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Ich komme, um zu schreiben

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Victoria Dahl

Ich komme, um zu schreiben

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Sarah Heidelberger

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Dieses Buch ist Jennifer gewidmet, die mich
überzeugt hat, dass ich diese Geschichte erzählen
kann – und erzählen sollte. Ohne dich hätte ich es
nie im Leben geschafft, Jif. Danke.

DANKSAGUNG

In Anbetracht der großen Unterstützung, die ich beim Schreiben dieses Buches erhalten habe, muss ich einer Menge Leute danken. Erst mal ein riesengroßes Dankeschön an meine Agentin Amy Moore-Benson, die mich gebeten hat, diese Geschichte aufzuschreiben. Du hattest recht: Ich hatte noch nie so viel Spaß beim Schreiben! Danke, dass du mir einen Vorwand und die Möglichkeit gegeben hast, mich weiterzuentwickeln.

Und natürlich Jennifer Echols … Danke, dass du mir die schätzungsweise ersten dreihundert Seiten lang die Hand gehalten hast. Du bist eine großartige Schriftstellerin und eine wunderbare Freundin, auch wenn du meine Affenwitze nicht magst. Viel wichtiger ist, dass dir immer der perfekte Buchtitel einfällt. Du bist einfach unbezahlbar.

Ohne meine Lektorin Tara Parsons könnte ich diese Danksagung überhaupt nicht schreiben. Danke, dass du meine Figuren (und mich) unter deine Fittiche genommen hast. Du tust ganz eindeutig viel mehr als nur deine Pflicht. Dein Enthusiasmus haut mich echt vom Hocker!

Wie jedes Mal hat mich meine Familie an jedem einzelnen Tag meines Schriftstellerinnendaseins unterstützt. Danke, Bill, dass du immer an den richtigen Stellen lachst, wenn auch nicht laut. Du bist mein zuverlässiger, starker Held, und du würdest einen fantastischen Police Chief abgeben. Oder Sheriff.

Danke, Adam und Ethan, dass ihr Verständnis dafür habt, dass ich nicht immer Zeit habe, mit euch Star Wars zu spielen, wenn ihr mich darum bittet. Ihr macht mich stolz, und ich liebe euch. Und dann möchte ich noch der unglaublich großzügigen Belletristik-Gemeinde danken. Romanautoren sind die tollsten Kollegen, die man sich vorstellen kann. Ein ganz besonderes Dankeschön an Connie Brockway, weil sie schon wieder eines meiner unlektorierten Manuskripte gelesen hat. Und danke an all meine Internet-Schriftstellerfreunde: Ihr seid wirklich eine tolle Gemeinschaft.

Romanleser sind natürlich die großzügigsten Leser der Welt. Sie alle haben mich als frischgebackene Schriftstellerin mit offenen Armen willkommen geheißen, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gut sich das anfühlt. Ich hoffe, dass Ihnen auch diese neue Geschichte Spaß macht!

1. KAPITEL

Ungläubig und empört spähte Molly Jennings in das winzige Kaffeeregal im ebenso winzigen Tumble Creek Market. Sie entdeckte Folgers, Sanka und ein paar Marken, von denen sie noch nie im Leben gehört hatte. Und nicht eine einzige Packung Espressopulver in Sicht.

Als sie bekümmert aufseufzte, stieg ihr eine Duftmischung aus Instant-Kaffeepulver und Weichspüler in die Nase. In den letzten Jahren hatte sie die traurige Wahrheit über Kleinstadt-supermärkte erfolgreich aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Keine ganzen Kaffeebohnen, keine Spezialröstungen. Ganz hinten im Regal stand etwas verstaubt eine einsame Dose Vanille-Kaffeeweißer. Molly schüttelte sich.

Zum Glück gab es noch das Internet. Ansonsten wäre sie nämlich nie wieder in den Genuss von hausgemachtem Espresso gekommen. Oder einem Hostess Fruit Pie. Molly warf einen vorwurfsvollen Blick in die sogenannte Snackabteilung bei den Kassen. Ihre letzte Hoffnung war die Tankstelle gegen über vom Supermarkt. Molly war nämlich ziemlich sicher, dass Tankstellen gesetzlich oder wenigstens moralisch verpflichtet waren, Hostess-Produkte zu führen. Und CornNut.

„Oh Gott, CornNuts“, murmelte sie verzückt. Ihre Laune besserte sich schlagartig. Zum letzten Mal hatte sie in der Highschool welche gegessen. Hoffentlich gab es noch die Sorte mit Barbecue-Geschmack.

Ehe sie es sich anders überlegen konnte, schnappte sie sich eine Dose Folgers, schmiss sie in ihren Einkaufswagen und lief weiter zu den Tiefkühlregalen.

Der Backfisch, der gerade das Regal mit der Babynahrung auffüllte, beachtete sie kaum. Ganz offensichtlich hatte Moe Franklin seine Herrschaft über den Tumble Creek Market abgetreten. In Mollys Jugend hatte er seinen Supermarkt mit harter Hand und beängstigend lauter Stimme regiert und einen leidenschaftlichen Hass auf Teenager gepflegt. Alles Diebe und Punks, jedenfalls laut dem guten, alten Moe.

Also hatte sich in Tumble Creek doch ein bisschen was ge ändert, und das war auch gut so. Immerhin war auch Molly in den letzten zehn Jahren eine andere geworden. Sie hatte ihr großartiges Loft in Denver hinter sich gelassen, dazu ihr ziemlich lebhaftes Sozialleben, und – so hoffte sie wenigstens – einen ziemlich schweren Fall von Schreibblockade. Nicht zu vergessen die Ursache für ihre Schreibblockade: den Mistkerl, der ihr alles kaputt gemacht hatte. Offiziell bekannt als Cameron Kasten. Hauptbeschäftigungen: Exfreund und Stalker.

Jetzt lag eine vierstündige Autofahrt zwischen Molly und Cameron, und das bedeutete einen echten Neuanfang. Keine nervösen Blicke über die Schulter mehr, keine Notwendigkeit, jedes Geschäft, das sie betrat, vorher nach ihrem Exfreund abzusuchen. Kein Grund, die Partys ihrer Freundinnen zu meiden, nur weil Cameron dort auftauchen könnte.

Schon witzig, wie etwas so Alltägliches plötzlich die Laune heben konnte.

Aber es gab noch einen weiteren Faktor an Mollys neuer Lebenssituation, der möglicherweise gewaltig zu ihrer Aufmunterung beitragen würde: Eventuell und mit ein wenig Glück würde sie tatsächlich irgendwann mal wieder Sex haben! Nicht dass ein Umzug in ein Kuhkaff mit tausendfünfhundert Einwohnern normalerweise ein Garant für verbesserte Aussichten in Sachen Sex gewesen wäre. Aber Molly hatte da eine ganz bestimmte Person im Auge.

Zwar hatte sie Ben Lawson seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Aber der Eindruck, den er damals bei ihr hinterlassen hatte, war so prägend gewesen, dass seitdem kaum ein Tag vergangen war, an dem Molly nicht an ihn gedacht hatte. Eigentlich war er in so gut wie all ihren Fantasien der Hauptdarsteller. Ein splitterfasernackter, ausgesprochen williger Hauptdarsteller.

Molly warf ihrem Spiegelbild in der Eisschranktür ein Lächeln zu, das aber sofort gefror, als sie die mehr als mickrige Auswahl in den Regalen registrierte. Und dabei hatte Tumble Creek doch nur ein einziges Diner! Sie konnte doch nicht jeden Tag dort essen! Oder vielleicht doch?!

Wirklich, sie vermisste ihren Lieblings-Thailänder jetzt schon. Der bloße Gedanke an die würzigen Nudeln ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Schicksalsergeben öffnete sie die Schranktür und redete sich ein, dass die Packungen in ihrer Hand nicht wirklich Tiefkühl-Makkaroni mit Käse enthielten.

„Ist das dann alles, Chief?“, fragte eine ziemlich verschlafen klingende Mädchenstimme. Trotz des gelangweilten Tonfalls sorgten diese Worte dafür, dass Mollys Herz einen kleinen Satz machte. Hastig schob sie ihren Einkaufswagen in Richtung der piependen Kasse und hielt am Ende des Gangs abrupt inne, weil der Anblick vor ihr sie so fesselte, dass sie wie gelähmt war.

