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Ich versprach dir die Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Rechtlicher Hinweis
  7. Zitat
  8. 1 Notaufnahme
  9. 2 Operation
  10. 3 Nach der Operation
  11. 4 Tag 2
  12. 5 Tag 2
  13. 6 Tag 3
  14. 7 Tag 3
  15. 8 Tag 3
  16. 9 Tag 4
  17. 10 Tag 4
  18. 11 Zwanzig Jahre vor dem Unfall
  19. 12 Zwanzig Jahre vor dem Unfall
  20. 13 Neunzehn Jahre vor dem Unfall
  21. 14 Nach Elles Unfall · Tag 4
  22. 15 Tag 4
  23. 16 Tag 5
  24. 17 Tag 6
  25. 18 Neunzehn Jahre vor dem Unfall
  26. 19 Ein Jahr vor dem Unfall
  27. 20 Tag 7
  28. 21 Tag 8
  29. 22 Neunzehn Jahre vor dem Unfall
  30. 23 Tag 10
  31. 24 Tag 10
  32. 25 Vierzehn Jahre vor dem Unfall
  33. 26 Vierzehn Jahre vor dem Unfall
  34. 27 Tag 10
  35. 28 Tag 10
  36. 29 Tag 11
  37. 30 Sechs Jahre vor dem Unfall
  38. 31 Fünf Jahre vor dem Unfall
  39. 32 Tag 11
  40. 33 Tag 12
  41. 34 Tag 14 bis 21
  42. 35 Tag 21 · September
  43. 36 Tag 21
  44. 37 Tag 22
  45. 38 Achtzehn Monate bis sechs Monate vor dem Unfall
  46. 39 Nach dem Unfall · Tag 22
  47. 40 Tag 24
  48. 41 Fünf Jahre vor dem Unfall
  49. 42 Tag 25
  50. 43 Tag 26
  51. 44 Fünf Jahre vor dem Unfall
  52. 45 Vier Jahre vor dem Unfall
  53. 46 Tag 27
  54. 47 Tag 27
  55. 48 Tag 32 bis Tag 35
  56. 49 Tag 36
  57. 50 Tag 37
  58. 51 Tag 38
  59. 52 Tag 40
  60. 53 Tag 160
  61. Epilog Vier Monate später
  62. Bemerkungen der Autorin
  63. Danksagungen

Über die Autorin

Priscille Sibley ist in Maine, im äußersten Nordosten der USA, aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in New Jersey und arbeitet dort als Krankenschwester. Priscille Sibley hatte schon immer den Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Mit Ich versprach dir die Liebe, ihrem Debüt, hat sie sich diesen Traum erfüllt und in den USA auf Anhieb einen Bestseller gelandet.

Priscille Sibley

Ich

versprach

dir die

Liebe

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Ulrike Werner

Für Tim, der mir sein Herz und den Mut

zum Schreiben geschenkt hat.

Und für Robert, Cole und Ethan,

die mich gelehrt haben, wie wichtig es ist,

niemals aufzugeben.

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Roman.
Gewisse Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Ereignissen, Einrichtungen, Organisationen oder Örtlichkeiten dienen ausschließlich der höheren Glaubwürdigkeit und wurden rein fiktiv benutzt. Alle anderen Charaktere und Vorfälle entstammen der Fantasie der Autorin und sind nicht real.

Die Übersetzung der Gedichtzeilen von
Christina Georgina Rossetti
auf Seite 437 ist von Bertram Kottmann.
Die Verse stammen aus dem Gedicht »Echo«,
zitiert aus »Die Deutsche Gedichtebibliothek«

(www.gedichte.xbib.de).

Was mich betrifft, so ist es das Geschick

und der Zweck meines Lebens,

Dich allein zu lieben, Dich glücklich zu

machen und nichts zu tun,

was Dir zuwider sein könnte.

NAPOLEON BONAPARTE,

Brief an Josefine, 28. November 1796

1
Notaufnahme

An jenem Abend, unserem letzten gemeinsamen Abend, verfolgten wir bis spät in die Nacht gebannt die Sternschnuppen des Perseidenstroms, die lange Lichtspuren aus Sternenstaub in den Himmel zauberten. Elle und ich liebten diese Tage im August, denn für uns war es eine Art Jahrestag. Schließlich schliefen wir auf der Dachterrasse ein. Meine wundervolle Frau kuschelte sich an mich und legte ihren Kopf in meine Armbeuge.

Wäre ich doch nur am nächsten Morgen zu Hause geblieben! Hätte ich sie doch nur angesehen und mich daran erinnert, dass es nichts Wichtigeres im Leben gab, als sie zu schützen! Hätte ich doch nur …

Schon oft habe ich miterleben müssen, wie die Familien meiner Patienten diesen Seufzer ausstoßen. Seit elf Jahren praktiziere ich als Arzt und bin allen Arten von Verweigerungshaltung und sinnlosem Feilschen häufig begegnet. Aber die Realität ist nun einmal hart und allzu oft nicht mehr rückgängig zu machen. Ich blieb nicht zu Hause, und auch Elle tat es nicht.

Ich saß in meinem Büro, studierte die MRT-Aufnahme von etwas, das ich für ein Glioblastom hielt, und überlegte, wie viel Zeit meinem Patienten noch bleiben würde, wenn ich den bösartigen Tumor entfernte, als die Arzthelferin am Empfang mich anklingelte.

»Das Krankenhaus auf Leitung drei. Es scheint dringend zu sein.«

»Danke, Tanya.« Ich nahm den Anruf entgegen, ohne den Blick von den verdächtigen Stellen am Schläfenlappen zu wenden. »Hier spricht Dr. Beaulieu«, meldete ich mich.

»Hallo Matt. Carl Archer am Apparat.« Der diensthabende Arzt aus der Notaufnahme räusperte sich. »Kannst du bitte schnell kommen?«

»Ruf Phil an. Er ist für das Krankenhaus zuständig.«

»Phil ist schon da. Aber wir brauchen dich. Es geht um deine Frau.« Carls Stimme klang brüchig. »Sie hatte einen Unfall.«

Die Art, wie er es sagte, machte mir deutlicher als alle Worte, wie ernst es um Elle stand. Alle weiteren Fragen blieben mir im Hals stecken. Wenn Phil bereits bei ihr war, waren Elles Verletzungen womöglich neurologischer Art? Oder hatte sich mein Kollege nur zufällig in der Notaufnahme aufgehalten? Vielleicht stand er jetzt gerade neben ihr und erzählte ihr ein paar Witze, um sie von einer kleineren Unannehmlichkeit abzulenken. Bitte, dachte ich nur. Lass sie nicht tot sein!

»Ist Elle okay?«, fragte ich.

Carl räusperte sich erneut. »Es ist ernst. Komm bitte schnell. Wir sehen uns.« Dann hörte ich nur noch das Freizeichen.

Ich sprang vom Stuhl auf und sprintete durch das Wartezimmer, vorbei an einer Frau, die neben ihrem an den Rollstuhl gefesselten Sohn stand, und rief der Helferin am Empfang nur kurz zu, wo ich hinging. Die vier Blocks zum Krankenhaus rannte ich. Schweißgebadet erreichte ich die Notaufnahme, stieß die doppelten Türen auf und lief direkt ins Traumazentrum. Mein Partner Phil Grey stand neben einem roten Notfallwagen mit geöffneten Schubfächern. Er trug sterile Handschuhe, einen Kittel und eine OP-Maske. Neben der Liege sah ich einen Infusionsständer, an dem mindestens ein Dutzend Beutel und Pumpen für intravenöse Versorgung hingen. In den Armen und Beinen der Patientin steckten allerlei Schläuche. Das konnte doch nicht Elle sein! Bitte nicht Elle! Ein Atemgerät presste in regelmäßigen Abständen zischend Sauerstoff in einen Schlauch, der aus ihrem Körper ragte. Die Krankenschwester trat beiseite. Ich sah Elles Gesicht. Es war so weiß wie das Bettzeug. Blutkrusten verklebten ihr blondes Haar. Ihr Körper wirkte steif, Kopf und Hals waren nach hinten gekrümmt, die Zehen ausgestreckt und ihre Hände seltsam verdreht. Diese verkrampfte Stellung kannte ich nur zu gut – sie weist auf eine schwere Hirnschädigung hin. Ich fiel auf die Knie. Was dann geschah, weiß ich nicht mehr genau. Möglicherweise half mir jemand auf die Füße. Vielleicht bin ich auch von selbst wieder aufgestanden. Phil sagte etwas über Elle, dass sie von einer Leiter gefallen und sehr schwer verletzt sei. Carl druckste herum und sprach von Herzstillstand und einem einzigen kümmerlichen Punkt auf der Glasgow-Koma-Skala. Er sagte etwas darüber, dass sie nur vier oder fünf Minuten weg gewesen sei, etwas über ihre starren und geweiteten Pupillen, etwas über Hirnmonitoring und etwas über Operation.

Ich berührte Elles kalte, verdrehte Hand. Die Anwesenden sahen mich mitleidig an. Es waren dieselben Leute, mit denen ich auch sonst immer arbeitete. Leute, die mich jetzt einen feuchten Kehricht interessierten. Ich zog meine Diagnostikleuchte aus der Tasche und untersuchte Elles Pupillen. Komm schon, Elle, dachte ich. Schenk mir eine kleine Reaktion. Zeig mir, dass ich mich geirrt habe. Zeig es denen da!

Ich ließ den Lichtstrahl über die eigentlich grünen Augen meiner Frau streifen, die jetzt nur noch aus unnatürlich erweiterten Pupillen bestanden und fast schwarz wirkten.

Bei der Überprüfung ihrer Reflexe fand ich jedoch nur weitere Beweise, dass Elles Gehirn bei dem Unfall schwer geschädigt worden sein musste.

Phil blickte mich an. In seinen Augen glänzte es verräterisch. »Hier sind die Aufzeichnungen des Hirndruckmonitorings. Wie du siehst, ist der interkranielle Druck extrem hoch. Wir geben ihr Steroide und Mannitol. Ich möchte so schnell wie möglich operieren. D’Amato macht sich schon fertig. Unten ist alles für sie bereit.«

Einen Sekundenbruchteil dachte ich, dass ich am liebsten selbst operieren würde, doch dann meldete sich meine Vernunft. Unmöglich! Nie im Leben könnte ich Elles Hirn mit einem Skalpell zerlegen oder auch nur jemandem dabei zusehen.

