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Ich liebte Pablo und hasste Escobar

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Einleitung
  8. Teil 1: Die Tage der Unschuld und der Träume
    1. Das Reich des weißen Goldes
    2. Streben nach der Präsidentschaft
    3. Verlange von mir, was immer du willst!
    4. Tod den Entführern!
  9. Teil 2: Die Tage der Pracht und des Schreckens
    1. Die Zärtlichkeit eines Revolvers
    2. Zwei künftige Präsidenten und Zwanzig Liebesgedichte
    3. Die Geliebte des Befreiers
    4. In den Armen des Dämons
    5. Ein Lord und ein Drogenbaron
    6. Der siebtreichste Mensch der Welt
    7. Cocaine Blues
    8. Nicht dieses Schwein, das reicher ist als ich!
    9. Unter dem Himmel von Nápoles
    10. Der Palast in Flammen
    11. Tarzan gegen Pancho Villa
    12. Wie schnell du Paris vergessen hast!
    13. Ein Diamant und ein Abschied
  10. Teil 3: Die Tage der Abwesenheit und des Schweigens
    1. Die Kuba-Connection
    2. Der König des Terrors
    3. Heute feiert die Hölle ein Fest
  11. Bildteil
  12. Anhang
    1. Glossar

Über dieses Buch

Virginia Vallejo ist auf dem Höhepunkt ihrer Fernsehkarriere, als sie Pablo Escobar kennenlernt. Der Drogenbaron bemüht sich gerade um einen Sitz im kolumbianischen Parlament, und Virginia unterstützt seine Ambitionen durch TV-Berichte. Zwischen der glamourösen Fernsehmoderatorin und dem verheirateten Schwerverbrecher entwickelt sich eine Liebesaffäre im Mahlstrom aus Dschungel, Koks und High Society. Virginia erlebt fünf Jahre lang die Machenschaften der Kartelle hautnah mit und blickt ins Zentrum des Narco-Terrorismus, bis sie sich für immer von Escobar verabschieden muss …

Über die Autorin

Virginia Vallejo war in den Achtzigern die bekannteste Fernsehmoderatorin Kolumbiens. Damals begann auch ihre Liebesbeziehung mit Pablo Escobar Gaviria, für die sie in den folgenden Jahren einen hohen Preis zahlte, der ihre Karriere beendete. Im Juli 2006 sagte Vallejo gegen den Politiker Alberto Santofimio aus, den sie beschuldigte, den Mord am Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán in Auftrag gegeben zu haben.

VIRGINIA VALLEJO

ICH LIEBTE
PABLO
UND HASSTE
ESCOBAR

Ein Gangster, eine Diva und die
wahre Geschichte einer unmöglichen Liebe

Aus dem Spanischen von
Andreas Simon dos Santos

Meinen Toten,

den Helden und Schurken.

Wir sind alle eins,

eine einzige Nation.

Nur ein Atom

das ewig wiederkehrt

seit jeher und auf immer.

Einleitung

Es ist der 18. Juli 2006 um sechs Uhr morgens. Gestern Abend hatte mich der für meinen Schutz verantwortliche Sicherheitschef der Botschaft vor verdächtigen Personen auf der anderen Seite des Parks gegenüber meinem Gebäude gewarnt und mir geraten, mich auf keinen Fall den Fenstern zu nähern oder jemandem die Tür zu öffnen. Heute nun holen mich drei gepanzerte Limousinen der amerikanischen Botschaft vom Apartment meiner Mutter in Bogotá ab, um mich zum Flughafen zu bringen. Dort wartet eine Maschine mit laufenden Motoren auf mich, die mich zu einem Zielort in den Vereinigten Staaten ausfliegen wird. Ein Fahrzeug mit schwerbewaffneten Personenschützern fährt mit hoher Geschwindigkeit voraus, ein weiteres folgt uns. Bereits eine Stunde zuvor hat ein Auto meine mir wichtigsten Besitztümer zum Flughafen gebracht. Das Auto gehört Antonio Galán Sarmiento, Präsident des Stadtrats von Bogotá und Bruder des kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán, der im August 1989 auf Befehl des Chefs des Medellín-Kartells, Pablo Escobar Gaviria, ermordet wurde.

Escobar, mein ehemaliger Liebhaber, wurde am 2. Dezember 1993 erschossen. Beinahe anderthalb Jahre machte man Jagd auf ihn, und um ihn schließlich zur Strecke zu bringen, bedurfte es einer Belohnung von fünfundzwanzig Millionen Dollar und einer halben Armee von Verfolgern: ein eigens dafür ausgebildetes Kommando der kolumbianischen Polizei, achttausend weitere Angehörige der Sicherheitsbehörden des Staates, paramilitärische Gruppen, rivalisierende Drogenkartelle, Dutzende von Agenten der US-Drogenbehörde DEA, des FBI und der CIA sowie Kämpfer zweier Spezialeinheiten der US-Armee, der Navy Seals und der Deltatruppe, Flugzeuge der US-Regierung mit speziellem Radar und Geld von einigen der reichsten Männer Kolumbiens.

Vor zwei Tagen habe ich in der Tageszeitung El Nuevo Herald mit Sitz in Miami schwere Vorwürfe gegen den kolumbianischen Ex-Senator, Ex-Justizminister und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Alberto Santofimio Botero erhoben. Ich habe ihm vorgeworfen, als Mittler zwischen den großen Drogenbossen und den kolumbianischen Präsidenten agiert zu haben und Anstifter zum Mord an Luis Carlos Galán gewesen zu sein. Die Zeitung widmete meiner Geschichte ein Viertel ihrer Titelseite und eine ganze Seite im Inneren.

Álvaro Uribe Vélez, der gerade mit über siebzig Prozent der Stimmen zum kolumbianischen Präsidenten wiedergewählt wurde, wird am 7. August sein Amt antreten. Nachdem ich dem kolumbianischen Generalstaatsanwalt angeboten hatte, im laufenden Prozess gegen Santofimio auszusagen, stellte der zuständige Richter das Verfahren, das eigentlich noch zwei Monate dauern sollte, abrupt ein. Daraufhin trat der kolumbianische Botschafter in Washington (selbst ehemaliger Präsident des Landes) aus Protest von seinem Amt zurück. Uribe musste die Ernennung eines weiteren Ex-Präsidenten zum Botschafter in Frankreich zurückziehen und eine neue Außenministerin benennen, um die für den Posten vorgesehene Kandidatin zur neuen Botschafterin in Washington küren zu können.

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist sich nur zu gut der Gefahr bewusst, dass ich, wie der andere der beiden einzigen Zeugen im Fall Santofimio, in den nächsten Tagen ermordet werden könnte, falls sie mir keinen Schutz gewährt. Damit wäre nicht nur die Aufklärung einiger der grauenvollsten Verbrechen der jüngsten kolumbianischen Geschichte sehr erschwert, es würden auch wertvolle Informationen darüber verloren gehen, wie der Drogenhandel die höchsten, vor Strafverfolgung am besten geschützten Ebenen der Macht durchdrungen hat, von den Medien über die Gerichte, die Politik und das Militär bis hin zum Präsidenten.

Beamte der amerikanischen Botschaft stehen vor der Gangway des Flugzeugs, um die Koffer und Kisten an Bord zu bringen, die ich in den wenigen Stunden mit Hilfe einiger Freunde packen konnte. Sie werfen mir neugierige Blicke zu, als würden sie sich fragen, warum eine erschöpft wirkende Frau mittleren Alters ein solches Interesse der Medien und jetzt auch ihrer Regierung auf sich zieht. Mir stellt sich ein zwei Meter großer Mann in Hawaiihemd vor. Er nennt sich David C. und ist Special Agent der US-Drogenbehörde. David hat den Auftrag, mich bis auf amerikanischen Boden zu begleiten und schildert mir den Ablauf: Unsere zweimotorige Maschine wird in sechs Stunden Guantánamo erreichen, die US-amerikanische Militärbasis auf Kuba; nach einem einstündigen Zwischenstopp zum Auftanken werden wir nach zwei weiteren Flugstunden in Miami eintreffen.

Ich habe keine Ruhe, bis ich im Heck des Flugzeugs die beiden Kisten mit den Beweisen der Straftaten sehe, die von den Angeklagten Thomas und Dee Mower in Kolumbien begangen wurden. Sie sind Eigentümer der Firma Neways International in Springville im US-Bundesstaat Utah, einem multinationalen Unternehmen, gegen das ich 1998 eine Klage mit einem geschätzten Streitwert von dreißig Millionen Dollar eingereicht habe. Obwohl ein US-Richter die Mower-Brüder in nur acht Tagen für einen Bruchteil der Straftaten schuldig gesprochen hat, die ich seit acht Jahren vor der kolumbianischen Justiz zu beweisen versuche, stieß ich mit meinem Angebot zur Kooperation, das ich an das US-Justizministerium in Washington und fünf Attachés des US-Finanzamts in der amerikanischen Botschaft in Bogotá richtete, auf heftigen Widerstand. Als die Pressestelle der Botschaft von meinen Anrufen bei den US-Justiz- und Steuerbehörden und dem FBI erfuhr, drohte sie, jegliche Kommunikation mit den amerikanischen Regierungsvertretern zu unterbinden.

Diese Vorgänge haben nichts mit den Mower-Brüdern zu tun, sondern mit Pablo Escobar: In der Botschaft arbeitet ein ehemaliger sehr enger Mitarbeiter von Francisco Santos, dem Vizepräsidenten der Republik, dessen Familie das Verlagshaus El Tiempo gehört. Mitarbeiter des Printmedienkonzerns, der kurz vor dem Verkauf an eine der führenden spanischsprachigen Verlagsgruppen steht, besetzen ein Viertel der Kabinettsposten der Regierung von Álvaro Uribe, wodurch der Konzern sich den Löwenanteil der Werbeaufträge des Staates sichert, dem größten Anzeigenkunden Kolumbiens. Ein anderes Mitglied der Familie, Juan Manuel Santos, wurde gerade zum Verteidigungsminister ernannt mit dem Auftrag, die Flotte der kolumbianischen Luftwaffe zu erneuern. Diese außerordentliche Großzügigkeit des Staates gegenüber einer einzigen Familie aus dem Mediengeschäft sichert der Regierung von Álvaro Uribe nicht nur die bedingungslose Unterstützung der wichtigsten Tageszeitung des Landes, sondern garantiert auch deren absolutes Stillschweigen über die zwielichtige Vergangenheit des Präsidenten selbst. Es ist eine Vergangenheit, die der Regierung der Vereinigten Staaten bereits bekannt ist, und auch ich bin damit bestens vertraut.

Fast neun Stunden nach unserer Abreise treffen wir in Miami ein. Langsam machen mir die Bauchschmerzen Sorgen, die mich seit einem Monat begleiten und sich stündlich verschlimmern. Ich war seit sechs Jahren nicht mehr bei einem Arzt, weil mich Thomas Mower um die gesamten Gelder geprellt hat, die mir als Leiterin seiner Südamerikavertretung zustehen.

Ich wohne in einem unpersönlich eingerichteten, großen Hotelzimmer. Kurz nach meinem Eintreffen macht mir ein Dutzend Beamte der US-Drogenbehörde seine Aufwartung. Sie beäugen mich neugierig, während sie den Inhalt meiner sieben Gucci- und Vuitton-Koffer voller alter Kleider von Valentino, Chanel, Armani und Saint Laurent und die kleine Sammlung von Stichen untersuchen, die seit beinahe dreißig Jahren mein Eigen ist. Ich werde, wie sie mir mitteilen, in den kommenden Tagen eine Reihe ihrer Vorgesetzten treffen sowie den Staatsanwalt Richard Gregorie, um über Gilberto und Miguel Rodríguez Orejuela auszusagen, die Bosse des Cali-Kartells. Der Prozess gegen die Erzfeinde von Pablo Escobar, den derselbe Staatsanwalt führt, der die Verurteilung des panamaischen Diktators General Manuel Antonio Noriega erreichte, soll in wenigen Wochen vor einem Gericht in Florida eröffnet werden. Im Falle eines Schuldspruchs wird der US-amerikanische Staat vom Gericht nicht nur »lebenslänglich« oder eine vergleichbare Strafe fordern, sondern auch das Vermögen der beiden Drogenbosse einziehen können: mehr als zwei Milliarden Dollar, die bereits eingefroren sind. In meinem höflichsten Ton bitte ich die Beamten um eine Aspirin und eine Zahnbürste, doch ich müsse mir beides kaufen, sagen sie. Als ich ihnen erkläre, dass mein ganzes Kapital auf dieser Welt aus zwei 25-Cent-Stücken besteht, besorgen sie mir eine winzige Zahnbürste, wie man sie im Flugzeug geschenkt bekommt.