Fesselnd, lähmend, überraschend und beängstigend umwerfend.

Er. In Fleisch und Blut, nicht nur in ihrer Fantasie.

Als Molly der Letzte Wille ihrer Tante mitgeteilt worden war und sie plötzlich die Möglichkeit bekam, wieder zurück nach Tumble Creek zu ziehen, hatte sie sofort an Ben Lawson gedacht. Aber mit dieser Wirkung hatte sie nicht gerechnet.

Er war perfekt. Noch immer. Er wirkte muskulöser und männlicher als bei ihrer letzten Begegnung, was Mollys ebenfalls erwachsener gewordenem Männergeschmack allerdings sehr entgegenkam. Außerdem war er bekleidet, was ein weiterer wichtiger Unterschied zu ihrer letzten Begegnung war. Aber auch gegen seine Klamotten war absolut nichts einzuwenden. Ausgeblichene, fadenscheinige Jeans und ein dunkelbraunes Uniformhemd. Die Ärmel waren hochgerollt und enthüllten kräftige Unterarme, auf denen goldene Härchen glitzerten.

Er nickte der Kassiererin zu und reichte ihr ein paar Geldscheine. Seine Augen waren genauso schokoladenbraun, wie Molly sie in Erinnerung hatte, und in seinem Blick lag noch immer derselbe Ernst wie damals. Bens Haare hatten fast dieselbe Farbe wie seine Augen, was eigentlich langweilig hätte wirken müssen, Molly aber immer fasziniert hatte. Als sich ein zurückhaltendes Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete, bildeten sich um seine Augen herum kleine Lachfältchen. Dann blickte er auf und sah Molly direkt an.

Trotz der fünf Meter Abstand traf sein Blick Molly wie ein Blitz. Als Ben sie erkannte, hob er verblüfft die Augenbrauen und erstarrte mitten in der Bewegung. Seine Hand mit dem Wechselgeld blieb auf halben Weg zu seinem Geldbeutel einfach in der Luft hängen. Als die Kassiererin Molly einen Blick über die Schulter zuwarf, erwachte er aus seinem komatösen Zustand. Molly beobachtete, wie er sich bedankte, eine kleine Plastiktüte vom Tresen nahm und sich von der Kasse entfernte. Allerdings nicht in Richtung Ausgang, sondern in ihre Richtung.

Er erinnerte sich noch an sie!

Natürlich tut er das!

Molly war entsetzt, wie sehr sie sich darüber freute. Du bist keine siebzehn mehr, wies sie sich in Gedanken zurecht, während Ben immer näher kam. Sie fühlte sich winzig neben ihm, aber auf eine gute, eine zierliche Weise.

„Molly?“, fragte er zögerlich. Das Wort polterte geradezu aus seiner Kehle, was Molly einen angenehmen Schauer den Rücken hinablaufen ließ.

„Ben! Hi! Ist ganz schön lang her, was?“

Oh, oh. Das war wohl nicht der beste Einstieg gewesen. Denn Ben nahm wieder diesen verblüfften Ausdruck an, und dann wurde er auch noch ein bisschen rot.

Ja, es war wirklich lange her. Zehn Jahre, um genau zu sein. Und das hatte seine Gründe. Wahrscheinlich musste auch er gerade an ihre letzte Begegnung denken, ebenso wie Molly . Oh Mann. Jetzt errötete sie auch.

Ben räusperte sich. „Ich, äh …“ Er verzog die Lippen zu einem schmalen Strich und räusperte sich. Wahrscheinlich wies er sich in Gedanken genauso zurecht wie Molly vor ein paar Minuten. Du bist jetzt der Polizeichef hier! Reiß dich zusammen!

„Tut mir leid mit deiner Tante Gertie. Sie war ja ziemlich … lebhaft.“

In der Tat, lebhaft war sie wirklich gewesen. Um nicht zu sagen: extrem starrsinnig. „Meine Mutter hat immer gesagt, dass Gertie zu stur zum Sterben ist, aber trotzdem kam ihr Tod ja nicht wirklich überraschend.“

Ben neigte den Kopf zur Seite. „Ich habe gehört, dass sie dir das Haus hinterlassen hat. Aber niemand konnte sich vorstellen, dass du deswegen aus Denver zurückkommst. Bist du hier, um das Grundstück zu verkaufen?“

„Nö.“

Ihre Antwort schien ihn leicht zu beunruhigen. „Machst du das Haus winterfest?“

„Eigentlich auch das nicht. Ich ziehe ein.“

Seine beunruhigte Miene verwandelte sich schlagartig in ein undurchdringliches Pokerface, das ihm als Polizeichef vermutlich häufig gute Dienste leistete. „Du ziehst wieder nach Tumble Creek?“, wiederholte er.

„Jepp. Der Umzugswagen müsste so in einer Stunde da sein.“

„Im Ernst?“ Für einen kurzen Moment sah er Molly von Kopf bis Fuß an, dann sah er ihr wieder in die Augen. Siedend heiß fiel ihr ein, dass sie heute Morgen nicht gerade viel Zeit auf ihre Kleiderwahl verschwendet hatte.

Sie trug weite Kakihosen und ein T-Shirt, das fast so zerfleddert war wie ihre uralten Turnschuhe. Ihr dunkelblondes Haar hatte sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz hochgebunden. Zum Glück trug sie wenigstens keine Shorts, sie hatte sich nämlich seit einer Woche die Beine nicht mehr rasiert. Schließlich war es im Oktober verdammt kalt in den Bergen, da konnte ein zusätzlicher Schutz nicht schaden. Doch Kälte hin oder her, jetzt würde sie sich definitiv rasieren.

„Aber du arbeitest doch unten in Denver, oder?“, fuhr Ben schließlich fort.

Er sah sie an, als wäre er die Unschuld in Person, aber davon ließ Molly sich nicht täuschen. Immerhin war Ben der beste Freund ihres Bruders. Unmöglich, dass er nichts von der „Molly-Jennings-Frage“ wusste.

Sie lächelte und zwinkerte ihm zu. „Netter Versuch, Chief!“

Er hob in schweigendem Protest beide Brauen, aber auch damit konnte er Molly nichts vormachen. „Wo wir schon beim Thema Arbeit sind: herzlichen Glückwunsch zu deinem schnellen Aufstieg als Chief!“

Er nickte dankend. „Außer mir wollte den Job einfach keiner.“

„Wow, welch sittliche Bescheidenheit!“ Ups.

Ben wurde wieder rot, und dann wurde auch Molly rot, da sie ja ganz genau wusste, woran er gerade denken musste. Das Bild in ihrem Kopf war so lebendig und detailreich, dass sich die Hitze von ihrem Gesicht im ganzen Körper ausbreitete.

„Na dann …“ Ben streckte seine Hand aus und verabschiedete sich mit einem knappen, professionellen Händedruck von Molly. „Willkommen zurück in Tumble Creek, Molly. Wir sehen uns.“ Ehe sie antworten konnte, war er schon weg. Mit einem leisen Klicken fiel die Eingangstür hinter ihm zu, und damit wurde Molly auch der Ausblick auf seinen spektakulären Hintern verwehrt.

Molly Jennings. Grundgütiger.

Ben zog seine Uniform aus und streifte sich die Joggingsachen über. Plötzlich wünschte er sich, Raucher zu sein. Genau, er brauchte eine Zigarette. Oder wenigstens einen Drink. Aber da er schon in ein paar Stunden wieder in den Dienst musste, würde er sich mit einem kurzen Lauf begnügen müssen. Frank hatte die nächsten paar Tage Urlaub, und da die Polizeiwache nur aus viereinhalb Beamten bestand, bedeutete das Überstunden für alle. Auch für den Chief.

Er schnappte sich Schlüssel und Handy und war schon halb zur Tür hinaus, doch dann kehrte er wieder um, um seinen Schlagstock zu holen. Die vielen Puma- und Bärenangriffe in den letzten Jahren hatten ihn vorsichtig gemacht. Der Frühling war zwar erfahrungsgemäß gefährlicher als der Herbst, aber Vorsicht war schließlich die Mutter der Porzellankugel.

