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Ich trink Ouzo, was trinkst du so?

Über die Autorin

Stella Bettermann ist Halbgriechin und Mutter zweier Kinder. Aufgewachsen ist sie in München, wo sie auch heute lebt. Die Ferien ihrer Kindheit hat sie jedes Jahr bei der Familie ihrer Mutter in Griechenland verbracht. Sie ist Buchautorin und Journalistin und schreibt unter anderem für Focus und Bunte.

Ouzo

Inhalt

  1. Tsatsiki »Spezial«
  2. In der Monemwassias Nummer dreizehn
  3. Badeurlaub mit viel »kefi«
  4. Yiayia in Monacho
  5. Annoula und die Emanzipation
  6. Orthodoxe Bekenntnisse
  7. Mama in den Alpen
  8. Exochi – Die Sommerfrische
  9. Schnitzel mit Feta
  10. Mein Bruder, der Grieche
  11. Erinnerungen an Anis und Zimt
  12. Glossar der Laute und Gesten

Ouzo

Tsatsiki »Spezial«

Eine Viertelstunde vor Ankunft in Piräus konnten wir sie riechen, sie kroch durch die Lüftungsschlitze von Papas Wagen und weckte Bilder, Erinnerungen und Vorfreude: die Monemwassias Nummer dreizehn. Nichts hielt uns mehr auf den Sitzen. Wir hüpften im Wagenfond herum, in dem wir die letzten drei Tage verbracht hatten, und pressten unsere Nasen an die Scheiben, die von der langen Reise schon ganz trübe waren. Das Griechenland meiner Kindheit duftete allerdings nicht nach Urlaubsidyll, nicht nach Pinienwäldern und Oreganobüschen auf sonnenbeschienenen Hügeln, sondern stank nach Autoabgasen, in die sich – und jetzt waren wir wirklich fast da – Chemiedünste aus der Düngemittelfabrik mischten, die unterhalb des Hauses meiner Großeltern in Piräus lag.

Doch das war uns Kindern egal. Wir wollten endlich unsere Großeltern wiedersehen. Nur noch ein paar Kurven durch ruhige Seitenstraßen, und dann saßen sie da: Yiayia, die rundliche kleine Großmutter, und Pappous, der strenge, hagere Opa. Sie hatten sich Stühle vor das Haus gestellt und sahen aus, als hätten sie das ganze Jahr über nur auf uns gewartet. Neben der prächtigen grünen Holztür mit den polierten Messingbeschlägen baumelte ein schäbiges rotweißes Plastikschild. Sogar mein Bruder, der kein Griechisch lesen konnte, wusste, was darauf stand: poulite, zu verkaufen. »Ich sehe das Haus, ich sehe es«, rief er im Auto schon von weitem. Und dann, mit düsterem Unterton: »Und das Schild hängt schon wieder dran.«

Ich nahm das lediglich mit einem Schulterzucken zur Kenntnis, denn ich wusste etwas, das mein Bruder nicht wusste: Das Schild hing nur für uns da. Nach unserer Abreise, am Ende der Sommerferien, würde es wieder verschwinden. Das hatte mir Frau Evga verraten. Frau Evga war die Besitzerin des kleinen Ladens an der Ecke. Sie verkaufte Eis der Marke Evga. So war sie zu ihrem Namen gekommen. Bei ihr im Geschäft trafen sich immer abends die alten Damen aus der Gegend zum Palavern. Einmal, als ich am späten Nachmittag in den Laden trat, um ein Schokoladeneis zu erstehen, hatte mich eine der Damen angesprochen: »Du bist doch die kleine Deutsche, Marias Tochter. Sag mal, agapi mou, Liebling, will dein Großvater wirklich euer Haus verkaufen?« Ich nickte betrübt. »Ach was«, sagte Evga tröstend und reichte mir mein Eis. »Mach dir keine Sorgen. Wenn ihr abreist, montiert dein Pappous das Schild ab. So macht er es jedes Jahr.« Sie zwinkerte mir zu, und ich verstand: Egal, wie sehr meine Mutter meine Großeltern wegen der zunehmenden Verschandelung der Gegend zum Verkauf drängte – sie würden ihr Haus, das für alles stand, worauf sie stolz waren, behalten. Düngemittelfabrik hin oder her.

