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Ich und Du

Über das Buch

Durch einen schweren Unfall, der zu seiner Lähmung vom Hals abwärts führte, wurde Philippe Pozzo di Borgo, ein strahlender und rastloser Erfolgsmensch, in die Stille des Innehaltens gezwungen. Zurückgeworfen auf ein ihm unbekanntes Selbst, wurde ihm bewusst, wie wenig aufnahmebereit er bislang anderen gegenüber war – ganz egal, ob Fremde oder die eigene Frau. Er erkannte, dass man einem Menschen nur dann wirklich begegnen kann, wenn man »die Waffen streckt« und ihm entblößt gegenübertritt, offen für dessen Sichtweise und Wesensart, offen für das nicht Perfekte. Nur so können wir die eigene Schwäche und die eigene Menschlichkeit ohne Angst zulassen. Und nur so kann Gesellschaft gelingen.

Philippe Pozzo di Borgo

ICH UND DU

Mein Traum von Gemeinschaft
jenseits des Egoismus

Aus dem Französischen
von Bettina Bach

Hanser Berlin

INHALT

Dank

Einleitung

1 Warum der Andere?

2 Das alte Ich

3 Lieber Großvater

4 Der Bruch

5 Béatrice’ Tod

6 Das neue Ich

7 Weg mit den Masken!

8 Der enge Vertraute

9 Der Freundeskreis

10 Die Gemeinschaft

11 Der Nächste

12 Khadija, meine Verbündete

13 Von einer Generation zur nächsten

14 Der Gedemütigte

15 Schwierige Begegnung

16 Schmerzliche Einsamkeit

17 Ein zweiter Atem

18 Das Ich und Du der Extreme

19 Unsinniges Leid

20 Entwaffnet vorangehen

21 Beglückende Abhängigkeit

22 Flüchtige Begegnungen

23 Der Ganz-Andere

24 Meine ganze Wertschätzung

Die Rettung

Anmerkungen

DANK

Mein großer Dank geht an Christophe Henning, Journalist und Herausgeber der Reihe »J’y crois« (Woran ich glaube) bei den Éditions Bayard. Mein Beitrag zu dieser Reihe ist auf seine Initiative hin entstanden. Durch seine freundschaftliche Anwesenheit während meines einjährigen Krankenhausaufenthalts in Nantes konnte ich überhaupt am Ball bleiben.

Danke auch an Armel Roland, der mich im selben Jahr in Nantes bei meinem Briefwechsel und beim Schreiben unterstützt hat.

Meinem gelehrten Freund Michel Orcel und meinen Bergfreunden Yves und Chantal Ballu sowie Max und Marie-Odile Lechevalier danke ich für ihre Unterstützung und die aufmerksame Lektüre des Manuskripts.

Und schließlich danke ich Émeline Gabaut, die mir seit vielen Jahren bei all meinen Projekten, also auch diesem Buch, voll Wohlwollen und Klugheit zur Seite steht.

Essaouira, Januar 2015

EINLEITUNG

Auf dem Höhepunkt der Begeisterungswelle für den Film Ziemlich beste Freunde1 kam Christophe Henning mich in Marokko interviewen. Mit seinen persönlichen, wohlüberlegten Fragen versuchte er zu ergründen, was mir gerade widerfuhr, zu analysieren, wie sich in unserer westlichen Gesellschaft ein solcher Erfolg, ein solcher Hype um diese Geschichte, die für mich zehn Jahre lang Alltag war, erklären ließ.

Wieso hatte meine ungewöhnliche Freundschaft mit dem frisch aus dem Gefängnis entlassenen Vorstadttypen Abdel, den Omar Sy im Film so bewundernswert verkörpert, die Herzen von Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt berührt?

Einige Zeit später traf ich Christophe in Frankreich wieder. Wir waren mittlerweile befreundet, und er schlug mir vor, einen Beitrag für seine neue Reihe »Woran ich glaube« zu schreiben. Sie beschäftigt sich mit ganz wesentlichen Fragen: Worauf soll man sein Leben gründen? Wie hält man in einer Gesellschaft im ständigen Wandel den Kopf über Wasser? Für welche Werte lohnt es, sich einzusetzen? Ich ging in mich: Hatte mich die enorme Abhängigkeit, mit der ich seit über zwanzig Jahren konfrontiert bin, etwas gelehrt, das zu einer Antwort auf diese Fragen beitragen konnte?

