Logo weiterlesen.de
Ich war ein Roboter

- Über dieses Buch -

Als Pioniere des Elektronischen Minimalismus waren Kraftwerk in den 70er und 80er Jahren Vorbild unzähliger Bands von Depeche Mode bis OMD, The Prodigy und Fat Boy Slim. Mit Stücken wie ›Autobahn‹, ›Wir sind die Roboter‹ oder ›Das Model‹ haben sie die Grenzen dessen durchbrochen, was man damals im Allgemeinen als Pop bezeichnete. 1973 fanden die Kraftwerk-Gründer Florian Schneider-Esleben und Ralf Hütter in Wolfgang Flür einen perfekten Drummer, der bis 1986 bei der Gruppe blieb. In diesem Buch, das hier in überarbeiteter und erweiterter Fassung vorliegt, berichtet er von seiner bewegten Zeit in einer der weltweit innovativsten Bands und erzählt aus seinem Leben, nachdem er von den Robotern Abschied genommen hat.

»Beautifully pitched between classic autobiography and cultural analysis«

The Independent

Koffer auf

Vorwort

MIT DEN ROBOTERN UNTER EINER DECKE

Zuerst war ich vom Arbeitstitel meines Buches - Mit den Robotern unter einer Decke - begeistert. Dann aber, je mehr ich mich erinnerte und je mehr ich schrieb, fiel mir auf, dass wir, verglichen mit anderen Popgruppen, gar nicht in das Muster einer Truppe mit Kumpelattitüde passten. Es war wohl doch nur ein tief in mir verborgenes Wunschbild, das sich mit Kraftwerk nie verwirklichen ließ. Zu unterschiedlich waren wir elektrischen Vier in Persönlichkeit und Herkunft. Unsere Väter waren zwar Ingenieur, Techniker, Architekt, Augenoptiker, aber sie hatten alle einen sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Rang. Ralf Hüter und Florian Schneider-Esleben passten wegen ihren Familien schon besser zusammen. Sie stammten aus wohlhabenden Elternhäusern, in denen es nie an Geld gemangelt hat und schon gar nicht an Wissensbildung. Sie hatten elegante Umgangsformen und waren bereits in jungen Jahren viel gereist. Karl Bartos und ich kommen aus der so genannten Mittelschicht. Natürlich hatten auch wir eine Bildung und vor allem große Emotionalität. Wir wussten allerdings auch, was es bedeutete, wenn öfter mal kein Geld da war oder wenn jemand gefühlsmäßige Zuwendung brauchte. Verspielt und talentiert waren wir alle vier und ließen uns für lange Zeit aufeinander ein, weil wir irgendwo schicksalhafte Berührungspunkte gefunden hatten und weil wir uns so respektierten, wie wir waren. Instinktiv spürte damals jeder, dass gerade unsere spezielle Verbindung noch Großes hervorbringen konnte.

Um meine Erinnerungen an viele Einzelheiten meines Musikerlebens aufzufrischen, öffnete ich vor einigen Jahren nach langer Zeit wieder einmal meinen goldfarbenen Aluminiumkoffer, den ich mir 1975, immerhin 28-jährig, gleich zu Beginn unserer ersten US-Tournee in New Yorks schicker Fifth Avenue gekauft hatte und der mich all die Jahre auf allen Tourneen und Reisen begleitet hat. Für Tim Barr von der englischen Zeitschrift Future Music wollte ich einige unveröffentlichte Fotos von unseren frühen Auftritten zusammenstellen - da schlug mir der konzentrierte Duft dieser ganzen Pionierzeit unserer Elektromusik entgegen. Ich war wie im Rausch, blätterte und las stundenlang in Stapeln von Dokumenten, sah mir Fotos an und versank unaufhaltsam in einen Trancezustand. Ja, es gibt tatsächlich einen Kraftwerkgeruch für mich, und der ist pixelfein abgespeichert in meinem ›deutschgedanklichen Kulturbeutel‹. Er riecht nach Hotelzimmern aller Kategorien, Flugzeugkerosin, einer multikulturellen Welt, großartigen Erlebnissen und ernüchternden Vorurteilen gegen uns privilegierte Klanglaboranten aus dem modernen Düsseldorf am Rhein. Es ist auch der Chemiegeruch von Pressefotos, privaten Polaroids, kontroversen Zeitungsartikeln aus allen Erdteilen und oftmals gerissenen Filmen meiner alten 8-Millimeter-Schmalfilmkamera Marke Bell & Howell mit Handaufzug. Über diese ›Reliquien‹ legten sich noch die Ausdünstungen oxydierter Messingstäbchen, die ich mir gleich Anfang der 70er Jahre gelötet und mit denen ich unzählige Male für Kraftwerk getrommelt habe.

Der angesehene amerikanische Journalist Dave Thompson schrieb 1997 für das US-Magazin Goldmine einen kenntnisreichen und vergleichenden Artikel über meine frühere Gruppe und mein heutiges Musikprojekt Yamo. Daves Überschrift lautete ›The Heart of Teutonic Soul‹. Wir fachsimpelten leidenschaftlich einen halben Abend lang via Telefon über alles, was war, und das, was ist, während ich ausgerechnet in einem Zimmer des New Yorker Hotels ›Mayflower‹ saß, wo schon Ralf und Florian 1975 während unserer ersten US-Tournee, fein getrennt von Karl und mir, in den eleganten Suiten residiert hatten. Der Journalist beschwor mich eindringlich, meine Geschichte aufzuschreiben. Es gebe unbedingten Erklärungbedarf, weshalb ich meine berühmte Gruppe verlassen habe und warum die Welt danach nichts mehr von ihr zu hören bekam. Da es die meistgestellte Frage vieler seiner Kollegen und Fans an mich in den letzten Jahren war, entschloss ich mich schließlich zu diesem Bericht. Damit man mein romantisches Herz und meine teutonische Seele besser verstehen kann, werde ich weit ausholen und zurückblenden müssen in eine frühe Zeit, als die Lust am Machen und der Spaß am Klang in mir geweckt wurden.

Mit Kraftwerk hatten wir eine neuartige Musik entwickelt, was wir damals schon ein wenig ahnten. Völlig überraschend brachte sie uns Mitte der 70er Jahre in viele Winkel der Welt. Überhaupt nicht vorbereitet, erlebten wir die unfassbarsten Dinge, hatten schöne und schreckliche Erlebnisse und machten wertvolle Erfahrungen fürs Leben. Das Jetten um die Erde und viele Begegnungen schärften meinen Blick für die Natur, die Menschen und uns selbst. Ich verstand schnell, dass Düsseldorf nicht der Mittelpunkt der Erde ist, und entdeckte, dass ich ein Weltbürger bin und mich überall wohl fühlen kann. Aber auch das Heimatgefühl, die Magie unseres Breitengrades und das Nachhausekommen genoss ich. Dass das Reisen nicht für jeden von uns ein angenehmes Erlebnis war, musste ich enttäuschenderweise hinnehmen, und ich betrachtete zehn Jahre später meine Kollegen und mich selbst aus einem kritischeren Blickwinkel. Erste Zweifel kamen mir auf, über das, was mit mir bei Kraftwerk passierte und was wir den Menschen eigentlich brachten. Ich begann zu reifen, und meine Gedanken kreisten irgendwann nicht mehr nur ums Trommeln, ums Erfinden und darum, wie ich wohl bei den Frauen ankomme.

Sie werden beim Lesen feststellen, dass ich oft mehr über das Geschehen am Rande unserer Konzerte und Tourneen berichte, als über Einzelheiten unseres alltäglichen Musikschaffens und Experimentierens. Es waren nämlich gerade die menschlichen Erfahrungen, die sonderbaren Erlebnisse und vermeintlich marginalen Ereignisse auf einem Stück Lebensweg, die mich beeindruckten und nun in meinen Erinnerungen schwelgen lassen. Die Einstellungen unserer Synthesizer oder technische Details unserer Auftritte und Plattenaufnahmen sind für mich weniger berichtenswert. Das ist Handwerk und Routine, so etwas bringt jeder Beruf irgendwann mit sich. Erwarten Sie also bitte kein Buch über VCO-, LFO-, Oszillatoren- oder Filteranalysen. Mein Bericht handelt vielmehr von Kreativität, Wachsamkeit, Kollegialität und Lebensfreude. Verlust und Verrat gehören ebenso dazu, so ist halt das Leben mit anderen. Dass jedoch eine so aufregende und schöne Zeit einmal in einem regelrechten Alptraum für mich enden und dass ein völlig neuer Wolfgang daraus entstehen würde, konnte ich damals nicht ahnen. Und meine Enttäuschung über die Art und Weise, wie zwei Protagonisten mit ihrer einstmals genialen ›Erfindung Kraftwerk‹ schließlich umgingen und nur noch ihren Mythos lebten, mir deshalb dieses Buch - meine persönlichsten Erinnerungen - gerichtlich verbieten lassen wollten, konnte kaum größer sein.