Mein Vater parkte den Wagen direkt vor dem Haus, und wir fielen unseren Großeltern in die Arme. Zuerst der Yiayia mit ihren weichen Händen, die nach Basilikum dufteten – sie züchtete die stolzesten Stauden der Gegend. Und dann dem Pappous mit dem kleinen Schnauzbart – seinen stoppeligen Kuss ertrugen wir eher unwillig. Dann schlüpften wir schnell hinein, um uns zu vergewissern, dass alles noch war wie immer: der große, luftige Eingangsraum mit den hübschen, gemusterten Kacheln auf dem Boden, den verschnörkelten Holzmöbeln, den bestickten Deckchen auf allen Ablagen; der Salon mit den verspiegelten Vitrinen, in denen Porzellanfigürchen ausgestellt waren; der Wohn-Schlafraum, in dem es Diwane und einen kleinen Wandaltar gab, auf dem Pappous zur Predigt aus dem Radio Lichter und Weihrauch entzündete. Und natürlich die große avli, der Hof hinter dem Haus, der von Topfpflanzen gesäumt und von Weinranken überschattet war. Ganz hinten an der Rückwand wuchs ein stattlicher Feigenbaum, über den herrenlose Katzen ihren Weg zu uns fanden, wenn Pappous sie mittags mit Essensresten fütterte. »Die verfluchten Katzen!«, schimpfte Yiayia jedes Mal, denn die wilden Samtpfoten von Piräus pflegten die Gewohnheit, nach der Speisung die Beete, in denen Yiayia ihren berühmten Basilikum, ihre Rosen und Löwenmäulchen zog, einmal komplett umzugraben. »Sollen die armen Lebewesen hungern?!«, erbarmte sich Pappous und fütterte sie weiter. Und wer weiß, vielleicht war es ja gerade der griechische Katzendung, der Yiayias Basilikum so eindrucksvoll sprießen ließ.

In der avli begann mein Bruder seinen Urlaub mit dem stets gleichen Ritual: Er kramte ein wenig in Pappous’ Werkzeugkasten und hämmerte dann auf ein paar alten Brettern herum, die im Hof lagen. Wenn das erledigt war, zog es ihn hinaus zu den Kindern auf die staubige Straße, nachsehen, ob sie ihn noch kannten. Meistens geriet er dann recht bald in eine Prügelei; mein Bruder trug nämlich das Haar als Kind halblang, den griechischen Jungs aber wurden damals im Sommer die Köpfe geschoren – wenn sie ihn aber als koritzaki, Mädchen, verspotteten, schlug er sofort zu. Er musste ja seine Jungs-Ehre retten.

Währenddessen begab ich mich auf Wiederentdeckungstour durchs Haus und kramte aus Yiayias Schränken gerüschte Unterkleider mit Spitze und altmodische Schuhe mit winzigen Stöckeln hervor; komplett verkleidet stolperte ich in den Hof und wirbelte mit dem Saum der Kleider den Staub auf. Dann hielt ich mit meinen Puppen bei Kaffee aus Erde und Blättern, den ich in Yiayias dünnwandigen Mokkatässchen anrührte, ein Kaffeekränzchen unterm Feigenbaum ab. Erstaunlicherweise schimpfte Yiayia, die fast blind war und angewiesen auf Ordnung, nie über das Chaos, das ich in ihren Schränken anrichtete. Stattdessen kam sie zu mir in den Hof, ließ sich ächzend auf einem der knarrenden Korbstühle nieder und erzählte mir das Märchen von Stachtopoula, dem griechischen Aschenbrödel, dem die Tauben ein Ballkleid von einem Baum werfen. Das muss unser Feigenbaum gewesen sein, dachte ich. Mit solchen Märchen hat Yiayia mich Griechisch gelehrt.

Einmal war die Yiayia sogar nach München gekommen, angeblich, weil Mama und Papa immer Pech mit den Kindermädchen gehabt hatten. Als sie hörte, dass es Probleme gab, die ihre Enkelkinder betrafen, hatte sie kurzerhand ihren Koffer gepackt, den Pappous zurückgelassen und war mit dem Zug quer durch Europa nach München gefahren. Am Ende blieb sie zwei Jahre. Sie baute uns Hängematten aus Decken und Wäscheleinen und Zelte aus Besenstielen und Laken. Bei unseren sonntäglichen Ausflügen aufs Land rupfte sie am Waldrand jungen Löwenzahn aus, hielt ihn sich ganz dicht vor das Auge, mit dem sie noch ein wenig sehen konnte, und sagte dann zufrieden: »Das gibt einen guten Salat!« Oder sie rieb an einem Grünzeug und hielt mir die Finger unter die Nase, damit ich den köstlichen Duft einatmen konnte. »Daraus macht man Tee«, sagte sie. So lernte ich, Minze von Unkraut zu unterscheiden. Sie war eine Oma wie aus dem Bilderbuch und eine große Abenteurerin. Jedenfalls war immer klar, von wem Mama den Mut, ins Ausland zu gehen, geerbt hatte. Wir Kinder liebten unsere Yiayia wie verrückt.

Zu Hause in München lebten wir in einer Neubausiedlung und bewohnten eine Etagenwohnung mit Spannteppich, Raufasertapeten und einem winzigen Balkon, der auf eine Grünanlage mit Spielplätzen hinausging. Von den Nachbarbalkonen riefen die Mütter ihre Kinder immer um zwölf Uhr zum Essen nach oben. Dann verschwanden alle und ließen mich und meinen kleinen Bruder allein zurück. Erst lange nach ein Uhr, wenn die Spielgefährten schon wieder hinausdurften, trat unsere griechische Mama auf den Balkon und rief quer über den Spielplatz: »Kiiiiender, Äääähsen!« Bei uns wurde nach südländischem Rhythmus spät gegessen. Und das nahmen wir Mama während unserer ganzen Kindheit übel.

