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Ich leg dir die Welt zu Füßen

1. KAPITEL

Louis Jumeau knallte die Fahrertür des Range Rovers zu und musterte den Wagen genervt. Wie dumm von ihm, einer Mietwagenfirma zu vertrauen, die sich brüstete, die einzige im Umkreis von fünfzig Meilen zu sein! Mangelnde Konkurrenz führte zwangsläufig zu mangelndem Service. Er hätte es viel bequemer haben können, wenn er den Helikopter genommen hätte und am Flughafen in einen seiner eigenen topmodernen Wagen umgestiegen wäre.

Doch er hatte die Transportmöglichkeiten vor Ort unbedingt persönlich austesten wollen. Seine verwöhnten Kunden würden erstklassige Verbindungen nach Crossfeld House erwarten, wenn sie auf die Idee kämen, mit dem Zug anzureisen und für die Weiterfahrt einen Wagen zu mieten, wie er es unglücklicherweise getan hatte.

Leise fluchend klappte er sein Handy auf. Kein Empfang.

Er sah sich um. Niemand weit und breit. Kalt und abweisend präsentierte sich das schottische Hochland in der hereinbrechenden Dunkelheit. Und es konnte jeden Augenblick anfangen zu schneien, damit musste man hier im Winter immer rechnen. Allerdings hatte Louis die Warnungen nicht ernst genommen. Wie hätte er auch ahnen können, dass ihn sein Mietwagen – „der beste weit und breit, mein Sohn!“ – mitten auf einer einsamen Landstraße in den Highlands im Stich lassen würde?

Entschlossen angelte er seinen Mantel vom Rücksitz. Es war höchste Zeit, dass die „einzige Autovermietung im Umkreis von fünfzig Meilen“ ernsthafte Konkurrenz bekam. Sonst konnten die verzweifelten Anbieter ihre Immobilie behalten.

Crossfeld House stellte eine nette, aber keineswegs notwendige Bereicherung seines auch jetzt schon sehr ansehnlichen Bestands an internationalen Komforthotels und englischen Landgütern dar. Der größte Pluspunkt des Anwesens war zweifellos der dazugehörige Golfparcours. In der Beschreibung wurde er euphorisch als äußerst anspruchsvoll ausgelobt, was Louis nüchtern mit verwahrlost bis unbenutzbar übersetzte.

Nun, er würde sich selbst ein Bild machen. Falls er zu Fuß je dort ankam. Dann würde er auch das andere kleine Problem aus der Welt schaffen, das ihn in Crossfeld House erwartete.

Dem eisigen Dezemberwind trotzend, hüllte er sich in seinen Mantel und marschierte los. Dass er kein Auto mehr hatte, war ärgerlich, aber momentan nicht zu ändern. Also konzentrierte er sich lieber auf jenes Problem, das er lösen konnte und würde: die beunruhigende Tatsache, dass sein bester Freund sich Hals über Kopf in eine Glücksjägerin verliebt hatte.

Louis war der Frau noch nie begegnet, aber er kannte die Sorte: bildhübsch, bettelarm und mit einer Mutter gesegnet, die alles daransetzte, ihre Tochter – in diesem Fall ihre fünf Töchter – reich zu verheiraten.

Ein siegessicheres Lächeln huschte über sein Gesicht. Er würde dieser Familie Sharp einen Besuch abstatten. Sein Freund Nicholas war wohlhabend und erfolgreich, aber entschieden zu gutgläubig. Wenn Mutter Sharp ihr reizendes Töchterlein geschickt auf ihn ansetzte, würde er früher oder später am Haken zappeln. In letzter Zeit hielt er sich verdächtig oft in Crossfeld auf, immer unter dem Vorwand, das Objekt begutachten zu müssen.

Aber Louis war nicht von gestern – und fest entschlossen, die Ehre und das Bankguthaben seines langjährigen Freundes mit allen Mitteln zu verteidigen.

Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er das herannahende Motorrad erst bemerkte, als es ihn beinahe über den Haufen fuhr. Schottersteine spritzten auf, ohrenbetäubender Lärm zerriss die Stille, als es mit quietschenden Reifen zum Stehen kam. Der Fahrer, ganz in Schwarz und mit einem schwarz glänzenden Helm auf dem Kopf, riss die Maschine herum um und kam in gedrosseltem Tempo auf Louis zu.

