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FRANCESCO GUNGUI

Ich mag dich
immer noch, wie
du bist

Liebe ist nicht die Antwort,
sondern die Frage.

Übersetzung aus dem
Italienischen von Barbara Neeb
und Katharina Schmidt

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Silvia

001

1  Luca

Was wäre, wenn die Welt jetzt unterginge? Wenn wir am Beginn einer neuen Eiszeit stünden? Ein Film darüber könnte mit folgender Szene beginnen: Ein junger Mann und eine junge Frau spazieren ganz friedlich Händchen haltend durch einen Park, sprechen über sich, über ihre gemeinsame Zukunft, ohne zu wissen, dass ihre Zeit abläuft. Obwohl in diesen Katastrophenfilmen die Personen ja meist noch rechtzeitig erkennen, dass das Ende der Welt gekommen ist, damit sie in den verbleibenden vierundzwanzig oder achtundvierzig Stunden noch schnell all das ausleben können, was sie sich bis dahin nie getraut haben.

»Luca, sagst du mir jetzt endlich, worüber du gerade nachdenkst?«, fragt mich Alice. »Und warum du mit mir hier in den Park wolltest?«

»Du weißt doch, ich rede nicht gerne im Sitzen.«

»Dann schieß endlich los, ich höre.«

»Was würdest du tun, wenn du erfahren würdest, dass die Welt untergeht?«

Alice verdreht die Augen und lächelt. Dann sieht sie mich kopfschüttelnd an. Sie weiß, dass ich nicht eher Ruhe geben werde, bis ich eine Antwort bekomme.

»Na ja … Ich denke, ich würde versuchen, die mir verbleibende Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe, das sagt doch jeder, oder? Aber was hat das mit dem zu tun, was du mir sagen willst?«

»Ach nichts, das war nur so ein Gedanke.«

»Na gut … Also, was gibt es Neues?«

»Ali, ich habe mich entschieden. Ich versuch’s.«

Wir schlendern um den kleinen See im Sempione-Park, einer meiner Lieblingsplätze in Mailand. Die Bäume verlieren schon ihre Blätter und ich frage mich gerade, warum zum Teufel die Enten nicht frieren, wenn sie den ganzen Tag auf dem kalten Wasser treiben.

Alice sagt nichts, sie schaut mir nicht in die Augen, sondern läuft einfach weiter. Doch ihr Händedruck lockert sich.

»Tut mir leid, aber das ist nun mal das, was ich machen will …«

Alice schweigt weiter und starrt auf den See, wo ein Kind ein paar Enten füttert.

»Du hast dich also entschieden?«, fragt sie mich, aber man sieht, dass sie tausend andere Gedanken im Kopf hat.

»Ja, ich denke schon. Ich habe es noch niemandem erzählt. Du bist die Erste.«

»Und wann erfährst du, ob du angenommen wirst?«

»Vielleicht im Februar … Und falls die mich wirklich nehmen, muss ich im Sommer wieder rüberfliegen.«

»Wie ist das denn mit den Unterlagen, mit dem Visum und all dem Kram? Und wo willst du wohnen?«, löchert sie mich weiter, aber man hört deutlich heraus, dass sie mir lieber andere Fragen stellen würde.

»Ich werde mir eine Wohnung mieten, ich habe schon eine Webseite mit einem Haufen Anzeigen gefunden. Und was das Visum angeht, da lass ich mir erst einmal ein Touristenvisum ausstellen. Das ist drei Monate gültig, und wenn ich an der Uni genommen werde, bekomme ich ein Studentenvisum.«

Alice lächelt bitter und schüttelt den Kopf, so wie immer, wenn sich ein trauriger Gedanke in ihrem Kopf breitmacht.

»Was ist?«, frage ich sie.

»Und wenn man dich nicht nimmt?«

»Wenn man mich nicht nimmt, komme ich zurück und schreib mich hier an der Uni für irgendwas ein. Aber ich will es zumindest versuchen. Ali, ich weiß, dass es nicht so einfach sein wird, aber du bist ja auch bald mit der Schule fertig und dann wird alles viel leichter, du kannst mich besuchen oder vielleicht auch dort studieren. Also, ich meine, du musst dich ja auch demnächst entscheiden, was du machen willst.«

»Ja, schon, aber ich habe nicht vor wegzugehen, außerdem hab ich noch keine Ahnung, was ich später mal machen will.«

»Genau deswegen sollten wir uns alle Möglichkeiten offenlassen. Besser, jeder geht seinen eigenen Weg und dann … dann wird uns schon was einfallen.«

»Luca, ich bin jetzt nicht das Problem, nicht einmal wir sind das Problem. Ich verstehe einfach nicht, warum du auf einmal deine Meinung so grundlegend geändert hast. Warum willst du so weit weggehen? Was bringt dir das? Du könntest doch genauso gut hier in Mailand studieren, oder?«

»Ich will aber nicht hier in Mailand bleiben, ich will nicht mal in Italien bleiben … Hier kotzt mich alles nur noch an, die Politiker, die Leute, einfach alles.«

»Was soll das denn jetzt? Was meinst du damit?«, fragt Alice, und ihre immer schriller werdende Stimme verrät mir, wie aufgeregt sie ist.

»All die bauernschlauen Bonzen, die sich immer irgendwie aus der Affäre ziehen können, die verkappten Nazis und Faschisten, dieses ganze leere Gewäsch … Ali, ich fange an, die Leute zu hassen … Ich weiß ja, dass es falsch ist, aber so ist es nun mal.«

Mir ist schleierhaft, warum sie bei meinen Worten lächeln muss, das beweist mir wieder einmal, dass ich wohl nie aus ihr schlau werde.

»Luca, vieles sehe ich ja genauso wie du, und außerdem … außerdem mag ich es, wie du die Dinge beim Namen nennst … Aber warum läufst du dann weg? Warum bleibst du nicht hier und versuchst, etwas zu verändern?«

»Ich laufe nicht weg, ich möchte nur etwas aus meinem Leben machen, etwas Schönes und Großes, und um damit anzufangen, möchte ich erst einmal fort von hier.«

»Und dazu musst du bis nach Amerika gehen? Und dort ausgerechnet Wirtschaft studieren? Das ist die Lösung? Ich begreif das nicht. Du hast doch immer gesagt, du wolltest … Du hast mit mir übers Filmen gesprochen, über Literatur, du hast dich für so viele Dinge begeistert. Warum hast du das jetzt alles über den Haufen geworfen? Das passt doch gar nicht zu dir.«

Alice bleibt stehen, und diesmal lässt sie meine Hand wirklich los. Sie starrt auf den See, als ob dort ein endloser Horizont wäre. Ein weiterer Entenschwarm schwimmt auf das Kind zu, das vom Ufer aus trockene Brotstückchen zu ihnen herüberwirft. Aber eine der Enten scheint sich überhaupt nicht für das Futter zu interessieren.