Phil reichte mir den Scan, der zeigte, wie die Blutung ihr Hirngewebe zusammenpresste. Ich musste mich an die Wand lehnen. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Es war noch keine zwölf Stunden her, dass Elle und ich uns auf der Dachterrasse geliebt hatten. Bestimmt schlief ich noch und hatte einen schrecklichen Albtraum, in dem Elle sich über das altersschwache Geländer lehnte. Wach auf, sagte ich mir. Du musst aufwachen! Ich blickte mich um und nahm die Einzelheiten der Notaufnahme, Phils konzentrierten Gesichtsausdruck vor der OP und die geschmierten Achsen der Räder an der fahrbaren Trage wahr. Trotzdem versuchte ich weiter, die Wirklichkeit zu verleugnen. Das hier war nichts als ein lebhafter Albtraum! Doch es nützte nichts. Ich stand im Traumazentrum. Eine Schwester kontrollierte einen von Elles Schläuchen. Sie blickte auf. Erst jetzt erkannte ich sie.

Oh ja, das hier war die schreckliche Wirklichkeit. Und meine Frau, das Mädchen, in das ich seit meinem siebzehnten Lebensjahr verliebt war und das ich schon viel früher als meine treueste Freundin verehrt hatte, war gestürzt und hatte sich den Schädel massiv aufgeschlagen. Auch der beste mir bekannte Neurochirurg, mein Freund und Partner Phil, würde diesen Schaden niemals beheben können.

Plötzlich fiel mir Elles Angst vor einem langen, langsamen Tod ein, wie ihre Mutter ihn hatte erleiden müssen. Phil hielt mir eine Zustimmungserklärung hin. »Du musst das hier unterschreiben, ehe ich sie operiere. Dir brauche ich das ja nicht zu erklären.«

»Wir sollten sie in Frieden gehen lassen«, stieß ich hervor, drehte mich um und schaffte es gerade noch zur Toilette, wo ich mein Mittagessen wieder herauswürgte. Mir war, als gäbe ich alles von mir, was ich je gegessen hatte. Da gibt es kein Vertun: Man kann sein Innerstes nach außen kehren.

Phil kam mir nach und sah, wie ich mich übergab. »Matt, ich muss sie nach unten bringen, und zwar jetzt sofort. Wir haben keine Zeit für Mätzchen. Ich weiß, es ist schrecklich, und dir dürfte ebenso klar sein wie mir, dass sie es vermutlich nicht übersteht. Trotzdem würdest du dich dein Leben lang dafür hassen, wenn du es nicht wenigstens versucht hättest.« Und wieder hielt er mir das Formular unter die Nase.

An unserem Hochzeitstag hatte ich Elle versprochen, sie zu lieben, zu achten und zu ehren. Jetzt war es so weit: Ich musste ihre Wünsche respektieren. Sie würde sicher keine Operation wollen. Ich kannte die Chancen, und ich wusste um die Konsequenzen.

Trotzdem griff ich nach dem Formular und unterschrieb.

Phil verschwand und überließ mich meinen Ängsten. Verzweifelt bereute ich jeden noch so geringfügigen Verrat, den ich je an Elle begangen hatte. Es war selbstsüchtig, sie am Leben zu erhalten. Ich wusste, dass sie leiden würde, und ich wusste, dass sich ihr Gehirn niemals wirklich von den schweren neurologischen Schäden erholen würde. Als Neurochirurg kannte ich die Prognose. Es war mir unmöglich, mich in blinder Hoffnung zu wiegen. Nichts und niemand konnte Elle retten. Aber ich brauchte sie! Und ich brauchte Phil, um es wenigstens zu versuchen. Auch wenn es unmöglich war.

Ich spritzte mir Wasser ins Gesicht und kehrte ins Traumazentrum zurück. Die Schwester legte gerade das mobile Beatmungsgerät an, mit dem Elle in den OP transportiert werden konnte. »Dürfte ich eine Minute mit ihr allein sein?«, bat ich sie.

Die Schwester schlängelte sich zwischen den Apparaturen hindurch und berührte mitleidig meinen Ellbogen. »Sie muss jetzt schnell in den OP.«

Ich legte meine Hand auf die von Elle. Die blöde Braunüle war im Weg. Ich beugte mich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Auf den Mund konnte ich sie nicht küssen, weil ein dicker Schlauch wie ein Elefantenrüssel in ihrem Rachen steckte. »Ich liebe dich, Peep. Ich habe dich immer geliebt. Versteh mich doch: Ohne dich kann ich in dieser Welt nicht leben. Komm zurück. Bitte, komm zurück zu mir.«

Krankenpfleger, ein Beatmungsspezialist und zwei Schwestern betraten den Raum, lösten die Bremse der Trage und rollten Elle samt ihren Apparaten aus dem Zimmer.

Am Fahrstuhl musste ich zurückbleiben. Nervös lief ich im Kreis. Immer wieder. Irgendwie musste ich es unserer Familie beibringen, Elles Vater und meiner Mutter, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Ich holte das Handy aus der Tasche und starrte auf das Display. Elle hatte angerufen und mir eine Nachricht hinterlassen. Ich rief die Mailbox ab.

»Hey du, ich bin’s.« Sie seufzte leise. »Können wir heute Abend vielleicht etwas unternehmen? Zum Beispiel einen Strandspaziergang? Unser Streit gestern tut mir schrecklich leid, auch wenn wir uns danach wieder vertragen haben. Für heute Abend wünsche ich mir viel Ruhe. Reden, Händchenhalten und … Ich liebe dich doch so sehr!« Sie unterbrach sich einen Augenblick. Als sie weitersprach, hörte ich ein Lächeln in ihrer Stimme. »Ruf mich doch zurück, wenn du das hier abhörst. Dann können wir zusammen planen, was wir später tun wollen. Okay? Ich freu mich auf dich. Tschüs!«

Mir blieb fast die Luft weg. Elle! Himmel nochmal! Sie musste einfach wieder gesund werden! Phil würde es schaffen, und der Schaden war vielleicht doch nicht so schlimm, wie es der Scan vermuten ließ. Ich begann, vor mich hinzumurmeln. Elle war einsame Spitze. Wenn sich überhaupt jemand von einem Hirnschaden erholen konnte, dann sie. Ich würde mit ihr arbeiten. Sie war sehr belastbar. Vielleicht hatte ich ja alles nur nicht richtig verstanden. Auf dem Rückweg zum Empfang hörte ich erneut ihre Nachricht ab. Carl starrte mich verblüfft an. Ich wollte mir das Hirnmonitoring noch einmal ganz genau ansehen, auch wenn es verrückt war. Bitte, bitte, lass es nicht so schlimm sein, wie ich glaube.

»Ich habe eben nicht so richtig hingehört, weil ich wohl ziemlich unter Schock stand. Was genau ist überhaupt passiert?«, fragte ich ihn.

Carl rieb sich die Stirn. »Der Notarztwagen wurde zu ihrem Bruder gerufen. Der Bruder sitzt übrigens draußen im Wartezimmer. Elle ist offenbar aus drei Meter Höhe von einer Leiter gefallen und hat sich den Kopf an einem Stein angeschlagen. Dein Schwager kann dir sicher mehr dazu sagen. Auf dem Weg in die Klinik setzte ein langer epileptischer Anfall ein, der sicher zehn Minuten dauerte. Kaum war sie hier, hatte sie einen Atemstillstand. Da wir sie nicht intubieren konnten, versuchten wir es mit dem Ambu-Beutel. Es kam zum Herzstillstand, aber wir holten sie ziemlich schnell zurück.«

»Wie lang war sie schon hier, als ihr mich angerufen habt?«

»Zwanzig Minuten. Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, sie wieder zu holen«, antwortete er.

Ich schluckte und bemühte mich, meine Gedanken zu ordnen. Nichts von dem, was er sagte, klang ermutigend. Das Wunder, auf das ich gehofft hatte, zerstob. »Wo ist der Scan?«

»Phil hat ihn mitgenommen.«

Klar doch! Was hatte ich denn gedacht? »Ich muss unbedingt mit Elles Bruder sprechen«, murmelte ich.

Auf dem Weg zum Wartezimmer kam mir der Verwaltungschef der Klinik mit ausgestreckter Hand entgegen. »Dr. Beaulieu! Ich habe gerade gehört, dass Ihre Frau auf dem Weg in den OP ist. Hoffentlich geht alles gut.« Er zögerte kurz, ehe er fortfuhr: »Ich weiß nicht, ob Sie schon dazu in der Lage sind, aber die Presse erwartet eine Erklärung.«

»Die Presse?«

»Der Unfall war im Polizeifunk«, bestätigte Carl, der mir gefolgt war. »Und wenn Elle McClure ins Krankenhaus gebracht wird, ist das eine Nachricht. Immerhin ist sie hier in der Gegend ziemlich berühmt. Maine ist ein Dorf. Alle erinnern sich an ihre Zeit bei der NASA.«

Einen Moment lang kapierte ich nicht, was er wollte, bis mir klar wurde, dass Carl vom Spaceshuttle sprach. Elle hatte Astrophysik studiert und lehrte jetzt als Professorin an einem College. Vor vier Jahren war sie als Mitglied eines Astronautenteams der NASA in den Weltraum geflogen, und zwar zu einer Mission, die weltweit Aufsehen erregte.

Carl fingerte an seinem Stethoskop herum und nickte dem Verwaltungsdirektor zu. »Hör zu, wir brauchen ihnen nichts zu sagen. Wir berufen uns einfach auf den Datenschutz. Aber wenn du bereit wärst …«

»Ich kann jetzt beim besten Willen nicht. Entschuldige mich.« Ich musste mit Elles Bruder reden und drängte mich in den Warteraum, einen sechs mal sechs Meter großen Bereich mit Plastikbänken und einem Flachbildschirm an der Wand. Christopher wandte mir den Rücken zu. Er stand vor einem Automaten und betrachtete dessen Inhalt. Als ich ihm auf die Schulter tippte, fuhr er herum.

