Logo weiterlesen.de
Ich kannte kein Limit

In dieser Reihe außerdem erschienen:
Ela Aslan: Plötzlich war ich im Schatten.
Mein Leben als Illegale in Deutschland
Anna B.: Ich werde die Bilder im Kopf nicht los.
Mein Leben nach dem Missbrauch
Bader/Braun/Sailer/Schober/Schreiber/Sellmaier: Die Schüler von Winnenden.
Unser Leben nach dem Amoklauf
Christina Helmis: Mein Lollimädchen-Ich.
Mein Leben mit der Magersucht
Lisa-Marie Huber: Der Tod kriegt mich nicht.
Mein Leben mit der Leukämie
Julia Kristin: Online fühle ich mich frei.
Mein Leben im Netz
Josephine Opitz: Auf dem Laufsteg bin ich schwerelos.
Mein Leben als Model im Rollstuhl
Angela S.: Dann bin ich seelenruhig.
Mein Leben als Ritzerin
Mihrali Simsek: Mit 18 mein Sturz.
Mein Leben im Gefängnis
Sabrina Tophofen: So lange bin ich vogelfrei.
Mein Leben als Straßenkind

Zu diesem Buch wird eine Unterrichtserarbeitung erstellt.
Informationen darüber erhalten Sie beim
Arena Verlag, Würzburg, unter Telefon 0931/79644-0
oder www.arena-klassenlektueren.de.

Aus Datenschutzgründen wurden die Namen im nachfolgenden Text
von der Redaktion geändert.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Das Lied des Trinkers

Es war nicht in mir. Es ging aus und ein.

Da wollt ich es halten. Da hielt es der Wein.

(Ich weiß nicht mehr, was es war.)

Dann hielt er mir jenes und hielt mir dies
bis ich mich ganz auf ihn verließ.

Ich Narr.

Jetzt bin ich in seinem Spiel und er streut
mich verächtlich herum und verliert mich noch heut
an dieses Vieh, den Tod.

Wenn der mich, schmutzige Karte, gewinnt,
so kratzt er mit mir seinen grauen Grind
und wirft mich fort in den Kot.

Rainer Maria Rilke

Prolog

Bis in die frühen Morgenstunden trafen Leute ein, die ich nicht kannte. Sie nahmen das Haus in Besitz wie ein Schwarm Hornissen. Doch jetzt, wo es darauf angekommen wäre, war ich nicht mehr einsatzfähig. Ich hatte einfach viel zu viel getrunken und gekifft. Kopflos, unentschlossen und mit revoltierendem Magen irrte ich durch die Zimmer, guckte fassungslos zu, wie alles außer Kontrolle geriet, und wusste nicht, wie ich eingreifen sollte. Immer wieder geisterte derselbe Gedanke durch mein vernebeltes Gehirn: Was mach ich bloß, wenn mein Vater morgen zurückkommt und dieses Chaos vorfindet?

Aus Verzweiflung und vielleicht auch weil es mir inzwischen zur Gewohnheit geworden war, trank ich immer weiter. Was das Ganze auch nicht besser machte. Irgendwann kam ich im Garten zu mir, mit halb heruntergelassener Hose, neben mir eine Lache Erbrochenes und eine fast leere Flasche Sekt, und wusste nicht, wie ich da hingeraten war. Mühsam rappelte ich mich auf und sah Ivo neben mir hocken. »Geht’s wieder?«, fragte er mit prüfendem Blick.

»Ja, geht schon.« Diese drei Silben sauber zu artikulieren, fiel mir unendlich schwer. Ich fummelte an meiner Hose herum und kriegte den Bund erst beim dritten Anlauf zu fassen. Beschämt zog ich sie wieder nach oben.

»Geht ganz schön ab da drin«, sagte Ivo und wies mit dem Daumen über die Schulter auf unser Haus.

Ich schüttelte resigniert den Kopf. »Wo kommen diese Typen bloß alle her?«

»Das war Dennis. Er hat die Party bei Facebook unter Veranstaltungen gesetzt. Öffentlich.«

»Dennis?!« Ich war geschockt. Wieso sollte Dennis so was machen? Ich hatte doch die Gästeliste mit ihm besprochen! Er hatte mir sogar die Özel-Brüder als Türsteher empfohlen, damit sie aufpassten, dass nur die geladenen Gäste ins Haus kamen! »Bist du sicher?«

Ivo zog sein Handy aus der Hosentasche, tippte und wischte ein paar Mal auf dem Display herum und hielt es mir dann hin. Der Bildschirm verschwamm vor meinen Augen. Ich blinzelte und starrte angestrengt darauf. Er hatte recht. »Scheiße.«

Die ersten Gäste gingen wieder. Sie zogen grölend durch das stille Wohngebiet, knickten die Seitenspiegel geparkter Autos ab, pinkelten gegen Gartentore, stellten leere Bierflaschen auf Mauerkronen ab oder warfen sie auf die Fahrbahn und kletterten übermütig an Straßenschildern hoch. Zwei Mädchen keiften mit schrillen Stimmen.