»Sieh mal, das da bist du«, meint Alice und deutet mit dem Kopf in Richtung der einzeln schwimmenden Ente. »Du hältst dich immer abseits. Du hast die Welt immer von außen betrachtet, und genau deswegen mochte ich dich, deswegen habe ich mich in dich verliebt. Ich war mir sicher, wenn du dich entscheidest, was du später mal werden willst, dann … Ach, ich weiß auch nicht, ich war mir sicher, du würdest dir etwas ganz Besonderes einfallen lassen, etwas, bei dem mir die Spucke wegbleibt. Stattdessen verhältst du dich wie die Enten, du bemerkst auf einmal, dass da ein Kind altes Brot ins Wasser wirft, schmeißt alles hin und versuchst krampfhaft, auch noch einen Brocken abzubekommen …«

»Ali, gerade weil ich nicht so werden möchte, will ich ja weg. Wenn ich hierbleiben würde, hieße das … Ach, schon gut, es ist sinnlos, nicht mal du verstehst mich.«

»Luca, ich versuche es ja, ich bemühe mich wirklich, aber das, was du vorhast, kommt mir so absurd vor. Du willst weg, du sagst, dass du fortmusst, und dann schreibst du dich für ein Wirtschaftsstudium in Amerika ein. Was bedeutet das? Willst du etwa Manager werden? Seit wann das denn?«

Alice verstummt und lässt den Kopf hängen. Das Handy in ihrer Tasche klingelt, aber sie ignoriert es. »Das Verrückteste ist ja, dass deine Eltern dich sogar in allem unterstützen würden, dass sie dir sagen, du sollst tun, was dir wirklich am Herzen liegt, und trotzdem willst du jetzt …«

»Verstehst du wirklich nicht, dass genau darin das Problem liegt? Begreifst du nicht, dass ich kein Leben will wie sie? Meine Eltern haben ihre Wahl getroffen, aber ich möchte selbst für mich entscheiden.«

»Du meinst also, davonlaufen wäre eine Entscheidung?«

»Ali, du willst es einfach nicht kapieren. Wenn du nur meine beste Freundin wärst wie früher, dann würdest du jetzt auf meiner Seite stehen.«

»Luca, ich bin immer noch deine beste Freundin … Aber wir sind auch zusammen, und wenn du jetzt beschließt, dass du fortgehen und in einem anderen Land leben möchtest, dann muss ich zumindest verstehen, warum. Wie stellst du dir eigentlich unsere Zukunft vor?«

001

2  Alice

»Also, machst du jetzt den ganzen Stress bloß wegen einer Fernbeziehung? Süße, wach auf, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert!«

»Ich weiß doch, aber das Beamen ist noch nicht erfunden!«

»Ali, es gibt Skype, es gibt Facebook, sogar Auslandsflatrates fürs Handy …«

»Na prima, dann ist ja alles bestens, damit hast du mich überzeugt. Meine Güte, wie blöd ich doch war, es gibt ja Facebook, wow, also wirklich, Mary …«

Der Cappuccino mit Mary in der Bar vor der Schule ist eines meiner Lieblingsrituale. Jeden Mittwoch, wenn ich in der ersten Stunde Religion habe, treffen wir uns um halb neun dort, um zusammen zu frühstücken. Sie bringt mich auf den neuesten Stand bei ihren Lovern und ich erzähle ihr meinen ganzen Ärger.

»Und außerdem gibt es auch noch die Billigflieger, es ist ja nicht so, dass ihr euch nie mehr sehen würdet.«

»Bloß dass ich noch zur Schule gehe und mich nicht einfach ins Flugzeug setzen kann, wenn mir danach ist.«

»Also hat er sich wirklich entschieden?«, fragt sie mich und gibt vorübergehend auf, mich davon überzeugen zu wollen, dass »Fernbeziehungen das Schönste auf der Welt sind«.

»Ja, heute will er mit seinem Vater darüber reden. Ich kapier einfach nicht, warum er seine Meinung so grundlegend geändert hat. Da muss doch was passiert sein.«

»Aber man kann doch auch seine Meinung ändern, ohne dass groß was passiert sein muss, oder nicht?«

»Ja, klar kann man das, aber wenn jemand von einem Tag auf den anderen beschließt, genau das Gegenteil von dem zu tun, was er bis dahin vorgehabt hat, dann darf man doch wohl ein wenig misstrauisch werden, oder?«

»Süße, ihr zwei seid aber auch schwierig.«

Wir schweigen ein wenig vor uns hin, während zwei Männer in Anzug und Krawatte die Bar betreten und zur Theke eilen. Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen, dunkelgrauer Einreiher, braune Schuhe, beide leicht übergewichtig. Als sie beide gleichzeitig ihre schwarzen Miniknirpse schließen, komme ich mir vor wie beim Synchronschwimmen. Ich versuche mir Luca, meinen Luca, vorzustellen, mit ein paar Kilos mehr auf den Rippen und ein paar Haaren weniger auf dem Kopf, und natürlich in Anzug und Krawatte. Nein, das geht gar nicht.

»Was hast du?«, fragt mich Mary. Ich muss wohl das Gesicht verzogen haben.

»Ich will nicht, dass Luca so wird«, sage ich und deute mit dem Kopf in Richtung der beiden Geschäftsmänner.

Mary dreht sich zu ihnen um, aber sie starren bereits in unsere Richtung. So aus dem Augenwinkel, während sie sich weiter unterhalten, als ob nichts wäre … Nun ja, man muss zugeben, dass Mary eigentlich immer auffällt. Heute trägt sie ein weißes T-Shirt mit einem tiefen Ausschnitt, der auch noch durch eine Perlenkette betont wird, während ihre schlanken Beine unter dem Tisch in schwarzglänzenden Seidenstrümpfen stecken. Theoretisch wäre dazwischen noch ein Minirock, aber der ist praktisch nicht vorhanden. Wenn sie nur ein Mal mit den Wimpern klimpert, drehen sich zehn Jungs um. Wenn ich möchte, dass sich zehn Jungs nach mir umdrehen, dann muss ich mich schon kopfüber vom Tresen stürzen.

»Und außerdem bin ich nicht der Typ für Fernbeziehungen!«, sage ich laut, um die Situation zu verdeutlichen.

»Ich schon …«, meint Mary mit einem anzüglichen Grinsen. »Hmm, eine Beziehung über die Webcam … Weißt du, was sich damit so alles anstellen lässt?«

»Was denn zum Beispiel?«

Mary antwortet nicht, sie zwinkert mir nur vielsagend zu.

»Du denkst doch nicht etwa, was ich denke, dass du denkst …«, wage ich einzuwenden, obwohl ich weiß, dass es haargenau so ist.

»Oh Mann, Alice, du bist wirklich eine prüde Betschwester«, zieht sie mich auf.

»Also, deiner Meinung nach soll ich vor der Webcam strippen?«

»Warum denn nicht?«

»Warum nicht? Ich bin doch nicht du! Wenn ich du wäre, würde ich so was tun, aber da ich nun mal ich bin …«

»… wirst du ihm einfach immer wieder sagen, wie sehr er dir fehlt und wie sehr du ihn liebst …«

»Oh ja, super, und ab und zu breche ich schluchzend vor dem Bildschirm zusammen oder lege gelegentlich eine Eifersuchtsszene hin.«

Mary trinkt den letzten Schluck Cappuccino. Dann schaut sie mich ganz ruhig an, und das ist bei ihr immer sehr besorgniserregend.

»Wovor hast du eigentlich Angst?«, fragt sie mich.

Richtig, wovor eigentlich?

Ich habe Angst, dass Luca eine wunderschöne fremde Frau trifft und mit ihr ins Bett steigt, ich habe Angst, dass er ein anderes Leben entdeckt, das ihm wesentlich amüsanter und aufregender erscheint, sodass er sein altes Leben in Mailand bloß noch als langweilig und lästig empfindet. Ich habe Angst, dass er mich vergisst, dass die Vertrautheit zwischen uns verfliegt, dass unsere Wege sich trennen. Ich habe Angst, dass wir uns durch diesen Schritt für immer voneinander entfremden.