Ich sagte grundsätzlich zu, legte mich jedoch zeitlich nicht fest, denn meine Frau Khadija und ich waren durch all die Reisen und dauernden Anfragen furchtbar eingespannt. Es war nicht abzusehen, wann ich dazu käme, etwas zu schreiben, was »Hand und Fuß« hatte.

Ich schlug Christophe Henning vor, über die Beziehung zwischen dem Ich und dem Du zu schreiben, denn es passte sowohl zur Botschaft des Films Ziemlich beste Freunde als auch zum Thema der Reihe.

Zu dieser Zeit waren Khadija und ich so viel unterwegs, gaben Interviews, besuchten Empfänge und andere Events, die mit dem Film zusammenhingen, dass ich darüber meine Behinderung fast vergaß.

Die Realität sollte mich jedoch schnell wieder einholen, denn ich bekam einen schweren Dekubitus, eine Plage, die für Menschen mit Rückenmarksverletzungen dazugehört. Nur wenn wir streng darauf achten, wie wir sitzen oder liegen, und außerdem stets auf unsere Ernährung und unseren Erschöpfungszustand achtgeben, lassen sich diese Druckgeschwüre vermeiden, die sich bis aufs Knochenmark durchfressen und zu einer schwer zu behandelnden Knocheninfektion ausweiten können.

2014: Ich werde in der mir bisher unbekannten Uniklinik in Nantes aufgenommen. Sie ist mit einem Notfallzimmer ausgestattet. Ein bemerkenswertes Team unter der Leitung von Frau Professor Brigitte Perrouin-Verbe nimmt mich in Empfang. Ich werde operiert und muss fünf Monate absolut flach liegen, ohne jede Erhöhung. Während dieser langen Zeit betrachte ich die Zimmerdecke. Um das Thema der Alterität, der Beziehungen anzugehen, sind Distanz und Stille notwendig. Die bekomme ich zur Genüge, zumal ein weiterer Notfall eine zweite, schwierigere Operation erforderlich macht und mein Aufenthalt in der Klinik sich um mehrere Monate verlängert.

In diesem Jahr im Krankenhaus habe ich viele andere Patienten wie mich gesehen: verletzlich, leidend; dank der unermüdlichen, aufopferungsvollen Pflege des Teams habe ich überlebt. Nach der grauen Zeit in Nantes – grau wie die Reue – dachte ich anders über die Frage des Ich und Du, denn in der Stille hatte sich das Ich verändert.

Zu Beginn meines Krankenhausaufenthalts war Christophe Henning gekommen und hatte über drei Tage hinweg ein Interview mit mir geführt. Als ich einige Monate später seine Notizen las, merkte ich, dass sich meine Sichtweise in manchen Punkten erneut gewandelt hatte. Ich habe zwar eine lange Geschichte unterschiedlichster Beziehungen hinter mir, doch es sind die endlosen Phasen der Stille, insbesondere jene in letzter Zeit, die meine Wahrnehmung der zwischenmenschlichen Beziehungen tiefgreifend verändert haben. Bisher hatte ich nicht genügend Stille in meinem Leben zugelassen, um ihre große Bedeutung zu erkennen.

Dieses Buch siedelt sich irgendwo zwischen dem an, was im Film Ziemlich beste Freunde zu sehen war, das heißt, wie wertvoll die Beziehung zum anderen und ein entkrampftes Zusammenleben sind – was in unserer individualistischen Welt einer tiefen Sehnsucht zu entsprechen scheint –, und dem Reichtum, den die Stille mir geschenkt hat. Sie brachte mich dazu, diese Beziehung zum anderen, die mit der Beziehung zu sich selbst beginnt, zu überdenken. Den anderen so zu respektieren, wie er ist, das ist die Lehre von Ziemlich beste Freunde. Respekt für seine Mitmenschen bedeutet aber auch, sich selbst in der Stille zu wandeln, bevor man die sinnstiftende Beziehung zum anderen sucht.

Was für eine seltsame Gleichung: Ich und Du, das macht drei! Ich, Du, Wir. Und das größte Rätsel darunter bin vielleicht sogar ich selbst! Bevor man sich in den Austausch begibt, dem anderen begegnet, muss man sich selbst kennen. Dafür habe ich eine Weile gebraucht; ich war nicht immer derselbe, oder besser gesagt, ich hatte mich noch nicht entdeckt.

