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Ich und die Kanzlerin

Jasmin Behringer
Ich und die Kanzlerin

von Martin Baltscheit

BASTEI ENTERTAINMENT

Der Begriff Praktikum bezeichnet eine auf bestimmte Dauer ausgelegte Vertiefung zuvor erworbener theoretischer Kenntnisse in praktischer Anwendung bzw. das Erlernen neuer Kenntnisse und Fähigkeiten durch praktische Mitarbeit in einer Organisation. Als Praktikant galt im 16. Jahrhundert ursprünglich eine Person, die unsaubere Praktiken betreibt. Seit dem 17. Jahrhundert hat sich die heute gebräuchliche Bedeutung eingebürgert – dass es sich um jemanden handelt, der ein Praktikum absolviert. Wikipedia

Abbildung

Praktika

Jan arbeitet in einer Gärtnerei. Julika hospitiert im Krankenhaus, Mara sitzt für eine Woche in der Kanzlei ihrer Mutter und Kiki mistet unten im Pferdehof den Stall aus. Ich habe keine Ahnung, was ich werden will. Vielleicht was am Theater, vielleicht zum Film. Vielleicht werde ich auch Mutter und bleibe zu Hause. Bei Mutter schreibe ich mir die letzten vierzehn Jahre als Praktikum auf. Ich habe nämlich zwei jüngere Geschwister, einen Vater, der nie da ist, und eine Mama, die zweimal die Woche in der Küche sitzt und heult. Ich kenn mich aus. Mutter ist ein armseliger Beruf. Kein Gehalt, kein Urlaub, keine Abfindung. In der Wirtschaft zahlen sie Millionen, damit du gehst, wenn du versagst. Mütter kriegen Kuren im Schwarzwald. Meine Mama würde die Abfindung sofort nehmen, sich in den Flieger setzen und uns eine Postkarte schreiben.

Hallo, Kinder!

Habe mein Handy am Strand verloren und kein Geld mehr für Briefmarken.

Kuss, Mutter

Nein, ich glaube, das will ich lieber doch nicht; und was mein Vater macht, will ich auf keinen Fall, der ist nämlich Bestatter. Bestatter in der dritten Generation. Ich habe kein Problem damit, es ist ehrenvoll und man arbeitet mit Menschen. Aber ich denk mir was ohne Tränen. Vielleicht mache ich ein Praktikum bei meinem Onkel, der ist ein hohes Tier in Berlin und jedes Wochenende auf einer anderen Party. In Berlin war ich schon lange nicht mehr.

Die Idee

Mein Onkel und ich telefonieren. Er sagt, er kann alles gebrauchen, bloß keine Vierzehnjährige, die nicht weiß, was sie will. Aber wenn ich wüsste, was ich wirklich und unbedingt machen möchte, würde er mir helfen, Fehler zu vermeiden. Ich lege auf und denke wirklich und unbedingt nach. Mir fällt nichts ein und ich gehe fernsehen. Vorabendserien. Die liebe ich. Vorabendserien sind so erbärmlich, dass ich mich über eine Stunde lang klug, schön und brillant finde. Einmal am Tag brauche ich das, und es wirkt immer.

Nach den Serien kommen die Nachrichten. Die gucke ich auch, oft wegen der Frauen, die das machen. Vielleicht werde ich auch Nachrichtensprecherin. Heute liest ein Mann vor, die Nachrichten sind: Unsere Kanzlerin ist in Amerika. Sie reitet mit dem Präsidenten durch die Prärie. Es gibt Barbecue und sie reden über den Weltfrieden. Danach streiken die Lokführer in Frankreich, und siehe da, unsere Kanzlerin ist inzwischen wieder zu Hause und leitet eine wichtige Sitzung. Drei Männer kommen zu Wort, alle arbeiten für Deutschland und alle loben die Kanzlerin. Dann zeigen sie Bilder von einem Vulkanausbruch auf einer traumhaften Insel und am Ende kommt Sport und schon wieder die Kanzlerin, die irgendwelchen Siegern gratuliert. Danach das Wetter. Damit hat die Kanzlerin nichts zu tun.

Der Onkel

- Absolut unmöglich. Da macht niemand ein Praktikum!

Mein Onkel hat einen schlechten Tag. Sein Kopf schmerzt, und er glaubt, die chinesische Ärztin hätte eine Akupunkturnadel in seinem Halswirbel vergessen. Er hält es für sehr unwahrscheinlich, ein Praktikum bei der Kanzlerin zu bekommen. Ausserdem, fragt er, welcher Teufel mich geritten hätte, ausgerechnet das machen zu wollen.

- Ich will einfach meinem Land dienen, sage ich und wundere mich über mich selbst.

- Ach, Jasmin, aber doch nicht, weil man damit ins Fernsehen kommt!? Mein Onkel seufzt und ich argumentiere weiter.

- Den Menschen helfen, das Leben lebenswerter und gerechter machen.

- Pass auf, brummt er, das ist mir alles …

- Zu viel?

- Ich nehme jetzt zwei Tabletten und denke nach. Dann legt er auf, ohne sich zu verabschieden.