»Ist anscheinend schon lange her, dass Sie in einem amerikanischen Hotel übernachtet haben …«

»Das ist wohl wahr. In meinen Suiten im Pierre in New York und in den Bungalows des Bel Air in Beverly Hills gab es immer Aspirin und Zahnbürsten. Und Dutzende von Rosen und Champagner Rosé!«, antworte ich mit einem sehnsuchtsvollen Seufzer. »Jetzt bin ich dank zweier Angeklagter in Utah so arm, dass eine schlichte Aspirin für mich ein Luxusartikel ist.«

»Die Hotels hierzulande haben kein Aspirin mehr, es ist ein Arzneimittel und muss vom Arzt verschrieben werden. Und Sie wissen ja sicher, was für Unsummen die hier kosten. Wenn Ihnen der Kopf brummt, versuchen Sie, es auszuhalten und zu schlafen. Sie werden sehen, morgen sind die Schmerzen wie weggeblasen. Vergessen Sie nicht, wir haben Ihnen gerade das Leben gerettet. Aus Sicherheitsgründen dürfen Sie das Zimmer nicht verlassen und mit niemand sprechen, besonders nicht mit der Presse. Und das schließt die Journalisten des Miami Herald ein. Die Regierung der Vereinigten Staaten kann Ihnen noch nichts versprechen. Von jetzt ab hängt alles von Ihnen ab.«

Ich bedanke mich bei den Beamten: Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, ich wüsste sowieso nicht, wo ich hingehen sollte. Ich erinnere sie daran, dass ich selbst angeboten habe, bei verschiedenen Gerichtsverfahren auszusagen, in Kolumbien ebenso wie in den USA, bei Prozessen von enormer Tragweite.

David, der Agent von der US-Drogenbehörde, und die anderen ziehen sich zurück, um die Agenda für den nächsten Tag zu besprechen.

»Sie sind kaum angekommen und stellen schon Forderungen an die amerikanische Regierung?«, tadelt mich Nguyen, der Polizist, der bei mir im Zimmer geblieben ist.

»Ja, weil ich schreckliche Bauchschmerzen habe. Und weil ich weiß, dass ich für Ihre Regierung von doppeltem Nutzen sein kann. Diese zwei Kisten da enthalten Beweise über die kolumbianisch-mexikanische Seite eines Betrugs am amerikanischen Fiskus, den ich auf Hunderte von Millionen Dollar schätze. Nach dem Tod von allen Zeugen und der Zahlung von dreiundzwanzig Millionen Dollar wurde die Sammelklage der russischen Opfer von Neways International zurückgezogen. Stellen Sie sich nur mal vor, was für Dimensionen der Betrug von Vertriebspartnern der Firma und der Finanzbehörden in Dutzenden von Ländern haben dürfte!«

»Steuerhinterziehung in Übersee geht uns nichts an. Wir sind bei der Drogenfahndung.«

»Wenn ich Ihnen also das Versteck von zehn Kilo Kokain verrate, besorgen Sie mir eine Aspirin, richtig?«

»Sie scheinen nicht zu verstehen, dass wir nicht vom Finanzamt oder vom FBI des Staates Utah sind, sondern von der Drogenbehörde des Staates Florida. Und verwechseln Sie nicht die Drogenbehörde mit einer Apotheke, Virginia!«

»Aber eins habe ich schon kapiert, Nguyen: dass der Prozess USA gegen Rodríguez Orejuela so ungefähr zweihundert Mal größer wird als das jetzige Verfahren USA gegen Mower!«

Als die Drogenbeamten zurückkommen, erzählen sie, dass alle Fernsehkanäle über meine Abreise aus Kolumbien berichten. Ich habe in den letzten vier Tagen fast zweihundert Interview-Anfragen aus aller Welt abgelehnt. Es interessiert mich wirklich nicht, was sie über mich berichten. Ich bitte sie, den Fernseher auszuschalten: Ich habe seit elf Tagen nicht geschlafen, kaum etwas gegessen und möchte mich nur ein paar Stunden ausruhen, um ihnen am nächsten Tag jede erdenkliche Kooperation anbieten zu können.

Als ich endlich allein bin mit dem ganzen Gepäck und diesem heftigen Schmerz als einzigem Begleiter, bereite ich mich geistig auf etwas weit Ernsteres vor als eine mögliche Blinddarmentzündung. Ein ums andere Mal frage ich mich, ob die Regierung der Vereinigten Staaten wirklich mein Leben gerettet hat oder ob diese Beamten der Drogenbehörde womöglich vorhaben, mich wie eine Zitrone auszuquetschen, um mich dann wieder nach Kolumbien zurückzuschicken. Sie könnten einfach sagen, dass meine Informationen über Rodríguez Orejuela aus der Zeit vor 1997 stammen und Utah ein anderer Bundesstaat ist. Sollte ich auf kolumbianisches Territorium zurückkehren, das ist mir völlig klar, werden alle Leute, die Leichen im Keller haben, an mir ein Exempel statuieren wollen. Am Flughafen werden mich Angehörige der Sicherheitskräfte erwarten mit irgendeinem vom Verteidigungsministerium oder von den Sicherheitsbehörden ausgestellten »Haftbefehl«. Sie werden mich in eine Geländelimousine mit abgetönten Scheiben verfrachten, und dann, wenn alle mit mir fertig sind, werden die Medien der mit den Kartellen verflochtenen oder in Diensten des wiedergewählten Staatsführers stehenden kolumbianischen Präsidentenfamilien die Schuld an meiner Folter und meinem Tod, oder an meinem spurlosen Verschwinden, den Brüdern Rodríguez Orejuela anlasten oder den von Pablo Escobar verfolgten »Pepes« oder gar dessen eigener Ehefrau.

Nie habe ich mich einsamer, kränker oder ärmer gefühlt. Es steht außer Frage: Wenn man mich nach Kolumbien zurückschickt, werde ich nicht die erste und auch nicht die letzte Person sein, die ermordet wird, weil sie der amerikanischen Botschaft in Bogotá ihre Zusammenarbeit angeboten hat. Immerhin war meine Abreise aus dem Land in einem Flugzeug der US-Drogenbehörde offenbar aller Welt eine Nachricht wert, was bedeutet, dass ich viel sichtbarer bin als andere Leute wie zum Beispiel César Villegas alias El Bandi oder Pedro Juan Moreno, die beiden Personen, die am besten die Vergangenheit des Präsidenten kannten und beide ermordet wurden. Daher fasse ich einen Entschluss: Ich werde es nicht zulassen, dass mir irgendeine Regierung oder irgendein Krimineller ein Schicksal bereitet wie Carlos Aguilar alias El Mugre, der umgebracht wurde, nachdem er gegen Santofimio ausgesagt hatte. Und ich will nicht dasselbe Schicksal erleiden wie die Ehefrau von Guillermo Pallomari, dem Buchhalter der Orejuela-Brüder, die ermordet wurde, nachdem ihr Mann in einem Flugzeug der US-Drogenbehörde in die Vereinigten Staaten ausgereist war, um auszusagen, obwohl sie sich unter höchstem Sicherheitsschutz der kolumbianischen Staatsanwaltschaft befand.

Und noch etwas weiß ich mit Gewissheit: Anders als einige der genannten Personen, die alle in Frieden ruhen mögen, habe ich nie ein Verbrechen begangen. Abertausende von Toten wie sie gemahnen mich jedoch, dass ich die Pflicht habe zu überleben. Ich weiß nicht, sage ich mir selbst, wie ich es anstellen werde, aber ich werde nicht zulassen, dass man mich ermordet, und ich werde auch nicht einfach so sterben.

Erster Teil

Die Tage der Unschuld
und der Träume

»Jede Liebe ist eine Tragödie …
wahre Liebe leidet und schweigt.«

Oscar Wilde

Das Reich des weißen Goldes

Mitte 1982 gab es in Kolumbien verschiedene Guerillagruppen, alle entweder Marxisten oder Maoisten und begeisterte Bewunderer des kubanischen Modells. Sie lebten von Subventionen der Sowjetunion, der Entführung von Personen, die sie für reich hielten, und vom Diebstahl des Viehs der Großgrundbesitzer. Die wichtigste Gruppe unter ihnen bildeten die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia). Die FARC waren aus den gewaltsamen Konflikten der Fünfzigerjahre hervorgegangen, eine Zeit derart grenzenloser Grausamkeit und Bestialität, dass man sich bei ihrer Beschreibung schämt, der menschlichen Spezies anzugehören. Die Nationale Befreiungsarmee ELN (Ejército de Liberación Nacional) hatte zahlreiche Minderjährige in ihren Reihen; sie löste sich später auf und verwandelte sich in eine politische Partei. 1984 entstand die nach einem berühmten Führer der Ureinwohner benannte Bewegung Quintín Lame (Movimiento Armado Quintín Lame, MAQL).

Und dann gab es da noch die Bewegung des 19. April (Movimiento 19 de Abril), kurz M-19, die für ihre spektakulären, filmreifen Anschläge bekannt war und sich aus einer eklektischen Mischung aus Akademikern, gut ausgebildeten Menschen, Intellektuellen und Künstlern, Bürgerkindern und Militärs sowie harten Kämpfern zusammensetzte, die im Guerillajargon troperos (»Herdenführer«) genannt werden. Im Gegensatz zu den übrigen Guerillagruppen, die auf dem Land und im Urwald operierten, der beinahe die Hälfte des kolumbianischen Territoriums einnimmt, war der M-19 ausgesprochen städtisch und zählte bemerkenswerte Frauen zu seinen Führungskadern, die ebenso publizitätssüchtig waren wie ihre männlichen Kameraden.

Im Gefolge der Operation Condor – einer Geheimdienstkooperation vieler lateinamerikanischer Staaten zur Unterdrückung und Ermordung linker Oppositioneller von Ende der 1960er bis Ende der 1980er Jahre – galten in Kolumbien bei der Guerillabekämpfung einfache Regeln: Wenn irgendein Mitglied einer dieser Gruppierungen in die Hände des Militärs oder anderer Sicherheitskräfte des Staates fiel, wurde es eingesperrt und häufig umstandslos zu Tode gefoltert, ohne je einen Richter zu Gesicht zu bekommen. Fiel umgekehrt eine wohlhabende Person in die Gewalt einer Guerillagruppe, kam sie nicht frei, ehe die Familie Lösegeld gezahlt hatte, häufig erst nach jahrelangen Verhandlungen. Wer nicht zahlte, musste sterben, und seine sterblichen Überreste wurden selten gefunden, was, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis heute gilt. Alle Kolumbianer der gehobenen Schichten kennen unter ihren Freunden, Angehörigen und Beschäftigten über ein Dutzend Entführte: solche, die gesund und unversehrt nach Hause zurückkehrten, und solche, die für immer verschwanden. Letztere unterteilen sich in diejenigen, deren Familien die Mittel fehlten, um die Forderungen der Entführer zu erfüllen, in jene, für die das saftige Lösegeld zwar entrichtet wurde, die jedoch trotzdem nie freigelassen wurden, sowie in diejenigen, für deren Leben niemand das über Generationen oder auch nur in einer Lebensspanne ehrlicher Arbeit angehäufte Erbe hergeben wollte.

Den Kopf an Aníbals Schulter gelehnt, bin ich eingeschlafen und wache abrupt auf, als die Maschine mit dem zweifachen Hüpfer, den Leichtflugzeuge bei der Landung machen, auf der Piste aufsetzt. Aníbal streichelt meine Wange und hält mich sanft am Arm zurück, als ich aufstehen will, um mir zu bedeuten, besser sitzen zu bleiben. Er zeigt aus dem Fenster, und ich kann nicht glauben, was ich draußen sehe: Zu beiden Seiten der Landepiste ist je ein Dutzend junge Männer postiert, manche tragen dunkle Sonnenbrillen, andere blinzeln mit gerunzelter Stirn in die Nachmittagssonne. Sie umringen das kleine Flugzeug und richten, mit dem Gesichtsausdruck von Leuten, die es gewohnt sind, zuerst zu schießen und dann die Fragen zu stellen, ihre Maschinengewehre auf uns. Andere stehen halbverdeckt im Dickicht, zwei von ihnen spielen sogar mit ihren Uzi-Maschinenpistolen wie unsereins mit den Autoschlüsseln. Ich muss die ganze Zeit daran denken, was wohl passieren würde, wenn eine der Waffen zu Boden fallen und mit sechshundert Schuss pro Minute losrattern würde. Die Männer, alle sehr jung, tragen bequeme, modische Kleidung: bunte Polohemden, Jeans und importierte Turnschuhe. Keiner von ihnen hat eine Uniform oder einen Tarnanzug an.