„Bravo“, sagte Louis wütend. „Versetzt Ihnen das einen Kick, oder betrachten Sie diese Straße als Ihre private Rennstrecke?“ Drohend und grimmig beugte er sich über die schmale Gestalt auf dem Motorrad.

Lizzy, im Begriff, ihren Helm abzunehmen, ließ die Hand wieder sinken.

Aus der Nähe betrachtet, war der Mann größer, kräftiger und Angst einflößender, als sie gedacht hatte. Und obwohl sie die Gegend und ihre Bewohner in- und auswendig kannte, war jetzt niemand in der Nähe, den sie zur Hilfe rufen konnte.

Das Gesicht des Fremden war in der Dunkelheit kaum auszumachen, aber sein Ton, scharf wie ein Peitschenhieb, weckte ihren Unmut.

„Ich hätte Ihretwegen nicht anhalten müssen“, erwiderte sie ungehalten.

„Wollen Sie nicht wenigstens Ihren Helm abnehmen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe?“

Allein auf einer einsamen Landstraße, Auge in Auge mit einem Unbekannten, der aussah, als würde er ihr am liebsten den Kopf abreißen? Nein, der Helm blieb auf und das Visier heruntergeklappt. Sollte der Mann sie ruhig für einen Halbstarken halten, einen mit einer sehr hohen Stimme.

„Ist das Ihr Wagen dahinten?“

„Scharf kombiniert, Sherlock.“

„Ich muss mir das nicht anhören.“ Warnend ließ sie den Motor aufheulen, doch ihr Gegenüber verschränkte nur seelenruhig die Arme vor der Brust und musterte sie herablassend. Im Licht des aufgehenden Mondes war er jetzt deutlicher zu erkennen. Lizzy stockte der Atem.

Der Fremde mochte eingebildet, arrogant und unverschämt sein, aber er war zweifellos attraktiv. Dichtes schwarzes Haar, vom Wind zerzaust, umrahmte ein markantes Gesicht mit dunklen Augen, stolzen, regelmäßigen Zügen und einem Mund, der jetzt schmal vor Missbilligung war, aber immer noch große Sinnlichkeit verriet.

„Wie alt sind Sie?“

Die Frage traf Lizzy völlig unvorbereitet. „Was geht Sie das an?“

„Sie sind viel zu jung zum Motorradfahren, stimmt’s? Deshalb wollen Sie auch den Helm nicht abnehmen. Wissen Ihre Eltern, dass Sie hier im Höllentempo durch die Gegend rasen und andere Leute in Lebensgefahr bringen?“

„Sie sind der einzige Fußgänger weit und breit. Das kann auch nur einem Touristen passieren“, erwiderte sie gereizt. „Wenn Sie sich schon in diesen Teil der Welt vorwagen, sollten Sie wenigstens ein zuverlässiges Fahrzeug dabeihaben.“

„Erzählen Sie das dem Kerl von der Autovermietung am Bahnhof.“

„Oh, verstehe.“ Fergus McGintys Geschäftsmethoden waren zuweilen etwas fragwürdig, vor allem, wenn er mit Touristen zu tun hatte. Wer den Range Rover mietete, musste sich auf einen wilden Ritt gefasst machen. Der Wagen war sicher seit Urzeiten nicht gewartet worden.

„Ein Kumpel von Ihnen, nehme ich an. Dann kennt er ja sicher den Teenager, der hier auf einer schweren Maschine durch die Gegend brettert. Ich schlage vor, Sie bieten mir eine Mitfahrgelegenheit an. Sonst könnte es Ihnen passieren, dass Sie sich vor der Polizei wegen Fahrens ohne Führerschein verantworten müssen.“

Lizzy hätte ihn beinahe ausgelacht. Er schien sie tatsächlich für einen Jungen zu halten. Aber sie beherrschte sich. Der Mann sah nicht aus wie jemand, der sich gern auslachen ließ.

