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Ich muss euch etwas sagen

Dieter Niemeyer

Aufgezeichnet von
Christiane Stella Bongertz

ICH MUSS EUCH
ETWAS SAGEN

Unser Leben mit dem Virus

INHALT

  1. Vorwort von Reinhold Beckmann
  2. 1. Stille Nacht
  3. 2. Die Liebe und das Nest
  4. 3. Wie konnte das passieren?
  5. 4. Leben mit dem Alien
  6. 5. Papas müssen unsterblich sein
  7. 6. In der Abseitsfalle
  8. 7. Flucht ans Ende der Welt
  9. 8. Kauf dir keine Langspielplatte
  10. 9. Ferien vom Versteckspiel
  11. 10. Interview mit einem Virus
  12. 11. Der Kampf geht in die nächste Runde
  13. 12. Das Wunder von Ritterhude
  14. 13. Ersatzfamilie
  15. 14. Freiheit auf zwei Rädern
  16. 15. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt
  17. 16. Laufen fürs Leben
  18. 17. Ich muss euch etwas sagen
  19. 18. Und plötzlich sind wir im Fernsehen
  20. 19. Ein neuer Weg
  21. Anhang
    1. Hilfe & Organisationen
    2. Dieters Frikadellenrezept
  22. Danksagung

Das vorliegende Buch beruht auf Tatsachen. Zum Schutz der Rechte der Personen wurden einige Namen, Orte und Details geändert.

VORWORT

Acht Menschen infizieren sich mit dem HI-Virus – täglich, in Deutschland. Ende 2007 lebten knapp 60 000 Menschen mit einer HIV-Infektion oder einer Aids-Erkrankung unter uns. Trotzdem gerät Aids zunehmend in Vergessenheit. Oder haben Sie kürzlich mit Freunden darüber gesprochen? Kennen Sie womöglich einen HIV-Infizierten und wenn ja: Reden Sie offen darüber? Worin besteht der Unterschied zwischen HIV und Aids überhaupt?

Während zum Beispiel eine Krebserkrankung selbstverständlich gesellschaftsfähig ist, wird Aids nach wie vor stigmatisiert. Das Klischee ist jetzt schon 23 Jahre alt. Seit 1986 heißt es: Mit HIV infizieren sich doch nur Homosexuelle, Prostituierte oder Drogensüchtige; aber doch kein ›normaler‹ Mensch. Die Geschichte von Almut und Heinz-Dieter Niemeyer zeigt allerdings: Es kann jeden treffen.

18 Jahre lebten die Eheleute Niemeyer mit dem HI-Virus – und schwiegen. Aus Angst um ihre Kinder. Aus Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung. Selbst ihrer Tochter und ihrem Sohn erzählten sie jahrelang nichts. Ihre Kinder sollten unbeschwert aufwachsen, sich keine Sorgen um ihre Mutter und ihren Vater machen müssen.

Vor einem Jahr haben Almut und Heinz-Dieter Niemeyer ihr Schweigen gebrochen. Um sich selbst zu befreien und vor allem:

Um für ein besseres Verständnis zu werben und die immer noch existierende irrationale Panik vor Aids zu bekämpfen.

Nicht nur der Kampf der Niemeyers gegen die Krankheit ist beeindruckend, auch das Engagement für mehr Aufklärung.

Ich hoffe, dieses Buch wird dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft realisiert: Aids geht uns alle an.

Unterschrift.TIF

Reinhold Beckmann

1. Kapitel
STILLE NACHT

1990, kurz vor Weihnachten

Es ist Sonntag, der vierte Advent. Alle Geschenke sind besorgt und verpackt, die Plätzchen gebacken und der Baum ist ausgesucht. Ich bummle mit meiner Familie über den Bremer Weihnachtsmarkt. Julia, unsere dreijährige Tochter, steht aus lauter Vorfreude auf Heiligabend seit Wochen unter Hochspannung. Wieder einmal löchert sie meine Frau Almut und mich, wann es denn nun endlich so weit sei. Dabei hüpft sie aufgeregt um uns herum. »Nur noch einmal schlafen«, antwortet Almut und Julia ist sichtlich zufrieden mit der Antwort: Sie strahlt von einem Ohr zum anderen. Unser Sohn Christoph ist mit seinen anderthalb Jahren noch zu klein, um zu begreifen, was es mit den Tannenbäumen, Lichterketten und Weihnachtskugeln auf sich hat, die uns überall in der Stadt begegnen, aber auch er scheint die festliche Atmosphäre aufzusaugen wie ein Schwamm. Mit großen Augen und offenem Mund bestaunt er die Wunderwelt um ihn herum, die vielen Buden, die Holzspielzeug, Weihnachtskugeln in allen möglichen Farben, Kerzen, Süßigkeiten und Marionetten anbieten. Der Duft von Glühwein und Lebkuchen liegt in der Luft. Zwischen dem hanseatischen Rathaus, dem Dom und der Rolandsstatue ist ein altmodisches Kinderkarussell aufgebaut. Das Fahrgeschäft hat es den Kindern angetan. Christoph, ganz der Papa, will auf einem Motorrad sitzen, Julia lenkt lieber einen Bus. Runde um Runde muss gefahren werden und sobald wir uns zum Gehen wenden wollen, sammeln sich dicke Krokodilstränen in den Augen der beiden. Wir lassen uns nicht nur einmal erweichen, denn auch uns ist zum Heulen zumute. Könnten wir die Zeit doch einfach anhalten! Der Zukunft entfliehen! Almut und ich wechseln uns mit dem Chipkauf ab, während die sorgsamen Augen des anderen die Kleinen bei ihrer Kreisfahrt verfolgen. Später essen wir noch die obligatorischen Kartoffelpuffer vom Stand nebenan. Köstlich, wie jedes Jahr. Alles scheint wie immer. Und doch ist alles anders.

