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Ich übe das Sterben

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Herzschläge
    1. Der Halbmarathon
    2. Erste Begegnung mit dem Sterben
    3. Die Diagnose
  9. Ted
    1. Kerckhoff-Klinik – das erste Mal
    2. Teds schönste Reise – Wien
    3. Teds sportliches Highlight –Vierundzwanzig-Stunden-Laufin Hamburg
    4. Das normale Leben – mit Ted im Gepäck
    5. Basti
    6. Wartezeit
  10. Bob
    1. Im freien Fall
    2. Kerckhoff-Klinik – das zweite Zuhause
    3. Neue Pfade
    4. Familienstaffel
    5. Schritt für Schritt
    6. Bobs schönste Reise – Hawaii
    7. Bobs sportliches Highlight –Ironman Austria
    8. Warten auf Och
  11. Och
    1. Von Kliniken und Ärzten
    2. In Bewegung
    3. Ochs schönste Reise und sportliches Highlight –Transalpine-Run 2009
  12. Danksagungen
  13. Zitatnachweise

Über die Autorin

Gritt Liebing, geboren 1965, wächst im Schwarzwald auf. Schon seit frühester Kindheit wird sie von der Naturverbundenheit, Tierliebe und Liebe zum Ausdauersport ihrer Eltern geprägt. Nach Schule und Ausbildung findet sie schließlich ihren Traumjob bei einem Sportartikelhersteller. In ihrer Freizeit betreibt sie Ausdauersport und engagiert sich ehrenamtlich im Tierheim. Im Jahr 1999 wird ein Gendefekt an ihrem Herzen diagnostiziert, der nur mittels eines implantierten Defibrillators behandelt werden kann. Gritt Liebing kämpft gegen den lauernden Tod, auch indem sie sportliche Herausforderungen sucht, denn sie sagt: Ich muss nur schneller sein als der Tod.

Gritt Liebing

Ich
übe das
Sterben

Ein schwaches Herz, ein starker Wille
und jeden Tag ein neuer Sieg

Für Pickwick und Merlin

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Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders …1

Wie ein roter Faden ziehen sich diese Worte durch mein Leben. Ich war immer in Bewegung und werde es immer sein. Seit nunmehr zehn Jahren bin ich aber vielmehr auf der Flucht als einfach nur in Bewegung. Auf der Flucht vor dem Tod, der mir jeden Tag die knochige Hand auf die Schulter legt, der nachts neben mir am Bett sitzt, der mir an den merkwürdigsten Orten auflauert und der immer wieder versucht, mir den Weg abzuschneiden.

1zitiert aus »Bleibt alles anders« von Herbert Grönemeyer

Herzschläge

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Der Halbmarathon

Einen Tag vor dem Wettkampf reise ich zu den Weltmeisterschaften im Halbmarathon in der Schweiz an. Meine Aufgabe ist es, dort Athleten zu betreuen, die von meinem Arbeitgeber – einem amerikanischen Sportartikelhersteller – gesponsert werden.

Ich werde auch selbst dort laufen und meinen ersten Wettkampf absolvieren, der über die Zehn-Kilometer-Marke hinausgeht. Neben den Weltmeisterschaften gibt es einen gesonderten Lauf, an dem jeder, der möchte, teilnehmen kann. Dort werde ich starten.

Ausdauersport begleitet mich, seitdem ich drei Jahre alt bin. Damals nahm mein Paps mich zu einem Wettkampf mit, und ich bin meine ersten achthundert Meter gelaufen. Stolz trug ich anschließend die Medaille um den Hals. Diese Liebe zum Sport und die Erinnerungen an Laufveranstaltungen gehören wohl zu meinen eindrücklichsten Erlebnissen meiner Kindheit.

In der Schweiz wohne ich mit einer kenianischen Läuferin in der Wohnung eines Bekannten. Wir kochen dort zusammen und haben viel Spaß. Auch wenn die Kenianerin wenig Englisch und gar kein Deutsch spricht, unterhalten wir uns mit Händen und Füßen und verbringen eine sehr lustige und kurzweilige Zeit miteinander.

Am Abend vor dem Wettkampf treffe ich viele Eliteathleten bei einem großen Abendessen. Es ist interessant, diesen Menschen zu begegnen, und noch interessanter ist es zu sehen, dass keiner dieser Weltklasseläufer Starallüren hat. Der Abend motiviert mich noch mehr für den kommenden Tag. Unter all diesen Spitzenläufern fühle ich mich zwar einerseits winzig klein, aber andererseits genieße ich auch das erhebende Gefühl, all diese Leute kennenzulernen.

Am nächsten Morgen bin ich so nervös, dass ich meine Arbeit nicht gut mache. Ich bin keine große Hilfe für die Läufer, nehme zu wenig Rücksicht auf sie und habe das Gefühl, sie noch nervöser zu machen, als sie es ohnehin sind.

Nervös und aufgeregt verfolgen mein Kollege Pieter und ich auf der großen Leinwand im Zielbereich, was auf der Laufstrecke passiert. Leider kommt keiner »unserer« Athleten aufs Treppchen, und ein wenig Enttäuschung macht sich breit. Aber unsere kenianischen Schützlinge haben ein sonniges Gemüt, und so reichen ein paar aufmunternde Worte meinerseits, um ihnen ein Lächeln auf ihre Gesichter zu zaubern.

Meine Miene hingegen verfinstert sich immer mehr, je näher mein Rennen rückt. Ich renne vor lauter Nervosität andauernd zur Toilette und bin unruhig. Wie wird wohl so ein langer Lauf sein? Kann ich das Tempo richtig einteilen? Kann ich genügend Nahrung und Getränke aufnehmen, um durchzuhalten? Fragen über Fragen in meinem Gedankenkarussell.