Mit unserer Musik und unseren Visionen hatten wir das Glück, dass wir die Menschen erreichten und von ihnen geliebt wurden. Von vielen habe ich gelernt. Inspiriert von ihren Geschichten, die manchmal zu den meinen geworden sind, habe ich wieder neue Songs für mein Projekt Yamo geschrieben. Das Leben prägt, und je mehr man die Sinne geöffnet hat für die besonderen Kleinigkeiten darin, um so mehr kann man später aus der kostbaren Schatztruhe der Erinnerungen schöpfen.

Wie es ist, auf der Bühne zu stehen, das kannte ich schon lange vorher. Das Erlebnis, beklatscht zu werden, ebenso. Ich hatte mehrere Gruppen vor Kraftwerk, und die waren mir ebenso ans Herz gewachsen, selbst wenn sie nicht sonderlich erfolgreich waren. Es waren aber allesamt meine Bands, also Gruppen, die ich selbst gegründet hatte. Mit Kraftwerk stand mir aber die weite Welt offen, und das war es, außer meinen Erfindungen und meinem minimalen Trommeln, was mich die ganzen Jahre über mit der Gruppe am meisten reizte.

Menschliche Kontakte in vielen Nationen, unzählige Gespräche und die Liebschaften, die so manches Mal daraus hervorgegangen sind, sowie ein universelles Bild von Kulturen, das ich mir selbst machen konnte, ohne es nur aus den Büchern herauszulesen – all das brachte mir großartige Erfahrungen, die mir später nach meiner schmerzlichen Trennung auch geholfen haben, einen Weg zu mir selbst, zu Lust und zu Klang meiner eigenen Musik zu finden. Mein Weg mit Kraftwerk war bestimmt einer der verrücktesten und schönsten. Dieses Buch soll all jene ermutigen, die ebenfalls spät im Leben ihr eigentliches Ziel erkannt haben und Zufriedenheit aus dessen Verwirklichung schöpfen, wie ich es heute tue. Die Parole lautet: Nie ist es zu spät für etwas Neues, nie für etwas Besonderes. Mit Kraftwerk versuchten wir immer, unseren Fans etwas Besonderes zu bieten. Modernität und Eigenständigkeit sind gerade heute wieder mein persönlicher ›Guiding Ray‹. Ich möchte mich den Worten von Brian Wilson anschließen, der da einmal sagte: »Vergesst nicht, dass unsere Musik immer aus Liebe zu euch gemacht wurde.«

Und übrigens: Meine Berichte stellen meine ureigensten Meinungen und Gefühle dar. Sie unterscheiden sich gewiss von denen meiner früheren Kollegen, und es gäbe sicher vier sehr unterschiedliche Kraftwerk-Bücher, wenn wir jeder eines geschrieben hätten.

Wolfgang Flür, Juni 1999

Wer mit dem Strom schwimmt, erreicht den großen Musikdampfer, wer gegen den Strom schwimmt, erreicht vielleicht die Quelle.

(Paul Schneider-Essleben, Vater von Florian Kraftwerk)

»Junge, du machst das schon richtig«.

(Heribert Flür - mein Vater im Alter von 83 Jahren)

I

STATIONEN EINES MUSIKALISCHEN LEBENS

1

HÖCHSTE HEITERKEIT - ZUFÄLLE, DIE GIBT ES NICHT

Düsseldorf, 1. Januar 1999 +++ Was für eine magische Zahl dieses neue Jahr repräsentierte! Für mich war sie viel aufregender als die des nächsten mit den vielen Nullen, vor denen die Leute solch rätselhafte Panik haben. In der Silvesternacht hatte ich mich warm angezogen und im Düsseldorfer Norden einen langen besinnlichen Spaziergang entlang des Rheins gemacht, um die herannahende frische Zeit zu beschnuppern. Am späten Vormittag des Neujahrstages lag ich noch immer in meinem warmen Bett und döste köstlich vor mich hin, als ich plötzlich anfing, über den Sinn des Lebens nachzudenken - meines Lebens. Das tat ich nicht zum ersten Mal. Aber selten habe ich so klar gesehen. Ich dachte auch über die Arbeit an meinem neuen Yamo-Album nach, das ganz den Themen großer Heiterkeit gewidmet ist. Und ich erinnerte mich vergangener Jahre, von denen einige nach meinem freiwilligen Abgang bei Kraftwerk nicht unbedingt zu denen gehörten, die leicht zu bewältigen waren. Und genau das stimmte mich nachdenklich. War mir das Bewältigen etwas Unangenehmes? Bringe ich mein Leben überhaupt nur irgendwie hinter mich, oder empfinde ich dieses Bewältigen sogar als Glück? Was macht mich denn überhaupt glücklich? Viele suchen ihr Glück in einer bindenden Partnerschaft und halten sich darin aneinander fest, weil ihnen ihr Leben solche Angst macht, dass sie beim Bewältigen ständig jemanden zum Festhalten brauchen. Auch Kraftwerk war für mich einmal eine bindende Partnerschaft, in der ich mich gestützt fühlte, in die ich aber auch viel von mir investierte. Beinahe aber hätte ich mich selbst aus den Augen verloren, wenn die anderen es mir am Ende nicht - ohne dass es ihnen wohl bewusst war - leicht gemacht hätten, loszulassen und für die Zukunft ohne ihre ›Stützräder‹ meine eigene Ballance zu finden. Was für ein Gefühl der Erleichterung das heute für mich bedeutet, kann ich mit Worten gar nicht beschreiben. Ich arbeite nun mit unabhängigen jungen Künstlern, lebe lange allein, ohne mich einsam zu fühlen, und bin gar nicht unglücklich dabei, denn ich lebe sehr bewusst, genieße frische Freiheit, und lasse mich von den feinen Lebensgefühlen nicht abbringen.

Ich gehöre zwar auch zu den Menschen, die Extreme des Lichts und der prallen Farben lieben, aber gerade Pastelltöne und das Zwielicht, das den Tag nicht lassen möchte und die Nacht doch schon sucht, haben mich immer am meisten berauscht und inspiriert. Diese tägliche Wahrnehmung von Veränderung und der Übergang von Feinheit zur Sättigung und wieder zurück zur Blässe, gehen mir über alles. Das aufmerksame Empfinden, dieses köstliche Erkennen, das sich immer wieder in mir ausbreitet, ist alleine schon mein Leben wert. Es kann nur Freude daraus folgen, Freude am Erleben. Ich sehe mit fühlender Hand, mit Winden mach ich mich bekannt, früh schmecke ich die Zeit, hör in den Tag, mach mich bereit. Wie berührend ist eine liebevolle Begegnung! Sie bereitet höchste Heiterkeit überhaupt. Es ist ein kaum fassbares Glück, dass dies jeden Tag aufs Neue funktioniert, immer wieder anders und deshalb neu.

Es gibt Millionen von Menschen, die sich nach Unsterblichkeit sehnen - die aber nicht wissen, was sie an einem verregneten Sonntagnachmittag anfangen sollen.

(Maurice Chevalier)

Aber was hat das alles für einen Sinn, wenn ich so schnell wieder unsere schöne Erde verlassen muss? Wozu das Ganze? Eine sonderbare Spezies hat diesen Planeten wie eine Naturkatastrophe befallen und ich fürchte, so kontrovers und raubsüchtig wie sich der Wurm Mensch verhält, wird er auch nicht lange bleiben können. Ein kurzes Gastspiel vielleicht, dann wird bestimmt wieder etwas ganz anderes mit dieser liebenswerten, im Raum schwebenden blauen Kugel geschehen, die sich, aus der Ferne gar wunderlich betrachtet, von solch ulkigen Kreaturen betrampeln lässt, die sich ihren eigenen Namen geben, sich gegenseitig erkennen und so etwas skurriles haben können, wie Langeweile. Wesen, die auch Stimmungen haben, in denen sie sich halb totlachen. Welche, die singen, selbst gebaute Musikinstrumente spielen und sich ihre Sinne am liebsten von einer der unbegreiflichsten Sachen der Welt verdrehen lassen - Humor. Und welche, die Spaß daran haben, aus purem Unsinn gehörig viel Krach zu schlagen, ja, richtig schön unnütz zu sein. Wer will da nicht ‘ne zeitlang dabeisein?

Die gierige Menschheit will mehr als das Leben, sie will auch noch ins Paradies ...

