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Ich kenne dich

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Zwischen den Befragungen lassen sie uns oben in einem Klassenzimmer warten. Wir bleiben uns selbst überlassen, aber uns ist bewusst, dass nur ein paar Zimmer weiter über uns gesprochen wird. Lehrer, unsere Eltern, die Schulschwester, Sozialarbeiter. Und wir zwei können nichts anderes tun, als aus dem Fenster auf die Menschenmenge vor der Schule zu starren und zu warten.

Wir beobachten, wie Fahrzeuge ankommen und Leute aussteigen. Wir stützen uns auf die Fensterbank und hinterlassen Handabdrücke im Staub. Emma lehnt sich mit ihren muskulösen Oberschenkeln gegen die Heizung. Ich zupfe welke Blätter von einer Grünlilie, und wir schauen beide aus dem Fenster und sagen nichts. Wir horchen. Die Scheiben dämpfen das Weinen und Singen, aber trotzdem können wir die Blumen sehen und die Atmosphäre spüren, die schrill ist und sonderbar und roh.

Diese Leute, die wir nicht kennen – die Chloe nicht kennt –, kommen sogar in Bussen zur Schule. Jeder Einzelne bringt etwas mit. Wenn nicht Rosen oder Körbe mit Seidenblumen, dann Stofftiere und große handbemalte Karten. So viele Möglichkeiten, ihren Namen zu schreiben.

Sie befragen uns einzeln, dann zusammen, dann wieder einzeln. Weil wir erst vierzehn sind, haben wir ein Anrecht auf Pausen. Wir sprechen nicht über die Fragen, die uns gestellt wurden. Wir gleichen nicht unsere Geschichten ab. Ich weiß nie, was Emma sagen wird, bis sie mit der Sprache herausrückt.

»Jetzt stellen sie Kerzen auf«, bemerkt sie regungslos.

Sie deutet mit einem Nicken auf eine kniende Gestalt auf der anderen Straßenseite gegenüber der Schule. Die Gestalt nimmt etwas aus einer Tragetasche und legt es auf dem Gehweg aus. Eine Reihe von Teelichtern blüht auf, so rasch wie Pilze, tropfend und flackernd in der überdachten Haltestelle, wo die Schulbusse abfahren. Emma stemmt sich vor und verlagert ihr gesamtes Gewicht auf die Hände. Ihr Atem hinterlässt Wolken auf der Scheibe. Ihr Schulpullover riecht nach alten Handtüchern.

Ich starre auf die flackernden Teelichter und muss an das eine Mal denken, als Chloe und ich dort im Regen warteten an einem Tag, an dem wir eigentlich in der Schule hätten sein sollen.

»Der Wind wird sie ausblasen«, sage ich. Emma nickt, und wir warten. Keine bricht das Schweigen, bis Shanks zurückkommt mit zwei anderen Polizisten.

»Was denn jetzt noch?«, sage ich, aber nicht laut genug, dass Shanks es hört.

Die Polizisten geben uns je eine Dose Cola und legen uns die Hände auf die Schultern. Sie lächeln viel, um uns zu signalisieren, dass uns kein Ärger droht und dass wir keine Angst zu haben brauchen, frei zu sprechen – alles zu sagen, was wir über Chloe und ihren Freund wissen. Manchmal filmen sie uns während des Gesprächs und lassen unsere Eltern hinterher Einwilligungserklärungen unterschreiben, in denen steht, dass sie nichts dagegen haben. Ich frage mich, ob dieses Mal die Kameras aus bleiben und was sie mit den Aufzeichnungen anfangen und ob wir wieder ins Fernsehen kommen. Manchmal fangen Journalisten uns nach der Schule ab. Die Polizei hat versprochen, besondere Vorkehrungen zu treffen.

»Also schön«, sagt Shanks, und mir fällt auf, dass die Zigarettenschachtel in seiner Brusttasche fehlt und dass er heute ein richtiges Hemd anhat und keins aus Jeansstoff.

»Die möchten sich noch mal fünf Minuten mit euch unterhalten, einzeln. Danach könnt ihr zurück in eure Klasse.« Er lächelt und versucht zu witzeln: »Leider bleibt euch Mathe heute nicht erspart, Mädels. Wer will als Erste?«

Emma und ich blicken uns nicht an. Sie tritt vor. Ich sehe ihren Pferdeschwanz von einer Seite zur anderen gegen ihren Hals schwingen. Ich frage mich nicht, was sie ihnen erzählen wird. Shanks geleitet sie hinaus, und ich drehe mich wieder zum Fenster.

Der nächste Bus ist da.

1

Sie zeigen es heute Nachmittag. Ein Festakt zum ersten Spatenstich, und, wenn das Ding fertig ist, ein Festakt zur Einweihung, wette ich. Ich nehme eine Tüte Doritos und einen Weinkanister mit zur Couch. Vorhänge zuziehen, Fernbedienung suchen und es sich bequem machen. Der Bildschirm knistert vor statischer Aufladung, während er sich erwärmt, und ich frage mich, unbehaglich, was Emma heute Abend wohl mit sich anfängt.

Anfang Januar setzte sich die Stadt mit der Schule und Chloes Eltern zusammen und gründete eine Gedenkstiftung. Es gab eine Anhörung mit anschließender Abstimmung im Empire Services Club. Der Andrang war so groß, dass das Clubhaus überfüllt war und die Leute sich auf der Bowling-Rasenfläche verteilten. Jemand ging mit einem Tablett Tee in diesen beigefarbenen Plastikbechern mit Griff-Untersatz herum, der verhindert, dass man den Becher zu fest zusammendrückt und sich mit heißer Flüssigkeit übergießt. Wir waren einstimmig für ein Andenken. Ein Denkmal. Eine Gedenkstätte. Die Stadt hat daraufhin beschlossen, einen Pavillon am Ufer ihres Weihers zu errichten.

Es ist kein Weiher und erst recht nicht ihrer. Vielmehr handelt es sich um eine zementierte Grube, von Menschen errichtet und tiefer, als sie aussieht. Die Hefe im Brot für die Enten hat das Wasser verschmutzt, weshalb es weder Fische noch Schilf darin gibt – es ist eine tote, schwarze Scheibe, umgeben von grauen und kahlen Bäumen und Weißdornbüschen. Das Gestrüpp ist mit zerrissenen Plastiktüten und ausgebleichten Chipsverpackungen dekoriert.

Sicherlich kein Ort, an dem jemand, am wenigsten Chloes Eltern, sitzen und verweilen möchte, wie auf der Bank stehen wird. Aber der Rat hat es beschlossen. Die Stadt stellt das Geld bereit. Terry rührte dafür die Werbetrommel und moderierte die Spendenaktion im Fernsehen, und weil Chloe und Carl immer in den Wald gegangen waren – um ungestört zu sein –, wurde für einen Pavillon gestimmt, verziert mit Steintauben und Gipsengeln, umgeben von Gitterranken und mit einem eigenen gepflasterten Weg zum verdreckten Ufer des Weihers.

Sie haben ein Modell davon gebaut, das die Studiokamera heranzoomt, sodass es im Fernsehen richtig echt aussieht. Dieser Pavillon (ein nutzloses Zierbauwerk) ist halb Mahnmal für eine gescheiterte junge Liebe und halb Aushängeschild für das städtische Modernisierungsprogramm: soziale Brennpunkte, sozialer Zusammenhalt – ein Treffpunkt für Jugendliche, wo sie ihren Klebstoff schnüffeln können. Es ist makaber und sentimental, es erfüllt alle wichtigen Voraussetzungen für die städtische Finanzierung, und jetzt läuft es in den Lokalnachrichten.

Der Februar war bisher mild und feucht, weshalb der Boden leicht umzugraben ist. Die Außenkamera zeigt den Bürgermeister, der das freigelegte Stück Erde mit einem – wie ein Maibaum mit rosaroten und weißen Bändern geschmückten – Spaten attackiert. Chloes Eltern, zerfressen von Schuldgefühlen, haben sich gewünscht, dass die Gedenkstätte die Liebe preisen soll und das Leben und den heiligen Valentin, und als ein Zugeständnis an diesen Wunsch organisierte die Stadt die Bänder für den Spaten und die rosafarbenen und weißen Luftballons – gratis. Der Bürgermeister achtet nicht auf die Klinge, die in den Boden sinkt, sondern lächelt ins Blitzlichtgewitter.

Als die Erde sich öffnet, gibt es nichts zu sehen außer einem Plastikfetzen – dicker als eine Plastiktüte, aber nicht so dick wie eine Plane. Die Spatenklinge durchstößt das Plastik, und ein Teil davon verfängt sich darunter. So weit nichts Spektakuläres. Jedenfalls nichts, was wir zu Hause am Bildschirm sehen können. Nichts Außergewöhnliches, abgesehen von dem schmutzigen Stofffetzen, der mit der Erde hochbefördert wird, als der Bürgermeister sich zurückbeugt und den Spaten rüttelt, um den ersten Brocken Erde mit der Klinge herauszuhieven. Der Fetzen könnte alles Mögliche sein – das Verdeck eines Kinderwagens, ein alter Duschvorhang, ein Regenschirm.

Tatsächlich ist es eine blaue North-Face-Jacke – wasserdicht und unkaputtbar.

Terry späht in das Loch, lächelt und beugt sich dann in die Kamera. Der schwarze Kolben des Mikrofons ist an seinem Mund. Er sagt etwas, aber ich beobachte die Wetterfee, die neben ihm steht. Sie hält eine weiße Kerze in der einen Hand und einen rosafarbenen Ballon in der anderen. Bestimmt ist er mit Helium gefüllt – die Schnur steht kerzengerade wie ein Rohr, und der Ballon schwebt über ihrem Kopf wie eine Gedankenblase. Ihr Lächeln gefriert, dann verblasst es. Terry spricht immer noch, aber die Leute hinter ihm verziehen plötzlich das Gesicht und beginnen zu husten.

Es ist der Geruch.