Dann geht es endlich los. Ich bin froh, an den Start gehen zu können. Im Block der Amateure bereite ich mich auf das Rennen vor. In meinem Inneren breitet sich eine Mischung aus Vorfreude, Angst und Stolz aus.

Kurz vor dem Start treffe ich völlig unerwartet auf einen alten Bekannten eines Triathlonvereins meiner Heimatstadt, der inzwischen in der Schweiz wohnt. Wir laufen gemeinsam los. Er gehört zu den schnelleren Läufern, und auch die Athleten um mich herum ziehen mich mit. Ohne es zu merken, gehe ich den Halbmarathon viel zu schnell an.

Als ich das erste der Schilder erreiche, die mit Kilometerangaben die Strecke säumen, bin ich erstaunt: Ich habe den ersten Kilometer in weniger als fünf Minuten zurückgelegt. Das ist mehr als nur zu schnell. Ich verlangsame abrupt mein Tempo und werde von einer scheinbar endlosen Anzahl von Läufern überholt. Ich versuche, es gelassen hinzunehmen, auch wenn es mir schwerfällt. Bei den folgenden Kilometerschildern freue ich mich, weil ich bei einem Schnitt von knapp unter sechs Minuten pro Kilometer jetzt genau im Zeitplan liege. Bis fast zur Hälfte der Strecke – bei Kilometer zehn – fühle ich mich total gut und genieße einfach nur das Lauferlebnis.

Ein junger Läufer schließt zu mir auf. Wir laufen plaudernd nebeneinanderher und beschließen, gemeinsam die Ziellinie zu überqueren. Fünf Kilometer vor dem Ziel wollen wir das Tempo etwas verschärfen. Endspurt! Wir stellen das Plaudern ein, um uns ganz auf das Laufen zu konzentrieren und die dadurch gewonnene Luft für unser schnelleres Lauftempo zu nutzen.

Kurze Zeit später verspüre ich ein Druckgefühl auf der Brust, so, als ob mir jemand den Brustkorb zusammendrückt. Plötzlich kann ich nicht mehr wirklich durchatmen und drossle mein Tempo. Angst kriecht in mir hoch, denn diese Luftnot und den Druck im Oberkörper habe ich in meinem Leben noch nie erlebt.

Mein Laufkollege versucht, mich mitzuziehen und spornt mich mit dem Spruch an: »Komm, du schaffst das!«

Doch ich muss vor meiner Atemnot kapitulieren. Ich kann das Tempo nicht durchhalten. Es geht einfach nicht. Ich schicke den jungen Mann weiter, was mir in dem Moment fast wie eine Befreiung erscheint, denn so kann ich mein eigenes Tempo weiterlaufen. Ich werde immer langsamer, schnaube wie ein Walross, und allmählich fangen meine Arme und Beine an zu kribbeln. Sauerstoffmangel. Nur nicht gehen. Immer weitertraben. Es sind nur noch zwei Kilometer.

Es werden die längsten zwei Kilometer meines Lebens. Wie in Trance bewegen sich die Beine. Immer eines vor das andere. Mit jedem Schritt aber werden meine Beine schwerer. Bald kann ich sie kaum mehr spüren. Die Sohlen meiner Laufschuhe schleifen über den Boden. Wie aus der Ferne höre ich den Zuruf meines Kollegen Pieter: »Hey 3D, nur noch ein Kilometer!« Ich freue mich über das Anfeuern, doch in meinem Kopf ist nur noch ein Gedanke: ankommen!

Dann sind es noch tausend Meter – ungefähr eintausendfünfhundert Schritte bis ins Ziel. Der Weg scheint endlos zu sein. Inzwischen spüre ich weder Arme noch Beine und japse immer heftiger nach Luft. Aufzugeben kommt mir jedoch nicht in den Sinn. Dafür habe ich zu viel trainiert, zu viele Hoffnungen in dieses Rennen gesteckt, und ich habe in meinem Sportlerleben noch niemals einen Wettkampf nicht beendet. Der Weg ist das Ziel, die Zeit wird zur Nebensache.

Meinen Blick richte ich nach vorne und beginne, meine Schritte zu zählen. Eins, zwei, drei, … Dann endlich sehe ich es, in großen Buchstaben steht auf einem Banner: Z, I, E, L. Ich buchstabiere das Wort leise vor mich hin, motiviere mich damit selbst.

Und dann überquere ich die Ziellinie.

Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Alles um mich herum läuft ab wie im Film. In meinem Kopf ist absolute Leere – keine Freude, kein Stolz. Meine Arme und Beine sind bläulich gefärbt, mein Gesicht ist weiß wie Schnee. Bloß nicht hinsetzen, sonst komme ich nie wieder hoch. Pieter hängt mir meine Jacke um, und meine kenianischen Schützlinge bringen mir Tee, Wasser und Bananen. Verkehrte Welt, denn schließlich bin ich hier, um sie zu betreuen, und nicht umgekehrt. Aber es tut gut, so umsorgt zu werden.

Irgendwie schaffe ich es unter die Dusche. Mit dem warmen Wasser kehren meine Lebensgeister langsam zurück.

Dennoch bin ich froh, dass Pieter sich bereit erklärt, den Wagen nach Hause zu fahren. Die Heimreise ist lang. Als wir schließlich fahren, ist es dunkel, und ich bin müde wie nie zuvor. Doch ich kann keine Sekunde schlafen. Mein Herz stolpert vor sich hin, und ich verspüre eine nie gekannte innere Unruhe.