»Ich habe Angst, ihn zu verlieren«, gebe ich zu.

»Ali, Luca ist in dich verliebt, wie lange seid ihr jetzt schon zusammen?«

»Zwei Jahre.«

»Zwei Jahre?«, wiederholt sie fast ungläubig.

»Wir sind vorletzten Sommer zusammengekommen, also ja, etwas mehr als zwei Jahre.«

»Und da hast du noch Zweifel?«

»Ich zweifele nicht an uns, aber ich habe Angst, dass irgendetwas passiert, dass das Ganze so nicht funktioniert. Und außerdem weißt du doch, dass unsere Beziehung immer reichlich chaotisch war …«

»Weil ihr beide chaotisch seid! Genau deswegen liebt ihr euch ja …«

001

3  Luca

Als ich am Restaurant ankomme, ist der Vordereingang noch verschlossen. Deshalb gehe ich auf die Rückseite des Gebäudes, um den Weg durch die Küche zu nehmen. Im Hinterhof treffe ich Ahmed, den marokkanischen Hilfskoch, der gerade eine Zigarettenpause macht. Neugierig schaut er mich an.

»Ist mein Vater da drinnen?«, frage ich, obwohl mir das klar ist.

Er nickt bestätigend und deutet dann wortlos mit dem Kopf Richtung Küche.

Als ich den Hintereingang öffne, schlägt mir sofort der Geruch von angebratenem Fleisch entgegen. Wie zu Hause, wenn mein Vater für die ganze Familie kocht.

Er steht am Herd und hat alle Hände voll zu tun. Erfreut lächelt er mir entgegen, während er die Griffe von zwei großen Aluminiumpfannen hält, in denen verschiedene Fleischstücke vor sich hin brutzeln. Im Hintergrund krächzt das Radio.

»Ah, mein Sohn!«, ruft er, als er mich in der Tür sieht. »Was verschafft mir die Ehre?«

»Ich muss mit dir reden«, verkünde ich und ermahne mich innerlich, ganz ruhig zu bleiben und mich darauf zu beschränken, ihm meine Entscheidung mitzuteilen.

Er lässt die Pfannen los, trocknet sich die Hände an einem Lappen ab, kneift die Augen zusammen und sieht mich besorgt an.

»Was ist passiert?«

»Gar nichts«, antworte ich, obwohl ich weiß, dass das nicht stimmt. »Ich hab mich entschlossen, es jetzt doch zu versuchen.«

In dem Moment lodert eine Stichflamme am Herd auf, die die ganze Aufmerksamkeit meines Vaters für sich beansprucht. Er schiebt mit einer knappen Bewegung eine Pfanne fort und dreht das Gas niedriger. Als er sich wieder zu mir umdreht, steht ihm die Enttäuschung deutlich ins Gesicht geschrieben. Leider erinnert mich das sehr an Alices Reaktion, als ich ihr von meinen Absichten erzählt habe.

»Ich dachte, du würdest es dir noch mal überlegen«, sagt er. »Wir hatten doch lange darüber geredet … und du hattest dich doch mit meinem Freund unterhalten, der in diesem Verlag arbeitet …«

»Du hattest darüber geredet«, falle ich ihm heftig ins Wort. »Und was hat dein Freund damit zu tun?«

»Nein, ist schon gut, entschuldige, du weißt doch, dass ich dich nicht beeinflussen möchte. Ich meine ja bloß, ich an deiner Stelle hätte es mir noch mal überlegt.«

»Ich habe es mir überlegt. Und eine Entscheidung getroffen.«

»Vielleicht hast du das alles noch nicht richtig durchdacht«, fährt er fort, während er die Fleischstücke heraushebt und sie alle in einen großen Topf gibt. In den Pfannen bleiben kleine Inselchen aus dunklem Bratensatz zurück.

»Pa, ich weiß, dass du dich anders entschieden hättest, aber es ist das, was ich machen will.«

»Ich will gar nichts, Luca, außer, dass du das tust, was du für richtig hältst.«

Und damit wären wir wieder beim Thema: Ist es richtig, das zu tun, was man will, ohne Rücksicht auf die Folgen? Oder sollte man lieber zuerst an die Folgen denken, auch wenn das bedeutet, dass man seine Träume opfern muss?

»Ich möchte bloß nicht, dass du es hinterher bereust«, fährt er fort und gießt reichlich Rotwein auf den angesetzten Bratenfond. Mit einem Holzlöffel löst er die Reste. Ich habe ihn das schon Tausend Mal machen sehen und weiß trotzdem nie, wozu zum Teufel das gut sein soll.

»Du bist wie immer eine große Hilfe«, sage ich in einem Tonfall, den er so nicht von mir kennt. Und tatsächlich starrt er mich bestürzt an.

»Was meinst du damit?«, fragt er mich und hört sogar zu rühren auf.

»Ich meine, dass mir deine Worte bis hierhin stehen, dass ich die Schnauze voll habe von all dem Gelaber und den sogenannten vernünftigen Argumenten, die du anführst, und die alle falsch sind.«

»Luca, ich begreife nicht, warum du jetzt einen solchen Ton anschlägst und warum du mir das alles erzählst.«

»Ach, hier geht es doch nicht um den Ton. Du kapierst einfach nicht, dass ich eine Entscheidung getroffen habe. Und du hast nichts Besseres zu tun, als mir zu sagen, dass ich einen Fehler mache.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber das denkst du!«

»Ach, verdammt, Luca, was soll ich denn tun, wenn ich deine Entscheidung nicht nachvollziehen kann? Wenn ich den Eindruck habe, dass du all deine Träume aufgibst …«

»Meine Träume sind mir scheißegal!«, erwidere ich laut und mache damit meine guten Vorsätze zunichte. »Ich hab die Schnauze voll von diesem Gelaber …«

»Luca, du kannst reden, wie du willst, und ich habe meine Art, dir etwas mitzuteilen. Lass uns doch versuchen, ruhig zu bleiben.«

Mit diesen Worten dreht er das Gas unter den Pfannen aus. »Luca«, setzt er von Neuem an, »ich denke bloß, dass ich ein paar Jahre älter bin als du und deswegen auch ein wenig mehr Erfahrung habe. Ich habe vor vielen Jahren dasselbe durchgemacht wie du. Ich habe damals genauso meine Entscheidungen getroffen, und deshalb meine ich, dass ich dir einen guten Rat geben kann.«

»Und was für Entscheidungen hast du getroffen? Du hast Philosophie studiert, bist um die Welt gereist, hast getan, was du wolltest und mit dreißig zwei Bücher geschrieben. Und dann? Dann kam nichts mehr. Jetzt arbeitest du als Hilfskoch und das Geld reicht hinten und vorne nicht. Du hast deine Träume verfolgt? Toll, aber wenn so etwas dabei herauskommt, dann möchte ich das nicht. Ich hab keine Lust auf so ein Leben. Ich will nicht so leben wie du!«

Ein paar Sekunden lang sagt mein Vater kein Wort. Er starrt nach unten und presst die Lippen fest aufeinander. Ich werde nicht schlau aus seiner Miene und kann nicht sagen, ob darin Wut oder nur Enttäuschung liegt, aber mit einem Mal bereue ich meine Worte. Ich bin zu weit gegangen.