Für mich ist es einfach aufregend, diese kontroversen Wesen zu beobachten und alles um mich herum wahrzunehmen. Ein Augenblick von dem, was gerade ist, von Licht und Klang im dunklen All. Zu neugierig hat er mich gemacht. Schönheit, Freude und Liebe sind das, was uns am Leben hält, was wir brauchen, was wir geben müssen. Die Wahrnehmung von Freude, die ich empfange und bereite, gibt dem Leben einen Wert. Ich gehöre einfach dazu – jetzt – denke gar nicht daran, meine Periode als Last zu empfinden, es einfach nur so zu bewältigen und mein Glück im Anschaffen von lästigem Eigentum zu suchen. Das gierige Habenwollen ist doch nur dumpfer Rausch. Wofür strengen sich da so viele so verkrampft an und wirken dennoch unzufrieden und mürrisch? Ich finde es erschreckend anzusehen, wie wenige meiner Artgenossen einfach glücklich sind über das pure Gefühl ihres Daseins. Ich jedenfalls freue mich täglich über meine Lebendigkeit und meine Empfindungen. Pures Leben ist mein Luxus, Fantasie mein Reichtum, und im Himmel bin ich schon jetzt, während ich lebe. Zum Genießen sind wir schließlich da, atmen doch ständig von der köstlichen Substanz Atmosphäre, die wir so gern als ›unser blauer Himmel‹ bezeichnen. Auf was sonst noch warten da so viele und klammern sich an unverschämte Versprechungen ihrer selbst auferlegten Religionen, die sie vom schweren Bewältigen ihres Alltags erlösen sollen? Die gierige Menschheit will mehr als das, sie will auch noch ins Paradies – ihr Supermarkt der Belohnung für Lebensbewältigung. Dass ich nicht lache! Man sollte ihnen am besten dort noch Rabattmarken in Aussicht stellen ...

Schnell ist die privilegierte Zeit der Wahrnehmung wieder vorbei und manche haben nicht mitbekommen, dass das Göttliche in ihrer eigenen Kreatürlichkeit ruht. Man muss sich erst einmal selbst entdecken, liebhaben und ernst nehmen. Und wenn man das dann kann, geht es auch besonders gut mit anderen.

Mein Glück zu zeigen, ist jedenfalls ganz normal für mich. Musik ist dabei ein beschwingtes Medium, mit dem ich mich ausdrücken und Freude vermitteln kann. Ich will es wenigstens versuchen, denn ich habe von Anfang an so viel davon.

Als meine Mutter noch lebte, erzählte sie mir einmal, dass ich als Fünfjähriger meinem Zwillingsbrüderchen beim Spielen folgende Frage gestellt haben soll:

»Winfried, bist du eigentlich froh, dass es dich gibt?«

Mein Bruder soll daraufhin lange nachgedacht und dann fast weise geantwortet haben:

»Ja, Wolfgang, ich bin eigentlich auch ganz froh, dass es mich gibt.«

Woraufhin ich ihm beigepflichtet hätte: »Ich nämlich auch.«

Schon früh habe ich wohl Gleichheit gesucht - dass andere neben mir ähnlich glücklich und zufrieden sind. Winfried hatte immerhin noch ein zögerliches ›eigentlich‹ in seine Antwort eingeflochten, war immer ein wenig nachdenklicher, war stiller als ich. Mein Bruder hat sein Leben den Menschen und ihrem Wohlergehen gewidmet. Heute ist er als Arzt bei seinen Patienten sehr beliebt. Wir können unseren Eltern nur dafür danken, dass sie uns reichlich Glücksgene und ein emphatisches Empfinden vererbt haben. Und wenn ich sterben muss, dann ist mein Paradies abgelaufen, dann werde ich traurig sein, dass ich keine Freude mehr schenken und nicht mehr wahrnehmen darf. Keine Farben mehr fühlen, kein Licht mehr schmecken, keinen Duft mehr greifen, keine Haut mehr streicheln, keine Stimmen mehr trinken, kein Lachen genießen, nicht Tränen mehr gießen – das stelle ich mir fürchterlich vor.

2

KHATCHATURIAN IM FIEBER - KLICKERN, KNISTERN, FLÜSTERN

Frankfurt am Main, 17. Juli 1951 +++ Im zarten Alter von vier Jahren begann mich alles zu faszinieren, was klingt und tönt. Ich tippte, klopfte und schnippte gegen sämtliche Materialien, die mir unter die Finger kamen, um deren Klang zu erforschen. Musikinstrumente wurden bei uns zu Hause nicht gespielt. Gesungen wurde nur gezwungen unter dem Weihnachtsbaum, also nur einmal im Jahr, und ich erinnere mich mit Unbehagen, dass das immer krampfig war.

Als Zwilling und dritter Sohn meiner Eltern Hildegard und Heribert 1947 im zerbombten Frankfurt am Main geboren, spielte ich mit meinen Brüdern und den Nachbarkindern am liebsten auf den umliegenden Trümmergrundstücken. Dabei konnte man allerlei Unbekanntes und Tönendes finden. Natürlich lag auch Gruseliges und Gefährliches unter den mit Unkraut und hohen Pflanzenstauden überwucherten Steinhaufen der zerbombten Wohnhäuser in unserer Straße. Gefährlich waren die Entdeckungsreisen in dunkle Keller allemal. Regelmäßig brachten wir Schürf- und Platzwunden an Armen und Beinen mit nach Hause. Gewagte Kraxeleien versetzten unsere armen Eltern oft genug in Angst und Schrecken.

Da es an der Zeit war, wieder alles aufzubauen, was unsere Eltern sich hatten zerstören lassen, gab es kaum Spielzeug. Die ruinierte Wirtschaft hatte nur wenig Ausstoß und wir Kinder mussten uns unsere Spiele selbst ausdenken. Der Fantasie waren dabei kaum Grenzen gesetzt. Die Sommer waren heiß und wir brauchten nicht viel. Jeder hatte so wenig wie die anderen und es gab deshalb auch nichts, was wir uns gegenseitig hätten neiden können. Außer Sandalen und den obligatorischen Lederhosen, die viel zu groß um unsere dünnen Leiber schlenkerten, hatten wir nichts auf dem Leib.

Wir hielten uns am liebsten auf den Straßen auf, wo wir gar zu gerne nachmittags auf den gelben Eiswagen warteten, der, von zwei Pferden gezogen, die Familien mit Kühleis versorgte. Für zehn Pfennig schlug der Fuhrmann gekonnt abgezirkelte Stücke von meterlangen gefrorenen Wasserbarren mit dem Hammer ab, und warf sie in die von uns bereitgestellten Zinkeimer. Kleine kalte Splitter flogen dabei glitzernd durch die warme Sommerluft und fielen auf den Boden. Sie waren unsere Beute. Gierig prügelten wir uns um sie und lutschten sie schnell weg. Das Knirschen und Knacken der kristallenen Eisstangen übte eine ungeheure Faszination auf mich aus.

Vater war im Krieg bei der Luftwaffe gewesen. Aus der Gefangenschaft in Belgien hatte er von den Amerikanern Swingmusik auf leicht zerbrechlichen Schellackscheiben mitgebracht – von Benny Goodman, Glenn Miller und Duke Ellington. Er spielte sie auf einem hölzernen Koffergrammophon in unserer Sachsenhauser Wohnung ab. Dazu musste er umständlich eine Stahlnadel in den Führungsschlitz des hohlen blechernen Tonarms stecken und sie mit einer Schraube an der Membran des Tonabnehmers festziehen. Dann drehte er an der Seite mit einer Kurbel und zog das Federwerk für den Laufmotor auf, um einige Minuten Drehzeit des mit schwarzem Filztuch belegten Plattentellers zu erreichen. Er öffnete nun im unteren Teil des Holzmöbels zwei kleine Türen, hinter denen sich ein gefaltetes Horn befand, das die Musik entließ. ›In The Mood‹ von Glenn Miller war damals der Hit, den man ständig auf AFN, dem Soldatensender der amerikanischen Besatzer hörte.

Der schwarze Musikkasten war aufregend für uns Kinder, aber es war uns strengstens verboten, das wertvollen Gerät anzufassen. Die krächzende Musik, die daraus hervorkam und die perfekte Mechanik des Uhrwerks faszinierte uns aber derart, dass wir uns oft über das Grammophon hermachten, sobald die Eltern einmal nicht da waren und vergessen hatten, das Wohnzimmer abzuschließen, in dem der Kasten repräsentativ aufgebaut stand. Meist wurde aber abgeschlossen. Mein Zwillingsbruder und ich waren gnadenlos neugierig und geschickt. Mit einem selbstgebastelten Dietrich bekamen wir immer wieder die Tür zum ›Schönzimmer‹ auf, in dessen Kredenz es auch ein Barfach mit Eierlikör gab. Ziemlich regelmäßig naschten wir von der süßen Creme und füllten danach den Schwund mit Milch auf. Ich war besonders gierig und konnte nicht genug davon bekommen. Ich verlängerte und verlängerte die süße Brühe, bis sie ganz blass aussah und völlig laff schmeckte. Irgendwann flog der ganze Schwindel auf und Vater legte mich heftigst übers Knie. Keinen Ton gab ich dabei von mir. Zu stolz war ich, dem Alten meinen Schmerz zu zeigen. Ich verachtete ihn für seine feige Tat, die er nur für seine Frau ausführte, um ihr den starken Mann zu mimen. Früh merkte ich, dass Vater ein schwacher Mensch war, der sich nicht gut durchsetzen konnte. Früh merkte ich auch, dass es ihm gar keinen Spaß machte, mich zu verhauen. Er tat es wohl mehr für meine Mutter, die Zucht durch ihn für mich erwartete. Mutter hatte auf jeden Fall die Hosen an in unserer Familie, und ich sehe sie immer noch in ihren eleganten Kleidern und beim Lackieren der Fingernägel vor mir. Heimlich beobachtete ich sie manchmal durchs Schlüsselloch beim Anziehen ihrer scharfen Unterwäsche, die ich auch schon mal selbst überstreifte, wenn sie fort war. Schön glatt und kühl fühlten sich die seidigen Fetzen auf meiner Haut an und ich drehte mich lustvoll von allen Seiten betrachtend vor dem Spiegel. Ja, ich hatte Spaß an mir.