»Matt, da bist du ja endlich!« Christophers Blick huschte unstet zwischen der Tür zur Notaufnahme und mir hin und her. »Niemand will mir etwas sagen.«

»Was ist passiert?«

»Wie geht es ihr?«

»Gar nicht gut. Was zum Teufel hatte sie auf der Leiter zu suchen?«

Einen Moment lang blieb sein Mund offen. »Eigentlich wollte sie nur auf einen Sprung vorbeikommen«, sagte er schließlich. »Arianne und ich waren gerade dabei, die Fenster zu putzen. Als die Kleine schrie, ging Arianne hinein, um sie zu füttern. Elle schlug vor, mir zu helfen, und nahm Aris Platz auf der Leiter ein. Ich ging wieder hinein. Wir arbeiteten am gleichen Fenster, du weißt schon, damit es keine Streifen gibt. Und plötzlich wurde Elle ohnmächtig. Aber das wird doch wieder, oder?«

Ohnmächtig? Irgendwo in meinem Hinterkopf meldete sich etwas. Ich bemühte mich um eine feste Stimme und konzentrierte mich verzweifelt auf die Hinweisschilder über der Tür. Als ich an Elles Scan dachte, konnte ich Christopher nicht in die Augen schauen. Für Elle war es vorbei. Angesichts ihres Aussehens und der typisch verkrampften Haltung hatte sie ein irreparables Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Weder ihrem Bruder noch mir konnte ich das Unfassbare ersparen. »Nein, Chris. Das wird vermutlich nicht wieder.« Mir war, als würde es plötzlich eiskalt im Raum. »Wo ist euer Vater?«

»Warte mal«, unterbrach Christopher, »was soll das heißen?«

»Sie hat sehr schwere Kopfverletzungen. Wirklich schwere. Wo ist euer Vater? Weiß er, dass Elle einen Unfall hatte?«

Christopher schüttelte den Kopf. »Aber sie ist doch gar nicht mal so tief gefallen. Okay, sie hat sich den Kopf angeschlagen, aber du bist doch Neurochirurg. Du kriegst sie sicher wieder hin. Hast du sie gesehen? Und mit ihr gesprochen?«

»Sie ist nicht bei Bewusstsein«, sagte ich und bemühte mich um Fassung. »Gesehen habe ich sie. Ich … hör zu, Phil operiert sie gerade. Ruf deinen Vater an und sag ihm, er soll sofort kommen.« Ich musste kurz blinzeln. »Chris, vermutlich schafft sie es nicht.«

»Was?«

»Es steht sehr schlimm um sie.« Ich drehte mich um und ging.

Möglicherweise war es gemein von mir, ihn mit der Diagnose allein zu lassen, aber ich musste noch jemand anderen benachrichtigen. Meine Mutter. Es würde sie umbringen. Mich vielleicht auch.

Meine Mutter war seit fast vierzig Jahren Säuglingsschwester, aber ich wusste nicht genau, ob sie an diesem Tag arbeitete. Ich nahm den Aufzug zur Entbindungsstation, winkte an der Sicherheitskontrolle kurz mit meinem Ausweis und machte mich auf den Weg zum Schwesternzimmer. Ein paar Leute erkannten mich, lächelten mir zu, und einer sagte: »Hey, Matt. Linney hat Pause, aber sicher sitzt sie im Aufenthaltsraum.«

Ich kehrte um und prallte fast mit einer werdenden Mutter zusammen, die mit ihrer Infusionsflasche am Rollgestell durch den Gang wanderte. Als eine Wehe einsetzte, blieb sie stehen.

Von der Tür zum Aufenthaltsraum der Schwestern schallte mir fröhliches Lachen entgegen. Mom saß mit einer Tasse dieses Zeugs am Tisch, das sie im Krankenhaus Kaffee nennen. Sie sah mich an und wurde sofort ernst. »Wer?«, fragte sie nur.

»Elle. Sie ist gestürzt.« Und ehe ich mich versah, lag ich schluchzend in den starken Armen meiner Mutter. Ich war siebenunddreißig, aber ich benahm mich wie eines der Neugeborenen, die ihre ersten Lebensäußerungen herausjammern. Nur dass es sich hier nicht um den Schrei des Lebens, sondern den des Todes handelte.

2
Operation

Ziellos lief ich in den Fluren des Krankenhauses auf und ab. Ich zählte die Fliesen, bis ich an der Wand ankam und wieder umkehrte.

Meine Mutter versuchte, mit mir Schritt zu halten, und stellte alberne Fragen wie: »Warum ist Elle in Ohnmacht gefallen? War ihr schlecht?«

Mir war völlig egal, warum es passiert war – für mich zählten nur die Folgen dieses Sturzes. »Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sie ohnmächtig wurde. Vermutlich sollte Christopher die Leiter unten festhalten, ist aber zwischendurch schiffen gegangen.«

»Matt, also wirklich!«

»Du weißt doch, wie er ist. Mit seinen achtundzwanzig Jahren bringt er Elle nach wie vor dazu, ihm die Fenster zu putzen. Bloß weil ihm der Arsch auf Grundeis geht, wenn er eine blöde Leiter hinaufklettern soll. Traust du ihm nicht zu, dass er einfach weggeht, obwohl man ihn braucht?«

Mom griff nach meinem Ärmel. »Du bist ziemlich durch den Wind und willst irgendwem die Schuld geben.«

Ich machte mich los und bog in den nächsten Korridor ab. »Das einzige Mal, dass Elle je ohnmächtig wurde, war bei der schweren Blutung, als wir Dylan verloren haben.« Selbst für mich als Arzt war es unfassbar, wie viel Blut eine Frau bei einer Geburt verlieren konnte, wenn etwas schiefging. Und damals ging so gut wie alles schief. »Sie wird nicht ohnmächtig.«

Mom blieb stehen. »Bei ihrem Vater hat sie auch schon einmal das Bewusstsein verloren. Auf der Auffahrt zum Haus.«

Ich wandte mich zu ihr um. »Wann war das?«

»Sie war schwanger. Irgendwann vor den ganzen Fehlgeburten. Ich musste ihr schwören, es dir nicht zu erzählen, damit du dir keine Sorgen machst. Sie ist doch nicht etwa wieder schwanger?«

Ich zögerte einen Augenblick, ehe ich antwortete. »Nein, ist sie nicht.« Als ich meine ziellose Wanderung wieder aufnahm, merkte ich, wie schwer es mir fiel, mich der Situation zu stellen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich wieder dieses glückliche Herzklopfen gespürt, das mich immer überkam, wenn ich an eine eigene Familie dachte. Aber Elle war nicht schwanger. Nie hätte ich zugelassen, dass sie nach der letzten Erfahrung ihre Gesundheit erneut aufs Spiel setzte. Elle hingegen wollte es gern noch einmal versuchen. Genau darüber hatten wir uns gestritten. Gestern. Gestern erst.

Ich hatte ihren Vorschlag mit einem simplen »Nein« abgetan. Im Neinsagen war ich Meister. Aber immer noch sah ich Elle oben auf der Dachterrasse vor mir. Die Sonne schien und verlieh ihr eine Art Heiligenschein. Ihr Haar wirkte im Gegenlicht so weißblond wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen war. Im Lauf der Zeit waren ihre Haare zu einem warmen Honigton nachgedunkelt, doch ihre Augen zeigten noch das gleiche Grün wie früher, das je nach Laune warm und liebevoll schimmerte oder eiskalt funkelte. Gestern war sie wütend gewesen.

Ich lehnte am Pfosten der Speichertür und beobachtete sie – die Wölbung ihres Spanns, die Linie ihres nackten Oberschenkels, ihre mir zugekehrte Hüfte und ihre schmale Taille. Selbst wenn sie sich ärgerte, war sie schön. Vielleicht sogar noch schöner als sonst. Seit ihrer Jugend hatte sie sich kaum verändert. Immer schon war sie entschlossen und bereit, ihre Überzeugungen zu verteidigen.

»Im Leben geht es darum, Chancen wahrzunehmen. Sonst kannst du dich auch gleich in irgendeinem Keller verkriechen.« Sie seufzte, kam zu mir und berührte mein Gesicht mit den Fingerspitzen. »Tut mir leid. Ich weiß, dass der Verlust unseres Babys dich sehr mitgenommen hat. Mich doch auch. Aber wir sollten es wieder versuchen. Ich bin fünfunddreißig, Matt. Ich habe nicht mehr ewig Zeit. Lass es uns noch ein einziges Mal versuchen.«

Zeit.

Vor weniger als vierundzwanzig Stunden wollte sie mich überreden, eine Chance wahrzunehmen. Jetzt war diese Zeit für immer verloren. Elle war verloren. Und ich war verloren.

Nachdem Elle vom OP auf die Intensivstation verlegt worden war, wusste ich nach einem Blick in Phils Gesicht, was er mir mitzuteilen hatte. »Matt«, sagte er und legte die Fingerspitzen aneinander, als wollte er um Vergebung bitten, »ich konnte nicht mehr viel tun. Sie hatte eine Subarachnoidalblutung und axonale Scherverletzungen.« Er hielt einen Moment inne und holte tief Luft. »Das meiste ist nur noch Matsch. Die Ödeme hätten fast ihren Hirnstamm zum Platzen gebracht. Ich habe einen Teil der Schädeldecke entfernt, die Blutung zum Stillstand gebracht, die Hämatome entfernt, soweit ich an sie herankam, aber alles vom Stirnhirnlappen bis zum Scheitellappen ist hin …« Er erging sich weiter in Einzelheiten.

Ich gab keine Antwort. Es ging einfach nicht.

»Sobald die Wirkung der Narkose nachlässt, sollten wir die Untersuchungen zur Hirntodfeststellung einleiten«, sagte er schließlich. Er brach kurz ab, ehe er zögernd hinzufügte: »Es ist mir wirklich unangenehm, dich das jetzt zu fragen, aber würdest du … also, wäre sie bereit, Organe zu spenden?«

Ich nickte. Sie hatte das Formular unterschrieben. Andererseits befürchtete ich, dass Elles Autoimmunprobleme möglicherweise dagegenstehen könnten.