»Also, Pa, warte, was ich eigentlich sagen wollte …«

»Mach doch, was du willst«, fährt er mir mit rauer Stimme über den Mund. »Aber frag mich nie mehr um Rat. Triff deine Entscheidungen selbst. Ich will nichts mehr davon hören.«

001

4  Alice

»Luca, hast du deine Wollmütze eingepackt? Weißt du, in San Francisco ist es ganz schön kalt.«

»Hab ich, hab ich.«

»Wenn du da bist, schick mir unbedingt eine SMS, um mir Bescheid zu geben, dass du gut angekommen bist, bitte vergiss es nicht.«

»Sobald ich aus dem Flugzeug steige, schick ich dir eine.«

»Und was wirst du dort drüben essen? Du kannst doch nicht jeden Tag zu McDonald’s gehen.«

»Warum nicht?«

»Komm schon, Luca, jetzt sei ein Mal ernst, was wirst du essen?«

»Eigentlich habe ich gedacht, ich faste, bis ich zu Weihnachten wieder nach Italien komme, da stopfen wir uns doch ohnehin voll.«

Der große Tag ist da. In einer guten Stunde geht sein Flugzeug und um allen Missverständnissen vorzubeugen, sollte ich besser gleich sagen, dass ihm seine Mutter diese letzten guten Ratschläge vor der Abreise erteilt, nicht etwa ich. Sie hat Luca ebenfalls zum Flughafen begleitet, zusammen mit Lucas kleiner Schwester, die allerdings nicht so recht begriffen hat, was hier gerade vor sich geht. Sein Vater musste arbeiten, aber ich fürchte, dass das nicht der einzige Grund für seine Abwesenheit ist.

»Mama, lässt du uns bitte mal zwei Minuten allein?«

Seine Mutter schaut ihn mit tränenfeuchten Augen an, auf ihrem Gesicht zeichnet sich tiefe Trauer ab.

»Mama, ich zieh doch nicht in den Krieg! Dafür hatte ich mich zwar auch beworben, aber da war nichts zu machen, von daher …«

Sie lässt ihn den Satz nicht beenden, sondern umarmt ihn heftig, während seine kleine Schwester die Szene gleichgültig verfolgt.

Endlich verschwinden die beiden und wir sind allein.

»Dann tschüs, du Idiot.«

»Warum Idiot?«

»Weil du bis zum letzten Moment den Clown spielst.«

»Du weißt doch, dass ich dieses ganze Getue nicht mag.«

»Oh Mann, du nervst.«

»Willst du mich jetzt etwa beleidigen?«

»Na klar, ich will schon mal vorlegen.«

»Wofür?«

»Für all die Male, wo du mich nicht anrufen wirst, wo du nicht sofort auf meine SMS antwortest oder mich zur Weißglut treibst, weil du mich sturzbetrunken von einer Party anrufst und mir sagst, dass du einen Riesenspaß hast …«

»Ach so, das weißt du jetzt schon?«

»Schwör mir, dass du keinen Spaß haben wirst. Schwör mir, dass dich alles anöden wird und dass du abends zu Hause sitzen und laut heulend meinen Namen rufen wirst.«

»Wirklich, das ist unglaublich, genau das wollte ich gerade sagen.«

»Wir beide können wohl niemals ernst bleiben, hm?«

Schweigend schauen wir einander in die Augen.

Wir haben uns wieder versöhnt. Wir haben nicht mehr über die Gründe für seine Entscheidung gesprochen. Ich wollte nicht, dass wir uns im Zorn voneinander verabschieden. Daher habe ich alles beiseitegeschoben und mich nur auf die Tatsache konzentriert, dass wir uns lieben, dass wir glücklich und ein Paar sind. Außerdem wird er Weihnachten wiederkommen, vielleicht hat er es sich ja bis dahin anders überlegt oder er wird gar nicht genommen … Es ist also völlig sinnlos, sich jetzt schon Sorgen zu machen.

»Ciao, mein Schatz«, sagt er schließlich. Dann umarmt er mich, küsst mich. Eine Weile bleiben wir so stehen, die Münder aufeinandergepresst, und bewegen uns nicht. Ich möchte diesen Druck seiner Lippen auf meinen mit nach Hause nehmen, diesen Geschmack. Jetzt komme ich mir wirklich wie eine von den Frauen vor, deren Verlobter an die Front zieht.

»Schick mir eine SMS, sobald du angekommen bist«, sage ich und unterdrücke meine Rührung. »Und denk an die Wollmütze.«

Nach einem letzten Blick entfernt sich Luca Richtung Gate. Ich sehe, wie er in das Labyrinth der Absperrungsbänder einbiegt, die zur Sicherheitskontrolle führen. Und in dem Moment höre ich einen Schrei.

»Lucaaa!«, quiekt ein schrilles Stimmchen hinter mir. Seine kleine Schwester.

»Lucaaa!«, brüllt sie erneut. Dann reißt sie sich von der Hand ihrer Mutter los und läuft zu ihm. Sie schlüpft unter den Bändern hindurch und stürzt sich heulend auf ihn. Er beugt sich hinunter und nimmt sie mit einem beruhigenden Lächeln in seine Arme. Ich schaue erst zu ihm, dann zu seiner Mutter, die die ganze Szene stumm aus der Entfernung beobachtet. Okay, er zieht nicht in den Krieg, schon gut, aber was macht das für einen Unterschied? Ich werfe meine Selbstachtung über Bord und laufe zu Luca, oder besser gesagt, zuerst gehe ich und dann falle ich plötzlich in einen merkwürdigen Trott, da mir zum Rennen doch der Mut fehlt. Ich schlinge ebenfalls meine Arme um ihn und so bleiben wir zu dritt stehen.

»Schwör mir, dass du dich nicht veränderst«, flüstere ich ihm ins Ohr. »Ich will nicht, dass du dich änderst.«

»Alice, ich werde immer ich selbst bleiben, ganz egal, was ich tue.«

001

5  Luca

Die Räder des Flugzeugs berühren den Boden, als ich das letzte Wort in meinem Buch lese. Ich liebe solche Zufälle. Sie lassen alles so perfekt und schön geordnet erscheinen. Wenn ich jetzt aus dem Flugzeug steige, wird sich eine zufällig vorbeikommende Möwe in meinem Anorak verfangen, sich schwerfällig flatternd mit mir über die Stadt erheben und mich dann in meiner neuen Wohnung absetzen, wo das Pfeifen des Wasserkessels mir ankündigt, dass der Tee fertig ist.

»Goodbye«, sagt die Stewardess, als ich beim Aussteigen an ihr vorbeikomme, und lächelt mir zu.

Als ich die Haupthalle des Flughafens betrete, schlägt mir sofort ein Mix aus Gerüchen, Geräuschen, Stimmen und Lichtern entgegen, der mich anfangs ganz benommen macht. Aus den Lautsprechern sagt eine metallische Stimme schnarrend die Flüge an und gibt noch andere Informationen, die ich besser als erwartet verstehen kann, obwohl sich die Aussprache doch deutlich von der britischen unterscheidet, die ich bei meinen Sprachaufenthalten während der Sommerferien gelernt habe.

Suchend sehe ich mich um, bis ich ein Hinweisschild zur U-Bahn entdecke und beschließe, erst einmal in die Richtung zu gehen.

Ich steige in einen halbleeren Waggon. Eigentlich kein Wunder, da die Linie im Flughafen beginnt, doch an der ersten Station füllt sich der Zug bereits. Auf der Fahrt zum Union Square schreibe ich die beiden SMS an meine Mutter und an Alice und beobachte gleichzeitig staunend die ethnische Vielfalt der Passagiere um mich herum. Doch am meisten wundere ich mich darüber, wie jung die meisten von ihnen sind, das Durchschnittsalter scheint bei knapp dreißig Jahren zu liegen.

