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Ich leg dir meine Welt zu Füßen

1. KAPITEL

Finn beobachtete Sienna Torrance aus den Augenwinkeln. Für heute hatte sie Feierabend und packte ihre Tasche. Sicher würde sie sich gleich von ihm verabschieden und nach Hause gehen.

Er jedoch hatte andere Pläne. Sein Blick ruhte jetzt direkt auf der schlanken jungen Frau mit den langen Beinen und den sanft geschwungenen Hüften.

Sie trugen beide enge Trainingskleidung. Sienna bückte sich geschmeidig nach ihrer Tasche. Dann richtete sie sich wieder auf und warf lässig ihren Pferdeschwanz in den Nacken. Er dagegen war an den Rollstuhl gefesselt.

Genau genommen stimmte das so nicht ganz. Sein linkes Bein war bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Aber an guten Tagen konnte er schon wieder am Stock gehen. Seine Krankengymnastin Sienna bestand jedoch darauf, dass er nach den Übungsstunden den Rollstuhl benutzte. Obwohl sein Rollstuhl elektrisch war, hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihn zum Haus zurückzuschieben. Dort übergab sie ihn der Obhut seines Krankenpflegers Dave.

Eigentlich brauchte er keinen Pfleger mehr. Aber Dave war gleichzeitig ausgebildeter Masseur und betätigte sich auch als Hausdiener und Fahrer.

„Kommen Sie noch mit herein und trinken Sie etwas“, lud er sie ein, als sie den Rollstuhl in Bewegung setzte. „Oh, nein danke, Finn. Ich muss los“, erwiderte sie mit ihrer faszinierend dunklen, rauchigen Stimme.

„Wohin? Zum nächsten Patienten? Es ist gleich sechs Uhr! Oder zu Ihrem Freund?“

Sienna zögerte. „Nein, aber ich hatte einen langen Tag.“

„Oder wollen Sie privat nichts mit mir zu tun haben?“

Sie verzog das Gesicht. Geschickt lenkte sie den Rollstuhl über die Rampe nach draußen auf den Weg. Dieser führte zwischen sattgrünen Rasenflächen und farbenprächtigen Blumenbeeten entlang. Bienen summten, Vögel zwitscherten, Schmetterlinge flatterten durch die Luft.

Ein schöneres Anwesen als die auf einer Hügelkuppe gelegene Villa Eastwood ließ sich kaum finden. Das Haupthaus war ganz nach alter Queensland-Tradition errichtet. Es verfügte über eine breite, überdachte Veranda, einen Spitzgiebel und Doppeltüren mit Windfang. Es war nicht aus Holz, sondern aus gelbem Sandstein erbaut, hatte ein schilfgrünes Dach und bot eine atemberaubende Aussicht auf den Brisbane River.

„Ich pflege prinzipiell keine Privatkontakte zu Patienten“, antwortete sie vorsichtig. „Bitte nehmen Sie das nicht persönlich. Außerdem bin ich eine berufstätige Frau mit tausend Verpflichtungen.“

„Wenn Sie nicht auf einen Drink und einen Schwatz mit hereinkommen, stelle ich den Rollstuhl auf Automatik und lasse mich geradewegs in den Fluss rollen“, drohte er.

Sie trat energisch auf die Bremse. „Finn“, sagte sie ruhig, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, „seien Sie nicht albern. Ich weiß, Sie sind unzufrieden, aber Sie haben bewundernswerte Fortschritte gemacht!“

Und das stimmte. Bei dem tragischen Unfall war seine Verlobte ums Leben gekommen. Es war wirklich bewundernswert, wie hartnäckig Finn McLeod darum kämpfte, seine Beweglichkeit wiederzuerlangen.

Sie hatte selten solche Willenskraft gesehen. Oft genug hatte sie beobachtet, wie seine Knöchel vor Anstrengung weiß hervortraten und wie er die Zähne in die Unterlippe grub, während er verbissen seine Übungen absolvierte.

Ihr war nicht entgangen, dass er trotz allem ein ungeheuer anziehender, tatkräftiger Mann war, selbst wenn er gelegentlich seine Launen hatte. Doch schon aus beruflichen Gründen verbot sie sich jede weitere Überlegung in dieser Richtung. Abgesehen davon, dass sie zurzeit für Annäherungsversuche von Männern ohnehin unempfänglich war.

