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Ich träume von deinen Küssen

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1. KAPITEL

„Cassietronic Enterprises“. Wie immer klopfte ihr Herz schneller, wenn Cassie Reynolds auf den Namen ihrer Firma blickte. Er stand auf dem Messingschild in der Vorhalle des schicken Bürogebäudes, in das sie gerade gezogen war.

Noch vor drei Jahren hätte sie nicht im Traum daran gedacht, dass ihre Leidenschaft für Computerspiele sie so weit bringen würde. Damals war sie neunzehn und sehr einsam gewesen, weil sie ihre Eltern verloren hatte, und hatte als Einzelkämpferin an dem Wettbewerb teilgenommen, der den Grundstein zu ihrem beruflichen Erfolg gelegt hatte.

Sie hatte diesen Wettbewerb nicht gewonnen, sondern war Zweite geworden. Im Nachhinein war sie jedoch froh darüber, denn der Sieger hatte als Qualifikation lediglich einen Job bei Howard Electronics nachweisen müssen, während sie … Wieder betrachtete Cassie das Namensschild und verspürte dabei einen unbändigen Stolz. Wenn sie bei der Preisverleihung nicht zufällig David Bennett begegnet wäre … Aber warum sollte sie sich ausgerechnet an diesem Tag fragen, was gewesen wäre, wenn?

Sie hatte David kennengelernt, und als Finanzexperte hatte er ihr geraten, sich selbstständig zu machen. Dies war bereits ihr drittes Geschäftsjahr, und sie hatte sein Vertrauen mehr als gerechtfertigt. Erst in der vergangenen Woche war in einem renommierten Börsenblatt ein Artikel über Cassietronics erschienen, in dem man ihr Gespür für die Entwicklung innovativer neuer Spiele und für Bearbeitungen gelobt hatte.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, runzelte sie die Stirn. All die Publicity, die sie in letzter Zeit bekommen hatte, hatte auch eine Kehrseite. Cassie betrachtete ihre linke Hand und lächelte beim Anblick des funkelnden Diamantrings. Noch ein Monat, dann würde Cassietronic unter der Kontrolle der Firma von Peters Vater stehen, und es würde keine weiteren Übernahmeversuche durch Howard Electronics mehr geben.

Wieder runzelte sie die Stirn, als sie sich daran erinnerte, wie verärgert David reagiert hatte, als sie sich geweigert hatte, überhaupt über die Bedingungen zu sprechen. „Aber Cassie, sie sind die Besten in der Branche“, hatte er erklärt. „Sie sind Pentaton um Längen voraus.“

Im Grunde ihres Herzens wusste sie, dass er recht hatte. Joel Howard, der Inhaber von Howard Electronics, galt weltweit als Computergenie, während Peter trotz seiner Begabung nur ein guter Techniker war. David konnte nicht nachvollziehen, warum sie Pentaton den Vorzug gegeben hatte, „einer zweitklassigen Firma, die sich auf dem absteigenden Ast befand“, wie er verächtlich bemerkt hatte. Peter hingegen war davon überzeugt, dass sie der Firma mit ihrem Talent zu einem ganz neuen Renommee verhelfen könnten.

David konnte auch ihre Abneigung gegen Joel Howard nicht nachvollziehen. In seinen Augen bot ihr die Übernahme durch Howard Electronics sowohl finanzielle Sicherheit als auch die Gelegenheit zu expandieren und das Angebot zu erweitern.

Aber von nichts kommt nichts. Diese Lektion hatte Cassie schon in jungen Jahren von ihrem Vater gelernt, der die besten Jahre seines Lebens damit verbracht hatte, hilflos mit anzusehen, wie sein inkompetenter Schwager das Familienunternehmen in den Ruin getrieben hatte. Ob ihr Vater ihre Mutter nur wegen der Firma geheiratet hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Ihre Mutter war eine seiner Studentinnen gewesen, und er hatte eine vielversprechende Universitätslaufbahn als Mathematikdozent aufgegeben, um bei der Leitung der Firma seines Schwiegervaters zu helfen. Dort war er dann nur noch eine Nummer.