Doch das Nachdenken über unsere Beziehung zum anderen ist nicht Querschnittsgelähmten wie mir vorbehalten. Eine entscheidende Voraussetzung dafür ist, wie gesagt, die innere Stille, die mit einem offenen Ohr einhergeht. Ich würde Ihnen gern den Umweg über den Rollstuhl und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten ersparen und Sie einladen, in sich zu gehen, wie ich es nach dem ganzen Trubel getan habe. Nehmen Sie sich Zeit, werden Sie innerlich still und hinterfragen Sie sich. Vielleicht erleben Sie dann auch das Gefühl, etwas Einfaches wiedergefunden zu haben, etwas, was für alle von Bedeutung ist.

Bei den Tausenden Zuschriften, die ich nach Ziemlich beste Freunde bekam, überwogen Schilderungen von Unbehagen und Einsamkeit, davon, wie Menschen unter Zurückweisung, mangelndem Verständnis und dem Gefühl einer großen Ungerechtigkeit leiden.

Neben Heiterkeit und Begeisterung hat der Film bei den Zuschauern Rührung und insgeheim vielleicht sogar Hoffnung hervorgerufen. Auch in den Hilferufen der vielen Menschen, die sich an mich wandten, habe ich Material für dieses Buch gefunden. Genauso wie die »Unberührbaren« im Film2 bilden all diese anonymen Unberührbaren – du und ich, wir und ihr – die Basis für eine neue Form des Miteinanders.

1   WARUM DER ANDERE?

Du und Ich, diese Gleichung war mir lange fremd. Ich stellte mir die Frage nach dem anderen nicht und war nur damit beschäftigt, mein Leben zu leben. Nicht aus Überheblichkeit, sondern schlicht aus Nachlässigkeit, Sorglosigkeit, vielleicht sogar Furcht. Ich respektierte durchaus, dass es ein »Du« gab, das sich von mir unterschied, aber es stand für mich nicht an erster Stelle. Das begann sich erst während Béatrice’ Krankheit zu ändern. »Der andere«, das war für mich zunächst die Leidende, dann die Abwesende. Nach ihrem Tod habe ich erkannt, was ich alles mit Béatrice hätte erleben können oder sogar sollen. Hatten nicht meine deplatzierte Zurückhaltung und mein großer Egoismus dem Glück der Gemeinschaft im Weg gestanden?

In unserer Gesellschaft herrscht das »Ich« vor. Doch der Individualismus führt in eine Sackgasse, was durch die derzeitige Krise deutlich zutage tritt, und wir sind aufgerufen, eine neue Form des Zusammenlebens zu finden. Dabei muss das »Du« in einer friedlichen und bereichernden Beziehung das »Ich« ausgleichen. Überspitzt formuliert: Gestern hieß es »Ich« gegen »Die«. Heute sollten wir in Betracht ziehen, dass aus »Denen« »Ihr« werden kann und dass »Ich und Du« schlicht und einfach »Wir« sind. Eine Revolution der sozialen Beziehungen.

Bevor dieses Gespann, die Einheit zweier Elemente, aber zustande kommen kann, ist da zunächst die Trennlinie zwischen »Dir« und »Mir«, der Augenblick der Begegnung, in dem sich entscheidet, ob eine Beziehung bzw. ein Bündnis entsteht. Ein Duft, ein Blick, ein Händedruck oder auch eine Geste können diese Grenze zwischen uns überwinden und der Gemeinsamkeit den Weg ebnen.

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu merken, dass der andere genauso wichtig ist wie ich. Denn das Leben hat eine Weile gebraucht, um mich mit den anderen in Verbindung zu setzen. Zweiundvierzig Jahre lang war ich von Lärm und Hektik umgeben. Nach meinem Unfall und bis zu Béatrice’ Tod nahm ich mich mit aller Macht zusammen, um sie, meine krebskranke Frau, nicht zu belasten. So fielen die langen Phasen der Stille für mich mit Depressionen nach ihrem Tod und meinen langen Krankenhausaufenthalten zusammen.

