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Ich mag dich wie du bist

Francesco Gungui



ICH MAG DICH
WIE DU BIST

Übersetzung aus dem
Italienischen von Barbara Neeb
und Katharina Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

 

 

 

 

Habt ihr schon mal zwei Menschen beobachtet und überlegt, ob sie ein Paar sind, Geschwister, Freunde oder was auch immer? Mir passiert das öfter, vor allem morgens, wenn ich in der U-Bahn sitze. Ich konzentriere mich auf zwei Leute und beobachte sie so lange, bis einer von ihnen etwas sagt oder tut, was alles klärt. Ein Kuss oder ein Satz wie zum Beispiel: »Denkst du daran, Mama anzurufen?« oder »Ich liebe dich«. Doch meist haben die Menschen Besseres zu tun als der ganzen Welt klarzumachen, warum sie morgens um halb acht zusammen unterwegs sind.

Luca und Martina stehen vor der Bar und unterhalten sich. Sie lacht und legt ihm dabei eine Hand auf den Arm oder auf die Schulter, aber daran ist nichts besonders Intimes, das tun viele. Er wirkt ernst, während er mit ihr redet, aber tatsächlich ist das sein normaler witziger Plauderton, und so kann er geschickt verbergen, wie stolz er darauf ist, dass jetzt alle Augen auf ihn gerichtet sind. Es ist schon merkwürdig, ihn so mit Martina ins Gespräch vertieft zu sehen. Für alle, auch für mich.

Gleich werde ich zu ihnen gehen und sie begrüßen. Und es ist wirklich schade, dass ich meinen Körper nicht verlassen kann, um diese Szene von außen zu genießen. Zu beobachten, was ich tue und was sie, wie ich sie beide auf die Wange küsse und wie wir dann unsere Kommentare über das neue Schuljahr abgeben.

Doch wozu wäre das gut? Wahrscheinlich wäre ich danach auch nicht schlauer. Und vielleicht muss man auch nicht alles begreifen und alle Beziehungen und Menschen genau einordnen. Auch wenn es so eine Einordnung mal gab, ganz klar und eindeutig.

Im Grunde versuche ich doch nur zu verstehen, wie ich, wie wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt sind, und was unser Leben verändert hat. Alles ist jetzt anders. Und in den nächsten Tagen wird mir sicher vieles klar werden. Doch im Moment bleibt mir nichts anderes übrig, als an die vergangene Zeit zurückzudenken und an diesen Tag, der mein Leben verändert hat.

001

Eins

Man sagt, wenn du zu sehr auf etwas wartest, wird es nie eintreffen, und je mehr du darauf hoffst, desto unerreichbarer wird es. Das Ganze funktioniert auch umgekehrt: Wenn du aus ganzem Herzen betest, etwas Bestimmtes möge bitte bitte bitte nicht geschehen, kannst du sicher sein, dass es garantiert ganz schnell passiert. Und es nützt auch nichts, zu glauben, man könne dem Schicksal ein Schnippchen schlagen und einfach so tun, als sehne man etwas herbei, das man überhaupt nicht will. Am besten denkt man gar nicht. Schade nur, dass ich das nicht kann …

»Weißt du, was du tun musst?«, fragt mich Luca, während wir draußen vor der Schule warten, dass die Zeugnisnoten endlich ausgehängt werden.

»Sag schon.«

»Stell dir einfach alle denkbaren Möglichkeiten vor und mach dich auf jede einzelne gefasst.«

»Aber ich will auf nichts gefasst sein, ich möchte, dass alles so läuft, wie ich es will.«

»Tja, darauf hast du leider keinen Einfluss.«

»Na gut, im Moment gibt es nur zwei Möglichkeiten: Wenn es gut für mich gelaufen ist, dann ist alles okay: Morgen sitze ich im Zug nach Genua, und in ein paar Wochen bin ich auf Sardinien, ohne meine Eltern, ohne meinen Bruder, nur mit meinen Freundinnen. Und wenn es schiefgegangen ist, habe ich einen Monat lang Stress mit meinen Eltern hier und bin dann auf einem familienfreundlichen Campingplatz in Apulien.«

»Okay, dann sieh es mal so: Schlimmstenfalls verbringst du den Sommer mit deiner Familie, und in zehn Jahren kannst du dann deinen Freunden eine nette Geschichte erzählen.«

»Oh ja, was für ne super Geschichte …«

»Nein, das stimmt! Stell dir doch nur mal vor, wie du in zehn Jahren bist.«

»Luca, das funktioniert nicht.«

»Nicht wirklich, oder?«

Luca ist mein »Münzautomat für philosophische Weisheiten und Theorien«. Und genau wie ein Kaffeeautomat behält er manchmal das Wechselgeld ein und manchmal ist der Kaffee aus oder die Stäbchen zum Umrühren. Doch der Vorteil ist, dass er vierundzwanzig Stunden am Tag läuft. Heute fürchte ich allerdings, ihm ist alles ausgegangen, die Stäbchen, der Zucker, der Kaffee und die Becher. Alles, was bisher rauskam, war heiße Luft. Und egal, wie sehr ich es mir schönzureden versuche, Fakt ist: Wenn ich nicht versetzt werde, dann bin ich am Ende.

»Glaubst du an das Schicksal?«

Er versucht es noch einmal.

»Meinst du etwa, wenn man sitzen bleibt, ist das Schicksal? Danke, das ist wirklich sehr nett von dir …«

»Ach was. Ich will damit nur sagen, dass meiner Meinung nach alles einen Sinn hat, während wir darin nur den Sinn sehen, den wir ihm geben wollen.«

»Ich gebe zu, das ist eine hübsche Vorstellung.«

»Erinnerst du dich an die Sache mit dem Paradies?«

Luca hat dazu folgende Theorie: Die ewige Seligkeit ist der pure Schwindel. Die Hölle: Qual ohne Ende. Am besten ist noch das Fegefeuer, denn das ist nicht für die Ewigkeit. Genau wie das irdische Leben. Und daraus folgt: Das irdische Leben ist das Fegefeuer.

»Ich erinnere mich.«

»Also, schlimmstenfalls hast du noch eine Runde im Fegefeuer vor dir.«

»Das wäre von den drei Möglichkeiten noch die beste.«

»Stimmt!«

»Luca, meinst du, ich bin sitzen geblieben?«

»Ali, das weiß ich nicht.«

»Das wäre nämlich wirklich Scheiße, wenn ich nicht versetzt werde. Und wir wären auch nicht mehr in der gleichen Klasse …«

Ein Aufschrei unterbricht unser Gespräch. Alle rennen zum Schuleingang. Als die Türen sich langsam öffnen, stürmen die Schüler scharenweise in den Flur. Die Listen mit den Noten hängen jetzt aus.

002

Zwei

Bitte nicht. Okay, beten hat keinen Zweck, damit ziehe ich das Pech bloß noch an. Ich muss so tun, als wäre mir alles egal. Ich stürze in den Flur, aber vor den Listen drängen sich mindestens hundert Schüler. Einige hüpfen und schreien vor Freude, andere lassen den Kopf hängen. Jemand schlägt mit der Faust an die Wand und flucht. Also gut, gleich ist es so weit und auch ich werde vor Freude schreien oder laut fluchen.

Ich gehe entschlossen auf die Menge zu und versuche, mich durchzudrängen. Keine Chance, da kommt keiner durch.