Zwei Wochen später ruft er wieder an. Es hätte etwas länger gedauert, nein, nicht wegen der Kopfschmerzen, sondern weil er nicht der liebe Gott wäre. Aber irgendwie scheint er ihn zu kennen, denn ich darf mich im Kanzleramt bewerben. Schriftlich. Aber, sagt mein Onkel, wir brauchen eine Eins-a-Bewerbung. Ich mache mich sofort an die Arbeit. Die Bewerbung kostet mich einen Tag1 und am Ende ist Folgendes zu lesen:

Sehr geehrte Damen und Herren des Bundeskanzleramtes,

hiermit bewerbe ich mich um ein einwöchiges Praktikum bei der Kanzlerin. Gerne möchte ich meine theoretischen Kenntnisse über das höchste Amt im Land durch praktische Mitarbeit vertiefen. Das Praktikum soll helfen, meinen Berufswunsch Kanzlerin von Deutschland realistisch einzuordnen und eine wichtige Entscheidungshilfe auf meinem Lebensweg sein.

Im Anhang sende ich ihnen meinen Lebenslauf, das letzte Zeugnis und ein Foto von mir. Ich würde mich außerordentlich freuen, von Ihnen zu hören und grüße Sie alle herzlich

Ihre Jasmin Behringer

Mein Onkel ist nicht unzufrieden. Woher ich so geschwurbelt schreiben kann, will er wissen. Ich erinnere ihn an seine Schwester, die meine Mutter ist, und er sagt: ach die … Den Brief mit dem Foto stecke ich in eine rote Mappe, schicke alles an meinen Onkel und höre nichts mehr von ihm. Nach vier Wochen frage ich meinen Vater, ob ich seine Särge abstauben darf. Ich habe mich ja um nichts gekümmert und die anderen sind längst untergebracht. Mein Papa lächelt gütig und gibt mir Geld, damit ich mir zwei schwarze Röcke kaufen kann. Dann kommt der Anruf aus Berlin.

Unter 3

Wenn Politiker mit Journalisten sprechen, reden sie zuerst in Geheimsprache. Unter 1 heißt: Alles, was ich sage, kannst du schreiben und sagen, dass es von mir ist. Unter 2 heißt: Schreib alles, aber erzähl nicht, von wem du das hast. Unter 3 bedeutet: Nichts schreiben, nichts sagen, einfach nur wissen. Mein Onkel sagt mir unter 3, dass dieses Praktikum eine absolute Ausnahme ist. Außerdem sollte ich in der Schule kein großes Ding daraus machen. Hingehen, Schnauze halten und lernen. Danach einen kleinen Bericht schreiben, eine gute Note kassieren und das war es. Ich habe ihm alles versprochen und eine Woche später stehe ich vor dem Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland.

Mein erster Tag

Genauer gesagt stehe ich an der Wachstation des Bundeskanzleramtes. Das Ding sieht aus wie ein Roboterkopf – harmlos wie ein Kinderspielzeug. Überall stehen keine Wachen mit schweren Maschinengewehren, keine Panzer, keine Helme, keine Scharfschützen, nur ein paar freundliche Männer in blauen Uniformen, wie von der freiwilligen Bürgerwehr. Vorne an der Scheibe melde ich mich an. Ich gebe meinen Ausweis ab und bekomme ein Kärtchen für Besucher. Danach geht es in den Roboterkopf und eine kleine Frau mit Brille begrüßt mich.

- Jasmin?

Ich nicke. Die Frau nickt zurück und schiebt mich durch den Körper-Scanner. Hier ist alles wie am Flughafen, nur kleiner. Der Raum ist so eng, dass ich mich frage, wie da ein Staatsbesuch durch soll?2 Nach zehn Sekunden bin ich fertig – gecheckt und sauber. Sie schicken mich zum Pförtner ins Haupthaus. Dazu gehe ich über einen Parkplatz, vorbei an zwei schwarzen, blank geputzten Autos. Wären das Kombis, wäre es wie bei Papa.

Jetzt stehe ich vor dem richtigen Eingang des deutschen Kanzleramtes. Das Amt hat zwei Türen, zwei gläserne Automatiktüren. Man kann hineinsehen, das ist einladend. Bürgerin Jasmin Behringer ist sozusagen willkommen und geht einen Schritt weiter. Die Türen drehen sich automatisch und im Schritttempo. Mein Eintritt in das Amt der Kanzlerin ist also entspannt und lässt auf einen schnellen Aufstieg hoffen.