Apropos: Vorsichtig war genau das, was er nicht gewesen war, als er Molly Jennings im Supermarkt über den Weg gelaufen war. Sie hatte dagestanden wie eine Horrorvision aus seinem allerpeinlichsten Albtraum. Mit schamverzerrtem Gesicht knallte er die Haustür hinter sich zu und rannte einfach drauflos, ohne einen Gedanken ans Aufwärmen zu verschwenden. Warm genug war ihm schließlich schon. Er war ja rot geworden wie ein verdammter Schuljunge! Noch einer von diesen blamablen Augenblicken mit Molly Jennings.

Aber heute war er kein zweiundzwanzigjähriger Junge mehr. Und Molly war definitiv nicht mehr siebzehn. Sie hatte so frisch, natürlich und reif gewirkt, wie sie dagestanden hatte mit ihrem dunkelgoldenen Pferdeschwanz. Und wie ihr Bauchnabel zwischen dem engen hellblauen T-Shirt und den schäbigen Cargohosen hervorgelugt hatte …

Gott, er liebte Cargohosen! Seiner zugegebenermaßen etwas ausgefallenen Meinung nach kamen Frauenärsche in keiner Verpackung besser zur Geltung. Zum Glück hatte er keine Möglichkeit gehabt, einen Blick auf Mollys Hintern zu werfen. Schließlich war der Rest von ihr schon fast zu viel für ihn gewesen.

Ben zwang sich die steile Strecke am Ende der Straße hinauf und bog dann nach links in den zugewucherten Wanderweg ab. Zufälligerweise führte der Pfad den Berggrat entlang, der genau hinter Mollys Haus verlief. Aber das hier war nun mal Bens Lieblingsstrecke, und die würde er ganz sicher nicht aufgeben, nur um Molly aus dem Weg zu gehen. Und wenn er ganz aus Versehen einen Blick durch die Fenster warf, dann war das nur natürlich. Klar war er neugierig! Sie waren schließlich befreundet gewesen. Na ja, zumindest hatte er seine gesamte Jugend in Mollys Nähe verbracht. Und ja, er hatte sie als Teenager unglaublich süß gefunden, aber sie war nun mal auch die minderjährige kleine Schwester seines besten Freundes gewesen. Also verbotenes Terrain. Und jetzt war sie siebenundzwanzig … und immer noch verbotenes Terrain.

Ben hatte sich nämlich geschworen, nie im Leben etwas mit einer Frau aus Tumble Creek anzufangen. Zu viel Gerede, zu viele Komplikationen. Wenn es etwas Schlimmeres gab, als ein Kleinstadtpaar zu sein, dann, ein Ex-Kleinstadtpaar zu sein. Die reinste Chaos-Garantie.

Also hielt sich Ben an Frauen, die nicht aus der Stadt kamen. Und da im Winter der Großteil der Straßen geschlossen war, beschränkten sich seine Affären meist auf die wärmeren Jahreszeiten.

Molly würde das ganze Jahr über hier sein. Na ja, oder auch nicht. Vielleicht wollte sie ja nur den Winter über bleiben! Vielleicht würde sie es ein paar Monate lang in Tumble Creek aushalten und dann wieder für zehn Jahre verschwinden.

Das Jahrzehnt in Denver hatte ihr gutgetan. Sie war schlank, aber nicht mager, rund und fest an jeweils den genau richtigen Stellen. Und ihre funkelnden grünen Augen wirkten noch lebhafter als damals. Selbstbewusster, irgendwie … erfahren und weltoffen. Verlockend.

Ben schüttelte diese gefährlichen Gedanken ab und folgte dem Pfad weiter nach oben bis zur Gabelung. Der eine Weg führte wieder zur Straße, der andere mündete nach einer Weile in einen Bergkamm, der einen atemberaubenden Blick auf das breite Tal westlich der Stadt bot. Die Sonne strahlte hell und warm, und die Luft war gerade frisch genug, um Bens Schweiß zu kühlen. Gegen das Gefühlschaos in seiner Brust wäre allerdings leider etwas mehr nötig gewesen als das.

Tief atmete er den erdigen Duft der Espen ein und beschloss, den Weg zum Bergkamm einzuschlagen. Wenn er noch ein bisschen weiterlief, wurde er vielleicht die Erinnerungen an Molly los, die so beharrlich durch seine Gedanken geisterten.

Er joggte gerade mitten durchs tiefe Dickicht, als sein Handy klingelte. „Lawson“, keuchte er in den Hörer.

„Ben“, sagte seine Sekretärin, die er seit Schulzeiten kannte. „Hier ist Brenda. Bist du zu Hause?“

„Nicht wirklich. Wieso?“

„Oh, wir haben hier ein kleines Problem. Andrew ist rüber zu den Blackmounds, da ist Vieh durch ein Loch im Zaun getürmt. Und jetzt steht hier ein riesiger Umzugswagen, der die halbe Main Street blockiert und nicht weiterkommt. Das Auto von Jess Germaine steht im Weg, und er geht nicht ans Telefon.“

Ben knurrte genervt und drosselte sein Lauftempo. Bis er zurück im Ort war, hatte sich das Problem wahrscheinlich von selbst gelöst, aber falls Jess mal wieder seinen Rausch ausschlief …

„In Ordnung. Ich brauche zwanzig Minuten. Falls sich Jess meldet, ruf mich bitte kurz an.“

„Klar. Sag mal, weißt du, was der Umzugswagen hier überhaupt will?“

Unwillkürlich verkrampfte Ben die Kiefermuskulatur. Zum Glück wusste niemand von dieser heiklen Episode mit Molly vor zehn Jahren. Ansonsten würden sich jetzt nämlich alle das Maul zerreißen, sobald sich die Nachricht verbreitete, dass Molly wieder in der Stadt war. „Molly Jennings zieht zurück nach Tumble Creek“, sagte er betont ruhig.

Und macht mir vom ersten Tag an Ärger.

Das würde ein verdammt langer Winter werden.

Obwohl Gerties Haus wochenlang leer gestanden hatte, sah es immer noch makellos aus. Nur ein feiner Hauch von Staub hatte sich zaghaft auf dem Holzboden ausgebreitet. Nicht mal hinter den Möbeln hatte Molly auch nur eine einzige Wollmaus entdecken können.

So sauber würde es hier vermutlich nie wieder sein. Molly sah sich kopfschüttelnd um, dann packte sie ihren Computer aus und baute ihn auf dem Esszimmertisch auf.

Sie selbst besaß gar keinen großen Tisch. Sie war mit ihrem Loft in Denver zwar wunschlos glücklich gewesen, aber klein gewesen war es trotzdem. Und daher war Gerties Esszimmer jetzt nicht mehr Gerties Esszimmer, sondern Mollys Büro. Na, wenn das die gute Gertie nicht entsetzt hätte!

Mein Haus hinterlasse ich meiner Großnichte Molly Jennings, in der Hoffnung, dass sie ihr unsittliches Leben in der Stadt aufgibt und wieder an den Busen der Natur zurückkehrt, in das Gottesland, in das sie gehört.

Molly grinste und rümpfte die Nase. Oh ja, zurückgekehrt war sie, aber ihr unsittliches Leben hatte sie mitgebracht.

Sie fuhr den Rechner hoch, wobei ihr Grinsen noch breiter wurde. In Denver hatte sie keinen einzigen Satz mehr zusammenbekommen, weil sie in ständiger Angst gelebt hatte. Und hier in Tumble Creek war ihr nur ein paar Stunden nach ihrer Ankunft gleich eine unschätzbare Inspirationsquelle über den Weg gelaufen.

Natürlich würde sie sich jetzt wieder mit all den neugierigen Fragen herumschlagen müssen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente. Aber dagegen hatte Molly sich gewappnet. Und falls sich Ben Lawson als eine genauso wunderbare Muse entpuppte wie vor zehn Jahren, war das die Gerüchte mehr als wert. Oh ja, ganz sicher.

Erst schaffte sie Ordnung auf ihrem Desktop, dann öffnete sie ein neues Dokument. Das wohlige Kitzeln in ihrem Bauch erinnerte sie daran, wie viel Spaß ihr die Arbeit bis vor sechs Monaten gemacht hatte. Nicht so gut wie Sex, aber ziemlich nahe dran.