Es war vor gut zwei Wochen. Ich war mit den Kindern draußen gewesen und wie so oft bei unseren täglichen Ausflügen hatten wir zuerst den Spielplatz im Bremer Bürgerpark besucht. Ich kenne keinen schöneren Spielplatz und der Sand ist sauber wie sonst nirgendwo. Julia liebt vor allem die Rutsche, für die Christoph noch zu klein ist. Nach etlichen Rutschpartien präsentierte Julia uns ihre Kletterkunststückchen – sich von einer Stange rücklings runterhängen lassen und dann einen Purzelbaum schlagen; danach machten wir uns auf den Rückweg, aber nicht ohne einen Schlenker vorbei am Emmasee mit den stolzen Schwänen und einem Abstecher in den nahe gelegenen Tierpark. Dort gibt’s Wildschweine, Rehkitze, Ziegenkinder, jede Menge Enten und sogar ein paar Kängurus. Die Kinder sind jedes Mal aufs Neue hin und weg, wenn sie es schaffen, eine Ziege oder ein Kitzchen zu streicheln. Und weil ihre Begeisterung ziemlich ansteckend ist, war auch ich guter Dinge, als ich mit den beiden Rackern zu Hause ankam.

Ich hatte die Wohnungstür noch nicht ganz geöffnet, als ich ein Wimmern vernahm. Es drang aus der Küche in den Flur. Rasch bugsierte ich die Kinder in ihr Zimmer, versorgte sie mit Spielzeug und ging zu Almut, die in Tränen aufgelöst am Küchentisch saß. »Was ist los, Liebes?«, fragte ich und nahm sie in den Arm. Almut zitterte am ganzen Körper. So, als seien es mindestens minus 20 Grad in unserer mollig warmen Wohnung. Ich streichelte ihr minutenlang beruhigend über den Rücken und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht, bis sie endlich erzählte, was passiert war: Der Oberarzt des Klinikums, bei dem sie regelmäßig Blut spendete, hatte mittags angerufen, sie müsse noch einmal zur Kontrolle in die Klinik kommen, mit ihrem Blut sei etwas nicht in Ordnung. Ich kramte in meinem Gedächtnis und erinnerte mich, dass Almut Ende November zum Blutspenden gegangen war. Das kam oft vor, denn Almut hatte eine seltene Blutgruppe, A negativ. Ihr Spenderblut war heiß begehrt und konnte schwer verletzten Menschen das Leben retten. Darum rief sogar oft jemand aus der Klinik an und fragte nach, ob Almut nicht mal wieder kommen wolle. Erneut brachen Sturzbäche von Tränen aus Almut hervor, bevor sie sich mühsam wieder fasste.

»Was ist denn nicht in Ordnung?«, fragte ich besorgt.

»Die gleiche Frage habe ich auch gestellt«, gab Almut zurück, »und da hat Dr. Severin gesagt, er könne mir das nicht am Telefon sagen. Aber ich habe darauf bestanden und gewettert, dass ich nur komme, wenn er sofort mit der Sprache rausrückt. Ich bin schließlich Krankenschwester, mir kann man nichts vormachen. Und dann habe ich ihn gefragt, ob ich Hepatitis –« Almut schluchzte gequält auf.

»Ja, und? Hast du Hepatitis?«

Mir spukte alles Mögliche im Kopf herum, denn mit einer Entzündung der Leber, so viel wusste ich, war nicht zu spaßen.

»Nein. Er hat gesagt, ich hätte HIV-Antikörper im Blut.«

Ich hatte genau gehört, was Almut gesagt hat. Aber es erreichte mich nicht. Ich starrte ungläubig in Almuts verweintes Gesicht. HIV hämmerte es in meinem Gehirn. Das bedeutete doch Aids, oder nicht? Meine Gehirnzellen wollten nicht richtig in Gang kommen. Aber das konnte einfach nicht wahr sein. HIV. Aids. Hallo? Konnte mich mal jemand wachrütteln? Wachrütteln aus diesem absurden Traum! Komm, aufwachen, Dieter, Licht anmachen, ein Glas Wasser trinken und feststellen, dass alles gut ist. Aber ich träumte nicht. Almuts Stimme holte mich zurück aus meinen Gedanken.

»Dann habe ich zu Dr. Severin gesagt: ›Aber das ist doch gut, wenn ich Antikörper habe, oder nicht? Dann kann ich doch nichts bekommen!‹, doch er hat geantwortet: ›Nein, Frau Niemeyer, das bedeutet, Sie haben das Virus im Blut.‹«

Ich hielt mir meinen flauen Magen und sagte: »Das muss eine Verwechslung sein, Almut.«

Eine Verwechslung. Das war die einzige mögliche Erklärung.

Almut erzählte weiter. Wie sie nach der verstörenden Nachricht sofort wie ferngesteuert in die Klinik gefahren war, wo man ihr erneut Blut abgenommen hatte. Wie Dr. Severin sie, ganz routinemäßig, gefragt hatte, ob sie Kontakt zu Drogen oder ungeschützten sexuellen Kontakt gehabt habe. Mein Gott, was für Fragen! Aber genau diese Fragen schossen auch mir durch den Kopf, ich konnte mich nicht dagegen wehren. Und was sollte ich auch denken? Wenn sich die furchtbare Diagnose bewahrheiten sollte, mussten schließlich einige Dinge geklärt werden. Eine Kaskade von Fragezeichen war in meinem Kopf. Wenn es also stimmte, woher hatte Almut sich das Virus zugezogen? Und wann? Wie? Was hatte sie getan? Und hatte dann auch ich das Virus in mir? Was war mit den Kindern? Julia und Christoph hatten doch erst noch das ganze Leben vor sich … Nein, das konnte alles nicht wahr sein. Ich wusste zwar nur sehr wenig über HIV und Aids. Aber was ich ganz sicher wusste, war, dass man sich die Krankheit beim Geschlechtsverkehr mit einem HIV-Positiven zuziehen konnte. Und kam Aids nicht vornehmlich in Schwulenkreisen vor? Also, so schlussfolgerte ich erst einmal optimistisch, konnte Almut gar nicht HIV-positiv sein. Wir waren schließlich ein verheiratetes heterosexuelles Paar mit zwei kleinen Kindern. Keiner von uns hatte Erfahrung mit Drogen. Und wir waren treu! Oder doch nicht? Was war, wenn Almut … Nein! Das war unmöglich. Mein Gehirn weigerte sich, diese düsteren Gedanken weiter zu verfolgen.