Also gehe ich auf die Knie und krieche vorwärts, fange mir Fußtritte und Stöße ein, bis ich die Stahlbeine der Aushangtafeln sehen kann. Jetzt muss ich nur noch hochkommen. Ich springe auf und kriege einige Ellenbogen vor den Kopf. Vor mir steht eine Blondine und versperrt mir die Sicht. Ich versuche, mich an ihr vorbeizudrängen. Als ich ihr eine Hand auf den Rücken lege, dreht sie sich zur Seite, um mich vorbeizulassen. Doch so bleiben wir dann stehen, quasi ineinander verkeilt, Bauch gegen Bauch, mein Knie zwischen ihren Beinen, ihr Kopf neben meinem. Ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen soll, denn dazu müsste ich ihr eigentlich die Hände auf die Schultern legen und sie wegstoßen. Ich starre auf den Boden und suche krampfhaft nach einem Ausweg. Bin absolut ratlos, in meinem Kopf herrscht gerade völlige Leere. Ich denke nichts, sehe nichts und spüre nichts. Wie ein Roboter, der nur ein Ziel kennt: so schnell wie möglich zu diesen verdammten Listen zu kommen.

Ohne darüber nachzudenken, was ich tue, senke ich den Kopf und versuche, die letzte Reihe Schüler, die mich noch von den Listen trennt, zu durchbrechen, aber dabei pralle ich mit der Stirn gegen das Kinn des blonden Mädchens.

»He, was machst du denn da? Pass gefälligst auf!«

»Tut mir leid, tut mir leid«, rufe ich hastig. Sie würdigt mich keines Blickes.

Da schnellt eine Hand aus dem Nichts vor, packt mich am Handgelenk und im nächsten Moment bin ich nicht mehr mitten in der Menge, sondern direkt vor den Listen.

»Luca? Hast du die Ergebnisse schon gesehen?«

»Nein, ich wollte dich erst mal von Martina befreien.«

»Martina?«

Ich drehe mich herum und jetzt erst erkenne ich das Gesicht des Mädchens – »Miss Geiler Arsch«, so stand es mal in Riesenlettern an einer Wand vor dem Schultor. Ich beobachte sie kurz, während ihr Gesichtsausdruck sich von angespannter Angst in erleichterte Freude verwandelt.

»Auf nach Apulien!«, schreit sie und reißt die Arme hoch.

»Sie hat wohl bestanden«, sage ich entmutigt.

Luca sieht mich zweifelnd an und meint dann: »Ich habe mich immer gefragt, warum die Schulen dieses Ritual vom Run auf die Tafeln veranstalten. Sollte man es nicht besser so machen wie es sonst auch läuft im Leben?«

»Und zwar?«

»Man kippt rote Farbe aus Eimern von den Dächern, einfach so, nach dem Zufallsprinzip. Wer getroffen wird, muss das Jahr wiederholen. Warum sich groß den Kopf zerbrechen? Schließlich entscheiden zufällig umkippende Farbeimer darüber, ob du es geschafft hast oder nicht. Du hast Glück, du nicht. Ihr zwei bekommt jetzt ganz viele Pickel. Der da wird sich verlieben. Du wirst einen Freund verlieren und du gewinnst im Lotto.«

Mir ist im Moment nicht nach Lucas Blödeleien.

»Hör mal, ich gehe jetzt und seh mir meine Ergebnisse an. Soll ich auch nach deinen sehen?«

»Nein, nein, ich spare mir das als Überraschung für den September auf.«

»Na gut, Luca, dann ciao.«

Ich muss das Blatt mit unserer Klasse finden, aber natürlich ist meine Liste noch mindestens drei Meter von mir weg. Ich drücke mich an den Tafeln entlang, wobei ich Dutzende Hände wegstoße, die über die Namensverzeichnisse gleiten, bis ich endlich vor dem richtigen Aushang stehe.

Das ist wie beim Türsteher einer angesagten Disko: Du kommst rein, du nicht, während sie sich hinter dir drängen und dich schubsen, und dann, nachdem du ewig in der Schlange gewartet hast, stellst du unter Umständen fest, dass alles umsonst war. Also gut, gleich geht’s los. Bitte mach, dass ich dabei bin. Das Licht geht an. Und ich bin nicht dabei.

»Auf nach Apulien«, sage ich seufzend.

Ich bin sitzen geblieben.

001

Drei

Schön gerade nicht, aber auch nicht potthässlich.

Also, das heißt, ich bin nicht gerade ein Model oder das tollste Mädchen der ganzen Schule. Mindestens drei oder vier Teile meines Körpers sprechen wohl gegen eine Karriere als Fernsehschönheit. Ich bin nicht sehr groß, vorne ziemlich flach und müsste eigentlich ein paar Kilo abnehmen.

»Dein Hintern ist auf jeden Fall ausbaufähig«, sagt mein kleiner Bruder immer zu mir, auch wenn die Tatsache, dass ein dreizehnjähriger Junge etwas zu dem Thema zu sagen hat, nicht gerade zur Steigerung meines Selbstwertgefühls beiträgt. Dann ist da noch das Problem mit der Nase, die man als apart bezeichnen könnte, aber die meisten sehen sie genau so, wie sie ist: eine kleine, an den Seiten ein wenig gestutzte Kartoffel. Also eigentlich ist mein gesamtes Erscheinungsbild »ausbaufähig«, wie mein Bruder sagen würde. Besonders bei der Wahl des Outfits: Mir stehen Hüftjeans gut, aber sie dürfen nicht zu eng sitzen, um den »Presswurst«-Effekt zu vermeiden. Mit Ausschnitten muss ich vorsichtig sein, da ich wie gesagt nicht viel zu bieten habe. Na ja, im Sommer muss ich mir darüber kaum Gedanken machen, denn am Meer besteht meine Garderobe nur aus drei Teilen: Bikini, Pareo und Flip-Flops.

Ich starre den Rucksack an, mit dem ich eigentlich verreisen sollte. Ich habe ihn noch nicht ausgepackt, ganz absichtlich, um mir selbst wehzutun, um mich daran zu erinnern, wo ich jetzt wäre, wenn es anders gelaufen wäre. Und das stand bei mir auf dem Plan: eine Woche im Juli mit meinen Freundinnen in Ligurien, dann eine Zeit in Mailand allein zu Hause und im August nach Sardinien ans Meer, wieder mit meinen Freundinnen.

Aber ich bin ja nicht versetzt worden.

Deshalb hat sich das Programm leicht geändert. Den ersten Monat der Ferien sitze ich zu Hause fest und soll lernen. Dann geht’s mit meiner Familie nach Apulien.

Ende.

Also bin ich zunächst in Mailand geblieben, aber natürlich habe ich kein einziges Buch aufgeschlagen, woran Luca nicht ganz unschuldig ist, denn die meiste Zeit habe ich mit ihm verbracht. Schließlich hat er doch noch seine Ergebnisse angesehen. Und nein, er ist natürlich nicht sitzen geblieben.

In weniger als vierundzwanzig Stunden werde ich in Apulien sein, auf dem Campingplatz mit meiner Familie, wie übrigens jedes Jahr.

Und meine sommerliche Emanzipation muss noch ein bisschen warten.

Es ist fast acht Uhr, ich gehe hinunter zum Abendessen und bin wie immer auf alles gefasst.

»Da ist sie ja«, meint meine Mutter sarkastisch.

Dass ich nicht versetzt worden bin, hat die familiäre Gesprächskultur vergiftet, jede Unterhaltung ist jetzt mit einem vorwurfsvollen Ton durchsetzt.