»Darum kümmere ich mich«, entgegnete Phil.

Ich riss mich zusammen und öffnete die Tür des Bereitschaftszimmers. Ich musste Elle noch einmal sehen. Natürlich kannte ich mich mit schweren Hirnschäden aus, trotzdem war meine Frau nicht einfach nur eine Patientin für mich. Ich konnte das alles nicht als klinische Situation abtun. Und auch wenn Phil das desolateste Szenario dargestellt hatte: Es waren nur Worte gewesen. Zum Teufel – wie oft schon hatte ich Familien genau diese Diagnose mitgeteilt? Jedenfalls öfter, als ich mich erinnern konnte.

Innerlich kollabierte ich wie eines der Schwarzen Löcher, die Elle so intensiv studierte. Studiert hatte. Genaugenommen existierte sie bereits nicht mehr, wie Phils OP-Bericht, die Ergebnisse des Hirnmonitorings und die schlaffe Gestalt meiner Frau auf dem Krankenhausbett bewiesen. Von der Tür aus sah ich zu, wie Schwestern Monitore verkabelten, Infusionspumpen programmierten und das Antiseptikum von ihrem rasierten Kopf entfernten.

Ich atmete tief durch und versuchte, mich gegen das Unvermeidliche zu wappnen. Es gibt keinen feststehenden Test, um Hirntod nachzuweisen. Außer dem EEG zählen unter anderem ein mit Dopplersonografie festgestellter Durchblutungsstopp in allen hirnversorgenden Gefäßen, die Lichtstarre beider Pupillen, das Fehlen von Reaktionen auf Schmerzreize und der Ausfall der Spontanatmung. Ich blieb aufrecht stehen. Ein bisschen wacklig auf den Beinen vielleicht, aber ich stand. Und ich brauchte Zeit, ehe ich diesen Vorgang akzeptieren konnte. Elle hatte keine anderen Verletzungen. Warum konnte sie sich nicht einfach einen Arm oder ein Bein brechen? Selbst mit einem Bruch der Hals– oder Lendenwirbelsäule hätte ich mich abfinden können. Warum musste es ausgerechnet ihr Kopf sein, der auf den Stein aufschlug?

Phil legte seine Hand auf meine Schulter. Ich schrak zusammen. »Soll ich es deiner Familie beibringen?«

»Nein, ich gehe gleich zu ihnen.« Gleich. In einer Minute? Einem Jahr? Zumindest jetzt im Moment blieb ihnen noch die Hoffnung. Sobald sie Phils Bericht hörten, wäre alles zu Ende. Ich schlüpfte ins Zimmer und nahm Elles Hand. Sie war kalt. Vor der OP hatte sich niemand die Mühe gemacht, ihren Ehering abzunehmen. Zumindest war dieses Geschenk von mir bei ihr gewesen, als Phil sie operierte.

»Entschuldigen Sie«, sagte eine der Schwestern, »ich muss die Infusion überprüfen.«

Ich zog mich in eine Ecke des Zimmers zurück. Neben dem Waschbecken blieb ich stehen, zog meinen eigenen Ehering vom Finger und las die Gravur. Meine Liebe, mein Leben, Peep. Ich steckte den Ring zurück an seinen Platz und wankte den Flur entlang zum Warteraum der Intensivstation.

Vor dem Eintreten zögerte ich. Da drinnen warteten unsere Familien. Ich korrigiere: unsere Familie. Die Mehrzahl war zur Einzahl geworden, als Elle und ich heirateten. Obwohl es ohnehin nie viel Abgrenzung zwischen den Beaulieus und den McClures gegeben hatte. Elle und ich waren in Nachbarhäusern aufgewachsen, und beide Familien wechselten fröhlich von einer Küche in die andere. Wir fühlten uns in beiden Häusern daheim.

Im Warteraum saßen Elles Vater Hank, ihr Bruder Christopher und dessen Frau Arianne. Außerdem meine Mutter. Und ich musste ihnen jetzt sagen, dass wir Elle verloren hatten. Einer nach dem anderen entdeckte mich, wie ich dort an der Tür stand. Elles Vater hob die Hand vor den Mund. Christopher sprang auf. Meine Mutter ließ den Kopf nach vorn sinken und begann leise zu weinen. Meine Mutter liebte Elle; sie hatte sie immer geliebt.

Ich setzte mich neben Mom und streichelte ihren Rücken. Innerlich lief ich auf Autopilot wie durch einen lichtlosen Tunnel. Ich konnte mir nicht vorstellen, je wieder Licht zu sehen.

Nach und nach tropften die Worte aus mir heraus. Zunächst sehr langsam. Es waren mechanische, oft wiederholte Worte, die ich schon viele Male zu anderen Leuten gesagt hatte. »Sie hat ein irreversibles Schädel-Hirn-Trauma erlitten und wird nie wieder aufwachen. Und sie wollte ihre Organe spenden.« Ich beobachtete ihre Gesichter. »Sobald die Narkose nicht mehr wirkt, werden zwei Ärzte entscheiden, ob die Kriterien für Hirntod gegeben sind. So, wie es jetzt aussieht, ist das der Fall. Wenn ihre Probleme mit dem Autoimmunsystem nicht dagegensprechen, ist sie als Organspenderin vorgesehen. Die Anfrage kommt voraussichtlich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden.«

Christopher schüttelte den Kopf und stöhnte. »Nein. Nein. Das kann einfach nicht sein.«

Mein Schwiegervater starrte mich ungläubig an. »Tust du denn gar nichts dagegen? Willst du sie nicht retten?«

»Hank, ich kann es nicht. Niemand kann es.«

»Aber manchmal wachen Menschen doch aus dem Koma auf«, erklärte Hank so sicher, dass es fast unwiderlegbar klang.

»Bei ihr wird das nicht geschehen. Sie liegt nicht eigentlich im Koma. Ein Koma ist die Folge von eher lokal begrenzten Verletzungen. Die können natürlich auch gefährlich sein, aber Elle hat eine viel schwerwiegendere Kopfverletzung davongetragen.« Meine Stimme stockte. Meine Mutter nahm meine Hand und hielt sie fest. »So würde Elle ohnehin nicht mehr leben wollen«, fuhr ich fort. »Fast alle Hirnregionen sind in Mitleidenschaft gezogen.«

»Du willst aufgeben?« Hank schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Stuhls. »Das lasse ich nicht zu!«

Ich starrte an die Decke. »Mit Aufgeben hat das nichts zu tun. Und es ist nichts, was wir erlauben oder nicht erlauben können. Ich wollte, es wäre so. Ich werde jetzt zu ihr gehen. Falls einer von euch sich noch von ihr verabschieden möchte, bitte ich um eine halbe Stunde Geduld, bis die Schwestern mit der Versorgung fertig sind.«

»Mein Gott!« Christopher zitterte, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen. Seine Frau legte den Arm um ihn.

Als ich mich zum Gehen wandte, sprang Hank auf und versperrte mir den Weg. »Auf keinen Fall lässt du meine Tochter sterben. Und wenn ich vor Gericht gehen muss!«

Ich versuchte, mich an ihm vorbeizuschlängeln, doch er stieß mich gegen die Wand. Sein Atem roch nach Whisky. Wie zum Teufel hatte er sich in der Klinik Sprit besorgen können? Und was noch viel wichtiger war – seit wann trank er wieder? Soviel ich wusste, war er mindestens zwanzig Jahre lang trocken geblieben. Doch das spielte jetzt keine Rolle. Ich wusste nicht, wann er wieder mit der Sauferei angefangen hatte, und es war mir auch herzlich egal.

Ich ergriff seine Handgelenke und riss sie von meinen Schultern. »Ich lasse sie gar nichts. Wenn ich irgendetwas tun könnte, würde ich es tun. Ich liebe Elle, aber in der Sekunde, als sie stürzte, war schon alles zu spät. Und dass sie nicht sterben wollte wie ihre Mutter, das weißt du ganz genau.«

Meine Mutter stellte sich zwischen uns wie ein Schiedsrichter beim Preisboxen. »Schluss jetzt, Hank. Setz dich. Matt hat recht. Elle hat schon vor vielen Jahren eine Patientenverfügung gemacht. Nachdem Alice gestorben und Elle achtzehn geworden war.«

Mom hatte immer schon eine rasche Auffassungsgabe, und was sie sagte, klang wie die reine Wahrheit. Tatsächlich aber war es ihrer Fantasie entsprungen. Zwar war Elle immer der Ansicht gewesen, dass ihr Vater nicht die richtigen Konsequenzen aus der Krankheit ihrer Mutter gezogen hatte, aber von einer rechtsgültigen Patientenverfügung hätte ich auf jeden Fall gewusst. Trotzdem war ich Mom für ihren Einwurf dankbar.

Meine Mutter schnüffelte. »Himmel, Hank, hast du wieder getrunken?«, fragte sie erschrocken.

Er schüttelte den Kopf. »Nur einen.«

In Moms Augen zeigte sich etwas wie Mitleid oder Ärger – genau konnte ich es nicht sagen. Sie wandte sich ab.

»Dad!« Christopher war entsetzt. »Was soll denn das? Ruf deinen Sponsor bei den Anonymen Alkoholikern an. Du musst wieder zum Meeting.«

Für den Bruchteil einer Sekunde erkannte ich Elle in Christophers Augen. So hatte auch sie immer versucht, ihren Vater unter Kontrolle zu halten. Aber der Eindruck verschwand so schnell, wie er gekommen war. Hank griff nach seinem Jackett und rannte an seinem Sohn vorbei. Christopher zog sich zurück und wurde wieder zu dem kindlichen Mann, der sich an seine Frau klammerte. Ich fragte mich, ob er ohne Elles tatkräftige Unterstützung überleben konnte.

Und ich fragte mich, ob ich es konnte.