Als der Bürgermeister den Spaten zur Seite wegkippt und die Knöpfe sich über seinem Bauch spannen, geht ein hörbar angewidertes Stöhnen durch die Menge, und die Wetterfee lässt ihren Luftballon los, dreht sich zur Seite und spuckt einen klaren Gallefaden auf den Boden. Ich beobachte, wie der Ballon emporschwebt, aus dem Kamerabild.

Chaos breitet sich aus. Die Tauben schlagen mit den Flügeln gegen das Gitter ihrer Käfige. Ich weiß nicht, ob es ist, weil auch sie etwas gewittert haben, oder weil die Menschen um sie herum plötzlich in Bewegung sind und sich lautstark um das kleine Loch drängeln. Die Kamera wackelt nicht, sondern schwenkt von der Meute auf das stille dunkle Wasser des Weihers.

Das hat man davon, wenn man solche Sachen live überträgt. Unvorhergesehene Ereignisse. Alles bricht auseinander. Es war schon längst alles auseinandergebrochen, bevor der Bürgermeister den Boden aufschlitzte und einen Geruch freisetzte, der Terrys Wetterfee veranlasste, in die Büsche zu kotzen.

Terry entschuldigt sich für die Unterbrechung und verspricht, schnellstmöglich einen Ü-Wagen rauskommen zu lassen, aber er müsse vorerst ins Studio zurückgeben.

»Wir melden uns in Kürze wieder und informieren Sie darüber, was hier los ist«, sagt er. Er fährt sich mit der Hand durch die zerzausten Haare, zupft an seiner Krawatte und gibt zurück an Fiona, die auf ihrer Couch wartet, die Beine ordentlich verschränkt, die Knie zusammengepresst. Sie trägt ein teures camelfarbenes Kostüm und schwarze Lackpumps. Fiona ist scharf auf Terrys Job. Herrlich.

»Das ist unser Terry. Er bewahrt grundsätzlich Ruhe in schwierigen Situationen, ein absoluter Profi«, sagt sie, und der Gelobte verbeugt sich fast. Fiona lächelt gekünstelt. »Und er ist wieder einmal der Erste am Schauplatz. Ich glaube, das kann noch ein langer Abend werden, nicht wahr, Terry?« Die Verbindung wird unterbrochen, bevor er eine Antwort geben kann, und Fiona bleibt nichts anderes übrig, als dem Logo der Sendung auf dem Monitor über ihrer Couch zuzunicken.

»Wir sind gleich wieder da«, sagt sie, »nach einer kurzen Pause.« Die Werbespots sind so hektisch, grell und laut wie immer.

Ich lasse den Blick zum Fenster wandern und schnuppere die Luft, die nach Chips und Kippen riecht und nach der feuchten Wäsche auf der kalten Heizung. Ich brauche nicht an der Mattscheibe zu kleben. Ich kann es mir anschauen, wann immer ich will. Es wird noch vor dem Morgengrauen auf YouTube sein. Ich mache mir einen Kaffee und gehe langsam zurück zu meiner Couch. Ich kann mir Zeit lassen, um mir eine Meinung zu bilden.

Terry war absolut cool – obwohl das keine Überraschung ist. Er war in seinem Element, denn wenn er ein Element hat, dann sind das ungeklärte Todesfälle oder beschönigt dargestellte Vergewaltigungen. Fiona hatte recht: Terry ist immer der Erste am Schauplatz oder am Bildschirm und platzt geradezu vor schlechten Neuigkeiten. Fiona lauert schon seit Jahren auf seinen Job, aber er ist der Preisträger. Er ist derjenige, an den wir uns erinnern, wie er über den Sextäter berichtete, der vor zehn Jahren hier in den Parkanlagen sein Unwesen trieb – die öffentliche Aufmerksamkeit und seine Kampagne, sogar seine stillschweigende Billigung der Bürgerwehrgruppen, die plötzlich wie Pilze aus dem Boden schossen, haben angeblich stärker dazu beigetragen, dass die Überfälle aufhörten, als die Bemühungen der Polizei, die uns nie einen Namen liefern konnte. Jedenfalls nicht offiziell.

Terry Best. Berühmt für seinen kühlen Kopf und seine rosa Hemden. Verschiedene Krawatten, je nach Jahreszeit. Aber immer, wirklich immer im rosa Hemd. Manchmal bekommt er von Fans andersfarbige Hemden zu Weihnachten geschenkt und wird zu einem Wechsel gedrängt, aber er trägt nie eine andere Farbe als Rosa. Vielleicht besitzt er nur ein Hemd, oder fünfhundert identische. Woolworth hat rosarote Hemden im Sortiment, und neulich gab es dort eine besondere Werbeaktion mit einem großen Plakat von Terry im Schaufenster. Es stand zwar nicht explizit darauf, aber es erweckte stark den Eindruck, dass Terry Best seine Hemden bei Woolworth kauft. Die Programmverantwortlichen von Stadt aktuell beschwerten sich und verlangten, das Plakat zu entfernen.

Am Kiosk im Busbahnhof kann man eine Postkarte kaufen – mit Terry darauf, die Daumen in die Kamera hochgereckt. Der Spruch darunter, in der gleichen schillernd grünen Schrift wie der Vorspann von Twin Peaks (obwohl ich nicht glaube, dass das vielen Leuten aufgefallen ist), lautet: ECHTE MÄNNER TRAGEN ROSA. Die Karte wurde nicht verboten, hauptsächlich deshalb, weil sie für nichts anderes wirbt als für Terry selbst.

Terry ist für manche Menschen ein stärkerer Bezugspunkt als ihre Familien, denn was immer auch passiert, ob Gutes oder Schlechtes – er ist da. Erwartet man schlechte Neuigkeiten, ist Terry derjenige, von dem man sie hören möchte. Die meisten Leute, die in der Stadt wohnen, können eine Anekdote über ihn erzählen – dass sie ihn in einen Bus steigen sahen, dass er sich über die lange Warteschlange in der Post beschwerte, dass er mit einem zusammengerollten Handtuch im Hallenbad auftauchte. Ich selber bin ihm einmal begegnet, jedenfalls glaube ich, dass er es war – Jackett, rosa Hemd –, als er einen schwer aussehenden Müllsack aus seinem Kofferraum wuchtete und an den Straßenrand stellte. Ich erwähnte es gegenüber meiner Chefin, und sie fragte atemlos, was in dem Sack war. Als ich antwortete, dass ich nicht nachgesehen hatte, weigerte sie sich einen Monat lang, mir Überstunden zu geben.

Terry ist kein Stammkunde im Einkaufszentrum, aber anscheinend wurde er hier schon gesehen, als er kurz bei Primark hereinschneite und zwei Pack dunkelblaue Socken kaufte. Es gibt das Gerücht, dass die Geschäftsführerin ihm Personalrabatt geben wollte, aber sich ständig bei ihrem Personalcode vertippte und ihm die Socken schließlich schenkte. Sie fragte nicht einmal nach einem Autogramm, das sie in der Nähe der Drehtür hätte aufhängen können.

Es ist schwierig, Leuten von außerhalb zu erklären, was für eine Bedeutung Terry für die Stadt hat. Ohne zu altern oder seine Hemdfarbe zu wechseln, präsentiert er seit zwanzig Jahren jeden Abend die Lokalnachrichten, was bedeutet, dass er selbst Teil der meisten wichtigen Dinge ist, die sich jemals in dieser Region ereignet haben. Jedes Mal, wenn der Ribble Hochwasser führte. Das eine Mal, als ein Musikfestival im Park veranstaltet wurde. Diese Kneipenschlägerei damals und die andauernde Debatte über das fünfstöckige Parkhaus über dem Busbahnhof. Terry eröffnet die neuen Supermärkte, heißt willkommen auf der Pfingstmesse und schaltet jedes Jahr die Weihnachtsbeleuchtung an. Er verleiht Urkunden an die Kinder im Bücherclub der Stadtbibliothek, und er ist Gastredner bei der Jahreshauptversammlung der Real Ale Society.

Ich rechne nicht damit, dass der Sender zur Live-Übertragung an der Gedenkstätte zurückschaltet, aber das tut er. Terry und sein Team haben den Standort gewechselt, und zwar fix. Was als eine heitere Reportage über eine öffentliche Grundsteinlegung begann, verwandelt sich plötzlich in eine Sondersendung, die in mein Zimmer ausgestrahlt wird. Der unversehens anstößig dekorierte Spaten wurde versteckt, der Bürgermeister tauscht die Gummistiefel mit Anzugschuhen, und Terry wechselt die Krawatte. Sie sammeln sich rechtzeitig, als die Polizei eintrifft und ein weißes Zelt an der Stelle errichtet, wo der Pavillon gebaut werden soll.

Die Berichterstattung wird den ganzen Abend weitergehen. Chloe, endlich in den Hintergrund gedrängt. Sie haben den Leichnam noch nicht identifiziert, aber ich weiß, es ist Wilson. Ich weiß es einfach.

2

Chloe hatte feines blondes Haar, das glatt an ihrem Kopf anlag und weich und transparent über ihre Schultern fiel. Die Tapete im Wohnzimmer ihrer Eltern war sehr altmodisch: grün-braun-rosa mit Vögeln, die aussahen wie bunte gepresste Blumen, zerquetscht und wütend, mit aufgerissenen Schnäbeln.

Unsere Pläne sahen wie folgt aus: Chloe würde einen Job in der Parfümerie-Abteilung von Debenhams bekommen, ich würde einen Job in dem Café im Obergeschoss annehmen, oder, sollte das nicht klappen, bei Woolworth – Chloe behauptete, die würden dort jeden nehmen. Wir würden Geld sparen und zusammen eine Wohnung mieten. Chloe würde in die Schminkabteilung aufsteigen oder als Personal Shopper in die VIP-Lounge.