»Du könntest wenigstens den Tisch decken.«

Dieses »wenigstens« bedeutet nicht, dass ich nie einen Finger rühre. Es ist mehr ein »wenn du schon sitzen geblieben bist, kannst du wenigstens den Tisch decken«.

Mein Vater hängt auf dem Sofa rum, zwischen Bergen von offen stehenden Koffern. Mein Bruder ist nicht da.

»Hast du auch deine Bücher eingepackt?«, fragt mein Vater, ohne vom Fernseher aufzusehen, sobald er meine Anwesenheit bemerkt hat.

Er lässt sich Zeit: Wie zufällig lässt er ein paar neutral wirkende Sätze fallen und lauert dann auf einen falschen Schritt von mir, um mich daran zu erinnern, dass ich diese Ferien mit Lernen verbringen werde.

»Ja, hab ich«, sage ich, aber ich glaube kaum, dass er mir zuhört. »Wo ist Fede?«

Papa schaltet den Fernseher aus.

»Versuch nicht, das Thema zu wechseln!« Mein Vater steht vom Sofa auf, kommt auf mich zu und tut seine Meinung zu dem Problem kund. Die geht ungefähr so:

»Du bist sitzen geblieben, ohne einen Ton zu sagen, du hast es vor uns verheimlicht!«

Das ist Punkt eins seines bühnenreifen Auftritts: Mein Vater ist davon überzeugt, ich sei absichtlich sitzen geblieben. Er glaubt, ich hätte mir das vorgenommen wie einen guten Vorsatz an Silvester: Im nächsten Jahr will ich ein paar Kilo abnehmen, einen festen Freund finden und in der Schule nicht versetzt werden.

»Die Ferien auf Sardinien kannst du vergessen! Du wirst den gesamten Monat schön mit uns verbringen, mit deinem Vater, deiner Mutter und deinem Bruder!«

Das ist Punkt zwei: Er möchte unbedingt betonen, dass die Ferien mit der Familie eine Strafe für mich sein sollen. Was ich allerdings genauso sehe.

Inzwischen ist das Abendessen fertig und ich weiß immer noch nicht, wo zum Teufel mein Bruder sich rumtreibt. Mein Vater scheint sich vorübergehend beruhigt zu haben, und während meine Mutter die Nudeln mit Tomatensauce auf den Tisch bringt, erzählt er ihr etwas über den Campingurlaub. Ich höre mit halbem Ohr hin und schnappe nur einzelne Wörter auf wie: unser Platz, die Nachbarn vom letzten Jahr, der Ersatzreifen, Salvatore, Emma, wann kommt eigentlich Federico. Ich nehme mir vor, diese unzusammenhängenden Wörter bei Gelegenheit zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen und fange an zu essen.

Meine Mutter ist am Herd die reinste Katastrophe. Die Nudeln sind verkocht und die Tomaten kommen direkt aus der Dose. Plötzlich legt sie die Gabel hin, stützt die Ellenbogen auf den Tisch und starrt mich an.

»Mama, du jagst mir Angst ein …«, sage ich und baue schnell mit der Wasserflasche eine improvisierte Barriere zwischen uns auf.

Da füllen sich ihre Augen mit Tränen.

»Ach Liebes, warum bist du nur sitzen geblieben? Was ist denn nicht in Ordnung?«

Ich weiß schon, welche Frage als Nächstes kommt, und die schießt wirklich den Vogel ab.

Wie aus dem Lehrbuch: »Was haben wir bloß falsch gemacht?«

Ich fühle mich jetzt ein bisschen wie in den Filmen, in denen die Eltern ihr Kind im Gefängnis besuchen, um es zu einem Geständnis zu überreden. Doch mein Verbrechen ist wirklich kein Geheimnis, selbst wenn ich inzwischen kapiert habe, dass alle denken, wenn jemand sitzen bleibt, muss ein dunkler Abgrund dahinterstecken. Meist werden drei Möglichkeiten in Betracht gezogen. Als Erstes Drogen. Die meisten Eltern machen keinen Unterschied zwischen einem Joint und einem Tütchen Kokain, deshalb kann diese Sorge unbeschreibliche Dimensionen annehmen. Auf Platz zwei folgt Liebeskummer. An dritter Stelle – für die Eltern, die die Niederlage nicht mit ihrem Stolz vereinbaren können – steht: Da gibt es bestimmt ein neurologisches Problem.

Niemandem kommt in den Sinn, dass man vielleicht einfach das ganze Jahr keinen Finger gerührt hat, um zu lernen, und nichts weiter.

Zum Glück klingelt jetzt mein Handy.

Ich stehe vom Tisch auf und melde mich.

»Ich habe mir überlegt, dass es mir lieber wäre, wenn du nicht wegfährst, natürlich nur, wenn deine Eltern einverstanden sind.«

»Ich kann mit ihnen darüber reden, vielleicht bitte ich sie dann auch gleich um ein paar Hundert Euro, damit ich irgendwo allein hinfahren kann.«

»Ja genau, so habe ich es mir vorgestellt. Auch wenn wir mit ein paar Hundert Euro nur bis zu einem Campingplatz in Casalpusterlengo kommen.«

»Luca, du weißt doch, dass ich morgen mitfahren muss.«

»Hmm, ›du weißt doch‹, ›morgen‹, ›mitfahren müssen‹ … das sind alles nur Worte. Eigentlich ist das nur ein Code, eine Geheimsprache, oder? Jetzt müssen wir bloß noch beschließen, dass ›ich muss mitfahren‹ eigentlich bedeutet ›ich fliege mit dir nach Jamaika‹ und alles ist geritzt.«

»Ich muss mitfahren«, sage ich daraufhin lachend.

»Alles klar, wir treffen uns in einer Stunde am Flughafen.«

»Du hast mir diesen Monat das Leben gerettet, aber jetzt muss ich leider wirklich fort. Heute Abend treffen wir uns aber noch.«

Ich gehe zum Tisch zurück, schlinge hastig mein Essen hinunter und stehe auf.

»Ich muss noch mal weg.«

»Jetzt?«, fragt meine Mutter, doch das bedeutet Ja. Das weiß sogar mein Vater, deshalb fangen sie an zu streiten.

»Unsere Wohnung ist ein einziges Chaos, wir fahren morgen und sie will noch mal weg!«

Wenn ein Elternteil in der dritten Person über einen spricht, dann steckt man richtig tief in der Scheiße. Ich fürchte, es wird eine Weile dauern, bis ich mir das liebe vertraute Du zurückerobere.

»Ach, lass sie doch«, sagt meine Mutter nur und die Klagen meines Vaters gehen in ein finsteres Brummen über.

002

Vier

»Alice, du bist wirklich das Letzte! Du hast mich enthusiasmiert!«

In meinem Leben gibt es nur zwei Menschen, die Beleidigungen benutzen, um Komplimente zu machen oder ihre Zuneigung auszudrücken. Einer ist mein Onkel. Jedes Mal, wenn er meinem Bruder begegnet, sagt er zu ihm: »Du wirst auch mit jedem Jahr ein größeres Arschloch«, und dann umarmt er ihn. Der andere ist mein Italienischlehrer.