„Albern?“, wiederholte er. „Ich möchte Ihnen ein Geschäft vorschlagen, Ms. Torrance. Was ist daran albern?“

Sienna blickte stirnrunzelnd auf sein dichtes dunkles Haar herab, das feucht und zerzaust war. „Was könnte es zwischen uns für Geschäfte geben?“

„Um das herauszufinden, müssen Sie mich schon weiterschieben.“

Ärgerlich schnalzte sie mit der Zunge. Sie war es gewöhnt, dreiste Angebote von Männern schlagfertig zurückzuweisen. Finn McLeod war jedoch der Letzte, dem sie einen plumpen Annäherungsversuch zutraute. Aber worum ging es dann?

„Verraten Sie es mir jetzt, dann entscheide ich, ob ich noch etwas mit Ihnen trinke“, sagte sie kühl. Seine Schultern hoben sich, als ob er still in sich hineinlachte.

Kurze Zeit später saßen sie zusammen auf der Veranda, sie mit einem Glas Saft, er mit einem Bier vor sich. Zwischen ihnen auf dem Tisch stand eine silberne Schale mit Oliven und Nüssen. Ein Mann mittleren Alters, vorgestellt als Walt, der Butler, hatte sie bedient und sich dann taktvoll zurückgezogen.

„Verstehe ich Sie richtig?“, meinte Sienna. „Sie wollen, dass ich mit Ihnen in den Westen reise, damit wir die Behandlung fortsetzen können? Auf einer …Rinderfarm?“ Aus ihren großen grauen Augen sah sie ihn ungläubig an.

„Stimmt.“ Finn McLeod nickte bestätigend und trank seelenruhig einen Schluck Bier.

„Aber warum wollen Sie sich da draußen in der Einöde vergraben, wo …“ Verlegen unterbrach sie sich. Ihr fiel wieder ein, dass er gerade erst seine Verlobte begraben hatte. Sie war bei dem schrecklichen Unfall, bei dem Finn so schwer verletzt wurde, ums Leben gekommen. „Ich meine, was wollen Sie da, auf der Rinderfarm?“

Er sah sie kurz an, warf dann einen Blick auf die Umgebung und meinte: „Ich werde noch verrückt hier oben. Dort draußen bin ich geboren worden, da fühle ich mich wohl.“

„Ist Ihnen klar, dass ich nur ein paar Stunden am Tag mit Ihnen trainiere? Und dass ich vermutlich verrückt werde, wenn ich mich wochenlang auf einer Rinderfarm langweile? Außerdem werden wir dort wohl kaum die nötigen Sportgeräte zur Verfügung haben. Obendrein sind Sie dort zu weit von Ihrem Arzt entfernt.“

„Er hat bereits sein Einverständnis gegeben“, sagte er schulterzuckend. „Außerdem kann ich ihn jederzeit einfliegen lassen, genau wie die Geräte. Trainingsraum und Swimmingpool sind vorhanden.“

Sienna ließ sich im Stuhl zurücksinken und nippte an ihrem Getränk, einer köstlichen Mischung aus Mango- und Orangensaft mit einem Spritzer Minze.

Finn war das männliche Oberhaupt der Familie McLeod. Diese galt als extrem wohlhabend und war über die Rinderzucht hinaus auch in weiteren Unternehmensbereichen tätig. Eine Fülle weiterer Details über den McLeod-Clan waren allgemein bekannt und auch Sienna geläufig.

Nachdem Finns Eltern sich hatten scheiden lassen, hatte sein Vater, Michael McLeod, erneut geheiratet. Seine zweite Frau Laura schenkte ihm noch einen Sohn, Declan, acht Jahre jünger als Finn. Es hieß, die erste Mrs. McLeod habe die Scheidung nie verwunden und sei schließlich vor Kummer gestorben. Nicht lange danach verunglückten Michael McLeod und seine Frau Laura tödlich, als ihr Privatflugzeug abstürzte. Auch der Pilot, Michaels Bruder Bradley, kam bei dem Absturz ums Leben.

Die verwaisten Halbbrüder Finn und Declan McLeod wurden von ihrer Tante Alice McLeod aufgezogen.