Während das kleine Flugzeug über die Piste rollt, rechne ich mir schon aus, welchen Wert wir wohl alle zusammen für eine Guerillagruppe haben könnten. Mein Verlobter ist der Neffe des früheren Präsidenten Julio César Turbay, dessen Regierung (1978–1982) mit massiver militärischer Repression gegen die aufständischen Gruppen vorging, besonders den M-19, dessen Führungsebene zum Großteil im Gefängnis gelandet ist. Aber Belisario Betancur, der gerade ins Amt gekommene Präsident, hat allen Aufständischen, die sich seinem Friedensprozess anschließen, Freiheit und Amnestie versprochen. Mein Blick wandert zu Aníbals Kindern, und das Herz zieht sich mir zusammen: Der elfjährige Juan Pablo und die neunjährige Adriana sind jetzt die Stiefkinder des zweitreichsten Mannes von Kolumbien: Carlos Ardila Lülle, Herr über alle Abfüllwerke von Sprudelgetränken des Landes. Dann sind da die Freunde, die uns begleiten: Olguita Suárez, die in einigen Wochen den sympathischen spanischen Liedermacher Rafael Urraza heiraten wird, der den Ausflug organisiert hat, ist die Tochter eines Viehmillionärs von der Atlantikküste, ihre Schwester ist mit Felipe Echavarría Rocha verlobt, Spross einer der wichtigsten Industriellendynastien Kolumbiens. Nano und Ethel sind Dekorateure und Kunsthändler, Ángela ist ein Topmodel, und ich bin eine der bekanntesten Fernsehmoderatorinnen des Landes. Mir ist klar: Wenn wir in die Hände der Guerilla fallen, wird sie alle Flugzeuginsassen nach ihrer speziellen Definition samt und sonders als »Oligarchen« und folglich als secuestrables (entführbar) einstufen, ein ebenso typisch kolumbianisches Wort wie narcos (Drogenhändler).

Aníbal ist verstummt und ungewöhnlich blass. Ich überhäufe ihn mit einem Schwall Fragen, ohne eine Antwort abzuwarten: »Woher wusstest du eigentlich, dass dies wirklich das Flugzeug ist, das uns abholen sollte? Ist dir nicht klar, dass die uns jetzt wahrscheinlich entführen? Wie viele Monate werden sie uns wohl festhalten, wenn sie erfahren, wer die Mutter deiner Kinder ist? Die sehen gar nicht wie arme Guerillakämpfer aus: Schau dir nur mal ihre Waffen und Turnschuhe an! Warum hast du mir nicht gesagt, dass ich meine Turnschuhe mitbringen soll? Diese Entführer werden mich in italienischen Sandalen und ohne meinen Strohhut durch den ganzen Dschungel schleifen! Warum hast du mich nicht in Ruhe meine Tropenkleidung einpacken lassen? Und warum nimmst du eigentlich Einladungen von unbekannten Leuten an? Die Leibwächter der Leute, die ich kenne, richten jedenfalls keine Maschinengewehre auf die Gäste! Wir sind in eine Falle getappt, weil das Kokain dir den Realitätssinn vernebelt! Wenn wir hier je wieder heil herauskommen, werde ich dich nicht heiraten, weil du von dem Zeug einen Herzinfarkt kriegst, und ich will nicht als deine Witwe enden!«

Aníbal Turbay ist groß, schön und ein Freigeist, zärtlich bis zur Ermüdung und großzügig mit seinen Worten, seiner Zeit und seinem Geld, obwohl er kein Multimillionär ist wie alle meine Exverlobten. Er wird ebenso von seinem buntgemischten Freundeskreis bewundert – darunter der Schatzsucher Manolito de Arnaude – wie von Hunderten von Frauen, deren Leben sich in »vor Aníbal« und »nach Aníbal« teilt. Sein einziger Fehler ist seine unheilbare Sucht nach dem weißen Nasenpulver. Ich finde es abstoßend, er dagegen vergöttert es noch mehr als seine Kinder, als mich, als das Geld, als alles andere. Bevor der Arme auf meine Schimpfkanonade antworten kann, öffnet sich die Tür des Flugzeugs und ein verführerischer Schwall Tropenluft flutet herein, der davon kündet, dass wir im heißen Teil dieses Landes ohne Jahreszeiten angekommen sind, der Tierra Caliente.

Zwei der bewaffneten Männer kommen an Bord, und als sie unsere perplexen Gesichter sehen, ruft einer von ihnen: »Himmel! Sie werden es nicht glauben: Wir hatten ein paar Käfige mit einem Panther und mehreren Tigern erwartet, aber die wurden wohl mit einem anderen Flugzeug geschickt. Wir bitten vielmals um Entschuldigung. Wie peinlich, vor den Damen und den Kindern … Wenn der Boss das erfährt, bringt er uns um!«

Die Hazienda besitzt, wie sie uns erklären, einen großen Zoo, und offenkundig wurde das Flugzeug mit den Gästen mit dem Transportflugzeug mit den wilden Tieren verwechselt. Während die Männer sich mit Entschuldigungen überschlagen, steigen die Piloten aus, mit der gleichgültigen Miene von Leuten, die Fremden keine Erklärungen schuldig sind, da ihre Aufgabe in der Einhaltung des Flugplans besteht und nicht in der Prüfung der Fracht.

Drei Jeeps stehen für uns bereit, um uns zur Hazienda zu fahren. Ich setze Sonnenbrille und Safarihut auf, steige aus dem Flugzeug und betrete, ohne es zu ahnen, den Boden, der mein Leben für immer verändern wird. Wir steigen in die Fahrzeuge, und als Aníbal seinen Arm um meine Schulter legt, werde ich ruhig und nehme mir vor, jede verbleibende Minute unseres Ausflugs auszukosten.

»Was für ein wunderschöner Ort!«, flüstere ich ihm zu und zeige auf zwei Reiher, die sich an einem fernen Ufer in die Luft erheben. »Und so weitläufig … Ich glaube, die Reise hierher hat sich gelohnt …«

Versonnen und in völligem Schweigen betrachten wir die herrliche Szenerie. Wasser und Himmel scheinen sich bis ans Ende des Horizonts zu erstrecken. Mich durchströmt ein Schwall von Glück. Aus einer Hütte in der Ferne tönen die Noten des Lieds »Caballo viejo« von Simón Díaz herüber, gesungen von der unverwechselbaren Stimme von Roberto Torres, diese Hymne der venezolanischen Ebene, die sich die reiferen Männer auf dem ganzen Kontinent zu eigen gemacht haben, um sie jungen Frauen ins Ohr zu säuseln, wenn sie ihre Zügel schießen lassen wollen in der Hoffnung, dass die Angebetete es ihnen gleichtut. »Wenn die Liebe so daherkommt, in dieser Weise, bemerkt man es nicht einmal …«, trällert der Sänger und berichtet von der Heldentat des alten Zuchthengstes. »Wenn die Liebe so daherkommt, in dieser Weise, trifft einen keine Schuld …«, rechtfertigt sich der Viehhirte, um schließlich das ganze Menschengeschlecht aufzufordern, seinem Beispiel zu folgen, »denn nach diesem Leben gibt es keine weitere Gelegenheit«. Und er singt es in einem Ton, der so mit Volksweisheit gesättigt ist wie mit rhythmischen Kadenzen, Verschworene eines lauen Lüftchens voller Verheißung.

So glücklich und trunken bin ich von diesem Spektakel, dass ich neugierig auf den Namen, das Leben und die Taten unseres Gastgebers werde. Der Besitzer von alldem muss wohl einer von diesen alten Politikern mit Silbermähne sein, mit massenhaft Geld und Gespielinnen, einer, der sich für den »König des Volkes« hält. Ich lehne meinen Kopf wieder an die Schulter Aníbals, diesen hochgewachsenen Hedonisten, dessen Liebe zum Abenteuer nun mit ihm verloschen ist, nur wenige Wochen, bevor ich meine Kräfte sammeln konnte, um diese Geschichte zu erzählen, gewebt aus Augenblicken, die in meiner Erinnerung gefroren sind, und bevölkert von Mythen und Ungeheuern, die niemals wieder auferstehen dürfen.

Obwohl die Villa riesig ist, fehlt ihr die Ausstattung der großen Haziendas, der traditionellen Gutshöfe Kolumbiens. Dort sieht man gewöhnlich eine Kapelle, die Reitbahn oder den Tennisplatz, die Pferde, die englischen Reitstiefel oder die Rassehunde, die antiken Silberwaren oder Kunstwerke des 18., 19. und 20. Jahrhunderts, die Ölgemälde von Jungfrauen und Heiligen oder vergoldete Holzfriese über den Türen, Säulen aus der Kolonialzeit oder die bemalten Krippenfiguren der Vorfahren, bemalte Truhen oder Perserteppiche in allen Größen, handbemaltes französisches Porzellan oder Tischdecken mit Nonnenborte oder die Rosen oder Orchideen der stolzen Dame des Hauses.

Hier sieht man auch nirgendwo die devoten Diener der reichen Gutshäuser meines Landes, die fast immer zusammen mit dem Grund und Boden vererbt werden, geduldige, resignierte Menschen von ungeheurer Sanftheit, die im Laufe von Generationen gelernt haben, die Sicherheit höher zu schätzen als die Freiheit. Jene zahnlosen, aber immer lächelnden Bauern in Ruana, einem kurzen Poncho aus brauner Wolle, die auf jede Bitte ohne Zögern reagieren und sich den Hut mit einer tiefen Verbeugung abnehmen: »Ich eile, Euer Gnaden«; »Euleuterio González zu Befehl, um Euer Gnaden in allem zu dienen, was Euer Gnaden beliebt!« Solche Diener alten Schlags haben noch nie davon gehört, dass es im Rest der Welt so etwas wie Trinkgeld gibt, doch sind sie heute beinahe ausgestorben, weil die Guerilleros ihnen beigebracht haben, dass eines nicht allzu fernen Tages, nach dem Sieg der Revolution, auch sie Land und Vieh, Waffen und Drinks und Frauen wie die der Gutsherren besitzen werden, hübsche Dinger ohne Krampfadern.

Die Zimmer der Hazienda liegen an einem langen Korridor und sind spartanisch eingerichtet: zwei Betten, ein Nachttisch mit Aschenbecher aus örtlicher Keramik, eine Allerweltslampe und Fotos vom Anwesen. Gott sei Dank gibt es in unserem privaten Badezimmer auch warmes Wasser, anders als in beinahe allen Gutshäusern der Tierra Caliente. Die endlose Terrasse ist mit Dutzenden von Tischen mit Sonnenschirmen und Hunderten von weißen, wetterfesten Stühlen übersät. Die Dimensionen der Gesellschaftsräume – so geräumig wie in jedem der Clubes Campestres, der »Landclubs« Kolumbiens – lassen nicht den geringsten Zweifel aufkommen, dass die Villa für große Empfänge mit Hunderten von Gästen entworfen wurde, und aus der Zahl der Gästezimmer schließen wir, dass hier an den Wochenenden wohl Dutzende von Geladenen beherbergt werden.

»Wie müssen erst die Feste hier sein!«, raunen wir uns zu. »Sicher engagieren sie dafür den König der Vallenato-Musik mit etlichen von Akkordeonspielern aus Valledupar!«

»Nein, die holen sich Sonora Matancera aus Kuba und Los Melódicos aus Venezuela auf einmal!«, kommentiert ein anderer in einem ironischen Ton, in dem ein Fünkchen Neid durchschimmert.

Vom Gutsverwalter erfahren wir, dass der Hausherr in letzter Minute aufgehalten wurde und erst am folgenden Tag eintreffen wird. Es ist offensichtlich, dass dem Personal Anweisung erteilt wurde, uns jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Allerdings hat man uns vom ersten Augenblick an zu verstehen gegeben, dass der zweite Stock, wo sich die Privaträume der Familie befinden, von der Führung durch das Anwesen ausgeschlossen ist. Alle Bediensteten sind Männer und scheinen für ihren Chef große Bewunderung zu hegen. Ihr im Vergleich zu den Angestellten anderer reicher Familien gehobener Lebensstil spiegelt sich in ihrem sicheren Auftreten und dem völligen Mangel an Unterwürfigkeit. Sie scheinen Familienväter zu sein und tragen neue Arbeitskleidung guter Qualität von diskreterer Art als die jungen Männer auf der Landebahn. Im Unterschied zu Letzteren führen sie keinerlei Waffen mit sich. Wir gehen durch den Flur zum Abendessen. Der hölzerne Haupttisch ist riesig.

»Wie für ein ganzes Bataillon!«, bemerkt einer von uns.