»Zwei.«

»Zwei?«

»Zwei!«

»Das muss ein Irrtum sein. Und was bedeutet in dem Zusammenhang enthusiasmieren?«

»Schlag in deinem Wörterbuch nach.«

Gegen Ende des zweiten Schulhalbjahres hatte Herr Parti uns folgendes Aufsatzthema gestellt: »Ithaka: Definiere und interpretiere Ithaka auf Grundlage des gleichnamigen Gedichts von Kostantinos Kavafis.«

Es handelte sich dabei um die Sorte Klassenarbeiten, die gutmütige Lehrer am Ende des Schuljahrs stellen, um den Schülern mit einer guten Fünf unter die Arme zu greifen, beziehungsweise um ihnen wenigstens zu einer würdigen Vier minus zu verhelfen.

Am Ende der Stunde hält der Lehrer mich auf.

»Warte mal, Alice.«

Ich gehe zum Pult, während die anderen für die Pause den Klassenraum verlassen. Der Lehrer sieht mich einige Sekunden an und liest dann mit feierlicher Stimme vor:

»Du musst Ithaka immer als Ziel vor Augen haben, es zu erreichen muss dein steter Gedanke sein. Vor allem übereile deine Reise dorthin nicht; sorge dafür, dass sie lange dauert, viele Jahre lang, und setze erst als alter Mann den Fuß auf die Insel, wenn du reich geworden bist durch die Schätze, die du unterwegs angesammelt hast, da du von Ithaka keine Reichtümer erwartet hast. Ithaka hat dir die schöne Reise ermöglicht, ohne diese Insel wärst du nie aufgebrochen: Was willst du mehr?«

Abends schlage ich im Wörterbuch die Bedeutung von »enthusiasmieren« nach. Danach lese ich meinen Aufsatz noch einmal durch, auf der Suche nach irgendwelchen Besonderheiten, die meinen Italienischlehrer eben so enthusiasmiert haben könnten. Ich versuche zu verstehen, was ihn an meiner Version von Ithaka so gerührt hat, auch wenn das nicht ganz die Bedeutung des Ausdrucks ist, den er benutzt hat. Was hat seine Gefühle bewegt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, ich weiß nicht einmal, wo mein Ithaka zu finden ist, und ungefähr das habe ich in meinem Aufsatz geschrieben.

Der Platz vor der Schule ist beinahe verlassen. Es ist höllisch heiß und die halbe Stadt ist ausgeflogen. Alle sind schon am Meer. Ich schließe mein Fahrrad an einem Pfosten an und sehe mich um. Er muss irgendwo in der Nähe sein, denn als er mich angerufen hat, war er schon hier. Ich setze mich auf eine Art Betonpilz vor dem Schultor und warte. Drei oder vier Jugendliche lehnen an der Motorhaube eines Autos und quatschen. Ich kann ihre Gesichter nicht erkennen, aber sie sind wohl älter als ich. Ein Mädchen mit langen Haaren kramt in seiner Handtasche, und kurz darauf beleuchtet die Flamme eines Feuerzeugs sein Gesicht.

Ach, sie schon wieder, das Mädchen von den Zeugnislisten. Martina. Das schönste Mädchen der Schule, jeder steht auf sie, selbst die Lehrer. Der erotische Traum aller Unterstufenschüler und Zielscheibe des Neids für sämtliche Mädchen der Schule. Allgemein beurteilt man sie als »eine, die ganz schön eingebildet ist«, aber auch als »eine blöde Kuh, die jedem den Kopf verdreht und alles hat, was sie will« und als »ein bisschen durchgeknallt«.

Ich bin ihr nur zweimal wirklich begegnet, und da war sie nicht besonders freundlich, aber bestimmt nicht verrückt und auch keine blöde Kuh. Aber eingebildet ist sie schon, und so benimmt sie sich auch. Doch vielleicht wäre ich das an ihrer Stelle auch.

Die Begegnungen waren beide damals, als wir die Schule besetzt hatten. Martina gehörte natürlich zum Komitee, das alles organisiert hatte, und leitete sogar eine Lerngruppe. Ich war bei der Besetzung dabei und meine Mutter hat auch nichts dagegen gesagt, außer: »Aber du gehst jeden Tag auch wirklich hin und bleibst die ganze Zeit dort.« Und natürlich: »Dass wir dich da übernachten lassen, schlag dir lieber gleich aus dem Kopf, das ist nur was für die Älteren.«

Es war am zweiten Tag der Besetzung. Der Tag, an dem man merkt, ob die Leute, die für den Schülerstreik gestimmt haben, auch wirklich gekommen sind.

Ich betrete die Turnhalle. Martina steht unter dem Basketballkorb und blättert in einem Buch.

Ein Typ mit langen roten Haaren neben ihr redet und fuchtelt dazu wild mit den Armen. Vor ihnen auf dem Boden sitzen etwa vierzig Schüler. Unter ihnen bemerke ich sofort Luca und setze mich neben ihn.

»Worüber reden die hier?«, frage ich ihn leise.

»Über den Neoimperialismus der internationalen Großkonzerne, weißt du, er hat gerade gesagt, dass jetzt nicht mehr die Großmächte die armen Länder in der Hand haben, sondern diese Konzerne, weil die Staaten inzwischen nichts mehr entscheiden und die Demokratie auf unserem Konsum aufbaut, und wir praktisch mit unseren Einkäufen unsere Stimme abgeben.«

»Wow, das klingt ja richtig interessant.«

»Das ist es auch«, sagt er todernst.

Also höre ich aufmerksam zu, aber wie ich es mir eigentlich hätte denken können, schließlich kenne ich Luca, redet der Rothaarige über etwas völlig anderes. Ich sehe Luca fragend an, aber er verzieht keine Miene. Ich kann nicht anders, ich muss einfach loslachen.

Und da kommt Martina ins Spiel.

»Hey, es zwingt euch niemand zum Bleiben, das ist kein Unterricht. Ihr seid hier, weil ihr an die Besetzung der Schule glaubt, sonst könnt ihr zum Skifahren gehen wie all die anderen, die nur dafür gestimmt haben, um eine Extrawoche Ferien zu haben.«

Zwei Tage später treffe ich sie wieder.

Ich bin mit zwei Jungs im Umkleideraum der Turnhalle, die dort Parolen an die Wand schreiben. Beide stehen auf einer Bank, ein bisschen Farbe ist auf den Boden getropft.

Sie betritt die Umkleide mit einem Lappen in der Hand und einer Flasche Waschbenzin in der anderen. Sie grüßt kurz zu uns rüber und beginnt dann, die auf den Boden getropfte Farbe zu entfernen. Wir drei starren sie an und wissen nicht, was wir sagen sollen. Danach setzt sie sich hin und zündet sich einen Joint an. Die beiden Jungs machen weiter. Sie sieht, dass ich gerade nichts zu tun habe und hält mir die Tüte hin.

»Ich rauche nicht«, sage ich.

»Braves Mädchen.«

Darauf beschränkt sich auch schon meine nähere Bekanntschaft mit Martina. Mein restliches Wissen über sie verdanke ich zum einen dem Schulhofklatsch, durch den ich darüber informiert bin, dass ihre Eltern geschieden sind und sie bei ihrer Mutter lebt, und zum anderen den Schmierereien bei uns auf den Toiletten, daher habe ich auch die Weisheit von der »blöden Kuh, bild dir bloß nicht so viel ein«, aber ich glaube, das ist nichts als blanker Neid.

»Ali, hier bin ich!«, ruft eine vertraute Stimme von der anderen Straßenseite.

Ich drehe mich um.

Es ist Luca.