Als Cassie zehn war, machte die Firma Konkurs. Ihre Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch, und ihr Vater musste wieder unterrichten. Allerdings bekam er nur eine Stelle als Lehrer an der Gesamtschule, die Cassie besuchte, und sie erlebte mit, wie er zunehmend unter seinem beruflichen Abstieg litt.

Ihre Mutter hatte offenbar allen Lebensmut verloren und starb, als Cassie dreizehn war. Ihr Vater hatte ihr mathematisches Talent längst erkannt und förderte es, bis sie ihren Mitschülern irgendwann weit voraus war. Allerdings „schickte“ es sich nicht für ein Mädchen, ein Mathematikgenie zu sein. Hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, es ihrem Vater recht zu machen, und dem Wunsch, von ihren Mitschülern akzeptiert zu werden, musste sie sich schließlich damit abfinden, dass sie in der Schule eine Außenseiterin war.

Während ihre Mitschülerinnen mit Jungen flirteten und ausgingen, konzentrierte sie sich auf die Mathematik, und daraus entstand auch ihr Interesse an neuen Technologien. Als sie mit neunzehn auch ihren Vater verloren hatte – er war einem Herzinfarkt erlegen –, war sie wie er ziemlich verbittert gewesen.

Ihre herausragenden Leistungen bei der Entwicklung und Gestaltung von Computerspielen erstaunten Cassie noch heute. Da sie sehr fantasiebegabt war und überdurchschnittliche mathematische Fähigkeiten hatte, waren ihre Produkte weitaus besser als die der Konkurrenz.

„Vergiss nicht, dass in diesem Industriezweig nur junge Leute arbeiten“, hatte David sie einmal gewarnt. „Eines Tages bist du dafür zu alt, und darauf musst du vorbereitet sein.“

Doch sie hatte bereits jetzt so viel Geld verdient, dass sie sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen brauchte, und als Peters Frau … Cassie seufzte leise, als sie den Aufzug betrat. Ihr letztes Spiel war fast beängstigend erfolgreich gewesen. Der Umsatz war in die Höhe geschnellt, und ihr war zum ersten Mal bewusst geworden, welche Gefahren der Erfolg mit sich brachte.

Andere renommierte Firmen hatten begonnen, sie neidisch zu beäugen, insbesondere die beiden Marktführer Howard Electronics und Pentaton. Noch immer kochte sie vor Wut, wenn sie an ihre Besprechung mit Joel Howard dachte – falls man es überhaupt so nennen konnte.

Er war einfach in ihr Büro gekommen und hatte gewinnend gelächelt. Sofort empfand sie eine unüberwindliche Abneigung gegen ihn, denn er erinnerte sie auf unangenehme Weise an ihre Schulzeit. Er war etwa einen Meter neunzig groß, hatte breite Schultern und wirkte genauso überheblich wie ihre ehemaligen Mitschüler, die sich ihrer Anziehungskraft nur allzu bewusst gewesen waren. Als er sie aus seinen blauen Augen musterte, fühlte sie sich ihm sofort unterlegen. Alles an ihr war durchschnittlich – das lange mittelbraune Haar, die braunen Augen mit den grünen Sprenkeln, ihre Größe von knapp einem Meter siebzig, ihre Figur und ihr blasses, ungeschminktes Gesicht. Zu allem Überfluss trug sie auch noch ihre Brille, die sie bei der Büroarbeit immer aufsetzte.

Ein abschätzender Blick, und schon war sie bei Joel Howard unten durch. Sein spöttisches Lächeln machte die Erinnerungen an damals umso schmerzlicher. Damals hatte sie sich bis über beide Ohren verliebt, und zwar ausgerechnet in den begehrtesten Jungen der ganzen Schule. Sie hatte ihre Gefühle nicht verbergen können, und er hatte sich vor seinen Freunden über sie lustig gemacht. Als sie Joel Howard nun ansah, verriet der Ausdruck in ihren Augen all die aufgestaute Wut, die sie verspürte, wenn sie an jene Zeit dachte.