In einer Welt, die nicht zum Träumen neigt, wage ich, davon zu träumen, dass wir in diesem Gespann von Ich und Du die Lösung vieler Probleme unserer Gesellschaft finden. Eine solche Beziehung ist so viel lebenswerter als die leeren Versprechungen der Selbstverwirklichung, die für viele im Nichts endet.

In unserer Gesellschaft auf der Suche nach Antworten glaube ich, dass diese Gleichung einen Weg weisen könnte. Und glauben heißt hoffen, es ist geheimnisvoll, vielversprechend und stimulierend. Natürlich ist es auch ein Akt des Vertrauens, und wer Vertrauen schenkt, geht das Risiko ein, enttäuscht zu werden. Was man jedoch riskiert, wenn man nicht an diese Alchemie glaubt, wird heutzutage allzu deutlich: um sich greifende Vereinsamung, immer größer werdende Gier. Auch wenn ich das Geheimnis noch nicht begreife, mache ich nun diese Erfahrung: An den anderen zu glauben und Vertrauen zu riskieren ist aussichtsreicher als die Ideologie des Individuums, das für sich allein triumphieren will.

2   DAS ALTE ICH

In mir gab es mindestens zwei »Ichs«. Den, der ich früher war, und den, der ich jetzt bin. Vielleicht gab es sogar noch mehr, die nach und nach zutage traten.

Die Zeit unterteilt sich in die vor meinem Unfall und dem Tod meiner ersten Frau Béatrice und die danach, bis heute. Vermutlich war der, der ich jetzt bin, schon in meinem alten Ich enthalten. Doch früher erfüllte der, der ich war, die an ihn gestellten Erwartungen. Heute hingegen bin ich frei von gesellschaftlichen Zwängen und muss nicht mehr nach irgendwelchen Vorbildern suchen.

Ich kann nicht von heute sprechen, ohne an den zu erinnern, der ich zweiundvierzig Jahre lang war. Ich war »ganz okay«, in die Gesellschaft integriert, glücklich, jemand, der sich ein paar Fragen stellte und anderen Fragen aus dem Weg ging. Zwar suchte ich – zum großen Leidwesen meiner Frau Béatrice, die diesen im Lauf der Geschichte schon zu oft erprobten Gesellschaftsmodellen misstraute – nach politischen Lösungen für die Übel unserer Zeit, aber alles in allem blieb ich unbeteiligt, wenig engagiert und war eigentlich nicht betroffen. Die Fragen, die mich beschäftigten, waren ziemlich theoretischer Natur. Sie mochten etwas über meine soziale Identität aussagen, gaben aber gewiss nichts von mir preis. Meine Geschichte habe ich schon in einem früheren Buch3 erzählt, in der Vorlage zu dem Film Ziemlich beste Freunde. Trotzdem frage ich mich immer noch, was ich eigentlich für ein Mensch war: Ich habe mich damals zwar durchaus für andere interessiert, aber im Grunde hörte ich einfach nicht zu, ich war zu gehetzt, nahm nichts wahr. Ich hatte das ganze Leben vor mir und nie Zeit.

Ich war vom anderen abgeschnitten, zu sehr mit mir selbst beschäftigt, mit meinem Erfolg, mit Macht, mit Eroberungen, dem Eindruck, den ich schinden konnte. Ich war mir selbst im Weg, nie zufrieden, immer getrieben und aktiv. Natürlich ist der Ehrgeiz, Großes zu erreichen, wichtig, doch wir sollten uns vor Maßlosigkeit hüten: Sie nährt in uns ein Gefühl der Allmacht, der Beständigkeit, ja der Unsterblichkeit. Dabei sind wir verletzlich, wie ich eines Tages im Juni 1993 erfahren sollte …

An mir war damals nichts, das anormal oder gar abstoßend gewesen wäre. Ich hatte ein gutes Händchen für Geschäfte und war überhaupt gut in Form: Sehr sportlich für mein Alter, lief ich regelmäßig Marathons und war ein begeisterter Gleitschirmflieger. Heute weiß ich, dass ein solches Tempo eine Illusion ist, eine Flucht. Ständig überwand ich neue Grenzen, während meine Frau im Sterben lag. Béatrice setzte sich damals mit ihrem Ende auseinander. Ich war dazu nicht in der Lage. Der Krebs schwächte sie immer mehr, das sah ich wohl, auch, dass etwas zu Ende gehen würde, aber ich ließ den Gedanken nicht wirklich an mich heran. Ich fühlte mich unbesiegbar und weigerte mich anzuerkennen, dass die Zeit sich nicht aufhalten lässt. Nein, ich war nicht dumm, aber weit davon entfernt, jene Lebensklugheit zu besitzen, die unserem Dasein einen Sinn verleiht.

