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Ich liebe dich. Für immer

Inhaltsübersicht

Persönliche Vorbemerkung

Auf den ersten Blick

Salkas frühe Jahre

Gretas frühe Jahre

Greta und Salka

Königin Christine – am Hofe von MGM

Mitten im Leben auf schwankendem Boden

Zwei Frauen mit vielen Gesichtern

Unter einem Horizont in verschiedenen Welten

Der Himmel einer großen Liebe

Anhang

Literatur

Anmerkungen

Bildnachweis

Personenregister

Bildteil

Persönliche Vorbemerkung

Ohne das Engagement einer Frau für den Traum einer anderen Frau wäre das vorliegende Buch nicht entstanden. Die Rede ist nicht von Salka Viertel und Greta Garbo, sondern von Barbara Stieß-Heinrich und ihrer verstorbenen Freundin Heika Theml.

Unter der freundlichen Post mir unbekannter Leser, die mich nach der Veröffentlichung meines Erstlings »Die Karrieren der Vicki Baum« erreichte, war auch ein Brief der Buchhändlerin Barbara Stieß-Heinrich. Sie mochte die Biographie, bot mir großzügig die ihr vererbten Vorarbeiten zu einem geplanten Buch über Salka Viertel an.

Den persönlichen Traum der Journalistin Heika Theml habe ich mit »Ich liebe dich. Für immer« sicher nicht erfüllt. Bei der Sichtung des Nachlasses entstand aber bald die Idee für die nun vorliegende Geschichte einer Beziehung zwischen zwei bemerkenswert eigenwilligen Frauen.

Mit Greta Garbo und Salka Viertel hatte ich mich bereits biographisch beschäftigt, da sie Kolleginnen von Vicki Baum waren. Die Firma, in der man sich begegnete, hieß Metro-Goldwyn-Mayer. Anders als Baum erlebten die beiden Schauspielerinnen Salka Viertel und Greta Garbo in der Filmbranche mit- und durch einander eine wahr gewordene Hollywood-Geschichte. Beide lebten davon, Rollen zu spielen und zu erfinden, vor und neben der Kamera, selbst dann noch, als sie Kameras jeder Art mieden. Wie stark bei beiden der Wunsch und die Sehnsucht nach persönlicher Integrität und Authentizität ausgeprägt war, trotz ihres Erfolgs durch die Kunst der Verstellung, hat mich fasziniert.

Viertel und Garbo stellten sich dem Leben auf sehr unterschiedliche Weise. Nach ihrer ersten Begegnung im Jahr 1930 gingen sie eine symbiotische Verbindung ein, die fast fünfzig Jahre lang währte und für beide unauflösbar war. Greta Garbos emphatisches Versprechen an Salka Viertel »Ich liebe dich. Für immer« bewahrheitete sich, blieb keine theatralische Behauptung.

Für meine Interpretation dieser Beziehung habe ich Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Berthold und Salka Viertel aus dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, aus dem Nachlass Paul Kohners in der Kinemathek Berlin, dem Deutschen Tanzarchiv in Köln, aus der Sammlung S. N. Behrman in der Public Library in New York, den George Cukor Papers in der Margaret Herrick Library in der Academy of Motion Picture, Arts and Sciences in Los Angeles und bereits veröffentlichte Autobiographien, Bücher und Artikel von und über Salka Viertel und Greta Garbo verwendet.

Von großem Nutzen für die Erschließung von Quellen war für mich Katharina Pragers Buch » ›Ich bin nicht gone Hollywood!‹«, die international erste theater- und filmwissenschaftliche Arbeit über das Werk Salka Viertels.

Dankbar habe ich auf die umfangreiche Korrespondenz Heika Themls mit Freunden und Familienmitgliedern Salka Viertels zurückgegriffen. Andere Angehörige, den mittlerweile verstorbenen Sohn Thomas, seine Frau Ruth sowie die Enkeltöchter Melanie Bartlett und Francesca Shrapnel, hatte ich die Möglichkeit, in brieflicher Form persönlich zu befragen. Ihnen danke ich herzlich, ebenso Thomas J. Kuhnke und Friedrich Pfäfflin, den Nachlassverwaltern von Salka beziehungsweise Berthold Viertel, für ihre Unterstützung und ihr Vertrauen.

Des Weiteren danke ich Sabine Friesicke und Babette Schneckener für ihre Recherchen in den USA und Schweden, Ingrid Kussmaul in Marbach sowie meiner Literaturagentin Erika Stegmann. Bedanken möchte ich mich auch bei meiner Lektorin Maria Matschuk für die ganz außergewöhnliche Weise, in der sie ihr Talent und ihre Energie für die Bearbeitung des Manuskripts eingesetzt hat, und bei Florian Krappen, ohne den es auch dieses Buch nicht gegeben hätte.

Widmen möchte ich es den Freundinnen Heika Theml und Barbara Stieß-Heinrich.

Nicole Nottelmann

Berlin, im August 2011

Auf den ersten Blick

Salka Viertel und Greta Garbo lernten sich Ende April oder Anfang Mai 19301 auf einer Dinnerparty kennen, die Ernst Lubitsch in seinem Haus in Beverly Hills zu Ehren Marlene Dietrichs gab. Der Star des Ufa-Films Der blaue Engel war erst wenige Tage zuvor in Hollywood eingetroffen, wo Paramount sie zur »Antwort auf Greta Garbo« aufbauen wollte. Trotz des Presserummels, den ihre Ankunft ausgelöst hatte, war Marlene Dietrich 1930 in den USA kaum bekannt, Greta Garbo hingegen die ungekrönte Königin Hollywoods. Ihr erster Tonfilm, Anna Christie, war gerade erfolgreich in den amerikanischen Kinos angelaufen, und so beschäftigte vor allem sie die Zeitungen und Illustrierten der Filmmetropole.

Salka Viertel hatte die Garbo schon vor Monaten auf einer Abschiedsparty für Emil Jannings gesehen, sich aber nicht getraut, den von einer Schar von Verehrern umringten Star anzusprechen. Nun führte sie ihr Freund, der belgische Regisseur Jacques Feyder, zu einem Sofa, auf dem die Garbo, schmal und schlank und als einzige Frau im Jackett, neben Marlene Dietrich saß, und stellte sie ihr vor. Als Garbo beiseiterücken wollte, um Platz für Salka zu schaffen, machte Dietrich keine Anstalten, ihre Robe zusammenzuraffen. Also beschlossen die beiden kurzerhand, ihr die Hollywood-Couch ganz zu überlassen und den weiteren Abend gemeinsam auf der Terrasse zu verbringen. »Es wurde ein äußerst fröhlicher und angeregter Abend«, erinnerte sich Viertel.

Das geheime Einverständnis, das schon in den ersten Minuten zwischen ihr und Greta Garbo herrschte, hielt auch vierzig Jahre später an. Als Viertel diese Szene 1969 in ihren Erinnerungen schilderte, nannte sie die Dietrich nicht beim Namen, bezeichnete sie lediglich als »den deutschen ›Star‹«. Eine billige Effekthascherei auf deren Kosten kam für sie nicht infrage – auch wenn das bedeutete, dass sie sich selbst zurückstellen musste, denn die Enthüllung der Umstände des ersten Treffens der Garbo mit der später zu ihrer großen Rivalin stilisierten Marlene Dietrich wäre sicherlich eine kleine Sensation gewesen. Viertel aber zog es vor, diskret zu schweigen und nur eine subtile ironische Spitze gegen die Dietrich zu setzen, die vor allem Greta Garbo sofort verstand. Nach außen hin aber war ihre Botschaft klar – sie und Garbo bildeten eine verschworene Einheit.

