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Ich schmücke mich nicht mit fremden Fehlern

Über den Autor

Justus Richter bereiste auf der Suche nach den kuriosesten Urteilen und Richtersprüchen die Gerichtssäle der ganzen Welt. Da­rüber hat er die Bestseller ÖFFENTLICHE MÜLLEIMER DÜRFEN NICHT SEXUELL BELÄSTIGT WERDEN und SITZPROBEN AUF ÖFFENTLICHEN BÄNKEN SIND EIGENSTÄNDIG DURCHZUFÜHREN geschrieben. Heute ist er froh, wieder unter deutschem Recht zu leben, wundert sich aber inzwischen auch hier über einiges, nicht zuletzt über Sinn und Inhalt der Textbeiträge jener, die bekanntlich zu entscheiden haben.

Justus Richter

Ich schmücke
mich nicht mit
fremden Fehlern

Wie Politiker sich um Kopf
und Kragen reden

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1 – »Wir pfeifen nicht nach Ihrer Tanze«

Die peinlichsten Ausrutscher und Versprecher

Kapitel 2 – »Eine zeitweise falsche Darstellung ist, wenn sie der Erlangung der Wahrheit dient, entschuldbar«

Die größten Lügen, Halb- und Unwahrheiten

Kapitel 3 – »Intrigantes Schwein«

Die schlimmsten Entgleisungen

Kapitel 4 – »… und man muss dann sehr schnell mal durch 2, auf 2, also mal 2 rechnen«

Die kompliziertesten Formulierungen

Kapitel 5 – »Ich hoffe, es geht dem deutschen Volk nie so schlecht, dass es glaubt, mich zum Bundeskanzler wählen zu müssen«

Die gewagtesten Prognosen

Kapitel 6 – »Sie Strolch!«

Die mehr oder weniger subtilsten Beleidigungen

Kapitel 7 – »Wir sind bereit für jedes unvorhergesehene Ereignis, das eintritt oder auch nicht«

Die anderen sind auch nicht besser – von Bush bis Berlusconi

Anmerkungen

Über den Autor

Vorwort

Jetzt aber mal Butta bei de Fische: Einer muss es ja machen. Oder lieber: Einige müssen es ja machen. Weil, einer allein wäre doof, denn dann hätte sich die Sache mit der Demokratie wohl endgültig erledigt. Da wir aber – ich nehme Sie, werte Leser, jetzt einfach mal mit ins Boot – es ganz gerne demokratisch-kuschelig haben und uns irgendwie auch die zuweilen recht fragile Auffassung von der politischen Mitbestimmung bewahren wollen, brauchen wir Politiker. Punkt. Basta. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Und all jene, die ständig auf Politiker schimpfen, weil das irgendwie cool ist (»Äh, neee – mit Politik hab ich nix am Hut. Die lügen doch alle so furchtbar und außerdem sind sie alle korrupt und sowieso. Also wirklich nicht …«), sollten sich schleunigst klarmachen, dass Politik ohne Politiker eben nicht funktioniert. Ist wie Fußball ohne Kicker oder Kirchenmusik ohne Organisten. Klappt nicht.

Eine ganz andere Frage ist natürlich, ob wir auch die richtigen Politiker haben. Wir kennen doch alle jenes geflügelte Wort, dass jedes Volk die Politiker hat, die es verdient, aber mal ehrlich: So furchtbar sind die Italiener doch gar nicht, oder? Und die Griechen: eigentlich total nette Leute. Die Russen sowieso: gastfreundlich, trinkfest, oft in Feierlaune. Und wir? Wieso haben wir Angie, Peer und Guido? Das sollen wir verdient haben?