Es gibt weiße Papierservietten, das Essen auf Geschirr der Region wird von zwei effizienten und schweigsamen Frauen serviert, die einzigen, die wir seit unserer Ankunft zu Gesicht bekommen haben. Wie wir erwartet hatten, besteht das Menü aus einer leckeren Bandeja Paisa, ein für die Region Antioquia typisches Gericht und eine der Nationalspeisen Kolumbiens: Bohnen, Reis, Hackfleisch und Spiegelei, dazu eine Avocadohälfte. Nichts an diesem Gutshaus spiegelt das Bemühen um ein erlesenes, raffiniertes und luxuriöses Ambiente: Alles an dieser Hazienda von dreitausend Hektar Größe zwischen Doradal und Puerto Triunfo im heißen Tal des Rio Magdalena scheint im praktischen und unpersönlichen Stil eines großen Hotels entworfen, nicht im Stil eines traditionellen Landhauses.

Nichts hätte mich folglich in jener heißen und stillen Tropennacht, meiner ersten auf der Hazienda Nápoles, auf die kolossalen Dimensionen einer Welt vorbereiten können, deren Entdeckung für mich am folgenden Tag ihren Anfang nehmen sollte, ein Reich, das sich so sehr von allen anderen unterschied, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Und niemand hätte mich auf die außerordentlichen Ambitionen des Mannes stoßen können, der es aus Sternenstaub erbaut hatte, mit jenem Geist, aus dem die Mythen gemacht sind, welche die Geschichte der Nationen und das Schicksal ihrer Menschen für immer verändern.

Zur Frühstückszeit teilt man uns mit, dass unser Gastgeber gegen Mittag eintreffen wird, um uns persönlich seinen Zoo zu zeigen. Unterdessen machen wir uns auf, die Hazienda mit Buggys zu durchstreifen, kleine, offene Geländewagen für junge, waghalsige Leute, um damit durch sandiges Terrain zu rasen. Sie bestehen aus einem tief liegenden Chassis, das fast alles aushält, zwei Sitzen, Lenkrad, Kupplung, Tank und einem Motor, der einen Höllenlärm macht. Wo diese Gefährte entlangdonnern, bleibt eine Qualm- und Staubwolke und eine Heckwelle des Neids zurück, weil jeder, den man am Steuer eines Buggys sieht, gebräunt und strahlend erscheint, mit Shorts und Sonnenbrille und einem schönen, einen Hauch verängstigt wirkenden Mädchen mit wehendem Haar an seiner Seite oder einem keine Miene verziehenden betrunkenen Freund. Der Buggy ist das einzige Gefährt, mit dem man in volltrunkenem Zustand über einen Strand rasen kann, ohne dass seine Insassen ernstlich zu Schaden kommen, ohne dass er umstürzt und, vor allem, ohne dass die Polizei den Wahnsinnigen am Steuer einsperrt, denn er hat noch einen weiteren Vorzug: Er kommt bei Vollbremsung abrupt zum Stehen.

Der erste Morgen dieses Wochenendes hat in schönster Normalität begonnen, doch dann kommt es zu einem seltsamen Zwischenfall, als ob ein Schutzengel mich warnen will, dass die Freude und die unschuldigen Abenteuer nur das Gesicht künftigen Schmerzes maskieren.

Aníbal steht in dem Ruf, einer der größten Verrückten des Planeten zu sein, was meiner Abenteuerlust überaus entgegenkommt. Meine Freundinnen prophezeien schon, dass unsere Verlobungszeit nicht vor dem Traualtar enden wird, sondern eher auf dem Boden einer Schlucht. Obwohl er in der Regel in seinem Mercedes mit beinahe zweihundert Sachen und einer Flasche Whisky in der einen und einem halbverzehrten Imbiss in der anderen Hand durch die engen Serpentinen in den Bergen kurvt, hat er tatsächlich noch nie einen Unfall gehabt. Ich sitze glücklich in dem Buggy mit seiner Tochter auf dem Schoß, die Brise im Gesicht und das Haar im Wind, und genieße die reinste Wonne, die es bedeutet, mit Höchstgeschwindigkeit über ebenes und unberührtes Land zu rasen, das uns keine Grenzen setzt. Auf jedem anderen kolumbianischen Gut wären diese unermesslichen Weiten der Zebuzucht gewidmet und voller Tore mit Schlössern und Riegeln, dahinter Tausende Kühe mit stumpfsinnigen Blicken und Dutzende aggressive Stiere.

Drei Stunden lang fahren wir Kilometer um Kilometer durch eine in allen Grüntönen prangende Ebene, unterbrochen nur von dem einen oder anderen Gewässer oder einem Flüsschen mit wenig Wasser, von einem weich wie Samt wirkenden, senffarbenen Hügel hier oder einer leichten Bodenwelle dort, ähnlich wie das Grasland, in dem ich Jahre später Meryl Streep und Robert Redford in dem Film Out of Africa sah, nur ohne die Baobab-Bäume. Die ganze Gegend ist nur von Bäumen und Sträuchern, Vögeln und kleinen Tieren der amerikanischen Tropen bevölkert, unmöglich im Detail zu beschreiben, weil jede neue Szenerie schon beginnt, während die andere noch nicht ganz an unseren Augen vorbeigezogen ist.

Wir jagen auf eine dichte, halb waldige Vegetation in einer Mulde von ungefähr einem halben Kilometer Breite zu, wo wir uns einige Minuten unter dem Fächerdach eines Hains riesiger Guadua-Bambus-Bäume von der heißen Mittagssonne erholen wollen. Sekunden später fliegen Scharen von Vögeln aller erdenklichen Farben mit einer schrillen Kakophonie auf, der Buggy macht einen Sprung über eine unter Laub verborgene Bodenvertiefung, ein etwa zwei Meter langer Stock schlägt wie ein Geschoss auf den vorderen Teil des Gefährts, schießt ratschend durch den engen Spalt zwischen Adrianas Knie und dem meinen und kommt exakt einen Millimeter vor meiner Wange und wenige Zentimeter unter meinem Auge zum Stehen. Nichts ist passiert, anscheinend hat Gott mir ein besonderes Schicksal zugedacht.

Trotz der zurückgelegten Entfernung und dank einer Erfindung namens Sprechfunkgerät, die ich immer für snobistisch und überflüssig gehalten hatte, treffen nach zwanzig Minuten mehrere Jeeps ein, um uns zu retten und den Kadaver des ersten Buggys der Geschichte zu bergen, der einen Totalschaden erlitten hat. Eine halbe Stunde darauf befinden wir uns schon in der kleinen Krankenstation der Hazienda, bekommen Tetanusspritzen und Merbromin zur Desinfizierung und Pflaster auf unsere Abschürfungen an den Knien und meiner Wange, während alle aufatmen, dass Adriana und ich wohlauf sind und noch alle Augen haben. Aníbal hat das Gesicht eines gescholtenen Knaben, grummelt etwas über die Kosten der Reparatur des verfluchten Gefährts und wie es sich gegebenenfalls durch ein neues ersetzen ließe, wofür man zuerst die Transportkosten aus den USA in Erfahrung bringen müsse.

Wir erfahren, dass der Hubschrauber des Hausherrn vor einer Weile eingetroffen ist, obwohl keiner von uns ihn gehört hat. Etwas nervös stellen mein Verlobter und ich uns darauf ein, uns für den Schaden zu entschuldigen und Wiedergutmachung anzubieten. Minuten später betritt unser Gastgeber den Salon, wo wir uns mit dem Rest der Gäste eingefunden haben. Er strahlt, als er bemerkt, wie verblüfft wir über sein junges Alter sind. Eine schelmische Heiterkeit huscht über sein Gesicht, als hätte er seine liebe Not, nicht lauthals loszulachen.

Einige Jahre zuvor in Hongkong hatte mir der ehrwürdige und elegante Hauptmann Chang über seinen vierundzwanzig Stunden am Tag vor meinem Hotel parkenden Rolls Royce Silver Ghost mit Chauffeur in grauer Uniform, schwarzen Stiefeln und Dienstmütze gesagt: »Keine Sorge, gnädige Frau, wir haben weitere sieben nur für unsere Gäste, und der da ist für Sie!«

Im gleichen Ton ruft nun unser lächelnder Gastgeber mit einer wegwerfenden Handbewegung aus: »Grämen Sie sich nicht mehr wegen dieses Buggys, wir haben Dutzende davon!«

Im Nu hat er damit all unsere Befürchtungen zerstreut und jeden Schatten des Zweifels über seine Mittel, seine Gastfreundschaft und seine rückhaltlose Bereitschaft beseitigt, von diesem Augenblick an mit uns alle Vergnügungen zu teilen, die sein Paradies verheißt. Dann begrüßt uns der stolze Eigentümer der Hazienda Nápoles einen nach dem anderen, in einem zuerst beruhigenden, dann entwaffnenden und schließlich verführerischen Ton, dem Frauen, Kinder und Männer gleichermaßen erliegen. Dabei trägt er ein Lächeln zur Schau, das jedem von uns das Gefühl gibt, der auserkorene Eingeweihte eines sorgfältig geplanten, heimlichen Scherzes zu sein.

»Wie schön, Sie endlich kennenzulernen! Wie geht es den Wunden? Wir werden die Kinder reichlich für die verlorene Zeit entschädigen, sie werden sich nicht eine Minute langweilen! Glauben Sie mir, ich bedaure sehr, dass ich nicht früher kommen konnte. Pablo Escobar, angenehm.«

Er ist zwar ein Mann von kleiner Statur – keine 1,70 Meter –, ich bin mir aber absolut sicher, dass es für ihn nie von Bedeutung war. Sein Körper ist stämmig und von der Art, die in späteren Jahren zur Fülligkeit neigt. Sein zu früh entwickeltes, markantes Doppelkinn über einem dicken und ungewöhnlich kurzen Hals nimmt seinem Aussehen etwas von seiner Jugend, verleiht aber seinen sorgsam gewählten Worten, die aus einem geraden, festen Mund kommen, eine gewisse Autorität, ein gewisses Flair des reiferen Herrn. Er spricht mit einer klaren, weder hohen noch tiefen, dabei höflichen und angenehmen Stimme, mit der absoluten Gewissheit eines Menschen, dessen Wünsche Befehle sind und der alles ihn Betreffende sicher im Griff hat. Er trägt einen Schnauzbart, und im Profil wirkt seine Nase beinahe wie die einer griechischen Statue. Sonst würde er völlig gewöhnlich wirken, eher hässlich als schön, einer unter vielen auf den Straßen irgendeines lateinamerikanischen Landes. Das Haar ist dunkel und eher kraus, mit einer widerspenstigen dreifachen Welle, die ihm über die Stirn fällt und die er von Zeit zu Zeit mit einer raschen Geste nach hinten streicht. Seine Haut ist recht hell und nicht gebräunt wie die unsrige, obwohl wir in der gemäßigten Zone Kolumbiens, der Tierra Fría, leben. Seine Augen liegen sehr dicht beieinander und sind besonders scheu. Wenn er sich nicht beobachtet fühlt, scheinen sie sich in ihre unergründlichen Höhlen unter nicht sehr dichten Augenbrauen zurückzuziehen, um von dort aus die Gesten der anderen zu untersuchen, durch die sich ihre Gedanken verraten könnten. Ich beobachte, dass sie sich fast die ganze Zeit auf Ángela richten, die ihn mit ihren dreiundzwanzig Jahren und ihrer hochmütigen Schönheit von der Höhe ihrer 1,75 Meter aus mit höflicher Verachtung betrachtet.

Wir nehmen die Jeeps, um zum Zoo der Hazienda Nápoles zu fahren. Escobar lenkt eines der Fahrzeuge in Begleitung zweier Brasilianerinnen in Tangas, schöne Mädchen aus Rio von kleiner Statur mit perfekten Hüften, die nie ein Wort sagen und sich gegenseitig tätscheln, wenn auch mit zunehmender Diskretion wegen der Anwesenheit der Kinder und der eleganten Schönheiten, die jetzt die ganze Aufmerksamkeit des Gastgebers gefangen nehmen. Aníbal beobachtet die völlige Gleichgültigkeit beider gegenüber allem, was um sie herum geschieht, für eine Autorität auf diesem Gebiet wie ihn ein untrügliches Symptom für das wiederholte und tiefe Inhalieren irgendeines Supermarihuanas, denn selbst die Spitzensorte »Samarian Gold« muss auf diesem Luxusgut wie minderes Cannabis fürs Volk wirken. Die beiden Mädchen sind wirklich zärtlich zueinander, wie Engelchen kurz vor dem Einschlafen, und beide tragen am Zeigefinger einen Diamanten von einem Karat.