„Sie können den Wagen doch nicht einfach hier stehen lassen!“

Er sah sich demonstrativ nach allen Seiten um, bevor er seine dunklen Augen wieder auf sie richtete. „Und warum nicht? Lauert hier jemand hinter den Büschen, der die alte Karre klauen will? Nur zu, meinen Segen hat er.“

Lizzy zuckte mit den Schultern. „Wo wollen Sie eigentlich hin?“

„Steigen Sie ab, und lassen Sie mich fahren, dann werden Sie es sehen.“

„Absteigen? Wieso? Ich dachte, Sie wollen mitfahren.“

„Sagte ich das? Muss ein Versprecher gewesen sein. Ich bin doch nicht lebensmüde. Glauben Sie, ich lasse mich von einem Teenager herumkutschieren, der eigentlich zu Hause über den Hausaufgaben sitzen müsste?“

„Ich kann auch einfach weiterfahren.“

„Das würde ich Ihnen nicht raten.“ Das war eindeutig eine Drohung.

„Okay, wo wollen Sie hin? Wenn es allerdings ein zu großer Umweg ist, müssen Sie warten. Dann schicke ich jemanden vorbei, der Sie abholt.“

Dass ich nicht lache, dachte Louis. Er hatte genug von der grandiosen schottischen Landschaft bei Nacht. Und er war sich keineswegs sicher, dass der Junge tatsächlich seiner bürgerlichen Pflicht nachkommen und jemanden benachrichtigen würde, anstatt auf Nimmerwiedersehen davonzubrausen.

„Kommt gar nicht infrage. Ich will nach Crossfeld House, und Sie kommen mit.“

Crossfeld House!

„Das werden Sie doch wohl kennen? Allzu viele Herrenhäuser mit Golfplatz kann es ja hier nicht geben.“

„Ja, ich kenne es. Was wollen Sie dort?“

„Verzeihung?“

„Ich meine … Sie können da nicht wohnen, das Haus steht zum Verkauf. Und der Golfplatz ist auch nichts Besonderes. Ziemlich heruntergekommen.“

„Ach ja?“ Louis beobachtete, wie die schmale Gestalt geschmeidig vom Motorrad stieg. „Dann kann ich meine Golfschläger ja im Auto lassen.“

„Richtig. Können Sie so ein Ding überhaupt fahren?“

„Warten Sie’s ab. Ich will es mal so ausdrücken – wenn ich schon mein Leben riskiere, dann lege ich es lieber in meine eigenen Hände als in Ihre.“

Er wartete, bis der Junge sich hinter ihn gesetzt hatte, dann gab er Gas und genoss den satten Klang des dröhnenden Motors. Es war lange her, seit er zum letzten Mal auf einer Maschine wie dieser gesessen hatte. Er hatte ganz vergessen, wie frei und stark man sich darauf fühlte. Es würde eine angenehme Fahrt werden, auf der er ganz nebenbei seinen Beifahrer etwas aushorchen konnte.

Von Nicholas hörte er in letzter Zeit nur noch Lobgesänge auf das Sharp-Mädchen, gespickt mit ein paar dürftigen Fakten über das Anwesen. Dieser Junge aber war hier zu Hause und konnte ihm sicher etwas über die Familie Sharp erzählen. Klatsch und Tratsch war doch das Lebenselixier der Leute auf dem Land.

„Nun“, rief er aufmunternd über die Schulter, um den Lärm des Motors zu übertönen, „wenn Ihnen Crossfeld House ein Begriff ist, dann kennen Sie sicher auch den neuen Verwalter, Nicholas Talbot.“

„Schon möglich.“ Lizzy, die sich an ihm festhielt, spürte seine harten Muskeln unter dem Mantel, den er notdürftig hochgeschoben hatte. Die Leichtigkeit, mit der er die Maschine manövrierte, verriet, dass er kein Anfänger war. „Warum?“

„Ich bin hier, um ihm auf die Finger zu sehen. Seine Berichte fielen in letzter Zeit recht dürftig aus.“

„Sind Sie sein Boss?“

„Sozusagen.“

„Und Sie wollen ihn kontrollieren? Wie abscheulich von Ihnen. Nicholas arbeitet wirklich hart.“

„Das heißt, Sie kennen ihn?“

„Nicht direkt, aber er ist … Ich meine, dies ist eine Kleinstadt. Nicholas hat sich hier gut eingelebt.“

„So, hat er das?“

„Ich glaube, er hat sich mit einem der Mädchen hier angefreundet.“ Lizzy musste gegen den Lärm und den Fahrtwind anschreien, um sich verständlich zu machen. Ihr fiel auf, dass sie nicht einmal den Namen des Mannes kannte, an dem sie sich hier festklammerte. Aber er schien keine Gefahr darzustellen, zumindest nicht für sie. Für Nicholas schon eher. Würde der Ärmste seinen Job verlieren, nur weil er seinem Boss, diesem Kontrollfreak, nicht täglich Bericht erstattete?