Gleich nachdem man Almut im Klinikum für einen zweiten Test Blut abgenommen hatte, war sie in ihrer Verzweiflung zu ihrer Chefin ins Dialysezentrum gefahren. Auch Frau Dr. Beyer hatte ihr noch einmal Blut abgenommen und sie beruhigt: »Das muss ein Versehen sein, so was kommt häufiger vor. Mach dir keine Sorgen, Almut.«

Die Probe war nun auf dem Weg in ein Labor nach München, wo genauere Tests innerhalb der nächsten vierzehn Tage klären sollten, ob ein falsches Ergebnis vorlag. Almut wurde krankgeschrieben, denn sie war zu nichts mehr in der Lage: All ihre Gedanken kreisten Tag und Nacht um eine mögliche HIV-Infektion. Sie schlief nicht, konnte sich auf nichts konzentrieren, starrte den Fernsehbildschirm an, ohne mitzubekommen, welche Sendung überhaupt lief. Auch ich selbst nahm plötzlich überall nur noch Nachrichten über HIV und Aids wahr. Es gab mehrere Prominente, die Gerüchten zufolge an Aids litten oder positiv waren. Es hieß, Queen-Sänger Freddy Mercury habe Aids, auch wenn er das vehement dementierte. Aber sah er nicht tatsächlich furchtbar ausgemergelt aus? Über Tennisspieler Michael Westphal tuschelte man ebenfalls, er sei erkrankt.

Das Karussell dreht sich ein weiteres Mal, Julia taucht juchzend in ihrem Bus vor mir auf, gefolgt von Christoph auf dem Motorrad. Von irgendwoher dringen verzerrt Fetzen von O du Fröhliche in meine Ohren. Mir kommt das alles unwirklich vor. Seit gestern hatten wir Gewissheit. Gestern. Es war, als läge dieser Samstagnachmittag lange zurück. Ich hörte in Gedanken wieder Almuts Schluchzen. Ich war gerade vom Einkaufen zurückgekommen und fand Almut wie schon vor zwei Wochen tränenüberströmt in unserer Wohnung. Ich erfuhr: Almuts Chefin war vorbeigekommen. Sie hatte sich nach der Visite im Dialysezentrum sofort auf den Weg gemacht, weil sie es uns persönlich sagen wollte. Wir sollten nicht auch noch die Festtage im Ungewissen verbringen müssen. Als Almut Frau Dr. Beyer vor der Tür hatte stehen sehen, wie ein Häufchen Elend, war ihr im Bruchteil einer Sekunde klar gewesen: Die Diagnose war keine Verwechslung! Das letzte Fünkchen Hoffnung verpuffte wie eine der hässlichen Fehlzündungen, die wir manchmal auf der Straße vor dem Haus hörten. Was für eine Weihnachtsüberraschung!

Die Einkaufstüten blieben unausgepackt in der Ecke stehen und wir setzten uns an unseren großen, runden Esstisch, das Herzstück unserer Wohnung. Hier hatte jeder seinen Platz, hier stand Christophs Hochstuhl, hier fütterten wir die Kinder, hier kamen wir zusammen, um uns zu beraten.

Ich war als Betriebswirt Spezialist für Organisation und Ablaufplanung und Probleme waren für mich immer nur Motivation gewesen, eine Lösung zu finden. Aber für eine solche Situation hatte mir niemand eine Lösungsstrategie beigebracht. Doch wir hatten keine Wahl, wir mussten den Tatsachen ins Auge sehen: Almut war HIV-positiv. Und möglicherweise waren ich und die Kinder es auch. Wenn jemand meint, dass in solch einer Situation tausend Fragen und Gedanken geklärt werden wollen, der irrt. Ich fühlte mich wie leer. Wenn mich überhaupt ein Gedanke erreichte, dann wie aus weiter Ferne. Wir sprachen über alles Mögliche, wir weinten, hielten uns in den Armen, starrten die Wände an. Almut und vielleicht auch die Kinder und ich waren Todgeweihte. Ich schüttelte immer wieder den Kopf, als könne ich diese fürchterliche Nachricht vielleicht doch einfach abschütteln. Das alles zu begreifen, das würde Zeit brauchen.

Ich fühlte mich wie vor eine geschlossene Tür gestellt, die vorher nicht dort gewesen war. Die Ungewissheit, über das, was dahinter lag, war bedrohlich. Ich hatte Angst, die Klinke herunterzudrücken und die Tür zu öffnen. Aber, so viel war sicher, es führte kein Weg zurück. Und ich spürte, dass dort hinter der Tür mein Weg weiterging. Ich wusste nicht, was auf mich wartete und was diese Diagnose im Einzelnen bedeutete, aber es nutzte auch nichts, die Augen zu verschließen. Ich hatte Angst. Aber auch den festen Willen, alles dafür zu tun, um weiterzuleben. Mit den Kindern. Und mit meiner Frau.