Finn entstammte also einer schillernden Familie mit schwerem Schicksal. Nun war noch ein weiterer furchtbarer Unfall hinzugekommen. Ein betrunkener Autofahrer war von vorn in seinen Wagen gerast. Seine Verlobte, die mit ihm im Wagen saß, wurde aus dem Fahrzeug geschleudert. Sie war auf der Stelle tot. Er selbst war in dem Wrack eingeklemmt worden.

Trotz seines schrecklichen Schicksals missfiel es Sienna, dass Finn McLeod sich offenbar wie durch Zauberhand alle Wünsche erfüllen konnte. Besonders ärgerlich fand sie, dass er zu erwarten schien, dass jeder nach seiner Pfeife tanzte.

„Es tut mir leid, aber …“

„Was Ihre Freizeit angeht“, warf er ein, „würde das Krankenhaus in Augathella sich glücklich schätzen, Ihre Dienste als Krankengymnastin vorübergehend in Anspruch zu nehmen.“

Sie sah ihn verblüfft an. „Woher wissen Sie das?“

„Ich habe nachgefragt. Das Krankenhaus ist nur einen Katzensprung von Waterford entfernt.“

Waterford war die größte Rinderfarm der McLeods.

Sienna befeuchtete ihre Lippen. „Aber ich könnte ohnehin nicht für längere Zeit hier weg. Wie Sie wissen, bin ich berufstätig. Ich bin in einer Praxis angestellt. Mein Chef wäre sicher nicht begeistert, wenn ich wochenlang von der Bildfläche verschwinde. Ich habe noch andere Patienten außer Ihnen.“

„Ihr Chef ist einverstanden.“

Mit einem Knall stellte sie ihr Glas auf den Tisch. „Das geht entschieden zu weit, Finn! Wie können Sie so etwas hinter meinem Rücken regeln?“

„Ich wollte schon im Vorfeld alle Einwände ausräumen, die Sie vorbringen könnten.“

„Tja, das mag wohl Ihre Art sein, Geschäfte abzuwickeln, aber …“

„Stimmt, und eine sehr erfolgreiche dazu. Sehen Sie …“, er lehnte sich vor, „dieser Auftrag ist doch eine Chance für Sie. Der Chef Ihrer Praxis meinte, Sie seien auf dem besten Weg, sich einen Namen auf dem Gebiet der Behandlung von Unfallopfern zu machen. Ich erzählte ihm, dass Sie bei mir Wunder bewirkt haben und dass ich nur Sie will.“

„Eine Chance?“ Sienna runzelte die Stirn. „Ich nenne das Erpressung. Tut mir leid, aber ich nehme Ihr Angebot nicht an.“

„Warum nicht?“

Sie sah ihn an. Sein glänzendes schwarzes Haar war immer noch zerzaust. An seinem kantigen Kinn zeigten sich bläuliche Schatten, sein Mund wirkte fest und entschlossen. Er hatte ein bemerkenswertes Gesicht, das ihr vermutlich noch lange in Erinnerung bleiben würde. Ebenso wie seine Statur. Finn McLeod war einen Meter neunzig groß, breitschultrig, hatte schmale Hüften und lange, muskulöse Beine. Er war zum Zeitpunkt des Unfalls in hervorragender körperlicher Verfassung gewesen. Das war für die Behandlung von entscheidendem Vorteil.

Ja, warum nicht, fragte sie sich im Stillen. Er war der Typ Mann, bei dem die meisten Frauen schwach wurden. Aber damit würde sie keine Probleme haben. Waren es also seine Erwartungen, die ihr Sorge bereiteten? Sie hatte gelernt, sich von ihren Patienten abzugrenzen. Spätestens wenn diese anfingen, sie als ihren Lebensmittelpunkt zu betrachten.