Auch wenn keine Schwestern in Elles Zimmer waren, konnten sie dank einer Glaswand zum Schwesternzimmer den Raum überwachen. In der Vergangenheit hatte ich von meiner Warte als Arzt aus die Räume der Intensivstation immer mit Aquarien verglichen. Jetzt bekam der Vergleich eine ungeahnte Aktualität. Irgendwie stellte ich mir Elle vor, wie sie mit dem Bauch nach oben verloren an der Oberfläche trieb. Vielleicht war ich es auch selbst. Körperlos und in gewisser Weise deplatziert. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren und nicht mehr vernünftig denken. Ständig redete ich mit Elle und bettelte darum, sie möge endlich wieder aufwachen. Ich wusste natürlich genau, was in ihrem Körper vor sich ging, aber ich war nicht bereit, es zu akzeptieren. Ich konnte Elles Hirndruckmonitor ablesen und die Ergebnisse verstehen, aber nur Sekunden später verlor ich mich in Fantasien – wie zum Beispiel diesen Gedanken über Aquarien.

Angeblich erlebt man kurz vor seinem Tod sein ganzes Leben noch einmal im Zeitraffer. Ich fragte mich, woran Elle gedacht haben mochte. Wie man am besten Streifen auf den Scheiben vermeidet? Ob sie das Fensterputzmittel lieber auf das Glas oder besser auf den Wischlappen sprühen sollte? Ein streifenfreies Fenster als Vermächtnis.

Oder hatte sie vielleicht über uns nachgedacht?

Laut Kübler-Ross läuft Trauerarbeit in vier Phasen ab: dem Nicht-wahrhaben-Wollen, dem Aufbrechen chaotischer Emotionen, dem Suchen, Sichfinden und Sichtrennen und schließlich dem Finden eines neuen Welt- und Selbstbezuges und damit der Akzeptanz. Für mich bedingten die ersten Phasen einander, aber akzeptieren – nein, das konnte ich noch lange nicht. Ich befand mich offenbar gerade im Stadium der chaotischen Emotionen, denn ich ärgerte mich. Ich ärgerte mich über sie und über ihren Bruder. Und über Hank. Genaugenommen war ich stinkwütend. Am liebsten hätte ich die blöde Glasscheibe mit meinen Fäusten bearbeitet, aber ein Funke Vernunft blieb mir glücklicherweise erhalten. Man hätte mich nämlich mit ziemlicher Sicherheit hinausgeworfen. Das aber hätte den Abschied von Elle bedeutet. Das wollte ich auf keinen Fall riskieren! Nur über meine Leiche! Allerdings entbehrte Letzteres nicht eines gewissen Reizes: Dann wäre ich wenigstens ebenfalls tot.

Die Fenster der Zimmer auf der Intensivstation ließen sich nicht öffnen. Das war sinnvoll, denn schon dachte ich über die beste Möglichkeit nach, mich umzubringen. Schluss damit, Matt. Das Fenster liegt sowieso nicht hoch genug für einen Sprung.

Die Sonne ging unter, und ein runder Vollmond zeigte sich am Horizont. Finde einen Ausweg, Matt. Irgendein Wunder – eine Operation oder eine Medikation, die noch niemandem eingefallen ist. Entdecke etwas absolut Neues, und rette Elle. Etliche Jahre Ausbildung und sieben Jahre Praxis mussten doch irgendetwas bewirkt haben. Verzweifelt suchte ich nach dem Geniestreich, der mir Elle zurückbringen würde.

Schließlich machte sich eine entsetzliche Leere in mir breit. Mein Ärger verflog. Langsam ging ich in Elles Aquarium auf und ab und warf dann und wann einen Blick ins Schwesternzimmer. Keine Ahnung, was ich dort zu sehen erwartete. Vielleicht Elle? Denn dieser Körper, der hier auf dem Bett lag – das war nicht wirklich meine geistvolle Frau mit dem intelligenten Kopf und dem mitfühlenden Herzen. Ich nahm ihre Hand und setzte mich auf den orangefarbenen Stuhl neben dem Bett. Bitte, wach auf.

Einige Zeit später schaltete ich den Fernseher ein. CNN sendete wieder einmal einen Bericht zum Irak-Debakel, danach folgte etwas über ein Erdbeben in Peru. Als ich gerade wieder ausschalten wollte, erschien Elles Foto auf dem Bildschirm. Es stammte von einer Feier bei der NASA, zu der sie sich mit einem wie für sie gemachten pfirsichfarbenen Spaghettiträgerkleid so richtig in Schale geworfen hatte. Damals war ihr Haar noch länger gewesen; es reichte bis zur Mitte des Rückens. Eigentlich sah sie eher wie eine Hollywood-Schauspielerin in der Rolle der Naiven aus als nach der hochqualifizierten Wissenschaftlerin, die sie in Wirklichkeit war. War? Dachte ich tatsächlich schon in der Vergangenheit?

Ich drehte den Ton lauter.

»Nach einem Unfall wurde die ehemalige Astronautin Elle McClure in eine Klinik in Maine eingeliefert. Ein Sprecher der Familie bestätigte, dass Elle McClure Beaulieu auf der Intensivstation liegt. Genauere Untersuchungsergebnisse stehen noch aus. Die Familie bittet darum, für die Patientin zu beten.«

Ich hatte um gar nichts gebeten. Ich hatte weder eine Erklärung abgegeben noch irgendwen beauftragt, es zu tun. Ein Video ihres EVA, ihres Weltraumspaziergangs, wie wir Laien es zu nennen pflegen, erschien auf dem Bildschirm.

»Wie Sie sich vielleicht erinnern, hat Dr. McClure während der Mission zur Aufrüstung des Weltraumteleskops Hubble im Jahr 2004 ihrem Kollegen André Jabert das Leben gerettet. Jaberts Raumanzug wurde von einem Mikrometeoriten perforiert, und McClure schaffte es, ihn vor dem vollständigen Druckabfall zum Shuttle zurückzubringen. Der gefährliche Zwischenfall zwang die Atlantis zu einer Notlandung, aber Jabert überlebte und flog später wieder ins All. Vier Monate später verließ McClure die NASA, kehrte in ihre Heimatstadt zurück und heiratete den Neurochirurgen Matthew Beaulieu. Heute lehrt sie am Bowdoin College und ist als Beraterin für das MIT und die NASA tätig.«

Die Presse hält Nachrufe auf alle Berühmtheiten bereit. Jetzt hatten sie den von Elle hervorgekramt und lasen ihn vor.

»Sie hat gelehrt. Kapiert es doch! Es ist Vergangenheit«, murmelte ich und schaltete den Fernseher aus.

Plötzlich entdeckte ich Elles Gynäkologin, die neben dem Schwesternzimmer stand und sich mit Phil unterhielt. Ich nickte ihr zu.

Ohne mich wirklich zu konzentrieren, dachte ich weiter darüber nach, wie ich meinem Leben ein Ende setzen könnte. Kohlenmonoxidvergiftung? Eine Überdosis Hydrocodon? Ein Kopfschuss? Irgendetwas in dieser Art würde ich tun, nachdem wir Elle begraben hätten. Ich überlegte sogar, wie ich meinen Suizid nach einem Unfall aussehen lassen könnte, um es meiner Familie leichter zu machen.

Interessant war, dass ich Elle fast hören konnte, wie sie mich verhöhnte: »Der Gedanke an Selbstmord ist sehr tröstlich. Er hilft uns so manche schlechte Nacht zu durchstehen.« Sie zitierte gern Nietzsche – zumindest seine weniger frauenfeindlichen Aussprüche. In dieser Beziehung war sie wählerisch. Auch seinen atheistischen Sprüchen war sie nicht sonderlich zugetan. Mit diesen Zitaten pflegte ich sie aufzuziehen, wenn sie einmal – was selten vorkam – sonntags zur Kirche ging, während ich lieber ausschlief.

Wo war Gott jetzt?

Geräte wurden ins Zimmer gerollt, aber ich blickte nicht auf, bis jemand meinen Namen sagte.

»Matt? Darf ich reinkommen?« Vor mir stand Blythe Clarke, Elles Frauenärztin, und streifte sich einen Kittel über. Wie immer trug sie ein rosa Haarband in ihrem völlig weißen Haar.

Lieber hätte ich mich foltern lassen, als ausgerechnet jetzt Smalltalk zu machen. Ich fürchtete, dass ich dem Nächsten, der mir erklärte, wie leid es ihm täte, einen Schwinger auf die Nase verpassen könnte. Trotzdem murmelte ich: »Natürlich.«

Zu meiner Überraschung rollte sie ein transportables Ultraschallgerät neben Elles Bett.

Was zum Teufel machte die Frau da? Elle hatte keine anderen schweren Verletzungen. Phil stand an der Tür und sah zu, wie Blythe Elles Aufzeichnungen auf das Gerät legte und sich einen Stuhl heranzog. »Du weißt, dass wir alle weiblichen Traumapatienten einem Schwangerschaftstest unterziehen.«

»Sie ist nicht schwanger.« Ich massierte meine Nasenwurzel. Abgesehen von einer schwachen Minute bei meiner Mutter hatte ich mich bisher ganz gut gehalten. Ich durfte die letzten Stunden mit Elle nicht mit Heulerei vergeuden. Dazu war später immer noch genügend Zeit.

»Nun, der Schwangerschaftstest in der Notaufnahme war positiv«, fuhr Blythe fort. »Die Konzentration von Beta hCG zeigt uns, dass sie fast in der achten Woche ist.«

Phil räusperte sich. »Wir haben diesen Umstand leider übersehen, als wir sie für die OP vorbereiteten. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte.«

»Aber das ist unmöglich!«, sagte ich. Mir fiel der Schnelltest neben dem Waschbecken im Bad ein. Sie hatte ihn vergangenen Monat gekauft, dann aber nicht benutzt, weil auf dem Heimweg ihre Blutung einsetzte. Das war erst zwei Wochen her. Außerdem hatten wir immer aufgepasst.

»Hat sie ihr Babyaspirin genommen?«, fragte Blythe.

»Ja.« Nach Elles dritter Fehlgeburt hatte Blythe herausgefunden, dass Elle ihre Babys verlor, weil sie an einer Fehlsteuerung des Autoimmunsystems litt. Aspirin ist wirklich ein Wundermittel – man konnte damit sogar Elles APS behandeln.

Blythe reichte mir den Ausdruck des Labors.