Sie war eben ein wenig anders als die Mütter der anderen Kinder. Die Familie meines Vaters nannte meine Mutter hinter vorgehaltener Hand »die Schwarze«, und die Nachbarn sammelten Unterschriften, um die Ausländerin zum Auszug zu bewegen. So war das in Deutschland damals. Dabei war Mama gar nicht von Natur aus schwarzhaarig, sondern brünett. Sie färbte sich die Haare bloß dunkler, weil sie das effektvoller fand. Sie war nämlich nicht nur Ausländerin, sondern auch noch Künstlerin – sie hatte Operngesang studiert. Das machte die Sache allerdings nur schlimmer. Wenn Mama sich, zu Besuch bei der deutschen Verwandtschaft, weigerte, ihre Stöckelschuhe an der Eingangstür gegen bereitstehende Gästehausschuhe einzutauschen, weil die Puschen ihr schickes Outfit zerstört hätten, machte sie sich damit keine Freunde. Zumindest nicht beim weiblichen Teil der deutschen Verwandtschaft. Der männliche Teil jedoch warf meinem Vater verstohlen anerkennende Blicke zu, denn meine Mutter sah aus wie eine junge Sophia Loren.

Ansonsten beschäftigte es uns wenig, dass unsere Mama aus Griechenland kam, das Wort Schnee wie »Schnie« aussprach und meine Freundin Claudia »Clahoudia« nannte. Letzteres war uns höchstens ein kleines bisschen peinlich. Bis auf diesen Akzent war Mama ziemlich eingedeutscht. Zum Essen machte sie Schnitzel, Wiener Würstchen und Rindsrouladen. Nie sprach sie in ihrer Muttersprache mit uns, sie las keine griechischen Zeitungen und hörte keine griechische Musik; im Winter bastelte sie deutsche Adventskränze, füllte Adventskalender und backte Plätzchen und Stollen. Nur wenn wir das Osterfest mit der griechischen Gemeinde in einem Lokal feierten und Sirtaki oder Kalamatianos getanzt wurde, verwandelte sie sich in das, was mein Bruder und ich unter uns »die griechische Mama« nannten. Erst tanzte sie immer ein wenig unsicher, dann mit zunehmendem Schwung. Schließlich wirbelte sie mit geröteten Wangen durch den Raum, sprach mit mädchenhaft hoher Stimme, lachte und flirtete. Verschwunden war ihre raue Altstimme, mit der sie ihr behäbiges Deutsch sprach. Sogar ihr Lachen klang, befreit vom Korsett der für sie sperrigen deutschen Sprache, heller und jünger.

Diese beeindruckenden Verwandlungen fanden allerdings nur selten statt. Darum vergaßen mein Bruder und ich auch die meiste Zeit, dass griechisches Blut in unseren Adern floss. Wir sahen außerdem gar nicht griechisch aus, wir hatten hellbraune Haare und auch sonst viel von unserem deutschen Papa mitbekommen. So kam es häufig vor, dass unsere Spielgefährten verblüfft reagierten, wenn eine schwarzhaarige Frau auf Stöckelschuhen mit Einkaufstüten vom Supermarkt an unserem Spielplatz vorbeikam und rief: »In einer Stunde gibt es Abenääähsen! Und ihr chabt den Außaufgaben noch nicht gemacht!« »Wer ist das denn?«, fragten uns die anderen Kinder entsetzt, die sich beim besten Willen nicht vorstellen konnten, was wir mit dieser Frau zu tun haben konnten. »Und warum spricht sie so komisch?« Wenn wir das Ganze aufgeklärt und zugegeben hatten, dass es sich bei jener Frau um unsere Mutter handelte, wandelte sich die Verblüffung der Kinder schnell in unverhohlene Neugier, und sie baten uns, ihnen griechische Schimpfwörter beizubringen. Vlakas, sagte ich, Idiot, und skata, Scheiße, mehr fiel mir nicht ein. Bei uns zu Hause wurde kein Griechisch gesprochen, und bei Pappous wurde nie geflucht. Mein Bruder wusste immerhin malakas, Wichser. Das hatte er von den Jungs, die auf der Straße vor dem Haus der Großeltern immer Fußball spielten. Er hatte bloß keine Ahnung, was es bedeutete.

Dafür hatte Yiayia in München ein paar Brocken Deutsch gelernt, die sie bei unseren Besuchen in Piräus stets gut gelaunt zum Besten gab: »Ich möchte biete sswei Lita Milch«, oder: »Iss daas die Linie sechsundfunfsig?« Wir mussten immer sehr lachen. Hier in der Monemwassias, wo Tag und Nacht Mopedhupen von der nahen Hauptstraße her erklangen und der Melonenhändler seine Ware mit ohrenbetäubendem Lautsprecherlärm vom Lastwagen aus anpries, hier, wo unablässig der Ventilator surrte und trotzdem Schweiß auf unseren Oberlippen lag, wo aus den Kleiderschränken der Geruch von Mottenkugeln drang und die Küchenschränke nach Anis und Zimt dufteten, wo alle lebhafter sprachen, lauter lachten und uns Kinder feuchter küssten als zu Hause – in dieser griechischen Parallelwelt klangen Yiayias holprige deutsche Sätze wie absurde Insiderwitze.