„Finn“, sagte sie bestimmt, „ich habe getan, was jede gute Krankengymnastin getan hätte. Die eigentliche Arbeit haben Sie geleistet! Sie brauchen mich gar nicht mehr.“

„Haben Sie Angst, dass ich mich in Sie verliebe?“, fragte er unverblümt. Sie atmete scharf ein, ihre Augen wurden schmal. „Ist es so?“

„Nein.“ Er setzte sein Glas ab. „Wenn man das Beste gehabt und verloren hat – ohne Sie beleidigen zu wollen, Sienna –, glaubt man nicht an ein zweites Mal.“

Das Beste – damit konnte er nur Holly Pearson meinen. Seine bei dem Unfall ums Leben gekommene Verlobte. Diese Frau war wirklich umwerfend gewesen, und das nicht nur äußerlich. Als Wetteransagerin im Fernsehen hatte sie die Nation im Sturm erobert. Dann war sie zum Fernsehstar aufgestiegen und hatte in Talkshows das Publikum mit ihrem eigenwilligen Humor und ihrer herzlichen Art begeistert.

Sienna musterte ihr Gegenüber nachdenklich. Täuschte sie sich, oder hatte da in seiner Stimme ein gewisser Unterton gelegen? Ein leiser Missklang, der im Widerspruch zu dem Gesagten stand? Oder war es nur die Verbitterung über Hollys Tod, die in seinen Worten mitschwang? Natürlich, dachte sie, das wird es sein. Plötzlich empfand sie tiefstes Mitgefühl für ihn.

„Und Sie?“

Verstört sah sie ihn an. „Was denn?“

„Ob Sie dabei sind, sich in mich zu verlieben!“

Ihre Augen weiteten sich. „Habe ich Ihnen auch nur den geringsten Grund zu dieser Annahme gegeben, Finn McLeod?“, fragte sie scharf.

„Im Gegenteil.“ Er verzog das Gesicht. „Obwohl das keine Antwort auf meine Frage ist, aber was soll’s. Also, Sienna, wo liegt das Problem?“

Sie musterte ihn finster. „Ich lasse mich nicht gern fremdbestimmen. Und es ärgert mich, dass Sie glauben, ich würde auf der Stelle alles stehen und liegen lassen …“

„Sie haben eine Woche Zeit.“

Sie winkte ab. „Nein, ich …“

„Denken Sie darüber nach und sagen Sie mir morgen Bescheid.“

„Na gut.“ Sie trank ihren Saft aus und erhob sich. „Aber rechnen Sie nicht damit, dass ich meine Meinung ändere. Und jetzt sollten Sie duschen gehen. Ich rufe Dave.“

„Sehr wohl, die Dame“, antwortete er gehorsam, doch in seine blauen Augen blitzten belustigt. Sienna warf ihren Pferdeschwanz in den Nacken und ging.

Auf dem Heimweg kaufte sie Obst und Gemüse ein. Sie bewohnte eine hübsche kleine Wohnung in einem zweistöckigen Haus in Red Hill, einem Stadtteil im Norden von Brisbane.

Die Wohnung hatte einen kühlen Fliesenboden, weiße Wände und bot alle Annehmlichkeiten. Siennas Lieblingsplatz war jedoch der breite, mit Fliegengittern versehene Balkon. Von hier aus hatte sie einen herrlichen Blick auf die ganze Stadt. Sie hatte ihn mit einer Fülle bunt blühender Topfpflanzen und Küchenkräuter ausgestattet, denn Gärtnern war ihr Hobby.

Der Rest der Wohnung war, passend zum Klima, leicht und luftig dekoriert. Ein maisgelbes Sofa, zwei Korbsessel und zwei moderne Beistelltische bildeten die Sitzecke. An einer der schneeweißen Wände hing das stimmungsvolle Bild eines Mädchens, das bei Sonnenaufgang am Strand spazieren ging. Das stille, glitzernde Meer schien den Betrachter geradewegs in seine kühlen blauen Fluten zu ziehen.

Auf dem Fernsehschrank aus edlem Holz stand ein Gefäß aus gehämmertem Silber, das sie auf einem Markt in Malaysia gekauft hatte. In der kleinen Diele hing ein Bild, das drei Elefanten zeigte, grob gezeichnet wie von Kinderhand, aber liebevoll eingefärbt. Sie hatte es aus Thailand mitgebracht. Der Teppich in leuchtendem Granatrot und Saphirblau stammte von einem türkischen Basar.

Nicht schlecht für ein Mädchen, das erst vor zwei Jahren mitten in einer schweren Lebenskrise in Brisbane gelandet ist, dachte sie oft, wenn sie sich in ihrer Wohnung umsah.

