte das Unterrichtsgespräch ja geradewegs darauf zu. Wenn wir die Geschichte durchnahmen, die sich anhörte, als handele sie von mir, dann wusste ich, dass ich mich für diese Frage zu wappnen hatte. Beinahe wettete ich mit mir, welcher meiner Zehntklässler im Abschlusskurs Englisch sie vorbringen würde und an welchem Tag. Und meine nichtssagende, unverfängliche Antwort hielt ich längst bereit.

»Miss Stephens, glauben Sie, dass das stimmt? Meinen Sie, wenn jemand einen anderen umgebracht hat und ungeschoren davongekommen ist, dass er darauf brennt, es jemandem zu erzählen?«

Nach der Frage neigte Chloe T. den Kopf zur Seite und lächelte selbstzufrieden. Sie war ein kluges und witziges Mädchen, das ich von Anfang an sehr gemocht hatte. Aber oft wünschte ich mir, sie wäre nicht in meinem Kurs. Ich sah sie so gelassen wie möglich an und sagte in meiner muntersten Stimme: »Ich weiß nicht. Was denkst du?«

Das dürfte wohl mein Klassiker unter den Lehrerfragen sein: »Ich weiß nicht. Was denkst du?« Wahrscheinlich parodierten mich die Schülerinnen, indem sie diese Frage nachäfften, denn ich benutzte sie dauernd. Sie funktionierte ja praktisch überall, bei fast jeder Schülerfrage. Und so zeitigte sie auch heute die gewünschte Wirkung. Erst kniff Chloe die Augen leicht zusammen und begann zu überlegen, dann die übrigen Mädchen, bis schließlich alle ihre Gedanken in die Klasse riefen. Ich stand da, fixierte einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand, an dem die Farbe abblätterte, und hörte nur mit halbem Ohr den pubertierenden Mädchen zu, die sich ausmalten, Mörderinnen zu sein. Derweil hoffte ich, das Gespräch würde bald zu einem anderen Thema abschweifen. Eine Schülerin, Bella, hatte plötzlich eine Eingebung. »Hört mal, überlegt doch mal! Stellt euch das Schlimmste vor, was ihr je verbrochen habt. Sagen wir zum Beispiel Ladendiebstahl oder eine dicke fette Lüge, um euch aus irgendwas rauszureden, aber eigentlich seid ihr stolz darauf, weil, na ja, weil’s eine echt coole Nummer war, die ihr da abgezogen habt. Wärt ihr nicht ganz heiß darauf, das jemandem zu erzählen?«

Den anderen gefiel der Gedanke, und nun fingen alle an, über die schlimmsten Sachen zu reden, die sie je verbrochen hatten. Eines der Mädchen gestand, dass es sich heimlich die Lederjacke seiner großen Schwester geborgt und sie dann verloren hatte, um sich anschließend mit einer gewitzten Lüge aus der Affäre zu ziehen. Ein anderes beichtete, die Lieblingsvase der Mutter zerbrochen und es ihrem zweijährigen Bruder in die Schuhe geschoben zu haben. Ich hatte das Gefühl, mich bereits auf weniger dünnem Eis zu bewegen, als sich auf einmal wieder Chloe T. meldete: »Miss Stephens, was ist das Schlimmste, was Sie je gemacht haben?«

Ich merkte, wie ich errötete. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet, also wandte ich mich wieder zum Whiteboard um, warf den Stift in die Luft und wollte ihn auffangen. Aber ich griff daneben, und er fiel klappernd in den Papierkorb. Nachdem ich tief durchgeatmet hatte, wandte ich mich wieder zur Klasse und lächelte süßlich: »Tja, Chloe, wenn du schon so direkt fragst – vor ein paar Jahren habe ich eine Schülerin mit bloßen Händen erwürgt, weil sie zu viele blöde Fragen gestellt hat.«

Ein paar Schüler hielten hörbar die Luft an. Einige kicherten. Und ich kam erst richtig in Fahrt. »Ich zerhackte sie und schickte sie in kleinen Stücken per Post an ihre Eltern.«

Wieder wurde gekichert, dann lauthals gelacht. Ich sah den Mädchen förmlich an, was sie dachten: »Die gute alte Miss Stephens! Sie ist doch nicht so langweilig, wie sie aussieht.«

Unwillkürlich fragte ich mich, was geschehen wäre, hätte ich ihnen die Wahrheit gesagt, hätte ich Chloes Frage vollkommen ehrlich beantwortet. »Als ich kaum älter war als ihr jetzt, habe ich einen Mann umgebracht. Ich habe ihm in die Augen gesehen und ihn ermordet. Ich wurde nicht erwischt, und ich habe es keiner Menschenseele erzählt – bis heute.«

Wahrscheinlich wäre die Reaktion genauso ausgefallen: dasselbe erschrockene Luftanhalten, dasselbe Gekicher, dieselbe Mutmaßung, dass ich scherzte. Denn wie könnte Miss Stephens mit dem mausbraunen Haar, den billigen schwarzen Röcken und Hosen, mit ihren schlichten Blusen in Weiß, Beige oder Grau eine Mörderin sein? Ausgeschlossen!

Wieso es zu dieser entsetzlich passenden Diskussion kam? Und wieso ich mich ihr fast jedes Jahr aufs Neue stellen musste? Edgar Allen Poe ist schuld.

Es war schon schlimm genug, Schuljahr für Schuljahr Macbeth durchzunehmen, die Handwaschszene zu besprechen, in der Lady Macbeth an ihren Schuldgefühlen zerbricht. Ein ganzer Kurs Mädchen debattierte dann darüber, ob sie einen Mord begehen könnten, ohne hinterher wahnsinnig zu werden. Aber welcher Schlaumeier hatte entschieden, die Kurzgeschichten von Edgar Allen Poe auf den Prüfungsplan für die Mittlere Reife zu setzen? Zweifellos waren dessen Erzählungen von Tod, Krankheit, Gefängnis und lebendigem Begrabenwerden bei den Vierzehn- bis Sechzehnjährigen sehr beliebt. Ob Gruftis, Emos oder wie auch immer man sie nennen mochte, die dunkle Seite des Lebens übte eine magische Anziehungskraft auf diese Altersgruppe aus. Und die meisten Geschichten waren sogar nett zu unterrichten: Ligeia, Der Untergang des Hauses Usher, Lebendig begraben – die Kinder sogen sie geradezu auf. Aber es war eine Geschichte dabei, von der ich wünschte, sie wäre nicht geschrieben und erst recht nicht auf ...

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