Nein, wohl nicht. Es ist wohl viel eher so, dass Angie, als sie noch Physikerin war, eigentlich ’ne ganz dufte Torte war. Vielleicht nicht unbedingt eine megaheiße Schnitte, aber irgendwie nett und abgesehen von Frisur, Gesicht und Kleidung wahrscheinlich ein echter Kumpeltyp. Zum Abhängen in der Mensa nach der Vorlesung möglicherweise gar nicht ungeeignet. »Hey, Angie! Lassen wir’s krachen. Nach zwei Stunden Quantenmechanik gönnen wir uns jetzt ein Tröpfchen Kirschsaft, oder?« So hätte es möglicherweise geklungen in Leipzig oder Jena, wenn Angie nicht jenen verhängnisvollen Pfad beschritten hätte, der solche Anfragen unmöglich macht: den Kreuzweg der Politik. Oder nehmen wir Guido. Mit einem so rattenscharfen Nachnamen hätte der pickelige Naturbursche aus Bad Honnef möglicherweise als Leadsänger einer Village-People-Coverband reüssieren können: »Guido und die wilden Wellen« zum Beispiel. Oder so. Tja, ist anders gekommen.

Ist nicht mehr drin, nicht mehr machbar, aus und vorbei: Guido und Angie, Peer und die vielen Helmuts der deutschen Nachkriegspolitik, sie alle haben sich entschieden, ihr Leben auf dem Altar des Gemeinwohls zwischenzulagern. Und bei den meisten ist in einem schleichenden und von vielen zunächst wahrscheinlich gar nicht bemerkten Prozess genau das eingetreten, was man ihnen wenig später zum Vorwurf macht: Von einem vergleichsweise freundlichen, normal kommunizierenden und zugänglichen Menschen haben sie sich peu à peu in jemanden verwandelt, der prinzipiell eher misstrauisch ist, die Pflicht hat, sich ständig überfordert und gestresst zu fühlen, und eine Sprache pflegt, die irgendwie so klingt, als hätte man einem Tropenvogel Phrasenunterricht gegeben und ihn anschließend sediert. Fazit: Politiker werden nicht als solche geboren – die Politik verändert den Menschen. Und zwar in den seltensten Fällen zu seinen Gunsten, jedenfalls was die Wahrnehmung von außen betrifft.

Ein großartiges Beispiel für diese Theorie ist ein dem Autor selbst gut bekannter FDP-Bundestagsabgeordneter aus dem süddeutschen Raum. Vormals ein freundlicher, zugewandter Akademiker mit Idealen und einem durchaus fröhlich zu nennenden Humor, der vor allem mit ungewöhnlichen Krawatten und sandfarbenen Anzügen glänzte, verwandelte sich der Mann buchstäblich in Minutenschnelle, nachdem er den Sprung ins Parlament geschafft hatte. Über Nacht war aus dem netten Kerl ein ungemein viel beschäftigter, wahnsinnig gestresster, stets auf die Außenwirkung bedachter und sich ungemein wichtig gebärdender Phrasendrescher geworden, der eine nichtssagende Pressemitteilung nach der anderen raushauen ließ und im heimatlichen Wahlkreis auftrat, als sei er nicht vom Stimmvieh gewählt, sondern von der göttlichen Vorsehung auserkoren worden. Nun, im Falle der FDP könnte Letzteres sogar zutreffen, denn gewählt hat sie ja angeblich keiner. Schon komisch. Wie dem auch sei: Ob Bonn oder Berlin, ob Bundestag oder Landesparlament, ob Minister oder Hinterbänkler – es gelten in der Politik Regeln, die jeder zu beachten hat, der in diesen Zirkus einsteigt, und das unabhängig davon, wie sein Charakter vormals beschaffen war. Und wenn man in der politischen Debatte Gehör finden will, dann hält man sich gefälligst an diese Regeln, denn ansonsten ist die Karriere schnell vorbei. Ist vielleicht nicht schön, ist aber überall so. Nicht nur bei uns. Ehrlich.