„Was habe ich Ihnen getan, Dragon Lady?“, meinte Joel Howard langsam. „Oder hassen Sie alle Männer? Ich würde gern Ihre Chefin sprechen.“ Er lächelte nicht mehr, sondern betrachtete sie spöttisch. „Sie erwartet mich. Meine Sekretärin hat einen Termin mit ihr vereinbart.“

Dann schaute er an ihr vorbei zu ihrem Büro. Sie war ins Vorzimmer gekommen, um die Schreibmaschine ihrer Sekretärin zu benutzen, und offenbar hielt er sie für eine Sekretärin. Er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er sie nicht attraktiv fand, doch wenn er erfuhr, wer sie tatsächlich war, würde er seinen Charme spielen lassen, um zu bekommen, was er wollte – und das war nicht sie.

Cassie lachte bitter und verspürte dabei einen schmerzhaften Stich. Oh nein, Männer wie Joel Howard bevorzugten glamouröse Frauen, wie sie sie auf zahlreichen Fotos in seiner Begleitung gesehen hatte. In der Computerbranche galt er als der größte Playboy überhaupt. Er hatte bereits mit fünfundzwanzig ein Vermögen gemacht und anschließend expandiert, sodass sein Unternehmen nun zu den beiden größten im Land zählte. Das andere war Pentaton und gehörte Peters Familie. David zufolge war es älter und weniger fortschrittlich, aber lieber hätte sie ihre Seele verkauft, als sich mit Joel Howard zusammenzutun.

Als Cassie den Aufzug verließ und kurz darauf ihr Büro betrat, erinnerte sie sich unwillkürlich daran, wie er sie gemustert hatte, als sie ihm gesagt hatte, wer sie sei. In dem Moment hatte sie sich gewünscht, sie wäre vorher aufgestanden. Er trug einen perfekt sitzenden dunklen Anzug und ein weißes Hemd. Äußerlich war er der Inbegriff des erfolgreichen Geschäftsmannes, doch ihr war klar, dass sich hinter dieser Fassade ein grausamer Jäger verbarg, der vor nichts zurückschreckte, um zu bekommen, was er wollte. Und er wollte ihre Firma, das spürte sie sofort. Diese Erkenntnis verlieh ihr die Kraft, sich gegen ihn zu behaupten.

Als Cassie später mit David darüber sprach, erzählte er ihr, dass Joel Howard sich ausnahmsweise einmal zu viel zugemutet hatte und seinen Firmen mit den Investitionen in fortschrittliche Technologien die Kapitalreserven entzogen hatte. Falls er die Forschung nicht ganz aufgeben wollte, musste er ganz schnell eine auf dem Markt führende Firma aufkaufen.

„Es ist nicht seine Schuld“, versicherte David. „Einer seiner besten Entwickler ist vertragsbrüchig geworden und hat einen Job im Silicon Valley in Kalifornien angenommen. Er hat das neue Computerspiel mitgenommen, an dem er mit dem übrigen Entwicklungsteam gearbeitet hat. Obwohl es ein klarer Fall von Softwarepiraterie war, hatte Joel keine juristische Handhabe gegen ihn.“

„Und nun will er selbst Piraterie betreiben“, warf Cassie bitter ein. „Er will meine Firma …“

„Er möchte deine Firma übernehmen, ja“, erwiderte David. „Aber ich hatte dich gewarnt, dass du damit rechnen musst, Cassie. Du bist momentan in einer sehr schwachen Position – ein kleiner Fisch, der von lauter gefräßigen Haien umgeben ist …“

„Und der größte und gefräßigste wird mich verschlingen – aber nicht mit mir“, erklärte sie nachdrücklich.

„Er ist der Beste in der Branche“, versuchte er sie umzustimmen. „Ich weiß nicht, was du gegen ihn hast.“

„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Meiner Meinung nach gehört er zu den Männern, die glauben, dass eine Frau an den Herd gehört …“

Als David ein Lächeln unterdrückte, stand für sie fest, dass eine Übernahme durch Howard Electronics für sie niemals infrage käme.