Vor dem Schlafengehen holte uns die Urgroßmutter, die gemeinsam mit uns den zweiten Stock ihres Hauses in der Rubensstraße bewohnte, in ihr riesiges, mit Möbeln vollgestopftes Zimmer, setzte uns an den großen Esstisch mit der Samtdecke drauf und las uns unter ihrer riesigen Lupe aus Grimms Märchen vor. Dabei zog die alte Dame die Deckenlampe an der Schnur ganz tief über den Tisch herunter, damit es schön schummrig im Zimmer wurde. Lange, mit Glasperlen beknüpfte Fransen des pendelnden Lampenschirms warfen dabei gespenstische Schatten und bizarre Glitzerreflexe auf das weiche Tuch. In der Nähe des Erkerfensters stand der eiserne Kohleofen, auf dem die Uroma gern Äpfel schmorte. Das ganze Zimmer roch dann lecker nach Backobst und getrockneten Pflaumen, die mit Zahnstochern zu kleinen Männchen gesteckt auf der Kredenz aufgereiht waren. Dort stand auch der quadratische schwarze Volksempfänger, vor dem die wache Frau oft saß, um den Nachrichten und den Reden unsers ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer zu lauschen. Sie verehrte ihn über alle Maßen. »Der einzige gescheite Mann in Deutschland«, das war ihre feste Überzeugung. Die abendliche Atmosphäre war äußerst sinnlich und öffnete uns für die Geschichten, die wir zu hören bekamen. Man kann sich denken, was aus Kindern wird, denen in solch gemütlicher Atmosphäre die schönsten und gruseligsten Märchen zelebriert werden. Eine bessere Lehre für unsere Fantasie konnten wir nicht bekommen.

Unser Vater förderte noch diese sinnliche Ausbildung dadurch, dass er uns ständig fotografierte und kleine Filmchen mit uns drehte. Er war Mitglied in einem Frankfurter Filmclub, der regelmäßig Wettbewerbe veranstaltete, an denen er sich mit der ganzen Familie und mit Freunden beteiligte. Das waren immer die aufregendsten Stunden, wenn wir uns verkleiden durften und uns wie kleine Stars fühlten. Ich selbst war dann kaum zu bremsen und brachte oft alle zum Lachen oder zur Verzweiflung, weil ich kein Ende finden wollte.

Gelacht wurde überhaupt viel in unserer Familie. Meine Mutter war eine äußerst temperamentvolle und lebenslustige Frau, die mit ihrem Mann gern Freunde einlud und ausgelassene Feste feierte. Dabei lauschten wir Kinder abends in unseren Bettchen der rhythmischen Musik aus lateinamerikanischen Ländern. Samba, Rumba, Cha-Cha-Cha, Mambo und Foxtrott - ich habe ihre Lebendigkeit heute noch im Ohr. Am fröhlichsten war immer der Freitag. Das war unser Badetag. Wir Kinder wurden dann gleichzeitig in die Wanne gesteckt und von Vater abgeschrubbt. Das Wasser musste vorher umständlich in einem Badeofen mit Brikettfeuer erhitzt werden. Beim Waschen ging es natürlich auch nie ohne Theater ab. Schauspielern und die Selbstdarstellung waren überhaupt unsere Lieblingsbeschäftigungen.

Träumen und Trödeln war indes etwas, dem ich mich zum Leidwesen meiner Mutter zu oft und zu gerne hingab. Immer war ich mit meinen Gedanken irgendwo anders, aber bestimmt nicht bei den ›vernünftigen‹ Dingen, und musste deshalb meist hart in die Wirklichkeit zurückgerufen werden. Bei der Oma genossen wir aber alle Freiheiten. Ich konnte voller Entzücken am Piano sitzen und die Klaviersaiten bearbeiten. Es war jedoch kein richtiges Musizieren, eher ein ungestümes Draufloshämmern auf die geduldigen Tasten. Mein rhythmischer Krach muss ein Greuel für die ›Grossi‹ gewesen sein, denn sie floh dann meistens in ihre Küche und trank ein Piccolöchen für ihren Blutdruck.

Eine schwarze ›Adler‹ entdeckte ich auch bei ihr, eine riesige Schreibmaschine. Es machte mir den größten Spaß, auf der Tastatur herumzuhacken und beim Zeilenumbruch auf den erlösenden Klingelton zu warten. Toll sahen die Wortbildungen hinterher auf dem Papier aus, einfach grotesk. Es war aber mehr der Klang und der Rhythmus der metallenen Typen, die mich beim Schreiben belebten. Takt geben und Zeichen setzen war meine Sache geworden, ohne dass ich damals auch nur ahnen konnte, wie ich später, viel später, jahrelang auf die Tasten hauen würde, um meine eigenen Geschichten aufzuschreiben oder diesen Bericht.

Uroma liebte ich am allermeisten. Sie hatte immer tolle Geschichten für uns parat, gruselige und schöne. Im Sommer durfte ich manchmal bei der gebildeten Frau Ferien machen. Sie hatte ein Häuschen in Filsen, einem katholischen Flecken direkt am Rhein, gegenüber von Boppard. Dort am Hang der rheinland-pfälzischen Weinberge lag der Ort, ärmlich gewachsen um die schlanke Dorfkirche herum, eingezwängt zwischen der alten Rheinuferstraße und den Gleisen der Bundesbahn, die damals noch mit fauchenden Dampfloks fuhr. Wie von einem Messer geschnitten, klaffte die Trasse mitten durch den schmalen Ort. Einen einzigen Bahnübergang gab es, und wenn der Stellwärter aus seinem Häuschen herauskam und seine Uniformmütze aufsetzte, um mit einem Klingeln die Barrieren per Handarbeit herunterzukurbeln, dann lief für einige Zeit erst einmal nichts mehr. Filsen war in zwei Teile zerschnitten.

Mit dem Küster der Kirche war die fromme Uroma lange befreundet, und sie schickte mich stets abends um sechs Uhr zu ihm in sein Gotteshaus, um die Glocke zu läuten. Das war vielleicht ein Spaß. Am dicken, geknoteten Seil zog ich mit meinen dünnen Ärmchen so lange und rhythmisch, bis ich mich an ihm festhalten und durch den Schwung der schweren, gusseisernen Form hinaufziehen lassen konnte. Ich wog ja nichts, und die Glocke hatte gar keine Last mit mir. Es ging bestimmt zwei Meter hoch. Schon damals wurde ich vom Küster für meinen ordentlichen Rhythmus gelobt: »Junge, du machst das ja besser als ich selbst.«

Nach meinem klangerzeugenden Kraftakt musste ich in einem Stall, der direkt an die Kirche angebaut war, die Ziege des Küsters melken. Stolz lief ich dann, die dampfend warme Milch in einer randvoll gefüllten Porzellantasse balancierend, die staubigen Gassen hinab zum Haus der Urgroßmutter. Oft kam ich aber nur mit der Hälfte des Tasseninhalts an. »Mein Elixier für‘s Altwerden«, klärte mich die Kluge verschmitzt auf.

Und wenn es Abend wurde, dann setzte sie sich oft noch mit mir auf das niedrige Mäuerchen der alten Bundesstraße, auf der damals kaum Autos fuhren, höchstens hundert Meter vom Haus entfernt, und wir schauten lange auf die behäbig vorbeituckernden Passagierschiffe der weißen ›Köln-Düsseldorfer Raddampfer‹ und tief im Wasser schnaufenden Schlepper, die an langen Stahltrossen mit Gütern beladene Lastkähne hinter sich herzogen. Je näher sie an uns vorbeifuhren, um so größer war unsere Freude über ihre Wellen, die bedrohlich klatschend unser Ufer überschwemmten. Wie konnte sie sich mit mir freuen, die großherzige Oma, und wie liebte ich diese innigen Tage in Filsen, wo ich die Gute einmal ganz für mich alleine hatte. Nie hätte ich sie hergeben wollen, doch Jahre später wurde die alte Dame noch mit 88 Jahren auf derselben Straße beim Überqueren von einem Auto angefahren und brach sich beide Beine. Wir dachten alle, sie käme nicht mehr aus dem Hospital, jedoch - es war nicht zu fassen - nach einigen Wochen humpelte die Tapfere wieder an einem Spazierstock aus dem Krankenhaus und fuhr geheilt nach Hause. Sie war einfach nicht klein zu kriegen und wurde wegen ihrer robusten Natur 96 Jahre alt. Solch ein geniales Alter, verbunden mit ihrem wachen Geist, würde ich mir selbst wünschen. Uroma Katharina war eben ein echtes Vorbild an Lebenslust und Stärke.