Ihr Anflug von guter Laune zerplatzte wie eine Seifenblase, als aus ihrer Handtasche eine vertraute Melodie erklang. Molly wühlte ihr Handy heraus und stöhnte auf, als sie sah, wer der Anrufer war. „Na ganz toll.“

Natürlich konnte sie ihn auch einfach ignorieren, aber dann würde er eben immer wieder anrufen. Und dann würden noch andere anrufen, und ganz am Ende würde sich der große Häuptling der Schwachköpfe selbst melden: Cameron.

Molly nahm den Anruf entgegen, versuchte aber nicht mal, ihre Ungeduld zu verbergen. „Was ist?“

„Hey, Molly! Hier ist Pete!“

„Weiß ich.“

„Wie geht’s dir?“

Sie klickte wahllos ein paar Dokumente auf und überlegte, wie viele CornNuts wohl noch in ihrer Handtasche steckten. „Super.“

„Wohnst du jetzt echt in den Bergen? Ich hoffe, dass du nicht länger bleiben willst. Im Winter ist es doch ganz schön gefährlich da oben.“

„Ich bin hierher gezogen, Pete. Ende der Diskussion.“

„Mal sehen, was du nach einem langen, einsamen Winter sagst.“

Molly stöhnte auf. „Ich weiß ja, dass ich nur ein hilfloses, dummes Frauchen bin, aber immerhin bin ich hier aufgewachsen. Und stell dir vor, in meinen ersten achtzehn Lebensjahren ist ein kleines bisschen Wissen über meine Umgebung zu mir durchgedrungen.“

„Hey, du hast ein Haus geerbt, das ist echt aufregend! Klar, dass du wenigstens mal ausprobieren musst, drin zu wohnen. Aber dein Apartment hier ist ja noch nicht verkauft. Du musst also noch überhaupt keine endgültige Entscheidung treffen …“

„Hat Cameron dir gesagt, dass du anrufen sollst?“, unterbrach sie ihn barsch.

„Was? Nein. Wir machen uns alle Sorgen um dich, Molly …“

„Wer? Cameron und seine niedliche Boyband?“

„Ach komm schon, Molly. Wir sind doch Freunde. Ich will doch nur …“

„Nein, Pete“, fuhr sie ihm über den Mund. „Nein, wir sind keine Freunde. Wenn wir Freunde wären, hätte ich dir ein Armband geknüpft und dir die Zehennägel lackiert. Und wir hätten darüber gelacht, wie winzig der Penis von meinem ersten Freund war. Wir hätten uns mit Appletinis abgeschossen und dabei wild mit irgendwelchen Typen geflirtet. Wir sind aber keine Freunde, Pete, wir waren ein Paar. Bis uns jemand alles kaputt gemacht und dein Herz gestohlen hat.“

„Häh?“ Molly konnte förmlich vor sich sehen, wie er verwirrt die Stirn runzelte. „Niemand hat mein Herz gestohlen. Wir haben doch einvernehmlich beschlossen, dass das mit uns beiden einfach nicht funktioniert.“

„Mit ‚zusammen‘, meinst du da Cameron und dich?“

„Hey, was unterstellst du mir denn da?“

„Ich unterstelle dir, dass Cameron dir eingeredet hat, dass du nicht mehr mit mir zusammen sein willst. Genauso wie er es mit jedem Mann gemacht hat, mit dem ich zusammen war, seit ich ihn verlassen habe.“

„Das ist doch krank!“ Pete wirkte richtiggehend empört.

„Ja, genau, das ist krank. Nicht dass das dir oder Michael oder Devon etwas auszumachen scheint. Ihr seid alle viel zu sehr damit beschäftigt, mit Mr Traummann rumzuhängen!“

„Cameron hat recht“, murmelte Pete. „Du hast echt ein Problem.“

„Ja! Ganz genau davon rede ich doch die ganze Zeit! Ich habe Probleme!“, schrie sie in den Hörer. Gleich darauf brach die Verbindung ab. Kochend vor Wut starrte Molly das Handy an. Sie waren ihr bis nach Tumble Creek gefolgt. Cameron und seine Entourage, die sich aus Mollys ehemaligen potenziellen Sexualpartnern zusammensetzte.

Das ging zu weit, das konnte sie nicht zulassen. Am besten, sie schaffte das Handy einfach ab. Schließlich hatte sie ja noch die Festnetznummer ihrer Tante. So konnten ihr Bruder und ihre Lektorin sie erreichen, und ihre Eltern auch. Falls diese jemals über ihre Cameron-Sucht hinwegkamen.

Cameron Kasten – Supervising Sergeant Cameron Kasten – war der Star unter den Unterhändlern für Geiselnahmen am Denver Police Department. Seine Arbeit bestand darin, andere zu manipulieren, ihnen seine Meinung aufzuzwingen und sie zu verführen. Und er war verdammt gut darin. Alle liebten ihn: seine Freunde, Mollys Freunde, das ganze verdammte Police Department. Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner, Staatsanwälte und jeder einzelne Mann, mit dem Molly jemals ein Date hatte.

Niemand wollte ihr glauben, dass Cameron ihr Leben ruinierte. Da es ihm nicht gelungen war, Molly einzureden, dass sie bei ihm bleiben musste, redete er seitdem einfach ihren Männerbekanntschaften ein, dass sie Molly verlassen mussten. Es war gruselig, und es war frustrierend. Cameron war wie ein riesiges schwarzes Loch, das allen Sex aus ihrem Leben sog.

Na ja, vielleicht nicht allen.

Sie dachte wieder an Ben Lawson, an die vertrauten brauen Augen und die großen Hände und … oh, an so vieles mehr. Ein grandioseres Ende für ihre Trockenzeit als ihn konnte sie sich nicht vorstellen. Aber wenn Cameron sie in Tumble Creek heimsuchte, würde es so weit nicht kommen. Also musste sie diesen Mistkerl auf Abstand halten. Und zwar so weit wie möglich.

„Satan, weiche!“, sagte sie zu ihrem Handy, während sie es feierlich abschaltete.

Molly war wieder in Tumble Creek, Colorado, und sie hatte vor, genau da weiterzumachen, wo sie vor zehn Jahren aufgehört hatte: bei einem nackten Ben Lawson.

Mit dem einen Unterschied, dass sie diesmal wusste, was sie mit ihm anstellen sollte.

2. KAPITEL

Chief?“

Ben schreckte ruckartig aus seinem kleinen Schläfchen vor dem Computer hoch. „Ja?“

Brenda schüttelte heftig den Kopf, wodurch ihr Pony über ihren dicken Augenbrauen zu tanzen begann. „Es ist acht Uhr abends. Du solltest wirklich nach Hause gehen und dich ausruhen. Immerhin hast du ganze vierundzwanzig Stunden lang frei.“

„Ach richtig.“ Er warf einen letzten Blick auf den Dezemberdienstplan, dann schloss er das Programm. In den nächsten Monaten würde die Polizeiarbeit ziemlich überschaubar sein. Im Winter tickten die Uhren in Tumble Creek immer etwas langsamer als sonst. Keine Mountainbiker, kein Rafting, und der Pass nach Aspen war bis Mai zugeschneit. Nach dem verrückten Frühling, Sommer und Herbst hatten sie sich eine kleine Ruhepause aber auch wirklich verdient.

Apropos Aspen … Ben rieb sich die Augen und warf einen Blick auf die alte Wanduhr im Flur. Quinn Jennings war bestimmt schon im Büro. Der Mann war echt besessen von seiner Arbeit.

Schon nach dem ersten Klingeln nahm Quinns Assistentin ab. „Jennings Architecture.“

„Ist Quinn zu sprechen?“

„Guten Morgen, Chief Lawson. Ja, er ist da. Bitte warten Sie.“

Ben nickte und lauschte der Warteschleifenmusik. Aus reiner Höflichkeit hatte er schon öfter versucht, mit der Sekretärin zu plaudern, aber sie hatte ihn jedes Mal auflaufen lassen.

„Ben“, grummelte Quinn, nachdem er abgenommen hatte. Vermutlich war er mal wieder tief in irgendein Designproblem versunken.