Diese Unruhe wird am nächsten Tag vom Alltag verdrängt. Und endlich macht sich ein Gefühl von Glück und Stolz über den absolvierten Halbmarathon in mir breit. Ich bin zwar nicht ganz die geplante Zeit gelaufen, aber ich bin angekommen. Und ich habe gekämpft, um das Ziel zu erreichen – mit aller Kraft, die in mir steckt.

Abends hänge ich mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher ab und versuche abzuschalten. Doch je müder Körper und Geist werden, desto unruhiger hämmert mein Herz. Ich kann es nicht mehr ignorieren. Und ich spüre wieder ein leichtes Gefühl der Angst, das ich so nicht kenne.

Was ist los mit mir? Bin ich übertrainiert? Soll ich vielleicht zum Arzt gehen? Nein, den letzten Gedanken zerschlage ich sofort wieder. Denn möglicherweise könnte ein Arzt mir von einem Marathon abraten. Und der steht schließlich schon bald bevor. In vier Wochen.

Ich trainiere also weiter und schiebe die Trainingseinheiten immer weiter in den späten Abend hinein, um nicht auf den unruhigen Rhythmus meines Herzens lauschen zu müssen, sobald ich daheim zur Ruhe komme.

Ich greife zu allen möglichen Hausmittelchen, um nachts einigermaßen zu schlafen. Doch viel hilft es nicht: Ich habe mit Schlaflosigkeit zu kämpfen, die mich nicht nur körperlich müde macht.

Auch nach Tagen ist mein Zustand nicht besser geworden – im Gegenteil: Beim Training kämpfe ich gegen Atemnot an, Schlaflosigkeit und Unruhe machen mich gereizt und aggressiv. Also bleibt mir wohl doch nichts anderes übrig, als einen Arzt zu konsultieren.

Nach einer kurzen Unterhaltung und einer Untersuchung teilt mir die Ärztin Frau Seifert mit, dass sie meinen Beschwerden mit einem Langzeit-EKG auf den Grund gehen möchte. Ein Langzeit-EKG habe ich bisher noch nie machen müssen, aber da mir meine Ärztin das Prozedere genau erklärt, macht mir die Untersuchung keine Sorgen. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass es der Beginn einer kardiologischen Odyssee ist.

Im Gespräch mit ihr höre ich zum ersten Mal das Wort Extrasystole. Meine Ärztin erklärt mir geduldig, dass dies Extraschläge außerhalb des normalen Herzrhythmus sind. Die Aussage verursacht einen Kloß in meinem Hals, aber Frau Seifert beruhigt mich, indem sie sagt, dass jeder Mensch diese Extrasystolen habe und diese zunächst als ungefährlich einzustufen seien.

Doch an einem Vierundzwanzig-Stunden-EKG führt kein Weg vorbei, und so kehre ich mit dem kleinen schwarzen Kasten und drei Elektroden auf der Brust nach Hause zurück.

Der Anordnung von Frau Seifert, diesen Tag mit dem Langzeit-EKG genauso zu verbringen wie alle anderen Tage, leiste ich Folge. Das Gerät beachte ich also nicht, so gut es geht. Allerdings nerven mich die Elektroden, denn sie verursachen einen Juckreiz, sodass ich das Kästchen nicht komplett ignorieren kann.

Als ich das Gerät am nächsten Abend in der Arztpraxis abliefere, erfahre ich von der Sprechstundenhilfe, dass die Auswertung ungefähr eine Woche dauert, da sie von einem Spezialisten – einem Kardiologen – vorgenommen wird.

Natürlich bin ich gespannt auf das Ergebnis der Auswertung. Doch ich muss mich gedulden. Um mich abzulenken, stürze ich mich in die Arbeit und spule täglich meine Trainingskilometer für den bevorstehenden Marathon herunter. Ich fühle mich in den Tagen nach der Untersuchung wesentlich besser als vorher, weil ich mich in der Sicherheit wiege, dass meine Extrasystolen ungefährlich sind. Immerhin hat jeder Mensch sie.

Nach fünf Tagen erhalte ich einen Anruf aus der Arztpraxis. Die Auswertung meines Langzeit-EKGs ist da, und ich soll noch am selben Tag vorbeikommen, um die Ergebnisse zu besprechen. Gut gelaunt und bei schönstem Sonnenschein mache ich mich kurze Zeit später auf den Weg.

Eine Stunde später sitze ich stocksteif, wortlos und blass im Sprechzimmer von Frau Seifert. Die kardiologischen Fachbegriffe schwirren wie ein Brummkreisel durch meinen Kopf. Das Einzige, was hängenbleibt, ist das Wort Herzschrittmacher. Das verstehe ich. Zumindest in Ansätzen. Ein Herzschrittmacher ist ein kleiner Apparat, der den Rhythmus des Herzens vorgibt, wenn dieses dazu selbst nicht mehr in der Lage ist.

Wie in Trance verlasse ich die Praxis und renne durch den nahegelegenen Park. Die Tränen laufen, ich kann nicht mehr denken.

Zu Hause angekommen, höre ich meine Lieblings-CD und trinke eine ganze Flasche Weißwein. Mit steigendem Alkoholpegel wird mein Kopf leer wie ein Vakuum, und ich kann mich sogar fast entspannen. Irgendwann, weit nach Mitternacht, schleppe ich mich in mein Bett und schlafe einen tiefen, kurzen und traumlosen Schlaf, bevor mein Wecker mich nur wenig später wieder in die Realität zurückholt.

Noch etwas verkatert, doch mit Blick in das helle Tageslicht versuche ich, meine Gedanken zu sortieren. Allerdings scheint es, dass sich in meinem Kopf immer noch ein Vakuum anstelle eines denkfähigen Organs befindet. Ob das an den Folgen des Genusses des geistvollen Getränks oder einfach an meiner Fähigkeit liegt, Dinge schlichtweg zu ignorieren, weiß ich nicht genau.