In der Ferne tauchen drei Elefanten auf, wohl in jedem Zirkus oder Zoo die größte Attraktion. Es sind asiatische, keine afrikanischen, sagt Escobar, allerdings konnte ich beide sowieso nie unterscheiden. Er erläutert, dass alle Männchen der großen, vom Aussterben bedrohten Säugetiere zwei oder drei Weibchen haben, die Zebras, Kamele, Kängurus, Appaloosa-Pferde und anderen, weniger kostspieligen Tiere noch viel mehr. »Deshalb sind sie auch so zufrieden und nicht angriffslustig oder gewalttätig«, fügt er lächelnd hinzu.

»Nein, Pablo, das liegt nicht am Weibchenüberschuss. Es liegt an dieser herrlichen Gegend, die aussieht wie eine afrikanische Ebene. Sieh nur, wie die Nilpferde und Nashörner zum Fluss laufen: So glücklich, als wären sie zu Hause!«, erwidere ich, denn ich liebe es, Männern zu widersprechen, die den Sex überbewerten. Und es stimmt wirklich, das Beste an seinem Zoo ist die völlige Freiheit, in der diese riesigen Tiere die offene Landschaft durchwandern oder sich auf hoch gelegenen Weiden verstecken, von wo aus auch der Panther und die Tiger, von denen am Vortag die Rede war, hervorspringen könnten, wenn man es am wenigsten erwartet.

Irgendwo unterwegs fällt uns auf, dass die Brasilianerinnen dank der geschäftigen »Eskorte«, wie bewaffnete Leibwächter in Kolumbien genannt werden, verschwunden sind. Jetzt nimmt Ángela den Ehrenplatz an der Seite unseres Gastgebers ein, der mehr strahlt als wir alle zusammen. Auch Aníbal ist glücklich, denn er möchte ihm die Hubschrauber schmackhaft machen, die sein Freund Graf Agusta herstellt. Außerdem hat ihm Escobar gerade anvertraut, dass unsere Freundin das schönste Wesen ist, das er seit langem gesehen hat.

Wir gelangen zu den drei Giraffen des Zoos, und ich kann der Versuchung nicht widerstehen, ihren Eigentümer zu fragen, wie man es anstellt, Tiere von solcher Größe mit derart langen Hälsen aus Afrika zu importieren: wem man den Auftrag erteilt, wie viel es kostet, wie man sie aufs Schiff befördert, ob sie seekrank werden, wie man sie aus dem Laderaum holt, in welcher Art von Lastwagen sie zur Hazienda gebracht wurden, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, und wie lange sie brauchen, um sich an den Wechsel des Kontinents zu gewöhnen.

»Wie würdest du sie denn herholen?«, fragt er eine Spur herausfordernd.

»Also angesichts des Halses und da sie vor der Ausrottung stehen, wäre es … etwas gefährlich, sie über Europa zu verschiffen. Sie müssten auf dem Landweg südlich der Sahara bis zu einem Ort wie Liberia transportiert werden. Ich glaube, von der Elfenbeinküste zur Küste Brasiliens oder vielleicht Guayanas dürften sie nach Durchquerung Amazoniens ohne Probleme in Kolumbien ankommen, vorausgesetzt, du hast … jedem frohen Grenzposten und jeder glücklichen Streife auf der ganzen Route von Manaus bis Puerto Triunfo ein paar Bündel Geldscheine zugesteckt. Sooo kompliziert ist es nun auch wieder nicht!«

»Deine Fähigkeit zum multinationalen Verbrechen erschüttert mich zutiefst, Virginia! Wann gibst du mir ein paar Tipps? Meine Giraffen wurden legal eingeführt, was unterstellst du mir denn da? Sie sind aus Kenia über Kairo, Paris, Miami und Medellín bis zur Landebahn der Hazienda Nápoles geflogen, sämtliche Ursprungszertifikate und Impfungen sind in Ordnung. Es wäre unmöglich und unvorstellbar, sie ins Land zu schmuggeln, weil sie keine einziehbaren Hälse haben, wusstest du das? Oder glaubst du, dass man sie wie fünfjährige Kinder einfach ins Bett bringen kann? Sehe ich etwa aus wie ein Giraffenschmuggler?« Noch bevor ich antworten kann, ruft er beglückt aus: »Und jetzt zum Baden an den Fluss, damit Sie alle vor dem Mittagessen ein Stück vom Paradies zu Gesicht bekommen!«

Wenn es etwas gibt, das einem kultivierten Menschen aus dem kühleren Landesteil Kolumbiens das Herz vor Vorfreude hüpfen lässt, dann die Aussicht auf einen Ausflug an einen Fluss in der Tierra Caliente zu einem Sancocho-Essen. (Sancocho ist eine kräftige Hühner- oder Fischsuppe begleitet von Maniok, Reis und Kartoffeln, die jede Region Kolumbiens nach eigenem Rezept zubereitet.) Da ich, so weit ich zurückdenken kann, seit frühester Kindheit immer nur in türkisfarbenem Wasser gebadet habe, bin ich sehr erleichtert, dass der grün schimmernde Río Claro, der von Dutzenden von Quellen des Anwesens gespeist wird, kristallklar ist. Sein Wasser fließt sanft zwischen großen, abgerundeten Felsen, seine Tiefe erscheint ideal zum Baden, was mir gelegen kommt, denn mir fällt eine Wolke Moskitos auf, und diese Insekten verwechseln mein Blut gewöhnlich mit Honig.

Am Ufer erwarten uns einige Familienangehörige und Freunde unseres Gastgebers und Dutzende Leibwächter mit Speedbooten. Diese für Bootsrennen gebauten stählernen Wasserfahrzeuge erreichen beeindruckende Geschwindigkeiten und befördern mehr als ein Dutzend Personen, die mit Helmen, Westen und, wegen des ohrenbetäubenden Motorenlärms, mit Gehörschutz ausgerüstet sind, alles einsatzbereit in Metallkisten im Heck verstaut.

Mit Escobar am Steuer unseres Bootes legen wir einen rasanten Start hin. Wie hypnotisiert von der Freude am Fahren jagt er über den Fluss, weicht Hindernissen aus, als ob er jede Biegung und jeden Stein, jeden großen oder kleinen Strudel, jeden umgestürzten Baum oder im Wasser treibenden Stamm in- und auswendig kennen würde und uns mit seiner Geschicklichkeit beeindrucken wollte, uns aus Gefahren zu retten, die wir erst erspähen, wenn wir pfeilschnell an ihnen vorbeischießen, und die im Nu wieder verschwinden, als wären sie nur unserer Einbildung entsprungen. Der Wirbel dauert beinahe eine Stunde, und als wir an unserem Ziel ankommen, fühlen wir uns, als wären wir die Niagarafälle hinabgestürzt. Fasziniert wird mir klar, dass in jeder Sekunde der vergangenen Stunde unser aller Leben von der millimetergenauen Kalkulation dieses Mannes abgehangen hatte. Escobar schien dafür gemacht zu sein, die Grenzen seiner Überlebensfähigkeit zu testen oder andere Menschen zu retten und dafür ihre Bewunderung, ihre Dankbarkeit oder ihren Applaus zu ernten. Geteilte Intensität ist eines der herrlichsten Geschenke für abenteuerlustige Leute. Unser Gastgeber hat sein ganzes Inszenierungsgeschick für ein bewegendes und unwiederholbares Spektakel aufgeboten, und ich frage mich, ob aus Leidenschaft für die Bezwingung von Gefahren oder um in allen Lebenslagen die vielfältigen Facetten seiner Großzügigkeit unter Beweis zu stellen oder womöglich, um einer ausufernden Selbstliebe zu huldigen.

Wir kommen zu dem Ort, wo wir unser Mittagessen einnehmen werden, und ich bin glücklich, mich im Wasser entspannen zu können, während die Suppe und die gegrillten Speisen zubereitet werden. Versunken in Gedanken und in die Schönheit des Himmels, schwimme ich auf dem Rücken und bemerke zu spät, dass ich in einen Strudel geraten bin. Als ich die Stärke des Sogs spüre, der meine Beine lähmt und mich in die Tiefe zieht, winke ich und rufe meinen Verlobten und meine Freunde am etwa achtzig Meter entfernten Ufer. Doch alle lachen nur und glauben, ich würde sie zum Baden rufen, während sie lieber einen anständigen Drink nehmen. Ich bin drauf und dran, vor den Augen von Dutzenden Freunden und Aufpassern zu ertrinken, die jenseits ihrer Bequemlichkeit, ihrer Gläser und Maschinengewehre für alles andere blind zu sein scheinen. Ich bin schon fast völlig erschöpft, als ich Blickkontakt zu Pablo Escobar bekomme. Nur er, der alle Hände voll damit zu tun hat, alles zu organisieren und Anweisungen zu erteilen, der Dirigent des Orchesters, bemerkt, dass ich in einem lebensgefährlichen Strudel stecke. Ohne zu überlegen springt er ins Wasser und erreicht mich in Sekundenschnelle. Zuerst beruhigt er mich mit Worten und nimmt mich dann mit präzisen, wie choreographiert wirkenden Bewegungen in einen Griff, der so stark ist, dass er die doppelte Kraft des Strudels zu haben scheint. Schließlich zieht mich dieser tapfere, selbstsichere Mann wie eine Feder aus den Fängen des Todes. Es ist, als wäre diese Aktion nur eine weitere seiner Pflichten als aufmerksamer Gastgeber. Er scheint immun gegen die Gefahr, zieht mich zuerst mit der Hand zu sich, hält mich dann am Arm fest und zieht mich schließlich an seinen Körper, während Aníbal uns von weitem zusieht, als würde er sich fragen, warum ich mich, zum Teufel, nicht von dem Mann losmache, den wir erst einige Stunden zuvor kennengelernt und mit dem er sich erst vor fünf Minuten noch unterhalten hat.

Als Escobar und ich wieder Boden unter die Füße bekommen, waten wir schwankend ans Ufer. Er hält mich fest im Arm und ich frage ihn, warum er unter all den Leuten der Einzige war, dem aufgefallen ist, dass ich kurz vor dem Ertrinken stand.

»Weil ich die Verzweiflung in deinen Augen gesehen habe. Deine Freunde und meine Männer haben nur gesehen, wie du gewunken hast.«

Ich schaue ihn an. Er war nicht nur der Einzige, der meine Angst bemerkt hat, sondern offensichtlich auch der Einzige, dem mein Leben am Herzen lag. Als ich ihm das sage, wirkt er erstaunt, und mehr noch, als ich mit dem ersten Lächeln, zu dem ich nach dem Schreck fähig bin, hinzufüge: »Dann bist du jetzt für mein Leben verantwortlich, solange du lebst, Pablo …«

Er legt mir schützend den Arm um die immer noch zitternden Schultern. »Solange ich lebe?«, ruft er lächelnd aus. »Und was bringt dich auf den Gedanken, dass ich vor dir sterbe?«

»Na ja, du weißt, das ist nur so eine Redensart … sagen wir also lieber, solange ich lebe, dann sind wir beide beruhigt – und du zahlst meine Beerdigung!«

Das werde wohl noch ein Jahrhundert dauern, lacht er, denn die Ereignisse der letzten Stunden deuteten ja darauf hin, dass ich mehr Leben hätte als eine Katze. Am Ufer angekommen, halten mir Aníbals liebevolle Arme ein Handtuch entgegen. Es ist warm, und weil es so riesig ist, hindert es mich daran, in seinen Augen zu entdecken, was er vor meinem Blick verbergen möchte.

Die Grillplatte muss sich vor einer argentinischen nicht verstecken, der Ort unseres Mittagessens ist traumhaft. Ein wenig abseits der übrigen Gruppe blicke ich in das schattige Grün mit den Augen einer erlösten Eva, die zum zweiten Mal das Paradies betrachten darf. In den folgenden Jahren dachte ich immer wieder daran zurück und sah in Gedanken die schöne Teakholzkonstruktion mit Blick auf den ruhigsten Teil des Río Claro, der sich für mich in einen smaragdgrünen See verwandelte, das Grün des gegenüberliegenden Ufers mit seinen in der Sonne glänzenden Blättern und die Schmetterlinge. Als ich Pablo viele Monate später bitte, dorthin zurückzukehren, sagt er mir, dass es nicht möglich sei, weil es an dem Ort nun von Guerillakämpfern wimmle. Zwei Jahrzehnte später sollte ich schließlich begreifen, dass man nie an die Orte der herrlichsten Schönheit zurückkehren sollte, der glücklichen Stunden, denn sie sind nicht mehr dieselben. Alles, was bleibt, ist der nostalgische Blick zurück.

Alles auf der Hazienda Nápoles scheint von kolossaler Dimension. Wir fahren mit dem Rolligon, ein gewaltiger Raupentraktor mit Rädern von beinahe zwei Metern Durchmesser und der Kraft von drei Elefanten, auf dessen Aufbau etwa fünfzehn Personen Platz finden.