Auf der Terrasse stellten sie und Greta Garbo bald fest, dass sie viele Gemeinsamkeiten hatten. Salka bekannte, dass sie bisher nur einen einzigen Film mit Greta Garbo gesehen hatte, Gösta Berling, der zufällig auch deren persönlicher Favorit war. »Darüber schien sie froh zu sein«, erinnerte sich Viertel. Dann sprachen sie auf Deutsch über die Premiere des Films in Berlin, für die Garbo im August 1924 zum ersten Mal in ihrem Leben ins Ausland gereist war. Als sie Salka nach ihrer Theaterarbeit fragte, begann diese witzig und lebhaft von ihrer eigenen Vergangenheit als Schauspielerin zu erzählen, von dem Repertoiretheater in Berlin, das sie und ihr Mann, der Regisseur Berthold Viertel, in den zwanziger Jahren gegründet hatten und mit dem sie dann grandios gescheitert waren. Dieses Theaterabenteuer war auch der Grund, weshalb ihre Familie 1928 nach Hollywood gegangen war, um mit dem hier verdienten Geld ihre Schulden abzahlen zu können.

Andere Gäste beobachteten, wie fasziniert die damals 24-jährige Garbo von der fast zwanzig Jahre älteren Viertel war. Sie hing an Salkas Lippen und wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite, »wie ein Kind, das einen verständnisvollen Erwachsenen gefunden hat, reagierte sie mit einer großäugigen Beflissenheit, die an Unglauben grenzte«.2 Salka Viertel strahlte eine Mischung aus mütterlicher Wärme und männlich anmutender Bestimmtheit aus. Ihr schien eine unzerstörbare Kraft eigen, die es ihr ermöglichte, ihr Leben spontan und impulsiv zu führen. Viertel stand seit zwanzig Jahren im Beruf, war schon durch alle Höhen und Tiefen eines Schauspielerlebens gegangen. Sie schaffte es, ihre Familie, drei Söhne im Alter von vier, neun und zehn Jahren, ihren Mann und ihre Arbeit unter einen Hut zu bringen, sie war also das, was Greta Garbo als eine »echte« Frau begreifen musste.

Man merkte ihrem Auftreten nicht an, das es, zumindest teilweise, inszeniert war. Alles an ihr wirkte authentisch. Ihre hoch aufgerichtete Gestalt und ihre Körpergröße von eins siebzig, mit der sie alle übrigen Frauen außer Greta Garbo überragte, gaben ihr eine spezielle Autorität. Ihre feuerroten Haare und ihr exotisch anmutender slawischer Akzent sorgten ohnehin dafür, dass sie weder zu übersehen noch zu überhören war. Viertels Familie gehörte dem galizischen Großbürgertum an, sie war gebildet und kultiviert, sprach fünf Sprachen – ein familiärer Hintergrund, der die aus einer Arbeiterfamilie stammende Greta Garbo offensichtlich faszinierte.

Salka Viertel ihrerseits war von Garbos »Jugend, Einfachheit und Würde« eingenommen. Greta war schön und talentiert und hatte jene Art von überwältigendem beruflichem Erfolg, den Salka nie gehabt hatte. 1930 war Garbo die berühmteste Schauspielerin der Welt, doch Salka Viertel empfing Signale einer großen Versehrtheit und Verletzlichkeit von ihr, und was wohl noch wichtiger war, sie war bereit, Salka rückhaltlos zu bewundern.

Als sie und ihr Mann Berthold Viertel sich zu vorgerückter Stunde verabschiedeten, ließ Greta Garbo sie nur widerwillig ziehen. Schon am folgenden Nachmittag erschien sie unangemeldet und in legerer Kleidung bei den Viertels, um das am Abend zuvor geführte Gespräch fortzusetzen.

So stürmisch begann eine ungewöhnliche Freundschaft, die bis zu Salka Viertels Tod im Jahre 1978 Bestand hatte. Greta Garbo verhalf Salka Viertel bald zu einem beruflichen Comeback und einer einzigartigen Stellung in Hollywood, Viertel half Garbo dabei, sich als Kino-Ikone unsterblich zu machen.

Nach außen hin bildeten beide fast fünfzig Jahre lang ein unzertrennliches Team, nach innen gab es immer wieder Spannungen und Machtkämpfe, war diese Freundschaft ein fast symbiotisches Abhängigkeitsverhältnis, unter dem besonders Salka Viertel litt.

Alles, was auf die Party bei Ernst Lubitsch folgte, all die Fürsorge und die Liebe, die Unverträglichkeiten und die Enttäuschungen, war bereits in der ersten Begegnung angelegt. Garbo hatte sich Salka Viertel ausgesucht – und diese fühlte sich erhoben und war bereit, alles für sie zu tun.

Salkas frühe Jahre

»Nicht zu denken, nur zu leben, nur zu fühlen.«

Anna Karenina

 

Die lebensgeschichtlichen Hintergründe von Greta Garbo und Salka Viertel hätten kaum unterschiedlicher sein können. Salka Viertel kam am 15. Juni 1889 als Salomea Sarah Steuermann im Städtchen Sambor am Fuße der Karpaten zur Welt. Ostgalizien war damals eine Kronkolonie Österreich-Ungarns an der östlichsten Peripherie des Habsburgerreiches, seit 1772 gehörte es zu Polen, heute ist es ein Teil der Ukraine. Das Galizien des späten 19. Jahrhunderts war ein ethnischer und religiöser Schmelztiegel, ein vielsprachiges kulturelles Gebilde voller faszinierender Widersprüche. Viele bekannte Schriftsteller und Dichter wurden hier geboren oder verbrachten hier ihre Kindheit: Paul Celan, Joseph Roth, Rose Ausländer, Manès Sperber und Stanislaw Lem, um nur die berühmtesten zu nennen. Roth beschreibt in seinen Erzählungen die düsteren Ortschaften, endlosen Steppen und undurchdringlichen Sümpfe seiner Heimat, berichtet von den extremen Witterungsverhältnissen, den heißen Sommern und frostigen Wintern in dieser seltsamen »weltverlorenen« Gegend, von »Ungeziefer, Unrat und Unredlichkeit«. Wien lag mehr als fünfzehn Bahnstunden entfernt, und hinter der östlichen Landesgrenze Podoliens begann bereits das zaristische Russland mit seinen »barbarischen« Sitten und Gebräuchen. Galizien galt als das »Armenhaus Europas«, ein Großteil der Bevölkerung, ukrainische Bauern, »Ruthenen« genannt, war meist Analphabeten und bitterarm.

Die Steuermanns zählten jedoch zur schmalen Elite des assimilierten deutsch-jüdischen Bildungsbürgertums. Salka war das älteste Kind des Rechtsanwaltes Dr. Joseph Steuermann, der es als Leiter einer Kanzlei, Direktor der örtlichen Sparkasse und schließlich als erster jüdischer Bürgermeister in seiner Heimatstadt Sambor zu Wohlstand und Ansehen brachte. Salka und ihre drei jüngeren Geschwister, Rose (polnisch »Ruzia«), Eduard ( »Edek«) und der neun Jahre jüngere Zygmunt ( »Dusko«), wuchsen mit allen Privilegien ihres Standes auf. Ihre Familie besaß ein Bürgerhaus in der Stadt sowie ein Landgut, beschäftigte eine Haushälterin, ein Dienstmädchen, einen Hausdiener, Küchen- und Stallpersonal, Gouvernanten und Hauslehrer. Salka erhielt eine umfassende musische Ausbildung und erlernte fünf Sprachen. Neben ihrer Muttersprache Deutsch sprach sie Polnisch, zugleich die Umgangssprache in der Familie, im Vorschulalter kamen Französisch, später Ukrainisch und Russisch hinzu.