Ich winke ihm zu und warte, bis er sein Moped angeschlossen hat.

Luca ist mein Exfreund. Mit ihm hatte ich mein erstes Mal. Unsere Beziehung hat nur ein paar Monate gehalten, aber wir haben uns weiter getroffen. Anfangs nur zwangsläufig in der Schule, weil wir in der gleichen Klasse sind. Beziehungsweise nicht »sind«, sondern »waren«, und ich fürchte, das ist nur eines der Verben, die ich ab jetzt in der Vergangenheitsform verwenden muss. Dann haben wir uns auch wieder außerhalb des Unterrichts gesehen. Er sagt, ich bin seine Droge, nein, ich bin sein Methadon, also das Zeug, das man den Süchtigen für den Entzug gibt, obwohl das nur eine neue Abhängigkeit schafft.

»Da«, sagt er und reicht mir eine Flasche Bier.

»Du hast ja gut vorgesorgt.«

»Unter dem Sitz habe ich auch ein Flugzeug. Du weißt doch, heute Abend fliegen wir nach Jamaika.«

»Ach ja, super, und du bringst es meinem Vater bei?«

»Dazu ist keine Zeit. Du schickst ihm dann ein Telegramm aus Kingston.«

»Und was ist das?«

»Kingston! Die Hauptstadt von Jamaika!«

»Was machst du denn jetzt wirklich diesen Sommer?«

»Ach, keine Ahnung. Erst mal bleibe ich in Mailand. Meine Mutter weiß noch nicht, wann sie Urlaub nehmen kann, und irgendjemand muss sich ja um meine Schwester kümmern.«

»Na, aber irgendwann wird sie doch Urlaub nehmen?«

»Ich hoffe schon, aber ich kann nichts planen.«

»Warum kommst du mich nicht besuchen? Auch auf den letzten Drücker. Du brauchst dich nicht vorher anzumelden. Meine Mutter mag dich.«

»Na ja, vielleicht«, sagt er nicht gerade überzeugt.

»Und wie mache ich die jetzt auf?«, frage ich und halte ihm die Flasche Bier hin.

Er holt ein Feuerzeug aus der Tasche, setzt es am Hals der Flasche an und lässt den Kronkorken mit einem lauten »Plopp« wegspringen. In diesem Moment schlendern Martina und ihre Freunde an uns vorbei. Einer der Jungs sieht uns an, tut so, als würde er uns zuprosten und sagt »cin cin«. Martina lächelt erst, dann lacht sie laut, mit ein wenig Verzögerung.

Nun ist der Augenblick für die üblichen Fragen gekommen, also die wirklich ernst gemeinten Fragen.

»Jetzt sag schon, wie geht es dir?«

»Mir geht es ganz gut, na ja, es macht mir schon was aus, aber ich hab jetzt keine Depressionen oder so was … Was soll’s. Ich wiederhol das Jahr eben und Schluss. Aber meine Mutter, die ist total depri. Die packt das nicht.«

»Was packt sie nicht?«

Luca ist einer der wenigen Jungs, die ich kenne, die fast nichts von dem verstehen, was in den Nachrichten »Jugendsprache« heißt: »Die packt es nicht«, »Da flippst du total aus«, »Ich bin total depri«, so was in der Art. Nicht dass mir das wirklich wichtig ist, aber diese Ausdrücke benutzt doch jeder mal. Jeder außer Luca.

»Die packt es nicht, also sie kann sich nicht damit abfinden. Und dann muss sie sich noch mit meinem Vater rumstreiten, weil der stinkwütend ist und außerdem meiner Mutter die Schuld gibt, da sie mir angeblich zu viele Freiheiten lässt und ich nur deswegen nicht lerne und nicht versetzt worden bin.«

»Na gut, also … wann fährst du?«, fragt er und wird einen Augenblick lang schrecklich ernst.

»Morgen früh, hab ich dir doch gesagt.«

»Fahr nicht.«

»Ich hab keine Wahl. Komm mich besuchen.«

»Ich werde nicht kommen, das weißt du genau.«

Auf dem Heimweg versuche ich, langsamer in die Pedale zu treten, und sehe mich um, bleibe mit den Augen an Häusern hängen, an Eingängen, Schaufenstern von geschlossenen Geschäften. Ich versuche mir eine Ausrede zu überlegen, um nicht mitfahren zu müssen. Ich denke an Luca. Luca ist der typische Junge, der nie ernst bleiben kann. Nicht, dass er nicht zuhört, wenn man ihm was Ernstes erzählt (also so was wie, dass man sitzen geblieben ist, um ein Beispiel aus meinem näheren Erfahrungsschatz zu nennen), aber mit ihm sieht man dann immer die komische Seite daran.

Mein Vater sitzt immer noch auf dem Sofa vor dem Fernseher, aber die Koffer sind jetzt alle geschlossen und stehen neben der Tür. Ich gehe in mein Zimmer, schalte den Computer ein und mache den Messenger auf, um zu sehen, ob jemand online ist. Kein Mensch da. Ich nehme mein Foto raus und ersetze es durch ein Bild der Simpsons in Badekleidung. Es geht los.

001

Fünf

Das Auto ist vollkommen überladen. Der Kofferraum platzt aus allen Nähten und auf dem Dach hat mein Vater eine Art Sarg befestigt, um alles unterzubringen, was nicht mehr ins Auto passte. Die Fahrt nach Apulien ist lang. Wir lassen die Stadt hinter uns und nehmen die Autobahn Richtung Bologna. Zum Abendessen müssten wir eigentlich da sein. Federico ist übergangslos vom Bett auf den Rücksitz des Wagens gewechselt. Er muss ja auch an nichts denken, sich keine Sorgen machen. Er muss nicht die Klasse wiederholen.

Er schläft und hat sein Sweatshirt als Polster zwischen sich und das Autofenster gelegt. Die Sonne muss vor etwa einer Stunde aufgegangen sein, und schon jetzt spürt man ihre Wärme durch die Seitenfenster. Ein Sonnenstrahl fällt genau auf Federicos Gesicht. Im Schlaf versucht er, sich die Augen zu bedecken und murmelt etwas Unverständliches. Ein paar Minuten kämpft er gegen den Sonnenstrahl, bis er sich plötzlich genervt herumwirft und mit heruntergesunkenem Kopf und geöffnetem Mund liegen bleibt.

Ein schauriger Anblick.

Bis vor ein paar Jahren war alles, was Fede tat, einfach nur süß und komisch. Doch dann ist ihm plötzlich das Kindchenschema abhandengekommen und er ist in diese »Hobbit-Phase« übergewechselt, das bedeutet: kieksende Jungsstimme, Muskelwachstum und einsetzende Körperbehaarung, aber obendrauf ein Kinderkopf. Ich kann nicht widerstehen. Ohne ihn zu wecken, bewege ich seinen Kopf, bis er auf meinen Beinen liegt, geschützt vor den Sonnenstrahlen. Die Erleichterung ist ihm anzusehen: Er führt die Hände ans Gesicht, reibt sich die Augen, dann lässt er die Rechte vom Sitz herunterhängen, während er die Linke auf meinem Bauch zusammenrollt.

An seinen Fingern klebt getrocknete Farbe, es sieht aus, als wären die Flecken schon mehrere Tage alt und nicht mehr wegzukriegen.