Auf einmal spürte ich, was jetzt wichtig war. Ich sank vor Almut auf die Knie, die völlig mitgenommen und bleich auf ihrem Stuhl kauerte. Ich nahm ihre Hände in meine und sagte: »Almut, wir schaffen das! Was auch immer passiert, wir müssen für die Kinder sorgen. Wir müssen für sie da sein. Und wir werden ihnen auch dieses Jahr ein schönes Weihnachtsfest bereiten. Nach den Feiertagen sehen wir weiter.«

Almut nickte.

Dann gaben wir uns heulend und zitternd gegenseitig das wichtigste Versprechen unseres Lebens: dass wir alles tun würden, was in unserer Macht steht, um Christoph und Julia zu begleiten. Mindestens so lange, bis sie auf eigenen Füßen stehen konnten als gesunde junge Menschen.

Am Morgen des Heiligen Abends spaziere ich mit den Kindern wie so oft über den Riensberger Friedhof nahe unserer Wohnung. Er ist wie ein Park mit großen alten Bäumen bewachsen, beherbergt einen kleinen See mit Enten und wunderschöne Pflanzenbiotope. Hier können wir in ruhiger Umgebung und ungefährlich für die Kinder unsere Runden drehen und die frische Luft genießen. Dass es ein Friedhof ist, hat mich bisher nie gestört. Doch während ich heute den Kinderwagen an einer Ruhestätte nach der anderen vorbeischiebe, muss ich immer wieder an den Tod denken. Wie ein Zeichen für meine düsteren Ahnungen und die plötzlich verdunkelte Zukunft, steigt Rauch über dem Krematorium auf. Ich will das nicht! Nur schnell wieder zurück nach Hause, denke ich und mache abrupt kehrt. Christoph, der im Kinderwagen eingeschlafen war, wird für einen Moment unruhig. Julia, die die Bescherung kaum abwarten kann, läuft immer mal wieder ein, zwei Meter vor. Sie ahnt nicht, was in den Gedanken ihres Papas vorgeht. Sie träumt wahrscheinlich von der großen Puppe, die sie sich so sehnlich gewünscht hat und die ich schon vor Wochen besorgt habe.

Als wir den Ausgang des Friedhofs erreichen, schlägt uns laut der Verkehrslärm entgegen, Fußgänger hetzen über den Bürgersteig und die Straßenbahn rattert vorbei. Ich atme auf: Leben.

Wie bisher jedes Jahr seit Julias Geburt feiern wir auch diesmal Weihnachten in Sprockhövel im Ruhrgebiet. Wie jedes Jahr gibt es am Heiligabend Wild, das Reinhold, mein Stiefvater – ein passionierter Jäger und Revierförster –, selbst geschossen hat. »Nimm doch noch, Kind«, sagt meine Mutter zu Almut und legt ihr noch eine Scheibe vom Rehbraten auf den Teller. Almut lächelt tapfer, aber ich sehe ihr an, dass ihr nach etwas ganz anderem zumute ist. Als sie nach dem Essen aufsteht und vorgibt, zur Toilette zu gehen, folge ich ihr. Im Nebenzimmer nehmen wir uns in den Arm und vergießen die Tränen, die wir vor meiner Mutter und meinem Stiefvater verbergen. Was sollen wir ihnen auch sagen? Wir wissen ja selbst noch nicht genau, ob auch ich und die Kinder HIV-positiv sind und Erklärungen haben wir auch nicht. Ich frage mich, wie meine alte Mutter und ihr konservativer Mann damit umgehen würden? Könnten sie es überhaupt verkraften? Würden sie uns vielleicht sogar Vorwürfe machen? Es fällt nicht weiter auf, dass Almut und ich verweint ins Wohnzimmer zurückkehren, denn Opa heult auch immer regelmäßig, wenn’s so richtig schön feierlich wird.

Nach dem Essen steht der traditionelle Spaziergang im Wald an, damit meine Mutter die Bescherung in Ruhe vorbereiten kann. Die Kinder freuen sich, denn sie dürfen den Tieren im Gehege ein Weihnachtsgeschenk zu den Futterstellen bringen – Äpfel, Möhren und andere Leckereien. Mit roten Wangen verteilen Julia und Christoph die Gaben. »Komm, Häschen. Komm, kleines Reh«, flüstern sie immer wieder. Leise warten wir darauf, dass die Tiere das Futter abholen. Wie sehr hatten wir uns auf das Weihnachtsfest gefreut, doch jetzt ist alles wie durch eine trübe Glasscheibe entrückt. Im Kopf immer wieder der Gedanke: Wir müssen sterben. Und dann die Fragen: Müssen wir wirklich sterben? Jetzt schon? Nicht auszuhalten. Aber wir lassen uns nichts anmerken, behalten unsere Ängste und Sorgen für uns.

Während die Kinder noch oben in ihrem Zimmer spielen, belade ich am Morgen des zweiten Weihnachtstages den Wagen für unsere Rückfahrt nach Bremen. Zunächst unser Gepäck und die Weihnachtsgeschenke, dann die vielen kleinen Kartons mit kulinarischen Köstlichkeiten, die meine Mutter uns gepackt hat: selbst gemachte Wildpasteten, Gläser mit eingemachtem Obst, Honig, den der Bruder meines Stiefvaters – ein Hobbyimker – selbst geerntet und geschleudert hatte. Dazu Kühltaschen mit Gefrorenem. Die gewohnten Handgriffe kommen mir vor, als belade ich ein Totenschiff für die letzte Reise. Das nichts ahnende Lächeln meiner Mutter und die gewohnt derben Witze meines Stiefvaters geben mir diesmal Stiche ins Herz. Als Julia und Christoph schließlich sicher in den Kindersitzen festgeschnallt sind, Almut abreisebereit neben mir steht und ich Mama zum Abschied in den Arm nehme, ist er plötzlich da, dieser unerschütterliche Gedanke: Wir dürfen niemandem etwas sagen! Unter keinen Umständen! Egal, was bei den nächsten Untersuchungen herauskommt! Es kann uns sowieso niemand helfen und darüber zu reden verhindert den Tod auch nicht. Es bleibt uns nur eine Wahl: Schweigen. Weihnachten 1990 wird zum ersten Akt in einem Theaterstück, das wir von nun an viele Jahre spielen sollten: Die gesunde und glückliche Familie. Ein Theaterstück, von dem wir bis kurz zuvor geglaubt hatten, es sei die Realität.