Die Wohnung hätte einen Balkon, weil Chloe es unhygienisch fand, drinnen zu rauchen, und ich würde mir ein Kaninchen anschaffen. Wir würden immer pünktlich unsere Miete und die Rechnungen zahlen, aber das übrige Geld würden wir auf den Kopf hauen für Röcke und Perlen und Alkohol in blauen Flaschen in irgendwelchen Nachtclubs. Wir würden das Wohnzimmer tapezieren wie ihre Mutter, aber wir würden die Tapete selber bemalen und daraus ein wertvolles Tapeten-Unikat machen. Wir hätten Aschenbecher aus blauem Glas und Traumfänger vor den Fenstern. Wir würden Eisroulade essen, wann immer uns danach war, und uns jeden Abend Leonardo DiCaprio in Titanic und Romeo und Julia reinziehen.

Ich habe nie einen Job in einem Café bekommen, und ich habe mich nie bei Woolworth beworben. Ich putze im Einkaufszentrum. Meine Aufgabe ist es, die gelben Warndreiecke aufzustellen, bevor ich den Boden wische: kleine ausrutschende Strichmännchen, die davor warnen, was passieren kann, wenn man über den nassen Boden geht. Ich lenke die elektrische Poliermaschine mit Ohrenschützern, während auf den Monitoren hoch über den Köpfen der Shoppingkanal, Talkshows und Verbraucherschutzsendungen laufen. Ich verdiene nicht viel, aber seit die Läden in der Stadt vierundzwanzig Stunden geöffnet haben, gibt es so viel Arbeit, wie ich will. Es gibt nichts anderes zu tun, als zu arbeiten. Es ist zwar nicht Woolworth oder eine Parfümerie-Abteilung, aber ich habe meinen eigenen Putzwagen, und ich kenne mich in den Gängen sehr gut aus, selbst im Dunkeln. Ich komme klar.

Chloe, die nicht alt genug wurde, um in einem Einkaufszentrum zu putzen oder etwas anderes zu arbeiten, sitzt in meinem Kopf, als ich auf der Rolltreppe in der Mitte der Arkaden stehe, jeweils ein Staubtuch auf die Handläufe rechts und links drücke und langsam gegen die Laufrichtung gehe. Licht funkelt durch die spitze Glaskuppel im Atrium, ich wechsle die Rolltreppe, und Chloe trennt vorsichtig ein Poster aus der Mitte ihrer neuen Ausgabe von Smash Hits heraus. Sie drückt die Klammerenden mit der Schere wieder flach. So viele Poster: In ihrem Zimmer wimmelt es förmlich von Augen an den Wänden. Auf allem, was sie besitzt, klebt ein Gesicht. Man kann nicht mal in Ruhe neidisch auf ihre Sachen sein, weil die meisten ihrer Besitztümer zurückstarren.

Wir verbrachten zusammen einen perfekten Sommer – der letzte, bevor Emma sich in unser Leben drängte. Und dann wich der Sommer dem Herbst, und wir mussten wieder in die Schule, und alles begann sich zu ändern. Ich denke an die Zeiten, als wir in den Avenham Park gingen, und wir sind da, und sie hakt sich bei mir ein. Ich spüre die Innenseite ihres Handgelenks in meiner Armbeuge. Wir lachen und folgen dem Pfad zwischen den Rosenbeeten, während wir leere Kastanienhüllen wegkicken. Jemand war vor uns da und hat die Kastanien gesammelt, die wir in dem ausgeschalteten Springbrunnen entdecken, wo sie im Wasser schwimmen und aufquellen. Ihre glänzende Außenhaut ist gerissen. Moosflechten wachsen auf Gesichtern aus Stein, und wir schlendern umher, bis es dunkel wird. Sie steckt kurz ihre Hand in meine Jackentasche. Später finde ich dort eine Schachtel Zigaretten. Ich verstecke sie unter meiner Matratze und übe das Rauchen im Schuppen.

Oder sie sitzt neben mir im Klassenzimmer. Wir sind ganz hinten, die Augen des Lehrers auf uns gerichtet. Es wird gesprochen. Vielleicht haben wir wieder Zettelchen geschrieben. Es gibt immer wieder neue Jungs zu diskutieren. Unsere Vorlieben ändern sich unerklärlicherweise von Woche zu Woche. Ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Es gibt Listen. Wir vergleichen die Jungs. Wir denken uns ein Liebesleben für unsere Lehrer aus, verschachtelt wie eine Soap.

Die Blicke der anderen Mädchen sind gewieft und neugierig und feindlich. Emma ist da, aber nur schemenhaft. Wir beachten sie noch nicht. Als jemand meckert, hebt Chloe den Mittelfinger und wirft mit Radiergummikrümeln. Wir malen mit Tipp-Ex unsere Namen auf den Tisch, mit verschnörkelten Anfangsbuchstaben wie bei einem Monogramm.

Sie beugt sich nah an den Spiegel heran. Das Waschbecken, die Toilette und die Badewanne sind nicht weiß, sondern künstlich blau, ein Farbton, der sich »aqua« nennt und exotisch wirkt. Sie zupft sich die Augenbrauen mit einer Pinzette. Es ziept. Sie zuckt kurz zurück, und ihre Augen werden wässrig, aber sie grinst.

»Fuck«, sagt sie. Das Wort ist noch neu für sie. »Der natürliche Look ist sehr harte Arbeit«, zitiert sie vor dem Spiegel und lacht.

Da ich hinter ihr stehe, kann ich mein Spiegelbild über ihre Schulter hinweg sehen: ein blasses Gesicht, umringt von einem Heiligenschein aus krausen braunen Haaren. Ein Gesichtsausdruck, der einfältig wirkt, aber nur kurzsichtig ist. Ich mustere meine Augenbrauen. Mein Gesicht ist pausbäckig und blasser als ihres. Die Brauen sehen aus, als hätte jemand einen dicken Pinselstrich quer über meine Stirn gezogen. Chloe sagt, sie seien zu dick, sie hätten keinen Schwung. Das wird eine mühsame Prozedur werden, und ich warte darauf, dass ich drankomme. Chloe testet immer erst alles an sich selbst. Wenn sie es für gut befindet, bin ich an der Reihe.

»Wir müssen unbedingt was damit machen«, sagt sie und wirbelt herum. Ich bin gebannt von ihrem Blick, aber sie starrt nicht auf meine Augenbrauen, sondern auf meine Haare. Die Pinzette landet klappernd im Waschbecken, und sie flitzt davon. Eier werden in eine Schüssel geschlagen, verrührt und in meinem Haar verteilt. Sie wickelt Frischhaltefolie um meinen Kopf. Ihre Fingernägel bohren sich in meine Kopfhaut, während sie drückt und reibt. Sie legt eine weitere Schicht Folie darauf, dann heiße, feuchte Handtücher, dann trockene Handtücher.

Schleim, der sich wie Rotz anfühlt und ganz eigenartig riecht, tropft in meine Ohren. Mein Nacken tut weh. Wir sehen auf die Uhr. Zwanzig Minuten, steht in der Zeitschrift, und ich werde Haare haben wie Chloe. Sie beginnt, mein Haar auszuspülen, doch das Wasser ist viel zu heiß, und die Eierpampe gerinnt. Als ich den letzten Krümel Ei aus meinen Haaren klaube und in den Abfluss schnippe, kugelt sie sich immer noch prustend auf dem Badvorleger und trocknet sich die Augen.

Ich lächle. Sie ist meine beste Freundin.

Sie war etwas Besonderes, auch schon, als sie noch am Leben war – aber nicht auf diese bilderbuchartige, reine und polierte Art, wie sie den Leuten nun in Erinnerung ist. Ihr Tod hat sie in etwas Vollkommenes verwandelt. Dabei hat sie Sachen gemacht, die ich so verkehrt und albern fand, dass ich sie gar nicht erst ausprobierte. Sie föhnte sich die Haare über Kopf, benutzte parfümierte Slipeinlagen, schmierte sich Vaseline auf die Augenlider und sagte Sachen wie »T-Zone« und »Akzentfarbe« und »ein Muss für jede Handtasche«. Als Carl in unser Leben trat, erzählte sie mit rauer Stimme von Petting und Samenergüssen und Blowjobs, während ich lauschte – erregt und entsetzt und gezwungenermaßen. Sie roch nach Schweiß und Haarspray und Zigaretten, ich roch nach Bügelwasser mit Lavendelduft und Anti-Schuppen-Shampoo. Ich bin mir nicht sicher, warum das eine Rolle spielte, aber das tat es.

Der Prozess, aus Chloe eine Heilige zu machen, begann im Jahr 1998.

Eine Trauerfeier war nicht genug. Sie benannten eine Rose wegen ihr. Wegen ihr, nicht nach ihr, denn es gab bereits eine Chloe-Rose: nach einem anderen toten Mädchen. Sie tauften die Rosenart »Juliet«, nach einem besonders bewegenden Fernsehkommentar von Terry, den wir alle nie vergessen werden und den manche von uns aufgezeichnet haben, um ihn sich immer wieder ansehen zu können. Chloe war also nicht sie selbst – sie stand für etwas anderes. Und sie stand dafür mit einem anderen Namen und einer vierhundert Jahre alten Geschichte, die nicht einmal wahr war. Es störte niemanden.

Die Lehrer pflanzten die Juliet-Rosen in die nagelneuen Blumenbeete der Schule und drängten sich auf den Gängen zusammen, um über Chloes Ableben zu reden. Keiner arbeitete richtig in den ersten Wochen. Stundenpläne und Hausaufgaben, Bunsenbrenner und Hockeyschläger, Winkelmesser und Schmierhefte – alles normale Gegenstände, aber in der Schule starrten wir Übriggebliebenen darauf, als wären es fremde Dinge, deren anhaltende Existenz Chloes Andenken beleidigte. Wir räumten sie weg und schlichen über die Flure, flüsternd. Sogar von den Jungs weinte einer. Die Lehrer kamen spät, mit dunklen Schatten unter den Augen. Sie ließen sich beim Rauchen auf dem Parkplatz sehen und taten so, als wäre ihnen aufgefallen, dass sie immer schmaler geworden war – ihre aufgesprungenen Lippen und die dünnen Haare.