Koblenz, 1955 +++ Die Familie war inzwischen vom hessischen Frankfurt nach Koblenz gezogen, der Stadt am Deutsche Eck, spitz eingezwängt zwischen Mosel und Rhein, umrahmt vom Karthäuser Bergrücken und der gegenüber liegenden Festung Ehrenbreitstein. Das berühmte Denkmal auf dem nördlichsten Zipfel der Stadt, wo sich die beiden europäischen Flüsse treffen, hatte damals noch nicht wieder seine im zweiten Weltkrieg zerstörte Kaiser-Wilhelm-Reiterstatue in Bronce zurückerhalten. Das Bauwerk war noch bis 1993 nur ein steinerner Sockel, und der sah wie ein Zahnstumpf aus, dem oben was fehlte.

In Koblenz hatte mein Vater eine bessere berufliche Stellung als Augenoptiker angenommen. Hier hatte mir meine Patentante einmal eine Hohner Mundharmonika mitgebracht, die mein ständiger Begleiter wurde. Das Instrumentchen hatte mich regelrecht mit Musik infiziert. Es zu spielen war schnell gelernt, und da es klein war, konnte ich es immer in meiner Hosentasche bei mir tragen. Auf sonntäglichen Spaziergängen, die unsere Eltern oft mit uns durch die Rheinwiesen nach Braubach und Schloß Stolzenfels machten, habe ich gern kleine Melodien gespielt, die oft von einer leidenschaftlichen Melancholie geprägt waren. Meinem Zwillingsbruder gefielen sie anscheinend besonders gut, denn er prophezeite mir schon im Alter von acht Jahren: »Du wirst bestimmt einmal weltberühmt, Wolfgang.« Da konnte ich mir überhaupt nichts drunter vorstellen, was das ist - berühmt sein.

Größten Spaß hatten wir Jungs auch, wenn wir nach dem Zubettgehen noch im Radio spannenden Hörspielen lauschen durften. Das Licht war in unserem Zimmer bereits gelöscht; nur die magisch grüne Glasscheibe mit den Radiosendern und dem Pegelanzeiger des Empfängers beleuchtete schwach die Kommode, auf der er stand. Die Dunkelheit ließ unsere Vorstellungskraft aufblühen, während wir den Stimmen der Darsteller und den Geschichten lauschten. Heute weiß ich, dass das besser war als jedes Fernsehen, weil wir uns die Figuren, die Landschaften und Geschehnisse allesamt in unseren Köpfen selbst ausmalen mussten.

Dämmerlicht und zarteste Geräusche liebte ich besonders beim samstäglichen Beichtgang in unserer katholischen St.-Joseph-Kirche. Dem neugierigen Kaplan im intimen Beichtstuhl meine Sünden der Woche zu verraten, war hingegen für mich immer äußerst beschämend. Aus Wut log ich ihm deshalb oft schlüpfrigste Verfehlungen gegen den christlichen Katechismus vor, so dass ihm hinter dem aus Holz geschnitzten Gesichtsgitter die Schweißperlen auf die Stirn traten. Wir hatten die perfekte Symbiose. Er wollte ausführlichst ›diese Schmiersachen‹ gebeichtet bekommen, ich dagegen wollte eine lange Bestrafung erreichen. Zehn ›Vaterunser‹ und noch einmal zehn ›Gegrüßet seist Du, Maria‹ waren das Mindeste, was ich als Buße suchte. Dann flitzte ich zufrieden aus dem Beichtstuhl und suchte mir auf der Frauenseite eine Alte, die sich dort zum Gebet niedergelassen hatte. Ich kniete mich ganz nah neben sie in die Bank und faltete meine Händchen, kaum fähig über die Kirchenbank zu reichen. Ich schloß meine Augen und konzentrierte mich ganz auf das Geräusch ihrer flüsternden Lippen. Die Frauen beteten ganz leise ihren Rosenkranz, der aus Glasperlen aufgefädelt war. Das leise Klickern der Perlen und ihr Flüstern war es, was ich suchte. Im spätnachmittäglichen Halbdunkel der Kirchengewölbe und im Anblick des rubinroten ewigen Lichts auf dem Hochaltar und berauschender Farben der buntgläsernen Kirchenfenster hatte ich es einmal erlebt, wie eine Frau, nachdem sie ihren Mittelfinger zärtlich an der Zungenspitze beleckt hatte, so sanft das Seidenpapier ihres kleinen, goldumrandeten Gebetbuches umblätterte, dass mir das zarte Knistern der hauchdünnen Seiten eine genüßliche Gänsehaut und einen steifen Penis bereitete. Ich suchte mir immer wieder diese lustvolle Gelegenheit aus Klickern, Knistern und leisem Geflüster. Wohlige Schauer liefen mir jedesmal den jungen Rücken herunter, und ich konnte nicht genug davon bekommen. So war ich immer froh, wenn ich lange Buße tun durfte, konnte ich mich doch immer wieder dieser sündigen Lust aus zartem Hören hingeben und vor allem länger draußen bleiben.

Mit zehn entdeckte ich die weite Welt des Transistors. Mein großer Bruder hatte von der Schule ein paar Teile mitgebracht, einen Kristalldetektor, eine Diode, eine kleine Spule und ein Potenziometer, mit denen man ein funktionierendes Radio zusammenlöten konnte. Über eine simple Antenne war das Gedrähte tatsächlich fähig, Radiowellen aus dem Äther einzufangen, die man dann per Kopfhörer in die Lauscher schicken konnte. Ich glaube, wir bekamen nur Mittel- oder Langwelle herein, und die kratzte und rauschte ganz schön. Aber mit Geduld und Fingerspitzengefühl am Poti gedreht, konnte man durchaus etwas Hörbares erreichen. Das war höchst spannend. Mit solch wenigen Teilen ein eigenes kleines Radio zu bauen und richtig Töne zu hören, die von irgendwoher weit draußen kamen, das haute mich echt um, das brachte meine Fantasie zum blühen. Ich wollte nun unbedingt, wie das bei Geschwistern ja immer so ist, ein eigenes ›Spion-Radio‹ haben, wie ich es nannte. Kurz darauf, das war so um 1957, entdeckte ich dann auf dem Schulweg im Schaufenster eines Radiohändlers die Perfektion der physikalischen Hausaufgabe meines Bruders - ein modernes japanisches Transistorradio. Es hatte sogar schon einen kleinen eingebauten Lautsprecher und eine verchromte Teleskopantenne. Auf dieses Kästchen hatte ich es abgesehen wie wild. Ich weiß noch ganz genau, dass es etwas mehr als zehn Mark gekostet hat - eine Unmenge Geld für mich - und es war aus weißem Plastik mit einem gerasterten Tuningrad hinter einer im Deckel eingelassenen Lupe, auf der man die vergrößerten Frequenzzahlen der Sender ablesen konnte. An einer hübsch geflochteten Schnur hielt man das kleine Gerät in der Hand und ich konnte so schön damit angeben, wenn ich draußen herumlief. Das war modern und es schmückte mich vor meinen Freunden. Zusätzlich besaß es noch einen Ohrhöhrer, mit dem ich abends unter meiner Bettdecke, verborgen vor meinen Brüdern, die Sender durchforsten konnte. Am liebsten hörte ich die Kurzwelle. Da kamen fremde Sprachen und neue Klänge aus aller Welt herein. Dabei entdeckte ich, dass ich viel Spaß hatte an Musik unterschiedlichster Art. Im abgelegensten Winkel des großen Gartens meiner Oma hatte ich mir hinter den Stachelbeersträuchern eine Geheimecke ausgesucht, in der ich mich sonntagnachmittags stundenlang aufhielt und am Pegelrad drehte, immer auf der Suche nach einem fremden Klang. Menschliche Stimmen hatten es mir besonders angetan. Die hatten was zu melden, selbst wenn ich es inhaltlich oft nicht verstand.