Auf den folgenden Seiten kommen Politiker in aller Regel nicht gut weg. Denn weil sie davon leben, möglichst oft und möglichst viel zu möglichst vielen Themen zu sagen, und dabei stets überzeugend wirken wollen, rutscht ihnen ab und zu auch mal ein Wort, ein Satz, eine Stammelei raus, die im medialen Overkill unserer Tage natürlich nicht unbemerkt bleiben kann. Berufsrisiko: Wer so viel plappert, der verplappert sich eben auch. Dass dies dann so grausam ausgeschlachtet wird, hängt in der Regel nicht mit den einzelnen Personen zusammen und ist auch gänzlich unabhängig von der persönlichen politischen Haltung des jeweiligen Medienschaffenden. Es ist einfach der guten alten demokratischen Gepflogenheit geschuldet, dass ein Podest gar nicht zu hoch sein kann, um jemanden nicht hinunterschubsen zu wollen. Im Klartext: Politikern geht es wie Fußballtrainern. Sie sind offenkundig notwendig, aber jeder weiß es besser, mischt sich ein und macht sich lustig. Nehmen wir Herbert Wehner (schon tot) und Ernst Happel (ebenfalls): Könnten ein und dieselbe Person sein. Otto Rehhagel und Helmut Kohl: Biedermanns Brüder. Oder Joschka Fischer und Jürgen Klinsmann – einst waren sie junge Wilde, jetzt … nun ja. Ihnen allen gemeinsam ist die Tatsache, dass sie an exponierter Stelle Verantwortung trugen oder noch tragen, dass sie ständig unter Beobachtung stehen und dass alle um sie herum glauben, den Job eigentlich viel besser zu können. Sie wissen schon: das Volk der Bundestrainer.

Es geht also hier nicht darum, Kübel voller Spott und Häme über Mandatsträgern auszugießen (okay, es geht nicht nur darum). Dieses Buch soll lediglich das erwähnte Podest ein bisschen ins Wackeln bringen. Denn eine der Eigenschaften, die den meisten Politikern im Zuge ihrer Laufbahn schon früh verloren geht, ist die Befähigung, über sich selbst zu lachen. Man darf dieses Buch also durchaus als diesbezügliche Nachhilfe verstehen.

Vorwort zwei

Ach ja. Das Folgende muss auch noch erwähnt werden, ’tschuldigung, ich weiß, niemand liest gerne Vorworte. Egal, da müssen Sie jetzt durch.

Politiker beziehen in der Regel nicht besonders gerne Stellung. Das liegt in erster Linie daran, dass es wenige Stellungen gibt, die unveränderlich sind, und dass Meinungswechsel in der Politik nicht gerne gesehen werden, vor allem wenn sie aus so unverständlichen Gründen wie »bessere Einsicht«, »eigene Überlegung« oder auch »intelligente Aufklärung« erfolgen. Das alles zählt nicht – Fraktionszwang und parteipolitische Grundausrichtung sind der eigenen Karriere zumeist förderlicher.

Doch weil der Autor dieses Buches sich auf keinen Fall dem Vorwurf aussetzen möchte, es ähnlich wie die Politiker zu halten, seine Hiebe nach allen Seiten auszuteilen, selbst aber keine Stellung bezieht, soll an dieser Stelle Klartext geredet werden: »Volksvertreter« wie Silvio Berlusconi in Italien, Georg W. Bush in den USA oder auch Wladimir Putin in Russland sind unerträglich. Diese bornierte Mischung aus einem egozentrischen Weltbild, bornierter Dummheit, mangelndem Einfühlungsvermögen, Rücksichtslosigkeit, fehlgeleitetem Sendungsbewusstsein und unbegründeter Hybris ist kaum zu ertragen. Bedauerlicherweise jedoch funktioniert diese krude Mixtur immer wieder – Arroganz und Idiotie werden in vielen Demokratien nach wie vor vom Wähler honoriert. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch bei Veranstaltern von Kaffeefahrten beobachten, bei denen allerdings auch noch eine hohe kriminelle Energie mit hineinspielt. Nun ja – bei mindestens zwei der drei gerade Genannten können wir dies natürlich ebenfalls nicht ausschließen.