Außerdem gab es eine Untersuchung. Die Schulaufsicht oder der staatliche Gesundheitsdienst. Damals gehörte das zu den obligatorischen Maßnahmen, selbst in einer Stadt wie unserer, wo wir Terry hatten und unsere eigene Art, die Dinge zu regeln. Hätte jemand einschreiten sollen? Hätte man sie überreden können, mit Patsy zu sprechen? Wo war ihre Ärztin in der ganzen Zeit? Wo ihr Vertrauenslehrer? Der Rektor? Das half. Es hielt das Interesse monatelang aufrecht, mit Zwischenberichten und vorläufigen Ergebnissen und abschließenden Empfehlungen zur Ernährung und seelischen Gesundheit von Jugendlichen und mit Hinweisen auf offene Beratungsstellen (Chloe House) – bis sie schließlich berühmt war.

Und die Sache ist die – ich wurde auch berühmt, weil ich ihre beste Freundin gewesen war. Emma genauso. Wir wurden ständig angequatscht. Die Leute waren freundlich. Es waren so viele Fotos von uns in der Zeitung und in Terrys Sendung – und genau das ist der Grund, warum es mir nichts mehr ausmacht, draußen meine Brille zu tragen, die ich früher immer zu Hause ließ und dabei in Kauf nahm, alles verschwommen zu sehen. Ich lasse meine Haare wachsen und verstaue sie wie Rastalocken unter großen Mützen, wenn ich tagsüber unter Leute gehe. Heute beachtet mich niemand mehr. Ich habe keine Freunde auf der Arbeit. Wenn ich von Kunden angesprochen werde, tippe ich achselzuckend an meine Ohrenschützer, und nach einer Weile geben sie es auf.

Dann gab es noch die Befragungen. Sie wollten alles Mögliche wissen. Wie wir unsere Zeit verbrachten, was wir zusammen unternommen hatten, wie Chloe über ihre Zukunft dachte, ihren Freund, ihr Gewicht, ihre Eltern, ihre Wahlfächer für die Abschlussprüfung.

»Hatte sie vielleicht noch andere Freunde, von denen du nichts gewusst hast? Ist sie in Kneipen gegangen?«

Ich erzählte ihnen von ihrer Silvesterparty. Ich erzählte ihnen von der Tapete und der Parfümerie-Abteilung und der WG und von Woolworth. Ich erzählte ihnen von den gläsernen Aschenbechern und ihrer Postersammlung. Emma erzählte ihnen von ihrem sanften Wesen, ihrer Schüchternheit, die sie überspielte mit extrovertiertem Verhalten, ihrer Entschlossenheit, Klassenbeste zu sein. Sie beschrieb Chloes Tierliebe und ihre Sammlung von Eulen aus Kristallglas, von der ich nichts wusste. Das alles gelangte in die Zeitung. Jedes Mal, wenn Emma ein neues Detail hervorbrachte, lieferte ich eins mehr, bis ihr nichts mehr einfiel, und zum Schluss behielt ich immer noch Chloes Geheimnis in meinem Mund, wie die Knöpfe, die wir uns das eine Mal unter die Zunge steckten, um bei unseren Telefonstreichen vornehm zu klingen.

Sie fragten uns, ob wir Fotos hatten, auf denen sie irgendeinen normalen Teeniekram machte. Zum Beispiel in eine Haarbürste singen – oder sich für die Disko aufstylen. Oder mit einem vollen Tablett durch einen McDonald’s laufen. Solche Sachen.

»Wir brauchen etwas, das wir den Medien geben können«, erklärte die Polizistin. Sie hatten bereits ihr Schulporträt, aber sie wollten etwas Persönlicheres, das eine Seite von ihr offenbarte, die nur Mädchen in ihrem Alter gekannt hatten. Ein Foto, auf dem sie herumalberte mit uns, ihren Freundinnen.

Emma zuckte mit den Schultern, und ich konnte ihnen auch kein Foto geben.

Ich hätte ihnen erzählen können, wie wir uns stundenlang in ihrem Zimmer eingeschlossen haben. Ganze Nachmittage – reihenweise. Chloe wollte das. Sie schlüpfte dann in ihre Dessous und ihren seidenen Morgenmantel, holte die Polaroidkamera heraus, die Carl ihr geschenkt hatte, und überredete mich, sie zu fotografieren.

»Wussten Sie«, hätte ich sagen können, »dass ein Polaroidfilm zehn Pfund kostet und dass man nur zehn Bilder damit machen kann? Das macht ein Pfund pro Bild, und ihre Schubladen quollen über von Filmen. Sie kamen von Carl, genau wie die Wäsche und die Kamera, und ich musste sie fotografieren, weil sie mit dem Selbstauslöser nicht klarkam.«

Also schön, es gibt Fotos. Aufnahmen, die nie ihren Weg zu Carl oder der Polizei gefunden haben. Selbst ich dürfte sie eigentlich nicht haben. Ich habe immer so getan, als wären ein paar Bilder überbelichtet, und sie heimlich eingesteckt. Die Aufnahmen waren zu privat, um sie jemandem zu zeigen. Chloe, auf dem Bett kniend, während ihr Morgenmantel von der Schulter rutscht. Chloe, die die Haare schüttelt und in die Kamera starrt, ohne zu lächeln. Chloe, mit verschmiertem Lippenstift bis zur Wange, während sie mit einer nicht brennenden Zigarette posiert. Chloe auf allen vieren, die Haare im Gesicht und mit leicht geöffnetem Mund. Darauf ist sie undeutlich. Ihr Gesicht ist verschwommen, ihre Haare müssen sich wohl bewegt haben.

Es gibt noch mehr davon. Chloe von hinten, die Hände an der Hüfte, während sie so tut, als würde sie das Ding, das sie trägt, aufschnüren. Ich erinnere mich an die roten Druckstellen auf ihrer Haut von der billigen, zu engen Korsage – wie sie immer mit den Daumen unter den Saum fuhr und alles zurechtrückte zwischen den Aufnahmen. Ihre Augen sind dunkel und matt und undurchdringlich. Es ist etwas in ihrem Blick, das mir damals hätte auffallen müssen. Sie wirkt nicht unglücklich, sie sieht gelangweilt aus. Ihr Gesicht offenbart, dass sie nicht mit vollem Herzen bei der Sache war. Es kam uns albern vor. Wir wussten nicht, was wir taten.

Polaroidbilder halten sich nicht besonders gut. Ich möchte sie nicht abnutzen, darum sehe ich sie mir nur selten an. Die Farben lösen sich auf: Ihr Gesicht hat denselben Ton wie ihre Haare, ihre Gliedmaßen sind verwischt, die Verzierungen an der Korsage – ich erinnere mich an durchsichtige Spitze und an Bändchen, die ich hinten drapieren musste – sind verschwunden. Sie verblasst allmählich. Ich bewahre die Fotos lichtgeschützt auf, in einer Schublade, aber trotzdem vergilben sie. Bis dieser Pavillon fertig ist, wird sie weg sein.

Ich habe nie jemandem diese Fotos gezeigt. Habe nie ein Wort darüber verloren. Ich war ihre beste Freundin. Ich behielt sämtliche Geheimnisse für mich, die sie mir anvertraute. Hätte sie solche Foto-Sessions mit Emma machen können? Nach zehn Jahren fällt es mir immer noch schwer zu akzeptieren, dass ich es wahrscheinlich niemals erfahren werde.

In meinem Besitz ist auch ein Foto von Emma und mir aus jener Zeit. Ich lasse den Fernseher alleine, während die Nachrichten über die nackten Wände meiner Wohnung flimmern, und nehme es aus der Schublade, in der ich es verstecke. Es ist alt, aber nicht verblasst. Darauf tun wir so, als würden wir ein Loch in den Schulbeeten graben. Die Juliet-Rosen liegen neben uns, die Wurzeln mit feuchtem Stoff umwickelt. Emmas Hand ruht auf dem Spaten, und sie starrt in die Kamera. Meine Finger ruhen auf ihrem Arm. Man hat uns gesagt, so zu bleiben. Kein Lächeln, während wir uns berühren. Das Bild war in der Zeitung – unsere blassen Gesichter, leer wie Masken und erstarrt im Blitzlicht der Aufmerksamkeit.

Die Leute wollten wissen, ob Chloe sich uns anvertraut hatte, ob wir die Anzeichen bemerkt hatten. Ich sagte nichts. Emma und ich sahen uns an, und der Fotograf machte eine weitere Aufnahme. Das ist die, die ich habe.

3

Chloe wollte zu Debenhams, um nach Ohrringen zu schauen. Wir wollten eigentlich Weihnachtseinkäufe erledigen, aber ich glaube, sie suchte etwas Besonderes, das sie zu ihrer Silvesterparty tragen konnte. Sie hatte in der Parfümerie- und Kosmetikabteilung herumgelungert, wo sie Sachen ausprobierte und sämtliche offenen Lidschatten antestete, bis man sie wegscheuchte. Dass sie regelmäßig klaute, war ein Geheimnis, aber ich war eingeweiht, weil ich diejenige war, der sie ihre Geheimnisse anvertraute. Das versteht sich von selbst. Manchmal wurde ich verdächtigt, aber das war okay – dafür sind beste Freundinnen da. Sie bewegte sich schnell durch die Regale und Auslagen und glitt zwischen den Menschen durch und an ihnen vorbei, ohne sie zu berühren. Katzengleich. Ich folgte ihr. Aber die Leute versperrten mir den Weg, wo sie nur eine Sekunde vorher durchgehuscht war. Ich folgte ihr immer.

»Sieh mal, da!«

Sie ging zu einem Korb, der mit Weihnachtsdekoration gefüllt war. Sie war manchmal wie ein kleines Kind – magisch angezogen von allem, was glänzte oder hübsch eingepackt war. Ich glaube, sie mochte Weihnachten viel mehr, als sie zugeben wollte. Sie bewertete alles immer nur mit »okay« oder »öde«, aber ich glaube, in diesem Jahr freute sie sich richtig auf Weihnachten.

Als ich sie einholte, öffnete sie bereits kleine Päckchen und nahm winzige Kristall-Rentiere aus ihren Seidenpapierbetten. Sie lachte darüber und hielt sie an ihre Ohrläppchen. Die leeren Päckchen und das Seidenpapier lagen um ihre Füße herum.