Das Erste, worüber ich beim Verlassen der U-Bahn stolpere, ist ein Penner, der mich um Geld anschnorrt. Es ist ein junger Kerl, etwa in meinem Alter, und er scheint mir, wie soll ich sagen, kein Verzweifelter zu sein, sondern eher ein Ausreißer. Ich sage bloß: »No, I’m sorry«, und er hakt nicht weiter nach. Doch kaum zwei Schritte weiter wiederholt sich die Szene mit zwei Punkmädchen, die einen riesigen Hund dabeihaben. Wieder sage ich: »No, I’m sorry«, und die zwei gehen weiter, eine lächelt sogar, als hätten sie mich nach der Uhrzeit gefragt und ich hätte ihr freundlich geantwortet: »Aber gern, es ist Viertel nach zwölf.«

Ich schaue hoch.

Und sehe mich um.

San Francisco entspricht genau den Bildern, die ich bei Google gefunden habe. Da sind die furchtbar steilen Straßen zwischen den Häuserschluchten, die Wolkenkratzer, die die Skyline der Stadt bilden, und irgendwo, auch wenn ich sie im Moment nicht sehen kann, wird bestimmt auch die Golden Gate Bridge sein.

Verfluchtes Internet … Wenn ich morgen in die Sahara aufbrechen müsste, würde ich bei der Ankunft bestimmt das Gleiche denken: »Ach ja, der Sand, die Kamele, alles so, wie ich es kenne.«

Im Internet stand allerdings nichts davon, dass die Stadt vollständig im Nebel versinkt, was mich zunächst etwas verblüfft. Nicht wegen des Nebels an sich (den kenne ich aus Mailand nur zu gut), aber ich war davon überzeugt, dass in Kalifornien ständig die Sonne scheint und alle in Badeklamotten und mit einem Surfbrett unterm Arm herumlaufen.

Als ich gerade auf dem Fahrplan nachsehe, welcher Bus wohin fährt, hält direkt vor mir eine orangefarbene Straßenbahn, die genauso aussieht wie unsere in Mailand. Ich wundere mich noch über den Zufall, da fällt mir das Logo meiner Heimatstadt ins Auge und ich lese zu meiner völligen Verblüffung, dass auf einer der Türen »Einstieg« und auf der anderen »Ausstieg« steht.

Auf Italienisch.

Okay, ich habe anscheinend das falsche Flugzeug genommen.

Und ich bin nicht nur nicht in San Francisco angekommen, sondern offensichtlich immer noch in Mailand. Gut, in einem etwas anderen Mailand mit ein wenig mehr Sonnenschein und mehr Obdachlosen, als ich das in Erinnerung habe (zugegebenermaßen sehr freundlichen und besonders jungen Obdachlosen), aber ich sage mir, das kann ja wohl nicht das legendäre San Francisco sein. Und falls doch, muss ich feststellen, dass es hier nicht viel anders aussieht als in einem tristen Vorstadtviertel meiner Heimatstadt.

Ich beschließe, diese merkwürdigen ersten Eindrücke zu ignorieren und besteige mit meinem großen Koffer einen Bus nach Castro. Auch hier scheint keiner älter als dreißig zu sein.

Ein paar Haltestellen lang folgt der Bus der Market Street, dann biegt er in eine kurvenreiche, steil ansteigende Straße ein (obwohl die Steigung nicht ganz so steil ist wie auf den Fotos im Internet). Sofort ändert sich die Umgebung komplett. Die hohen Gebäude der Stadtmitte (inzwischen habe ich bemerkt, dass ich tatsächlich im Zentrum war) weichen niedrigeren, heruntergekommenen Häusern mit höchstens zwei oder drei Etagen, in deren Erdgeschoss meist merkwürdige Läden untergebracht sind und deren Fenster mit bunten Plakaten zugepflastert sind.

Endlich erreiche ich mein Ziel: Clayton Street 1421, ein ramponiertes Wohnhaus, dessen einziger »Schmuck« mehrere Satellitenschüsseln und Aufputzleitungen sind. Die Haustür steht offen, daher gehe ich hinein und hoch in den dritten Stock. Dort gibt es nur eine Tür, ich kann mich also nicht irren. Ich klingele. Die Tür öffnet sich sofort, als hätte dahinter schon jemand mit der Hand auf der Klinke gewartet.

»Hi guy!«, ruft ein Typ um die dreißig mit einem fetten Joint zwischen den Lippen. »Luca?«, meint er fragend und deutet mit dem Zeigefinger auf mich.

»Freut mich«, sage ich und strecke die Hand aus, die er entsetzt anstarrt, als wäre es eine Schlange, die mir zufällig aus der Schulter gekrochen ist.

»Okay, fly in, I’ll show you your nest«, sagt er, wobei er die Worte so zusammenzieht, als wäre es ein einziges.

Flieg rein, ich zeige dir dein … Nest? Heißt »nest« wirklich Nest?

Während ich versuche, seine Geheimsprache zu enträtseln, fängt er an, mit seinen Händen einen fliegenden Vogel nachzuahmen und laut lachend vor mir durch die Wohnung zu flattern. Ich hatte also doch richtig verstanden, und darüber bin ich richtig erleichtert. Wie schon am Flughafen brauche ich immer ein wenig, um das Gehörte zu verarbeiten, aber dann verstehe ich es doch richtig.

Die Wohnung besteht aus einer stinkenden Miniküche mit kaputten Fliesen und einem verrosteten Kochfeld, einem Bad, das kaum größer ist als eine Duschkabine, und einem Zimmer mit auffälligen Stockflecken an den Wänden. Außerdem befinden sich darin ein Bett, ein Kleiderschrank und eine Fenstertür, die auf einen Balkon führt, wo mehrere Töpfe voll Erde stehen, doch Pflanzen sind keine zu sehen.

Die Fotos im Internet waren deutlich einladender.

Plötzlich springt eine Katze aufs Bett und starrt uns an.

»Das hier ist Luca«, sagt der Typ zu der Katze. »Er wird sich um dich kümmern.«

Die Katze macht »Miau«, was aber wie ein »Geht klar« klingt.

»Außerdem musst du die Pflanzen gießen«, fügt er hinzu. »Zweimal die Woche.«

»Okay, aber … welche Pflanzen?«

Der Kerl starrt mich an und nickt mehrmals, während er Rauch ausstößt.

»Die Pflanzen«, meint er und wird plötzlich leiser, »werden schon wachsen.«

Die Miete für die erste Woche lässt der Typ sich gleich in bar geben, dann sagt er »Bis bald« und verschwindet, wobei er wieder mit den Händen durch die Wohnung flattert.

Ich setze mich aufs Bett neben die Katze, schaue mich um und versuche mir vorzustellen, wie man das Zimmer verschönern könnte. Also, wenn man vielleicht die Wände neu streicht … oder die Möbel verbrennt …

Aber was soll’s, ich bin in San Francisco, sage ich mir. Wen schert es da schon, dass die Wohnung ein mieses Loch ist.

Noch während ich diesen tröstlichen Gedanken formuliere, spüre ich, wie unter mir der Fußboden erzittert. Ein langes Beben, gefolgt von ein paar Trommelschlägen und zwei Pfiffen. Ich lausche dem Ganzen mehrere Sekunden lang, bis es wieder still wird. Dann stehe ich vom Bett auf und gehe ans Fenster, aber ich sehe nichts Auffälliges, nur den Typen, der mir die Wohnung vermietet hat und jetzt in einen quietschbunten Lieferwagen steigt und unter grauen Rauchwolken davonbraust.