Nach den Feiertagen fahre ich zum Gesundheitsamt, um mich ebenfalls auf HIV-Antikörper testen zu lassen. Mit der Untersuchung der Kinder warten wir noch ab, denn wir möchten ihnen den Arztbesuch und die Blutabnahme nicht ohne Grund zumuten. Wir wünschen uns, dass sie so unbeschwert wie möglich aufwachsen.

2. Kapitel
DIE LIEBE UND DAS NEST

Juni 1985

Es ist ein strahlender warmer Donnerstag. Ich treffe zufällig Paul, einen Bekannten, in Achims Beckshaus, wo ich meinen freien Nachmittag bei einem Kaffee einläute. Ich freue mich, denn ich möchte jetzt bloß nicht allein sein. Zu viele trostlose Gedanken kommen dann jedes Mal in mir auf. Es ist erst ein halbes Jahr her, dass ich als Außendienstmitarbeiter einer Bremer Exportfirma mal wieder durch die Nacht fuhr, auf dem Weg zum Hotel in einem Ort, an dem ich am nächsten Tag einen Termin hatte. In meinem Job musste ich häufig für mehrere Tage am Stück verreisen. Doch an diesem Winterabend wurde die Sehnsucht nach meiner Verlobten Martina plötzlich übermächtig. Danach, sie im Arm zu halten, sie zu küssen. Also wendete ich spontan in der nächsten Feldeinfahrt zwischen den Äckern. Es sollte eine Überraschung sein. Und die war es dann auch. Allerdings anders als geplant, eher eine Überraschung wie aus einem schlechten Film: Ich fand Martina mit ihrem Liebhaber vor dem Kamin. Den hatte ich für uns gebaut. Ich bin beim Anblick der beiden erstaunlich ruhig geblieben und habe sie mit wenigen Worten der Wohnung verwiesen. Erst danach ist in mir eine Welt zusammengebrochen. Und die Traurigkeit und Enttäuschung über den Betrug und die verlorene Liebe nagen seitdem an mir.

Ich ziehe für Paul einen Stuhl vom Tisch und er bestellt sich ebenfalls einen Kaffee. Wir haben schon eine ganze Weile über dies und das geplaudert, als ich auf die Uhr schaue. Paul legt mir seine Hand auf die Schulter und raunt: »Übrigens Rosi ist mit ’ner anderen Torte in der Stadt zum Klamottenkaufen, die kommen hier gleich noch vorbei. Bleib doch noch so lange.«

Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, denn im nächsten Moment spazieren die beiden »Torten« auch schon zur Tür herein. Rosis Freundin stellt sich als Almut vor, hat ein freches Blitzen in den Augen und rückt sich den Stuhl neben mir zurecht. Ich bin sonst nicht auf den Mund gefallen, aber jetzt bringe ich außer meinem Namen kaum ein Wort raus. Ich weiß nicht, warum, aber diese Frau verunsichert mich. Dabei passt sie gar nicht in mein bisheriges Beuteschema, sie ist kleiner und fraulicher als die Frauen, die mir sonst gefallen. Doch einfach nur, weil sie neben mir sitzt, fühle ich mich plötzlich ganz wunderbar. Da ist irgendwas, sie strahlt etwas aus, das mich anzieht. Eine innere Wärme. Doch schon nach einem schnell getrunkenen Kaffee nestelt Almut an ihren Einkaufstüten, sie will nach Hause. Oh nein, denke ich, bleib doch noch.

Meine Rettung ist Paul. Er fragt in die Runde: »Leute, was haltet ihr davon, wenn wir uns später bei mir im Plüsch treffen?« Das Plüsch ist Pauls Kneipe. Zu meiner Enttäuschung wehrt Almut ab: »Könnt ihr gern machen, aber ich glaub nicht, dass ich komme. Ich bin viel zu kaputt.« Dann erklärt sie, dass sie donnerstags ihren freien Tag hat und so müde ist, weil sie gestern zu lange gefeiert hat. Sie lächelt entschuldigend erst Rosi, dann Paul und schließlich mich an.

Trotzdem sitze ich einige Stunden später im Plüsch und hoffe. Und meine Stoßgebete werden tatsächlich erhört. Wenn auch mit Verspätung, taucht Almut plötzlich auf. Dazu musste Rosi sie allerdings erst vom Telefon hinter der Theke anrufen, um sie zu überreden. Almut hat mir später erzählt, dass Rosi gesagt hat: »Dieter wartet auf dich, der will unbedingt, dass du kommst.« Ein bisschen frech, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Ich wollte wirklich, dass Almut kommt.

Wir sitzen nebeneinander an der Theke, prosten uns zu, reden und lachen. Wie schon am Nachmittag fesselt mich Almuts Ausstrahlung, ihre Wärme. Ich höre ihr gern zu und wir erzählen uns von unseren Jobs und tauschen uns über die Welt und die Liebe aus. Jetzt bin ich schon 39, aber da ist plötzlich ein Gefühl, das ich nicht kenne und noch nie gespürt habe. Intuitiv weiß ich, dass ich diesem Gefühl folgen muss.