»Wie wäre es damit, für meine Mum?«, fragte sie und wackelte mit den Kristallfiguren, bis die Glöckchen an den Geschirren klingelten.

»Was machst du da?« Ich lachte. Ich konnte nicht anders.

Wir hatten eine ganze Reihe Running Gags über Leute, die wir kannten – hauptsächlich Leute aus der Schule oder unsere Familienmitglieder. Über die Vorliebe ihrer Mutter für große bunte Ohrringe machten wir uns oft lustig. Ich dachte, die Leute ahnten nicht, dass wir über sie lachten. Vielleicht verdrängte ich auch, wie es sich anfühlte, ausgelacht zu werden. Wir unterschätzten uns. Wen kümmerte es? Wir waren nur Mädchen – harmlose Nervensägen, die sich in Geschäften zu laut verhielten.

»Wie wäre es damit?«, sagte ich. Ich hob einen Streifen Seidenpapier auf und drückte ihn auf meine Oberlippe. »Hallo Chloe«, brummte ich mit verstellter, tiefer Stimme. »Hast du schon meinen neuen Wagen gesehen? Das ist ein richtiger Aufreißerschlitten!«

Chloe schaute, blinzelte ein, zwei Mal mit ihren metallischen Augen und wandte sich halb ab. »Wer soll das sein?«, fragte sie. Sie machte ein sehr unbewegtes und ernstes Gesicht.

Ich wedelte leicht mit dem Papierstreifen. »Ich habe eine Schachtel Pralinen für dich, Chloe. Komm her und gib uns einen Kuss!«

»Das ist nicht wirklich komisch«, informierte sie mich.

Das letzte Mal, als wir Carl sahen, hatte er sich einen Schnauzer wachsen lassen. Anscheinend hatte er sich noch nicht daran gewöhnt, denn während Chloe sich mit ihm unterhielt, fiel mir auf, dass er wiederholt durch seinen Bart strich. Ich wollte sie eigentlich darauf aufmerksam machen – es war meine Pflicht, sie auf einen Makel hinzuweisen oder wenigstens auf eine potenzielle Verlegenheit –, aber sie hatten mich alleine gelassen, und ich musste mich auf das Podium setzen und auf Chloes Tasche aufpassen, während sie in seinem Wagen verschwand. Ich hatte einen Blick in ihre Tasche geworfen auf das Foto auf ihrem Monatsticket, auf den falschen Studentenausweis, den sie dem älteren Bruder von irgendwem abgeluchst hatte, der auf sie stand. Ein Armband aus winzigen Perlen, die wie Glas aussahen, aber nur aus blauem Plastik waren. Ich hatte ihre Zigaretten geraucht, während ich wartete, und meine Imitation von Carl, der Witz über den Aufreißerschlitten, war der Versuch, mich zu rächen. Chloe war diejenige, die entschied, was lustig war und was nicht. Sie hatte recht. Es war ein armseliger Joke. Ich ließ den Papierstreifen in den Korb fallen.

»Komm mal hier rüber«, sagte Chloe und verschwand hinter einem hohen Drehständer. Er war behängt mit Perlenschnüren, Samthalsbändern mit Schmetterlingsspangen und Ohrringen, die auf Pappkärtchen gesteckt waren. Sie begann, den Ständer zu drehen.

»Stell dich dorthin«, sagte sie, während ihre Finger über den bunten Schmuck streiften. »Rede einfach mit mir.«

»Worüber?«

»Völlig egal. Was du willst. Niemand hört dir zu.«

Ich war verwirrt. Chloe drehte weiter den Ständer und begutachtete die Perlen. Sie wog sie in der Hand und tat so, als müsste sie sich entscheiden. Auf dem Ständer war ein Spiegel angebracht. Sie richtete ihn nach unten, als würde sie im Wagen sitzen, und lächelte ihr Spiegelbild an.

Eine fette Frau quetschte sich an uns vorbei und erwischte mich mit der Spitze ihres Regenschirms am Knöchel. Ich stieß einen leisen Laut aus, ein unbeabsichtigtes Japsen. Die Frau drehte sich um und sah mich stirnrunzelnd an. Ich starrte zurück, bis sie missbilligend »Na, na« sagte und weiterging. Ich bückte mich und zog mein Hosenbein hoch. Auf meinem Knöchel war ein Kratzer, der nässte – klare Flüssigkeit, kein Blut. Mein Blick fiel auf Chloes Füße und die kleinen schwarzen Papierfetzen, die darauf herunterrieselten.

»Los, sag was«, befahl Chloe.

»Die Alte da hat mich mit ihrem Schirm verletzt!« Ich hielt nach ihrem grauen Kopf in der Menge Ausschau. »Sie hat sich nicht mal entschuldigt!«

»Ach nein?«, erwiderte Chloe. »Tut es weh?«

»Höllisch!«, sagte ich, aufs Neue empört. »Und dann hat sie mich angeguckt, als wäre ich diejenige, die etwas falsch gemacht hat. Fette Kuh.«

Die Weihnachtsmusik und das Geplapper der Leute waren ziemlich laut, aber Chloe nickte mir immer wieder zu.

»Ich verstehe nicht, dass manche Leute einfach so herumlaufen und sich aufführen können, wie es ihnen passt«, schimpfte ich weiter. »Sollen wir losgehen und sie suchen? Ihr sagen, was Sache ist? Ich finde, wir sollten. Chloe?«

»Okay«, erwiderte sie. »Das reicht.«

Ich dachte, sie meinte, dass ich mit der Motzerei aufhören sollte, aber sie sah hoch zu einem blinkenden roten Licht in dem schwenkenden schwarzen Kameraauge und anschließend über meine Schulter. Ich nahm eine Bewegung im Augenwinkel war, drehte mich aber nicht um, um zu sehen, was es war – ich war mehr daran interessiert, was Chloe tat.

»Ich muss los«, sagte sie und glitt kichernd davon. Ich konnte ihr Lachen noch lange hören, nachdem sie weg war.

Der Wachmann legte mir die Hand auf die Schulter und nicht ihr. Das war schon mal passiert, aber trotzdem sah ich es nicht kommen. Sie meinte einmal, dass man eher mich verdächtigte und nicht sie, weil ich immer so verlegen herumstand. Anscheinend stand mir das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben: ein Magnet für misstrauische Verkäuferinnen und Männer mit braunen Hemden und Sprechfunkgeräten.

Resigniert wandte ich mich um. Man musste immer mitgehen in ein Büro oder einen Personalraum. Er ging hinter mir und versuchte, meinen Ellenbogen festzuhalten.

»Ich lauf nicht weg«, sagte ich. »Nehmen Sie die Hände weg, oder ich sage meinem Dad, dass Sie mich angefasst haben.«

Er wich zurück, weil ich es aussprach, wie Chloe mich instruiert hatte – mit Betonung auf dem Wort »angefasst«.

Und dann gibst du Fersengeld, hatte sie gesagt, aber das tat ich nicht. Ich ging ein kleines Stück vor ihm, als würde ich ihn führen. Ich ließ ihn nur herankommen, wenn ich mir nicht sicher war, in welche Richtung ich als Nächstes gehen musste. Er tippte mir auf die Schulter, aber hielt mich nicht daran fest.

Es war derselbe Winter, in dem die Stadt von einem anonymen Triebtäter heimgesucht wurde, der jungen Mädchen im Park und an Bushaltestellen auflauerte, um sich vor ihnen zu entblößen. Die Medien berichteten fieberhaft darüber. Es gab mehr Polizeipräsenz an öffentlichen Plätzen, und es wurde über eine Ausgangssperre diskutiert. Kein Mann wollte damit in Zusammenhang gebracht werden und das Wort »angefasst« von einer Vierzehnjährigen hören. Chloe wusste das.

Im Hinterzimmer gab ich ihm meinen richtigen Namen.

»Wo wohnst du?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Sie dürfen mich nichts fragen, solange mein Vater nicht hier ist«, sagte ich und leerte meine Taschen. Ein Feuerzeug und eine Rolle Polos.

»Das ist alles? Was ist mit deiner Jacke?«

»Ich habe nichts«, sagte ich. »Sie können mich nicht festhalten.« Ich hielt meine Jacke auf, um ihm zu zeigen, dass ich nichts darunter versteckte.

»Was ist mit deiner Freundin? Wie heißt sie?« Vor ihm war ein Notizblock, aber der Bleistift lag auf dem Schreibtisch, nicht in seiner Hand. Er sah verschwitzt und gelangweilt aus.

Selbst in das Hinterzimmer wehten die Töne von »White Christmas«, gespielt auf Panflöte. Eine Tasse mit kaltem Kaffee und eine alte Ausgabe des Mirror befanden sich auf dem Schreibtisch vor ihm. Er warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Zeitung.

Ich lächelte. »Ich weiß nicht, wen Sie meinen.«

»Die Blonde. Die Hübsche. Du weißt genau, wen ich meine. Wie heißt sie?«

»Sie sollten mich wirklich nicht in Abwesenheit meiner Eltern befragen. Kann ich Ihren Namen haben? Und wie ist die Dienstnummer auf Ihrem Ärmel? Das wäre nämlich ganz nützlich, danke.«

Ich schrieb die Nummer mit dem Bleistift auf den Notizblock, dann riss ich das Blatt ab und schob es in meine Gesäßtasche. Er seufzte.

»Laura Webb. Ich kenne jetzt dein Gesicht. Du gehst auf die Valley School?«

Ich nickte. Er hatte offenbar das Abzeichen auf meinem Rucksack gesehen.

»Das heißt, du musst hier in der Gegend wohnen. Ich werde deine Adresse rausbekommen und mit deinen Eltern reden. Sie werden mir schon sagen, wie deine hübsche Freundin heißt.«

»Sie hat nichts geklaut«, sagte ich. »Und ich auch nicht.«

Ich schaufelte die Pfefferminzrolle und das Feuerzeug in meine Hand und spazierte hinaus. Auf dem Weg nach Hause trödelte ich, weil ich darauf wartete, dass Chloe plötzlich irgendwo hervorsprang, die Taschen voll mit klimperndem Schmuck. Als ich ankam, hatte der Wachmann bereits im Telefonbuch gesucht und Barbara angerufen, um ihr mitzuteilen, dass ich ab sofort Hausverbot in unserem Debenhams und in allen anderen Filialen hatte – lebenslang.