Salka Viertel hing in einer sentimentalen Art an ihrer Kindheit oder vielmehr dem Bild, das sie sich davon gemacht hatte. Darin unterschied sie sich fundamental von Greta Garbo, die sich zwar stets nach dem zurücksehnte, was sie als die »Einfachheit« des schwedischen Lebens begriff – die Wälder, den Schnee, den Wind und den Regen –, sich aber im Laufe ihres Lebens maximal von ihrer proletarischen Herkunft entfernte. Salka Viertel hielt gerade diese »radikale Ablösung von ihren einfachen Anfängen« für ihre »vielleicht faszinierendste Qualität«.1 Sie selbst zog es vor, ihre eigene Herkunft und Vergangenheit sentimental zu verklären. Ihr Sehnsuchtsort war »Wychylowka«, das elterliche Landgut, fünf Kilometer südöstlich der Garnisonsstadt Sambor, eines Nests mit 17 000 Einwohnern, einem Bahnhof, drei Hotels und drei Kasernen.

Gerüche, Farben und Geräusche vermochten bei ihr unvermittelt wehmütige Erinnerungen an die Landschaften ihrer Kindheit auszulösen wie 1957 bei einem Strandspaziergang auf Long Island: »Die Spiele am Ufer des Dnjestr […]. Ich spüre das Kiesbett und den feinen Sand unter meinen Füßen. Dann der Weg nach Haus durch die Wiesen und Felder, der Geruch von Brombeeren und das Geräusch der Kühe, die von der Weide in den Stall getrieben werden. Das Rot des Mohns und das Blau der Kornblumen. Überall Grün, Grün, Grün – das ist das reinste Glück«, schrieb Salka Viertel mit fast siebzig in ihr Tagebuch.2 »Wychylowka« war für sie stets eine »Insel«, ein mentaler Rückzugsort, obwohl sie ihre Heimat seit 1927 nicht mehr besucht hatte. »Wychyloc« bedeutet auf Polnisch »hinauslehnen«. Das Extrovertierte, Überbordende, Grenzüberschreitende war auch ein beherrschender Zug von Viertels Charakter. Sie war freigebig und herzlich, spannte, wie ihr Freund Carl Zuckmayer es emphatisch ausdrückte, den »weiten und ernsten Himmel« ihrer Liebe über ihre Familie, ihre Geliebten, intime Freundinnen wie Greta Garbo und andere Schützlinge und nicht selten über Fremde, die sich hilfesuchend an sie wandten.

Für sehr viele Menschen war sie das, was sie auch für Greta Garbo darstellte – ein Fels in der Brandung, eine kraftvolle, vitale und außergewöhnlich couragierte Frau, ein Vorbild in wahrer Modernität, vor allem für jüngere Menschen. Aber es gab auch eine andere Seite, die Salka Viertel nur den engsten Familienmitgliedern zeigte: ihre Launenhaftigkeit, ihre heftigen Gefühlsausbrüche, ihre abrupten Rückzüge und depressiven Verstimmungen, gegen die sie ihr ganzes Leben ankämpfte, obwohl sie sie vor sich selbst und anderen sorgsam zu verbergen trachtete.

Eine behütete Kindheit, ein Haus voller »Wärme, Musik, Liebe« in einer »sanften, humorvollen, geistreichen Atmosphäre«,3 Geschwister, die miteinander »durch dick und dünn« gingen – von diesen idyllischen Bildern ihrer Kindheit zehrte Salka ein Leben lang. Sie war eine routinierte Filmschriftstellerin und Schauspielerin und rettete sich gern in die Welt der Fantasie, wenn die Realität kompliziert oder allzu schmerzhaft für sie war. Liest man ihre Tagebücher aus den Jahren 1957 bis 1969, dann stellt sich ihre vermeintlich so glückliche Kindheit als reine Schutzdichtung heraus.

In Wirklichkeit litt Salka unter der unglücklichen Ehe ihrer Eltern. Ihre Mutter Augusta, eine zierliche rotblonde Schönheit aus reichem Hause, war ihrer eigenen Aussage zufolge »bitter enttäuscht« gewesen, weil sie auf Wunsch ihre Eltern den wohlhabenden Provinzanwalt Joseph Steuermann heiraten und dafür ihren Traum von einer Karriere als Opernsängerin in Wien begraben musste.4

Obwohl Salka immer die »gute Tochter« blieb, nie ein böses Wort über ihre Mutter verlor, dieser sogar in vielem nacheiferte und stets um deren Wohlergehen besorgt war, enthalten ihre Erinnerungen viele ungewollt aufschlussreiche Passagen, in denen Augusta Steuermann als unglückliche, launenhafte Frau erscheint, die ihre Kinder benutzte, um sich in ihnen zu spiegeln. Bevor sie abends ausging, erinnerte sich Salka, präsentierte sich ihre Mutter im schwarzen Chiffonkleid mit rosafarbenen Kleeblättern vor ihren Kindern. »Überzeugt von ihrer Schönheit, war sie begierig auf unseren Beifall, den wir ihr auch begeistert spendeten.«

So lernte Salka schon früh, sich auf einen Menschen auszurichten, von dessen Zuneigung und Wohlwollen sie abhängig war. Wenn ihre Mutter bei Tisch mit ihrem Vater stritt, schnippische Bemerkungen machte und sarkastisch gegen ihn wurde, fühlte sich Salka schuldig. »Instinktiv war ich immer auf der Seite meines Vaters«, erinnerte sie sich, »vielleicht weil meine Mutter immer so viel lauter und gewalttätiger war als er. Stets erschien es mir so, als würde Papa, dieser unnahbare, erhabene Mann, brutal von seinem Podest gestoßen, auf das er doch rechtmäßig gehörte.«5

Salka idealisierte ihren verschlossenen Vater, empfand Mitleid mit ihm, weil er so isoliert war, ein Fremder in seiner eigenen Familie: »Ich glaube nicht, dass eines von uns Kindern unseren Vater wirklich kannte. Er war von einer Aura der Einsamkeit und Zurückhaltung umgeben, die wir nicht zu durchdringen wagten, nicht als Kinder und nicht als Erwachsene.« Bis zu ihrem zweiten Lebensjahr, bis zur Geburt ihrer Schwester Rose, sei ihr Vater »ganz vernarrt« in sie gewesen, erzählte man Salka später. Sie selbst erinnerte sich kaum an die glorreiche Zeit als einziges Kind, nur noch daran, dass sie mit allen Mitteln versuchte, die Aufmerksamkeit ihres Vaters zu erringen, was ihr jedoch kaum je gelang. Zeitlebens suchte sie die Nähe von Menschen wie ihrem Vater, Menschen mit einem »eisigen Kern«, deren andere Seite sie zum Vorschein bringen wollte.

Während ihr Vater sich in seine selbst gewählte Einsamkeit zurückzog, begann die Mutter, sich ihre Bestätigung außerhalb der Ehe zu suchen. Sie engagierte sich in verschiedenen jüdischen Wohltätigkeitsvereinen, führte ein offenes Haus, lud Honoratioren aus Sambor sowie Künstler und Wissenschaftler aus Lemberg nach Wychylowka ein und brachte so einen Hauch von Glamour und weltläufiger Atmosphäre in die Provinz. Sie wurde als charmante, kultivierte Gastgeberin und kluge Gesprächspartnerin gerühmt, galt als »warmherzig« und »gütig«. Doch Salka spürte, dass dies alles nur Fassade war. Wenn sie traurig war und die Nähe der Mutter suchte, stieß diese sie zurück. So lernte sie früh, ihre wahren Gefühle zu verbergen, und entwickelte ein Gespür dafür, wenn jemand unecht war, wenn er schauspielerte wie ihre Mutter, die praktisch immer eine Rolle spielte.