„Stimmt, er erwähnte etwas in dieser Richtung …“, erwiderte Louis freundlich interessiert in der Hoffnung, seinem Beifahrer dadurch weitere Informationen entlocken zu können.

Lizzy überlegte, wie sie Nicholas beistehen konnte. Nicholas war sanft und gutmütig, würde verlegen herumdrucksen und damit seinen eigenen Untergang besiegeln. Dieser Mann war der Typ, der andere auflaufen ließ. Falls er überhaupt befugt war, hier den großen Boss zu markieren.

„Was hat er Ihnen denn erzählt?“ Sie fuhren jetzt langsamer, sodass sie nicht mehr schreien musste. Die nassen, unbeleuchteten Straßen waren tückisch für jemanden, der sie nicht kannte.

„Er bildet sich ein, verliebt zu sein“, kam die Antwort, von einem harten, spöttischen Lachen begleitet, das Lizzy maßlos ärgerte. Nicht, dass sie selbst die Liebe und die Ehe für das größte Glück auf Erden hielt, aber ihre Schwester tat es. Ihre Schwester war heiß und innig in Nicholas Talbot verliebt. Und Lizzy schäumte vor Wut auf diesen Fremden, der sich anmaßte, etwas zu verurteilen, wovon er nicht die geringste Ahnung hatte.

„So?“, erwiderte sie mühsam beherrscht.

„Ja. In ein Mädchen, das nur hinter seinem Geld her ist.“ Louis nahm mit Absicht kein Blatt vor den Mund. Die Leute im Ort sollten ruhig wissen, dass Nicholas keine leichte Beute darstellte.

Louis hatte genug von geldgierigen Glücksjägerinnen. Als Neunzehnjähriger war er auf eine Fünfundzwanzigjährige hereingefallen, weil er sich eingeredet hatte, er sei in sie verliebt.

Die Erinnerung an Amber Newson und ihre tränenfeuchten blauen Augen versetzte ihn noch heute in höchste Alarmbereitschaft. Während seine Altersgenossinnen an der Uni nur herumalberten, hatte ihn Amber mit ihrer Selbstsicherheit fasziniert. Eine Weile lang hatte er viel Spaß mit ihr gehabt, doch als es dann zu Ende war, wollte sie ihn nicht gehen lassen. Als sie ihre Felle davonschwimmen sah, hatte sie ihm weisgemacht, sie sei schwanger, nur um sich das erhoffte Vermögen nicht durch die Lappen gehen zu lassen.

Damals hatte er noch nicht gewusst, dass es klüger war, die Tatsache, Erbe eines riesigen Vermögens zu sein, nicht an die große Glocke zu hängen.

Für seine Unerfahrenheit hatte er einen hohen Preis bezahlt. Drei Monate lang hatte er in der Angst gelebt, eine Frau heiraten zu müssen, die er nicht liebte. Bis er zufällig herausfand, dass er einer Betrügerin auf den Leim gegangen war.

Nicht zu vergessen die Sache mit Giselle, seiner jüngeren Schwester, die um ein Haar einen Erbschleicher zu ihrem Ehemann gemacht hätte. Noch dazu einen, der bis dahin als enger Freund der Familie gegolten hatte.

Oh, ja. Louis wusste, wovon er sprach. Er hatte keine Lust, sich irgendwelches Gefasel über Liebe und Romantik anzuhören. Im Gegensatz zu Nicholas, der sehr viel leichtgläubiger war als er.

„Wie kommen Sie zu der Behauptung, sie sei nur hinter seinem Geld her?“ Lizzys Puls war sprunghaft angestiegen.