An jenem Nachmittag holte ich Chloe nicht ein. Ich nehme an, sie hatte beobachtet, wie ich angesprochen wurde, und war schnell nach Hause geflitzt. Das mochte vielleicht herzlos wirken, aber es ergab keinen Sinn, dass wir beide uns schnappen ließen, und außerdem geschah es mir recht, wie sie wahrscheinlich sagen würde, weil ich nicht so gut aufgepasst hatte wie sie.

Als ich zurückkam, erwartete mich Barbara bereits. Sie öffnete die Tür, noch bevor ich das Grundstück betreten hatte. Manchmal lauerte sie in der Diele und riss die Tür auf, wenn ich den Schlüssel ins Schloss steckte, aber an jenem Tag starrte sie mir in der offenen Tür entgegen, während ich immer noch am Gartentor herumfummelte. Ihre Ponyfransen klebten an der Stirn, und sie trug eine Schürze, auf der das Rezept für schottische Graupensuppe abgedruckt war. Wir hatten dazu ein passendes Geschirrtuch und einen Satz Suppenteller.

»Rein mit dir«, sagte sie und sah an mir vorbei auf die Straße, als würde dort ein voll besetzter Mannschaftswagen der Polizei stehen und ein Mann im weißen Overall ein Absperrband zwischen dem Kirschbaum und dem Torpfosten abrollen. Ich war nicht schnell genug: Sie packte mich an der Schulter und zerrte mich ins Haus.

Das war das zweite Mal, dass ich an jenem Tag unsanft behandelt wurde. Das dritte Mal, zählt man die Frau mit dem Regenschirm dazu, was ich tat, denn sie hatte sich nicht entschuldigt. Wieder wurde ich gezwungen, meine Taschen zu leeren. Ich hatte damit gerechnet und das Feuerzeug in meinen Jeansbund gesteckt. Es drohte also keine Gefahr.

»Ich hab nichts gemacht«, sagte ich.

»Dann haben die mich nur so zum Spaß angerufen, oder was?«, entgegnete Barbara barsch. »Steckt diese Chloe dahinter?«

»Chloe ist nach Hause.«

Barbara lehnte sich seufzend vor, die Hände flach auf dem Tisch. »Was hast du geklaut? Was brauchst du so dringend, dass du es stehlen musstest?«

»Nichts. Ich habe nichts geklaut.«

»Ich weiß, wir haben kein Geld, aber …«

»Ich habe nichts gestohlen.«

Sie seufzte wieder, nahm die Hände vom Tisch und steckte sie vorn in ihre Schürze. Sie wartete eine Weile, bevor sie weiterredete.

»Würde ich nicht ernsthaft befürchten, dass du deinem Vater schon wieder Weihnachten versaust«, sagte sie, »würde ich es ihm erzählen.«

Ich erwiderte nichts. Ich glaube, mit »schon wieder Weihnachten« meinte sie das Jahr zuvor, als ich die Windpocken bekam. Da Donald und Barbara nie die Windpocken hatten, steckte ich sie an, und weil Donald nicht viel tat, hatte er ein schwaches Immunsystem, und er musste eine Woche lang das Bett hüten und verpasste alles.

Sie konfiszierte die Polos.

Abgesehen von dem plötzlichen, unerwarteten Kälteeinbruch an Heiligabend und einem nächtlichen Sturm aus Hagel, der am Boden liegen blieb und so tat, als wäre er Schnee, verlief der erste Weihnachtstag wie jedes Jahr.

Ich hatte für Donald einen Zauberkasten gekauft. Den hatte ich schon vor Monaten in einem Buch-Discounter besorgt. Ich hatte ihn zu früh geholt. Bis Weihnachten hatte er kein Interesse mehr am Zaubern und wechselte zu Fischen. Trotzdem tat er so, als würde er sich darüber freuen, und nahm die Schachtel auf die Knie, während wir uns die Ansprache der Queen ansahen und darauf warteten, dass der Truthahn fertig war. Ich hatte außerdem gespart und Barbara ein Parfüm gekauft, das Chloes Mutter immer benutzte. Barbara wollte die Schachtel nicht öffnen und es ausprobieren, und als Donald eingeschlafen war, stellte sie es auf den Fernseher.

»Das kann dort bleiben, bis die Läden aufmachen«, sagte sie.

Ich starrte auf die Parfümschachtel und lauschte Donalds Schnarchen aus seinem Sessel. Die Schachtel starrte zurück. Die Christbaumkerzen spiegelten sich in der Silberschrift auf der Schachtel, und das Glitzern zog meinen Blick automatisch an, egal wohin ich schaute. Barbara war beschwipst.

»Soll ich es umtauschen?«, fragte ich. Gekränkt.

Barbara machte »Schsch!« und deutete auf Donald. »Das kriegt die Wohlfahrt«, sagte sie, leicht lallend. Sie schenkte sich das nächste Glas ein. »Mir ist nämlich nicht wohl dabei, Diebesgut zu benutzen.«

»Man kann das Parfüm nicht stehlen«, gab ich leise zurück. »Das ist eingeschlossen hinter der Theke. Die Schachteln im Regal sind nur Show.«

»Das hast du wohl gründlich ›abgecheckt‹«, sagte Barbara.

»Das weiß jeder«, erwiderte ich. »Das ist wie mit Kippen und Rasierklingen. Die teuren, kleinen Sachen.«

»Kippen?«, sagte sie und schaltete das Fernsehprogramm um, ohne zu fragen. Ich konnte es kaum bis zum zweiten Weihnachtstag erwarten, wenn ich mit Chloe in den Park gehen konnte und wir unsere Geschenke vergleichen würden.

4

Debenhams-Kaufhäuser gibt es überall auf der Welt. In Israel, in Russland, in Australien. Jahre später erzählte ich Emma die Geschichte mit dem Hausverbot, und sie lachte, aber als ich hinzufügte, dass ich seitdem tatsächlich nie wieder in einem Debenhams war, wollte sie plötzlich unbedingt den Park verlassen, wo wir uns eine Flasche Cidre geteilt hatten, auf einer Bank im japanischen Wassergarten, und in die Stadt gehen. In genau den Debenhams, und obwohl ich bezweifle, dass es Emma in den Sinn kam, rechnete ich die ganze Zeit damit, Chloe irgendwo herumlungern zu sehen, immer ein Auge auf die Überwachungskameras. Ich achtete auf Blondinen, die in der Parfümerie-Abteilung an ihren Handgelenken schnupperten oder sich vor großen, unverschmierten Spiegeln Kleider an den Körper hielten. Sie hatten nichts Gespenstisches.

Emma und ich gingen oben im Café einen Kaffee trinken. Es befindet sich auf einer Empore, bloß dass jeder sie Rundgalerie nennt, und die Stühle und Tische stehen hinter Glasscheiben, sodass man von oben auf die Leute hinabschauen kann, die Kleiderständer inspizieren, Waren in die Hand nehmen und wieder zurücklegen und sich vor den Umkleidekabinen anstellen.

Emma nahm die Zuckerpäckchen, leerte sie in ihre Untertasse und naschte langsam davon, indem sie den Finger befeuchtete und in den Zucker steckte, bis nichts mehr davon übrig war.

»Jetzt bist du dran«, sagte ich.

»Dran? Womit?«

»Erzähl mir was von ihr, was ich nicht weiß. Ich habe dir von den Ladendiebstählen erzählt, oder nicht? Ihr habt zusammen Sachen gemacht. Ohne mich. Erzähl mal, was ihr so getrieben habt.«

Emma schüttelte den Kopf und forderte mich auf, etwas mitgehen zu lassen. »Na los, mach schon, geh los und steck dir was in die Tasche. Ein Paar Ohrringe. Eine Sonnenbrille. Irgendwas Kleines.«

»Nein!«, sagte ich. Lauter als beabsichtigt. »Erzähl mir von Chloe. Glaubst du wirklich, sie …« – ich konnte ihr nicht in die Augen sehen – »… hat getan, was allgemein behauptet wird?«

Niemand spricht von Selbstmord. Das wirft kein gutes Licht auf uns alle. Wir sagen Tragödie.

»Mach schon«, wiederholte Emma und lächelte in ihre Tasse. »Oder hast du Schiss?«

Wir sind jetzt erwachsen, und doch ist Chloe immer noch bei uns und wartet darauf, beeindruckt zu werden.

»Wir verhalten uns zu auffällig, um was zu klauen«, sagte ich.

Die Leute starrten bereits. Zwei erwachsene Frauen, die sich benahmen wie unartige Schulmädchen. Die zu laut lachten. Unsere Jacken waren verwaschen, fleckig, hatten ihre beste Zeit hinter sich. Wir hätten gut nach billigem Wodka und Zwiebeln stinken können oder nach ungewaschener Unterwäsche und schalem Bier.

»Du bist schon bestraft worden«, sagte sie. »Du hast noch was gut.«

Das ist Emmas Denkweise. Sie geht gern spazieren und schlitzt Autoreifen auf oder bricht Außenspiegel ab als eine Art Rache, weil sie glaubt, dass Autos die Umwelt vernichten. Sie trägt einen WWF-Button und einen aufgestickten Regenbogen am Revers ihrer Jacke. Sie hat selbst ein Auto, aber sie macht es wieder gut, indem sie es nur benutzt, wenn sie ein bisschen was getrunken hat, die Roststellen unter Greenpeace-Aufklebern versteckt und ehrenamtlich arbeitet. Sie ist menschenscheu, aber sie hat ein Herz für Pflanzen und Tiere. Sie hasst Männer, und sie regt sich über alles auf.

»Wenn man mich beim Klauen erwischt, bin ich meinen Job los«, sagte ich.