Ganz anders ihre ruthenische »Njanja«, Salkas Amme und Kindermädchen in Personalunion. Die warmherzige Bäuerin, die weder lesen noch schreiben konnte, stellte die stabilste Beziehung in ihrer Kindheit dar. »Njanja« war die erste von vielen Ersatzmüttern in ihrem Leben, eine positive mütterliche Leitfigur und das Vorbild für die Rolle, die Salka später in Greta Garbos Leben spielen sollte. Aber »Njanja« behütete Salka so sehr, dass diese wenig Selbstständigkeit und Selbstsicherheit entwickelte, und impfte ihr eine irrationale Angst vor den Gefahren ein, die jenseits der »Wychylowka« lauerten: böse Geister, Dämonen und Vampire, die die Menschen heimsuchten, wenn sie träumten. Nachts litt Salka seither unter Alpträumen. Sie sollte diese Angst vor der Welt jenseits der »Wychylowka« nie mehr ganz verlieren, obwohl ihr Ehemann Berthold Viertel später versuchte, ihr diese »Barbarismen« abzugewöhnen.

Als Kind zog sie sich ganz in ihre innere Welt zurück, suchte Zuflucht in Tagträumen und Büchern. Zugleich hatte sie schon früh das Bedürfnis, sich in Szene zu setzen. Sie verkleidete sich als Maria Stuart oder Kleopatra und spielte vor ihren Geschwistern und dem Hauspersonal die Geschichten nach, die sie fantasiert und gelesen hatte. Die ersehnte Aufmerksamkeit ihrer Eltern konnte sie damit freilich nicht erlangen. »Ich erinnere mich noch sehr gut an das schreckliche Unbehagen und die Angst, als ich geliebt werden wollte und es so verzweifelt versuchte, dass ich mit allem, was ich tat, genau das Gegenteil bewirkte. Ich war störrisch, frech und voller Auflehnung«, schrieb Viertel 1960 in ihr Tagebuch.6 Sie hatte das Gefühl, wenig liebenswert und weniger wert zu sein als ihr »genialer« intellektueller Bruder Eduard, der Favorit ihrer Mutter. Sie glaubte auch nicht, mit ihrer »klugen«, »sanften« und »schönen« Schwester Rose mithalten zu können.

Weil sie im Hausunterricht gravierende »Konzentrationsschwächen« zeigte, schickten ihre Eltern sie mit elf auf ein Pensionat nach Lemberg. Dort wurde sie in eine Welt hineingestoßen, die ihr völlig fremd war. Zum ersten Mal ganz auf sich allein gestellt, fühlte sie sich im Kreis der Mitschülerinnen als Außenseiterin. Sie hatte die roten Haare ihrer Mutter geerbt und war körperlich weiterentwickelt als ihre Klassenkameradinnen, die sie fast alle um Haupteslänge überragte. Zudem fiel es ihr generell schwer, sich in eine Gruppe einzuordnen. Ihr erwachendes erotisches Begehren projizierte sie auf einen Arzt, der ihre Rückenkrümmung behandelte und der sie, unveröffentlichten Passagen ihrer Erinnerungen zufolge, missbrauchte, ohne dass ihr das je bewusst wurde. Sie war überzeugt, der Arzt erwidere ihre leidenschaftlichen Gefühle, wenn er sie küsste und ihre Brüste berührte. Nach Abschluss der Behandlung verlor dieser Mann das Interesse an ihr.

Während ihrer Internatszeit durfte Salka ihren Vater zu einer Vorstellung des Lemberger Theaters begleiten. Als der sonst so kühle Mann plötzlich Gefühle zeigte und vor Rührung weinte, war Salka inspiriert, eine große Schauspielerin werden zu wollen. In der festen Überzeugung, ihre Bestimmung gefunden zu haben, kehrte sie nach fast zwei Jahren zu ihrer Familie zurück. Wenig zartfühlend gaben ihr die Eltern zu verstehen, dass sie sie als Schauspielerin für ungeeignet hielten, da sie für diesen Beruf nicht hübsch genug sei.

Wie damalige Fotos zeigen, war Salka Viertel mit ihren herben Gesichtszügen wirklich keine klassische Schönheit. Der Schauspieler Alexander Granach beschrieb sie später als sonnenverbranntes, »von Gesundheit strotzendes Mädel«: »Sie roch nach schwarzer Erde.«7 Aber durch ihr kokettes, verführerisches Auftreten war Salka die Aufmerksamkeit der Männer gewiss. Sie hatte viele Verehrer, schien sich ihrer sinnlichen Wirkung jedoch selbst nicht bewusst zu sein. Als einer der Kavallerieleutnants sie »die Rote« nannte – eine Anspielung auf die sexuelle Willfährigkeit, die man bei einem rothaarigen Mädchen mit Schauspielambitionen automatisch vermutete –, war Salka trotz ihrer offensiven Art tief verletzt. Und während sich ihre jüngeren Geschwister auf die externen Prüfungen am Gymnasium vorbereiteten, später die Matura ablegten und studierten, beendete Salka ihre schulische Laufbahn nach der achten Klasse. Ihre »mangelhafte Schulbildung« würde sie immer als ein »schreckliches Handicap« empfinden und ihre »slawische Indolenz« und ihr – imaginiertes – »Liebesleben« dafür verantwortlich machen.8

Salkas Eltern waren offensichtlich überfordert mit ihrer frühreifen Tochter, warteten bloß noch ungeduldig, bis sie in ein heiratsfähiges Alter kam. Mit fünfzehn verliebte sich Salka tatsächlich in einen zwölf Jahre älteren Mann, den jüdischen Anwaltsassessor Stanislaus Höniger, der ein Praktikum in einer Kanzlei in Sambor absolvierte. Er machte ihr so hartnäckig den Hof, dass er zeitweise sogar ihre diffuse Sehnsucht nach dem Theater in den Hintergrund treten ließ. Mit sechzehn verlobte sich Salka mit ihm. Zwei Jahre später starb »Stas« an einer Darmkrankheit. Diese Erfahrung löste bei ihr eine folgenschwere psychische Krise aus: »Ich wollte nicht mehr leben, nur noch sterben.«9

»Für jemanden wie mich, der bis dahin nur in seinen Träumen gelebt hatte, war es sehr tragisch, die Realität der Liebe zu entdecken und sie dann so schnell wieder zu verlieren«, erklärte Viertel 1969 in einem Zeitungsinterview.10 Nach Stas’ Tod fiel sie in einen katatonischen Zustand und wurde schwer krank. Als sie wieder genesen war, gaben die Eltern ihren Widerstand gegen den Schauspielberuf auf und schickten Salka zu einer Freundin der Familie nach Wien. Esther Mandl nahm sich ihrer an und fing sie auf – womöglich, weil sie sich stark mit ihr identifizierte, denn, wie sich später herausstellte, war sie selbst depressiv und selbstmordgefährdet.

Die Aufnahmeprüfung der Kaiserlichen Schauspielakademie bestand Salka nicht. Sie hatte aber das Glück, von einem Privatlehrer ausgebildet zu werden, der ihrer Mutter einen Gefallen tun wollte. Mit zwanzig stand sie in Pressburg zum ersten Mal auf einer professionellen Bühne. In Gegenwart ihrer Mutter, die eigens aus dem fernen Sambor angereist war, verkörperte sie in Grillparzers gleichnamigem Stück die betrogene Ehefrau und Rachegöttin Medea. Augusta Steuermann war nicht beeindruckt: »Alles, was sie zu sagen hatte, war, dass ich zu dunkel geschminkt und zu jung sei und nicht im mindesten wie Hedwig Bleibtreu wirkte.«

Gleichwohl brachte ihre erste Rolle Salka einen Vertrag im Provinztheater des Kurortes Teplitz-Schönau im Sudetenland ein. Nicht etwa weil sie so talentiert war, sondern weil ihre Eltern die Mittel hatten, sie mit einer kompletten Bühnengarderobe auszustatten, die ein Schauspieler damals noch selbst mitbringen musste. Salka debütierte als Maria Stuart in dem gleichnamigen Stück von Friedrich Schiller. Hoch dramatische Rollen, in denen sie ihren eigenen »inneren Aufruhr« ausdrücken konnte, lagen ihr. Weil sie durch ihre Erscheinung viel älter wirkte, war sie von nun an auf reife Frauen und Mutterrollen abonniert.