Zehn Tage später trat Peter Williams an sie heran. Mit seiner netten, zurückhaltenden Art war er ihr auf Anhieb sympathisch, und da sie sich geschmeichelt fühlte, weil er sich offenbar für sie interessierte und sie bewunderte, ließ sie sich von ihm zum Essen einladen.

Einen Monat später hatte er sie gebeten, ihn zu heiraten, und sie hatte seinen Antrag angenommen. Cassie machte sich allerdings keine Illusionen. Er hätte niemals um ihre Hand angehalten, wenn sie nicht Inhaberin von Cassietronic gewesen wäre. Aber hätte sie sich bereit erklärt, ihn zu heiraten, wenn sie nicht das dringende Bedürfnis verspürt hätte, ihre Firma vor Joel Howard zu schützen?

Dass sie eine Vernunftehe eingehen würde, war für sie nichts Ungewöhnliches. Sie mochte Peter und würde gut mit ihm zusammenarbeiten. Und hoffentlich würde sie auch Kinder mit ihm bekommen. Allerdings konnte sie sich nicht vorstellen, mit ihm zu schlafen. Er hatte sie einige Male zaghaft geküsst und dabei lediglich Neugier in ihr geweckt.

Sie hatte also keine ausgeprägte Libido. Aber war ihr das nicht schon immer bewusst gewesen? Und war es unter den gegebenen Umständen nicht besser so? Es gab doch nichts Schlimmeres für eine Frau, die alles andere als attraktiv war, ihr Leben damit zu vergeudetn, auf den Märchenprinzen zu warten. Sosehr es auch schmerzte, realistisch zu sein, war es auf lange Sicht besser. Schon jetzt hatte sie mehr erreicht, als sie sich je erträumt hatte. Sie war unabhängig, und wie sie von ihrem Vater gelernt hatte, war dies das Wichtigste im Leben. Ihr Vater hatte seine Unabhängigkeit zugunsten der Familie aufgegeben und es bis zu seinem Tod bedauert.

Peter und sie hatten ausführlich über ihre Zukunft gesprochen. Sie würde Cassietronics weiterhin leiten, und Peter würde weiterhin für seinen Vater arbeiten. Sie wollten sich in der Nähe ihres Büros eine Wohnung suchen, und später würde sie vielleicht zu Hause arbeiten.

Ich habe alles, was ich mir gewünscht habe, sagte sich Cassie, als sie ihre Post durchging, und ignorierte den schmerzhaften Stich, der sie bei der Erinnerung an jenen großen, dunkelhaarigen Jungen aus der Schule durchzuckte. Wie sehr hatte sie sich nach ihm gesehnt! Sie hatte davon geträumt, dass er sie küsste und berührte, und sich auf nichts anderes mehr konzentrieren können. Es ist gut, dass ich meine Lektion gelernt habe, sagte sie sich. Wenn man sie damals nicht aller Illusionen beraubt hätte, wäre sie vielleicht auf irgendeinen redegewandten Opportunisten hereingefallen, der vielmehr an ihrem Geld interessiert war als an ihr.

Ihre Tante hatte sie in letzter Zeit oft davor gewarnt. Cassie seufzte und schob die Post beiseite, als sie an Tante Renee dachte, die Frau ihres verstorbenen Onkels. Tante Renee gab ihrem verstorbenen Schwager die Schuld daran, dass die Firma Konkurs gemacht hatte, und sah geflissentlich darüber hinweg, dass es das Verschulden ihres Mannes gewesen war. Auch Onkel Ted war mittlerweile verstorben, und so war sie ihre einzige Verwandte.