Einmal war ich erkältet und musste mit hohem Fieber im Bett bleiben, während mein Zwillingsbruder ohne mich zur Schule ging. Im Kinderzimmer hörte ich in unserem großen Radio Marke Saba in der Fieberhitze Aram Khatchaturians ›Säbeltanz‹ aus dem Monolautsprecher. In meiner blühenden Fantasie sah ich die Derwische auf ihren Pferden durch die Puszta wirbeln und mit den Säbeln rasseln. Die Komposition hatte etwas gerührt in mir, das meiner Seele nah war. Was ich spürte, wollte ich immer wieder spüren. Eine Schallplatte musste auf mein heftiges Drängen hin besorgt werden, und von da an nervte ich meine Geschwister mit dem ständigen Abspielen des ungestüm dramatischen Epos auf unserem Phillips-Plattenkoffer, den mein älterer Bruder im Kinderzimmer zum Hören seiner Schlagerplatten benutzte.

Khatchaturians Komposition gefiel mir viel besser als der nachgeäffte Rock‘n‘Roll des Schlagersängers Peter Kraus, den mein Bruder gerne hörte. Gregor hatte schon früh ein Telefunken-Tonbandgerät. Mit diesem TK 17 haben wir bald unsere eigenen Hörspiele inszeniert und mit Geräuschen ausgeschmückt. Alles was sich mit dem Mikrofon aufnehmen ließ, sammelten wir ein, und wir erzählten selbst erfundene Geschichten mit verstellter Stimme. Mein Interesse an Klängen wuchs ständig. Ich wollte bald ein Instrument spielen. Eine Trompete sollte es anfangs sein, weil die so laut war. Dann wollte ich ein Klavier haben, später wiederum eine Gitarre. Aber bei meinen konservativen Eltern fand ich zunächst kein Gehör für derlei Zeitvertreib. Außerdem verdiente mein Vater damals nicht so viel Geld, als dass er mir meine ständig wechselnden Instrumentenwünsche ohne Weiteres hätte erfüllen können.

Familienbilder

3

VOM BEATNIK ZUM MOD

Düsseldorf, April 1958 +++ Meine Familie zog vom Deutschen Eck in der grünen Rheinlandpfalz in die gläserne Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen, und als ich vier Jahre später getrennt vom Zwillingsbruder auf einer der Realschulen Düsseldorfs war, unterstützte unsere blonde Englischlehrerin die Musizierlust ihrer Jungs mit Begeisterung und Weitsicht. Wir mochten die attraktive Menzen, die uns pubertierenden Bengels so gern ihre scharfe Figur präsentierte. Dazu setzte sie sich beim Abfragen der Vokabeln vor der ganzen Klasse auf das Lehrerpult und schlug ihre wohlgeformten Beine übereinander. Ihr enger Kostümrock rutschte dabei oft gefährlich hoch und ich nahm das reibende Geräusch ihrer Nylonstrümpfe wahr, das mir eine wohltuende Gänsehaut bereitete. Durch den erotischen Einfluss unserer hübschen Lehrerin waren wir alle sehr gut in Englisch, denn wir liebten ihren ungezwungenen Unterricht. Die Menzen gewann uns dafür, eine Band zu gründen, um die Lieder zu begleiten, die wir in ihren Stunden manchmal zusammen sangen. Korrekte englische Aussprache sollte dabei geübt werden. Gospels wie, ›Swing Low, Sweet Chariot‹ oder ›My Bonny Is Over The Ocean‹ waren beliebte Übungen. Mein Banknachbar Rüdiger spielte dabei eine Klampfe, unser Klassensprecher Hans-Peter rasselte mit Vaters Rumbakugeln, der hübsche Jürgen spielte Banjo und ich meine Mundharmonika, der wir hinten ein Mikrofon angeklebt hatten und sie damit über den Plattenspielereingang unseres Radios verstärkten. Wir hatten unsere erste Combo gegründet - die Bellows. Im Radio spielte gleichzeitig der erste Beatlessong ›Love me Do‹.

Und noch etwas Aufregendes geschah 1962: An einem milden Märzabend hörte ich zum ersten Mal den sensationellen neuen Stereoton. Es war die revolutionäre Erfindung genialer Toningenieure, welche das zukunftsweisende Medium in jenem Jahr auf der Berliner Funkmesse der Welt präsentierten. Gregor, mein älterer Bruder, war durch seine Messdienertätigkeit in unserer St. Rochus Pfarrei mit dem jugendnahen Pfarrer befreundet, und dieser hatte bald den ersten Stereo-Kofferplattenspieler von Dual gekauft, auf dem er uns Jungs im Versammlungszimmer des Pfarrhauses die ›Nussknackersuite‹ von Peter Iljitsch Tschaikowsky und Bedrich Smetanas ›Die Moldau‹ vorspielte. Mann, war das ein ergreifendes Erlebnis! Kann sich heute kaum noch einer vorstellen, wie wir früher immer Mono gehört haben. Und nun konnte man im Panorama zwischen zwei in reichlich Entfernung von einander aufgestellten Lautsprecherboxen richtig orten, wo die einzelnen Instrumente im Orchester platziert waren. Die musikalisch-technische Demonstration war ein Hochgenuss für uns Jugendliche und sie beeindruckte mich so nachhaltig, dass ich den Erfindern auf meinem Time Pie-Album sogar einen Song widmete - ›Stereomatic‹.

Meine Eltern hatten in Düsseldorf-Lohhausen einen Schrebergarten. Einmal kam ich auf dem Weg von dem Gelände am Vereinshaus der Gartenanlage vorbei, da probte dort, gut sichtbar hinter einer großen Glasscheibe, eine elektrisierende Gitarrenband. Es waren schon erwachsene Musiker, die professionelle Klangverstärker und ein komplettes Schlagzeug hatten. Songs von den Spotniks wurden gespielt und von anderen damals aktuellen Gitarrenbands. Das klang so perfekt, so knackig elektrisch, und der Gitarrist spielte sein Instrument mit einem tollen Echoeffekt im Stereo-Panorama. Völlig fertig machte mich das, wie eingeübt und modern die klangen.

Als ich im Keller unserer Schule den Proberaum einer Skiffle-Band mit einem Schlagzeug entdeckte, war es endgültig um mich geschehen. Die Trommeln hatten solch einen tollen Knall, dass ich augenblicklich Schlagzeuger werden wollte. Es dauerte aber noch eine Weile, bis mein strenger Vater meinem Zwillingsbruder und mir erlaubte, während der Schulferien in der gegenüberliegenden Altbierbrauerei Dietrich zu arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen. Als Sechzehnjähriger konnte ich so 1963 mein erstes kleines Schlagzeug kaufen und mit Freunden aus meiner Schule die Beathovens gründen – Rüdiger Kornblum/Rhythmusgitarre, Detlev Henschek/Sologitarre, Heinz Peitzker/Bass und ich selbst am Schlagzeug. So gut es ging, kopierten wir die Beatles und andere Gruppen aus England, die wir zu jener Zeit ständig im Radio hörten. Wir machten es zum samstäglichen Ritual, uns bei Rüdiger zu Hause zu treffen und nachmittags um vier Uhr die britische Top-Twenty-Hitparade bei 1604 Megaherz auf dem Mittelwellenband von Radio Luxemburg, unserem absoluten Lieblingssender, zu analysieren.

Im November 1965 ging ich jedoch einmal fremd. An einem trostlosen Samstagnachmittag hörte ich gelangweilt mit mir selbst, bei uns zu Hause ausgerechnet im englischen Besatzersender BFBS im Wohnzimmer unserer selten freien Wohnung einen Song der topneuen Gruppe The Who, während ich mir voller achtzehnjähriger Leibeslust genüsslich einen runterrieb, um dem grauen Tag noch etwas fröhliches abzuringen. Da stotterte doch tatsächlich einer seinen Text im Radio und versuchte sich immer wieder an den Worten ›my ge-ge-ge-generation‹. Aufgewühlt von der Fremdartigkeit des Songs und stöhnend vor Lust, spritzte ich im wertvollsten Zimmer meiner Eltern mit befreiender Wohltat mein Sperma bogenweise über das edle Rokkokosofa, auf dem ich mit heruntergelassener Hose saß, nicht ahnend, dass der Song die bedeutendste Teenagerhymne aller Zeiten werden würde. Nicht zu fassen war für mich, dass man jetzt auch schon Stotterer in die Plattenstudios ließ und ihre Sprachübungen in den Äther sendete. Die revolutionäre Band war vollkommen neu für mich und warf alles über den Haufen, was ich bis dahin für gute Popmusik gehalten hatte. Wir waren doch sehr geprägt vom Schöngesang der Beatles mit ihren frühen Simpeltexten. Hier aber brüllte eine Gruppe ihren ganzen jugendlichen Zorn und ihre Frustration auf die Bürgerlichen heraus, die so gar kein Verständnis für spermaverklebte Polster ihrer Repräsentationsmöbel hatten. Ich hatte noch meinen zuckenden Liebling in der Hand, als mich während des süßen Leerlaufens Genugtuung überfiel angesichts des frisch besudelten Stoffes. Am liebsten hätte ich noch viel mehr der dekorativen Einrichtung im Schönzimmer meiner Eltern verdorben, dessen Pflege und Instandhaltung sie mehr Energie und finanziellen Aufwand widmeten als der Talentförderung von uns Kindern. Ich hatte jedoch nichts mehr im ›Tank‹ und außerdem befürchtete ich die Entdeckung meiner Frevelstat. Der Rest des Nachmittags ging deshalb auch weniger lustvoll mit dem Abwaschen, Bürsten und Trocknen des edlen Damaststoffes drauf. Die wuchtige Musikalität der Who indes tat mir gut, und gerade das revoltierende Ende von ›My Generation‹ war wie eine Offenbarung für mich, der ich selbst so viel Wut auf meinen Vater in mir hatte, von dem ich nie hörte, dass er mich liebt, der nicht zu mir hielt, der mir hinterhältig meine erste große Liebe zerstören wollte und von dem ich immer nur zu hören bekam »aus dir wird ja doch nichts«, wenn es zu Hause um meine in seinen Augen nutzlose Musik ging. Die Who sprachen krass meine Sprache in der freien Übersetzung ihres Songs:

MEINE GENERATION

Menschen, versuchen uns zu unterdrücken

rede über meine Generation ...

nur, weil wir zurechtkommen und uns mucken

rede über meine Generation ...