Als wir ungefähr auf der Höhe von Bologna sind, beschließt mein Vater, dass es Zeit für eine Pause ist. Fede hat die ganze Zeit über geschlafen, während ich mir ständig stumm folgende Sätze vorsage:

»Du bist wirklich eine blöde Kuh, hättest du dich nicht ein bisschen mehr anstrengen können?«

»Jetzt musst du zusehen, wie du den Monat rumkriegst.«

»Und wenn auf dem Campingplatz wieder der Animateur ist, mit dem du letztes Jahr rumgemacht hast?«

Gerade als ich bei dieser Frage angekommen war, hat mein Vater die Kaffeepause vorgeschlagen und es mir somit erspart, dass dieser peinliche kleine Sommerflirt noch einmal hochkocht.

Wir steigen aus dem Wagen.

»Fede, wo warst du eigentlich gestern Abend?«, frage ich ihn, während er versucht, sich die Haare aus den Augen zu streichen.

»Gestern Abend … hmm.«

Es ist nicht einfach, von meinem Bruder Antworten zu bekommen, wenn er gerade erst aufgewacht ist, aber mir ist jetzt danach, mit jemandem zu reden, um mich von der Reise abzulenken und von der Erinnerung an meine Pseudoaffäre vom letzten Sommer. Also lasse ich nicht locker.

»Und warum hast du Farbe an den Fingern?«

»Ach so, ich war bei Oma und Opa. Opa bringt mir das Malen bei.«

Ich kann meine Verwunderung nicht unterdrücken und reagiere mit einem langgezogenen, lauten »Diiiiir?«, das jeden tief treffen würde, der gerade die Laufbahn eines Malers begonnen hat, ohne dafür wirklich begabt zu sein. Jeden außer meinen Bruder natürlich.

Inzwischen haben wir die Raststätte betreten, wir und noch weitere zwei- bis dreitausend Leute, die alle die gleiche tolle Idee hatten wie wir.

Mein Vater stellt sich an der Kasse an.

»Was wollt ihr haben?«

»Einen Kaffee«, antworte ich.

»Eine Cola«, sagte mein Bruder.

»Ist es nicht ein bisschen früh für eine Cola?«, fragt meine Mutter.

»Lass sie doch trinken, was sie wollen«, meint mein Vater. »Und was willst du?«

Sie möchte einen Kaffee. Und los jetzt, Beeilung, sonst kommen wir nie an …

Meine Mutter und ich drängen uns durch die Menge am Tresen.

»Warum gibt Opa Fede Malunterricht?«

»Er hat es ihm selbst vorgeschlagen, hat ihn gebeten, ihm ein paar Grundkenntnisse beizubringen. Und Opa, na, der freut sich ein Rad ab.«

An diesem Punkt stelle ich meine Nachforschungen ein, weil sich mir die Frage aufdrängt, wie man sich ein Rad abfreuen kann.

002

Sechs

»Hey Leute, ich bin immer noch so was von dicht von gestern. Wenn die mich jetzt ins Röhrchen blasen lassen, nehmen die mir den Wagen ab und euch gleich mit.«

»Okay, okay, ich fahr schon. Und du schlaf, wir wollen doch heute Abend noch tanzen gehen.«

»Also, jetzt erst mal n Kaffee und ne Kippe, dann schlagen wir uns in der Raststätte durch die hiesigen Spezialitäten und dann nichts wie weg.«

Vor der Raststätte steht ein Auto-mit-jungen-Mailändern-auf-dem-Weg-in-die-Ferien.

Das ist unverkennbar. Als sie den Wagen geparkt hatten, sind gleich zwei Mädels mit Riesensonnenbrillen und Flip-Flops ausgestiegen. Sie sind aufgedreht, lachen laut und eine von ihnen zündet sich sogar eine Zigarette an, was für mich in diesem Augenblick gleichbedeutend mit einer Unabhängigkeitserklärung ist. Aber klar, ich bin einfach nur superneidisch, und ein Blick auf ihre Lover macht es nur noch schlimmer: Einer ist definitiv cool, der andere ist mehr der intellektuelle Typ. Ich sehe ihn schon vor mir, wie er sich nicht mal am Strand das Hemd auszieht und immer liest.

Der coole Typ fasst eines der Mädchen um die Taille und zieht es zu den Stufen, die zur Raststätte hinaufführen. Dort stehe ich und beobachte das Ganze mit großen Augen, wobei ich daran denken muss, wie anders es doch bei uns im Wagen aussieht. Das andere Mädchen telefoniert, und der, den ich für den intellektuellen Typ der Gruppe halte, sieht zu mir rüber. Auch das ist wieder mal typisch. Wenn da zwei Jungs sind und einer ist der »Gutaussehende«, falle ich garantiert dem anderen auf. Einen Moment lang vergesse ich meine Familie und stelle mir vor, ich würde allein in die Ferien fahren und könnte tun und lassen, was ich will. Ich male mir aus, ich würde den interessierten Blick des intellektuellen Typs erwidern, ihn herankommen lassen und kurz mit ihm reden. Dann finden wir heraus, dass wir am selben Ort Urlaub machen, und ich stecke ihm mit einem verheißungsvollen »vielleicht sieht man sich ja« meine Telefonnummer zu. Als ich am Ende meiner Spinnereien angekommen bin und der Intellektuelle wirklich nur noch einen Schritt von mir entfernt ist, steht mein Bruder plötzlich neben mir und sagt doch tatsächlich:

»Ali, Papa meint, wir sollen jetzt noch mal Pipi machen, denn er hält dann nicht mehr an.«

Die Sonne geht gerade über dem Meer unter, als unser Wagen durch das Tor auf den Parkplatz fährt. Durch die Gipfel der Strandkiefern sieht man den orangefarbenen Himmel. Mein Vater steigt aus und redet kurz mit einem alten Mann, der dort auf einer Bank sitzt. Dann geht die rot-weiße Schranke zu den Stellplätzen für die Wohnwagen ganz langsam hoch.

Schade, dass Oma und Opa dieses Jahr nicht mitgefahren sind. Wenn alles so gelaufen wäre, wie ich es mir erhofft hatte, wenn ich also nicht sitzen geblieben und Opa nicht krank geworden wäre, dann wäre er jetzt an meiner Stelle hier auf dem Campingplatz, zur Freude meines Bruders, der ihn abgöttisch liebt. Jedes Jahr sitzen sie nach dem Abendessen stundenlang auf dem Platz vor dem Wohnwagen und spielen Karten.

»Ich hab Hunger«, sagt Fede.

»Ali, geh doch mit deinem Bruder in die Bar und sieh mal, ob sie euch was zu essen machen.«

»Was ist mit euch?«

»Ich muss jetzt erst mal die Betten herrichten, alles andere machen wir dann morgen in Ruhe.«

»Alles andere« sind die üblichen großen Arbeiten zu Urlaubsbeginn: den Wohnwagen putzen, Tisch und Stühle auf den Vorplatz stellen, die Kiefernnadeln wegfegen und tausend andere kleine Dinge, die erledigt werden müssen, damit es dort auf unserem Stellplatz möglichst genauso aussieht wie in unserer Wohnung in Mailand.

»Soll ich euch was mitbringen?«

Ich bekomme keine Antwort, also ziehe ich mit Fede los.

In der Bar bestellen wir zwei Schinken-Käse-Toasts und zwei Cola. Der Junge, der dort bedient, begrüßt uns, als ob er uns kennen würde, aber ich erinnere mich nicht an ihn. Fede dagegen klatscht ihn mit der Hand ab.

»Du kennst den?«, frage ich, sobald der Kellner wieder weg ist.