„Lassen Sie den Stift fallen und nehmen Sie die Hände hoch!“

„Häh?“

Ben verdrehte die Augen. „Als wir das letzte Mal telefoniert haben, ist mir klar geworden, dass es überhaupt keinen Sinn hat, mit dir zu reden, während du zeichnest. Ich habe bis neun ganz alleine in dieser verdammten Schickimicki-Bar gesessen und auf dich gewartet!“

„Ach ja, richtig. Hab ich schon erwähnt, wie leid mir das tut? Ich schwöre, ich konnte mich einfach nicht mehr an das Telefonat erinnern!“

„Genau das meine ich ja“, seufzte Ben. „Du hast übrigens auch vergessen, mir zu erzählen, dass deine Schwester wieder in der Stadt ist.“

„Ach ja. Sie hat sich ziemlich spontan entschieden. Ich weiß es selber erst seit letzter Woche.“

„Sicher?“

„Na ja, sie behauptet, mir schon im September davon erzählt zu haben, aber ich könnte schwören, dass sie lügt.“

„Na klar.“

„Also ist sie schon da? Würdest du mal nach ihr sehen? Meine Mom macht sich Sorgen.“

Ben ließ sich in seinem Sessel zurückfallen und fuhr sich durchs Haar. „Du willst, dass ich zu ihr nach Hause fahre?“

„Ja, du weißt schon. Mal sehen, ob mit dem Haus alles in Ordnung ist. Singlefrau mit obsessiver Mutter und so weiter.“

„Sie hat ganz alleine in der großen bösen Stadt gewohnt, Quinn. Meinst du nicht, dass sie sich mittlerweile um sich selbst kümmern kann?“

„Erklär das mal meiner Mutter! Sie ist überzeugt, dass Molly den Kamin anmacht, ohne den Rauchabzug zu öffnen, und dann qualvoll an einer Rauchvergiftung zugrunde geht.“

Wieder sah Ben auf die Uhr. Viertel nach acht. Ob Molly wohl schon auf war? Und angezogen? Oder vielleicht noch halb nackt und verschlafen? „Alles klar, ich schau mal vorbei.“

„Danke.“

„Kein Ding.“ War ja nur ein Gefallen für einen Freund. „Ach, und sag mal: Ihr müsst doch langsam mal rausgefunden haben, womit Molly ihr Geld verdient!“

„Nö. Auf jeden Fall schwört sie, dass es sich um nichts Illegales handelt.“

„Aber warum verrät sie es dann nicht einfach?“ Eine ganze Reihe an eher unappetitlichen Möglichkeiten schoss Ben durch den Kopf.

„Wer weiß? Vielleicht steht sie einfach nur drauf, die Geheimnisvolle zu spielen. Oder sie arbeitet undercover für die Steuerfahndung. Jedenfalls ist sie gesund, und es scheint ihr gut zu gehen, und mittlerweile habe ich sogar Mom überzeugen können, sich damit zufriedenzugeben und nicht weiter nachzubohren.“

Mist. Er hatte Molly schon gegoogelt, aber nichts herausgefunden. Und wie die meisten Cops mochte er keine Geheimnisse.

Frustriert versprach er noch einmal, nach Molly zu sehen – ob sie wohl im Schlafanzug schlief? Oder doch eher nackt? –, und verabschiedete sich von Quinn. Dann zog er Hut und Jacke über.

Es war ja nur ein Gefallen für einen Freund und hatte ganz bestimmt nichts mit Mollys engem blauen T-Shirt zu tun oder dem Blick, den er durchs Küchenfenster auf sie hatte erhaschen können, als er gestern auf dem Rückweg wieder an ihrem Haus vorbeigekommen war. Es hatte nichts zu tun mit dem vielsagenden Glitzern in ihren Augen, als sie ihn im Supermarkt angelächelt hatte. Und es spielte ganz bestimmt keine Rolle, dass er einen Großteil seiner ansonsten wenig ereignisreichen Schicht damit verbracht hatte, sich zu fragen, ob ihr Arsch immer noch so knackig war wie vor zehn Jahren.

Mann, was hatte sie ihn verrückt gemacht in jenem Sommer. Ständig war sie in ihren knappen kleinen Shorts und Tanktops hereingeschneit, die ihm eigentlich gar nicht hätten auffallen dürfen. Schließlich war Molly damals ein süßes, unschuldiges junges Mädchen gewesen, das er von Geburt an kannte. Also hatte er alles getan, um sie zu ignorieren. Mollys glatte gebräunte Beine existierten nicht für ihn. Und auch nicht ihre festen Brüste und ihr runder Po. Nein, da war nicht mal was, das er hätte ignorieren müssen!

Und so war es bis heute. Sie war einfach nur eine weitere Bürgerin von Tumble Creek. Jemand, für den er verantwortlich war. Vielleicht ein bisschen mehr als für andere, weil ihr großer Bruder Quinn sein bester Freund war. Und im Gegensatz zu seiner Schwester mit Sicherheit hellwach und bekleidet.

Als Ben seinen schwarzen SUV vor Mollys Haus in der Pine Street parkte, setzte er seine strengste Polizistenmiene auf. Dann sah er den Wagen in ihrer Auffahrt, und aus seinem professionellen Dienstblick wurde ein Ausdruck tiefsten Entsetzens.

Er hämmerte etwas fester gegen Mollys Tür, als er vorgehabt hatte, aber trotzdem machte auch nach zwei Minuten noch niemand auf. Er klopfte wieder, dann zwang er sich, tief durchzuatmen und bis zwanzig zu zählen. Die Tür öffnete sich bei neunzehn.

„Bitte sag, dass das nicht dein Auto ist.“

Molly legte sich die Hand vor den Mund und gähnte ausgiebig. „Hey, Ben.“

„Du hast noch einen Zweitwagen in der Garage versteckt, oder?“

„In der Garage stehen nur tonnenweise Umzugskartons.“

„Mit dem Ding kannst du im Winter hier oben doch keinen Meter weit fahren!“

Sie beugte sich vor, um an ihm vorbei einen Blick auf den blauen Mini Cooper zu werfen. „Ich hab noch Winterreifen aufziehen lassen, bevor ich Denver verlassen habe. Alles in Ordnung.“

„Nein. Nein, nichts ist in Ordnung! Erstens bin ich mir absolut sicher, dass es keine Winterreifen für Spielzeugautos gibt. Zweitens wirst du auf der erstbesten Schneewehe aufsitzen, über die du fährst, und drittens wird dich dann einer der dreihundert SUVs, die von vernünftigen Bürgern dieser Stadt gefahren werden, einfach überrollen!“

Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und nickte weise. „Aha. Faszinierend. Hat meine Mutter dich angerufen?“

„Nein, aber das wird sie. Und ich habe wirklich nicht genug Arbeitskräfte, um jedes Mal, wenn es schneit, zu dir zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen, nur damit es ihr besser geht. Und ich habe definitiv nicht genug Arbeitskräfte, um dich zweimal pro Woche aus deiner eigenen Ausfahrt zu retten!“

„Ich habe Love’s Garage schon beauftragt, hier Schnee zu räumen.“

„Na gut, dann habe ich eben nicht genug Arbeitskräfte, um dich jeden Samstag vom Supermarktparkplatz zu retten.“

Mit verschränkten Armen lächelte sie zu ihm hoch. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du irgendwie sexy bist, wenn du im Dienst bist?“

Das war der Moment, in dem ihm ihr Shirt auffiel. Ihr langes, abgetragenes, praktisch durchsichtiges weißes T-Shirt. Ihre nackten Beine. Die bloßen Füße mit den rosafarben lackierten Zehennägeln. Wieder gähnte sie, und dann fröstelte sie, wobei sie unabsichtlich seine unausgesprochene Frage beantwortete, ob sie einen BH trug oder nicht.