In einer Stunde habe ich einen Termin bei dem Kardiologen, der mein EKG ausgewertet hat. Ich bin zuversichtlich, dass der Herzschrittmacher nach dem Gespräch kein Thema mehr für mich sein wird. Die Medizin hat doch heutzutage unendlich viele Möglichkeiten. Außerdem ist so ein Apparat nur etwas für alte, schwache Menschen – nicht für mich, eine junge, sportliche Frau, die gerade dabei ist, Karriere zu machen. Wahrscheinlich bin ich nur übertrainiert und habe zu viel gearbeitet. Stress schlägt schließlich auf das Herz, das habe ich doch schon oft gehört.

Tatsächlich werden meine Gedankengänge im Gespräch mit dem Kardiologen teilweise bestätigt. Er rät mir, zunächst allgemein etwas kürzerzutreten. In vier Wochen will der Arzt dann ein weiteres Langzeit-EKG schreiben. Außerdem erklärt er mir, dass ein Herzschrittmacher nicht nur etwas für alte, unaktive Menschen ist, sondern dass es selbst Kinder und Sportler gibt, die mit einem solchen Ding leben. Außerdem, so teilt er mir mit, sei der Einsatz dieses Geräts keine große Operation. Die Angst vor dem Herzschrittmacher ist mir damit fast genommen.

Ermutigt von dem positiven Gesprächsverlauf stelle ich ihm die für mich wichtigste Frage: »Kann ich an dem Marathon, der in zwei Wochen stattfindet, teilnehmen?«

Seine Antwort ist kurz und knapp: »Sie sind alt genug, um zu wissen, wie wertvoll Ihnen das Leben ist.«

Damit verabschiedet er sich.

Zwiegespalten zwischen Gefühlen der Angst und der Hoffnung, zwischen Vernunft und Willenskraft entscheide ich mich für die Teilnahme am Marathon in Frankfurt. Ich beschließe, diese Entscheidung mit niemandem zu diskutieren und niemanden um Rat zu fragen.

Die kommenden zwei Wochen lebe ich mit einer kleinen Lüge. Natürlich haben Freunde, Familie und Kollegen mitbekommen, dass ich gesundheitlich angeschlagen bin. Viele fragen mich, ob ich trotzdem am Marathon teilnehme – und ich verneine.

Ich fühle mich schlecht, weil ich unehrlich bin. Und weil ich genau weiß, dass eine Teilnahme wider jegliche Vernunft ist. Ich hadere mit mir. Zudem stolpert mein Herz mich allabendlich in den von Albträumen geschüttelten Schlaf.

Am Freitag vor dem Wettkampf hole ich meine Startunterlagen ab – mit Tränen in den Augen. Ich weiß, dass es unvernünftig ist, und bin verzweifelt. Was soll ich nur tun?

Am Samstag bin ich zerrissen, von Zweifeln zernagt. Ich sehe mir im Fernsehen den Wetterbericht an; stürmisch, regnerisch und kalt soll es werden. Ich packe meine Tasche: Energieriegel, Getränke, Bekleidung, Laufschuhe. Ich koche mir eine riesige Portion Nudeln und schaue mir noch einmal die Wettervorhersage an. Rational spricht alles gegen eine Teilnahme. Wer möchte schon an einem Sonntag um fünf Uhr aufstehen und 42,195 Kilometer von eisigen, nassen Windböen durchgeschüttelt werden? – Ich möchte das, mehr als alles andere!

Nach zwei Stunden unruhigen Schlafes fahre ich Sonntag los, in Richtung Frankfurt. Der Wind weht so heftig, dass mein Auto während der Fahrt richtig durchgeschüttelt wird. Regen klatscht gegen die Scheiben. Für eine Zehntelsekunde bereue ich, nicht auf meinen Verstand gehört zu haben.

Als ich die Halle mit den vielen Läufern betrete, wird mir klar, dass ich auf dieses Erlebnis nicht hätte verzichten wollen. Ich genieße die Atmosphäre und sauge sie auf wie ein Schwamm. Es riecht nach Massageöl. Überall liegen Bananenschalen und leere Verpackungen von Energieriegeln. Die Luft knistert. Die Anspannung ist jedem einzelnen Läufer ins Gesicht geschrieben. Die pure Aufregung durchströmt meinen Körper. Die Stimme der Vernunft hat Pause.

Als der Startschuss fällt, regnet es in Strömen. Es stört mich nicht im Geringsten. Im Gegenteil, jeder Regentropfen in meinem Gesicht spornt mich nur mehr an.

Die ersten drei Kilometer schieben sich die Massen dicht gedrängt durch das Bankenviertel Frankfurts. Die Häuser erscheinen heute noch höher als sonst. So hoch wie das Gefühl, von dem ich getragen werde. Bei Kilometer fünf hört es auf zu regnen, und ich nehme mir zum ersten Mal ein Getränk und ein Stück Banane am Verpflegungsstand. Um durchhalten zu können, habe ich mir vorgenommen, von Anfang bis Ende des Laufs keine Verpflegungsstation auszulassen.

Ich hätte nie gedacht, dass Laufen so viel Spaß machen kann. Ich laufe meistens gerne, aber dieses Marathon-Erlebnis ist nicht vergleichbar mit all den anderen Laufkilometern, die ich in meinem Leben schon zurückgelegt habe. Die Lauflust hat mich vollends gepackt. Ich genieße jeden einzelnen meiner Schritte.