„Ich bitte Sie. Eine alternde Schauspielerin, die ihre Töchter an reiche Männer verschachern will. Welches Klischee!“, meinte er. „Sie kennen die Sharps?“

„Hier kennt jeder jeden. Hat Nicholas … ich meine, hat Mr Talbot Ihnen das erzählt?“

„Nein, aber ich kann sehr gut zwischen den Zeilen lesen.“

„Und Vorurteile fällen können Sie auch gut“, versetzte Lizzy zornig. „Sie kennen die Familie doch gar nicht!“ Zum Glück kamen jetzt die ersten Ausläufer der Stadt in Sicht. Da Landbesitz in dieser Gegend kein Luxus, sondern die Regel war, lagen die Höfe oft weit voneinander entfernt, doch das Leben in der Kleinstadt war von reger Geselligkeit geprägt. Jenseits des Ortes lag still und dunkel der See. Zur Linken, auf einer Bergkuppe, thronte Crossfeld House.

Lizzy kannte das alte Herrenhaus nicht anders als in halb verfallenem Zustand, obwohl es im Laufe der Jahre diverse halbherzige Versuche gegeben hatte, es zu neuem Leben zu erwecken. Die jetzigen Besitzer waren reiche Geschäftsleute aus Glasgow. Passionierte Golfspieler, die Crossfeld House aus einer Laune heraus erworben, das Projekt aber wegen unerwartet hoher Restaurierungskosten auf Eis gelegt hatten. So war das Gebäude wieder in seinen Dornröschenschlaf versunken, bis sich vor drei Monaten überraschend ein neuer Kaufinteressent gefunden hatte.

„Die Nächste links“, sagte sie. „Und fahren Sie langsam, die Straße ist in keinem guten Zustand.“

„Wohnen Sie weit von hier entfernt?“

„Machen Sie sich um mich keine Gedanken. Ich finde schon allein nach Hause.“

Sollte man annehmen, wenn ein Junge auf einer Maschine herumrast, die doppelt so groß ist wie er, dachte Louis. Zum ersten Mal, seit er auf dem Motorrad saß, ließ er die Landschaft auf sich wirken. Es gab zwei Arten von Stille – eine angenehm friedvolle und eine, die von purer Einsamkeit herrührte. Hier war eindeutig Letzteres der Fall.

Er persönlich war nicht scharf auf einen längeren Aufenthalt in einer Stadt, in der Handy-Empfang reine Glückssache war. Aber er war sicher, dass es genug Leute gab, die sich hier nur allzu gern vom hektischen Großstadtalltag erholen würden. Und auch wenn er selbst kein großes Interesse am Golfspielen hatte, da er flottere Sportarten bevorzugte, wusste er doch, dass andere ganz versessen darauf waren. Crossfeld House barg also durchaus das Potenzial, sich zu einer Goldgrube zu entwickeln.

Dieser Umstand war vermutlich auch der alternden Schauspielerin nicht entgangen. Nur deshalb hatte sie eine ihrer Töchter auf den armen Nicholas angesetzt. Ob sie wusste, dass Nicholas gar nicht der Investor war?

Ein, zwei Dinge wollte Louis gern noch klären, bevor er seinen unwilligen Beifahrer mit der Nachricht von seiner Ankunft in die Stadt entließ. „Was halten die Leute im Ort eigentlich von dem anstehenden Verkauf des Herrenhauses?“

„Sie würden es begrüßen, wenn es endlich restauriert werden würde“, entgegnete Lizzy trocken. „Es ist schon so lange ein Schandfleck. Was nicht heißt, dass es diesmal gut gehen wird. Nur weil jemand Geld hat, muss er noch lange nicht in der Lage sein, ein erfolgreiches Projekt auf die Beine zu stellen.“

„Jemand wie Nicholas, meinen Sie? Nur zu Ihrer Information, Nicholas ist nicht der Käufer. Obwohl er natürlich wohlhabend genug ist, um hier als gute Partie zu gelten. Aber er ist nur der Gutachter, der sicherstellen soll, dass das Haus nicht zusammenbricht, sobald der letzte Scheck unterzeichnet ist.“

„Und wer sind Sie?“ Lizzy hatte sich so darauf konzentriert, ihn zu hassen, dass sie noch gar nicht auf die Idee gekommen war, ihn nach seinem Namen zu fragen.

„Ich bin Louis Jumeau. Der Mann, der dieses kleine Abenteuer finanziert.“

Lizzys Finger verkrampften sich.