„Ich muss mich entschuldigen“, sagte Ben in bemüht formellem Tonfall. „Habe ich dich aufgeweckt?“

„Ja, aber ich muss mich schließlich auch an zivilisierte Tagesabläufe halten, sonst sterbe ich vor Einsamkeit. Hier in der Gegend bleibt offenbar niemand bis nachts um drei wach. Na ja, du vielleicht. Das heißt dann: nur du und ich … und die Schneepflüge natürlich.“

Nur du und ich …

„Dein Hut gefällt mir wirklich gut“, fügte sie hinzu, und ihre Augen funkelten wieder so seltsam auf. „Wirklich sehr, sehr gut.“

Unwillkürlich fasste sich Ben verlegen an die Hutkrempe. Als er bemerkte, was er da tat, ließ er seine Hand hastig wieder fallen. Es war die Art von Stetson, die fast alle Gesetzeshüter in den Rockys trugen. Kein Grund für diesen … anzüglichen Blick, den Molly ihm zuwarf.

„Zurück zum Auto“, brummte er. „Falls man das Ding da überhaupt so nennen kann.“

Molly öffnete die Tür ein Stückchen weiter, und eine Windbö fuhr ins Haus und wehte das T-Shirt gegen ihren Oberkörper. Als Ben bemerkte, wie deutlich sich die harten Brustwarzen unter der dünnen Baumwolle abzeichneten, hätte er sich fast verschluckt.

„Willst du einen Kaffee?“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sie sich um und ließ die Tür für ihn offen stehen. Dass Ben überhaupt eintrat, war ein Akt reiner Notwehr. Er musste nämlich die Tür schließen, bevor eine weitere Windbö ins Haus wehte. Anderenfalls hätte er genauso viel über Mollys Hintern wie über ihre Brustwarzen gewusst, und das wollte er um jeden Preis vermeiden.

„Heilige Muttergottes“, murmelte er und blieb direkt neben der Tür stehen. Es war wirklich an der Zeit, zu gehen. Er konnte sich nicht mal mehr erinnern, warum er überhaupt gekommen war. Ach ja, er musste ihr dieses Spielzeugauto ausreden. Aber erst mal war es wichtiger, dass ihm ein strategischer Rückzug gelang.

„Willst du Milch und Zucker?“, rief sie aus der Küche.

„Nein, ich …“

Das Klingeln eines altmodischen Telefons unterbrach ihn.

„Warte kurz!“, rief Molly.

Ben lauschte, wie sie sich gut gelaunt meldete, ihre Stimme dann aber zu einem bedrohlichen Flüstern senkte, das sofort seinen Polizeiinstinkt weckte.

„Woher hast du diese Nummer?“, fauchte Molly.

Ben setzte sich in Bewegung.

„Ja, ich habe mein Handy ausgeschaltet. Sieh das als Zeichen, Cameron.“

Als er in dem weißen Durchgangsbogen, der in die Küche führte, innehielt, hatte Molly schon wieder aufgehört zu reden. Sie stand einfach da, den Hörer ans Ohr und die andere Hand gegen die Stirn gepresst, und sagte hin und wieder „M-hm“.

Dann schloss sie fest die Augen, und als sie sie wieder öffnete, bemerkte sie, dass Ben sie anstarrte. Ihre Augenbrauen schossen alarmiert in die Höhe, und sie wandte sich hastig von ihm ab, aber hören konnte er sie natürlich trotzdem noch.

„Nein. War das deutlich genug? Nein! Und jetzt leb wohl.“

Als sie sich wieder umdrehte, lächelte sie strahlend und fröhlich, doch an der Hand, mit der sie den Hörer umfasste, traten ihre Knöchel weiß hervor. „Der Kaffee ist fast fertig!“

„Wer war das?“

„Wer?“

„Am Telefon.“

Ihr breites Lächeln zuckte nicht einmal, als sie in offenkundig nur gespielter Verwirrung den Kopf schüttelte.

„Ich glaube, du hast ihn ‚Cameron‘ genannt.“

„Ach, Cameron! Nur so ein Typ aus Denver.“

„Die Ex-Art von Typ?“

„Hm?“ Sie hob in einer abwehrenden Geste die Hände und sah ihn stirnrunzelnd an, gerade so, als hätte er gerade gefragt, ob dieser Cameron ein Superheld sei. „Natürlich nicht! Nein. Wie kommst du denn darauf?“

„Einfach so.“ Noch mehr Geheimnisse. Na toll.

„Also, Milch und Zucker?“ Sie bewegte sich mit unbekümmerter Anmut durch die kleine Küche. Es schien ihr überhaupt nichts auszumachen, dass sie quasi nackt vor ihm herumlief. Wer war dieses Mädchen, das er schon sein ganzes Leben lang kannte? Diese Mädchen voller Geheimnisse und … mit Brustwarzen?

 „Gern“, hörte er sich sagen. „Milch und Zucker.“

Beim Eingießen warf sie ihm über die Schulter ein Lächeln zu. „Ein echter Kerl, was? Hast genug Selbstvertrauen, um Mädchenkaffee zu trinken? Ich bin echt beeindruckt.“

„Mädchenkaffee? Wow, danke für die Blumen, Molly.“

„Ich sagte doch, dass ich beeindruckt bin!“

„Klar.“

Sie reichte ihm eine Tasse, dann lehnte sie sich mit ihrem Becher zwischen den Händen gegen die Anrichte. Ben bemerkte, dass sie ihn gründlich musterte und bei seiner Brust und seinen Lippen etwas länger verweilte. Noch viel mehr bemerkte er aber ihre Oberschenkel, goldgebräunt, rund und absolut verbotenes Terrain, und was zur Hölle machte er hier überhaupt noch?

Er schloss die Augen und hob die Tasse an den Mund.

„Also“, sagte sie. „Wegen dieser Nacht …“

Kochend heißer Kaffee schoss in seine Luftröhre. Ben hustete und gab sich redlich Mühe, nicht zu ersticken. Dann sah er Molly an, die sich vor Lachen schüttelte.

„Geht es dir gut?“, japste sie.

„Das hast du mit Absicht gemacht.“

„Was?“ 

Mit einem Knall stellte Ben die Tasse ab. „Ich geh dann besser mal.“

„Ben, es ist zehn Jahre her. Eigentlich wollte ich mich nur entschuldigen. Ich hätte damals nicht einfach so reinplatzen dürfen. Und ich hätte ganz sicher nicht zuschauen sollen.“

Er war gerade dabei gewesen, sich abzuwenden, doch jetzt erstarrte er mitten in der Bewegung. Seine Muskeln versagten ihm einfach den Dienst, und ein warmes Prickeln breitete sich auf seiner Haut aus. Sein Magen drehte sich fast um vor Entsetzen. „Wie bitte?“

„Ich wusste ja nicht, dass du … ähm … nicht alleine warst. Und dann war ich einfach …“

„Wie meinst du das: Du hast zugeschaut?!“

„Oh, na ja …“

„Nein. Nein, nein! Das kann nicht sein! Ich habe aufgesehen, und dann hast du da im Türrahmen gestanden. Du warst gerade erst reingekommen!“

„Ähm, also, es könnte sein, dass ich schon ein paar kleine Sekunden da gestanden habe, bevor du mich bemerkt hast. Du warst ein bisschen abgelenkt von dieser Blondine. Sie hatte gerade …“

„Ich weiß ganz genau, was sie gemacht hat! Mann, Molly!“

„Richtig. Wie auch immer … Ich wollte einfach nur sagen, dass es mir leidtut, falls ich dich in eine unangenehme Situation gebracht habe.“

Unangenehm? Demütigende Höllenqual traf es da schon eher. Tiefste Kränkung. Anlass für nagende, quälende Gewissensbisse. Das Wissen, dass er ein junges Mädchen verdorben hatte. Der tiefe Schrecken in ihren Augen, als Ben aufgeblickt und sie dort mit vor den Mund gepressten Händen hatte stehen sehen. Der endlose Augenblick, in dem er einfach nicht hatte reagieren können, und wie er dann versucht hatte, „die Blondine“, wie Molly sie nannte, von ihren eifrigen Bemühungen abzuhalten. Danach hatte es zwei Jahre gedauert, bis er wieder einen Blowjob richtig genießen konnte.

Und jetzt gestand ihm Molly, dass sie da schon eine Weile gestanden hatte, und zwar … wie lang noch mal?