Ich griff nach dem Blatt. Elle war tatsächlich schwanger. »Aber ist das denn möglich? Sie hatte vor zwei Wochen ihre Periode. Könnte da eine Verwechslung vorliegen?«

»Möglicherweise war es nur eine kleine Zwischenblutung. Auf jeden Fall möchte ich eine Ultraschalluntersuchung machen, um herauszufinden, ob überhaupt ein fetaler Herzschlag feststellbar ist. Nach allem, was heute passiert ist, würde mich eine Fehlgeburt nicht gerade verwundern.«

Immer noch verwirrt fuhr ich mir durch die Haare.

Blythe bat eine Schwester, den Raum vollständig abzudunkeln. Sie streifte eine sterile Hülle über den Stab und bestrich ihn mit Ultraschall-Gel. »Matt, ich werde sie vaginal untersuchen. Willst du lieber gehen?«

»Ich nicht, aber du, Phil, bitte, wenn es dir nichts ausmacht.«

Phil verließ das Zimmer.

Die Schwester, ein ganz junges Ding, hob Elles rechten Schenkel an und deckte das Perineum ab. Blythe führte das Gerät in Elles Vagina ein.

Mein Herzschlag beschleunigte sich. Vor Angst. Wie oft war Elle heute geröntgt worden? Wie viele fruchtschädigende Substanzen hatte man in der Notaufnahme in sie hineingepumpt? Welche Folgen mochte das für einen in der Entwicklung befindlichen Fetus haben? Gleichzeitig fiel mir ein, dass ich einmal einen Artikel über eine hirntote Frau gelesen hatte, die ein gesundes Baby zur Welt brachte, und fragte mich, ob so etwas auch in unserem Fall möglich wäre.

»Da«, sagte Blythe und zeigte auf den Monitor. »Das Herz schlägt.«

Ich starrte auf das Ultraschallgerät. Das winzige Flimmern auf dem Bildschirm gab mir Mut. »Sie ist tatsächlich schwanger.«

»Ich glaube, mit acht Wochen liegen wir richtig.« Blythe markierte die Größe und sicherte die Resultate auf der Festplatte. Dann drehte sie sich zu mir um. »Ich kann mal herumtelefonieren, um herauszubekommen, ob und wie man da etwas machen kann. Ich selbst habe mich noch nie mit solchen Dingen beschäftigt, aber auf einem Lehrgang war einmal die Rede davon. Die Familie wusste nicht, dass die Frau schwanger war, und erfuhr es erst nach einem Motorradunfall. Man erhielt während der gesamten Schwangerschaft ihre Lebensfunktionen aufrecht, und sie bekam ein gesundes Kind.«

Erst als ich schon Sternchen sah, dachte ich wieder ans Atmen. »Angesichts von Elles Schwierigkeiten – hältst du es für möglich?«

»Durchaus.« Sie zuckte die Schultern. »Phil sagt, ihre Hypophyse und ihr Hypothalamus sehen ganz okay aus. Wenn das der Fall ist, könnte ihr Körper in der Lage sein, den Hormonspiegel zu regulieren und die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Aber sicher bin ich mir nicht, Matt. Es ist schwer zu sagen.«

»Sie ist viermal schwanger gewesen und hat kein Kind ausgetragen.«

»Beim letzten war sie nahe dran. Und der Tod dieses Babys hatte nichts mit den bekannten Problemen zu tun.«

Ich erinnerte mich an Baby Dylans leblosen Körper in meinen Armen und fühlte mich elend.

Blythe legte mir die Hand auf die Schulter. »Ich kann dir beim besten Willen nicht raten, was du tun sollst. Aber ich finde, du solltest alle Fakten kennen, ehe du dich entscheidest, die lebenserhaltenden Systeme abzuschalten.«

3
Nach der Operation

Mom kam ins Krankenzimmer. Sie hatte zwei Tassen Kaffee und eine Tüte mit Sandwichs aus einem Laden gegenüber dem Krankenhaus besorgt, die ich gleich beiseitestellte. Aus irgendeinem Grund versuchen die Leute immer, einen mit Essen vollzustopfen, wenn man trauert. Ich brauchte nichts zu essen. Ich brauchte einen Grund, um weiterzuleben.

»Du musst etwas essen, Matthew.«

Ich zuckte die Schultern, starrte weiter aus dem Fenster und grübelte darüber nach, was Elle von mir erwarten würde.

Mom legte mir ein Sandwich auf den Schoß und betrachtete Elle. »Glaubst du, dass sie Schmerzen hat?«

»Nein. Sie ist …« Elle war hirntot. Sie spürte überhaupt nichts mehr, und ich fühlte mich so unendlich einsam, dass ich nicht wusste, wie ich diesen leeren Platz in mir je wieder mit Leben füllen sollte.

Mom beugte sich vor und küsste Elle auf die Wange. »Kann sie uns vielleicht noch hören?«

»Nein.« Ihre Schläfenlappen, wo ein wichtiger Teil des Gehörs sitzt, waren so mit Blut überschwemmt, dass sie ein eigenes Rotes Meer hätten bilden können. Sie konnte nicht hören. Auch nicht mehr sehen oder handeln. Trotzdem hatte ich fast die gesamte letzte Stunde damit verbracht, sie im Flüsterton zu fragen, was ich ihrer Meinung nach tun sollte.

Sanft berührte Mom meine Schulter. »Es ist spät«, meinte sie. »Ich fahre dich nach Hause.«

»Ich kann nicht.«

Meine Mutter rückte einen Stuhl in den ohnehin schon engen Raum zwischen Bett und Wand und setzte sich neben mich. »Als dein Vater starb, konnte ich mich auch stundenlang nicht losreißen. Aber wenn sie wirklich hirntot ist, dann ist sie nicht mehr hier. Du musst also nicht bleiben.«

Ich wollte nicht weinen. Weder um Elle noch um Dad. Und doch machte mich die bloße Erwähnung seines Namens zusätzlich fertig. Eine endlos währende Trauer schien sich für meine Zukunft abzuzeichnen. Tief in meinem Innern hoffte ich, dass Elles Geist immer noch in meiner Nähe war, auch wenn ich eigentlich an solchen Mist nicht glaube. »Mom, du kannst ruhig gehen. Ich bin okay«, erklärte ich platt.

Ich spürte, dass sie nichts sehnlicher wünschte, als mich meiner Schwermut zu entreißen. Mütter sind nun einmal so. Aber hier konnte sie nicht helfen.

Und so versuchte sie, zumindest meine Gedanken in positive Bahnen zu lenken, und begann, von glücklicheren Zeiten zu sprechen. »Ich muss immer daran denken, wie Alice und Hank ihr Baby Elle aus der Klinik nach Hause brachten.«

Ich nickte zerstreut. Wahrscheinlich würde es ohnehin zu einer Fehlgeburt kommen, aber alles, was Elle je über Schwangerschaft und Babys gesagt hatte, schrie mir ins Gesicht, dass ich es versuchen sollte. Sie hätte es sicher so gewollt!

Und doch wusste ich genau, dass Elle immer Angst davor hatte, künstlich am Leben erhalten zu werden. Trotzdem war sie immer bereit, ihr Leben für Dinge einzusetzen, die sie für wichtiger hielt als sich selbst. Wie damals im Spaceshuttle.

Mom erging sich weiter in Erinnerungen. »Ihre Mutter hat mir Elle in die Arme gelegt – also genau genommen dir, Matt, weil du auf meinem Schoß gesessen hast. Erinnerst du dich noch daran?«

»Ich war gerade zweieinhalb. Wie sollte ich?« Ich hatte die Geschichte oft genug gehört.

»Wir dachten damals, du wärest taub. Wusstest du das?« Mom sprach mehr zu sich selbst als mit mir. Auch sie musste sich von Elles Zustand ablenken.

»Ihr hieltet mich für einen Autisten.« Mein Kinderarzt befürchtete eine schwerwiegende Störung, weil ich bis zu dem Tag, als die McClures uns ihr Baby vorstellten, noch kein Wort gesprochen hatte. Meine Eltern schleppten mich zu einem Dutzend Spezialisten, von denen keiner etwas anderes herausfand als die Tatsache, dass ich eben nicht sprach.

Mom wischte sich eine Träne von der Wange. »Ich habe sowieso nie daran geglaubt. Ich wusste, dass mit dir alles in Ordnung war, und als Elle zu gurren begann, sagtest du: ›Peep‹. Du hast sie sehr lang Peep genannt. Bis ihr anfingt, miteinander auszugehen.«

Ich nickte. Manchmal nannte ich sie immer noch Peep. Meistens als Kosewort und sehr selten in Gegenwart anderer. Ich drehte meinen Ehering. Meine Liebe, mein Leben, Peep.

»Dein Vater war der Meinung, dass du dir von einem Baby nicht die Schau stehlen lassen wolltest.«

»Ich glaube eher, dass ich von Anfang an auf sie gewartet hatte. Ich kann mir eine Welt ohne sie einfach nicht vorstellen.« Mich schauderte. Ich war kurz davor, loszuheulen.

Meine Mutter nickte. »Ich auch nicht. Aber auch wenn es dir jetzt unmöglich erscheint, Matt – das Leben geht weiter. Nach Vaters Tod musste ich das auch erst lernen, und du wirst die gleiche Erfahrung machen.«

»Sie ist schwanger«, sagte ich.