„Nicholas ist ein enger Freund von mir“, setzte Louis freundlich hinzu. „Wir haben nicht viel gemeinsam, aber ich fühle mich für ihn verantwortlich. Ich habe ein schärferes Auge für Betrügerinnen als er.“

In diesem Moment erreichten sie Crossfeld House, das im blassen Mondschein majestätisch vor ihnen aufragte. Erst das grelle Tageslicht würde seine beklagenswerten Mängel wieder erbarmungslos zum Vorschein bringen. Ringsum erstreckte sich das hügelige Grün des Golfparcours wie eine dunkle, zu Eis erstarrte Wellenlandschaft.

Louis kannte sich im Immobiliengeschäft aus, obwohl es nur eine untergeordnete Sparte seines weitverzweigten Unternehmens darstellte. Trotz seines ansehnlichen Erbes hatte er es nicht versäumt, sich selbst einen Namen in der Finanzwelt zu machen. Inzwischen konnte er sich aussuchen, wo er sein Geld investierte. Was nicht hieß, dass er jemals unkluge Investitionen tätigte.

„Eindrucksvoller Bau“, bemerkte er, während er das Motorrad elegant zum Stehen brachte.

„Ja, allerdings.“ Lizzy wusste, dass sie ihren unerwünschten Begleiter früher wiedersehen würde, als ihr lieb war. Um die zarte Romanze zwischen Rose und Nicholas zu fördern, hatte jene ihm so sehr verhasste Mrs Sharp nämlich einen festlichen Empfang in der Stadthalle organisiert, zu der die gesamte Lokalprominenz eingeladen war. Sogar Nicholas’ Schwestern würden anreisen. Und diese Mrs Sharp war, wie Louis bald genug herausfinden würde, niemand anderes als Lizzys Mutter.

Lizzy graute vor diesem Abend. Ihre Mutter war zwar keine geldgierige Betrügerin, aber doch sehr angetan von der Vorstellung, Rose mit einem gut situierten Mann zu verheiraten. Ein Glück, das sie, wie sie freimütig herumerzählte, jeder ihrer fünf Töchter wünschte. Sollte Louis davon Wind bekommen, würde das eine Menge unangenehmer Fragen aufwerfen.

Du meine Güte, da kam sie extra aus London in ihren Heimatort, um den sagenhaften Nicholas kennenzulernen, von dem ihre Schwester ihr ständig vorschwärmte, und wer musste ihr über den Weg laufen? Ein eins neunzig großer Racheengel, der sich berufen fühlte, seinen naiven Freund aus den Fängen einer nicht standesgemäßen Frau zu retten.

Und der immer noch nicht ahnte, wen er vor sich hatte, wenn er es auch bald genug erfahren würde. Spätestens, wenn er jemandem von dem unbekannten Motorradfahrer berichtete, der ihn vor den Gefahren des schottischen Winters gerettet hatte. Schließlich hatte sie allen erzählt, wie sehr sie sich darauf freute, wieder auf ihrer Maschine durch die Highlands zu kurven.

„Haben Sie es noch weit bis nach Hause?“

Sie waren beide abgestiegen, und wieder bekam Lizzy weiche Knie, als sie aus der sicheren Deckung ihres Visiers heraus das schöne, markante Gesicht ihres Gegenübers betrachtete. Diesmal ließen ihr Kampfgeist und ihre Schlagfertigkeit sie jedoch im Stich. Resigniert öffnete sie den Verschluss ihres Helms.

„Oh, Sie wollen Ihre Identität doch noch lüften?“, fragte Louis spöttisch. „Eine weise Entscheidung. Keine Sorge, ich verrate Ihren Eltern schon nicht, dass Sie …“ Der Anblick der schwarzen Lockenpracht, die unter dem abgezogenen Helm hervorquoll, ließ ihn verstummen.

Er hatte einen Halbstarken erwartet, doch vor ihm stand eine junge Frau, die ihn aus dunklen Augen feindselig anblitzte. Sie hatte ein zartes, eigenwilliges Gesicht, volle Lippen, die sie in diesem Moment missbilligend geschürzt hatte, und die geschmeidige Figur einer Tänzerin.