Plötzlich bebt der Boden wieder, gefolgt von Trommelschlägen und dem Klingen eines Beckens, in das sich schließlich ein Akkord von einer verstimmten Gitarre mischt.

001

6  Alice

Ich werde immer ich selbst bleiben, ganz egal, was ich tue. Diese Worte, die Luca mir zum Abschied mitgegeben hat, gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Stimmt das? Stimmt das wirklich?

Ein Klempner, der einen Roman schreibt, bleibt immer noch ein Klempner, ein Bäcker, der mit seinem Enkel in den Park geht, wird nicht auf einmal zum Babysitter und ein Journalist, der eine Wand streicht, wird kein Malermeister. Obwohl … Okay, jetzt ist es amtlich, Luca ist nicht mal einen Tag weg und schon fange ich an durchzudrehen.

Er hat mir eine SMS geschickt, als er angekommen ist.

Darin schreibt er, dass alles in Ordnung ist und er heute Abend versuchen wird, mich über Skype anzurufen. Ich muss gestehen, dass ich es kaum erwarten kann, seine Bleibe zu sehen. Ich habe sie mir schon bis ins kleinste Detail ausgemalt: ein großes Loft mit freiliegenden roten Ziegelmauern, eine Säule in der Mitte des Raums, eine breite Fensterfront, die auf eine abschüssige Straße geht und durch die man im Hintergrund den Strand sieht. Eine offene Kochnische, gedämpftes Licht und nebenan natürlich ein schwuler Nachbar.

Ich bin noch ganz in diese Gedanken versunken, als ich kurz vor acht heimkomme, wie jeden Tag, denn bei mir zu Hause herrschen eiserne Regeln, was die Essenszeiten betrifft. Doch als ich die Tür öffne, merke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. In der Wohnung herrscht vollkommene Stille, und vor allem riecht es nicht so, als käme hier gleich eine leckere Mahlzeit auf den Tisch.

Alle Türen zum Flur sind geschlossen, und man hört bloß eine erregte Stimme aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Mitten im Flur steht meine Mutter, sie hat die Augen geschlossen.

Ich lasse meine Tasche fallen und laufe schnell zu ihr.

»Was ist denn hier los?«, frage ich.

Ich habe den Satz noch nicht beendet, da wird die Stimme im Schlafzimmer plötzlich lauter. Das ist mein Vater, er brüllt, aber ich kann nicht verstehen, worüber er spricht.

»Mama, jetzt sag schon, was ist passiert? Ist etwas mit Federico?«

Sie schüttelt den Kopf, und genau in dem Moment öffnet sich die Tür von Federicos Zimmer und er erscheint mit diesem erstarrten Gesichtsausdruck, den er immer aufsetzt, wenn er keine Gefühle zeigen will.

»Papa hat keine Arbeit mehr«, sagt meine Mutter mit zusammengepressten Lippen.

»Was? Wie das denn? Einfach so, Knall auf Fall?«

»So Knall auf Fall war das nicht, wir haben bloß nicht mit euch darüber gesprochen. Jetzt ist es offiziell.«

»Was heißt das, ihr habt nicht darüber gesprochen? Aber man kann ihn doch nicht einfach so fortschicken, das können die doch nicht …«

»Die können alles, Alice. Die Fabrik steht kurz vor dem Konkurs und im Moment weiß niemand, wie es weitergeht.«

Im Schlafzimmer brüllt mein Vater weiter herum und diesmal kann ich einige Worte verstehen: Entlassung, Arbeitsamt, Produktionsverlagerung, »alle nach Hause geschickt« und unendlich viele »die können mich mal«.

»Ich kann doch mit anpacken«, sagt Federico. »Ich such mir einen Job …«

Meine Mutter schüttelt den Kopf. Für einen Moment erinnert mich diese Bewegung an Lucas Mutter und ich muss darüber nachdenken, wie Schmerz ein Gesicht doch immer auf die gleiche Weise verzerrt, auch wenn die Ursachen unterschiedlich sind. Ich frage mich, wo der Schmerz endet, den man jemandem nicht ansieht.

»Du musst zur Schule«, sagt meine Mutter.

»Ich bin vierzehn, ich kann arbeiten gehen.«

»Nein, das kannst du nicht!«, antwortet meine Mutter scharf. »Papa wird eine andere Stelle finden, und zwar bald, das ist noch nicht das Ende der Welt.«

Ich kann ihr nicht glauben, denn sie strahlt etwas ganz anderes aus, als ihre beruhigenden Worte vermitteln sollen.

»Mama, er findet doch eine neue Stelle … oder?«

Meine Mutter sagt darauf nichts und ich fürchte, genau das ist die passende Antwort.

In dem Augenblick kommt mein Vater aus dem Schlafzimmer. Sein Gesicht ist angespannt und gerötet.

»Kinder«, sagt er mit brüchiger Stimme, »ab heute wird sich einiges ändern.«

»Was haben sie dir gesagt?«, fragt meine Mutter.

»Einen Scheißdreck haben sie mir gesagt«, erwidert er und wird wieder laut. Das passiert sonst nie, und normalerweise benutzt er auch keine Kraftausdrücke. Federico weicht ein paar Schritte in Richtung Zimmertür zurück, während ich das Ganze bestürzt beobachte.

»Schatz, weißt du, du wirst schon sehen …«, stammelt meine Mutter, aber er hört ihr nicht mehr zu. Er läuft an mir vorbei, schnappt sich seinen Mantel von der Garderobe und geht Richtung Wohnungstür.

»Ich gehe in die Fabrik«, sagt er kopfschüttelnd eher zu sich selbst als zu jemand anderem. »Himmelherrgott …«

»Jetzt warte mal, erklär es mir doch«, beharrt meine Mutter und versucht erfolglos, ihn zurückzuhalten.

So bleiben wir stumm und starr zu dritt zurück. Federico wirkt geschockt, während mir tausend Gedanken durch den Kopf wirbeln. Mein Vater ist nicht der Erste und bestimmt nicht der Letzte, der seine Arbeit verliert. In letzter Zeit ist das vielen Leuten passiert, die ich kenne: Freunden meiner Eltern, Verwandten, den Eltern unserer Mitschüler. Im Fernsehen geht es doch nur noch um die Wirtschaftskrise und man hört von Tausenden solcher Schicksale. Ich weiß, das ist idiotisch, aber ich habe immer geglaubt, diese Geschichten würden mich nie betreffen.

Ich werde mir einen Job besorgen, denke ich. Federico kann nicht arbeiten, ich schon. Dann bin ich eben eine Schülerin mit Nebenjob, was ist schon dabei? Das tun doch viele. Man kann wunderbar weiter lernen, auch wenn man nebenbei arbeitet. Das ist zwar anstrengend, stimmt, aber es geht. So wie man gleichzeitig Schriftsteller und Klempner, Journalist und Anstreicher sein kann oder wie Luca, mein Luca, der gesagt hat, dass er mal auf einem Bauernhof leben und einen Film drehen und eine Trattoria aufmachen wird und dann beschließt, vernünftig zu werden und Wirtschaft zu studieren. Oder nicht?

Während mir das alles durch den Kopf geht, spüre ich zum ersten Mal einen heftigen Anfall von Sehnsucht. Ich gehe in mein Zimmer, schalte den Computer ein und öffne Skype. Jetzt muss ich ganz dringend mit Luca reden.