Inzwischen war sie sechsundzwanzig und hatte vier Jahre Berufspraxis als Krankengymnastin vorzuweisen. Und es stimmte, sie machte sich allmählich einen Namen auf ihrem Gebiet. Was sie darauf zurückführte, dass sie ihren Beruf über alles liebte und außerdem frei und ungebunden war, wie es so schön hieß. Sie konnte ihre ganze Kraft in die Arbeit stecken.

Über die Gründe, weshalb sie ungebunden war, wollte sie momentan nicht weiter nachdenken. Sie führte ein angenehmes Leben. Sie konnte sich Reisen in ferne Länder leisten und verbrachte ihre Freizeit mit Dingen, die ihr Spaß machten. Sie spielte Golf und war Mitglied in einem Feinschmecker-Kochklub. Ihr geselliges Leben war nicht gerade berauschend. Aber sie hatte einen Freundeskreis, mit dem sie sich regelmäßig traf.

Unglaublich, dass dieses angenehme Leben, das sie sich aufgebaut hatte, ausgerechnet an diesem Abend aus den Fugen geraten würde. Ausgerechnet an dem Tag, als Finn McLeod ihr sein zweifelhaftes Angebot unterbreitete …

Mit Einkaufstüten, Sporttasche und einem Stapel Post bepackt, schloss sie die Tür zu ihrer Wohnung auf. Drinnen ließ sie die Briefe fallen, verstaute die Lebensmittel und kochte sich eine Tasse Tee. Dann ließ sie sich auf dem Sofa nieder, um ihre Post durchzusehen.

Beim Anblick des Umschlags aus feinstem Papier mit dem Melbourner Poststempel wurde ihr Herz bleischwer. Sie erkannte die Handschrift ihrer Schwester. Ein dumpfes Gefühl sagte ihr, dass es sich nur um eine Hochzeitseinladung handeln konnte.

Und genau so war es. In dem Umschlag steckte eine Einladungskarte, ganz in Weiß und Silber gehalten. Auf ihr prangten eine Hochzeitsglocke sowie die Namen Dakota und James. In der Karte lag eine handgeschriebene Nachricht. Sie lautete:

Sienna, wir haben beschlossen, es zu wagen. Dir zuliebe habe ich dagegen angekämpft, das musst du mir glauben. Aber es will einfach nicht enden zwischen mir und James. Ich weiß, das kommt jetzt sehr plötzlich, denn ich habe lange mit mir gerungen. Könntest du dich bitte, bitte für uns freuen? Und BITTE komm zu unserer Hochzeit! Nicht nur um meinetwillen, auch Mum und Dad zuliebe, denen diese Sache schier das Herz zerreißt.
In Liebe, Deine Schwester Dakota.

Sienna ließ den Brief sinken. Sie war am Boden zerstört. Trotzdem musste sie lächeln, wie immer, wenn sie an die Namen von sich und ihrer Schwester dachte: Dakota und Sienna. Ihre Eltern hatten damals als Hippies die gesamte Welt bereist. Sie hatten sich nichts dabei gedacht, ihre Töchter nach dem jeweiligen Ort ihrer Zeugung zu benennen.

Inzwischen waren sie allerdings zu angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft geworden. Sie würden keine Kosten und Mühen scheuen, ihrer Tochter Dakota eine standesgemäße Hochzeit auszurichten. Zumal auch Dakotas Bräutigam James Haig, erfolgreicher Wertpapierhändler und Juniorchef eines alteingesessenen Familienunternehmens, gesellschaftlich kein Niemand war.

Aber es gab einen Haken an der Sache. Sie, Sienna, war mit James Haig so gut wie verlobt gewesen. Bis ihre Schwester von einem einjährigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt war und James sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte.

Sienna legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Nein, sie war nicht bereit, dies alles wieder aufzuwühlen. Sich all die quälenden Fragen zu stellen. Hatte James sie je geliebt, was hatte er überhaupt für sie empfunden? Und die Bitterkeit ihrer Schwester gegenüber. Sie konnte doch nichts dafür, dass sie so war, wie sie war. Dakota war immer sie selbst, und einfach hinreißend.