„Sie sind gar kein Junge“, stellte er verblüfft fest.

„Nein.“

„Sie sind ein Mädchen auf einem Motorrad.“

„Ja. Zufällig liebe ich Motorräder.“

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“

„Warum? Hätte das etwas geändert?“ Ein eisiger Windstoß fegte über sie hinweg und ließ sie frösteln. „Außerdem fand ich es sehr interessant, was Sie mir über Ihren Freund erzählt haben.“

Louis fragte sich flüchtig, ob sie am Ende selbst Nicholas’ Angebetete war, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Nicholas hatte von einer bildschönen, sanftmütigen Blondine gesprochen. Eine Beschreibung, die auf diese Frau wohl kaum zutraf.

„Sie kennen seine Freundin?“

„Allerdings. Und Sie sind der arroganteste, überheblichste, unausstehlichste Mann, der mir je begegnet ist.“ Ihre Mutter hätte ihr den Hals umgedreht, wenn sie das gehört hätte. Louis Jumeau, dessen legendärer Ruf als märchenhaft reicher Mann natürlich längst bis zu ihr vorgedrungen war, sollte ihrem aufwendig arrangierten Fest neben Nicholas den nötigen Glanz verleihen.

„Wie bitte?“, fragte er pikiert.

„Sie sind ein Snob, Mr Jumeau, und ich kann Snobs nicht ausstehen.“

„Warum so förmlich?“, erwiderte er gelassen. „Nennen Sie mich doch Louis. Wir sollten unsere Unterhaltung im Haus fortsetzen, es ist bitterkalt hier draußen.“ Fasziniert beobachtete er, wie sie ihre windzerzausten Locken zu einem dicken Zopf drehte, der lang über ihre Schulter herabhing.

Er hielt sich nicht für voreingenommen, aber von ein paar verstaubten Ansichten musste wohl auch er sich trennen. Warum sollte eine Frau keinen Spaß am Motorradfahren haben? Warum sollte sie dieses Gefühl von Freiheit und Abenteuer nicht ebenso genießen wie er damals zu seiner Studentenzeit? Und warum sollte sie ihm nicht offen ihre Meinung sagen? Obwohl, damit hatte er schon eher ein Problem …

„Nein danke. Ich werde nicht mit hineinkommen.“ Abwehrend verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Wie Sie wollen.“ Ein gefährliches Glitzern trat in seine Augen. „Sie halten mich also für einen Snob?“

„Weil Sie einer sind.“

„Das höre ich gar nicht gern.“ Sein Blick wanderte zu ihrem schönen, trotzigen Mund. Unter der Lederjacke, den Jeans und den wadenhohen Stiefeln waren kaum weibliche Formen auszumachen. Er ertappte sich bei dem Gedanken, wie sie wohl unter ihrer Motorradkluft aussehen mochte …

Aber er war nicht hier, um mit einer Dorfschönheit anzubändeln. Er war gekommen, um Crossfeld House zu begutachten. Und mögliche Glücksjägerinnen in die Schranken zu weisen.

Lizzy hätte ihm gern eine höhnische Bemerkung über reiche Snobs an den Kopf geworfen, doch dieser attraktive Fremde brachte sie völlig aus dem Konzept. Dabei galt sie als die Blitzgescheite, Vernünftige unter ihren Schwestern, die sich ganz bestimmt von keinem Mann den Kopf verdrehen ließ.

„Nicht mein Problem“, erwiderte sie spitz.

„Mag sein, aber da wir gerade von Vorurteilen sprachen, sollten Sie vielleicht einmal Ihre eigene Haltung überdenken.“

„Ich lasse mich ganz bestimmt nicht von Vorurteilen leiten.“

„Und doch haben sie mich gerade als Snob bezeichnet, obwohl Sie mich gar nicht kennen.“

Verlegene Röte überzog ihre Wangen. „Es ist wirklich bitterkalt hier draußen“, sagte sie steif. „Ich sollte jetzt lieber fahren. Die Nummer der Autowerkstatt finden Sie im Telefonbuch. Wissen Sie schon, wie lange Sie bleiben werden?“

Sie hatte die leise Hoffnung, die Panne mit dem Mietwagen würde ihn dazu bewegen, schleunigst in die Zivilisation zurückzukehren, doch da ...

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