»Was du damit nicht alles anstellen kannst, Pablo!«, rufen wir aus und weisen auf einen mittelgroßen Baum vor uns.

»Na, den mähen wir auch noch um!«, ruft Escobar verzückt und walzt das Bäumchen ohne Mitleid nieder, denn alles, was seinem Ansturm nicht standhält, verdient es nicht zu leben und muss wieder zu Staub werden, um als Dünger zu dienen, sagt er.

Auf dem Rückweg zum Gutshaus kommen wir an einem Ford vorbei, dessen Baujahr wir etwa auf Ende der Zwanzigerjahre schätzen. Er ist von Einschusslöchern durchsiebt.

»Das ist der Wagen von Bonnie und Clyde!«, klärt Escobar uns stolz auf.

Ich frage ihn, ob es das echte Auto des Paars ist oder das aus dem Film. Natürlich das Original, erwidert er, denn er kaufe keine Fälschungen. Escobar erklärt, dass die sechs Polizisten, die das Liebespaar gestellt hatten, um die Belohnung zu kassieren, über eine Stunde lang mit automatischen Gewehren darauf schossen und um den Wagen herum über hundert Patronenhülsen zurückließen.

Clyde Barrow, der »amerikanische Robin Hood«, war 1934 der Staatsfeind Nummer eins der amerikanischen Regierung. Er raubte Banken aus und organisierte vier Monate vor seinem Tod erfolgreich die Flucht einiger Mitglieder seiner Bande. Bonnie Parker begleitete ihn bei seinen Überfällen, beteiligte sich jedoch nie an der Ermordung von Polizisten, wozu es immer öfter kam, als sich die Verfolgung der Flüchtigen auf neun Staaten ausweitete und die ausgesetzte Belohnung erhöht wurde. Bei ihrem Tod war sie vierundzwanzig, er dreiundzwanzig. Die Leichen des Pärchens wurden vor Hunderten von Fotografen auf dem Fußboden des Leichenschauhauses ausgestellt, ein Spektakel, das zornige Proteste auslöste, nicht nur wegen seiner Morbidität, sondern wegen der Dutzende von Einschüssen bei der jungen Frau, deren Verbrechen und Schicksal es war, einen Mann zu lieben, der unentwegt vor der Justiz auf der Flucht war. Bonnie und Clyde waren das erste Verbrecherpaar, das in der Literatur und im Kino unsterblich wurde, ihre Legende verwandelte sie in eine authentische moderne Version von Romeo und Julia. Zwanzigtausend Menschen begleiteten den Trauerzug von Bonnie, die auf Wunsch ihrer Mutter nicht an der Seite von Clyde beerdigt werden durfte, obwohl es ihr Wunsch gewesen war.

Wir nähern uns dem Eingang der Hazienda Nápoles, auf deren enormen Tor wie ein riesiger Schmetterling ein weißgestrichenes, einmotoriges Sportflugzeug prangt. Escobar fährt langsamer und hält. Ich bekomme noch mit, wie sich über uns eine Klappe öffnet und sehe aus dem Augenwinkel, wie meine Gefährten zur Seite und zum hinteren Teil des Aufbaus springen, dann ergießt sich im Bruchteil einer Sekunde Kübel um Kübel kaltes Wasser über mich. Ich bin völlig perplex, bekomme kaum Luft.

»Und diese Eierschale von der Jahrhundertwende, war das der Flieger von Lindbergh oder von Amelia Earhart, Pablo?«, frage ich ihn fröstelnd, als ich mich von der unfreiwilligen Dusche halbwegs erholt habe.

»Nein, das war meins und es hat mir viel Glück gebracht, so wie du es heute hattest, als ich dir das Leben gerettet habe! Ha, ha, ha! Ich verlange immer eine Gegenleistung, wenn ich jemand einen Gefallen tue, und jetzt bist du ›getauft‹. Nun sind wir quitt, liebe Virginia!«, ruft er und kringelt sich vor Lachen, während seine Komplizen nicht aufhören, seinen Streich zu feiern.

An diesem Abend, als ich mich für das Abendessen zurechtmache, klopft es leise an meiner Zimmertür. Ich nehme an, dass es Aníbal ist, und bitte ihn herein. Doch wer da schüchtern den Kopf zur Tür hereinsteckt, ohne die Klinke loszulassen, ist der Herr des Hauses. In besorgtem Ton bittet er mich um Entschuldigung und fragt, wie ich mich fühle. »Sauberer denn je«, erwidere ich, »schließlich war ich in den letzten zwölf Stunden gezwungen, fünf unterschiedlich temperierte Bäder zu nehmen.« Er lacht erleichtert, und ich frage nach den Raubtieren, die wir nirgendwo auf dem Weg gesehen haben.

»Ach … diese Raubtiere. Tja … ich muss dir gestehen, dass es in meinem Zoo keine Raubtiere gibt. Sie würden die anderen Tiere fressen, die äußerst schwer zu importieren sind … auf legalem Weg. Mir fällt aber gerade ein, dass es mir so vorkam, als hätte ich draußen eine Pantherin gesehen, die unter einem Sportflugzeug durchnässt fröstelte, und drei Tigerinnen im Salon, vor ungefähr zehn Minuten. Ha, ha, ha!«

Dann ist er verschwunden. Die ganze Geschichte auf der Landebahn war also inszeniert. Mit ungläubigem Staunen stelle ich fest, dass die Fähigkeit dieses Mannes, anderen Leuten Streiche zu spielen, offenbar ebenso ausgeprägt ist wie sein Mut. Als ich gebräunt und strahlend in meinem seidenen, türkisfarbenen Hemdkleid den Speiseraum betrete, lobt Aníbal mein Aussehen und ruft vor allen aus: »Dieses Mädchen ist die einzige Frau der Welt, die jeden Morgen wie eine leuchtende Rose erwacht. Sie ist wie ein allmorgendliches Wunder der Schöpfung …«

»Schau sie dir an!«, sagt der Liedermacher zu Escobar, »die beiden Sexsymbole zusammen …«

Pablo lächelt uns an. Dann schaut er mir fest in die Augen. Ich senke den Blick.

»Ehrlich«, sagt Aníbal mit gesenkter Stimme auf dem Weg zurück zu unserem Zimmer, »ein Typ, der in der Lage ist, drei Giraffen aus Kenia hierher zu holen, ist auch dazu fähig, tonnenweise alles Mögliche in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln.«

»Tonnen von was, Liebling?«

»Kokain. Pablo ist der König des Kokains, und die Nachfrage ist so groß, dass er auf dem besten Weg ist, zum reichsten Mann der Welt zu werden!«

»Ich hätte geschworen, dass er seinen ganzen Lebensstil durch Politik finanziert.«

»Nein, nein, Liebes, es ist genau umgekehrt: Er finanziert die ganze Politik mit diesem Stoff hier.«

Verzückt schließt er nach seiner vierzigsten Line des Tages halb die Augen und zeigt mir einen Klumpen von fünfzig Gramm Kokain, den Pablo ihm geschenkt hat.

Ich bin erschöpft und schlafe sofort ein. Als ich am folgenden Tag aufwache, ist er immer noch da, aber das Kokain ist verschwunden. Er hat blutunterlaufene Augen und schaut mich mit ungeheurer Zärtlichkeit an. Ich weiß nur, dass ich ihn liebe.

Streben nach der Präsidentschaft

Einige Wochen später erhält Aníbal einen Anruf von Pablo Escobar. Er lädt uns ein, die Hazienda seines Freundes Luis Ochoa zu besuchen. Ochoa ist Pablos Partner bei dem Sozialprojekt »Medellín ohne Elendsviertel« und besitzt ein Gut an der kolumbianischen Karibikküste, das ebenfalls über einen Zoo verfügt. Pablo schickt ein Flugzeug, um uns abzuholen, und bei der Landung sehen wir, dass er uns nur in Begleitung seiner Crew erwartet. Dieses Mal ist er nicht der Hausherr, daher will er sich offenkundig uns anschließen, als ein weiterer Gast der Gruppe, zu der auch wieder unsere Freundin Ángela gehört. Wir konnten die Kinder von Aníbal nicht mitnehmen, weil die Mutter mit wahrem Entsetzen auf die Erzählung von den Abenteuern auf der Hazienda Nápoles reagiert hat und ihm ein für alle Mal verboten hat, die Kinder »zu Wochenenden bei diesen extravaganten, über Nacht reich gewordenen Leuten« mitzunehmen.

Die Landstraße, die vom Flughafen zu der Ortschaft führt, in der die Hazienda von Luis Ochoa liegt, ist kaum befahren. Nach einigen Minuten Fahrt unter einer unbarmherzigen Sonne, mit Escobar am Steuer des offenen Wagens, gelangen wir an den Kontrollposten, wo man eine Mautgebühr von umgerechnet drei amerikanischen Dollar bezahlen muss. Unser Fahrer vermindert die Geschwindigkeit, grüßt den Mauteinnehmer mit seinem breitesten Lächeln, fährt höchst zufrieden langsam weiter und lässt den verdutzten Mann zurück, der zuerst mit offenem Mund mit dem Ticket in der Hand sitzen bleibt und dann aufspringt, hinter uns herläuft und vergebens mit den Armen rudert, um uns zum Stehenbleiben zu bewegen. Überrascht fragen wir Pablo, warum er die Maut geprellt hat.

»Weil ich nicht zahle, wenn keine Polizei im Häuschen ist. Ich respektiere die Obrigkeit nur, wenn sie bewaffnet ist!«, ruft er triumphierend im Tonfall eines Schulmeisters, der seinen kleinen Schülern gerade eine Lektion erteilt hat.

Die Ochoas sind bekannte Pferdezüchter und -exporteure. Auf ihrer Hazienda La Loma in der Nähe von Medellín, die Jorge Luis’ Vater Fabio führt, halten sie Tausende von Pferden. Das Gut, zu dem wir jetzt fahren, die Hazienda La Veracruz, ist der Kampfstierzucht gewidmet. Sie ist zwar nicht so groß wie Nápoles und auch ihr Zoo bleibt hinter Escobars zurück, doch das Gutshaus ist wunderschön eingerichtet, und überall sieht man rote und gelbe elektrische Spielzeug-Ferraris und -Mercedes, der Traum vieler Kinder. Der älteste der drei Ochoa-Brüder ist Jorge Luis, ein liebenswürdiger Mann im selben Alter wie Pablo, den seine Freunde »el Gordo« (der Dicke) nennen. Er ist mit einer hochgewachsenen, schönen Frau verheiratet, María Lía Posada, Cousine der Kommunikationsministerin Noemi Sanín Posada. Auch wenn Jorge nicht über Escobars elektrisierende Art verfügt, springt ins Auge, dass die beiden Männer große Zuneigung und tiefen Respekt füreinander empfinden.

Beim Abschied erwähne ich Jorge gegenüber meinen Wunsch, seine berühmten Rennpferde zu sehen. Mit seinem breiten Lächeln verspricht er, bald etwas Besonderes für mich einzuplanen, das mich nicht enttäuschen wird.

Wir kehren in einem anderen von Escobars Flugzeugen nach Medellín zurück, und obwohl seine Bemühungen, Ángela zu erobern, abermals fruchtlos geblieben sind, scheinen die beiden gute Freunde geworden zu sein. Medellín ist die Stadt des ewigen Frühlings, und für die Paisas, seine stolzen Einwohner, ist die Hauptstadt des Departamento (wie die Provinzen oder Bundesstaaten in Kolumbien genannt werden) Antioquia nicht nur die Industriemetropole des Landes, sondern auch der Nabel der Welt. Wir steigen im Intercontinental ab, das in dem schönen Viertel El Poblado in der Nähe der Bürovilla von Pablo und seinem Cousin Gustavo liegt (sie gehört dem Vorstand von Metro de Medellín, der mit den beiden gut befreundet ist). Dieser Teil der Stadt ist durch unzählige Gassen geprägt, die sich zwischen Hügeln mit üppiger subtropischer Vegetation winden. Besuchern wie uns, die an die ebenen, wie in New York nummerierten Straßen von Bogotá gewöhnt sind, erscheinen sie als ein wahres Labyrinth, jedoch jagen die Einwohner auf dem Weg zwischen den von Bäumen und Gärten umgebenen Wohngebieten und dem lärmenden Stadtzentrum mit Höchstgeschwindigkeit die Hügel hinauf und hinunter.

»Da heute Sonntag ist und alle Welt früh zu Bett geht, werde ich euch um Mitternacht zu einem schwindelerregenden Rennen im Auto von James Bond einladen«, verkündet Pablo.