Manchmal schien es Cassie, als würde ihre Tante sie hassen, denn sie redete immer schlecht von ihrem Vater und ließ keine Gelegenheit aus, sie daran zu erinnern, wie unscheinbar sie war. Tante Renee hingegen sah man an, dass sie einmal eine Schönheit gewesen war. Das Geld, das ihr Mann ihr hinterlassen hatte, gab sie mit vollen Händen für Kleidung und Besuche im Schönheitssalon sowie für Reisen aus. Wann immer Cassie ihr begegnete, war Tante Renee in Begleitung eines viel jüngeren, viel zu attraktiven Mannes. Als Teenager hatte Cassie sehr unter ihren boshaften Bemerkungen gelitten.

Sie blätterte in einer Zeitschrift und erstarrte, als Joel Howard ihr plötzlich von einem Foto entgegenlächelte. Er war in Begleitung einer zierlichen hübschen Blondine und besuchte eine Wohltätigkeitsveranstaltung, wie aus dem Artikel hervorging. Verächtlich verzog Cassie den Mund. Wenn Männer wie Joel Howard ihr Geld und ihren Einfluss benutzten, um sich attraktive Gespielinnen zu kaufen, wurden sie von ihren Geschlechtsgenossen bewundert und beneidet. Wenn eine Frau dasselbe tat, machte sie sich jedoch zum Gespött der Leute.

Von Gleichberechtigung kann nicht die Rede sein, dachte Cassie bitter und ignorierte dabei die innere Stimme, die ihr sagte, dass Joel Howard auch Erfolg bei attraktiven Frauen gehabt hätte, wenn er keinen Penny besessen hätte. Sogar sie hatte gespürt, was für eine unwiderstehliche Anziehungskraft er besaß, und das hatte er gemerkt.

Deswegen kann ich ihn ja auch nicht ausstehen, überlegte sie. Sie verachtete ihn, weil er aus seinem guten Aussehen Kapital schlug. Ja, ich verachte ihn, sagte sie sich und kostete diesen Gedanken aus. Im nächsten Moment klingelte das Telefon, und sie zuckte zusammen.

Sie nahm den Hörer ab und entspannte sich, als sie Peters sanfte Stimme hörte. Was hattest du denn erwartet? fragte sie sich spöttisch. Dass es Joel Howard ist? Er würde nie wieder an sie herantreten, nachdem sie David erklärt hatte, sie würde nicht einmal mit ihm reden.

Peter rief an, um ihre Verabredung für diesen Abend zu bestätigen. Sie wollten ausgehen, um ihre Verlobung zu feiern, die sie allerdings noch nicht bekannt gegeben hatten, und Vorbereitungen für ihre Hochzeit am Ende des Monats zu treffen. Ich werde mich erst ganz sicher fühlen, wenn ich mit Peter verheiratet bin, dachte Cassie, als sie auflegte. Sicher? Sie runzelte die Stirn. Wovor oder vor wem wollte sie sich sicher fühlen? Unwillkürlich blickte sie auf Joel Howards Foto und betrachtete es eine Weile.

Als Cassie an diesem Abend nach Hause kam, war sie spät dran und hatte nur noch eine halbe Stunde, um sich fertig zu machen. Schuldbewusst dachte sie an den Friseurtermin, den sie nicht eingehalten hatte. Sie hatte an diesem Abend besonders hübsch aussehen wollen, weil sie es Peter schuldig zu sein glaubte. Schließlich war es für ihn bestimmt nicht leicht, sie zu heiraten. Cassie seufzte schwach, als sie sich im Spiegel betrachtete. Sie war zu dünn, zu blass und schlichtweg langweilig.

Nachdem sie geduscht und saubere Unterwäsche angezogen hatte, öffnete sie ihren Kleiderschrank. All ihre Sachen hatte sie in der Absicht gekauft, ja nicht aufzufallen. Sie entschied sich für ein knielanges beigefarbenes Kleid, das weit geschnitten war und daher ihre Figur kaschierte. Sie sah darin noch blasser aus, und ihr Haar wirkte noch farbloser. Da sie normalerweise einen Knoten trug, steckte sie es auch jetzt auf. Früher hatte sie es immer zum Zopf geflochten, doch an der Universität hatte man sie deswegen ständig geärgert.