Die Zeit verfliegt im Turbotempo und als der Abend sich dem Ende neigt, bringe nicht ich Almut, sondern Almut mich nach Hause. »Liegt auf meinem Weg«, sagt sie. Meine Wohnung, die ich mir nach der Enttäuschung mit Martina gesucht habe, ist nur wenige Straßen entfernt. Die Nacht ist lau und sternenklar. Wir stehen vor dem Haus, in dem ich wohne, und reden einfach weiter, wollen uns noch nicht trennen. Immer wieder fällt mein Blick auf Almuts Figur und ihre Rundungen. Und es ist das erste Mal seit der Trennung von Martina, dass ich eine Frau so begehre. Die Nachtluft, das Funkeln am Himmel tun sicher ihr Übriges hinzu, als ich mich fragen höre: »Sollen wir nicht zu mir raufgehen, auf einen Kaffee?«

Der Trick ist vielleicht zu alt, denn Almut antwortet verschmitzt: »Nö.«

Da hebe ich sie hoch, stelle sie auf den Bürgersteig und küsse sie. Und so stehen wir knutschend bis morgens um vier an der Straßenecke. Dann steigt Almut auf ihr Fahrrad und fährt nach Hause. Einfach so.

Ich schaue ihr nach. In meinem Bauch flattern Schmetterlinge und ich wäre ihr am liebsten hinterhergefahren. Doch das lässt mein Stolz, der sich jetzt deutlich regt, nicht zu. Ich melde mich weder am nächsten noch am übernächsten Tag bei Almut und warte darauf, dass sie anruft. Aber erst einmal geschieht gar nichts. Soll vielleicht doch ich den nächsten Schritt machen? Nein, eine Abfuhr mag ich mir nicht einfangen. Drei endlose Wochen müssen vergehen, bis ich eine Karte von Almut aus dem Briefkasten fische:

Hallo Dieter! Erinnerst Du Dich noch an die schöne Nacht? Ich mache übermorgen ein Frühstück mit ein paar Freunden, würde mich freuen, wenn Du auch kommst. Liebe Grüße, Almut

Ich freue mich riesig und mit der Freude kehrt auch das Selbstbewusstsein zurück. Hey, denke ich, Casanova Niemeyer weiß doch, wie man mit Frauen umgeht. Ich muss über mich selbst grinsen. Und bin bis in die Haarspitzen aufgeregt, als ich bei Almut ankomme. Sie wohnt in einem sogenannten Altbremer Haus, einem Altbau im Bremer Stil. In der Küche duftet es nach Kaffee, Almut hat Brötchen, Käse, Marmelade und jede Menge anderer Leckereien aufgefahren. »Bin ich zu früh?«, frage ich verwundert. Ich hatte eine volle Bude erwartet, eine Art Brunch-Party. Doch die »paar Freunde« entpuppen sich als Almuts frühere Mitbewohnerin Angela. Ansonsten sind nur Almut und ich anwesend, zählt man die etlichen Nilpferde aus Stoff, Ton oder anderem Material nicht mit, die Almut leidenschaftlich sammelt.

Während wir frühstücken, höre ich mich selbst angeben: Ich rede übers Segeln. Frauen, so hoffe ich, mögen Männer, die segeln. Und ich habe immerhin einen Segelschein, den ich erst vor Kurzem auf der Weser gemacht habe. Außerdem rede ich über Autos, über meinen Opel Monza, einen 3-Liter-Einspritzer, das Thema kommt bei meinen Jungs immer super an. Almut fährt eine grüne Ente. Von meinen Geschichten ist sie nicht besonders beeindruckt.

Aber ich spüre, dass sie sich für mich interessiert. Und ich will diese Frau unbedingt näher kennenlernen. Nein, nicht nur das: Ich will mit dieser Frau zusammen sein. Schon wieder geht mir alles zu langsam. Ich habe einen kurzen Anflug von Sorge, dass Almut und Angela eventuell mehr sein könnten als nur ehemalige WG-Genossinnen, denn es gibt in der Zweizimmerwohnung nur ein Schlafzimmer. Aber da geht sicher nur die Fantasie mit mir durch. Als würde sie meine Gedanken lesen, erklärt Almut, dass Angela vorübergehend bei ihr untergekommen ist, bis sie eine Wohnung findet. Ich entspanne mich etwas. Nach dem Frühstück steht Angela dann auf, reicht mir die Hand und sagt, sie müsse jetzt los.

Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss und nach einer Weile ist auch das Klappern ihrer Absätze verstummt. Stille. Almut und ich schauen uns an. Und schon eine Minute später setzen wir fort, was wir vor drei Wochen an der Straßenecke begonnen hatten. Noch ein paar Minuten später klettern wir küssend auf Almuts Hochbett. Es beginnt die vermutlich unbeschwerteste Zeit meines Lebens. Ich darf diese kleine süße Frau im Arm halten und auf sie aufpassen. Mit Almut habe ich eine Freundin gefunden, die mir nicht nur Liebe und Wärme schenkt, sondern auch eine Zuversicht vermittelt, die ich so noch nie verspürt habe.