»Du kennst ihn auch, das ist doch Giovanni, erinnerst du dich nicht mehr an ihn? Er hat schon letztes Jahr hier gearbeitet.«

Ich krame in meinem Gedächtnis, um irgendeine mit diesem Typen verbundene Erinnerung hervorzuholen, aber da ist nur gähnende Leere. Keine Giovannis in meinen Sommern. Keine Giovannis in der Bar auf meinem Campingplatz. Doch das beunruhigt mich eigentlich nicht. Das letzte Jahr war nicht gerade das beste meines Lebens, kann schon sein, dass einige unwichtigere Dateien verloren gegangen sind bei dem Versuch, meine Vergangenheit ein wenig auszumisten.

001

Sieben

Nach dem ersten Tag, der dem Großreinemachen und den »Großen Arbeiten« gewidmet ist, beginnen die eigentlichen Ferien.

Der Animateur ist mir noch nicht über den Weg gelaufen, aber es kann ja sein, dass er erst später anreist. Von denen, die ich letztes Jahr kennengelernt habe und mit denen ich E-Mail, Handynummer und Heimatadresse ausgetauscht habe – man weiß ja nie –, hat sich fast keiner noch mal gemeldet, daher weiß ich nicht, ob sie dieses Jahr auch wieder da sind.

Die Einzige, die ich wirklich gern wiedergesehen hätte, kommt bestimmt nicht, das weiß ich leider genau. Sie ist mit ihren Freundinnen auf Sardinien.

Ein Urlaubstag läuft bei uns in etwa nach folgendem Schema ab:

  1. Weckerklingeln spätestens um halb neun – aber mein Vater ist schon seit sieben Uhr auf den Beinen.
  2. Allgemeiner Aufbruch mit dem Wagen, denn »wir gehen nicht an den Strand des Campingplatzes, wir suchen uns unser eigenes schönes Plätzchen am Meer.«
  3. Wir schlagen unsere Zelte an einem einsamen Strand auf, der nächste Sonnenschirm muss mindestens fünfzig Meter entfernt sein.
  4. Mittagessen auf jeden Fall am Strand mit Brötchen, die meine Mutter am Morgen belegt hat. Eine Bar – falls es uns tatsächlich an einen Strand verschlägt, wo es eine gibt – wird als unverschämt teurer Ort des Lasters und der Verschwendung angesehen.
  5. Der Nachmittag: ein Nickerchen unter dem Sonnenschirm und danach »entspannende« Freizeitbeschäftigungen: Sudoku, die »Rätselwoche«, Zeitung lesen und in Klatschzeitschriften blättern.
  6. Um halb sechs wird alles abgebaut, was sich inzwischen zu unserem Zweitlager entwickelt hat, und es geht ab nach Hause, damit man nicht an den Duschen Schlange stehen muss.

Am ersten Tag schaffe ich es wie durch ein Wunder, sämtlichen Familienstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Ich lasse mich auf keine ihrer Provokationen ein und beuge mich einfach tief über das Buch, das ich gerade lese: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Das hat mir Luca mitgegeben und dazu gemeint: »Wenn du merkst, dass du doch was Besseres zu tun hast, lass es liegen, lies nur ein paarmal den Titel, das ist sowieso das Beste an dem ganzen Buch.«

Leider habe ich nichts Besseres zu tun und ein Buch ist genau das Richtige, um die meditative Distanz zu meiner Familie aufrechtzuerhalten.

Deshalb rege ich mich gar nicht auf, als meine Mutter sich mit einem Eimer Sonnencreme Lichtschutzfaktor 140 hinter mir aufbaut. Ich gehe zweimal mit meinem Bruder ins Wasser und beantworte zwei Fragen eines teuflisch schweren Kreuzworträtsels richtig, die mein Vater laut vorgelesen hat, um mich auf die Probe zu stellen: die zwei Weltkriege, die Lateranverträge.

Einen Moment lang habe ich beinahe Spaß.

Doch um fünf Uhr ist meine Laune wieder im Keller und mir geht nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: noch ein ganzer Monat!

Sobald wir wieder auf dem Campingplatz sind, verzichte ich auf die so ersehnte freie Fahrt an den Duschen und begebe mich direkt in den sogenannten Freizeitraum, ein Kabuff neben der Rezeption mit zwei vorsintflutlichen Computern. Immerhin komme ich an den Windows Messenger.

Luca ist online.

Alice: Alice ruft Luca, Luca antworte, absoluter Notfall!!!

Luca: Ali!!! Hallo, ich bin in Kingston.

Alice: Die Hauptstadt von Jamaika?

Luca: Korrekt, sehr gut, also bist du doch am Lernen?

Alice: (gestreckter Mittelfinger)

Luca: Wie geht’s?

Alice: Ziemlich mies, danke. Ein Tag am Strand mit der Family, absolut tote Hose, der Campingplatz ist noch halb leer und das Durchschnittsalter liegt bei elf Jahren.

Luca: Wow, dann amüsierst du dich wohl? Hier bringt einen die Hitze um.

Alice: Luca, einen ganzen Monat so, das halte ich nicht aus, sag mir, was ich machen soll, denk dir was aus.

Luca: … (Nachdenklicher Smiley)

Alice: Luca? Bist du noch da?

Luca: Warte, ich denke nach.

Alice: Sehr gut.

Luca: Second Life.

Alice: Was?

Luca: Second Life, das ist die Antwort auf deine Probleme.

Luca verbringt den halben Tag vor dem Computer. Alles, was ich auf diesem Gebiet weiß, hat er mir beigebracht. Eine seiner letzten Entdeckungen ist Second Life, eine virtuelle Welt, in der man mit seinem persönlichen Avatar ein anderes Leben führen kann: eine Art zweites Ich, das sich durch eine virtuelle Welt bewegt, Freundschaften schließt, Kleidung kauft, auf Partys geht.

Doch in meiner derzeitigen Lage sehe ich wirklich nicht, wie mir Second Life helfen könnte.

Alice: Was hat Second Life damit zu tun? Ich will nicht den ganzen Tag vor dem Computer rumhängen.

Luca: Das hast du falsch verstanden, dein Second Life ist was anderes. Du sollst dir wirklich eine andere Identität aufbauen, einen Plan B aufstellen, zum Beispiel, dass du jede Menge liest, schreibst, jeden Tag ein paar Stunden am Computer sitzt, dir einen Platz suchst, wo du am frühen Abend abhängen kannst und versuchst, jemanden kennenzulernen …

Alice: Das klingt nicht sehr überzeugend.

Luca: Aber genau das ist es, nimm deinen Urlaub selbst in die Hand.

Alice: Und woher kommt dieser Optimismus? Das passt gar nicht zu dir …

Luca: Du hast mich doch gebeten, eine Lösung für dich zu finden, oder? Und die heißt: Second Life.

Alice: Na gut, ich denk heute Nacht drüber nach. Können wir das morgen noch mal bereden?

Luca: Wenn ich in Havanna einen Internetpoint finde.

Alice: Warst du nicht auf Jamaika?

Luca: Ja, aber ich reise ab, morgen bin ich auf Kuba. Ich will herausfinden, welches System besser ist, Kapitalismus oder Kommunismus.

Alice: Schick mir eine Postkarte, wenn du’s herausgefunden hast.

Luca: Bestimmt! Und was machst du morgen?

Alice: Wir werden uns wieder auf die Suche nach einem tollen Strand ohne Bar machen.