Beim Gedanken an meine Arbeit höre ich die Musikberieselung und das Quietschen von Gummiabziehern an der gläsernen Aufzugtür. Ich habe eine künstliche Grünpflanze in einem Topf vor Augen, vermeintlich gefüllt mit Baked Beans, aber tatsächlich sind es nur Styroporkugeln, die angemalt sind, damit sie aussehen wie Kiesel. Das ist nicht viel. Das ist mein Zuhause.

»Ich bin auf meinen Job angewiesen.«

Emma zuckte mit den Achseln. Sie hat keinen anderen Job als ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten, wo man nicht gefeuert werden kann, darum spielt es für sie keine Rolle.

»Dann lass uns verschwinden«, sagte sie und stieß ein leises Glucksen aus, während ich mich an ihr vorbeiquetschte, um vom Tisch aufzustehen. Sie machte eine Bewegung, und ihre Untertasse kippte um, sodass sich die restlichen Zuckerkörner über den Boden mit Marmormuster verteilten. »Gehen wir eine Kneipe suchen.«

Aber so einfach war es nicht. Wir schauten uns noch einmal bei den Damenaccessoires um. Dort war es damals passiert. Sie bestand darauf, dass es höchste Zeit war, mich meiner Vergangenheit zu stellen.

»Schau mal«, sagte sie und zupfte einen rot-weißen Chiffonschal aus einem Korb auf der Verkaufstheke, schwenkte ihn durch die Luft wie eine Papierschlange und wickelte ihn sich dann um die Hand. Sie lachte laut, und jemand ging stirnrunzelnd zwischen uns durch. Emma hat gelbe Zähne, weil sie jeden Tag eine Selbstgedrehte nach der anderen qualmt. Sie stinkt. Wenn ich meine Haare nicht zu einem Knoten drehe und unter der Wollmütze verstecke, habe ich eine verfilzte dunkle Matte aus feuchten Locken, die nach Talg riechen. Wir schminken uns nicht. Ich habe Aknenarben, und Emma läuft ständig mit Fieberbläschen herum.

Wir sind nicht die Mädchen von früher.

Ich beobachtete Emma, während sie herumwirbelte, aber ich verpasste den Moment, als sie den Schal verschwinden ließ, beziehungsweise, als er von ihrer Jackentasche in meine wanderte. Ein Taschenspielertrick. Ein Kniff, ein Zauberkunststück. Bestimmt hatte Chloe ihr das gezeigt. Ein vertrauter Stich von Eifersucht. Wie kommt es, dass Emma das lernen durfte und ich nicht?

5

Ein Vormittag irgendwann in dem Winter, bevor sie starb. Wir waren zu dritt in der Stadt unterwegs. Es muss kurz vor Weihnachten gewesen sein, weil in allen Geschäften diese dämliche Musik lief und mir bereits die Augen von dem ganzen Rauschgold in den Auslagen wehtaten. In der Stadt war viel los, sodass ich die beiden ständig verlor – und sie durch Regale mit Kleidern und Schuhen verfolgte, die scheinbar immer länger wurden und sich teilten und mich einschlossen wie ein Traum, während in meinen Augen Tränen brannten, weil ich das Gefühl hatte, dass die zwei das absichtlich machten und mich abschütteln wollten.

»Komm schon, Lola!«

Ich folgte ihnen durch das Einkaufszentrum. Es war, als hätten sie eine Liste abzuarbeiten. Jessops, Superdrug, Wilkinson. Emma trug eine Strickjacke, die Chloe gehörte – ein hellblaues Teil, das vorne gekreuzt wurde und in der Taille gebunden. Es war zu zart für Emmas eckige, breite Schultern. Sie war größer als ich und Chloe. Sehr unfeminin, dachte ich und fragte mich, ob sie gestern bei Chloe übernachtet hatte.

»Kommst du oder nicht?«

Carl wollte sich mit uns in dem Parkhaus über dem Busbahnhof treffen. Er war ganz oben, und wir nahmen den Aufzug. Es roch komisch darin, nach Bleichmittel und Pisse und der dünnen Hühnersuppe, die man an den Automaten im Bahnhof kaufen konnte. Die Tür war orange lackiert und glitt mit einem klapprigen, nicht gerade beruhigenden Scheppern zu.

»Chloe, bist du sicher, dass er da ist?«, fragte Emma. »Wenn ich um drei nicht zu Hause bin, bringt mein Dad mich um.«

Chloe lächelte. »Er wird da sein«, erwiderte sie. »Er hat uns noch nie enttäuscht, oder?«

»Das würde ich ihm auch nicht raten.«

»Wen kümmert schon dein Dad? Ich werde jedenfalls den ganzen Abend draußen verbringen.«

»Deine Mutter kriegt Zustände, wenn du das tust«, sagte ich. »Und du bekommst für den Rest deines Lebens Wochenend-Hausarrest.«

»Sie hat mich zu meiner Großmutter geschickt«, entgegnete Chloe. »Sie hat gesagt, ich soll anrufen und mich selbst einladen.«

»Warum? Fahren sie weg?«, fragte Emma, während ich an das leere Haus dachte, den abschließbaren Barschrank, den Chloe mit einer Haarspange öffnen konnte, den Computer ihres Vaters und das teure Fußmassagegerät ihrer Mutter, das nicht aus der Schachtel genommen werden durfte.

»Nö«, antwortete Chloe, während der Aufzug langsam nach oben fuhr und meinen Magen unten zurückließ. »Sie haben Eheprobleme

Emma runzelte die Stirn. »Wollen sie sich trennen?«

»Das bezweifle ich. Sie ist ihm und seiner kleinen Freundin auf die Schliche gekommen. Sie hat die Teekanne nach ihm geworfen, die sie damals zur Hochzeit geschenkt bekommen haben.« Sie musterte uns mit verschlagenem Blick, als wollte sie unsere Reaktion testen. Ich schaute zu Emma, die eine perfekte mütterlich-besorgte Miene aufgesetzt hatte.

»Kommst du damit klar?«, fragte sie.

Chloe lachte. »Ich finde es ekelhaft, dass er es mit einer Grundschullehrerin treibt. Aus dem Alter sollte er raus sein. Ihm wachsen Haare aus den Ohren, und er schneidet seine Zehennägel in der Badewanne und drückt sie anschließend in den Abfluss. Ich werde ihr einen Besuch in ihrer Schule abstatten und ihr das erzählen.« Sie streckte den Zeigefinger aus und stach damit im Takt zu ihren Worten in die Luft. »Direkt vor ihrer Klasse. Ich werde sagen, dass er ein dreckiger alter Mann mit Schweißrändern in seinen Arbeitshemden ist und dass er einmal ›du liebe Güte‹ rief, als irgendein Arsch uns von hinten an der Ampel anrempelte. Dann wird sie bestimmt nicht mehr mit ihm bumsen wollen.« Sie schnalzte mit der Zunge gegen die Zähne und zwinkerte. »Problem gelöst!«

Ich kicherte. Chloe war erstaunlich. Die Sache war die: Sowas Durchgeknalltes war ihr jederzeit zuzutrauen.

»Wie ist deine Mum dahintergekommen?«, fragte Emma.

»Ja, hat sie die beiden in flagranti erwischt? In ihrem Ehebett?«

»Von wegen.« Chloe schüttelte den Kopf. »Ich habe mitbekommen, dass er von dem Apparat oben mit ihr telefonierte. Lauter kitschiges Liebesgeflüster. Er hörte sich an wie ein absoluter Volltrottel. Das hat mich angestunken, also habe ich es ihr gesagt.«

Emma schien abzuwägen, ob sie Chloe sagen sollte, dass das keine gute Idee gewesen war, als sich die Fahrstuhltür ruckelnd öffnete und Chloe als Erste hinausstürzte.

»Kommt schon, ihr Weicheier!«, rief sie.

Das Parkhaus war düster und windig, und Carl hatte seinen Wagen an der Vorderseite geparkt. Er saß auf der gewölbten Außenrampe, die auf die Hauptverkehrsstraße und die Geschäfte zeigte. Er hatte dunkles Haar, das zum letzten Mal vor einem Vierteljahr geschnitten worden war und zottig über seine Ohren und seinen Jackenkragen fiel. Als er sich nach uns umdrehte, sah ich, dass er sich von seinem Schnurrbart getrennt hatte. Ich lächelte, sagte aber nichts.

»Ah, meine Mädels!«, sagte er grinsend und sprang flott von der Rampe, während wir uns näherten. Chloe, Emma und schließlich ich begannen zu rennen, und das Echo unserer Schritte hallte zwischen dem Metall und Beton wider. Ein Wagen kam um die Ecke und musste scharf bremsen, um Emma und Chloe nicht über den Haufen zu fahren. Die Frau am Steuer hupte, und Chloe streckte ihr die Zunge raus. Emma hielt sie am Jackenzipfel fest und zog sie weg, als sie sich anschickte, vor dem Wagen herzulaufen. Sie benahm sich immer so, wenn Carl in der Nähe war.

»Wart ihr fleißig?«

»Es war brechend voll, Carl, genau wie du gesagt hast.« Chloe benutzte wie immer ihre besondere, ältere Stimme, wenn sie mit ihm redete. Carl legte den Arm um ihre Schulter, zog sie an sich und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Dann ging er um seinen Wagen herum und klappte den Kofferraumdeckel hoch.

»Schmeißt alles rein.«

Emma beugte sich über den Kofferraum, band die hellblaue Strickjacke auf und ließ mehrere gelb-schwarze Filmschachteln herausfallen. Chloe kicherte und hielt Emmas Jacke, während diese die Strickjacke auszog und ihr zurückgab.

»Das ist der Trick«, erklärte Emma mir. »Du musst beim nächsten Mal was Praktischeres anziehen. Dein Pulli taugt nicht. Zu ausgeleiert. Da fällt alles unten wieder raus.«

»Okay«, sagte ich und erkannte zu spät, dass wir gerade mitten in einer Art Konkurrenzkampf steckten.

»Oder du machst es wie Chloe«, fuhr Emma fort.