Ob »Salome Steuermann«, wie sich Salka nun nannte, über wirkliches Schauspieltalent verfügte, muss allerdings bezweifelt werden. Die Kritiker fanden sie nicht selten zu »exaltiert«, zu übertrieben, schablonenhaft, ihre Stimme »zu hoch«, ihre Sprechweise »überlaut« und monierten ihre »naturalistischen Schreitöne«.11 Ihre Karriere verlief auffallend ungeplant, was allein schon der verwirrende Wechsel ihrer Vornamen von »Salome« zu »Mea« über »Mia« zu »Salka« belegt. Nach ihrer Heirat nannte sie sich »Viertel-Steuermann« oder »Steuermann-Viertel«. Noch Jahre nach ihrem Debüt schrieben die Zeitungen ihren Mädchennamen falsch, machten eine »Streemann« oder »Stewermann« aus ihr.

Wie völlig anders verliefen dagegen die ersten Berufsjahre von Greta Garbo, wie hartnäckig und entschieden verfolgte sie ihr Ziel, eine große Schauspielerin zu werden, und wie rasant wurde ihr Name nach ihrer Entdeckung durch den schwedischen Regisseur Mauritz Stiller ein Begriff, schließlich eine Marke. Doch 1909 war Greta erst vier Jahre alt.

Allen potentiellen Gefahren gegenüber blind, schien Salka seltsam naiv zu sein im Umgang mit der von ihr als »harsch« und »grausam« empfundenen Welt. Das machte sie zur Zielscheibe für die Boshaftigkeiten ihrer Kollegen. In Teplitz hielt sie es nur wenige Wochen aus. Die anderen Schauspielerinnen betrachteten sie als Konkurrenz und machten sich über ihre exaltierte Darstellungsweise lustig, ihre männlichen Kollegen fühlten sich von ihr offenbar sexuell provoziert. Kaum volljährig, verführerisch und offensichtlich sehr verletzbar, war Salka ein ideales Opfer für Übergriffe, denen sie sich jedoch heftig widersetzte. Als sie die Annäherungsversuche des Theaterdirektors zurückwies, schikanierte der sie bei den Proben so lange, bis sie einen Messingleuchter nach ihm warf. Sie wurde entlassen, ergatterte aber durch die Vermittlung eines Freundes eine Gastrolle am Schauspielhaus in Zürich. Auch dort erlebte sie ein Debakel. Ihren Auftritt als Gräfin Terzky in Wallensteins Tod verschlief sie beinahe. Weil ihr der Theaterdirektor zuvor Avancen gemacht hatte, hatte sie auf der Bühne einen Blackout. Das Publikum lachte sie aus. »Frau Steuermann sollte ihren Kompass auf andere Küsten richten. Wir sind vollkommen überzeugt, dass sie kein Talent hat«, schrieb am nächsten Tag ein Kritiker.12

Nach dieser Blamage floh Salka nach Berlin zu ihrem Bruder Eduard, der inzwischen bei Ferruccio Busoni Klavier- und Kompositionslehre studierte. Er half ihr aus ihrer Depression und besuchte mit ihr eine Aufführung des Othello im Deutschen Theater, die sie aufmuntern sollte. Salka war so begeistert davon, dass sie noch am selben Abend dem Direktor des Theaters, Max Reinhardt, einen Brief schrieb, der ihr prompt ein Vorsprechen einbrachte. Vor ihrem Idol spielte Salka eine hasserfüllte Medea und eine wahnsinnige Königin Margarete aus Richard III. Dabei rutschten ihr versehentlich die Brüste aus dem Ausschnitt ihrer Bluse. Reinhardt gab ihr einen Dreijahresvertrag, was in seinem Massenbetrieb nicht viel bedeutete. In den nächsten zwei Jahren war sie die 14. Besetzung der »Ina Müller« in Frühlings Erwachen, die 7. Besetzung der »Königin Ginover« im Mysterienspiel Gawan und »die Klugheit«, »die erste Dame sowie »die vierte Trojanerin« in Faust II.

1913 kündigte Salka vorzeitig ihren Vertrag und wechselte an die Neue Wiener Bühne, wo sie zwar in zeitgenössischen Stücken auftreten durfte, aber trotzdem nicht vorankam. Um gegen ihre wachsende Verzweiflung anzukämpfen, begann sie eine selbstzerstörerische Affäre mit einem zwanzig Jahre älteren verheirateten Mann, dem Bildhauer Alexander Jaray. Er verließ sie nach drei Jahren. Wie nach dem Tod von Stas verfiel Salka danach in eine tiefe Depression, lag tagelang »heulend und verzweifelt im Bett« und kämpfte gegen das anhaltende Gefühl der »Leere und Sinnlosigkeit«. Wieder fing ihre mütterliche Freundin Esther Mandl sie auf, bot ihr ein Zimmer in ihrer Wohnung in der Zedlitzgasse an.

Im November 1916 traf Salka den Mann, der das Vakuum auffüllte, das durch das Ende der Liaison mit Jaray entstanden war, und ihrem Leben wieder einen Sinn gab: Berthold Viertel. Eine gemeinsame Freundin stellte ihr den jungen Offizier nach einer Vorstellung von Maxim Gorkis Nachtasyl vor, in der Salka eine rachsüchtige Aufseherin spielte. Obwohl Viertel nur den ersten Akt gesehen hatte, lobte er ihre Darstellung in den höchsten Tönen. Er war klein und schmächtig und entsprach körperlich eigentlich nicht gerade ihrem Ideal. Aber er umwarb sie und gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein – wie später Greta Garbo. Berthold Viertel hob ihre schon fast schicksalhaften Gemeinsamkeiten hervor, schwärmte von der weiten Landschaft und den Bewohnern Ostgaliziens. Er hatte die Heimat seiner Eltern erst vor Kurzem kennengelernt, als er mit seiner Division nach Kolodne in die Nähe von Tarnopol versetzt worden war. Seine poetischen Worte berührten Salka auf seltsame Weise. »Ganz tief in mir hatte er etwas wachgerufen. Eine solch glühende Bestätigung hatte ich bisher nur von Stas erhalten.«13

Damit war das Standardmuster ihrer Beziehung etabliert. Berthold Viertel eroberte die Festung im Sturm, nicht in langer Belagerung. Er schmeichelte Salka, verführte sie mit Worten. Und sie ließ sich von seiner Selbstgewissheit und seinem Charme beeindrucken. Auf die Dauer konnte sie einem Mann, der ihr so hartnäckig den Hof machte, nicht widerstehen, auch dann nicht, wenn er, wie Salka wusste, noch mit einer anderen Frau, der Chemikerin Grete Rouszicka, verheiratet war.

 

In Wien galt Berthold Viertel als vielversprechendes literarisches Talent, bis zum Kriegsbeginn war er Dramaturg an der dortigen Volksbühne gewesen. Als Sohn eines Wiener Möbelhändlers war er in einem kleinbürgerlichen Milieu aufgewachsen, hatte sich aber schon als Schüler dem Kreis von Karl Kraus und Peter Altenberg angeschlossen. Er fühlte sich der sozialdemokratischen Bewegung und den Gewerkschaften nahe und träumte von einem revolutionären Theater à la Stanislawski. Salka sah in ihm einen »sanften Revolutionär«. »Wenn ein Mann eine Frau nur genug will, kann er sie haben. Absolut. Es ist nur eine Frage der Zeit und des Ortes«, erklärte sie später dem Schriftsteller Christopher Isherwood.14

Als Berthold Viertel sich an jenem Abend von ihr verabschiedete, kündigte er an, dass er sie zur Frau nehmen werde. Salkas Einspruch, er sei doch verheiratet, ließ er nicht gelten. »Du ohne Partner tragisch aufgehoben«15, dichtete er 1917 und meinte damit, dass Salka nicht leben konnte ohne einen Menschen, auf den sie sich bezog. Immer brauchte sie eine reale oder eingebildete »Liebe«, die ihr half, mit ihrem Leben fertig zu werden, indem sie diesem Menschen behilflich war, sein Leben aktiv zu meistern.