„Oh Gott.“ Er drückte sich eine nassgeschwitzte Hand gegen die Stirn. „Du warst doch noch ein Kind!“

„Äh … na ja, nicht wirklich. Ich habe in dieser Nacht meine Jungfräulichkeit verloren, und eine Woche später bin ich achtzehn geworden. Und dann kam ja auch schon das College.“

„Hör auf!“ Ben hielt sich die Ohren zu. „Oh! Mein! Gott!“

Ihr gedämpftes Lachen hallte wie ein Echo durch seinen Kopf. „Ben, was ist denn los mit dir?“

Plötzlich hatte er ein glasklares Bild von sich selbst vor Augen, wie er da in Molly Jennings’ Küche stand, sich die Ohren zuhielt und krampfhaft die Augen zupresste. Mühsam zwang er seinen Herzschlag in langsamere Bahnen und ließ die Hände sinken. Ein bisschen Würde, Chief!

Lange, sehr lange, atmete er ganz ruhig durch. Dann sagte er: „Du warst für mich wie eine kleine Schwester! Ich fand das Ganze ziemlich verstörend.“

„Oh, verstört hat es mich auch. Aber falls du dich damit besser fühlst …“ Sie beugte sich näher zu ihm, als wollte sie ihm ein Geheimnis verraten. Ihr einer Mundwinkel wanderte nach oben. „Für mich warst du nie so etwas wie ein Bruder, Ben Lawson.“

„Ich …“

Jetzt kam sie noch näher. Ihre weichen Lippen waren nur noch Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Ben konnte Kaffee riechen und irgendetwas Sauberes, Süßes. Shampoo oder Lotion oder irgendein anderes Frauenzeug. Ihre Lippen liefen dunkelrosa an und zogen Bens Blick an wie ein Magnet.

„Und nach dieser Nacht waren meine Gefühle für dich noch viel weniger geschwisterlich.“

„Molly …“ Großer Gott. „Ich vermute mal, du bleibst nicht nur den Winter über, oder?“

Stirnrunzelnd wich sie zurück. „Nein, warum fragst du?“

„Einfach nur so. Ich muss jetzt los. Besorg dir ein anständiges Auto und überprüf den Rauchanzug, wenn du den Kamin anmachst. Pass auf dich auf.“

„Danke, Officer!“, rief sie ihm hinterher, während er auf die Haustür zuraste.

Kaum war er draußen, katapultierte ihn die kalte Luft wieder in die Realität zurück. Ben knallte die Tür hinter sich zu und zwang sich zur Ruhe, rollte mit den Schultern und lockerte seine Kiefermuskeln.

Ja, aus Molly war eine verdammt heiße Frau geworden. Aber trotzdem war sie verbotenes Terrain. Nichts hatte sich verändert. Nada. Niente.

Er war fast schon bei seinem Truck, als ein weißer Pick-up um die Ecke bog. Der Wagen wurde langsamer und rollte wie in Zeitlupe an Bens Auto vorbei. Durch die Windschutzscheibe konnte Ben das gaffende, zerknitterte Gesicht von Miles Webster erkennen, dem Herausgeber der zweimal wöchentlich erscheinenden lokalen Zeitung.

„Verdammt“, flüsterte Ben.

Er sah Miles in die Augen und versuchte dabei, weder ängstlich noch schuldbewusst zu wirken. Du kannst mir gar nix, alter Mann, versuchte er mit seinem Blick zu sagen. Dann konzentrierte sich Miles wieder auf die Straße, guckte vorher aber noch schnell zu Mollys Haus hinüber.

Und da stand sie. Winkend, umrahmt von der Tür. Ihre bloßen Beine reflektierten die ersten Strahlen der Morgensonne.

„Oh, Scheiße!“, stöhnte Ben.

Miles warf ihm noch ein schlaues Grinsen zu, dann verschwand er, gefolgt von einer Wolke aus Dieselabgasen.

Zweiunddreißig Jahre lang war es Ben gelungen, nicht in der Klatschspalte der Zeitung aufzutauchen. Kommenden Donnerstag würde sich das ändern.

Und wenn es irgendetwas gab, das er mehr hasste als Geheimnisse, dann waren es Skandale.

Mollys Computer schien förmlich zu schnurren, als sie sich an diesem Morgen an die Arbeit machte. Oder ging dieses kaum spürbare Surren von ihrem Körper aus? Ja, sie hatte ihren Schwung wieder, und sie konnte fühlen, dass sie förmlich vibrierte vor Ideen. Oh, genau …!

Plötzlich wusste sie, wie ihre nächste Story aussehen würde. Monatelang hatte sie nicht den leisesten Anflug von einer Idee gehabt, aber jetzt war alles da.

Ein ernster Cowboy mit markanten Zügen. Nein, warte. Ein Sheriff. Aber keiner aus einer Stadt in den Bergen. Diesen Fehler hatte sie schon einmal gemacht. Natürlich würde sie Ben Lawson wieder benutzen, aber diesmal nur als Inspirationsquelle, nicht als einen Mann aus Fleisch und Blut, den sie eins zu eins auf Papier bannte.

Ihre erste Geschichte, die, wegen der sie zum Star geworden war, die, die sich immer noch besser verkaufte als jedes andere Buch, das sie seitdem geschrieben hatte – sie war viel näher an der Realität gewesen, als gut war. Molly hatte über Ben geschrieben, über diese Nacht. Sie hatte ihren Helden sogar zum besten Freund des älteren Bruders ihrer Heldin gemacht. In einer Kleinstadt in Colorado. Und wenig später war ihr erster Versuch in erotischer Literatur verkauft, verlegt und von Tausenden von Leuten gelesen worden. Und dabei war die Geschichte doch eigentlich viel zu persönlich! Wirklich, sie konnte keinem erzählen, was sie da angerichtet hatte!

Ihr großes Geheimnis war nur durch einen Zufall zustande gekommen. Aber trotzdem war es das Beste, was ihr jemals passiert war. Sie liebte ihren Beruf, verdiente ziemlich anständig und konnte ihr sonst relativ langweiliges Leben mit einer Prise Rätselhaftigkeit würzen. Und jetzt hatte sie auch noch ihre Muse zurückbekommen.

Ihr erstes Buch war ihr bislang bestes gewesen, aber es überkam sie da so ein Gefühl, dass dieses hier sogar noch heißer werden könnte. Schließlich war sie älter und weiser und hatte mittlerweile eine ganze Menge Ideen, was man mit einem gewissen Polizeichef mit markanten Gesichtszügen so alles anstellen konnte.

„Sheriff“, korrigierte sie sich. „Ein Sheriff in einer Wild-West-Stadt mit dunkelbraunen Augen und einem Herz aus Stahl. Und vielleicht ein paar versauten Vorlieben, die die gottesfürchtigen Damen aus seinem County nicht befriedigen können.“

Molly kicherte vor schuldbewusster Freude. Oh ja. Der Sheriff ist ein einsamer Mann, bis eines Tages eine mysteriöse Witwe in sein Nachbarhaus einzieht. Eine Witwe, die nachts vergisst, ihre Vorhänge zu schließen, obwohl die Lichter noch an sind. Selbst ein Engel würde der Versuchung nicht widerstehen können, sich die Vorführung anzusehen. Und der Sheriff ist alles andere als ein Engel. Aber unsittliche Entblößung ist ein Verbrechen, und der Gesetzeshüter ist wild entschlossen, die Witwe für ihre Untaten bezahlen zu lassen. Mit seiner ganz eigenen Art von Züchtigung.

Molly stellte sich Ben vor, wie er in aufgeknöpften Jeans vor ihr stand. Seinen schwarzen Cowboyhut hatte er sich tief über die Augen gezogen. Ansonsten trug er – nichts.

„Das“, murmelte Molly, während sie die ersten Wörter tippte, „wird echt gut.“

3. KAPITEL

Stripperin.

Ben schrieb das Wort mit schwarzer Tinte in sein Notizbuch und setzte eine feine Linie darunter.

Dann strich er es wieder durch.

Das konnte einfach nicht stimmen. Sie hatte zwar auf dem College einen mysteriösen Nebenjob ergriffen, und es gab nicht wenige brave, kluge Collegestudentinnen, die sich mit Tanzen ein bisschen Geld dazuverdienten. Aber trotzdem ergab das keinen Sinn. Hier oben gab es doch überhaupt keine Striplokale. Was auch immer Molly machte, sie musste ihre Arbeit auch von zu Hause aus erledigen können. Denn beim Strippen verdiente man zwar sicher nicht schlecht, aber sie konnte nicht genug zusammengespart haben, um sich jetzt schon zur Ruhe zu setzen.