Sie hatte auch schon mit dem Gedanken gespielt, Kontaktlinsen zu tragen, ihn aber wieder verworfen, weil sie ihre Brille ja nicht ständig brauchte. Nachdem sie ihre Blässe mit Make-up kaschiert hatte, setzte sie ihre Brille auf, um die Lippen nachzuziehen. Zum Schluss sprühte sie einen Hauch von dem schweren Parfüm auf die Handgelenke, das Peter ihr geschenkt hatte. Es passte überhaupt nicht zu ihr, doch da er es ausgesucht hatte, fühlte sie sich dazu verpflichtet, es zu benutzen.

Cassie blickte auf den großen Solitär am Ringfinger ihrer linken Hand und nahm ihren Mantel. Sie zog ihn gerade an, da klingelte es an der Tür.

Peter lächelte, als er sie sah, und küsste sie pflichtschuldig auf die Wange. Cassie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Joel Howard die Frauen, mit denen er ausging, so zaghaft küsste. Sie errötete vor Wut. Warum, in aller Welt, dachte sie ausgerechnet an ihn?

„Fertig?“

Cassie nickte und lächelte Peter an, bevor sie ihm folgte.

„Meine Eltern sind schon vorgefahren“, erklärte er. „Mein Wagen steht draußen.“

Auch das noch! Sie mochte ihre zukünftigen Schwiegereltern nicht besonders, denn Peters Vater war herrisch und anmaßend, und seine Mutter erinnerte sie stark an Tante Renee. Ihr war klar, dass Isabel Williams über die Wahl ihres einzigen Sohnes enttäuscht war, und sie spürte, dass auch Ralph Williams sie als Frau ablehnte, obwohl er die Verbindung sonst befürwortete.

Manchmal hätte sie am liebsten laut herausgeschrien, dass sie nichts für ihr Aussehen könne. Als sie in den Wagen stieg, hätte sie Peter am liebsten aufgefordert, sie zu küssen, und zwar richtig. Was ist bloß mit mir los? fragte sich Cassie und erschauerte unwillkürlich.

Peter hatte es bemerkt und betrachtete sie besorgt. „Ich brauche unbedingt einen neuen Wagen“, sagte er. „Vielleicht kannst du mir ja einen zur Hochzeit schenken.“

Obwohl sie wusste, dass er nur Spaß machte, verletzten seine Worte sie. Du reagierst überempfindlich, tadelte sie sich. Schließlich hatte sie sich freiwillig mit Peter verlobt. Nur warum wäre sie dann am liebsten wieder ausgestiegen und vor ihm weggelaufen?

War es die Nervosität der Braut vor der Hochzeit? Cassie lächelte verächtlich. Nein, sie musste sich damit abfinden, dass Peter sie nicht um ihrer Schönheit, sondern um ihrer Intelligenz willen heiratete. Aber war das so schlimm? Schönheit war vergänglich, Intelligenz nicht …

Cassie seufzte und merkte erst jetzt, dass Peter bereits vor dem Restaurant hielt. In seinem Smoking sah er auf seine jungenhafte Art sehr attraktiv aus, und sein blondes Haar schimmerte im Licht. Für den mürrischen Zug um seinen Mund konnte er nichts, denn seine Mutter hatte ihn verzogen, und vermutlich beabsichtigte sie, ihn auch nach der Hochzeit noch zu verwöhnen.

Das Restaurant war populär und daher sehr gut besucht. Ein Ober brachte sie an ihren Tisch, wo Peters Eltern sie bereits erwarteten. Isabel Williams küsste sie begeistert auf die Wangen, doch Cassie bemerkte den ablehnenden Ausdruck in ihren Augen und ihre selbstgefällige Miene. Als sie das perfekte Make-up und das teure Seidenkleid ihrer zukünftigen Schwiegermutter betrachtete, war sie sich umso mehr ihres unscheinbaren Aussehens bewusst.