Chloe zwinkerte und zog ein Gummiband von ihrem Jackenärmel über dem Handgelenk. Carl lachte, als sie ihren Ärmelaufschlag aufzupfte und kleine Schachteln mit Schrauben und Nägeln herausschüttelte.

»Du bist ein Genie«, sagte er. »Darauf wäre ich nie gekommen. Du hast es faustdick hinter den Ohren!«

Faustdick hinter den Ohren! Das war ein Ausdruck, den Kantinenfrauen benutzten oder Großmütter. Manchmal redete Carl, als würde er seine eigene Muttersprache nicht verstehen.

»Was willst du mit den Schrauben?«, fragte ich.

»Carl baut eine Dunkelkammer bei sich zu Hause«, antwortete Chloe. Carl stupste sie an die Schulter. »Schon gut. Sie wird nichts sagen.«

Ich runzelte die Stirn. Wen interessierte schon seine Dunkelkammer?

»Er muss die Fenster verdunkeln«, erklärte sie. »Man kann bei Tageslicht keine Bilder entwickeln. Das geht nicht.«

Emma hatte sich vom Wagen entfernt und starrte über die Kante der Rampe hinunter auf die Busse, die den Bahnhof ansteuerten und verließen. Leute hatten sich hier schon runtergestürzt, und eigentlich sollte die Außenrampe mit einem Netz abgezäunt werden, um das in Zukunft zu verhindern, aber man wurde sich nicht einig, wer die Kosten dafür tragen sollte. Von innen war die Rampe mit Graffiti beschmiert – nicht die schönen kunstvollen, die man auf den Bahnen in den Großstädten sah, sondern Herzen und Brüste und erigierte Penisse, die in die Luft spritzten.

»Emma, komm her. Ich dachte, du hast es eilig?«

Emma reagierte ein paar Sekunden lang nicht – als hätte sie ihn nicht gehört –, woraufhin er träge blinzelte und den Mund aufklappte, um sie ein zweites Mal zu rufen, als sie sich umdrehte und ihn anblickte, als wäre sie aus einem tiefen Schlaf erwacht.

»Okay«, sagte sie und kehrte zum Wagen zurück – aber in ihrem eigenen Tempo, kein Gehen, kein Schlendern, sondern ein Schlurfen. Chloe trieb sie nicht an.

Ich verstand nicht, warum Carl verlangte, dass sie so unwichtigen Krimskrams für ihn klauten. Er hatte einen Job – er konnte sich das Zeug doch sicher leisten? Außerdem hatte ich nicht gewusst, dass Emma in das Geheimnis eingeweiht war, dass Chloe einen Freund hatte – einen, der zu alt war für die Schule, zu alt für Chloe. Ich hatte strengste Anweisungen, niemandem was von ihm zu sagen. Wann hatte sie Emma eingeweiht?

»Und was hast du, Lola?«, fragte Chloe.

Ich zuckte mit den Schultern und zeigte ihr eine Handvoll Schoko-Eclairs, die ich aus der offenen Konfektauslage bei Woolworth gemopst hatte.

»Möchtest du einen?« Meine Zähne und Finger waren bereits klebrig von der Schokolade. Es war ein tröstendes, ekliges Gefühl – meine Backenzähne hafteten zäh zusammen, wenn ich redete.

»Nö.« Sie schüttelte den Kopf. »Das Zeug ist wirklich schlecht für die Haut, weißt du? Ich entgifte gerade, damit ich mir an Weihnachten und Silvester alles reinziehen kann, worauf ich Bock habe, ohne auseinanderzugehen.«

Ich sparte mir, Carl zu fragen, ob ich die Eclairs auch in den Kofferraum legen sollte. Er würde uns wohl alle nach Hause bringen, denn der Himmel hatte sich weiß gefärbt, und es konnte jeden Moment anfangen zu schneien. Er würde seine Mädels nicht durch den Schneeregen stapfen lassen, sodass sie sich nasse Füße und eine Lungenentzündung holten.

»Fährst du mit, Lola?«, fragte Carl. Normalerweise ignorierte er mich, und weil ich nicht damit gerechnet hatte, von ihm angesprochen zu werden, stammelte ich nervös eine Antwort, und Chloe und Emma lachten, als mein Fuß sich in einer losen Schlaufe des Sicherheitsgurts verhedderte und ich auf den Rücksitz stolperte.

»Kann Emma heute mal vorne sitzen?«, fragte Chloe, und Carl zuckte mit den Schultern und antwortete: »Warum nicht?« Emma wirkte sehr zufrieden mit sich selbst, und ich war auch zufrieden, weil das bedeutete, ich konnte mit Chloe hinten sitzen – aber sie beugte sich während der gesamten Fahrt vor und unterhielt sich mit Carl.

Ich habe noch den Schal, den Emma damals im Debenhams mitgehen ließ. Ich bewahre ihn in meiner Sockenschublade auf, hinter den alten Socken, die ich nur nicht wegwerfe, um mich selbst zu bestrafen, wenn ich zu faul war, mich um die Wäsche zu kümmern. An dem Schal hängt immer noch das Preisschild.

Ich frage mich, ob sie das absichtlich getan hat. Sie wollte meine Frage zu Chloe nicht beantworten. Wollte mir nicht sagen, woran sie sich erinnerte. Aber sie hatte vor meinen Augen lange Finger gemacht: um mir den Trick zu demonstrieren und mich daran zu erinnern, dass es so vieles gab, was ich über die Dinge, die sie zusammen mit Chloe unternommen hatte, nicht wusste.

Emma wird mich irgendwann auf den Schal ansprechen. Sie wird mich dafür auslachen, dass ich nach wie vor keinen Fuß in einen Debenhams setze, wird über meine Frisur lachen und über die Brille, die ich mir ausgesucht habe, weil ich nach all den Monaten, in denen wir sowas wie Berühmtheiten zweiten Grades waren, von niemandem mehr angesehen werden möchte.

6

Mag sein, dass Weihnachten öde war, aber ich hatte nichts anderes erwartet. Ich war herausgewachsen. Ich war aus allem herausgewachsen. Alles ödete mich an, abgesehen von den endlosen Runden durch den Park mit Chloe. Ziellos umherspazieren, warten, dass die Jungs auftauchten, und, neuerdings, warten, dass Chloe und Carl auf dem Rücksitz seines Wagens zum Ende kamen.

Wenn ich mit Chloe unterwegs war, machte sich immer so eine Art Aufbruchstimmung bei mir breit. Sie wollte Carl belabern, mit uns nach Manchester zu fahren und uns in eine richtige Nobeldisko einzuschleusen, in der Promis verkehrten. Fußballer. Leute aus der Rockszene. Sie sagte, er würde vorher mit uns schicke Kleider kaufen gehen und uns anschließend in ein Lokal ausführen, wo es Cocktails und Sushi gab und wo niemand nach unserem Ausweis fragen würde, weil man Carl dort kannte, und in seiner Begleitung könnte uns nichts passieren. Es würde bald so weit sein; es könnte jeden Tag losgehen. Sie hatte ihn nicht gefragt, wann genau es losgehen würde, denn sie wollte den richtigen Zeitpunkt abwarten. Aber wenn der richtige Zeitpunkt da wäre, würden wir losfahren, wir drei.

Ich hatte mich sehnsüchtig auf den zweiten Weihnachtstag gefreut, an dem ich wieder rausdurfte. Chloe und ich hatten uns im Avenham Park verabredet, an dem Platz mit dem Rosengarten und dem Springbrunnen und der viktorianischen Promenade, die am Fluss entlangführte. Das war unser üblicher Treffpunkt. Ein guter Ort – nah zur Stadt und zu den Geschäften und dem Spar, in dem man keinen Ausweis zeigen musste, und Leute aus unserer Klasse trieben sich immer dort herum. Das war unser Treffpunkt. So war es abgesprochen. Chloe wollte heimlich eine Flasche aus dem Haus schmuggeln. Aber Carl war aufgetaucht, ließ uns in seinen Wagen einsteigen und fuhr mit uns zum Cuerden Valley Park. Das ist nicht wirklich ein Park, sondern ein Naturschutzgebiet – mit einem großen Wald und einem künstlichen See und Wanderwegen und roten Mülltonnen für Hundescheiße und Verstecken für Vogelbeobachter. Wir hätten nicht zu Fuß dorthin kommen können.

»Warum fahren wir so weit raus?«, fragte ich.

»Weil heute jeder Depp mit seinem Hund unterwegs ist«, antwortete Carl gereizt. »Ich wollte ein bisschen Frieden.«

Es waren immer Parks. Parks oder das Industriegebiet im Hafen oder Naturreservate oder abends der Bahnhof oder die Rückseite des Busbahnhofs, wo er im Schatten auf den verwaisten Haltespuren parkte, während die Busse sicher im Depot standen. Nie Kinos oder der Rummelplatz oder die Bowlingbahn.

»Friede und Heil den Menschen«, sagte ich. Keine Ahnung, warum. Es war ein sinnloses Herumspielen mit Wörtern und Ausdrücken, das Chloe und ich öfter machten, wenn wir alleine unterwegs waren – wir schnatterten uns gegenseitig die Ohren voll über unsere ineinander verhakten Arme hinweg, während wir spazieren gingen. Es hatte nichts zu bedeuten; es war nur ein harmloser Körperkontakt, wenn wir zusammen durch die Gegend zogen. Ein Automatismus. Chloe lachte. Carl hielt an, schaltete den Motor aus und blickte zwischen den Vordersitzen zu mir nach hinten.

»Los, aussteigen.«

Er war schroffer als sonst. Er erzählte uns keine Witze, hatte weder Süßes noch Zeitschriften noch Kippen für mich dabei. Er scheuchte mich aus dem Wagen: Offenbar hatte er Chloe vermisst.

»Und pass schön auf.«

Das sagte er tatsächlich und deutete mit dem Daumen durch die Scheibe nach draußen. Wenn er Schokolade wäre, würde er sich selber fressen, das wollte ich ihm sagen, während ich Chloe anblickte und still um moralische Unterstützung bat.

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