Sachen, die sie machen, schrecklich kalt

rede über meine Generation ...

hoffentlich sterb‹ ich, bevor ich alt

rede über meine Generation ...

Das ist meine Generation

Das ist meine Generation, Baby

Warum verzieht Ihr euch nicht alle?

rede über meine Generation ...

und versucht nichts, kriegt nichts auf die Schnalle

rede über meine Generation ...

nen großen Aufstand draus machen - nicht meine Option

rede über meine Generation ...

ich rede nur über meiner Generation

meine Generation

rede über meine Generation ...

meine Generation

das ist meine Generation, Baby

Rüdiger, unser Gitarrist, besorgte uns immer die interessantesten Songs als Single-Schallplatte aus einem Plattenladen an der oberen Königsallee, wo er in der Nähe seine Ausbildung als Bankkaufmann machte. Dann übten wir diese Lieder in einem kleinen Beat-Keller des Hauses eines unserer Klassenkameraden in der Kapellstrasse ein. Dort war unser Reich. Dort probten wir, dort träumten wir, dort rauchten wir Zigaretten wie die Irren. In kurzer Zeit entwickelten sich The Beathovens zu einer der besten Coverbands in Düsseldorf und Umgebung. Wir spielten auf wüsten Schulfeten, in dubiosen Clubs und auf Privatfesten. Alles, was wir dabei verdienten, steckten wir akribisch in unsere Anlage, die wir auf Teilzahlung beim Düsseldorfer Musikhaus Jörgensen gekauft hatten.

Zu einer festen Einrichtung wurden unsere samstäglichen Heimspiele im ›Youth Club‹ der englischen Rheinarmee. Der Club war die beliebteste Adresse der Düsseldorfer Jugend, die sich an den Wochenenden austoben wollte. Mitten im Nordpark lag das flache Gebäude der Militärbesatzer, direkt neben ihrem eigenen Globe-Kino und Warenhaus auf britischem Territorium. Die Kinder der Engländer und der Düsseldorfer hatten hier einen Treffpunkt, wo sie sich bei Musik und Tanz kennen lernen und vergnügen konnten. Wir Beathovens avancierten schnell zur beliebten Hausband, da wir immer aktuellste Beat-Musik spielten. Zum Abkühlen und Knutschen konnten die Paare zwischen den Tänzen direkt nach draußen in den Park laufen. Während der warmen Sommernächte war gegenseitiges Befummeln und Petting in den buschigen Grünanlagen sehr angesagt, allerdings störten patroullierende MPs oft die Pärchen mit ihren starken Taschenlampen und jagten die Aufgeschreckten aus den Sträuchern. Da ich immer trommeln musste, konnte ich leider nicht mitmachen, hätte mich aber auch gerne mit meiner damaligen Freundin in die Sträucher verdrückt.

Mit einem abgewrackten VW-Bus machten wir während der Schulferien 1966 und 1967 Tourneen an die Nordküste. Wir spielten im Ostseebad Dahme in einem Strandcafe nachmittags zum Tanztee und kürten unsere ›Miss Beathovens‹, eine androgyne Pariserin mit süßem Courrège-Haarschnitt, die immerhin schon zehn Jahre älter war als ich. Spitz wie der Eiffelturm vernaschte sie mich sofort danach - très delicat - auf ihre ganz französische Art in ihrem Zimmer, das sie als Hauswirtschafterin in einem Hotel hatte, und sie gab mir Unerfahrenen ›leçons erotique‹, dass ich heiße Ohren und was sonst noch alles bekam ...

Ich hatte meinen ersten weiblichen Fan und die kokette Mademoiselle reiste mir später sogar nach Düsseldorf hinterher, um sich bei meinen Eltern vorzustellen und um ihre Besitzansprüche an mich geltend zu machen. Mann, war mir das peinlich! Eine erwachsene Frau stand im scharfem Chanelkostümchen, Pelzkäppi und schlanksten Beinen in spitzen Lackpumps im Flur unserer Wohnung und hielt charmant selbstbewusst vor den Anwesenden um meine Hand an. Im Erdboden wäre ich am liebsten versunken. Sie wollte mich doch tatsächlich heiraten, das zuckrige Dämchen. Aber ich und heiraten? Da lachten ja die Hühner, ‘ne Krise bekam ich vor so was!

Weil keiner von uns Musikern den Führerschein hatte, musste mein älterer Bruder Gregor unseren VW-Bus fahren, den wir ›Flummi‹ tauften, weil er keinerlei funktionierende Stoßdämpfer mehr besaß und auf der Straße schlicht wie ein Gummiball hüpfte. Absolutes Highlight der Beathovens, deren Namen Rüdiger und ich übrigens während einer Chemiestunde kreiert hatten, war unser Auftritt als Vorgruppe eines Konzerts der deutschen Lords und der englischen Who mit ihrem immer noch stotternden Roger Daltrey in der Düsseldorfer Rheinhalle. Wir hatten uns für diesen Auftritt sogar extra beim exklusiven Herrenausstatter Seelbach orangefarbene Feincordjacketts gekauft und traten elegant mit weißen Hemden und schwarzen Krawatten auf. Es war uns sehr wichtig, dass das Bild der Beathovens auf keinen Fall rockerhaft wirkte. Die Who zertrümmerten damals nach jedem Konzert ihre Anlage und ihre Gitarren. Ich hatte aber bei den Proben nachmittags auf der Bühne dazugestellte leere Lautsprecherboxen und Marshall-Verstärker neben den echten entdeckt. Es war also nur ein Fake, alles nur Show.

Die Who zelebrierten einen ultralauten, anarchischen Auftritt, der mein ganzes Weltbild von Gehorchen, keine Widerworte geben und nicht Aufmucken erschütterte. Nun bekam ich selbst Mut, meine Wut rauszulassen. Unzweifelhaft hatte diese frühzeitliche englische Punkband mir dabei geholfen, dass ich mir in Zukunft nichts mehr gefallen lassen wollte. Die Who zertrümmerten an jenem Abend nur Leergehäuse und Billiginstrumente, die sie am Ende ihrer Show schnell ausgewechselt hatten. Einen Frevel an ihren teuren Verstärkern und den feinen Gitarren hätte ich damals auch nicht verstanden oder akzeptiert. Was die Who da so symbolisch zerschlugen, hatte ich aber schon verstanden und es war ein deutliches Zeichen für mich, meinen musikalischen Weg nun auch gegen den Willen meiner Eltern zu gehen. Nach dem Konzert kam der Schlagzeuger der Lords in unsere Garderobe und lobte uns: »Jungs, ihr habt ja richtig Format.« Wir waren überglücklich. Wie wichtig war uns doch ein Lob, dazu von jemandem, der uns auch beurteilen konnte.

Eine richtige Beat-Szene hatte sich in der Stadt gebildet, und die lokalen Zeitungen berichteten immer öfter über uns und die konkurrierenden Gruppen. Ich gründete bald darauf mit Freunden die wesentlich wüstere Band Fruit. Wir hatten die sanften Beathovens auflösen müssen, weil unser Gitarrist, vor seiner Einberufung zum Wehrdienst nach Kanada geflohen war. Ohne Rüdiger war der Geist aus den Beathovens raus, es war nicht mehr gut ohne ihn. Mit Fruit waren wir allerdings zur schärfsten Konkurrenz für die noch chaotischeren Harakiri Whoom geworden, deren Sänger ein noch unbekannter Schauspielersohn war, Marius Müller-Westernhagen. Auch Harakiri Whoom spielten Musik der englischen und amerikanischen Bands nach. Marius war ein vortrefflicher Imitator von Rod Stewart und Steve Marriott, und wie ich finde, hört man das auch heute noch ganz gut heraus.