Als er uns das Schmuckstück seiner Sammlung präsentiert, sind wir ziemlich enttäuscht, denn es ist kein Aston Martin, sondern nur ein im Höchstmaß anonymisiertes Automobil. Doch dafür ist das Armaturenbrett mit Knöpfen übersät. Als er sieht, wie neugierig wir geworden sind, zählt er mit Besitzerstolz die Vorzüge des Gefährts auf, das nur mit der Polizei im Hinterkopf entworfen sein kann: »Dieser Knopf erzeugt eine Nebelwand, die die Verfolger zum Anhalten zwingt. Mit diesem hier wird Reizgas versprüht, davon muss man husten und bekommt brennenden Durst. Der da verspritzt Öl, damit die Verfolger ins Schleudern geraten und in die Schlucht stürzen. Hiermit streut man Hunderte von Zacken und Nägeln aus, um ihre Reifen zu durchlöchern. Das da ist ein Flammenwerfer, den man im Anschluss an den Knopf zum Ablassen von Benzin betätigt. Mit dem werden die Sprengkörper gezündet, und an beiden Seiten sind normalerweise Maschinengewehre angebracht, die wir aber heute abmontiert haben, vorsorglich, falls das Auto in die Hände einer rachsüchtigen Pantherin fallen sollte. Ach ja! Für den Fall, dass alle genannten Methoden scheitern, sendet dieser letzte Knopf eine Frequenz aus, die das Trommelfell der Verfolger zerstört. Wir werden einmal demonstrieren, wie nützlich mein kleiner Schatz ist. Leider passen nur die Damen in Bonds Wagen, Ángela wird meine Beifahrerin sein. Die Herren und … Virginia fahren in dem Auto vor uns.«

Er fährt sehr langsam an, während wir in höchster Eile starten. Binnen wenigen Minuten sehen wir jedoch, wie er hinter uns angeschossen kommt. Wir wissen nicht, ob er über uns hinweggeflogen ist, jedenfalls ist er gleich danach schon vor uns. Ein ums andere Mal versuchen wir, ihn zu überholen, aber wenn wir kurz davor sind, nimmt er die Flucht wieder auf und verschwindet in den Kurven der verlassenen Straßen von El Poblado, um im unerwartetsten Augenblick wieder aufzutauchen. Ich bete zu Gott, dass kein Fahrzeug seinen Weg kreuzt, denn dann würde er von der Straße abkommen und sich überschlagen oder er würde überfahren werden und bliebe platt wie eine Briefmarke auf der Straße zurück. Das Spiel setzt sich fast eine Stunde lang fort, und in einer Pause, die wir einlegen, um Luft zu holen, braust Escobar zwischen den Schatten davon und lässt uns in einem Meer von Qualm zurück, der uns zum Halten zwingt. Wir brauchen einige Minuten, um den Weg zu finden, und als es uns endlich gelingt, schießt er pfeilschnell an uns vorbei und wir bleiben in dicken Gaswolken zurück, die brennen und sich in Sekundenschnelle zu vervielfältigen scheinen. Wir fühlen uns, als würde Schwefelsäure unseren Hals versengen und durch die Nase aufsteigen, um uns die Sicht zu verhüllen und jede Windung unseres Hirns heimzusuchen. Wir husten, mit jedem Atemzug vergifteter Luft verzehnfacht sich das Brennen. Hinter uns hören wir die Leibwächter stöhnen, während das Gelächter der Insassen von James Bonds Auto an unser Ohr dringt, das nun zu uns zurückkommt, nachdem es sich mit zweihundert Sachen davongemacht hatte.

Am Straßenrand entdecken wir, ich weiß nicht wie, einen Hydranten. Die Jungs von Escobar springen aus den Autos, fluchen und stolpern einer über den anderen, während sie um einen Schluck Wasser raufen. Als ich sie so weinen sehe, trete ich zur Seite und stelle mich, um ihnen ein Beispiel zu geben, als Letzte in die Reihe. Dann, mit in die Hüften gestemmten Armen und dem bisschen Stimme, das mir noch verblieben ist, schreie ich mit meiner ganzen Verachtung: »Benehmt euch mal wie Männer, verflucht! Wie es aussieht, ist hier der Einzige, der Mumm hat, eine Frau! Schämt ihr euch denn gar nicht? Bewahrt die Haltung, ihr benehmt euch ja wie kleine Mädchen!«

Als Pablo und seine Komplizinnen eintreffen und diese Szene mitbekommen, schütteln sie sich vor Lachen. Immer wieder schwört er, dass es die Schuld seiner Beifahrerin war, weil er ihr nur erlaubt habe, den Nebelwerfer zu betätigen, während die gemeine Hexe unter unaufhörlichem Lachen gesteht: »Ich habe das Knöpfchen mit dem Reizgas ganz aus Versehen gedrückt!«

Dann wendet sich Escobar seinen Männern zu. »Bewahrt die Haltung!«, befiehlt er in militärischem Ton. »Ihr benehmt euch ja wirklich wie Mädchen. Und lasst gefälligst die Dame vor!«

Hustend und meine Tränen hinunterschluckend erkläre ich, dass ich den »Dämchen« den Vortritt lasse und im nur wenige Minuten entfernten Hotel Wasser trinken werde. »Deine armselige alte Karre ist ein Stinktier«, füge ich noch hinzu, bevor ich mich verabschiede.

Bei einer anderen unserer Reisen nach Medellín in der zweiten Jahreshälfte 1982 stellt mir Aníbal Joaquín Builes vor, einen Drogenboss, der so ganz anders ist als Pablo und seine Partner. »Joaco« ist haargenau wie der berühmte mexikanische Revolutionsgeneral Pancho Villa. Er ist steinreich, überaus sympathisch und gibt damit an, dass er auch sehr böse sei, »aber richtig böse, nicht so wie Pablo«. Er behauptet, dass er zusammen mit seinem Cousin Miguel Ángel den Mord an vielen Hundert Personen in Auftrag gegeben hat, so viele, dass sie sich zur Einwohnerschaft einer ganzen Kleinstadt aufsummieren. Weder ich noch Aníbal kaufen ihm davon auch nur ein einziges Wort ab, doch Builes lacht aus vollem Hals und schwört, dass es stimmt.

»Die Wahrheit ist, dass Joaco ein Goldschatz ist«, höre ich später Pablo sagen, »aber er ist derart geizig, dass er lieber einen ganzen Nachmittag damit verbringt, einen Perserteppich zu verkaufen, um tausend Dollar zu verdienen, als dieselbe Zeit und Mühe aufzuwenden, um fünfhundert Kilo Kokain abzuschicken, die reichen, um zehn Teppichwarenhäuser einzurichten!«

Bei der lustigen Abendgesellschaft mit Joaco, Aníbal und dem Liedermacher erfahre ich, dass Pablo seine erfolgreiche Karriere im jugendlichen Alter als Grabsteinräuber begann. Nach dem Abschleifen der Namen der Verstorbenen verkauften er und seine Kumpane sie als neu. Und das nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals. Ich finde die Geschichte lustig und stelle mir all die alten Geizhälse vor, die sich im Grab umdrehen, weil ihre Erben einen Batzen Geld für einen Grabstein ausgegeben haben, der nicht einmal aus zweiter, sondern aus dritter oder vierter Hand ist. Ich höre sie auch mit Bewunderung von Escobars unbestrittenem Talent reden, gestohlene Autos jedweder Marke in wenigen Stunden zu »entkernen« und die Teile sofort einzeln als »Ersatzteile mit Rabatt« zu verkaufen. Innerlich komme ich zu dem Schluss, dass Escobars enzyklopädische Kenntnisse im Bereich der Automechanik der Grund sein müssen, warum er den »exklusiven, einzigartigen und vollständig handgefertigten« James-Bond-Wagen in Auftrag geben konnte.

Jemand wirft ein, dass unser neuer Freund während der Marlboro-Kriege auch so etwas wie ein Killer war, aber als ich nachfrage, was das bedeuten soll, kann mir niemand eine Erklärung geben und alle wechseln das Thema. Ich nehme an, dass es um so etwas wie Überfälle auf Zigarettenverkäufer ging – denn tausend Päckchen Marlboro wiegen definitiv weniger als ein Grabstein –, und komme zu dem Schluss, dass Pablos Lebenserfahrung in jungen Jahren ganz gut zu einer amerikanischen Zigarettenwerbung passt: You’ve come a long way, baby!

Einige Tage später erhalten wir eine Einladung der Ochoas nach Cartagena. Dort erwartet uns eine der unvergesslichsten Nächte, an die ich zurückdenken kann. Wir nehmen Quartier in der Präsidentensuite des Cartagena Hilton und freuen uns nach dem Essen im besten Restaurant der Stadt auf den Ausflug, den Jorge und seine Familie uns vor einiger Zeit versprochen haben: eine Fahrt durch die Straßen der Alt- und der Neustadt, in Pferdekutschen, die sie eigens von La Loma hierher transportiert haben.

Es ist wie eine Szene aus Tausend und einer Nacht, geplant von einem arabischen Scheich für die Hochzeit seiner einzigen Tochter, produziert von einem Hollywoodregisseur, um der Feier den prächtigen Rahmen einer imponierenden mexikanischen Hazienda des 19. Jahrhunderts zu geben.

Die Pferdekutschen sind nicht wie jene von Cartagena oder New York, auch nicht wie die eines spanischen Granden auf dem Frühlingsfest in Sevilla. Zwar haben auch sie zwei Laternen, die einen makellos livrierten Kutscher rahmen, jedoch wird jede einzelne der vier Kutschen wie die von Aschenbrödel von sechs Rasseschimmeln mit geschwellter Brust gezogen, die so weiß sind wie Schnee und über die Maßen stolz auf ihre Größe und prachtvolle Schönheit. Sie stolzieren mit der tiefen, sinnlichen Strenge von vierundzwanzig Flamencotänzern synchron durch die historischen Gassen der Stadt. Laut Pablo hat jedes Zugtier einen Wert von einer Million Dollar, aber für mich wiegt der Genuss dieses erhabenen Gefühls alles Gold der Welt auf. Der Anblick lässt die Passanten auf der Straße staunend zurück: Leute schauen von den weißen Balkonen der Altstadt herab, Touristen sehen uns verzückt nach, arme Kutscher der Stadt fahren angesichts solch herrlicher Prachtentfaltung mit offenen Mündern an uns vorbei.

Ich weiß nicht, ob sich die Idee dieses Spektakels nur der Großzügigkeit verdankt, die Jorge seinem Partner und uns erweisen möchte, oder ob es Pablo angeregt hat in der Hoffnung, Ángela mit einem so romantischen und einmaligen Erlebnis zu verführen. Vielleicht bringt die Familie Ochoa damit auch ihren Dank an Escobar zum Ausdruck für seine mutige und geglückte Strategie bei der Befreiung von Jorges entführter Schwester aus der Geiselhaft ein Jahr zuvor. Ich weiß nur, dass keiner der mir bekannten Magnaten Kolumbiens für die Hochzeit seiner Tochter jemals ein so erhabenes Spektakel aufbieten könnte wie jenes, mit dem uns die Familie Ochoa mit ihrem unbestreitbaren Stil an diesem Abend beschenkt.

An einem anderen langen Wochenende reisen wir in das Städtchen Santa Marta an der Karibikküste, Wiege der legendären Cannabis-Sorte »Samarian Gold«. Dort lernen wir die Dávilas kennen, die Könige des Marihuanas. Im Gegensatz zu den Kokainbaronen, die, von seltenen Ausnahmen wie den Ochoas abgesehen, aus armen Verhältnissen oder der unteren Mittelschicht stammen, gehören die Dávilas dem alten Landadel der Atlantikküste an. Und im Kontrast zu den Kokainbossen, die in der Mehrzahl wenig attraktiv sind – oder, wie Aníbal sagen würde, »von dicklichem Aussehen« –, sind fast alle diese Leute groß und von einer schlichten Schönheit. Einige der Dávila-Frauen sind oder waren mit Leuten wie dem ehemaligen Präsidenten López Pumarejo verheiratet oder dem Sohn von Präsident Turbay oder Julio Mario Santo Domingo, dem reichsten Mann Kolumbiens.

Aníbal erzählt mir, dass der Flughafen von Santa Marta abends um achtzehn Uhr schließt, doch die Dávilas sind dort so mächtig, dass er des Nachts nur für sie wieder geöffnet wird. Auf diese Weise können sie ungestört die Flugzeuge mit dem Stoff auf den Weg bringen, der als das beste Marihuana der Welt gilt. Wie sie das anstellen? Indem sie die ganze Welt »schmieren«: den Kontrollturm, die Polizei und den einen oder anderen Marineoffizier.