Wie sehr sich Griechenland von unserem Zuhause unterschied, welch riesige Distanz zwischen diesen beiden Welten lag, wurde uns auch durch die dreitägige Autofahrt bewusst, die meine Eltern Sommer für Sommer auf sich nahmen, um von München nach Piräus zu gelangen – und zwar aus purer Abenteuerlust. Sie hätten natürlich auch einfach Flüge buchen können, Papa verdiente als Ingenieur nicht schlecht. Es machte ihnen aber mehr Spaß, im Wagen durch halb Europa zu gondeln.

Papa war in Ansbach aufgewachsen und hatte dort unter der kleinstädtischen Bürgerlichkeit gelitten. Mama war zwar ein Großstadtkind aus Athen, aber der strenge Pappous hatte ihr kaum Freiheiten gelassen – eigentlich war es ein Wunder, dass er ihr erlaubt hatte, im Ausland zu studieren. Kennen gelernt hatten sich die beiden in München während eines Studentenjobs bei der Lottogesellschaft, und als Mama bald darauf zu ihren Eltern reisen musste, hatte Papa versucht, sich bis zu ihr nach Athen durchzuschlagen – auf seiner hellblau lackierten Vespa, die alt und verrostet war. Er kam nur bis Kroatien, dann gab das Moped für immer seinen Geist auf, das war vorauszusehen gewesen. Aber immerhin habe er es versucht, meinte Papa. Für ihn und Mama waren die abenteuerlichen Autoreisen nach Athen und retour ein Symbol für die Freiheit, der Ausbruch aus dem Spießertum – auch noch, als ihre ganze Generation das Reisen bereits für sich entdeckt hatte. Die Freunde und Nachbarn schafften es damals aber von München aus meist nur an die Adriaküste, wo sie sich mit tausenden Landsleuten um die Liegen am Hotelstrand zankten. Eine Reise nach Griechenland dagegen – das klang ungefähr so exotisch wie ein Trip nach Nepal. Dass die Fahrt für uns Kinder eine ziemliche Quälerei war, blendeten unsere Eltern in ihrer Reiseeuphorie irgendwie aus.

Wir fuhren die Autoput oder die jugoslawische Küste entlang, passierten Großstädte und Kleinstädte, sozialistische Hochhaussiedlungen und zahllose pompöse Denkmäler, die stets etwas mit Großjugoslawien, Tito oder irgendeinem Krieg zu tun hatten. Wenn ich die Augen schließe und an die langen Fahrten zurückdenke, an das einlullende Geräusch des Motors, tauchen nicht Bilder von Städten und Landschaften vor mir auf, sondern das Wageninnere: Die roten Kunstlederbezüge mit dem Lochmuster, die sich klebrig anfühlten, Papas Arm, den er am geöffneten Wagenfenster aufstützte, so dass die blonden Härchen darauf sich im Fahrtwind bewegten. Papa fuhr gern Auto. Dabei hörte er Musik aus dem Autoradio und rauchte Kette. Trotz der Kinder hinten im Fond. Von den Risiken des Passivrauchens hatte damals noch nie jemand gehört. Mama hatte vorne stets eine große Tasche mit Süßigkeiten, die sie uns zusammen mit Erfrischungstüchern nach hinten reichte, wenn meinem Bruder und mir langweilig wurde. Also quasi die ganze Zeit über. Wir lümmelten uns im Fond, guckten aus dem Fenster, stopften uns mit Süßigkeiten voll, und als wir alt genug dazu waren, lasen wir in unseren Büchern. »Zum Glück wird es unseren Kindern im Auto nie schlecht«, sagte Mama immer mit unverhohlenem Stolz. Nicht einmal Serpentinen machten uns was aus, das hatten wir von der Yiayia geerbt, glaubte meine Mutter. Yiayia war nämlich absolut seefest. Während ihrer alljährlichen Schiffsreisen zum Kurort Methana, wo sie Schwefelbäder zu nehmen pflegte, überstand sie sogar ausgewachsene Stürme mit einem Lächeln. Ganz im Gegensatz zu Pappous, der in jedem Linienbus seekrank wurde.

Es ging an Dubrovnik vorbei, dann entlang der albanischen Grenze. Hier trugen die Frauen Pluderhosen, und verstrubbelte Kinder in kleinen Bergdörfern liefen den Autos hinterher und bettelten um Zigaretten und Süßigkeiten. Am dritten Reisetag war die Luft draußen heißer als im Wageninneren, und am Straßenrand wuchs nur noch trockenes Gestrüpp. Grün waren nur die Pinienwälder auf den Hügeln über den Straßen. Da waren wir dann schon in Griechenland, aber es sollte noch bis zum Abend dauern, bis wir schließlich mit schmerzenden Hinterteilen Piräus erreichen würden.

Eine Stunde nach unserer Ankunft war der Bürgersteig vor der Monemwassias dreizehn zugeparkt und das Haus rappelvoll. Die komplette griechische Verwandtschaft gab sich die Ehre, um die verlorene Tochter samt Anhang daheim zu begrüßen.