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7  Luca

»Los, du Blödmann, jetzt zeig dich endlich!«

»Einen Moment, ich muss noch die Webcam einrichten!«

»Du bist viel zu nah dran! Stell sie weiter weg. Aber … du siehst irgendwie anders aus.«

»Ich habe mir ein Zungenpiercing stechen lassen.«

»Du hast dir was …? Ach Quatsch, du nimmst mich bloß auf den Arm.«

»Und ich habe mir einen Drachen auf den Rücken tätowieren lassen, bin jetzt Buddhist und habe eine neue Freundin.«    

»Gut so, dann hast du wenigstens Gesellschaft, wenn ich nicht da bin. Ich bin nämlich lesbisch geworden und bin jetzt mit Martina zusammen, ich hoffe, du hast nichts dagegen.«

»Nein, ganz im Gegenteil, du weißt doch, dass ich auf Dreiecksbeziehungen stehe.«

»Los, mach schon, zeig mir endlich dein neues Zuhause!«

Ich hatte mir schon gedacht, dass Alice mich danach fragen würde, deshalb habe ich mich gleich am ersten Tag meines Amerikaaufenthalts, trotz der Auswirkungen des Jetlags (inzwischen bin ich mir fast sicher, dass ich nie mehr schlafen werde) kleinen Verschönerungsarbeiten an den Räumen gewidmet, obwohl das ein wenig dem Versuch gleicht, eine Müllkippe so herzurichten, dass sie nach Schöner wohnen aussieht. Ich habe überall gefegt und gewischt und mein Bestes gegeben, um Flecken zu entfernen, die höchstwahrscheinlich noch aus der Steinzeit stammen. Ich habe sämtliche Küchenschränke ausgeräumt und dabei Dutzende Konserven mit abgelaufenem Verfallsdatum weggeschmissen und sogar den Eisberg zum Schmelzen gebracht, den ich im Gefrierschrank vorgefunden habe. Danach habe ich mir die Wände im Schlafzimmer vorgenommen und mit den Fotos, die mir Alice mitgegeben hat, »damit ich sie nicht vergesse«, die diversen Risse und Stockflecken überdeckt. Schließlich habe ich noch unser Bild über das Kopfende des Betts gehängt.

Ich beuge mich zur Seite, damit die Webcam die Wand hinter mir aufnehmen kann.

»Du hast unser Bild aufgehängt!«

»Unser Bild« ist in Wirklichkeit ein Poster von einem Gemälde des Impressionisten Paul Signac mit dem Titel Au temps de l’harmonie und zeigt eine Wiese am Ufer eines Sees, mit Männern, Frauen und Kindern darauf. Einige essen, andere tanzen, jemand arbeitet auf den Feldern und ein paar Leute baden im See. Im Hintergrund sieht man noch einen Bauernkarren und ein großes Boot mit geblähten Segeln.

»So denke ich immer an dich.«

»Gut so, los, lass mich den Rest der Wohnung sehen.«

Genau in dem Augenblick spüre ich unter mir das mittlerweile unverwechselbare Beben des Fußbodens, das den Beginn des Konzerts ankündigt.

»Luca, was ist das für ein Lärm?«

»Ach, das … nun ja … das … ist Musik.«

»Dann stell sie leiser.«

»Nein, nein, das geht nicht so einfach«, sage ich, um Zeit zu gewinnen, »vergiss es doch einfach.«

»Luca, ich versteh nichts!«

»Das liegt am WLAN, ich habe mich bei dem Typen unter mir eingehackt.«

Alice starrt mich durch die Webcam an, mit diesem Blick, den sie immer draufhat, wenn sie merkt, dass ich ihr etwas verschweige.

»Na schön, unter meiner Wohnung ist der Probenraum einer Band.«

Resigniert erzähle ich ihr die ganze Wahrheit. Die Wohnung ist ein Saustall. Die Küche habe ich noch nicht vom verkrusteten Schmutz befreien können. Aus dem Abfluss der Dusche strömen die Kakerlaken wie Fahrgäste aus einer U-Bahn zur Rushhour. Die Gemeinschaftsanlagen des Wohnblocks (Treppenhäuser und Gänge) sind eine Parallelwelt: überall Menschen, die quatschen, rauchen, essen, der reinste Wahnsinn. Und dann zu guter Letzt noch der Probenraum unter meiner Wohnung.

Jetzt fehlt nur noch ein Nachbar, der so wild vögelt, dass das Kopfende seines Bettes rhythmisch gegen die Wand meines Schlafzimmers knallt, aber ich bin mir sicher, das ist bloß eine Frage der Zeit.

»Da kannst du nicht bleiben!«, ruft Alice, sie ist lauter geworden, um die Musik zu übertönen. »Du musst dir eine andere Unterkunft suchen!«

»Ja, ja, das werde ich auch, ich hab schließlich nur für die erste Woche bezahlt. Aber gut, Ali, ich bin doch nicht wichtig, sagst du mir jetzt endlich, was bei dir los ist?«

»Mein Vater hat seine Arbeit verloren, wir stecken in Schwierigkeiten.«

»Was? So ein Mist … Und was nun?«

Zum Glück verstummt die Musik.

»Und nun – ich weiß nicht …«, seufzt Alice. »Keine Ahnung, was wird.«

»Das tut mir leid, Ali … Ausgerechnet jetzt. Ich komme zurück, wenn du willst, dann komm ich!«

»Aber nein, das würde nichts ändern … Außerdem habe ich beschlossen … Ich such mir einen Job.«

»Meinst du das ernst?«

»Na ja, gut, wir stehen noch nicht auf der Straße, aber ich möchte meiner Familie nicht zur Last fallen.«

»Und wie willst du das mit der Schule hinkriegen?«

»Ich suche mir doch keine Ganztagsstelle, sondern irgendwas am Wochenende.«

»Okay, hast du schon eine Idee?«

Alice antwortet nicht sofort. Sie lässt ein paar Sekunden verstreichen.

»Eigentlich schon. Aber, ich weiß nicht …«

»Was soll das jetzt heißen?«

»Luca, du hast doch einen Sommer lang bei deinem Vater gearbeitet. Daher hab ich gedacht …«

»Nein, Ali, bitte nicht bei meinem Vater.«

Die Worte entschlüpfen mir, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Eigentlich hat sie ja recht, das wäre eine vernünftige Lösung. Einen Wochenendjob als Kellnerin könnte mein Vater ihr beschaffen … Aber mir schwirren immer noch seine Worte durch den Kopf: »Mach doch, was du willst, ich will nichts mehr davon hören.«

Seit dem Tag haben wir nicht mehr miteinander gesprochen.

Ich bin so in diese Gedanken versunken, dass ich gar nicht mitbekomme, dass Alice nur stumm in den Monitor starrt. Sie wirkt bestürzt. Wie sollte sie das auch nicht sein?

»Ali, ich weiß nicht, aber wenn du willst …«, sage ich, doch ich kann den Satz nicht zu Ende bringen.

»Ist schon gut, Luca. Ich dachte nur … Entschuldige, du hast ja recht.«

In dem Augenblick übertönt ein Schlagzeugwirbel Alices Stimme. Jetzt höre ich gar nichts mehr. Ich nehme das Notebook und halte es etwas weiter weg.

»Ali, ich versteh dich nicht, was hast du gesagt?«

»Ach, nichts … Kein Problem … Aber …«

»Ich versteh gar nichts …«

Alice sieht mich verzagt durch die Webcam an, dann winkt sie mir zum Abschied zu. Ich setze den Computer ab, gehe ans Fenster und sehe einen dunklen Kopf, der sich aus dem Fenster unter mir beugt.