Die Augen meiner Mutter wurden riesengroß. »Schwanger?«

Ich nickte. »Sie muss in der achten Woche sein, aber wir wussten es nicht. Ihre Periode kam regelmäßig.«

»Du lieber Himmel – deswegen also ist sie ohnmächtig geworden.«

»Durchaus möglich.« Ich schüttelte den Kopf. Was hatte diese Schwangerschaft aus ihr gemacht? Nein, eigentlich war alles meine Schuld, denn ich hatte sie schließlich geschwängert. »Ich weiß es erst seit zwei Stunden. Die Untersuchung wird bei Traumapatienten routinemäßig durchgeführt.«

»Tut mir leid, Liebes.« Mom legte ihre Hand auf meine. »Ein doppelter Verlust.«

»Blythe Clarke glaubt, dass es möglich ist, das Baby zu retten. Sie telefoniert gerade mit Perinatologen im ganzen Land. Es gibt wohl ein paar ähnlich gelagerte Fälle, bei denen das Baby überlebte.«

»Matt – Matt! Das kann nicht dein Ernst sein. Elle wollte nie künstlich am Leben erhalten werden.«

»Ich habe mich noch nicht entschieden. Aber ich denke, sie hätte gewollt, das ich es probiere.«

Mom blinzelte heftig. »Sie hat eine Patientenverfügung.«

Ich beugte mich vor. »Ich dachte, das hättest du dir nur ausgedacht.«

»Nein, sie hat eine gemacht. Erinnerst du dich, wie schrecklich es für sie war, dass ihre Mutter so lange leiden musste?«

»Das weiß ich, Mom, aber Alice hatte Krebs und große Schmerzen. Elle leidet nicht. Glaubst du nicht auch, dass sie sich für das Leben ihres Babys entscheiden würde?«

Mom schloss die Augen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Wenn es bedeuten würde, monatelang an Apparate angeschlossen zu sein? Nein, das glaube ich nicht. Elle darf nicht das Gleiche erleiden müssen wie ihre Mutter. Und außerdem ist es unvernünftig. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ausgerechnet diese Schwangerschaft zu einem glücklichen Ende führt. Elle hatte so viele Fehlgeburten.«

»Aber nur aufgrund ihres APS. Und dagegen kann man etwas tun.«

Mom presste die Lippen zusammen und atmete heftig ein. »Liebes, letztes Mal habt ihr es behandelt und das Baby dann trotzdem verloren.«

»Aber nicht wegen dem APS.«

»Trotzdem ist Dylan gestorben.« Mom griff nach meiner Hand. »Es tut mir unendlich leid, aber es ist nun einmal so. Und Elle wäre ebenfalls um Haaresbreite gestorben. Du vielleicht auch. Ich will einfach nicht, dass du dir zu viele Hoffnungen machst, die dann doch wieder im Sand verlaufen. Lass Elle in Frieden gehen.«

»Sie würde sicher wollen, dass unser Baby gerettet wird.«

Mom stand auf, blickte aus dem Fenster und seufzte. »Es ist zu früh. Bist du ganz sicher, dass du nicht einfach nur einen Teil von Elle behalten willst?«

»Das natürlich auch, aber ich bin mir ganz sicher, dass Elle von mir erwartet hätte, das Wohl des Babys allem anderen voranzusetzen.«

Mom schüttelte den Kopf. »In diesem Stadium ist es noch kein Baby. Matt, um Himmels willen, man nennt es noch nicht einmal Fetus, ehe es acht Wochen alt ist.«

Ich starrte meine Mutter an. Eine Nachhilfestunde in Embryologie brauchte ich jetzt weiß Gott nicht.

»Ich weiß«, fuhr sie fort, »und es bricht mir das Herz. Ich würde wirklich alles tun, wenn die Chance bestünde, Elle zurückzuholen. Mir ist klar, dass du am Boden zerstört bist, aber versuche einmal, in deiner Eigenschaft als Arzt zu denken. Wie hoch schätzt du die Chancen ein, dass sie das Kind bis zum Ende austrägt, nachdem es vorher nie geklappt hat? Hundert zu eins? Tausend zu eins? Ich liebe Elle. Sie ist für mich wie eine Tochter, und du weißt das. Ich wünschte mir, sie würde aufwachen und …« Moms Stimme versagte. »Aber das wird nicht passieren. Es ist schwierig, jemanden gehen zu lassen. Aber sie hat mir das Versprechen abgenommen, dass ihr niemals jemand so etwas antun darf.«

»Sie ist meine Frau.«

»Das ist mir klar, aber du trauerst und weißt nicht, was du tust.« Die Miene meiner Mutter zeigte Bedauern, aber auch absolute Unbeugsamkeit.

Allmählich kroch Panik in mir hoch. Ich hatte nicht etwa Angst vor meiner Mutter, aber ich wusste, dass es keinen dickköpfigeren Menschen gab als sie. »Wann hat Elle dieses Ding unterschrieben? Wo ist es? Ist darin von Schwangerschaft die Rede?«, sprudelte ich hervor.

»Es ist lange her. Ich kann mich nicht mehr genau an den Inhalt erinnern, aber ich werde es suchen und nachschauen.«

Blythe Clarke kam zurück. Als sie den ernsten Ausdruck auf dem Gesicht meiner Mutter sah, blieb sie stehen. »Hallo Linney. Matt, ich habe da ein paar Informationen für dich. Sobald es dir passt.«

Ich stand auf und ging um den Stuhl meiner Mutter herum. »Schieß los, Blythe. Meine Mutter weiß Bescheid.«

Blythe kramte ihren PDA aus der Kitteltasche. »Das Baby sieht so weit lebensfähig aus. Das Ergebnis hängt allerdings davon ab, ob wir Elle richtig stabilisieren können.«

»Aber sie ist doch erst in der achten Woche.«

»Richtig«, bestätigte Blythe.

Mom kniff die Augen zusammen. »Ich kann nicht zulassen, dass ihr Elle so etwas antut. Und dann auch noch monatelang.« Sie griff nach ihrer Handtasche. »Ich bin in zwei Stunden zurück.« Mit diesen Worten stürmte sie aus dem Zimmer.

Blythe starrte mich an. »Was ist mit ihr?«

»Sag mir zuerst, was du herausgefunden hast.«

Sie zögerte einen Augenblick, ehe sie antwortete. »Es gibt ungefähr ein Dutzend Einzelberichte, und ich kann dir keine großen Versprechungen machen. Wir haben jetzt August. Wenn wir sie bis Weihnachten am Leben erhalten können, ist das Baby sechsundzwanzig Wochen alt.«

»Verdammt früh!«

»Stimmt. Mir wäre es auch lieber, wenn wir es bis Februar schaffen könnten, aber zu Weihnachten wäre das Kind zwar noch sehr klein, aber vermutlich schon lebensfähig. Es hätte zumindest eine Chance.«

Ich dachte an die Frühgeborenenstation und die Frühchen dort, die nicht etwa pausbäckige Miniversionen voll ausgetragener Säuglinge waren, sondern dünnhäutige, arme kranke Kerlchen, die verzweifelt um ihr Überleben kämpften. »Meine Mutter behauptet, Elle hätte eine Patientenverfügung gemacht. Ich persönlich wusste allerdings nichts davon.«

»Hm …« Blythe runzelte beunruhigt die Augenbrauen. »Ich habe diese Nacht Bereitschaft, bin also im Haus. Du kannst mich jederzeit über den Pager erreichen. Ansonsten schaue ich morgen früh noch einmal vorbei.«

»In Ordnung«, nickte ich. Sie ging.

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich meinen Bruder Mike gar nicht bemerkte, der durch den Flur auf mich zukam. »Wie geht es ihr?«, fragte er. »Ich bin sofort gekommen, als ich von dem Unfall gehört habe.«

»Komm rein, wenn du magst«, erwiderte ich.

Er blickte skeptisch an seinem ölfleckigen Mechanikeroverall hinunter. »Wie schlimm ist es?«

Ich zitterte. Mir fehlten die Worte.

Mike nahm mich in die Arme wie einen kleinen Jungen und begann zu weinen.

»Komm mit«, sagte ich, griff nach seinem Ellbogen und führte ihn aus dem Zimmer. Auch wenn Elle uns nicht mehr hören konnte, war es mir unmöglich, das Wort »hirntot« in ihrer Gegenwart auszusprechen. Langsam schlenderten wir den langen Krankenhausflur entlang. Ich erzählte ihm von Elles Schwangerschaft.

Er atmete hörbar aus. »Aber gleich Monate? Willst du das wirklich monatelang durchhalten?«

»Es gibt eine Chance, und ich glaube, ich werde es tun. Ja, ich bin sicher, dass wir es versuchen sollten«, sagte ich, obwohl es nur eine Sache gab, derer ich wirklich sicher war: Ich fühlte mich am Boden zerstört.

4
Tag 2

Als Phil am nächsten Morgen in die Klinik kam, um Elle neurologisch zu untersuchen, reckte ich mich und rieb meinen verkrampften Nacken. Während der Nacht hatte ich ab und zu ihre Pupillen und ihre Reflexe überprüft. Sie zeigte keine Anzeichen irgendeiner Besserung. Als Arzt erwartete ich kein Wunder, aber als Ehemann klammerte ich mich an jede noch so kleine Hoffnung.

»Melanie wartet draußen«, teilte Phil mir mit. »Sie wollte kurz reinschauen und Elle sehen.«

Ich nickte. Obwohl hier im Longfellow Memorial Krankenhaus eigentlich nur Familienmitglieder zu Besuchen auf der Intensivstation zugelassen waren, war ich sicher, dass niemand etwas einwendete, wenn die Ehefrau des behandelnden Neurochirurgen die Regeln brach. »Sag ihr, sie soll reinkommen.«

Phil ging zur Tür und winkte sie herein. Als Mel das Zimmer betrat, sah sie zunächst aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Doch dann schluckte sie und breitete die Arme aus. »Es tut mir so unendlich leid«, sagte sie. Sie umarmte mich länger und fester, als ich es unter normalen Umständen als angenehm empfunden hätte, und trotzdem wünschte ich mir, sie würde nicht loslassen. Danach machte sie die üblichen Angebote: Ob ich Hunger hätte? Ob ich irgendetwas von zu Hause brauchte? Vielleicht saubere Kleidung?

Sie setzte sich neben Elle, griff aber nach Phils Hand, als suche sie seine Stärke. »Phil sagt, dass du mich nicht hören kannst, aber … Mein Gott …« Ihre Unterlippe begann zu zittern, und sie sah Phil hilfesuchend an. »Kannst du wirklich gar nichts tun?«

Alle Luft schien aus Phil zu entweichen. Er schüttelte den Kopf.

Melanie presste ihren Handrücken gegen den Mund. »Okay, Elle, hör zu«, sagte sie schließlich. »Wir lieben dich alle. Und wir wollen nicht, dass du dir Sorgen um Matt machst. Wir werden schon auf ihn aufpassen, das verspreche ich dir.« Hastig stand sie auf und flüchtete sich in Phils Arme.