Mein Opa hat mir mal von den Ämtern seiner Kindheit erzählt, als er zum Gericht musste, weil eine Frau aus seinem Dorf den Führer3 beleidigt hatte. Gleich nach dem damals üblichen Heil Hitler4 hatte sie ausgespuckt. Das hat einer gesehen, der sie nicht leiden konnte, und sie angezeigt. Nun musste die Arme vor Gericht und das halbe Dorf ist mitgegangen. Mein Opa war noch ein Kind, konnte sich aber gut an das Amtsgericht erinnern. Sogar ein Erwachsener wäre kaum an die hohe Klinke des Haupteingangs gekommen und die Tür zum Gerichtssaal war wie für Riesen gebaut. Der Richter thronte über allen Anwesenden, und die Decke war so hoch, dass mein Opa dachte, hier könnten auch Bäume wachsen. Zum Glück haben sie die Frau freigesprochen. Der Richter meinte, Hitler lieben und sich den Staub von der Zunge spucken, sei miteinander vereinbar, und die Menschen sollten aufhören, einander zu beschimpfen, sondern sich gegenseitig zu ihrem geliebten Führer gratulieren. Dann hat er Heil Hitler gerufen und alle haben mitgebrüllt. Mein Opa kennt eine Menge solcher Geschichten, aber das ist jetzt nicht das Thema, sondern nur ein Detail wegen der Eingangstüren, und die waren, wie gesagt, freundlich.

Ich bin also drin. Im BK5, im Foyer. Rechts und links das gleiche, oder dasselbe, ich vertu mich da immer. Die Symmetrie fällt auf. Symmetrie und in Gruppen denken, so richtet mein Onkel seine Wohnungen ein. Aber so was wie hier hat er auch nicht. Es ist die totale Symmetrie, ein Haus mit einer unsichtbaren Grenze in der Mitte, einer Linie, die alles spiegelt. Rechts ist wie links, also Ost wie West, oder Nord wie Süd? Auf jeden Fall sind die Seiten gleich. Gleich viele Wände, Räume, Lampen etc., eine ausgewogene, ehrliche, gerechte Gleichheit, nur der Pförtner ist eine Gruppe und sitzt rechts.

- Guten Tag, mein Name ist Jasmin Behringer und …

- Is schon jut Kind, ick wees. Setz dich ma da vorne hin und warte.

Wenn alle wissen, wer du bist, braucht auch keiner eine Maschinenpistole, denke ich und sehe mich weiter um. Auf den Tischen vor den schwarzen Wartesesseln liegen die aktuellen Zeitungen. Auf der anderen Seite wartet die Presse. Sie haben schweres Gerät dabei. Fotoapparate, riesige Objektive, sogar eine Filmkamera sehe ich. Nur einer von ihnen ist gut angezogen. Ich meine richtig gut, Anzug mit Streifen. Die anderen tragen normale Sachen und haben diese Kärtchen um den Hals. Jeder trägt hier Kärtchen, Journalisten oft zwei oder drei. Vielleicht werde ich Journalistin, man kommt überall hin und muss keinen Eintritt zahlen.

- Jasmin?

Vor mir steht Frau Krug, ich lese es auf ihrem Kärtchen. Wir gehen an zwei großen Männern vorbei. Das sind Bodyguards. Sie sehen mich an, und ich bin sicher, sie können später im Schlaf eine Zeichnung von mir anfertigen. Irgendwie denke ich, die passen auch auf mich auf.

Gemeinsam mit den Fotografen stehen wir vor dem Aufzug. Kreisrunde Aufzüge, so rund wie die Drehtüren, wer weiß, vielleicht schrauben wir uns nach oben. Innen ist alles grün. So ein helles Grün mit Glitzereffekt6 und die Wände sind mit durchsichtigem Plastik abgehängt. Das ist eine Schutzmaßnahme, weil die Fotografen mit ihren Stativen andauernd den Lack beschädigen.7 Der Aufzug fährt ganz normal. In der Stille macht jemand einen guten Witz, und alle lachen, bis wir aussteigen. Ganz oben. Siebte Etage. Chefetage. Ich bin angekommen, höher geht es nicht, das ging schnell, herzlichen Glückwunsch, Jasmin. Die Fotografen trollen sich nach rechts, Frau Krug zieht mich auf die linke Seite. Der Teppich ist grün, die Wände sind aus rotem Holz und es ist angenehm warm. Ich werde in das Büro von Frau Schiller gebracht. Frau Schiller ist mein Boss für die nächste Woche hier im Bundeskanzleramt8 und arbeitet nicht direkt für die Kanzlerin. Als ich das verstanden habe, bin ich enttäuscht. Wahrscheinlich kriege ich die Königin von Deutschland, wie mein kleiner Bruder immer sagt, jetzt gar nicht zu sehen.

Frau Schiller bietet mir einen Stuhl an, einen Tee und etwas Süßes. Es ist still hier. Alle Türen zu den Nachbarräumen sind auf und ich sehe bis in das letzte Büro des Ganges. Es ist wie auf einem Samttuch. Keiner rennt, keiner schreit, arbeiten ist wie Atmen, man merkt es kaum. Sogar das Telefon klingelt leise. Frau Schiller hebt ab.

- Ja, das ist richtig, nein, davon weiß ich nichts, natürlich, da frage ich gerne nach …

Die Praktikantin Jasmin Behringer sitzt auf einem Stuhl am Fenster und sieht hinaus. Von hier oben kann sie auf den Berliner Hauptbahnhof sehen. Da fährt eine Kolonne schwarzer Fahrzeuge, vorneweg Motorräder mit Blaulicht. Die Polizisten räumen die Straße frei, ganz entspannt, die Kolonne hat es nicht eilig, rote Ampeln spielen für die keine Rolle. Ich nehme mir einen Keks.

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