Nachdem sie alle ihre Bestellungen aufgegeben hatten, begann Isabel, über die Hochzeitsvorbereitungen zu sprechen.

„Du kannst ein andermal mit Cassie darüber reden“, erklärte Ralph Williams. „Cassie, ich möchte eine Besprechung zwischen unseren Wirtschaftsprüfern anberaumen …“

Während er weitersprach, spürte Cassie, dass sie von einem anderen Gast beobachtet wurde. Sie widerstand jedoch dem Impuls, sich umzudrehen, und zwang sich, Peters Vater zuzuhören. Er befragte sie nach ihren aktuellen Projekten und erkundigte sich, ob sie bereits an einem neuen arbeitete. Da sie nicht gern über ihre Ideen sprach, solange diese noch nicht Gestalt angenommen hatten, wollte sie gerade verneinen, als sie dem unwiderstehlichen Drang, sich umzudrehen, doch nachgab.

Ihr stockte der Atem, als sie Joel Howards Blick begegnete. Er saß zwei Tische entfernt und beobachtete sie, ohne auf das Geplapper seiner blonden Begleiterin zu achten. Der Ausdruck in seinen Augen war so wütend, dass ihr schwindelig wurde. Sie hatte gewusst, dass er ihr grollte, weil sie ein Gespräch mit ihm abgelehnt hatte, doch diese heftige Reaktion traf sie völlig unvorbereitet. Als Cassie den Blick schließlich abwandte, hatte auch Peter Joel Howard bemerkt.

„Joel Howard“, rief er verächtlich. „Was macht der denn hier?“

Sein Vater drehte sich um und schaute zornig in Joel Howards Richtung. „Er will Cassietronics.“ Er sagte es so laut, dass Joel Howard es hören konnte, und sie sah, wie dessen Augen daraufhin dunkel vor Wut wurden.

Furcht und noch etwas, das sie nicht ergründen konnte, erfasste sie. Cassie begann zu zittern und nahm Peters Hand. Ihr Solitär funkelte, und sie spürte beinah, wie Joel Howards Blick darauf fiel und sein Gesichtsausdruck sich veränderte. Seine Wut wich unverhohlener Verachtung.

„Was ist los, Schatz?“, hörte Cassie seine Begleiterin deutlich fragen. „Du siehst so verärgert aus.“

Sie wurde noch blasser, als sie seine Antwort hörte, die ganz offensichtlich für ihre Ohren bestimmt war.

„Nichts“, erwiderte Joel Howard. „Ich habe nur gerade daran gedacht, dass einige Männer ihre Seele verkaufen würden, um ihr Ziel zu erreichen.“

Cassie konnte den Blick nicht von seiner Begleiterin abwenden.

„Würdest du es denn tun?“, neckte diese ihn.

Wieder schaute er Cassie in die Augen. „In diesem Fall nicht“, erwiderte er betont langsam. „Manchmal ist der Preis einfach zu hoch.“ Dann musterte er sie verächtlich, sodass sie vor Zorn errötete und erneut zu zittern begann. Als sie Ralph Williams etwas sagen hörte und sich an seine Frage erinnerte, antwortete sie gespielt fröhlich und ein wenig zu laut:

„Ja, ich arbeite gerade an einem neuen Projekt – es wird mein Hochzeitsgeschenk für Peter.“ Sie schenkte ihrem Verlobten ein nichtssagendes Lächeln. „Wenn es auch nur annähernd so erfolgreich ist wie mein letztes Projekt, kannst du dir einen ganzen Fuhrpark kaufen, Schatz – inklusive Garagen.“

Unter anderen Umständen wäre sie über ihr Verhalten entsetzt gewesen, doch in diesem Moment kam es ihr lediglich darauf an, Joel Howard genauso zu demütigen, wie er sie gedemütigt hatte. Er hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie sich einen Ehemann gekauft habe und er sich niemals von einer Frau kaufen lassen würde.

Als sie aßen, nahm Cassie kaum etwas um sich her wahr, auch als Peters Eltern mit ihr auf ihre Verlobung anstießen.

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