»Hey!«, schreie ich. »The music! Please, the music!«

Der Kopf dreht sich zu mir. Ich sehe das Profil des Gesichts aus der Vogelperspektive, helle Haut und eine schmale Nase mit einem kleinen Silberpiercing. Das Mädchen führt eine Hand an den Mund und sieht genau in diesem Augenblick zu mir hoch.

Ich starre sie verblüfft an, als wollte ich sagen: »Und, was ist jetzt?«, aber sie reagiert überhaupt nicht.

Sie lächelt bloß und stößt eine dichte weiße Rauchwolke aus.

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8  Alice

»Ich sage, entweder wir halten uns an die BSG-Regel oder wir brauchen gar nicht mehr weiterzumachen.«

»Und ich sage, du kannst mich mal.«

Die erste Redaktionsbesprechung für die Schülerzeitung hat kaum begonnen und schon bereue ich, gekommen zu sein. Aber ich habe es Herrn Partis versprochen. Oder besser gesagt: Er hat es mir aufgedrückt und mich gezwungen, eine Verpflichtung zu unterschreiben, hundert Euro Strafe zu bezahlen, falls ich nicht hinginge.

Ich weiß, dass es nicht ganz normal ist, sich von seinem Italienischlehrer erpressen zu lassen, an einer freiwilligen AG teilzunehmen, aber mit dem Partis läuft es nun mal so.

Punkt drei Uhr sitze ich also in dem vorgesehenen Raum, zusammen mit ein paar ebenfalls pünktlichen Zwölftklässlern und der unbestrittenen Chefin der Schülerzeitung, Roberta Prosperi.

Die anderen engen Mitarbeiter treffen kurz danach ein und sofort entbrennt ein kurzer Streit über das Thema Verspätungen. »Jeder sollte pünktlich kommen.« – »Wir sind hier doch nicht in der Schule.« – »Was hat das denn damit zu tun …« und so weiter.

Der erste Punkt auf der Tagesordnung ist die Analyse der Ergebnisse des Vorjahres und die Erstellung eines neuen Konzepts. Mit anderen Worten: Wir versuchen herauszufinden, warum zum Teufel keiner die Schülerzeitung liest, und überlegen uns, was wir dagegen unternehmen können.

Jedes Mitglied der Redaktion hat dazu seine eigene Meinung. Carlo, der coole Typ aus dem Abi-Jahrgang, hält es mit der BSG-Theorie: Blut, Sex und Geld. »Wenn wir wollen, dass irgendjemand uns liest, müssen wir über solche Dinge berichten!«, erklärt er kategorisch.

»Sex und Blut, pah!«, setzt Roberta dagegen. »Das hier ist eine Schülerzeitung, kein Wochenmagazin!«

»Aber an diesem Modell sollten wir uns orientieren.«

Jetzt verliert ein anderer Junge die Geduld. Guido, aus der Zwölften, Typ intellektueller Alternativer: Kaschmirpulli, abgetragene Jeans, eine Brille mit kleinen Gläsern, die einem zu verstehen geben soll: »He, ich lese mindestens ein Buch pro Tag«, und Lederschuhe, die direkt aus den Sechzigern zu stammen scheinen.

»Du willst also für ein Wochenmagazin schreiben?«, fragt er ihn herausfordernd. »Dann bewirb dich doch da und schau mal, ob sie dich nehmen.«

Seine Worte provozieren jede Menge Kommentare. Die aus der Dreizehnten unterhalten sich laut untereinander.

»So kommen wir doch nicht weiter«, meint Roberta. »Und außerdem sind da die Neuen aus der Zwölften, die hier mal reinschnuppern wollen, und wir ziehen gleich eine solche Show ab … Also, versuchen wir das Ganze mal logisch anzugehen. Schön, vielleicht haben wir uns im letzten Jahr zu sehr auf politische Probleme konzentriert, und vielleicht waren die Artikel auch etwas zu lang …«

Carlo nickt, als wollte er sagen: »Ganz genau«, der Intellektuelle schnaubt empört und dann sind endlich alle wieder still.

»Das Problem ist doch, dass die Zeitung stinklangweilig ist«, sagt ein Mädchen mit langen roten Haaren, das direkt aus einem japanischen Manga stammen könnte. Neben ihr sitzen zwei andere Mädchen, die völlig synchron dazu nicken.

»Wenn wenigstens ein paar Spiele drin wären«, meint die Erste, »ein Schönheitswettbewerb oder vielleicht eine Kolumne über Sex …«

»Wenn ihr einen Schönheitswettbewerb veranstaltet, bin ich weg«, sagt Carlo, und dieses Mal ist der Intellektuelle, der nur unterdrückt vor sich hin flucht, einer Meinung mit ihm.

»Aber hast du nicht gerade mit diesem BSG angefangen?«, stichelt Roberta.

»Das ist doch nicht das Gleiche! Ich möchte lediglich eine attraktive Zeitung machen, die drei Winx hier wollen sie in eine Frauenzeitschrift verwandeln.«

Jetzt bricht die Hölle los. Die Zwölftklässler fangen an zu lachen, daraufhin sind die Winx beleidigt, der Intellektuelle steht auf und geht zu Roberta, um mit ihr zu reden, jemand zündet sich eine Zigarette an, und zwar genau in dem Moment, als Nicola, der Hausmeister, hereinstürmt und natürlich gleich ruft: »Wer raucht hier?«

Erst nach einigen Minuten kehrt wieder Ruhe ein. Und da schaut der Intellektuelle zu mir und meint: »Los, sag schon.«

»Was?«, frage ich überrascht.

»Du wolltest doch was sagen, oder?«, erklärt er und deutet mit dem Kopf auf meinen Arm, den ich so auf dem Tisch aufgestützt habe, dass es aussieht, als hätte ich die Hand gehoben.

Als ich zögere, verbreitet sich im Raum eine Grabesstille. Alle Augen sind plötzlich auf mich gerichtet. Ich muss etwas sagen, denke ich. Und zwar nicht bloß: »Nein, eigentlich wollte ich gar nichts sagen, ich habe nur aus Versehen die Hand gehoben.« Schließlich ist das meine erste Gelegenheit, mich bemerkbar zu machen und herauszufinden, ob ich in die Gruppe passe.

»Also, ich dachte …«, stammele ich und fühle mich wie eine verlegene Anfängerin.

Der intellektuelle Typ sieht mich an, als wolle er mich ermutigen: »Los, nur zu, red einfach«, während Roberta immer noch mit verschränkten Armen und säuerlicher Miene am Fenster lehnt.

»Ich dachte, dass ihr eigentlich … Also, ich meine, ihr liegt gar nicht so weit auseinander.«

Danach sehe ich von einem zum anderen, um herauszufinden, welchen Eindruck meine Worte hinterlassen haben.

»Was meinst du damit?«, fragt Carlo, der Coole, und erwischt mich damit voll auf dem falschen Fuß.

»Jetzt lass sie doch ausreden, komm!«, ruft der intellektuelle Typ und schiebt sich die Brille mit dem Zeigefinger auf der Nase hoch.

»Also, ich habe den Eindruck, dass ihr alle eine etwas ansprechendere Zeitung wollt, aber trotzdem kein banales Teenagerblatt. Ich würde auch keinen Schönheitswettbewerb reinnehmen, aber Sex ist doch wirklich ein wichtiges Thema, oder?

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