Inzwischen hat sich die Sonne einen Weg durch die Wolken gebahnt. Die Strecke in Frankfurt bietet sehr viel Abwechslung. Meine Blicke und Gedanken schweifen an der Strecke entlang, und nur selten riskiere ich den Blick auf die Uhr. Mein ursprünglicher Ehrgeiz, das Ziel in einer Zeit von unter vier Stunden zu erreichen, hat sich aufgrund des Stolperns meines Herzens in den letzten Wochen in Luft aufgelöst.

Je näher ich Kilometer dreißig komme, desto mehr macht sich ein kleines Gefühl der Angst breit. Unter Marathonläufern erzählt man sich, dass irgendwann zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Laufkilometer der berühmte »Mann mit dem Hammer« kommt. Der liegt irgendwo auf der Lauer, überrascht jeden Läufer genau dann, wenn er ihn nicht erwartet, und verursacht einen Kompletteinbruch.

Doch anscheinend hat der »Mann mit dem Hammer« Erbarmen mit mir. Die nächsten zehn Kilometer schaffe ich ohne größere Probleme. Die Füße schmerzen zwar, und ich will gar nicht darüber nachdenken, wie viele Blasen sich inzwischen an ihnen befinden, aber ich kann immer noch laufen, muss keine Gehpausen einlegen. Wahrscheinlich bewegen sich meine Beine im puren Endorphinstrom, dem sogenannten Runner’s High. Ich bin richtig gut gelaunt.

Bis etwa zwei Kilometer vor dem Ende. Dann kommt er doch noch. Erbarmungslos schlägt er zu, der »Mann mit dem Hammer«. Jeder Muskel in meinem Köper schmerzt spürbar. Ich kann einfach nicht mehr. Dabei befinde ich mich in diesem Moment schon auf der sogenannten Zeil, der Einkaufsmeile in Frankfurt. Ich ächze und stöhne, bin frustriert. Zwei Bekannte an der Wegstrecke versuchen, mir Mut zu machen. Doch ich will einfach nicht mehr. Dabei sind es nur noch weniger als zwei Kilometer bis zum Ziel. Ich fange an zu gehen, bleibe stehen, überlege sogar, ob ich mich auf eine Bank in der Fußgängerzone setzen soll. Erst ungefähr achthundert Meter vor der Ziellinie kehrt mein Verstand zurück.

Ich schaffe es, den Schmerz und die Erschöpfung zu ignorieren und trabe los in Richtung Ziel. Der Sprecher redet mir aus der Seele, als ich mit hochgerissenen Armen durchs Ziel laufe: »Das ist wohl dein erster Marathon?! Das sieht man! Herzlichen Glückwunsch!«

Das Gefühl, das sich nun in mir ausbreitet, ist nicht in Worte zu fassen. Das kann nur ein Ausdauersportler nach getaner Arbeit nachvollziehen. Glück, Zufriedenheit, Stolz – unendlich viele positive Gefühle prickeln in meinem Körper. Vergessen sind alle Zweifel, Schmerzen und Qualen.

Ich stopfe mir Bananen und Äpfel in den Mund und spüle sie mit vielen Bechern Cola hinunter. Meine Bekannten klopfen mir auf die Schultern, hängen mir eine Jacke um.

Im Freudentaumel betrete ich wieder die Halle für die Läufer und schaue zum ersten Mal auf die Uhr. Trotz aller Strapazen habe ich es nicht versäumt, auf der Ziellinie die Stopptaste meiner Sportuhr zu drücken: vier Stunden fünfundvierzig Minuten fünfundvierzig Sekunden! Ich bin einfach nur glücklich.

Eine halbe Stunde nach dem Zieleinlauf wage ich es, meine Socken und Schuhe von den Füßen zu ziehen. Der Anblick ist grauenhaft: Die großen Zehen sind zwei riesige Blasen, und außerdem zähle ich sieben weitere Blasen an den Füßen. Ich wundere mich, denn als alter Läuferhase kaufe ich meine Laufschuhe grundsätzlich groß genug. Viel später erst erfahre ich den wahren Grund für die Blasenbildung: herzbedingtes Wasser in den Füßen.

Getragen vom Hochgefühl der gut überstandenen 42,195 Kilometer fühle ich mich auf dem Weg nach Hause so großartig wie noch nie. Ich habe es geschafft!

Zur Belohnung fahre ich durch den Drive-in Schalter eines Fast-Food-Restaurants. Noch nie haben Pommes und Burger besser geschmeckt. Und noch nie war mein Sofa bequemer. Darauf lasse ich mich fallen, als ich endlich in meiner Wohnung ankomme und den Rest des Abends als Couchpotato verbringen will.

Leider kann ich diese Trägheit nicht lange unbeschwert genießen. Mein Herz hämmert stärker und unregelmäßiger als je zuvor. Und wieder ist da diese Angst. War es ein Fehler, den Marathon zu laufen? Bezahle ich jetzt dafür?

Nach einer fast schlaflosen Nacht bewege ich mich am nächsten Tag im Büro wie ferngesteuert. Meine Füße schmerzen, und ich kann nicht aufhören, auf den Rhythmus meines Herzens zu achten.

Am darauffolgenden Tag nehme ich meinen vor zwei Wochen vereinbarten Termin im Städtischen Klinikum Darmstadt wahr, um mich dort noch einmal genau untersuchen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt ist mir noch nicht bewusst, dass sich mein Leben von nun an vollkommen verändern wird.

Gute zwei Wochen werde ich im Klinikum komplett auf den Kopf gestellt. Medizinstudenten der Universität Frankfurt kommen interessiert auf mich zu, um die Auswertungen meiner vielfältigen Elektrokardiogramme zu betrachten. Das Ausmaß meiner Herzrhythmusstörungen sprengt fast jedes Lehrbuch.