Kurz, ich unterschied mich kaum von vielen meiner Zeitgenossen!

In meiner Familie nannte man mich »Philippe auch!«, weil ich das als Kind immer gerufen hatte. Ich auch, ich zuerst. Das trifft den Ton unserer unersättlichen Gesellschaft. Ich wollte immer alles haben. Es ist die Naschsucht des Kindes, gefärbt von Neugier und Staunen. Im Erwachsenenalter artet eine solche Einstellung jedoch in eine verheerende Anspruchshaltung aus: »Immer alles, immer mehr, und zwar sofort!«

Wir waren zu Hause drei Brüder – zwei Schwestern folgten einige Jahre später –, was zu einer typisch politischen Spielanordnung führte. Zwei gegen einen. Je nach Interessenlage verbündete ich mich mal mit dem einen, mal mit dem anderen, was nun wirklich nicht sehr brüderlich ist. Aber wie hätte ich sonst meine Gier befriedigen sollen? Philippe auch: Ich wollte alles haben!

Die Falle besteht darin, dass einem alles so normal vorkommt: Man wuselt herum, wird überall dringend gebraucht, ist rastlos unterwegs, immer schneller, immer weiter. Ich kann mich noch gut an dieses Gefühl völliger Kontrolle erinnern – als wäre ich schwerelos. Der Gleitschirm ist das perfekte Sinnbild für diese Maßlosigkeit: Die normale Herzfrequenz beträgt bei Erwachsenen im Ruhezustand zwischen 60 und 80 Schlägen pro Minute, bei Marathonläufern etwas weniger. Beim Gleitschirmfliegen steigt die Herzfrequenz auf bis zu 180 Schläge pro Minute – und das über mehrere Stunden: Man ist buchstäblich wie unter Drogen! Damals war ich enorm leistungsfähig, äußerst aufmerksam, nichts entging mir; ich wusste, woran ich war, was ich für Anweisungen geben musste, welche Strategie ich fahren musste, wie ich den Konkurrenten schlagen konnte. Es war ein Rausch, wie im Spielkasino. Ich war einigermaßen anständig, galt als nett, auch wenn einige Kollegen mir den Spitznamen »Dampfwalze« gaben und ein Amerikaner mir nachsagte, ich würde vor Geltungssucht platzen. Ich war völlig überreizt, atemberaubend hyperaktiv, außerordentlich effizient, und das alles mit einem Lächeln.

Der Mythos der Gefahr als Ersatz fürs echte Leben erweist sich als Sackgasse. Ständig Risiken einzugehen wird zum Selbstzweck. Extremsportarten üben eine große Faszination aus. Um sich hervorzutun, stürzen sich Manager von Bergen oder Brücken. Als wäre das Leben nichts wert. Sein Leben an ein Gummiband zu hängen und ins Leere zu springen ist das Syndrom einer vermeintlichen Allmacht. Man stürzt sich zum Spaß vom Berg. Diese Haltung, die dem Leben wenig Bedeutung zumisst, war mir bestens vertraut.

In unserer konsumorientierten Gesellschaft sind diejenigen überlegen, die sich dem Konkurrenzkampf am besten anpassen, auf die Gefahr hin, dabei sogar Familie und Freunde auszugrenzen. Heute sehe ich diesem gnadenlosen Kampf vom Rollstuhl aus zu. Wie hart, ja grausam die Gesellschaft doch ist! So viele bleiben auf der Strecke, die gern noch mitmachen würden; sie wurden aus der Bahn geworfen. »Ich würde ja so gerne …« Wie oft habe ich diese schrecklichen, bedauernden Worte gehört? Offenbar haben individuelle Sehnsüchte in unserer Gesellschaft keinen Platz. Als sei es an den Menschen, sich an die Gesellschaft anzupassen, an die erbarmungslose Logik ihrer Mechanismen, die ihnen ...

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