Auch in Mitteleuropa gibt es Volksvertreter, die man ab und an gerne auf den Mond schießen möchte. Doch im Vergleich zu jenen aberwitzigen Gestalten, die ihre Legimitation aus einem Medienimperium, aus Ölkontakten oder einer Geheimdienstvergangenheit ableiten, können wir uns eigentlich nicht beschweren. Bitte denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal auf einen unserer eigenen Mandatsträger schimpfen: Es geht noch viel schlimmer.

Und noch ein Vorwort

Äääh – noch was: Die in diesem Buch aufgeführten Zitate lassen sich mit genügender Recherche allesamt irgendwo finden. Manche jedoch wurden übersetzt, zum Teil aus Sprachen, von denen der Autor in etwa so viel Ahnung hat wie vom Synchronschwimmen. Mein Dank gilt also an dieser Stelle vor allem zwei Freunden, die mir bei diversen Übersetzungen behilflich waren: Han Bei Wang (Honey!) aus Hongkong und Christian Roberg, Brasilianer mit deutschen Wurzeln und ein echtes Sprachwunder. Danke, Jungs. Im Falle eines Zitates aus Korea musste ich die Hilfe eines Internetprogramms in Anspruch nehmen, weshalb die Lösung noch einmal einer Nachbearbeitung und eines kreativen Inputs meinerseits bedurfte. Ich hoffe, zumindest sinngemäß ist alles korrekt.

In diesem Sinne viel Spaß

Justus Richter

Kapitel 1

»WIR PFEIFEN NICHT NACH IHRER TANZE«

DIE PEINLICHSTEN AUSRUTSCHER UND VERSPRECHER

Achtung, wir starten mit einem Allgemeinplatz: Politiker sind auch nur Menschen. Noch mal Achtung, denn Allgemeinplatz Nummer 2 folgt sogleich: Und Menschen machen nun mal Fehler.

Jau. So ist das. Und deswegen, so wimmern wohlmeinende Gutmenschen, müsse man doch auch bei Politikern nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, auch mal darüber hinwegsehen, wenn sie verbal entgleisen oder sich um Haaresbreite im rhetorischen Abseits bewegen.

Wieso? Ganz ehrlich: Haben die Damen und Herren diese besondere Schonung verdient? Denken Sie doch nur einmal an Wolfgang Bosbach. Der so gern zitierte »Unionspolitiker«, der wechselweise offenkundig für alles zuständig und für nichts verantwortlich ist, gibt sich doch schon beim Abstellen der Morgenlatte so staatstragend, dass das ZDF nicht umhinkommt, den Akt urinaler Befreiung in den ersten Nachrichten des Tages prominent zu platzieren. »Wolfgang Bosbach hingegen erklärte, sein Pullermann leiste jeden Morgen seinen Beitrag fürs Bruttosozialprodukt – es sei mittelfristig deshalb nicht hinnehmbar, wenn griechische Männer dies nach wie vor nicht täten.« Oder so ähnlich.

Okay, das Beispiel war möglicherweise ein kleines bisschen gemein, doch es gebricht den meisten Politprofis mittlerweile tatsächlich vollständig an jenen Sekundärtugenden, die einen Menschen einigermaßen sympathisch und damit auch wählbar machen: Humor, Toleranz und Selbstironie. Wolfgang Bosbach ist nicht der Einzige, der sich so ernst nimmt, als sei er die fleischgewordene Besteigung eines Achttausenders ohne Sauerstoff – es wimmelt in den Parlamenten der Länder und des Bundes von Oberlehrern, Besserwissern und Klugscheißern. Kaum einer (oder eine) ist nicht von der eigenen Wichtigkeit so sehr durchdrungen, als wär’s der Dotter im Frühstücksei. Und deshalb ist es nicht nur legitim und angebracht, sich über Pannen und Peinlichkeiten lustig zu machen – es ist geradezu ein Akt politischer Hygiene.