Luca: Aber will dein Vater denn nicht, dass du lernst?

Alice: … (Leuchtende Glühbirne)

Luca: Was heißt das?

Alice: (Lachender Smiley) Du hast mich auf eine Superidee gebracht!

Luca: (Fragender Smiley)

Alice: Wenn es funktioniert, erzähl ich es dir.

Luca: Na gut, ciao. (Winkendes Schaf)

Alice: (Winkender Panda)

Luca: (Bart Simpson, der einem den Hintern zeigt)

Alice: (Spuckendes Lama)

002

Acht

»Wieso bist du denn schon auf?«

Mein Vater ist völlig verblüfft. An diesem Morgen bin ich ganz von selbst um halb acht aufgestanden. Ich habe Kaffee aufgesetzt und das Frühstück vorbereitet. Das Second-Life-Projekt hat gerade erst begonnen und ich amüsiere mich jetzt schon.

Am liebsten würde ich antworten: »Morgenstund hat Gold im Mund.« Aber das wäre dann wohl doch etwas zu dick aufgetragen.

Also beschränke ich mich auf den Hinweis: »Ich mache mir einen Lernplan«, was vielleicht noch schlimmer ist.

Ihm verschlägt es die Sprache.

»Aha.«

Meine Mutter hat es gehört und lächelt erfreut über meine guten Vorsätze, die ihr weitere Streitereien mit ihrem Mann ersparen werden.

»Heute werde ich mir ein kleines Lernprogramm für diesen Monat zusammenstellen: Ich sehe alle Lehrbücher durch, suche die Themen raus und morgen geht’s los!«

An dieser Stelle mustert meine Mutter mich misstrauisch. Federico, der gerade aufgewacht ist und wohl nur meinen letzten Satz gehört hat, muss sich das Lachen verkneifen. Mein Vater zieht mit Handtuch und Zahnbürste bewaffnet von dannen, und es sieht beinahe so aus, als würde er sich dabei ständig umsehen, in der Erwartung, dass ihm gleich jemand an den Hals springt und schreit: »April, April!«

»Glückwunsch, Schwesterherz. Er hat es dir abgenommen.«

Mein Bruder ist begeistert von meinem Einfall. Er ist ganz klar der Hellste in der Familie, er hat sofort begriffen, was ich vorhabe.

»Was denn? Was hat er ihr abgenommen?«, fragt meine Mutter.

»Ach nichts, Ma, gar nichts«, antwortet mein Bruder und zieht sich schnell in den Wohnwagen zurück.

»Aber wie soll das gehen, Alice, willst du etwa die ganzen Bücher an den Strand mitnehmen?«

»Hmm, da muss ich mir wohl noch was überlegen, in der Zwischenzeit seh ich mal, was ich hier schaffe, bevor wir fahren.«

Aus dem Wohnwagen erschallt lautes Lachen und begleitet Mamas Abgang, die sich auf den Weg zu den Duschen macht, um mit meinem Vater zu »reden«. Meine Mutter ist nicht blöd. Sie braucht nur einen guten Vorwand, um sich auf meine Seite zu schlagen.

Und das ist einer.

Um neun Uhr fünfunddreißig winke ich dem Wagen meiner Eltern nach, die sich wieder auf die Suche nach irgendeinem sagenhaften Strand ohne Menschen und ohne Bar machen. Meine Mutter zieht dazu ein Gesicht, als würde ihr einziger Sohn in den Krieg gehen. Ich dagegen fühle mich, als hätte ich gerade das große Los gezogen. Ich freue mir zwar noch nicht »ein Rad ab«, aber ich bin schon auf dem besten Weg dorthin. Mein Vater hat mir versprochen, dass sie ein wenig früher zurückkommen werden, und er hat noch hinzugefügt: »Aber du bleibst wirklich hier, um zu lernen, du gehst doch nicht etwa an den Strand?«

Ich habe ihm versichert, dass er das am Abend mit eigenen Augen überprüfen könne, und er hat geantwortet, dass ich darauf Gift nehmen könnte. Wir haben uns noch ein paar nette Worte an den Kopf geworfen und uns dann verabschiedet.

Ich sehe mich um.

Seltsam.

Der Campingplatz scheint plötzlich größer geworden zu sein.

Ich schaue hoch, sehe die Zweige der Strandkiefern, die sich im Wind wiegen. Und ich bin beinahe sicher, dass sie gestern mindestens zwei Meter niedriger hingen. Ich wende mich dem Meer zu, das vom Zaun des Campingplatzes in lauter gleiche Karos aufgeteilt wird. Über Nacht muss sich der Horizont verschoben haben. An diesem Morgen wirkt das Meer unendlich weit. Der Wind zerzaust meine Haare und ein intensiver Salzgeruch bahnt sich durch meine Nase einen direkten Weg bis zu meinem Bauch und ich höre die Möwen schreien. Ich berühre mein Gesicht mit den Händen und habe den Eindruck, dass meine Haut sich glatter und kühler anfühlt.

Ich weiß nicht genau, was diese Gefühle bedeuten. Na ja, vielleicht beschreibe ich es ein wenig zu poetisch, aber genau so fühle ich mich eben. Wie jemand, der die ganze Zeit in einem Wandschrank schläft und eines Tages nach dem Aufstehen merkt, dass es auch ein Zimmer mit einem bequemen Bett gibt.

Und nein, ich habe keine Drogen genommen, nicht dass ich wüsste.

Während ich in diese Art Gefühlsverwirrung versunken bin, fällt mein Blick auf unseren Wohnwagen, auf den Tisch unter dem Vordach, auf die Kaffeetasse neben dem Stapel Bücher. Und alles ist sofort wieder wie vorher. Die Kiefern kehren an ihren Platz zurück, der Horizont wird wieder kleiner und der salzige Geruch wird von dem penetranten Duft nach Sonnencreme überdeckt.

»Alice!«, schreit plötzlich eine männliche Stimme hinter mir und übertönt damit noch meine letzte Sinnestäuschung (es gibt hier nämlich gar keine Möwen).

Der Animateur ist auf dem Campingplatz eingetroffen.

001

Neun

Aktualisierung des Second-Life-Projekts:

Punkt eins: Eine Stunde Internet (vorerst zurückgestellt)

Neuer Punkt eins: Dem Animateur auf nette und höfliche Weise klarmachen, dass ich nicht die Absicht habe, wieder was mit ihm anzufangen oder sonst irgendetwas anzustellen, das mit Körperkontakt verbunden ist.

Er ist offensichtlich wieder auf der Pirsch.

Das wird nicht leicht.

Er muss die letzten drei Monate im Fitnessstudio verbracht haben, denn er hat jetzt geradezu lächerliche Bizepse, Marke gedopter Superheld. Zum Ausgleich bekommt er jetzt Geheimratsecken, was mich vermuten lässt, dass das Fitnessstudio ein Versuch ist, sein durch den Haarausfall angeschlagenes Ego wieder aufzubauen. Und braun ist er auch schon, wahrscheinlich war er mindestens ein Dutzend Mal auf der Sonnenbank.

»Wie konntest du dich mit so einem einlassen«, brüllt mein verletzter Stolz innerlich auf.

Man muss mir allerdings mildernde Umstände zugestehen, die sich in drei Worten zusammenfassen lassen: Sonne, Herz und Liebe.

Sonne: Ich war seit drei Wochen im Urlaub und fühlte mich in Topform, schlank und braungebrannt.

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