Eine Stunde später kam Christopher. Am Vortag war er so erschüttert gewesen, dass er sie nicht mehr hatte sehen wollen.

»Hey«, sagte er, als träfen wir uns zum Baseball. Dann wurde sein Mund hart. »Die haben ihr die Haare abrasiert.«

»Für die Operation«, erklärte ich.

Sein Blick irrte auf dem Boden umher. »Das ist nicht fair.«

Fair? Die Bemerkung war typisch für Christopher, aber dies hier war kein Spielfeld mit Schiedsrichtern.

»Ich habe doch nicht im Traum damit gerechnet, dass sie ohnmächtig werden könnte«, sagte er.

»Willst du eine Absolution? Willst du, dass ich zu dir sage: ›Christopher, solche Dinge passieren nun mal‹? Okay. Unfälle geschehen immer wieder. Aber dieser hier wäre nicht passiert, wenn du den Mumm gehabt hättest, selbst auf deine Scheiß-Leiter zu steigen.«

Er hielt sich am Fußende des Bettes fest. »Sie hatte nie Höhenangst. Eigentlich hat sie vor gar nichts Angst.«

Ich schüttelte den Kopf und zerrte ihn aus dem Zimmer. Natürlich konnte Elle uns nicht hören, aber ich fürchtete, dass mir die Hand ausrutschen könnte. Was war dieser Christopher doch für ein Weichei! Immer musste seine große Schwester ihm als Handlanger dienen! Aber natürlich wollte ich Elles verhätscheltes Brüderchen nicht vor ihren Augen windelweich prügeln.

Elle.

Im Flur blieb ich stehen und betrachtete durch die Glasscheibe ihren reglosen Körper mit den geschlossenen Augen und den von dem Unfall und der OP geschwollenen Lidern. Selbst wenn sie die Augen öffnen könnte, würde sie mich nicht sehen.

Kein Wunder, dass die Familien meiner Patienten ihr Heil im Leugnen suchten. Auch ich begriff zwar die physiologischen Details von Elles Verletzungen, aber sie ergaben keinen Sinn. Ich brachte es einfach nicht fertig, mich ihnen zu stellen.

»Matt? Hast du gehört?«

Ich wandte mich zu Christopher um und schüttelte den Kopf. »Was denn?«

»Warum hast du mich aus dem Zimmer gescheucht?«

Für Sekundenbruchteile überwog Trauer meinen Ärger, doch dann kehrte die Wut unvermindert zurück. »Es stimmt nicht, dass Elle nie Angst hatte. Sie verbarg sie einfach nur besser als andere Leute.«

»Wovor fürchtete sie sich denn, abgesehen davon, so zu enden wie unsere Mom?«

Ich starrte ihn sekundenlang an. Stimmt. Elle hatte immer Angst vor einem langsamen Tod gehabt. Wie konnte ich auch nur in Erwägung ziehen, sie monatelang künstlich am Leben zu erhalten? Weil, so lautete die Antwort, Elle bereit war, ihr Leben für ein Baby zu riskieren. »Davor, dass ihre Träume nicht wahr werden könnten.«

»Das ist nicht das Gleiche.« Er presste die Lippen aufeinander und wich meinem Blick aus. »Wirklich Angst hatte sie nur davor, wie unsere Mutter zu sterben. Wann werden die Geräte abgeschaltet? Ich … ich möchte dabei sein.«

»Sie werden nicht abgeschaltet. Ich habe mich anders entschieden.«

»Warum? Kann Phil sie doch noch retten?« Ein Hoffnungsschimmer glitt über Christophers Gesicht wie ein Sonnenstrahl, der durch düstere Wolken bricht.

Mein Gott, ich wünschte mir nur einen Bruchteil seiner glücklichen Ahnungslosigkeit. Ich schüttelte den Kopf. »Nein, da ist absolut nichts mehr zu machen.«

Er erstarrte und fuhr sich mit den Händen über die Augen. »Mein Dad hat gestern nur Unsinn geredet. Wie immer, wenn er betrunken ist.«

Unwillkürlich dachte ich an die Zeit, als Hank sich langsam um den Verstand getrunken hatte. Chris war damals gerade acht Jahre alt gewesen, die Mutter lag im Sterben, und Elle glaubte, die ganze Last auf ihre jungen Schultern nehmen zu müssen. »Mich wundert, dass du dich überhaupt noch daran erinnerst«, sagte ich. Hank war seit langem trocken – zumindest bis gestern.

»Ich war alt genug. Du würdest dich wundern, was ich noch alles aus dieser Zeit weiß. Aber du kannst Elle nicht das antun, was unsere Mom erleiden musste.«

Wieder blickte ich durch die Glaswand zu Elle hinüber. Mein Entschluss, sie am Leben zu erhalten, entsetzte mich selbst. »Aber es ist nicht das Gleiche. Elle hat keine Schmerzen. Und sie ist schwanger. Wenn wir sie lang genug stabilisieren können, ist das Baby vielleicht zu retten.«

»Das darf doch nicht wahr sein! Nicht schon wieder! Die wievielte Schwangerschaft ist das jetzt? Die vierte? Die fünfte?« Chris ballte die Fäuste. »Verdammt! Ich habe dir schon letztes Mal gesagt, dass du ihr besser kein Kind mehr machen solltest. Sie ist fast dabei draufgegangen.« Er drehte sich um und betrachtete seine Schwester.

Ich wusste nicht, was ich entgegnen sollte. Alles war meine Schuld.

Normalerweise war Christophers Beschützertrieb gegenüber seiner sieben Jahre älteren Schwester wenig ausgeprägt. Aber nach der letzten Schwangerschaft hatte er mir ins Gewissen geredet, und ich war damals durchaus seiner Meinung gewesen. Es wäre zu riskant gewesen, es noch einmal mit einem Baby zu versuchen.

»Sie hat mir nicht gesagt, dass sie schwanger ist«, murmelte Chris.

»Wir wussten es beide nicht. Es war noch zu früh.«

»Willst du etwa sagen, dass wir sie neun Monate lang mit diesen Maschinen am Leben erhalten müssen? Niemals! Elle hätte das nicht gewollt. Und ich ganz bestimmt nicht. Ich musste schon zusehen, wie meine Mutter auf diese Weise gestorben ist.«

Er stürmte davon. Ich lief hinter ihm her. Als er schon fast am Aufzug war, erreichte ich ihn und griff nach seinem Arm. »Hier geht es nicht darum, was du willst, Chris. Es geht um Elle. Es geht um die Familie, nach der sie sich immer gesehnt hat.«

»Moment mal! Du machst mir ein schlechtes Gewissen, weil Elle von meiner Leiter gefallen ist – aber du schwängerst sie wieder? Arschloch!«

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und meine Mutter stand vor uns. Sie wirkte ein wenig zerzaust. Ihr graues Haar hing in Strähnen um ihr Gesicht. »Christopher, Schatz!« Sie küsste ihn auf die Wange und wandte sich sofort wieder mir zu. »Ich habe die Patientenverfügung gefunden, Matt. Zwar habe ich die halbe Nacht gebraucht, aber hier ist sie.« Sie reichte mir ein Formular, in dem Elle Kästchen angekreuzt hatte.

Ich überflog es rasch.

Wünschen Sie, an ein Beatmungsgerät angeschlossen zu werden, wenn Sie nicht mehr selbstständig atmen können?

Ja

Nein

Wünschen Sie künstliche Ernährung, wenn sie nicht mehr selbstständig Nahrung zu sich nehmen können?

Ja

Nein

Eine Schwangerschaftsklausel gab es nicht. Mist!

Jede Frage auf der Seite war in Elles Teenagerhandschrift negativ beantwortet worden. Ein einfacher Satz fasste alles zusammen. »Ich wünsche keinerlei lebenserhaltende Maßnahmen, es sei denn, es gibt Hoffnung auf Genesung.« Das Dokument war von ihr unterschrieben und zu allem Überfluss auch noch von einem Notar beglaubigt. Nicht gut für mich.

Ich rieb mir die Augen und versuchte mich zu erinnern. War Elle nach Dylans Geburt in der Notaufnahme nach einer Patientenverfügung gefragt worden? Eigentlich war es Pflicht der Klinik, sich darum zu kümmern. Wäre ich nicht hellhörig geworden, wenn sie die Frage bejaht hätte? Andererseits war ich mit dem leblosen Körper unseres Sohnes viel zu beschäftigt gewesen. Ich würde die Akten durchforsten müssen. »Das hier ist nicht gültig«, sagte ich. »Es ist zu alt. Nach der Eheschließung hätte es geändert werden müssen. Ich bin ihr Ehemann und damit ihr nächster Angehöriger.«

»Matthew, du weißt sehr genau, dass eine Patientenverfügung weder etwas mit Angehörigen noch mit dem Familienstand zu tun hat. Es geht darum, wer für sie die Entscheidungen treffen soll. Und das bin nun einmal ich«, trumpfte meine Mutter auf.

»Wie bitte?«

Meine Mutter drehte das Formular um. Auf der Rückseite hatte Elle meine Mutter bevollmächtigt, Entscheidungen in ihrem Namen zu treffen, falls sie selbst dazu nicht mehr in der Lage war. Das Dokument gab meiner Mutter freie Hand.

Niedergeschmettert versuchte ich, sie umzustimmen. »Aber Elle ist schwanger. Du weißt doch selbst, wie verzweifelt sie sich ein Baby gewünscht hat.«

»Also, ich bin auf Linneys Seite«, meldete sich Christopher zu Wort.

»Wir sind hier nicht bei einer Abstimmung.« Ich zerknüllte die Patientenverfügung in meiner Hand.

»Gib sie mir zurück«, forderte meine Mutter mich auf.

Aber ich behielt das Blatt fest in der Hand. Wie weit würden wir gehen? Würde meine Mutter mit mir schimpfen wie mit einem Zweijährigen? Würde ich mit dem Fuß aufstampfen? Irgendwann mussten wir doch über so etwas hinweg sein!

»Wir werden sie nicht künstlich am Leben erhalten«,

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