Ein besonders illustres Exempel an gelebter Oberlehrerhaftigkeit ist der einstige bayerische Ministerpräsident und ehemalige Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Der Mann macht seit jeher den Eindruck, als sei er praktisch zweidimensional auf die Welt gekommen. Er könnte der einzige heterosexuelle Teenager in der Geschichte gewesen sein, dem man als 17-Jährigem bedenkenlos die Aufsicht über eine Dessousparty im angrenzenden Mädchenwohnheim hätte übertragen können. Die stoibereigene Mischung aus faden Gedanken, fehlendem Charisma und mangelnder Fantasie wurde immer nur dann notdürftig kaschiert, wenn der Freistaatverweser im Sparkassenformat zufällig eine Rede zu halten hatte. Das wiederum muss ein Ministerpräsident allerdings recht häufig tun, was Edmund Stoiber – völlig zu Unrecht übrigens – republikweit den Ruf einbrachte, irgendwie ja doch ganz witzig zu sein. Bitte glauben Sie mir: Er war und ist es nicht. Steht man dem mittlerweile in Brüssel für die Bürokratiebekämpfung (sic!) Zuständigem gegenüber, hat man anschließend immer noch das Gefühl, sich mit einer Raufasertapete unterhalten zu haben. Doch auch solche Menschen haben das Anrecht auf 15 Minuten Ruhm – und bei Eddie »the no and never eagle« Stoiber war es seine berühmte Erklärung, mit der er den Bau einer Magnetschwebebahn zum Münchner Flughafen erklären wollte. Wahrscheinlich ist dieses Gestammel babylonischen Ausmaßes zwar mittlerweile jedermann bekannt, doch in Kapitel 4, das sich den kompliziertesten Formulierungen annimmt, lässt es sich noch mal nachlesen. Viel Spaß.

Doch zurück zur Studienratattitüde vieler Politprofis. In den Parlamenten sitzen ja bekanntlich unzählige ausgebildete Lehrer und solche, die sich mittlerweile auch ohne die entsprechende Ausbildung dazu berufen fühlen, die Welt an ihrer Weisheit teilhaben zu lassen und/oder anderslautende Meinungen wahlweise für »Blödsinn«, »immer schon Blödsinn«, »totalen Blödsinn«, »überflüssigen Blödsinn« oder auch »grundfalsch« zu halten. Ganz schwierig wird’s, wenn diese anderslautenden Meinungen womöglich nicht im allgegenwärtigen Politikersprech formuliert sind, wenn sie sich also der Sprache des gemeinen Mannes bedienen, um Gehör zu finden. Ui – da zürnt der Stoiberianer sofort, da fährt er gerne übers Maul. Und konstruiert selbst zuweilen Sätze wie diesen …

»Wir müssen den Kindern mehr Deutsch lernen.«

So sprach es Eddie »Old Scrabble« Stoiber anlässlich einer Debatte über die Integration ausländischer Kinder. Natürlich hatte er recht. Wir müssen den Kindern nicht nur mehr Deutsch lernen, wir müssen ihnen auch noch gutes Benehmen lernen. Und Rechnen müssen wir ihnen auch lernen. Und möglicherweise auch den Umgang mit Politikern, die mutmaßlich selbst nie Kind waren, denen Kinder – die Asylantenbälger, na klar, aber auch die anderen – wohl prinzipiell scheißegal sind und die Worte »lehren« und »lernen« nicht recht unterscheiden können.

Ein anderer aus der Riege der bayerischen Ministerpräsidenten, ein Herr namens Günther Beckstein, gilt als durchaus honoriger Mann, der allerdings das Problem hat, stets ein bisschen wie ein sediertes Frettchen zu wirken. Bei einer Bierzeltkundgebung in Erding zum Thema Promillegrenze beim Autofahren formulierte er die folgenden, durchaus bemerkenswerten Sätze:

»Es ist nicht das Problem, wenn einer eine Maß trinkt oder, wenn er ein paar Stunden da ist, auch zwei. … Eine anständige Maß werden wir nicht auf den Index stellen.«