Onkel Giorgos, Mamas älterer Bruder, den irgendwie immer eine Aura von Wichtigkeit umgab, wirkte schon hinter der Windschutzscheibe seines Autos Ehrfurcht gebietend. Denn alles an Onkel Giorgos, vom Anzug bis zu den Schläfen, war grau und erhaben. »Kalos ilthate, willkommen!« tönte er uns entgegen, wenn er das Haus betrat, und seine tiefe, dröhnende Stimme erfüllte den ganzen Raum. Er war ein hohes Tier bei einem Erdölkonzern und pflegte die Attitüde eines Mannes, der sich Gehör zu verschaffen weiß. Er kam mir so unnahbar vor, dass ich immer wieder verblüfft war, wie zärtlich er die Hand der schönen Tante Meri hielt, seiner Frau. Die beiden führten eine »gute Ehe«, sagten die weiblichen Verwandten oft, was mich immer verblüffte: Waren die anderen Ehen etwa schlecht? Hoffentlich nicht die von Mama und Papa, die nicht permanent Händchen hielten und sich nie gegenseitig Jäckchen gegen die Zugluft umhängten. Uns war die griechische Panik vor Zugluft allerdings sowieso etwas suspekt, selbst Mama hatte sie sich in München abgewöhnt.

Tante Meri benahm sich, der Ehefrau eines Managers angemessen, wie eine Königin; sie verfügte über große Gebärden und eine stolze Haltung. Aber sie war eine Königin zum Anfassen und verrückt nach kleinen Mädchen. Sie selbst hatte nur einen Sohn, Stelios, und von allen Mädchen in der Verwandtschaft war ich ihr Liebling, weil ich zart und hübsch war als Kind. Ganz so wie sie, als sie klein war, sagte Tante Meri. »Wir sind Freundinnen!«, beschwor sie mich bei jeder Gelegenheit. »Du kannst mir jedes Geheimnis anvertrauen.« Zum Beweis unserer Freundschaft schenkte sie mir, als ich gerade mal zwölf Jahre alt war, Schminksachen. Einmal rauchte sie sogar eine der Zigaretten mit mir, die ich heimlich in meiner Jungmädchenhandtasche mit mir herumtrug. Da war ich vierzehn Jahre alt und Meri eigentlich Nichtraucherin.

Jetzt aber war ich noch klein, und Tante Meri drückte mich ein ums andere Mal an sich und schwärmte allen vor, wie süß ich sei und wie gern sie mich entführen würde. Ich blickte bewundernd zu ihr hoch, denn Meri war die mondänste aller Tanten: Ihr goldblond gefärbtes Haar trug sie im eleganten Dutt, ihre Kleider waren meist aus Chiffon, mit extravaganten Aufdrucken und tiefen Dekolletés. Dazu benutzte sie einen Lippenstift, wie nur sie ihn tragen konnte: fuchsiafarben. Er war ihr Markenzeichen, das wir kurz nach ihrem Eintreffen auf den Wangen trugen.

Hinter Onkel Giorgos und Tante Meri trottete Cousin Stelios her, drei Jahre älter als ich, immer ein bisschen genervt und mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen. Er hatte eine dünne Schweißschicht über der Oberlippe und zwickte mir beim Begrüßungskuss unauffällig in den Arm. Im Laufe des Abends würde er versuchen, mich in eine Ecke zu drängen und mich zu kitzeln oder mir eine Portion »Brennnesseln« zu verabreichen. Dazu packte er meinen Arm mit beiden Händen und drehte sie in verschiedene Richtungen, bis ich quietschte. Die Verwandtenbesuche waren furchtbar öde für ihn, er war ja das älteste der Kinder und konnte mit uns »Babys« nichts anfangen, darum neckte er uns zu seinem Zeitvertreib.

Dann war da Onkel Michalis, Mamas jüngerer Bruder. Das Besondere an ihm war sein Gang. Er hatte eine schlenkernde Lässigkeit, und jede seiner sparsamen Bewegungen schien zu sagen: Die Welt kann mich mal. Onkel Michalis war der Herrscher seines eigenen Kosmos. Zahnarzt von Beruf, unabhängig und eigenwillig, war er nicht der Typ, der sich, wie Onkel Giorgos, in einer großen Firma eingliedern würde – oder sonst irgendwo. Sein Lächeln – kein perfektes Zahnarztlächeln, sondern geprägt von einer verwegenen kleinen Lücke zwischen den Schneidezähnen und dem Schalk in seinen Augen – eroberte unsere Kinderherzen. Neben seinem Lächeln trug Michalis immer eine tropfenförmige Pilotensonnenbrille im Gesicht und ein Herrenhandtäschchen, für Autoschlüssel und Zigaretten, in der Hand. Onkel Michalis ist der einzige Mann, der mir je begegnet ist, an dem dieses Accessoire männlich wirkte.