Ich bin in einem Vierbettzimmer untergebracht. In den zwei Wochen meines Aufenthaltes wird mir bewusst, wie viel Krankheit und Leiden es auf dieser Welt gibt. Ich versuche zwar, mich erst einmal nur auf mich selbst zu konzentrieren, um wieder gesund zu werden. Doch es gelingt mir nicht mal im Ansatz.

Besonders beschäftigt mich eine an Alzheimer erkrankte Frau, die nachts regelmäßig ihren Kot mitten in unserem Zimmer absetzt. Danach findet sie ihr Bett nicht mehr und versucht, bei mir oder einer anderen Patientin unter die Decke zu schlüpfen. Natürlich entbehren solche Situationen in diesen Momenten nicht einer gewissen Komik. Wenn man sich allerdings die Ernsthaftigkeit dieser Erkrankung, bei der man langsam sein komplettes Gedächtnis verliert, bewusst macht, ist es nicht mal mehr im Ansatz komisch.

Während dieses Krankenhausaufenthalts erlebe ich hautnah eine Reanimation, eine Wiederbelebung. Leider verläuft sie erfolglos, und ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen sterben. Mit allem, was dazugehört: Blut, Geschrei, Spritzen, Panik, Resignation, Tränen, Wut, Frustration, einem mit einem Laken abgedeckten, leblosen Körper, einer nie gekannten, plötzlichen Stille – und einem Defibrillator.

Bei meinen Untersuchungen geben sich die Ärzte jede erdenkliche Mühe und testen diverse Antiarrhythmika – Medikamente zur Regulierung des Herzschlages – an mir. Und zum ersten Mal wird eine Elektrophysiologische Untersuchung per Herzkatheter bei mir durchgeführt.

Diese Untersuchung finde ich besonders interessant. Ein Katheter wird über ein Gefäß in der betäubten Leiste bis ins Herz vorgeschoben. Während der ganzen Prozedur liege ich unter einem Röntgengerät, sodass ich alles genauestens mitverfolgen kann. Das Ergebnis jedoch ist für alle Beteiligten vernichtend: Die Ärzte finden ungefähr dreißig zusätzliche Erregungsherde in den Vorhöfen meines Herzens.

Normalerweise wird das Herz im Sinusknoten erregt. Dieser leitet den dabei entstandenen Strom weiter in die Herzkammern und sorgt für deren Kontraktion. Dies sorgt dann für einen regelmäßigen Herzschlag. Im Gegensatz dazu ist mein Herzschlag sehr unrhythmisch, weil das Herz sich sozusagen wild im Kreis erregt.

Die vorläufige Diagnose sind multiple Herzrhythmusstörungen, die von den Ärzten jedoch alle zunächst als ungefährlich eingeschätzt werden, da sie aus den Vorhöfen kommen. Das bedeutet, der Blutfluss durch meinen Körper ist abgesichert. Es handelt sich lediglich um persönlich als unangenehm empfundene Unregelmäßigkeiten des Herzschlages.

Der Chef des Klinikums Darmstadt ist selbst auch Ausdauersportler und Triathlet, versteht daher meine Sorge, zukünftig keinen Sport mehr machen zu können, und nimmt ganz besonders Anteil an meiner Geschichte.

Er überlegt, ob mir vielleicht mithilfe des Ablationsverfahrens geholfen werden könne. Bei diesem Verfahren werden zusätzliche Erregungsbahnen in den Vorhöfen per Hochfrequenzstrom verödet. Dieses Verfahren ist weitestgehend schmerzfrei, in sehr vielen Fällen erfolgreich und wird auch über einen Katheter durch die Leiste durchgeführt.

Der Arzt kontaktiert weitere Spezialisten in Sachen Elektrophysiologie in der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim. Gemeinsam fassen sie den Entschluss, dass diese Methode für mich nicht infrage kommt, weil sie für eine große Anzahl zusätzlicher Erregungsherde – so wie es bei mir der Fall ist – nicht geeignet ist. Ein Stück Hoffnung schwindet.

Auch die Medikamente, die mir während meines Klinikaufenthaltes verabreicht werden, zeigen entweder nicht den gewünschten Effekt oder beeinträchtigen mich durch ihre Nebenwirkungen.

Zwei Wochen später werde ich aus der Klinik entlassen – ohne Therapie. Es ist Mitte November, und ich stürze mich in Weihnachtsvorbereitungen und Jahresabschlüsse. Erleichtert durch die Diagnose aus der Klinik, versuche ich, meinem Herzschlag so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken. Ich schaffe es sogar, die nächtlichen Unregelmäßigkeiten ohne Panik zu überstehen. Ich nehme mein Ausdauertraining wieder auf, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Daher trainiere ich nicht nach Plan, sondern nach Lust und Laune.

Zur Weihnachtszeit treffe ich einen Bekannten von mir. Er studiert in München Medizin und ist aus diesem Grund natürlich an meinen Herzrhythmusstörungen interessiert. Er macht gerade ein Praktikum in der Kardiologie im Klinikum Großhadern, das zum Deutschen Herzzentrum gehört. Er redet so lange auf mich ein, bis ich seinem Vorschlag nachgebe, dieses Klinikum Ende April aufzusuchen, um eine weitere ärztliche Meinung einzuholen. Schließlich will ich wieder zu dem Punkt zurückkehren, an dem ich jederzeit bedenkenlos meiner sportlichen Leidenschaft nachgehen kann. Und es gibt auch nach den bisherigen Untersuchungen noch viele Momente, in denen ich doch verunsichert bin. Immerhin geht es um mein Herz, den Motor meines und eines jeden menschlichen Körpers. Da kann es nicht schaden, wirklich auf Nummer sicher zu gehen.