Ein paar Wochen später. Es ist mittlerweile August. Almut und ich sind wie so oft in den letzten Wochen mit dem Fahrrad unterwegs. Unsere Tour heute ging an der Weser entlang bis Vegesack und zurück auf der anderen Uferseite. Jetzt sitzen wir verschwitzt und angenehm erschöpft unter alten Linden auf der Wasserschutzmauer am Osterdeich. Das Wetter ist fantastisch. Vor uns liegt eine der schönsten deutschen Landschaften, wie ich finde, zumindest im Sommer: Die Gegend um Bremen strotzt von üppigen Laubbäumen und satt grünen Weiden, auf denen Kühe grasen oder Pferde herumtollen. Es gibt alte Fachwerk-Bauernhäuser mit bunten Gärten auf dem fruchtbaren Boden hinter den Deichen. Gartenwirtschaften an den vielen sich windenden Flussläufen servieren auf karierten Tischdecken Bratkartoffeln mit Krabben oder Spiegeleiern. Beim Essen kann man beobachten, wie die Flüsschen im Takt mit den Gezeiten der Nordsee mal fast über die Ufer treten und ein paar Stunden später von Morast gesäumt sind, weil gerade Ebbe ist.

Auch wir schauen aufs Wasser. Ich lenke das Gespräch auf das Thema, das sich mir auf rätselhafte Weise immer wieder aufdrängt, seitdem ich Almut getroffen habe. Auf Kinder. Auf Nestbau. Ich versuche, die Sache zunächst ganz allgemein zu halten. Erzähle, dass ich mir Nachwuchs wünsche. Irgendwann auf jeden Fall. Almut scheint ähnlich gepolt zu sein. Sie nickt. Mit jedem Satz kommen wir uns näher. Noch näher. Jetzt!, feuere ich mich selbst im Geiste an. Jetzt fragst du, Dieter. Los, sei keine Memme. Ich lege meinen Arm um Almut und sage: »Almut, was hältst du davon, wenn wir ein Kind machen?« Ich bin so gut wie 40, Almut ist fast 30, also genau der richtige Zeitpunkt, um eine Familie zu gründen. Die Sekunden nach meiner kühnen Frage dehnen sich unendlich. Dann sieht Almut mich an und lächelt. Sie gibt mir einen langen Kuss, anschließend sagt sie: »Jetzt gleich oder sollen wir bis zu Hause warten?« Ich denke an Almuts grandioses Hochbett und sage: »Dann aber schnell.«

Juli 1987

Ich weiß nicht, wie oft wir diese verflixte Treppe nun schon hoch- und wieder runtergelaufen sind. Vor ein paar Stunden waren wir im Bürgerpark spazieren, als Almut sagte: »Du, Dieter, da läuft Wasser an meinen Beinen runter, vielleicht ist die Fruchtblase geplatzt.« Unnötig zu erwähnen, dass es natürlich Samstagnachmittag ist. Der Zeitpunkt, an dem immer alles passiert, wofür man einen Arzt braucht, ob das jetzt eine Geburt ist oder sich plötzlich Zahnschmerzen melden. Ich bin in einer Millisekunde auf 180. Zurück nach Hause, die gepackte Tasche für Almut geschnappt und nichts wie in die Klinik.

Die Ärzte sagen, Almut muss dableiben, weil sie schon überfällig ist. Als werdender Vater denkt man in so einem Moment, dass die Geburt des Kindes nun nur noch eine Sache von höchstens ein paar Stunden ist. Doch Julia will und will nicht kommen. Darum die Treppe. Darum muss Almut in Bewegung bleiben. Der Körper darf nicht in den Ruhemodus schalten. Es ist heiß draußen, über 30 Grad. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, bei diesen Temperaturen mit so einem Zusatzgewicht herumlaufen zu müssen. Ich kann mir sowieso überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, schwanger zu sein und ein Kind zu gebären. Diese Belastung für den Körper. Und diese Schmerzen. Ich bin eigentlich ganz froh, ein Mann zu sein.

Die Luft steht, es kühlt sich quasi gar nicht ab. Almut krallt sich an das Geländer im Krankenhausflur und sinkt auf die Knie, sie wispert: »Ich kann nicht mehr, Dieter, ich kann nicht mehr.« Ich bin völlig hilflos. Was soll ich tun? Ich will nicht, dass meine Frau leidet, aber ich kann es auch nicht verhindern. Ich streichele ihre Stirn. Habe Angst. Aus einem der Kreißsäle kommt unglaubliches Geschrei von einer anderen Geburt. Das ist wirklich eine gemeine Einrichtung der Natur. Ginge so etwas nicht auch schmerzfrei? Was hat das für einen Sinn? Und wieso hat Freud von Gebärneid geredet? Freud kann niemals auch nur in die Nähe eines Kreißsaales gekommen sein.

Am Sonntagabend gegen zehn ist die Lage noch immer unverändert. Wir haben beide kein Auge zugetan, ich kann die Ringe unter meinen Augen quasi fühlen. Almut schickt mich nach Hause: »Das hat doch keinen Zweck, wenn du hierbleibst, du kannst ja doch nichts tun. Und du musst dich auch mal ausruhen.« Also fahre ich. Habe ein schlechtes Gewissen. Zu Hause lege ich mich hin und schlafe sofort ein. Doch nicht mal zwei Stunden später reißt mich das Telefon aus dem Schlummer: Almut ist dran. Es scheint loszugehen.

Ich springe ins Auto. Der Monza wurde inzwischen von einem gebrauchten Ford Fiesta abgelöst. Außer mir ist fast niemand unterwegs. Wegen der Hitze kurbele ich mein Fenster ebenso herunter wie das auf der Beifahrerseite. Ich bediene das Klischee werdender Väter in sämtlichen Filmen und Werbespots perfekt: Ich ignoriere die Geschwindigkeitsbegrenzung und brettere die zehn Kilometer zwischen unserer Wohnung und der Klinik wie ein Wahnsinniger. Aber es ist ohnehin fast kein Verkehr auf den Straßen. Als ich kurz vor dem Krankenhaus bin, geht plötzlich ein starker und ganz unwirklicher Luftzug durchs Auto. Dann höre ich den Knall. Ich bekomme eine Gänsehaut. Was ist das?