Das Täschchen baumelte auch munter an seinem Handgelenk, wenn Michalis uns Kinder Jahr für Jahr auf die Akropolis oder in eines der vielen antiken Amphitheater bei Athen führte. Wenn er uns von Hochkultur, griechischer Baukunst und antiker Schönheit vorschwärmte, wich sein schelmisches Lächeln einem beseelten, ja glücklichen Gesichtsausdruck. Und wenn wir dann schließlich auf irgendeiner umgestürzten Marmorsäule Rast machten und der Onkel sich eine der Zigaretten aus seinem Täschchen anzündete, entrang sich ihm stets ein tiefer Seufzer: »Ach, ich hätte Archäologe werden sollen!«

Tante Matina, seine Frau, teilte seine Leidenschaft für alte Steine nicht, sie war die pragmatischere von beiden – vielleicht auch nur, weil sie so unter Stress stand. Sie kam meist im eigenen Wagen vorgefahren, direkt aus dem Krankenhaus, das sie leitete, oder aus ihrer Praxis. Sie war immer etwas außer Atem; auch sie war blond, wie überhaupt alle Frauen in Griechenland damals blond gefärbt oder wenigstens gesträhnt waren. Matina trug ein bequemes Jerseykleid und eine geräumige Handtasche, in der stets Desinfektionsmittel und Verbandszeug zu finden waren. Dazu Herzpillen und Rheumasalbe und überhaupt alles, was man im Krankheitsfall brauchte. Und niemals Lippenstift oder Parfum.

»Mariiiiiia«, sagte Onkel Michalis zu meiner Mama, wenn er sie erblickte, und umarmte seine Schwester mit großer Geste. »Wie du aussiehst! Das nenne ich Stil!« Und zu seiner Frau gewandt fügte er hinzu: »Davon solltest du dir was abschauen.« Mama war schon unter der Dusche und an ihrem Koffer gewesen, jetzt trug sie einen Sommertraum in Türkis mit passenden Lacksandalen, und Matina schloss sie mit leicht säuerlichem Gesichtsausdruck in die Arme. »Meinst du, die Leute, denen ich täglich sagen muss, dass sie Krebs haben, wollen, dass ich aussehe wie auf einem Ball?«, würde sie ihren Mann anzischen, wenn Mama den Raum verlassen hatte. Denn Matina war keine, die etwas auf sich sitzen ließ.

Ich war mittlerweile ein wenig unruhig und postierte mich an der Tür, um nach IHR Ausschau zu halten: Cousine Anna, meiner liebsten Freundin und Seelenverwandten. Endlich kam Tante Youlas Wagen in Sicht, ein kleiner Fiat, den Youla »Bubi« getauft hatte. Die beiden Kinder im Fond winkten uns aufgeregt zu. Es waren Anna und ihr jüngerer Bruder Alexis.

Youla war Tante Matinas jüngere Schwester. Weil sie unverheiratet und kinderlos war und zudem als technische Zeichnerin beruflich nicht so eingespannt wie ihre Schwester, kümmerte sie sich ständig um ihre Nichte und ihren Neffen.

Mit langen Begrüßungsritualen hielten wir uns nicht auf, Anna und ich. Sie kletterte aus dem engen Wagen, packte mich am Arm und sagte nur ein Wort: »Ela, komm!« Es gab viel zu besprechen, wir hatten einander lange vermisst, und so zogen wir ab in Richtung Innenhof.

Im Haus wurde derweil das Essen vorbereitet. Vom Hof aus konnten wir durch die geöffneten Küchenfenster sehen, wie Yiayia Fleischbällchen in zischende Pfannen warf, und Tante Meri – mit Yiayias Schürze überm Chiffon – Zucchinischeiben in Mehl wälzte. Derweil blätterte Pappous interessiert in einer Ausgabe des Stern aus Mamas Koffer und echauffierte sich über die Oben-ohne-Fotos – schließlich waren Kinder im Haus. In Griechenland wurden damals bei solchen Bildern wenigstens noch Sternchen auf die Brustwarzen gedruckt. Was ich irgendwie viel schmutziger fand. Mama lachte Pappous aus – es waren die frühen Siebzigerjahre, und in Sachen sexueller Revolution war meine Mutter durchaus deutsch – und breitete den Inhalt des Geschenkekoffers auf dem Küchendiwan aus: Spielzeug, kleine Elektrogeräte, Kleider und Nippes kamen zum Vorschein, und Mama erläuterte, was für wen war und wie es funktionierte. Dabei blickte Meri ihr ab und an über die Schulter und sagte: »Hübsch! Seh un Aaah?« Manchmal nickte Mama, manchmal schüttelte sie den Kopf und sagte: »Nein, Kaoufoff!«, und Meri war beeindruckt. Denn alles, was aus großen Kaufhäusern stammte, galt in Griechenland damals als ungeheuer modern.