Berthold Viertel entdeckte und bestätigte sie. Er versprach ihr, sie aus dem Sumpf ihrer Gefühle zu retten und sie von ihren Depressionen und ihrem Hang zur Selbstzerstörung zu heilen. Er erkannte und verstand Salkas »Wahnsinn« nicht nur, er verklärte ihr »anderes Gesicht« auch poetisch, »geballt von den Gewalten, verwildert von der Leidenschaft, vom Leide«, dichtete er.16 »Der Hilferuf« sollte der nie vollendete Roman heißen, den er über Salkas Kindheit und Jugend schreiben wollte. In seinem Gedicht »Schauspielerin« beschreibt er sie als rasende, selbstzerstörerische Penthesilea: »So hast du bald die Rampe überbordet, / Dein Rasen in den Lebensraum gewandt /[…]/ Fällst du dich selbst an, gegen dich zu toben?«17

Salka nannte ihn ein »Genie« und öffnete sich ihm. Im Gegenzug erklärte Berthold Viertel sie zu seiner Muse. Er widmete ihr einen Gedichtzyklus, den er »Sonette an Salka« betitelte. Darin verklärte er sie zu einer Art Überfrau, zu einer »Königin der Kraft« – sich selbst bezeichnete er als ihren »Knecht«. »Dort, wo du lagst, entspringt ein Quell und sprudelt Leben.«

Nachdem er sie ein Jahr lang hartnäckig umworben hatte, begehrte Salka ihn endlich auch körperlich. Sie war sogar entschlossen, Berthold Viertel zu heiraten trotz ihrer Zweifel, ob sie diesem Mann jemals würde genügen können. Warnungen wohlmeinender Freunde ignorierte sie. »Was für eine verrückte Idee von Ihnen, diesen Intellektuellen zu heiraten. Er ist brillant, sicher, aber es wird niemals funktionieren, Sie werden sehen«, warnte sie, ihren Erinnerungen zufolge, der Intendant des Münchner Hoftheaters, Albert Steinrück, nach einem weinseligen Abend zu zweit im Münchner Hofgarten.18

Da sie weder viel Lebenserfahrung noch Menschenkenntnis besaß und sich leicht beeinflussen ließ, bemerkte sie nicht, dass Viertel genau so lebensuntüchtig war wie sie, ein Idealist, der ganz in der Welt der Fantasie lebte, immer hochfliegende Träume und Pläne hatte. In einem autobiographischen Fragment würde er sich später selbst als »labil« bezeichnen.

Am 30. April 1918 gaben sich Salka und er in der Synagoge in der Wiener Seidenstädtergasse das Jawort. Weil noch Krieg herrschte, trug der Bräutigam Uniform. Die Braut fuhr, zwischen ihrer Mutter und ihrem Bruder Eduard sitzend, in einem Fiaker mit Schimmel vor dem Gotteshaus vor. Augusta Steuermann sah in der Farbe des Pferdes ein gutes Omen für die Ehe ihrer Tochter. Diese Ehe beruhte auf einem Einverständnis: Salka sah ihre Aufgabe darin, ihren Mann zu inspirieren, seinen geplanten großen Roman über sie zu schreiben. Im Gegenzug versprach er ihr, »die wichtigsten deiner Wünsche, die dir so lange verwehrt waren«, zu erfüllen: »ein Kind, deine Kunst«. Für ihn war es nicht nur selbstverständlich, dass sie nach der Heirat weiter in ihrem Beruf arbeitete, er ermunterte sie auch, das Rollenfach zu wechseln, sich nicht »immer nur auf die Medea und die schwere Heroine« festlegen zu lassen.19

Am Anfang glaubte Salka noch, dass ihre Ehe ein Geben und Nehmen sei. Berthold hatte sie ausgewählt, er wollte sie retten, und sie durfte ihn nicht enttäuschen. Er nahm sie in seinen intellektuellen Kreis auf und ließ sie an seinen Kontakten in der Theaterwelt teilhaben, was ihr plötzlich glänzende Möglichkeiten eröffnete. 1918 ging sie zu Otto Falckenberg an die Kammerspiele nach München. Durch Berthold lernte Salka dort Rainer Maria Rilke kennen, in Wien stellte er ihr seinen Mentor Karl Kraus vor, 1918 in Prag Franz Kafka und Max Brod. Weil ihr bewusst war, wie sehr Berthold diese Männer bewunderte, war sie in deren Gegenwart gehemmt und überließ lieber ihm das Reden, doch ihren späteren Tagebüchern zufolge hatten sich sowohl Rilke als auch Kafka ein wenig in sie verliebt und waren durch ihre vollbusige Weiblichkeit verstört. Kafka war in ihrer Gegenwart so befangen, dass er ihr nicht einmal in die Augen blicken konnte, und sie war zu schüchtern, um ihn anzusprechen.

Mit den Jahren vermittelte Berthold ihr jedoch die Selbstsicherheit, die sie brauchte, um unter »Geistesmenschen« zu bestehen. Er ermunterte sie, vor seinen Freunden das zu tun, was sie seiner Meinung nach am besten konnte – Schauspielerin sein, Menschen unterhalten, Geschichten erzählen. Berthold animierte sie, vor seinen Freunden Anekdoten aus ihrem Theaterleben zum Besten zu geben, zum Beispiel wie ihr beim Vorsprechen bei Max Reinhardt das Missgeschick mit der Bluse passierte. So lernte sie, mit ihrem schmerzlich erlebten Anderssein umzugehen, aus ihrem Aussehen, ihrem »Temperament« und ihrem immer noch vorhandenen polnischen Akzent eine Stärke zu machen. Sie wurde so, wie der Mann, der sie liebte, sie sehen wollte. Berthold war stolz auf ihre erotische Wirkung auf andere Männer: »Wo immer Mannheit ist, da immer bist du. / Und wo du bist, ist Mannheit stets bei dir«, dichtete er.20

In seiner Gegenwart fühlte sich Salka »verstanden und bestätigt« und machte sich auch seine politischen und künstlerischen Ansichten zu eigen. Wie er schwärmte sie vom Sozialismus und von Stanislawskis Künstlertheater, trat 1919 während ihrer Zeit an den Münchner Kammerspielen sogar der »Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger« bei. Erst Jahrzehnte später konnte sie vor sich selbst zugeben, dass sie mit Berthold eigentlich nur in der Zeit vor ihrer Hochzeit wirklich glücklich gewesen war. Als sie schwanger wurde, nahm er sie plötzlich nur noch als Mutter wahr. In Dresden begann er eine Affäre mit einer 19-jährigen Schauspielerin aus Wien. Salka erfuhr durch Zufall davon. Bei ihr löste die Entdeckung eine ähnlich heftige Reaktion aus wie der Tod ihres Verlobten. Beinahe zehn Jahre später konnte sie es noch immer nicht fassen, »dass das, was ich für die einzige und kostbarste Liebe zwischen zwei Menschen hielt – doch Wandlungen unterworfen ist«.21

Berthold versuchte sie zu beschwichtigen und spielte seine Affäre herunter. Er verglich sein Verhalten mit einer »Krankheit«, unter der er leide, und verlangte von ihr, dass sie sich ihm gegenüber »mütterlich und verständnisvoll« zeigte.22 Sie wollte ihn nicht verlieren und ließ sich darauf ein – mit schlimmen Folgen. Denn von nun an spaltete sie ihre Eifersucht, ihre Wut und ihren Hass auf ihn einfach ab und gab vor, etwas zu sein, was sie eigentlich nicht sein wollte, redete sich ein, etwas zu fühlen, was sie nicht wirklich empfand. Schließlich spürte sie gar nichts mehr: »Es gibt da … Gefühle in meinem Leben, die ich so erfolgreich unterdrückt habe, dass ich mich überhaupt nicht mehr an ihre Heftigkeit erinnern kann. Die Narben haben aufgehört zu bluten, und die Nerven darunter sind taub geworden«, schrieb sie fast vierzig Jahre später in ihr Tagebuch.23 1919 vermochte sie nicht zu erkennen, dass Bertholds Treulosigkeit einen Bruch in ihrer Beziehung verursacht hatte, der durch nichts mehr zu kitten war, auch nicht durch seine schönen Dichterworte.