Jawollja. Genau. Da knallt sich der bayerische Hansdampf in allen Waldwinkeln die schwieligen Pranken auf die Krachlederne, bevor er sie zusammenhaut, um mit der Urgewalt des g’stand’nen Mannsbilds eine Art spontanen Beifall zu simulieren, dessen Wucht andernorts durchaus dazu angetan sein könnte, Kathedralen ins Wanken zu bringen. Da kocht die bayerische Volksseele vor Vergnügen wie eine Kohlrabi-Fritteuse, wenn der zünftige Gaudibursch sich darob gleich noch einmal eine Maß hinter die gewaltigen Kiemen schüttet.

Zur Ehrenrettung Günther Becksteins könnte man nun anmerken, dass jener, heute berühmt für die kürzeste Regierungszeit eines bayerischen Ministerpräsidenten aller Zeiten, sich als Franke dem oberbayerischen Bierzeltgehabe in etwa so verpflichtet fühlen dürfte wie Barack Obama den Bemühungen um die Gründung einer Ku-Klux-Klan-Ortsgruppe in Washington. »Könnte« man – muss man aber nicht. Denn schließlich wusste der ehemalige Innenminister, der seinerzeit Asylbewerber in bestürzender Regelmäßigkeit in populistisch-dümmlicher Manier zu Menschen dritter Klasse degradierte, ganz genau, was er da zum Besten gab. Und wenn man Volkes Seele mit derart tumben Torheiten für sich einzunehmen sucht, dann wird man damit leben müssen, dass man zukünftig nicht mehr für voll genommen, sondern für voll gehalten wird. Sternhagelvoll.

Doch nicht nur unter dem weiß-blauen Himmel des Freistaats, dort wo tatsächlich bereits das Tragen einer speckigen Lederhose als Kulturgut gelten darf und »Holz vor der Hütt’n« nichts mit Brennmaterial in der Nach-Gazprom-Ära zu tun hat, nein, auch in weit weniger exotischen Landstrichen werden munter rhetorische Frontalschäden produziert. Wie anders ist der folgende Satz des berühmtesten Oggersheimers aller Zeiten zu bewerten, der da folgende kühne These formulierte:

»Amerika ist, wenn Sie so wollen, ein Kontinent.«

Ja, stimmen wir ihm da begeistert zu, ja und noch mal ja – genau so wollen wir Amerika. Im Ganzen. Als Kontinent. Nicht als irgendein läppisches Inselchen auf der anderen Seite des Ozeans, nicht als Friedhof der letzten Mohikaner, nicht als verquastes Ghetto der Geografie. Nein, Amerika muss einfach als Kontinent durchgehen – danke, Helmut, dass du uns die Wahl gelassen hast. Apropos Helmut: Der Kanzler der Einheit hatte in den gefühlten 136 Jahren seiner Amtszeit so viele sprachliche Perlen, jede groß wie ein Pfälzer Saumagen, vor das hungrige Volk fallen lassen – und in unserer Best-of-Liste am Ende dieses Kapitels sind einige davon natürlich auch vertreten. Um Ihnen das Warten bis dahin nicht zu lang werden zu lassen, folgen an dieser Stelle zwei Appetithäppchen à la Birne. Bitte sehr:

»Die Schwierigkeit ist das Problem.«

Oder auch:

»Die meisten unserer Frauen im Land sind weiblich.«

Aaaah. Das ist so erfrischend wie ein Landregenguss im griechischen August, wobei man sich über die Griechen ja bekanntlich auch nicht mehr lustig machen darf. Wie anders wäre es zu erklären, dass der folgende, eigentlich doch so witzige kleine Versprecher des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in der griechischen Exilgemeinde rund um Paris so viel Empörung auslöste:

»Natürlich wollen wir Griechenland im Euroraum behalten. Es wäre fatal, den Menschen dort das Gefühl zu geben, sie seien Europäer.«