»Und ich dachte, dass alle diese Drogenleute eine eigene Landebahn auf ihren Haziendas haben …«, sage ich, denn mittlerweile kenne ich schon so einige von Aníbals neureichen Freunden.

»Aber nein, mein Schatz. Das gilt nur für die Großen! Das Gras wirft nicht so viel ab, und es gibt schon viel Konkurrenz aus Hawaii. Du machst dir kein Bild: Da kommt nicht jeder so einfach dran, für eine eigene Landebahn brauchst du eine Million Genehmigungen. Du kennst doch den Papierkram, der nötig ist, um in diesem Land ein Autonummernschild zu bekommen. Multiplizier die Formalitäten mit hundert, dann kannst du das Kennzeichen HK auf dein Flugzeug stempeln. Und jetzt multiplizier das noch einmal mit hundert, dann hast du die Lizenz für eine private Landebahn in der Hand.«

Ich frage Aníbal, wie es Pablo anstellt, eine eigene Landebahn und eine Flugzeugflotte zu unterhalten, tonnenweise Kokain auszufliegen und Giraffen und Elefanten aus Afrika und Riesentraktoren und Boote von sechs Meter Höhe ins Land zu schmuggeln.

»Er hat in seinem Geschäft keine Konkurrenz. Und er ist der Reichste von allen, meine Liebe, weil Pablo ein Titan ist: Er hat die Schlüsselperson in der zivilen Luftfahrtbehörde auf seiner Seite, einen jungen Burschen, Sohn des ersten Drogenhändlers … ein Typ namens Uribe, ein Cousin der Ochoas … Álvaro Uribe, glaube ich. Warum, glaubst du wohl, haben diese Leute gerade die Wahlkämpfe von zwei Präsidentschaftskandidaten finanziert? Glaubst du etwa, das machen die, nur um mit dem neuen Präsidenten gesellschaftlich verkehren zu dürfen? So naiv bist du doch nicht.«

»Gar nicht so übel für den Burschen! All diese Typen müssen bei ihm ja Schlange stehen.«

»So ist das Leben, Liebling: Der schlechte Ruf vergeht, das Geld bleibt auf der Bank!«

Das waren die seligen Tage, in denen Honig und Wein flossen, die Tage der Rosen, des Gelächters und der wunderbaren Freundschaften. Doch nichts währt ewig, eines Tages verstummen die Töne dieses Liedes so plötzlich, wie sie begonnen hatten.

Aníbals Drogensucht – die sich mit jedem weiteren Kokainklumpen, den Pablo ihm schenkt, nur noch zu verschlimmern scheint – ist schuld daran, dass an die Stelle seiner öffentlichen Liebeserklärungen und Zärtlichkeiten immer öfter die absurdesten und peinlichsten Eifersuchtsszenen getreten sind. Zuerst beschränkte sich seine Eifersucht noch auf Unbekannte, bald schloss sie auch gemeinsame Freunde ein und schließlich sogar meine Fans. Nach jedem Streit, dem eine Trennung von achtundvierzig Stunden folgt, sucht Aníbal Trost bei einer Exfreundin, bei zwei Schlammringerinnen oder drei Flamencotänzerinnen. Am dritten Tag ruft er an und bittet mich inständig, zu ihm zurückzukommen. Nach stundenlangem Flehen, Dutzenden von Rosen und manch verstohlener Träne gelingt es ihm dann, meinen Widerstand zu brechen … und dann fängt alles wieder von vorn an.

Eines Abends, als wir mit Freunden in einer eleganten Bar plaudern, zieht mein Verlobter einen Revolver und zielt auf zwei Bewunderer, die nur ein Autogramm von mir möchten. Als es unseren Freunden beinahe eine Stunde später gelingt, ihn zu entwaffnen, bitte ich sie, mich nach Hause zu begleiten. Bald darauf meldet sich Aníbal wieder bei mir, um den Vorfall zu rechtfertigen. »Wenn du noch heute mit dem Kokain aufhörst«, antworte ich, »kümmere ich mich wieder um dich und werde dich für den Rest deines Lebens glücklich machen. Falls nicht, verlasse ich dich in diesem Augenblick.«

»Aber Liebling …! Das musst du doch verstehen, ohne den Schnee kann ich nicht leben, ich werde ihn niemals aufgeben!«

»Dann habe ich soeben aufgehört, dich zu lieben. Bis hierhin und nicht weiter sind wir gekommen …«

Und so dauerte es nur einen Wimpernschlag, und wir hatten uns in der ersten Januarwoche des Jahres 1983 für immer voneinander verabschiedet.

1983 gibt es in Kolumbien kein Privatfernsehen. Jede neue Regierung verteilt die Sendezeiten durch Versteigerung an private Programmanbieter. TV Impacto – meine eigene Produktionsfirma, die ich zusammen mit der bekannten konservativen Journalistin Margot Ricci führe – hat verschiedene Sendeblöcke der Sendezeiten AA und B ergattert. Doch weil Kolumbien in einer Rezession steckt, schalten auch große Unternehmen Werbung nur noch in der Primetime (AAA), das heißt zwischen 19 und 21.30 Uhr. Im ersten Jahr ihrer Gründung gehen in der Folge alle kleinen Programmanbieter pleite, weil sie keine ausreichenden Einnahmen erzielen können, um ihre Beiträge an die staatliche kolumbianische Sendeanstalt zu zahlen. Margot hat mich um ein Gespräch gebeten, um über unser weiteres Vorgehen zu entscheiden, doch als ich am Montag ins Büro komme, fragt sie mich als Erstes: »Stimmt es, dass Aníbal letzten Freitag auf Sie geschossen hat?«

»Wenn es so gewesen wäre«, erwidere ich, »wäre ich jetzt ja wohl auf dem Friedhof oder im Krankenhaus statt im Büro.«

»Das erzählt sich doch schon ganz Bogotá!«, ruft sie in einem Ton, als würde das Wort der anderen schwerer wiegen als die sichtbaren Tatsachen vor ihr.

Ich kann die Realität ja schlecht ändern, nur um ganz Bogotá zufriedenzustellen, protestiere ich. »Die Geschichte, dass Aníbal auf mich geschossen hat, ist falsch, es stimmt allerdings, dass ich ihn für immer verlassen habe und seit drei Tagen nicht aufhöre zu weinen.«

»Endlich. Was für eine Erleichterung! Und jetzt können Sie wirklich losheulen, denn wir haben Schulden in Höhe von umgerechnet beinahe hunderttausend Dollar. Wenn das so weitergeht, muss ich in einer Woche das Büro, den Wagen und das Kind verkaufen! Bevor ich aber meinen Sohn verscherbele, verhökere ich Sie natürlich an den Beduinen mit den fünf Kamelen, denn ich habe keinen Schimmer, wie wir da wieder herauskommen sollen.«

Acht Monate zuvor hatten Margot und ich auf Einladung der Regierung von Israel das Land besucht und danach einen Abstecher zu den ägyptischen Pyramiden gemacht. Als wir auf dem Kairoer Basar um eine türkisfarbene Halskette feilschten, beobachtete mich ein zahnloser, abgemagerter, ungefähr siebzigjähriger Beduine mit lüsternen Blicken, scharwenzelte nervös um mich herum und versuchte, die Aufmerksamkeit des Budenbesitzers auf sich zu ziehen. Nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Alten sprach der Verkäufer mit seinem strahlendsten Lächeln Margot auf Englisch an: »Der reiche Herr hier möchte der jungen Dame die Kette schenken. Und nicht nur das: Er möchte sie heiraten und schon die Mitgift aushandeln. Er ist bereit, fünf Kamele für sie zu bieten!«

Gekränkt aufgrund des niedrigen Gebots, aber höchst belustigt über den ungewöhnlichen Antrag, sagte ich Margot, dass sie für mich mindestens dreißig Kamele fordern soll. Sie sollte diese Mumie aus der vierten Dynastie außerdem warnen, dass die junge Dame keine Jungfrau mehr ist, sondern bereits verheiratet war, und das nicht nur einmal, sondern gleich zweimal.

Der Alte rief aus, dass nur ein Scheich dreißig Kamele habe, und fragte Margot alarmiert, ob es stimme, dass ich schon zwei Ehemänner begraben hätte.

Meine Reisegefährtin lächelte den um meine Hand anhaltenden Alten mitleidig an, riet mir, mich besser aufs Wegrennen vorzubereiten, und richtete mit triumphaler Miene das Wort an den Verkäufer: »Sagen Sie dem reichen Herrn, dass die Dame sie gar nicht begraben hat. Diese junge Dame von zweiunddreißig Jahren hat schon zwei Ehemänner rausgeworfen, die zwanzig Jahre jünger, zwanzigmal weniger abstoßend und zwanzigmal weniger arm waren!«

Wir suchten das Weite, während der Alte auf Arabisch jaulend hinter uns herlief und mit seinem Stock wütend in der Luft herumfuchtelte. Wir hörten nicht auf zu lachen, bis wir am Hotel ankamen und von unserem Fenster aus glücklich auf den legendären Nil hinabblickten, der unter Sternen glitzernd jadefarben dahinfloss.

Die Erwähnung des Beduinen ruft mir die Erinnerung an einen anderen Sammler von Höckertieren ins Gedächtnis, der nicht siebzigjährig, jähzornig, übelriechend und zahnlos ist. »Wusstest du«, sage ich zu Margot, »dass ich jemand kenne, der fünf Kamele besitzt und mir schon einmal das Leben gerettet hat? Er könnte vielleicht auch diese Firma retten.«

»Scheich oder Zirkusdirektor?«, fragt sie ironisch.

»Scheich mit dreißig Kamelen. Aber zuerst muss ich jemand um Rat fragen.«

Ich rufe den Liedermacher an, erkläre ihm, dass Margot und ich vor der Pleite stehen, und bitte ihn um Pablos Telefonnummer. Vielleicht kann eines seiner Unternehmen bei uns Werbung platzieren, oder wir verkaufen ihm unsere Produktionsfirma gleich ganz.

»Tja … soweit ich weiß, ist die einzige Firma, die für Pablo Werbung treibt, Coca-Cola«, scherzt er. »Aber glaub mir, das ist genau die Art von Problem, die er nur zu gern mit einem Federstrich löst … Rühr dich nicht vom Fleck, er ruft dich gleich zurück!«

Minuten später klingelt mein Telefon. Nach einem kurzen Wortwechsel gehe ich ins Büro meiner Partnerin und verkünde ihr mit meinem strahlendsten Lächeln: »Margarita: Der Abgeordnete Escobar Gaviria ist in der Leitung und möchte wissen, ob es uns genehm wäre, wenn er uns morgen Nachmittag um 15 Uhr seinen Jet schickt.«

Nach der Rückkehr aus Medellín erhalte ich eine Einladung zum Abendessen von Olguita und dem Liedermacher. Sie ist sanft und zart, er der sympathischste und aufgeknöpfteste Andalusier der Welt. Als ich eintreffe, ist der Spanier so erpicht darauf, zu erfahren, wie es gelaufen ist, dass er mir kaum die Zeit lässt, mich zu setzen. Dank des Werbeauftrags des Fahrradproduzenten Bicicletas Osito, den uns Pablo angeboten hat, können wir alle Schulden der Produktionsfirma begleichen, erzähle ich. Ich plane, in der nächsten Woche zurückzukehren, um mit ihm eine Sendung auf der städtischen Mülldeponie von Medellín aufzunehmen.

»Schön … Also für so viel Knete würde ich den Müll sogar fressen! Du bringst ihn also im Fernsehen? Ja, verdammich!«

Ich erläutere ihm, dass jeder Journalist wöchentlich im Schnitt ein Dutzend geistlose Kongressabgeordnete interviewt und Pablo ein Abgeordneter des Repräsentantenhauses ist, nur ein Stellvertreter zwar, aber ein vollgültiger Parlamentarier. Und ich füge hinzu: »Er ist dabei, den ›Bewohnern‹ der Müllhalde zweitausendfünfhundert Häuser zu schenken, und will weitere Häuser für die Bewohner der Elendsviertel bauen. Wenn das in Kolumbien keine Nachricht ist, fresse ich einen Besen.«

Pablo hat das Interview nicht zur Bedingung gemacht, berichte ich meinen Freunden, ich war es vielmehr, die darauf bestanden hat. Ich bin so dankbar für seine Großzügigkeit und empfinde so viel Bewunderung für die wohltätige Arbeit, die das Projekt »Medellín ohne Elendsviertel« leistet, dass ich ihm eine ganze Stunde meines Programms am Montag widmen werde, die in drei Wochen gesendet wird.

»Na, du hast Courage! … Und mir will scheinen, dass Pablo ein Auge auf dich geworfen hat …«

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