Im September 1919 und im November 1920 kamen Johann Jakob, genannt »Hans«, und Peter Viertel, für Salka beide absolute Wunschkinder, zur Welt. Jede Geburt stürzte sie in eine »abgrundtiefe Traurigkeit«, und sie fragte sich jedes Mal, ob ihre Söhne »in dieser harten, grausamen Welt« zurechtkommen würden. Durch diese Welt wandelte sie selbst von nun an wie eine Traumwandlerin. Zugang zu ihren eigenen Gefühlen hatte sie nur noch auf der Bühne. Dort konnte sie ohne Reue die Wut, den Hass und die Verzweiflung ausleben, die sie in ihrer Ehe verdrängte. Immer öfter brachen sich diese Emotionen auch zu Hause Bahn: Nun wurde sie bei der kleinsten Gelegenheit wütend und laut. Berthold sollte diesen heftigen Szenen später die Schuld an seinem beginnenden Diabetes geben.

Mit über dreißig wartete Salka noch immer auf ihren Durchbruch. Immer wieder löste sie Engagements vorzeitig auf, wurde ein Opfer von Bühnenintrigen, machte sich ihre Bühnenkolleginnen zu Feindinnen. In Dresden versteckten sie sogar einmal Salkas Brille, so dass sie bei ihrem Auftritt halb blind über die Bühne stolperte. Ihren Beruf aufzugeben kam schon allein deshalb nicht infrage, weil er ihr Halt gab und als Ventil für ihre Gefühle diente. Trotz allem blieb Berthold Viertel der wichtigste Mensch in ihrem Leben, wichtiger als ihre Söhne. Sie betrachtete ihn als »die Wurzel meines Daseins«. Und da sie es als ihre Aufgabe ansah, ihn glücklich zu machen, ging sie die Kompromisse ein, zu denen er nicht bereit war. So wie später für Greta Garbo war sie immer zur Stelle, wenn er sie brauchte.

1922 brach sie ihr Engagement in Hamburg ab, um Berthold nach Berlin zu folgen, wo er ohne ihr Wissen mit ihren gesamten Ersparnissen ein Privattheater namens »Die Truppe« gegründet hatte. Doch von Anfang an ging alles schief. Zunächst zerstritt sich Berthold mit seinem Star Fritz Kortner, der daraufhin das Ensemble verließ. Auch bei der Auswahl der Stücke bewies er keine glückliche Hand. Er besetzte Salka in einer Hauptrolle, die sie schlichtweg überforderte. Nach Meinung der Kritiker konnte sie den Part der Verführerin in Knut Hamsuns Groteske Vom Teufel geholt schon körperlich nicht ausfüllen. Der Großkritiker Herbert Ihering attestierte »Mea Steuermann« in einer vernichtenden Kritik nicht nur mangelndes Talent, er sprach ihr sogar das handwerkliche Können ab, kritisierte vor allem ihre eigenwillige, undeutliche Diktion: »Um sie herum entstehen im Dialog Löcher, weil sie niemals einsetzt, niemals den Dialog weitertreibt, immer den Ausdruck, wenn sie nicht gerade schreit, vertröpfeln lässt.«24

Nach acht Inszenierungen ging »Die Truppe« im März 1924 sang- und klanglos unter. Die Viertels blieben zwar auf einem riesigen Schuldenberg sitzen, gingen aber innerlich scheinbar völlig unbeschädigt aus diesem Fiasko hervor. Beide waren überzeugt, dass die Welt ihnen nichts anhaben konnte, solange sie einander hatten. Salka rühmte später Bertholds »heroischen Mut«, dieser machte Kritiker wie Herbert Ihering und die Inflation für das Scheitern des Theaters verantwortlich. In seinem Tagebuch erinnerte sich Berthold Viertel später aber auch an die immer heftiger werdenden »Streitereien mit Salka […], die mich zerrütteten«.25

Um ihre Schulden abzutragen, arbeiteten beide für den Film, bei dem man in relativ kurzer Zeit ein Vielfaches der Theatergage verdienen konnte. 1924 drehte Berthold Viertel für die US-Filmproduktionsfirma Fox Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins und verschaffte sich so letztendlich das Entree in Amerika. Salka, die nach der Pleite der »Truppe« arbeitslos und mit ihrem dritten Sohn Thomas schwanger war, schrieb auf Anraten eines befreundeten Kameramannes 1925 ein Filmexposé nach einer literarischen Vorlage von Barbey d’Aurevilly und verkaufte es für beachtliche 5000 Rentenmark.

Ein Jahr später wagten die Viertels noch einmal einen Neuanfang. Im Sommer 1926 gingen beide mit großen Hoffnungen an das Schauspielhaus nach Düsseldorf, wo sie Louise Dumont und deren Mann Gustav als Intendanten nachfolgen wollten. Wieder scheiterten sie, ohne etwas aus ihren Erfahrungen zu lernen. Dabei bot sich für Salka zum ersten Mal in ihrem Leben die Chance, entsprechend ihren wirklichen Fähigkeiten und Talenten eingesetzt zu werden. Denn die erfahrene Theaterleiterin Louise Dumont, eine der wenigen Frauen, die sich am deutschsprachigen Theater durchgesetzt hatten, erkannte, dass Salka eine hervorragende Schauspiellehrerin und Dramaturgin sein würde. Sie überließ ihr eine Akademieklasse, gab ihr Hauptrollen, die zu ihr passten, und trug ihr schließlich die Regie in Die schöne Schlafende, einem Drama von Rosso di San Secondo, an. Das Stück handelt von einem vergewaltigten Mädchen, das sich schützt, indem es sich in eine Traumwelt zurückzieht. Salkas Inszenierung war ein voller Erfolg. Die Kritiker attestierten ihr sowohl Feinfühligkeit als auch eine »überraschend feste Hand«, die an einen Mann erinnere.

 

In Theaterkreisen war es kein Geheimnis, dass die 64-jährige Louise Dumont Frauen und bevorzugt jungen Schauspielerinnen aus ihrem Ensemble zugeneigt war. Sie glaubte, dass jede Künstlerin bisexuell sei, und wollte auch Salka zu ihrer »Religion« bekehren. Salka schien sich der sexuellen Neigung ihrer Gönnerin nicht wirklich bewusst zu sein oder sich darüber hinwegzutäuschen, tat jedoch alles, um ihr zu gefallen. In einem Brief an Louise Dumont bezeichnete sie die Theaterleiterin als »die erste wirklich bedeutende« Frau, die sie getroffen habe. »Immer habe ich nur vor Männern Respekt, Ehrfurcht, Achtung gehabt«, aber beim Anblick von Dumont habe sie sofort »ein Bannstrahl der Liebe« getroffen.26