Und, nicht zu vergessen, jünger als sie! Sienna wusste, dass es albern war, aber dieser Umstand machte ihr besonders zu schaffen. Nicht nur, dass sie verschmäht und abgewiesen worden war. Und dass sie schockiert zur Kenntnis nehmen musste, dass sie beinahe einen Mann geheiratet hatte, der sie nicht liebte … Wie konnte er nur, dieser Schuft! Nein, zu allem Überfluss musste sie sich auch noch vorkommen wie eine alte Jungfer.

Tränen rollten über ihre Wangen, als sie daran dachte, wie sie den beiden ihren Segen gegeben und sich dann zurückgezogen hatte. Ihr Umzug nach Brisbane hatte Dakota sicher verletzt, und ihre Eltern erst recht. Doch was war ihr anderes übrig geblieben? Und nun wollte ihre Familie, dass sie an der Hochzeit teilnahm!

Ihr Handy klingelte. Sie warf einen Blick auf die Anzeige. Natürlich, ihre Mutter. Einen Moment lang war sie versucht, den Anruf nicht anzunehmen. Aber früher oder später würde sie ohnehin mit einem von ihnen reden müssen.

„Hi, Mum! Wie geht’s denn so? Ich habe gerade die Einladung zur Hochzeit erhalten.“ Sie bemühte sich um einen fröhlichen Tonfall. „Ich freue mich ja so für Dakota und James, aber …“, ihr Blick schweifte zu dem Datum, das auf der Einladung angegeben war. „Aber zu der Zeit bin ich leider verreist. Ich begleite einen Patienten auf seine Rinderfarm in den Westen.“

Zehn Minuten später legte sie das Telefon aus der Hand und schlang bedrückt die Arme die Knie. Ihre Mutter hatte ihr zu verstehen gegeben, dass es ihnen allen das Herz brechen würde, wenn sie nicht zur Hochzeit erschien.

Und was war mit ihrem Herzen? Wen kümmerten ihre zerstörten Hoffnungen auf Ehe und Familienglück zusammen mit dem Mann, den sie … nun, den sie zu lieben geglaubt hatte?

Warum fiel es ihr nur so schwer, die Einladung auszuschlagen? So schwer, dass sie eine abenteuerliche Ausrede erfunden hatte, um nicht hinfahren zu müssen! Denn natürlich hatte sie keineswegs vor, sich mit Finn McLeod auf einer abgelegenen Farm einzuigeln. Oder?

Wieder klingelte das Telefon. Sie wollte es schon abstellen. Aber beim Blick auf die Anzeige sah sie, dass es ihr Chef, Peter Bannister, war.

„Hallo, Peter“, begrüßte sie ihn forsch, „was kann ich für dich tun?“

„Sienna, wie geht es dir? Hör mal …“, fuhr er fort, ohne ihre Antwort abzuwarten, „Du tätest mir einen großen Gefallen, wenn du Finn McLeod auf seine Farm begleiten würdest …“

Nach dem Gespräch war Sienna noch ratloser als vorher.

Wie sich herausstellte, war Peter Bannister ein Freund der Familie McLeod. Wegen eines längeren Auslandsaufenthaltes hatte er Finns Behandlung nicht selbst übernehmen können. Nun aber, da er erfahren hatte, wie wunderbar Sienna mit dem Patienten zurechtkam, wollte er ihn in ihrer Obhut belassen. Allerdings hielt er einen Ortswechsel für empfehlenswert.

In leuchtenden Farben schilderte er ihr die Vorzüge von Waterford. Das Anwesen sei alles andere als eine Blechhütte in der Wildnis. Es verfüge sogar über einen eigenen Golfplatz – ob sie wisse, dass Finn ein begeisterter Golfspieler sei?

Natürlich wusste sie das. Sie hatten sich oft genug über Golf unterhalten.

Na dann, hatte Peter gemeint. Und dass das Krankenhaus in Augathella sie wirklich gut gebrauchen könne. Schließlich herrsche dort im Hinterland oft ein Mangel an ausgebildeten Fachkräften.