Und dann geschah das, wovor ich schon die ganze Zeit Angst gehabt hatte: Es ging zu Tisch. Ein Servierteller nach dem anderen bedeckte die lange Tafel im luftigen Eingangsraum: Auberginenpaste, gebratene Zucchini, frittierte Fischchen, dicke Bohnen, grüne Bohnen, Fleischbällchen (die berühmten griechischen Keftedes), Salat mit Oliven und riesigen Stücken Fetakäse – bis der ganze Tisch mit Speisen so voll war, dass ich betete, er möge einstürzen. Ich saß eingekeilt zwischen der rundlichen Tante Matina und dem pummeligen Stelios und blickte angeekelt auf die Speisen – mir hatte schon der Fettgeruch aus der Küche den Appetit verdorben. Dann kam die Yiayia und teilte Avgo-Lemono aus, eine Zitronen-Ei-Suppe. »Die erweckt Tote zum Leben«, sagte sie. »Balsam nach der langen Fahrt!«

Onkel Giorgos mir gegenüber hatte seinen Suppenteller in Sekundenschnelle geleert und mit Brot ausgewischt. Nun lud er sich Berge von Vorspeisen auf den Teller. Auch Stelios kaute schon an den Keftedes, die er sich im Dutzend einverleibte. Von einer kleinen Schale vor mir drang derweil ein penetranter Knoblauchgeruch an meine Nase: In ihr befand sich das berüchtigte Tsatsiki, das Yiayia extra für uns zubereitete. Sie selbst vertrug keinen Knoblauch. Auch die übrige griechische Verwandtschaft vermied, wie die meisten Großstadtgriechen, werktags den Genuss von Knoblauch und Zwiebeln – aus reiner Rücksicht. Für uns Deutsche jedoch, die wir im Urlaub waren, und für die nur das Allergriechischste griechisch genug war, gab es Yiayias »Tsatsiki spezial« – »spessiall« ausgesprochen und mit extra viel Knofel.

Der Geruch ekelte mich dermaßen an, dass ich noch nicht einmal mit der Suppe fertig war, als die Hauptgerichte heranschwebten: Huhn und Lammkoteletts mit Pommes oder Spagetti oder beidem zugleich. Am liebsten wäre ich unterm Tisch verschwunden.

Zum Glück war noch niemandem aufgefallen, dass ich immer noch an meiner Suppe löffelte, denn Pappous, der am Kopfende des Tisches thronte, war inzwischen bei seinem Lieblingsthema angekommen: die Kriege gegen die Türken und die kleinasiatische Katastrophe. Seine Stimme schwoll an, der knorrige Zeigefinger tanzte uns vor den Augen herum, und er versprühte Speicheltröpfchen über unseren eingezogenen Köpfen, wenn er ansetzte: »Hört mir gut zu, Kinder, da könnt ihr was lernen, also, hört …« Wir hatten ein bisschen Angst vor ihm. Die Eltern und Onkel und Tanten glücklicherweise nicht. »Ja, ja, Baba, die alten Geschichten, die wollen die Kinder jetzt sicher nicht hören«, sagte Mama. »Und übrigens, hat sich mal jemand wegen des Hauskaufs gemeldet?« Da wurde der Pappous auf einen Schlag still und mahlte unter den glattrasierten Wangen mit den Kiefern.

Die Geschichte kenne ich dennoch. Es ist die Geschichte einer Flucht. Pappous und Yiayia gehörten zu den 1,2 Millionen Griechen in Kleinasien, die 1922 aus der heutigen Türkei vertrieben wurden. Der Vorfall ging als »die kleinasiatische Katastrophe« in die Geschichtsbücher ein.

Yiayia war die Enkelin eines griechischen Großgrundbesitzers in Soma, einem Dorf in den Hügeln oberhalb Smyrnas (dem heutigen Izmir), einem Paradies in üppigem Grün, wo Heilquellen sprudelten und die Hamams speisten, und wo alle Frauen Freundinnen waren, so erzählte Yiayia es immer. Von den Töchtern der Landarbeiter, die sich bei ihrem Großvater verdingten, lernte Yiayia Türkisch, und ihre verwitwete Mutter lernte beim Mokka in den türkischen Harems das Zigarettenrauchen, das sie dann später, im armen, karstigen Griechenland, nie lassen konnte, obwohl es sich dort für Frauen nicht ziemte.

Yiayia war vierzehn Jahre alt gewesen, als sie das Gut und alle dort verlassen mussten, um nie wieder von ihnen zu hören. Ihre Mutter hüllte sie in schwarze Tücher, damit man sie für eine alte Frau hielt, und sie nicht von den Türken verschleppt wurde. Sie trugen nur Bündel mit sich, das Allernötigste, und als sie das Flüchtlingsschiff erreichten, hatte Yiayia sich eine Augenentzündung zugezogen, die unter den herrschenden Umständen unbehandelt blieb und sie auf dem linken Auge die Sehkraft kostete. Auf der rechten Seite büßte sie ihr Augenlicht Jahre später bei einer verpfuschten Staroperation ein.

In Athen fand die junge Yiayia bald eine Anstellung als Notarsgehilfin, denn trotz der wenigen Jahre Schulbildung verfügte sie über ein geschliffenes Griechisch in Wort und Schrift, und so brachte sie ihre Mutter und den jüngeren Bruder durch. In jener Zeit, als mittellose Frauen sich als Wäscherinnen plagen mussten, war das durchaus etwas Besonderes.