Durch ihr Verhalten beschwor Salka einen Machtkampf zwischen ihrem Mann und ihrer Förderin herauf. Als Dumont von Bertholds Affäre mit einer jungen Schauspielerin aus dem Ensemble erfuhr, machte sie das Verhältnis publik. Im konservativen Düsseldorf löste das einen Skandal aus. Berthold flüchtete nach Berlin. Salka musste sich nun zwischen ihm und ihrer Mentorin entscheiden. Louise Dumont versprach ihr, dass sie gemeinsam den »künstlerischen Höhepunkt« von Salkas Karriere erreichen könnten – wenn Salka sich scheiden lassen würde. Doch sie hielt zu Berthold, glaubte seinen Beteuerungen, dass seine Affäre ihm nichts bedeutete und dass er nur Salka liebe. In seinen Briefen an sie beschwor er einen nochmaligen Neuanfang: »Mein einziges Leben! Was kann ich tun, dass wir diesmal nicht aneinander vorübergehen?!? Ich zittere um dich mit ganzer Seele – und fürchte nichts auf der Welt mehr als den leidenden Ton in deiner Stimme oder in deinen Briefen. […] Salka, ich gehöre wirklich dir […]. Oh noch einmal anfangen!!!!!«27

Im Sommer 1927 verbrachten beide einen Versöhnungsurlaub in Venedig. Dabei erwähnte Berthold beiläufig die Möglichkeit, nach Amerika auszuwandern. In Hollywood standen damals Regisseure aus Europa hoch im Kurs, dort lockte das große Geld und ungeahnte kreative Möglichkeiten. F. W. Murnau, mit dem Berthold demnächst die amerikanische Produktion Four Devils drehen wollte, Ernst Lubitsch und Josef von Sternberg hatten es bereits vorgemacht. Ende Juli 1927 kabelte er Salka nach Wychylowka, wo sie, wie jedes Jahr, ihren Sommerurlaub verbrachte, ob sie bereit wäre, für »drei Monate« mit ihm nach Amerika zu gehen. Sie hatte nichts dagegen. Kaum eine Woche später schrieb Berthold ihr aus Berlin: »Habe ich recht getan? Ich habe abgeschlossen […]. Wir können, wenn ich es drei Jahre dort aushalte, als bis an unser Lebensende materiell unabhängige Menschen nach Deutschland zurückkehren!«28 Er versprach ihr, sein »Toben« einzustellen, nicht mehr als zwanzig Zigaretten am Tag zu rauchen sowie die teuren Restaurants und kostspieligen Autos mit Chauffeur aufzugeben, und versuchte sie auf das »große Abenteuer« Amerika einzustimmen: »Hollywood soll ein Paradies sein«, schwärmte er. »Ich werde also mehr zu Hause sein, mehr mit dir und den Kindern! Ein neues Leben –.«29

Salka freute sich auf den neuen Start, so wie sie sich auf jeden Anfang mit Berthold gefreut hatte. Dieses Mal musste sie jedoch ihre Söhne (2, 7 und 8 Jahre) in Berlin zurücklassen, bis sie und Berthold sich in Los Angeles zurechtgefunden hatten. Erst im Zug nach Cuxhaven wurde sie sich der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst. Sie brach zusammen und weinte hysterisch: »Aber wie konnte ich Bertholds Begeisterung vereiteln, indem ich an mich selbst dachte?«30

 

Im März 1928 trafen die Viertels in Los Angeles ein. Damals gingen sie noch davon aus, dass sie vielleicht schon nach einem Jahr wieder in die Heimat zurückkehren würden wie die meisten Deutschen und Österreicher, die hier lebten, um möglichst viel Geld zu verdienen und dann wieder abzureisen. Während Berthold seine Arbeit als Drehbuchautor und Skript Doktor für F. W. Murnau in den Fox-Studios aufnahm, war Salka in den ersten Wochen und Monaten damit beschäftigt, den Alltag zu organisieren. Als Erstes mietete sie ein billiges Haus mit kleinem Garten in der Nähe des Studios in der Fairfax Avenue in West-Hollywood. Dann kaufte sie einen schwarzen Buick, Jahrgang 1928, und brachte sich selbst das Fahren bei, was angesichts der riesigen Entfernungen und der Tatsache, dass es in Los Angeles keinen öffentlichen Nahverkehr gab, eine Notwendigkeit war: »Du Driverin meines Lebens, welches eine Car auf Abzahlung ist«, dichtete Berthold.31

Als Nächstes stellte sie eine farbige Haushälterin namens Emmy und einen farbigen Chauffeur ein, der Berthold morgens zum Studio brachte und abends abholte. Nach drei Monaten ließ sie Hans, Peter und Thomas und deren Kindermädchen aus Berlin nachkommen. Ihre beiden älteren Söhne Peter und Hans nahmen das Haus mit der Schaukel im Garten sofort in Besitz und lebten sich innerhalb kürzester Zeit in Los Angeles ein.

Salka fiel die Umstellung nicht so leicht. Ihre Rolle als typische »Hollywood-Gattin«, als Hausfrau und Mutter, füllte sie schon bald nicht mehr aus. Sie war unzufrieden, verfiel in Grübeleien. Nach sechs Monaten wurde ihr bewusst, dass sie Berthold zuliebe ihre »Heimat« aufgegeben hatte – und damit meinte sie nicht nur Wychylowka, sondern auch das Theater. In Los Angeles gab es keine gewachsene Theaterkultur, und ohnehin war ihr Englisch für eine amerikanische Bühne zu schlecht. »Ich bin ein so unausgeglichener, zerfressener Mensch«, offenbarte sie Berthold im Herbst 1928, als er in Pendleton, Oregon, mit Murnau den Film Our Daily Bread drehte.32 Sie ertrug es nicht, lange getrennt von ihm zu sein, stellte ihn aber im selben Brief zur Rede, weil sie, offenbar von Eifersucht getrieben, heimlich in seinem Tagebuch gelesen und dort einen Satz entdeckt hatte, der sie misstrauisch machte: Die Ehe sei Geschlechtsverkehr ohne Begierde. Sie warf Berthold vor, dass seine Liebe für sie nicht echt sei. Er versuchte sie davon zu überzeugen, einen solchen Satz nie geschrieben zu haben, und beschwor wieder einmal seine Gefühle für sie: »Gott weiß es, dass ich dich ungeheuer liebe«, schrieb er ihr aus Pendleton. »Aber in schweren Stunden glaube ich dich zu verstehen, dass du mich fühlen machen willst: ›zu spät, mein Lieber!‹ […] Niemals, in keinem Augenblick, habe ich aufgehört oder kann ich aufhören, dich zu dichten, aber es ist eben zu real, dass es oft meine Kraft übersteigt.«33

Der Briefwechsel zwischen den Ehepartnern gibt einen direkten Einblick in Szenen einer zerrütteten Ehe, in der beide einander vordergründig alle Freiheiten ließen und einander dennoch völlig kontrollierten. Sie überschüttete ihn mit Vorwürfen und unausgesprochenen Erwartungen, was ihn wiederum zum Rückzug veranlasste. Er hatte Berichten zufolge auch in Amerika sofort wieder Liebschaften, sie mochte sich ihre Eifersucht selbst nicht eingestehen und verweigerte sich ihm, wodurch er gekränkt war. »Ich kann nur irgendwo eintreten, wenn ich voll Sehnsucht erwartet werde«, schrieb Salka ihm vieldeutig und beklagte sich indirekt über das Opfer, das sie für ihn gebracht hatte: »Es ist schade um die Jugend, die vergeht, und es ist so schrecklich, nicht älter werden zu können. Du hast es besser, du kannst schreiben. […] und ich kann nur mein Leben und meine Liebe dichten, und ich weiß nicht, warum es so trübe wird.«34 Bis zu Bertholds Tod würden sie einander weiterhin ihre unverbrüchliche Liebe versichern. Aber bereits bevor Greta Garbo in ihr Leben trat, war offenbar, dass beide nicht mehr miteinander leben konnten – ohne einander jedoch ebenso wenig.

In diesem Jahr 1929 gingen die großen amerikanischen Studios dazu über, fremdsprachige Versionen für die wichtigen europäischen Märkte zu drehen, und so erhielt auch Berthold Viertel trotz mangelhafter Englischkenntnisse seine erste Chance als Regisseur.

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