Dann hatte er noch eine humorvoll gemeinte Bemerkung darüber gemacht, wie berufen sie für diese Aufgabe sei. Kein Ehemann, keine Kinder, keine bettlägerigen Eltern, keine Haustiere … nur Topfpflanzen, um die sich schon jemand kümmern würde. Niemand in der Praxis sei so unabhängig wie sie. Mit anderen Worten, nur sie könne diesen Auftrag annehmen.

Gegen Ende seines Vortrags war Sienna den Tränen nahe gewesen. Wie hätte Peter auch ahnen können, dass seine Worte in ihrer gegenwärtigen Situation wie Hohn in ihren Ohren klangen? Sie hätte ihm gern gesagt, wie sehr es sie ärgerte, dass Finn McLeod im Hintergrund die Fäden zog. Aber sie hielt sich zurück und versprach, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen.

Das tat sie jetzt, während sie erschöpft auf dem Sofa saß.

Peter Bannister war viel zu anständig, um es ihr übel zu nehmen, wenn sie absagte. Allerdings hatte sie ihm sehr viel zu verdanken. Er hatte immer ein offenes Ohr für ihre Probleme, und seine Frau Melissa hatte ihr die Wohnung besorgt. Die beiden hatten ihr oft geholfen, als sie in Brisbane Fuß zu fassen versuchte. Peter zuliebe hätte sie den Auftrag gern angenommen, aber …

Plötzlich kam ihr eine Idee. Warum sollte sie nicht beides miteinander verbinden? Sicher hatte niemand etwas dagegen, wenn sie sich ein Wochenende frei nahm, um zur Hochzeit ihrer Schwester zu fahren.

Im Grunde hatte sie weder zu dem einen noch zu dem anderen Lust, wie sie sich kläglich eingestand. Natürlich, sie mochte Finn. Jedenfalls, so weit sie ihn kannte. Doch was wusste sie schon von ihm? Viel war es nicht.

Zwar hatten sie während der Übungsstunden über Golf und alles mögliche andere gesprochen, doch es war nur oberflächliches Geplauder gewesen. So unnachgiebig, wie er jetzt versuchte, seine Wünsche durchzusetzen, hatte sie ihn bisher nur beim Training erlebt. Obwohl sie anhand dieser erstaunlichen Willenskraft schon hätte ahnen müssen, welche Wesensart sich dahinter verbarg.

Was die Hochzeit ihrer Schwester betraf, konnte sie wohl kaum hoffen, dass James die Sache noch platzen ließ und zu ihr zurückkehrte.

Sie hätte ihn auch nicht wiederhaben wollen.

Doch warum konnten ihre Mutter und ihre Schwester sich nicht vorstellen, wie elend sie sich bei der Hochzeit fühlen würde? Zumal den meisten Gästen die Hintergründe inzwischen bekannt sein durften. Wie sollte sie all die neugierigen Blicke aushalten? Und wie sollte es ihr gelingen, den Anschein zu erwecken, als habe sie die Trennung längst überwunden und wünsche dem jungen Paar alles Gute?

Worauf sollte das Ganze hinauslaufen – auf ein Happy End wie im Kino, nur weil sie alle eine Familie waren? Eine ehemals glückliche Familie, wie Sienna zugeben musste. Und vielleicht hatten die anderen sogar recht. Vielleicht brauchte sie wirklich einen Anstoß, um endlich mit dieser Sache ins Reine zu kommen.

Sie rieb sich dieWangen trocken. In einem Anflug von schwarzem Humor überlegte sie, ob sie nicht einen Begleiter anheuern sollte. Damit niemand sah, dass sie immer noch allein war. Denn auch das machte ihr zu ihrem eigenen Ärger sehr wohl etwas aus. Wo aber sollte sie auf die Schnelle einen Begleiter hernehmen? Denn es musste schon ein möglichst eindrucksvoller Mann sein, so viel stand fest.

Bei dem Namen, der ihr unwillkürlich in den Sinn kam, blieb ihr vor Erstaunen der Mund offen stehen.

Nein, dachte sie. Oh, nein! Sie lachte kurz auf und verwarf die abwegige Idee.

Gegen Morgen aber sagte sie sich, dass sie genug unter Druck gesetzt worden war und nun ihrerseits Bedingungen stellen wollte. Und nur deshalb, einzig und allein aus diesem Grund, war die Idee doch nicht gestorben.

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