Zugegeben, das Wörtchen »keine« kann man in der Hitze des Gefechts schon mal vergessen. Und ganz ehrlich: Wahrscheinlich haben die Griechen ohnehin bald keinen Bock mehr, in Europa zu bleiben. Hätten sie ein paar ordentliche Gen-Experimentierer und wüssten sie genau, wo Alexander der Große begraben liegt, dann hätten sie sich mutmaßlich schon lange einen Eroberer geklont und den Rest des Kontinents frisch gemacht. Aber so …

Übrigens: Auch Guido Westerwelle, jener Politiker, der einst mit dem quietschgelben FDP-Mobil als politischer Geisterfahrer den Horizont verunsicherte und später als Außenminister so auffällig wie ein Parkscheinautomat in Hamburg-Altona agierte, ließ ausgerechnet bei seiner allerersten Rede vor der UNO ein entscheidendes Wörtchen aus:

»Die für 2012 geplante Konferenz zur Einrichtung einer Zone von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten ist eine große Chance für Frieden und Sicherheit in dieser Region.«

Die folgende Preisfrage ist nun eher etwas für Sprachtüftler: Welches Wörtchen fehlte hier wohl? Na? Na? Kommen Sie garantiert gar nicht so leicht drauf, deswegen die Auflösung: »frei«. Yep, »frei von Massenvernichtungswaffen« wollte er sagen, und hätte er stattdessen einfach »ohne« gesagt, wäre ihm viel Häme erspart geblieben. Andererseits, was soll’s? Bei Guido kam’s und kommt’s eigentlich schon nicht mehr drauf an. Der Mann war und ist mutmaßlich der einzige lebende Politiker, der den völligen Verfall seiner Popularität mit dem Sekundenzeiger messen konnte.

Obwohl: Dem lebenden Multiple-Choice-Verfahren bei der Vornamensgebung, dem Plebs besser bekannt als Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg, Exsenkrechtstarker, Exminister und vor allem Exdoktor, ging’s ja irgendwie ähnlich. Wenngleich auch aus anderen Gründen. Abgekupfert habe der Mann bei seiner Doktorarbeit im großen Stil, warf man ihm vor, und dass sich dieser fleischgewordene Karriereknick in der nun fälligen Bundestagsdebatte zum heiklen Fall auch noch mit den Worten …

»Ich schmücke mich nicht mit fremden Fehlern«

rechtfertigen wollte, konnte seiner Popularität auch nicht mehr den rechten Schub verleihen. Stärkte eher sein neues Image als Opfer der Comedians, deren hervorstechendstes Merkmal es übrigens ist, dass sie ständig voneinander abkupfern. Was einmal witzisch war, kann die nächsten zehn Mal nicht verkehrt sein. Simple Gleichung. Passt. So schließt sich der Kreis.

Häufig wirft man Politikern ja auch vor, sie hätten sich zu weit vom gemeinen Volk entfernt, könnten gar nicht mehr abschätzen und einordnen, was die Frau und den Mann auf der Straße tatsächlich bewegt. Umso erfreulicher ist es, wenn während einer Bundestagsdebatte auch mal ein Redebeitrag genau das Gegenteil zu belegen scheint. Da hat sich jemand nämlich offenbar Gedanken darüber gemacht, dass es auf deutschen Friedhöfen einfach zu voll werden könnte. Schließlich wird permanent gestorben, man weiß schon seit Jahren nicht mehr wohin mit den ständig Ablebenden. Vor allem die Opfer des Straßenverkehrs, so Dr. Peter Ramsauer, seines Zeichens Bundesverkehrsminister, sind offenbar besonders sperrig. Wie sonst wäre sein folgender Aufruf zu erklären?