Während es mir in den kommenden Wochen gesundheitlich einigermaßen gut geht, muss ich im Februar einen weiteren Schock verkraften, als ich auf meinem Schreibtisch eine betriebsbedingte Kündigung finde. Ich bin ab sofort freigestellt, das heißt, ich kann, nein, ich muss die Arbeit sofort niederlegen. Von jetzt auf gleich. Ich bin fassungslos, sprachlos, hoffnungslos. Mein Arbeitgeber, ein Hersteller von Sportartikeln, verlegt die deutsche Distribution in die Niederlande und schließt das Büro in Deutschland. Obwohl ich im internationalen Marketing tätig bin, trifft mich diese Veränderung; mein Aufgabenbereich wird künftig von den Kollegen der Mutterfirma in den USA übernommen.

Ich kann die Realität der Kündigung nur schwer fassen. Meine Arbeit ist nicht nur irgendeine Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu sichern. Ich mache diesen Job mit Leidenschaft. Meine Aufgabe ist es, Athleten zu betreuen – und das ist für mich ein Traum und die ideale Verbindung von Beruf und Privatleben. Dieser Job ist mein Lebensinhalt, neben dem Sport.

Was mich besonders erschreckt, ist, dass kein Mensch das Rückgrat besitzt, mir die schlechte Nachricht persönlich zu überbringen, die Kündigung von Angesicht zu Angesicht auszusprechen. Ich bin enttäuscht, wütend, frustriert und unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken in meinen Kopf zu bekommen.

Still packe ich meine persönlichen Sachen zusammen und gehe. Meinen Gefühlen – den Tränen – lasse ich erst freien Lauf, als ich im Auto sitze und nach Hause fahre. Ich fühle mich, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Es sollte nicht das einzige Mal in diesem Jahr sein, dass dieses Gefühl Besitz von mir nimmt.

Zuhause gibt es an diesem Abend nur Musik und eine bis mehrere Flaschen Bier. Ich fühle mich wie gelähmt, und nur mit vernebeltem Verstand ertrage ich die Situation irgendwie. Ich muss damit klarkommen, da habe ich keine Wahl. Aber ich bin gefallen, von einem Moment auf den anderen. Dass dies nicht mein tiefster Fall sein wird, weiß ich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise nicht.

Am nächsten Morgen weicht die Lähmung meinem im Grunde genommen unerschütterlichen Optimismus. Wieder bei klarem Verstand, kommt mir der führende Hersteller von Herzfrequenzmessgeräten mit Sitz in der Nähe von Darmstadt in den Sinn, der seit über einem Jahr Interesse an meiner Mitarbeit zeigt.

Das Glück ist auf meiner Seite: Am ersten März trete ich meine neue Stelle im Verkaufsinnendienst der Firma an. Ich bin keinen Tag arbeitslos. Mein Optimismus war mal wieder berechtigt.

Die neue Arbeit macht mir Spaß, obwohl die Kollegen zunächst recht verschlossen sind. Ich halte mich an Michael, einen alten Bekannten von mir, der bei der Firma im Außendienst tätig ist und dessen Gebiet ich auf seinen Wunsch hin im Innendienst betreue. Und ich halte mich an meine Kunden, die ich bereits durch meinen alten Arbeitsplatz kenne. Die Sportbranche ist klein, und man trifft immer wieder auf dieselben Personen. Das tut gut und erleichtert den Einstieg in den neuen Job ungemein. Aber schon bald lockert sich auch das Verhältnis zu meinen Kollegen, und ich fühle mich rundum wohl.

Auch in meinem Privatleben gibt es in dieser Zeit einige einschneidende Neuerungen. Es ist ziemlich turbulent. Mein Lebensabschnittsgefährte und ich trennen uns nach mehr als vier Jahren Beziehung und wagen es dennoch, mit zwei gemeinsamen Freunden eine Wohngemeinschaft in einem Haus zu gründen.

Ich bin so sehr damit beschäftigt, zu renovieren, umzuziehen, mich einzuarbeiten und mich von meinem Partner zu trennen, dass es mir leichtfällt, meine Herzfrequenz und die Kapriolen, die diese für mich bereithält, zu ignorieren.

Doch mein Herz lässt die Ignoranz nicht lange zu: Mein Termin im Klinikum Großhadern steht an. Ich bin nervös. Glücklicherweise wohnt eine Kollegin vom Außendienst in München ganz in der Nähe des Klinikums und bietet mir eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit an. Damit erspare ich mir einiges an Stress, da ich bereits am Abend vor dem Termin anreisen kann. Die Kollegin ist beruflich unterwegs, und ich verbringe die Nacht allein in einer fremden Wohnung auf einem überdimensionalen blauen Sofa. Ich schlafe schlecht; zu sehr beschäftigt mich die anstehende Untersuchung. Das Klingeln des Weckers ist eine Art Erlösung.

Der Termin in der Klinik verläuft nach Schema F: Aufnahme, Ausfüllen mehrerer Fragebögen, Blutentnahme, Schreiben eines Elektrokardiogramms, grundsätzliche Überprüfung des allgemeinen Gesundheitszustandes und abschließend ein Gespräch mit einem weiteren Kardiologen. Wir vereinbaren einen weiteren Termin im Juni zu einer elektrophysiologischen Untersuchung und einem kurzen stationären Aufenthalt im Klinikum Großhadern.