Außer sie war einer von den Bühnenstars, die durchs Land zogen und gegen große Summen in den besten Klubs tanzten. Vielleicht hätte er diese Möglichkeit doch nicht so schnell ausschließen sollen.

Vielleicht hatte er aber auch schon viel zu viele Fernsehserien auf HBO gesehen.

Ben warf seinen Stift auf die dünne Zeitung, die offen auf seinem Tisch lag, und wandte sich wieder dem Computer zu, um Molly ein letztes Mal zu googeln. In der aktuellen Ausgabe dieses Schmierblatts stand Mollys Name schwarz auf weiß direkt neben seinem. Er musste unbedingt ihr Geheimnis lüften, ehe Miles Webster es tat.

Der gute alte Miles hatte schon Bens Highschool-Jahre ruiniert, da musste er ihn nicht auch noch als Erwachsenen in den Dreck ziehen. Na ja, genau genommen hatte Bens Vater ihm damals alles verdorben. Aber Miles Webster hatte mit Freuden ein Vergrößerungsglas über jeden einzelnen schmerzhaften Moment gehalten und die ganze Stadt daran teilhaben lassen. Er hatte über den gesamten Skandal berichtet, bis auch jedes noch so kleine Detail – egal ob es nun wahr war oder nicht – bekannt war.

Ben hatte Miles jahrelang dafür gehasst, vielleicht weil es ihm so schwergefallen war, den eigenen Vater zu hassen. Unmöglich war es allerdings nicht gewesen. Jedenfalls nicht für einen Teenager.

Eigentlich war er davon ausgegangen, dass er mittlerweile seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht hätte, aber als er jetzt seinen Namen in Miles’ Klatschspalte sah, kochte sein Zorn wieder hoch.

Der Aufgabenbereich unseres engagierten Chief Lawson hat sich diese Woche um einen neuen Punkt erweitert. Denn unser Polizeioberhaupt hat das Willkommenskomitee für Tumble Creeks neueste Bürgerin gespielt, die er in den frühen Morgenstunden besuchte, um ihr ebenso freundlich wie gründlich Hallo zu sagen. Und um wen handelt es sich bei dieser neuen Anwohnerin? Um niemand anderen als unsere Molly Jennings, die in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist, wo sie mit offenen Armen empfangen wird. Lesen Sie in der nächsten Ausgabe, was Molly in den letzten zehn Jahren alles getrieben hat!

Oh Mann. Miles wäre im siebten Himmel, wenn er wüsste, worin das große Geheimnis bestand, das Molly aus ihrem Job machte.

Was für ein verdammtes Fiasko. Ben würde einen riesigen Bogen um Molly machen müssen, wenigstens bis er ihr Geheimnis gelüftet hatte. Was, wenn sie eine Prostituierte war?

„Du bist doch verrückt geworden“, brummelte er mürrisch. Er würde einfach nicht zulassen, dass Miles ihn wieder in den Wahnsinn trieb. Schließlich war er jetzt erwachsen und kein unglücklicher Teenager mehr.

„Ben?“, fragte Brenda, die in der Tür lehnte. „Du lässt dich von diesem Bericht doch nicht etwa durcheinanderbringen, oder?“

„Nein.“ Ben schloss hastig das Google-Fenster und öffnete den Bericht, an dem er eigentlich arbeiten sollte.

„Er hat kein Recht, über dich zu tratschen, wo du doch einfach nur deine Arbeit erledigst.“

„Alles okay, Brenda. Ich habe einfach nur einem Freund einen Gefallen getan. Keine große Sache.“

Sie nickte, aber ihr Blick war so finster, dass ihre wuchernden Augenbrauen förmlich aneinanderklebten. „Und wie macht sich Molly Jennings so?“

„Gut.“

„Ich schätze, sie …“ Brenda trommelte mit ihren Fingernägeln gegen den Türrahmen und zuckte mit den Achseln. „Sie muss sich ziemlich verändert haben, schließlich hat sie ziemlich lange in Denver gelebt!“

Verändert? Ben warf seinem Computer einen düsteren Blick zu. Oh ja, das konnte man allerdings sagen.

„Ben?“

„Was?“ Er warf Brenda gerade noch rechtzeitig einen Blick zu, um mitzubekommen, wie sie sich kopfschüttelnd in Richtung ihres Schreibtisches am Haupteingang verkrümelte.

Angewidert von sich selbst zwang Ben sich dazu, seinen Montagspflichten nachzugehen. Er las den fast fertigen Bericht noch einmal durch, dann sendete er ihn an das Büro des Sheriffs von Creek County. Ben und Sheriff McTeague hielten sich gegenseitig regelmäßig auf dem Laufenden, damit der Bezirks-Sheriff keine Zeit damit verschwenden musste, in Bens Gebiet zu patrouillieren. Wenn Ben die Hilfe von McTeague brauchte, zum Beispiel in Form einer Rettungsausrüstung oder eines Suchtrupps, dann meldete er sich, und der Sheriff kam seinen Anfragen immer gerne entgegen.

Ein paar Minuten später trudelte McTeagues Bericht ein, den Ben eine halbe Stunde später sorgfältig gelesen hatte. Nichts Ungewöhnliches war vorgefallen, nur ein paar Unfälle, ein toter Elch mitten auf dem Highway, zwei Fälle von Trunkenheit am Steuer und ein paar häusliche Zwischenfälle.

Ben prägte sich die Namen der jeweils Beteiligten ein, druckte das Dokument aus und legte es ab. Fertig.

Auf dem Bildschirm blinkte eine Wetterwarnung auf, die Ben kurz überflog. Dann seufzte er erleichtert auf. Der erste große Schneesturm des Winters nahte, aber es sah so aus, als würde er Tumble Creek nur streifen. Zum Glück, denn wahrscheinlich würde er genau auf Halloween fallen. Die armen Kinder hier in der Gegend hatten schon genug mit den steilen Straßen, den abschüssigen Vorgärten und den brüchigen, vereisten Treppen zu tun. Und die Teenies würden ihre unausweichliche Party feiern – dieselbe, die seit vierzig Jahren von jeder Generation in dieser Stadt gefeiert wurde –, und Ben wollte nicht, dass sie durch den Schneesturm nach Hause fahren mussten.

Mit einem zögerlichen Lächeln dachte Ben an das Kostümfest zurück, auf dem er mit sechzehn gewesen war. Das letzte, das sie in einer der alten Minen hatten feiern können. Verdammt, das war echt ein Wahnsinnsknaller gewesen, komplett mit Strip-Poker und geschmuggeltem Tequila. Und er war verdammt froh, dass es die letzte Party ihrer Art gewesen war. Als Jugendlicher hatte er die Vorstellung einer Party in einer stillgelegten Silbermine extrem aufregend gefunden, aber heute machte er sich bei dem bloßen Gedanken daran fast in die Hose vor Angst.

Ben nahm sich vor, in den nächsten vier Tagen irgendwann zu den Minen rauszufahren und die Vorhängeschlösser an den Toren zu überprüfen. Wenn irgendein besoffener Teenie in einen Minenschacht fiel, würde ihn das sein Leben lang verfolgen.

„Ich geh dann mal in die Mittagspause“, unterbrach Brenda seine Gedanken.

„Ich begleite dich vor die Tür. Ist Zeit für meine Patrouille.“ Er griff nach seinem Hut und, nach einem Blick aus seinem kleinen Bürofenster, auch nach seiner gefütterten Uniformjacke. Schnee hin oder her, an der Kaltfront kam keiner in Tumble Creek vorbei. „Hast du in letzter Zeit irgendwas wegen der Minen gehört? Ich dachte, ich überprüfe vor Halloween besser noch mal die Tore. Erinnerst du dich noch an unsere letzte große Feier, als wir jung waren?“

Brenda verzog die Lippen zu einem Lächeln, was ausgesprochen selten vorkam. Ihre hellblauen Augen ...

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