Auch Pappous, der in Smyrna als junger Mann einen kleinen Laden für Herrenbekleidung besaß, hatte alles zurückgelassen, als er das Flüchtlingsschiff nach Griechenland bestieg. Dort hausten bald über eine Million Kleinasienflüchtlinge und schlugen sich mehr schlecht als recht durch, denn die ansässigen Griechen hatten schon genug mit dem eigenen Überlebenskampf zu tun. Also besorgte sich der wackere Pappous einen Bauchladen und verschacherte am Hafen von Piräus so lange Haushaltsbürsten, bis genug Geld für ein neues Herrenbekleidungsgeschäft zusammengekommen war. Als er die damals neunzehnjährige Yiayia kennen lernte, konnte er es sich leisten, sie zu heiraten, obwohl Yiayia über keine Mitgift verfügte. Diesen Umstand verkündete er immer mit großem Stolz: Er, Kyrios Stelios (ausgesprochen mit einem Ausrufungszeichen nach dem Namen), habe keine Aussteuer nötig gehabt, um eine Frau zu ehelichen.

Pappous brachte es mit dem Geschäft bald zu Wohlstand und baute das stolze Haus in der Monemwassias Nummer dreizehn. Unweit davon entstanden in jener Zeit allerdings auch Notunterkünfte, in denen sich ärmere Kleinasienflüchtlinge ansiedelten, und so bekam das Viertel seinen Namen: Drapezona – Flüchtlingszone. Und dann kamen auch noch die Chemiefabriken, durch die nicht nur die Natur in Mitleidenschaft gezogen wurde.

In der Nachbarschaft genossen unsere Großeltern stets großes Ansehen. Das war auch der Grund, warum sie ihr Haus, das mittlerweile ziemlich renovierungsbedürftig war, nie gegen eine komfortable moderne Wohnung in einer der besseren Gegenden der Stadt eintauschen wollten.

Nachdem Pappous eine Weile mit dem Kiefer gemahlt und sich wieder beruhigt hatte, glitt sein Blick versonnen über die Tafel. Bis er irgendwann an mir hängen blieb. Und dann kam es, das, worauf ich die ganze Zeit gewartet hatte: »Die hier hat NICHTS gegessen«, tönte er vorwurfsvoll und wies mit dem Finger auf mich. Mittlerweile wurden schon die Platten mit Obst – Wassermelonen, Trauben, Pfirsiche und Feigen aus dem Garten – gebracht. Ich beugte den Kopf über den Teller mit dem kalten Rest Suppe, als könnte ich ihn darin verbergen. »Iss! Iss!«, rief Pappous, und es klang wie ein militärischer Befehl. »Iss doch, koritzaki mou, iss, mein Mädchen!«, stimmte Yiayias weiche Stimme ein. »Nimm doch vom Hühnchen. Oder soll ich dir ein Pilafi, ein Reisgericht, kochen, das magst du doch …« »Sie ist ja nur Haut und Knochen«, dröhnte dazu Onkel Giorgos’ Bass, und alle hoben ihre Blicke und starrten mich an. Da spießte ich ein kleines Stückchen Huhn, das auf einer Platte übrig geblieben war, auf die Gabel, steckte es in den Mund, würgte und blickte Hilfe suchend in die Runde der erwartungsvollen und vorwurfsvollen Gesichter, bis endlich, endlich Tante Meri den Teller wegzog. »Lasst doch das Kind, lasst sie, ich kenne das, ich war auch so. Wenn sie jetzt bald ans Meer kommt, wird ihr Appetit schon wachsen. Komm, Stelitza, geh spielen, aber nimm dir ein paar Träubchen mit.«

»Aman, o weh!«, sagte Anna, die schon hinter meinem Stuhl wartete, und zog mich mit sich fort – ich war erlöst.

Pappous strafte Meri mit einem zürnenden Blick und mahlte wieder mit dem Kiefer. Ich wusste, dass er sich freute, dass wir da waren, auch wenn es nicht unbedingt so aussah. Ich wusste aber auch, dass er mindestens genauso froh sein würde, wenn wir in einigen Wochen wieder abreisen würden. Doch bevor es so weit wäre, wartete ein großartiger Sommer auf uns.

Ouzo

In der Monemwassias Nummerdreizehn

Morgens erwachte ich von dem Geräusch schlurfender Schritte aus der Küche; da wusste ich: Es ist kein Traum, ich bin wirklich da!

Das Geräusch machten Yiayias Füße, die in alten Pantoffeln steckten. Yiayia werkelte in der Küche, wo bereits das Frühstück wartete: Tee und Gebäck. So üppig die Griechen nämlich zu Mittag oder zu Abend speisten, so frugal war ihr Frühstück: Wahrscheinlich waren sie noch satt vom Abendessen.

Das Gebäck wurde in die Tasse getunkt, bis es aufweichte und Krümel auf der Teeoberfläche schwammen – das war so wenig nach meinem Geschmack wie alles andere, was in Griechenland gegessen wurde. Vor einer Sache allerdings graute mir noch tausendmal mehr als vor dem Essen in Yiayias Haus – jetzt, wo wir zwei vertraut zusammensaßen, wagte ich, das Thema anzusprechen: »Yiayia, gibt es dieses Jahr katzarides

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