Erst mit den Spirits of Sound, meiner letzten Amateurband, begann Ende der 60er Jahre eine Ära, in der wir eigene Songs entwickelten. Mit dabei waren der begnadete Gitarrist Michael Rother und der Sänger Wolfgang Riechmann, ein charismatischer und humorvoller Musiker, der später Opfer eines Mordanschlags wurde, tragischerweise kurz bevor sein wunderbares Debütalbum Riechmann Wunderbar auf Sky Records veröffentlicht wurde. Es war die Zeit der Hippies und der Twiggy-Mode, und wir spielten als Spirits auf der legendären ›Teenage-Fair‹, einer Jugendveranstaltung der Düsseldorfer Messe, neben englischen Stars wie Steve Marriot, Eric Burdon, den Small Faces und Humble Pie mit Peter Frampton. Der berühmte deutsche Filmregisseur Kurt Hoffmann entdeckte uns dort auf dem Gelände und verpflichtete uns zur Mitwirkung bei seinem wohl unnötigsten und erfolglosesten Film, Ein Tag ist schöner als der andere, mit der Schauspielerin Vivi Bach.

Trommeln war mein ganzes Leben geworden, und ich verprügelte mein Schlagzeug nun ebenso schlimm wie Keith Moon von den Who. Je wütender ich war, desto besser spielte ich Schlagzeug, und bei Liebeskummer, den ich in jenem Alter nur all zu oft hatte, schlug ich meine ganze Traurigkeit in die teuren Felle. Oft ging ich nach nächtelangen Sessions in viel zu engen Clubs und nach viel zu vielen Zigaretten klatschnass durchschwitzt und mit blutenden Händen nach Hause. Ich war so dünn damals, hatte kaum Substanz und nahm regelmäßig in solchen Nächten noch Kilos ab. Es war eine extrem ungesunde, aber kameradschaftliche Zeit, die ich danach nicht mehr so haben sollte. Meine Musikerfreunde ersetzten mir die Familie, von der ich mich zunehmend unverstanden fühlte und immer mehr absonderte. Meinen Eigensinn konnte man dort nicht als etwas Wertvolles und Förderungswürdiges erkennen. Ich entwickelte mich zum Rebellen und setzte gnadenlos und oft jähzornig meine Ziele durch, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die mich Quergeist immer weniger erziehen konnten. Ich war anstrengend und unbequem geworden, lehnte einfach alles ab, was mit ihren Werten und ihren bürgerlichen Bindungen zu tun hatte. Ich wollte nicht ihre Zeiten einhalten, konnte schon gar nicht ihre übertriebene Ordnung nachvollziehen, musste unbedingt alles anders machen und ständig provozieren. Ein Beatnik war ich mit all meiner jugendlichen Kraft, und ich wollte das auch zeigen. Also lief ich mit schwarzem Rollkragenpullover, schwarzer Slop-Hose und dunkler Sonnenbrille herum, obendrein mit immer länger werdenden Haaren. So gefiel ich mir. So fühlte mich verbunden mit den Musikern der englischen Pop-Szene. So gefiel ich aber gar nicht mehr meiner Mutter, die in der Öffentlichkeit immer mehr Abstand zu mir hielt, weil ich ihr einfach zu peinlich geworden war.

Mit 21 Jahren ging es nicht mehr weiter mit unserem Zusammenleben in der eng gewordenen Brüderbude. Noch immer hatten wir nur ein einziges Zimmer für uns und natürlich keinerlei Privatsphäre. Die einstmals geliebte Gemeinschaft erdrückte mich und ich beschloss, auszuziehen. An einem Sonntag im Frühjahr 1968 um sechs Uhr morgens hatte ich mich mit meinen Freunden verabredet. Sie warteten pünktlich unten auf der Straße mit unserem VW-Bully, während ich mich leise anzog und meine wenigen Habseligkeiten zusammenpackte. Meine beiden Brüder schliefen noch und ich versuchte, niemand zu wecken. In der Diele kam mir allerdings meine Mutter im Morgenmantel entgegen und erkundigte sich aufgeregt flüsternd, wo ich so früh am Sonntag hinwolle. Sie hatte ein mütterliches Gespür für die Situation und ahnte eine schmerzliche Veränderung für die Familie. Als ich ihr sagte, dass ich gehen würde, fing sie an zu weinen und wollte mich daran hindern, die Wohnungstür zu öffnen. Es wurde laut zwischen uns. Meine Brüder waren aufgewacht und verstanden nicht so recht, was los war. Mein Vater blieb bequem in seinem Bett. Und stumm. Er wollte von meinem Fortgang nichts wissen. Er nahm mich sowieso nicht wahr. Zuletzt hatte ich ihm nur noch Zettelchen hingelegt, wenn ich ihm etwas mitzuteilen hatte. Mit Tränen in den Augen schob ich meine geliebte Mutter hart beiseite und tat, was ich tun musste - meinen eigenen Weg gehen.

In einem kleinen Appartement, das ich heimlich mit finanzieller Unterstützung einer Bankiersfrau, der Mutter eines meiner Bandfreunde der Spirits, an der Heinrichstraße angemietet und mir spärlich eingerichtet hatte, gingen das Leben und seine Schwierigkeiten erst einmal richtig los. Aber ich war endlich für mich. Ich war stolz darauf, obwohl oft unglücklich, weil ich mich von meiner Familie so unverstanden fühlte und weil ich mich gezwungen sah, meiner Mutter solches Leid anzutun. Doch ich hatte meine Band und Brigitte, meine erste große Liebe, sowie deren Familie, die mich liebevoll behandelten wie ihren eigenen Sohn.

Danach begann ich alsbald ›Ersatzdienst‹ zu leisten, wie das damals hieß. Im medizinischen Labor einer mitten im Wald gelegenen Diabetesklinik lernte ich menschliche Blut- und Urinproben chemisch zu analysieren. Dieser Dienst gefiel mir gut, denn ich wurde gefördert, was das Zeug hielt. Leberwertfeststellung mittels Elektrophorese und Blutzuckerprüfungen am ›Eppendorf‹ wurden weitere Arbeitsfelder. Ich hätte mir damals durchaus vorstellen können, mich für die klinische Labordiagnostik ausbilden zu lassen und MTA zu werden, denn in die Laborchefin war ich vollkommen verknallt. Leider war sie verheiratet, obwohl ich mir sicher bin, dass auch sie mich wollte.

Militärdienst, gleich welcher Art, wäre nie für mich in Frage gekommen, da ich mich als hundertprozentiger Humanist fühlte. Einfach war das damals nicht, den Kriegsdienst zu verweigern, obwohl die Möglichkeit dazu schon im Grundgesetz verankert war. Eine langwierige und entwürdigende Prozedur mit einem strengen richterlichen Prüfungsverfahren war Voraussetzung dazu. Als ich schließlich den Prozess gewonnen hatte, hatte ich auch meinen ersten Kampf für mein Gewissen und gegen Vater und die Allmacht eines ungeliebten Staates bestanden, der mich durch seine ungeheuerliche Geschichte selbst zu einer Art Kriegsgeschädigten gemacht hatte. Für meine Gesinnung wäre ich im Falle einer Ablehnung auch ins Gefängnis gegangen, das hatte ich mir vorher schon ausgemalt und fest eingeplant.

Nach dem Ersatzdienst begann ich 1971 ein Studium der Innenarchitektur an der Werkkunstschule und machte außerdem ein Praktikum in Ladenbau bei einem Architekten, der in der Zeitung nach einem jungen Mann gesucht hatte, der das Fach von der Pike auf erlernen wollte. Es war genau das richtige für mich, da ich dabei auch etwas Geld verdienen konnte für die Miete meiner Bude.

Ich muss allerdings gestehen, dass mir das Studium gar keinen richtigen Spaß machte. Es war ja doch mehr die Idee meiner Eltern gewesen, dass aus ihrem Wolfgang mal ein guter Architekt wird. Nach vier Semestern schmiss ich genervt das Studium hin und konzentrierte mich ganz auf das Praktikum und meine Band - die Spirits of Sound. Uwe Fritsch, Ralf Ermisch, Michael Rother und unser Menthor Rolf Kauffeld besuchten mich oft in meinem Appartement an der Heinrichstraße, im selben Haus, wo auch die Mutter von Monika Dannemann wohnte, der deutschen Freundin von Jimi Hendrix, den wir vollkommen verehrten. Wir hatten den Psychedelic-Rock für uns entdeckt, rauchten Kif und hörten bei Kerzenschein Platten von King Crimson, Santana, Jefferson Airplane, den Byrds oder Emerson, Lake & Palmer, die schon ansatzweise einen Synthesizer verwendeten, von dem ich damals noch gar nicht wusste, was das ist. Meine eigene Gruppe bekam jedoch bald einen vernichtenden Schock durch die harte Abwerbung unseres geliebten Gitarristen Michael Rother. Die Kraftwerker hatten sich angemeldet.