Später erfahre ich, dass in der Nähe eine Autowerkstatt explodiert ist. Einen Moment habe ich Angst, dass in der Klinik etwas in die Luft geflogen ist, doch als ich die Gebäude eine Minute später unversehrt sehe, erscheint mir der Knall wie ein Zeichen: Das Kind kommt. Auch Almut hört im Krankenhaus den Lärm.

Doch dann dauert es immer noch fast sechs Stunden. Sechs Stunden, in denen ich Almut leiden sehe. Im Vorbereitungslehrgang haben wir nicht gelernt, was in solchen Situationen zu tun ist. Wir haben jede Menge Handgriffe gezeigt bekommen, wie man seiner Frau den Bauch massiert oder den Rücken. Aber nichts hat mich auf das hier vorbereitet. Wie schwer eine Geburt wirklich ist für eine Frau, das haut mich um.

Am Montagmorgen, dem 6. Juli 1987, um 6 Uhr 6 kommt unser erstes Kind, unsere Tochter Julia, auf die Welt. Sie sieht ein bisschen seltsam aus. Weil die Fruchtblase schon so lange geplatzt war, hat sie im Bauch ein bisschen ›auf dem Trockenen‹ gelegen und hat nun Schorf und rote Flecken auf der Haut. Ich frage den Arzt: »Können Babys schon Akne haben?«, doch der lacht nur und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken, das geht schnell wieder weg.«

Bis jetzt habe ich durchgehalten. Ich will nicht sagen tapfer, denn das erscheint mir gemessen an dem, was Almut durchgemacht hat, geradezu lächerlich. Aber als die Hebamme zu mir sagt: »Herr Niemeyer, Sie können die Nabelschnur durchschneiden«, wird mir dann doch schwarz vor Augen … Später, als ich Julia im Arm halte, ist das alles vergessen. Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich ganz bewusst das Gefühl von Verantwortung. Das Gefühl: Dieses kleine Wesen ist von mir abhängig. Dieser Mensch gehört jetzt zu mir für den Rest meines Lebens. Ich hatte vor der Geburt ganz naiv gedacht: So, dann wirst du jetzt Papa und dann ist gut. Mit solch einer emotionalen Intensität hatte ich nicht gerechnet.

Nach der Geburt unserer Tochter stehen einige folgenreiche Entscheidungen an. Nachdem Almut ihrer Mutter vor wenigen Monaten eröffnet hatte, dass sie Großmutter werde, hatte sie uns zunächst herzlich in die Arme geschlossen. Um dann unverblümt zu verkünden, dass mit ihr als liebender Oma nicht zu rechnen ist: »Sei dir über eins im Klaren, Almut. Ich habe vier Kinder großgezogen, das reicht mir. Auf deine will ich nicht auch noch aufpassen.« Für uns bedeutete das: Wir würden keine Großeltern als Babysitter haben, auf die wir im Notfall zurückgreifen könnten, denn die Entfernung zu meiner Mutter und meinem Stiefvater war einfach zu groß.

Doch selbst mit mehr familiärer Unterstützung führt für Almut und mich kein Weg daran vorbei: Einer von uns muss zu Hause bleiben. Für uns kommt es nicht infrage, dass wir jemand Fremdes bezahlen, damit er oder sie auf unser Kind aufpasst. Und das zum einzigen Zweck, dass wir arbeiten können und das Kleine nur sehen, wenn es abends schon im Bettchen schlummert. Ich habe doch das Nest – unser Nest – für uns gebaut! Also sitzen wir an unserem Esstisch und wägen Pro und Contra unserer jeweiligen beruflichen Situation gegeneinander ab: Mein Job ist nicht übel, aber da ich unter anderem im Außendienst auf Provisionsbasis arbeite, schwankt mein Einkommen ebenso stark wie meine Arbeitszeiten. Almuts Arbeit als Stationsleiterin im Dialysezentrum ist nicht übermäßig, aber auch nicht schlecht bezahlt – und sie liebt ihren Beruf. Ich dagegen habe langsam die Nase voll von den Schattenseiten meines Jobs. In meiner Firma geht es nur um Profit. Darum, Geld zu machen. Unter den Kollegen ist es gang und gäbe, die Kunden über den Tisch zu ziehen, um rauszuholen, was rauszuholen ist. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Umfeld. Ich möchte etwas Sinnvolles tun und die Aussicht, mit meinem ersehnten Nachwuchs zu Hause zu bleiben, erscheint mir nahezu paradiesisch. Den entscheidenden Ausschlag aber gibt: Almut ist nur noch wenige Jahre davon entfernt, einen unkündbaren Status zu erreichen. Und ihre Stelle ist krisensicher.

Die Würfel sind also gefallen: Wir einigen uns, dass ich nach Almuts Mutterschutz zunächst als Hausmann zu Hause bleibe – vorübergehend, das ist meine Bedingung, bis Julia und vielleicht auch das – zunächst nur hypothetische – zweite Kind aus dem Gröbsten raus sind.

Die ersten beiden Jahre mit Julia – wie viele Windeln habe ich gewechselt, wie viele Nächte an ihrem Bett gewacht, wie viele Stunden den Kinderwagen durch sämtliche Grünanlagen Bremens geschoben –, diese beiden Jahre vergehen viel zu schnell. Und dann überrascht mich Almut eines Tages mit der Nachricht, dass wir bald zu viert sein würden. Ich bin völlig aus dem Häuschen. Das zweite Wunschkind! Jedoch mit Näherrücken des Entbindungstermins kommt auch die Erinnerung an die Stunden im Krankenhaus und Almuts Geburtsschmerzen wieder. Verständlich, dass ich vor Christophs Geburt einen gehörigen Bammel habe.

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