Das passt zwar gar nicht in meinen persönlichen Plan, denn ich bin bei der neuen Firma noch in der Probezeit und habe natürlich Angst, dass mir die Fehlzeit negativ ausgelegt wird. Dennoch ist die Ungewissheit über meinen unruhigen Herzrhythmus so beängstigend für mich, dass ich den Termin im Klinikum auf jeden Fall wahrnehmen möchte.

Zwischenzeitlich ist aus unserer Wohngemeinschaft die Villa Kunterbunt geworden. Die Renovierungsarbeiten sind abgeschlossen, der Kühlschrank ist immer gut gefüllt, es gehen täglich die unterschiedlichsten Menschen aus und ein, und der Abwasch türmt sich im Spülbecken. Meine Mitbewohner – auch mein Ex – sind allesamt männliche Architekturstudenten und gute zehn Jahre jünger als ich. Zu diesem Zeitpunkt bereue ich es immer wieder, selbst nicht studiert zu haben. Ich denke, ich habe den Schritt, in diese Wohngemeinschaft zu ziehen, sicher auch gewagt, um mir wenigstens ein bisschen Studenten-Feeling zu verschaffen. Zudem will ich mir meinen nahezu pedantischen Putz- und Aufräumwahn unbedingt abgewöhnen. Dazu bietet dieses Haus die ideale Plattform. Denn entweder werde ich zur Putzfrau der gesamten Mannschaft und bin ständig genervt von Schmutz und Unordnung, oder ich lerne, darüberzustehen, und nutze die gewonnene Zeit für erfreulichere Dinge – wie Sport. Es kommt, wie ich es mir gewünscht habe: Ich trainiere viel – nicht nur Radfahren, Schwimmen und Laufen, sondern auch, mit geschlossenen Augen am Schmutz vorbeizugehen. Das Training ist in jeder Hinsicht erfolgreich.

Im Mai begegne ich in meiner Firma einem interessanten Mann, Harald. Ich bin zwar nicht aktiv auf der Suche nach einem neuen Partner, aber ich verschließe auch nicht die Augen vor netten Männern. Ich begegne ihm nur kurz am Kopierer, stelle mich vor und wünsche ihm viel Erfolg. Er ist einer der Bewerber für die neu zu besetzende Stelle im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. In diesem Rahmen ist er einer von zwei Kandidaten, die einen Tag zur Probe arbeiten. Er ist blond, blauäugig, groß und ein passionierter Langstreckenläufer – mehr weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht von ihm. Dennoch reicht diese kurze Begegnung aus, dass ich immer wieder an ihn denke. Als ich zwei Wochen später erfahre, dass er tatsächlich der neue Mitarbeiter sein wird, freue ich mich. Einfach so.

Erste Begegnung mit dem Sterben

An einem Abend im Juni mache ich mich wieder auf den Weg nach München – zu meinem nächsten Termin im Klinikum Großhadern. Ein zweites Mal nutze ich die kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit bei meiner Kollegin. Wieder ist sie unterwegs, und ich lande erneut auf der bekannten, überdimensionalen königsblauen Couch. In dieser Nacht schlafe ich traumlos und fest.

Es ist der 11. Juni, sieben Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Plötzlich beginnt es, in meinem Kopf zu brummen, so, als ob er von einem Schwarm Hornissen befallen wird. Meine Arme und Beine sind schlagartig taub. Sekunden oder Minuten später finde ich mich mitten im Wohnzimmer auf dem Boden wieder, rufe laut um Hilfe und habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie ich dorthin gelangt bin. Ich bin schweißgebadet, mein Herz rast wie verrückt, der Kopf brummt immer noch. Ich schleppe mich in den Flur, werde wieder bewusstlos, komme zu mir, bin völlig orientierungslos und habe zum ersten Mal Todesangst. Auf allen vieren krabble ich weiter ins Bad. Mir ist total übel. Ich verliere erneut die Besinnung, komme zu mir, reiße den Toilettendeckel nach oben und erbreche. Der Schweiß fließt in Bächen, der Kopf brummt weiter, die Gliedmaßen sind taub. Ich würge, ich heule, ich schreie um Hilfe. Ich zerre mir die Kleider vom Leib und krieche in die Dusche, setze mich hin und lasse das Wasser über meinen Körper laufen. Ich werde erneut ohnmächtig.

Nach einer sehr langen Zeit in der Dusche beginne ich, auf wackeligen Beinen und noch immer mit Todesangst in den Knochen, meinen Tag. Aufgrund der Anlaufschwierigkeiten stehe ich ziemlich unter Zeitdruck. Ich hoffe, meinen Termin im Klinikum noch pünktlich wahrnehmen zu können. Mit dem Auto sind es nur zehn Minuten bis zum Parkplatz der Klinik. Auf der kurzen Fahrt wird mir allerdings so übel, dass ich es gerade noch rechtzeitig schaffe, auf die Bremse zu treten, die Tür zu öffnen und bei noch laufendem Motor mitten auf dem Parkplatz zu erbrechen. Und auch der Weg vom Parkplatz in die Klinik erweist sich als fast unüberwindliches Hindernis. Ich habe nur eine kleine Tasche dabei, doch sie scheint über Nacht ein Gewicht von mehreren Tonnen erlangt zu haben. Zudem habe ich mit vielen Treppen zu kämpfen. Obwohl es nur ungefähr fünfhundert Meter bis zur Eingangspforte sind, erscheint mir die Entfernung schier endlos, und ich bleibe unterwegs mindestens zehnmal völlig erschöpft stehen. Als ich endlich das Klinikum betrete, zittere ich am ganzen Körper.

Im Aufnahmebereich ziehe ich eine Nummer und warte – abwechselnd schwitzend und frierend –, bis meine Nummer an einem der Aufnahmezimmer aufleuchtet.

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