»Die Verkehrstoten müssen halbiert werden!«

Recht so, denn bekanntlich sind ja vor allem die Verkehrstoten echte Raumfresser auf den Gottesäckern. Schade nur, dass die Stenografen des Bundestages aus diesem gut gemeinten Vorschlag ein »Die Zahl der Verkehrstoten muss halbiert werden« machten. Ist irgendwie nicht mehr so griffig, kommt nicht mehr ganz so entschlossen rüber. Traurig. Da verschwindet das Bild der bluttriefenden Kettensäge aus dem letzten Zombie-Schocker ganz flott aus unseren Fantasien. Mist. Alles wird verwässert. Und dann will wieder niemand für die Platzgier der Überfahrenen und Überfahrenden zuständig sein. Schandhaft.

Dem ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke, ein wackerer Mann von einer durchaus sinistren Lebensart, der sich allerdings auf dem glatten Parkett der Diplomatie nicht immer mit der notwendigen Sicherheit bewegte, werden heute jede Menge peinlicher Versprecher und Ausrutscher nachgesagt. Genauere Recherchen förderten jedoch zutage, dass die meisten dieser angeblichen Lübke-Zitate entweder nicht ganz korrekt überliefert wurden oder teilweise auch frei erfunden sind. Blöd, denn allein damit hätte man ein halbes Buch füllen können. Die beiden besten angeblichen Lübke-Aussetzer sollen dennoch zu Ehren kommen, denn wenn sie möglicherweise auch bloße Legende sind, so schmücken sie doch jede Zitatensammlung. So soll der gute Mann beim Besuch der englischen Königin in der Oper gesagt haben:

»Equal goes it loose«,

um seinen hohen Gast darüber zu informieren, dass die Show jederzeit beginnen könne. Und in einem afrikanischen Land begrüßte er angeblich während eines Banketts die Gäste mit den Worten

»Meine Damen und Herren, liebe Neger«.

(Wobei der eine oder andere natürlich anmerken mag, dass in manchen Wohnzimmern rund um Hoyerswerda bis zum heutigen Tag nicht verstanden wird, was daran so komisch sein soll.)

Und wenn wir schon bei den Präsidenten sind, wollen wir einen Ausspruch des französischen Exgenerals und Staatenlenkers Charles de Gaulle nicht unter den Tisch fallen lassen, der anlässlich einer Rede vor Studenten in Toulouse die folgende Prophezeiung wagte:

»Wenn dieser Tag kommen sollte, dann ist er da.«

Wahrlich, ich sage euch, er, der da sein wird, wird da sein und wird allhier sein, so er denn da sein wird, auf immerdar. Klingt ein bisschen wie aus dem Leben des Brian, oder? Deutlich peinlicher war da schon ein Ausspruch des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney im Oktober 2012. Der Republikaner, der sich gegen Barack Obama versuchen durfte, erzählte im zweiten TV-Duell der Kontrahenten, wie er als Gouverneur von Massachusetts nach weiblichen Bewerbern für sein Kabinett gefahndet hatte – und sich dafür

»Ordner voller Frauen«

habe bringen lassen. Nun sind solche »Ordner voller Frauen« eigentlich nichts Ungewöhnliches. In niederbayerischen Dörfern kursierten sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch zuhauf, doch seitdem auch rund um Deggendorf das Internet angekommen ist, bestellt man sich die Thailänderin lieber online nach Hause. Ist diskreter. (Dies gilt übrigens auch für polnische Putzfrauen, scharfe Ischen aus Wladiwostok und heiße Schnitten aus Nigeria. Niemand soll diesem Buch nachsagen, es hätte Probleme mit bestimmten Nationalitäten und wolle Frauen in irgendeiner Form ausgrenzen.)1

Um die mittlerweile möglicherweise etwas gereizte Stimmung der Leserinnen zu entspannen, sei an dieser Stelle eines angemerkt: Der überwiegende Teil der verbalen Peinlichkeiten, die auf den folgenden Seiten festgehalten sind, stammt von Männern. Nun könnte man argumentieren, dass es einfach wenig bekannte Frauen in der Politik gibt, doch haben Untersuchungen tatsächlich ergeben, dass Frauen in gehobenen Positionen und Ämtern sich weit weniger häufig versprechen als ihre männlichen Kollegen. »Weniger häufig«

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