Ivo klopfte mir wortlos auf die Schulter, erhob sich und ließ mich allein. Ich wagte nicht, ins Haus zu gehen, aus Angst vor dem, was mich drinnen erwartete.

1

Ich bin ein Alpha. Oder ein Beta.

Das klingt wie aus einem schlechten Science-Fiction-Film, aber in Wirklichkeit ist es eine Unterteilung von Alkoholkonsumenten in verschiedene Typen. Der Alpha-Typ trinkt, um mit Stress und Frust fertigzuwerden. Der Beta-Typ trinkt am liebsten in Gesellschaft, zum Beispiel auf Partys. Der Gamma-Typ trinkt lange Zeit gar nichts, gibt sich aber dann total die Kante. Der Delta-Typ trinkt täglich, und zwar immer gerade so viel, dass er einen gewissen Pegel hat, aber nicht unbedingt auffällt. Und der Epsilon-Typ lebt eine ganze Zeit lang enthaltsam, um dann alles nachzuholen und tage- oder sogar wochenlang im Vollrausch zu bleiben.

Nach dieser Einteilung gelten Alpha- und Beta-Typen nicht als Alkoholiker. Sie sind zwar gefährdet, aber nicht abhängig. Wenn ich mich in dieses Schema einsortieren müsste, dann irgendwo zwischen Alpha und Beta. Manchmal trinke ich aus Frust, weil es nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle, oder auch wenn mir irgendwas Mieses passiert ist. Und ich trinke auf Partys oder wenn ich mit Freunden unterwegs bin.

Bis vor Kurzem gab es auch Tage, an denen weder das eine noch das andere zutraf und ich trotzdem getrunken habe. Das war in der Phase, als ich noch mit Dennis, Vasily, Günay, Ivo und Ercan und der ganzen Clique abhing. Als ich Stella noch nicht kannte, sondern stattdessen wie wahnsinnig in Jenny verliebt war, die mir die eiskalte Schulter zeigte.

Zu der Zeit ging ich noch aufs Gymnasium. Oft hab ich einfach so getrunken, aus purer Langeweile. Vielleicht auch auf der Suche nach dem Glücksgefühl. Denn Alkohol regt das Gehirn dazu an, Dopamin freizusetzen. Man nennt das auch Glückshormon, weil es die Stimmung hebt und gute Gefühle verursacht. Jedenfalls eine Zeit lang, bis es zum Absturz kommt. Und zum unvermeidlichen Kater danach.

Ich kann gar nicht genau sagen, an welchem Punkt und warum der Alkohol anfing, eine so große Rolle in meinem Leben zu spielen. Sozialwissenschaftler sprechen ja in diesem Zusammenhang gern von »problematischen Verhältnissen«. Auf den ersten Blick trifft das auf mich bestimmt nicht zu. Meine Eltern sind gebildet und finanziell gut aufgestellt, wir gehören zur sozialen Oberschicht.

Aber auch wenn meine Eltern mich und meinen jüngeren Bruder Mischa nicht vernachlässigt oder geschlagen haben, war unser Familienleben nicht besonders konstant. Wir sind schon vor meiner Einschulung häufig umgezogen. Als ich fünf war, gingen meine Eltern dann mit mir und Mischa in die USA, in eine kleine Stadt in Texas. Mein Vater hat da eine spezielle Zusatzausbildung gemacht. Er ist Chirurg und in Texas lernte er, wie man zum Beispiel nach einem Unfall deformierte Gesichter wiederherstellen kann. Oder angeborene Missbildungen. Kraniofaziale Chirurgie nennt man das. Dafür gibt es nur ganz wenige Spezialisten.

Damals hatten meine Eltern noch wenig Geld, deshalb musste ich in Amerika eine staatliche Schule besuchen. Die haben bekanntlich keinen guten Ruf. Aber meine war toll, ich hatte wirklich Glück. Obwohl ich natürlich anfangs kein Englisch konnte, fand ich Freunde und nette Nachbarn hatten wir auch. Die Sprache habe ich sehr schnell gelernt, das war gar kein Problem.

Leider blieben wir nur ein Jahr dort, dann zogen wir wieder nach Deutschland zurück, in einen Vorort von Frankfurt am Main. Mein Vater baute sich seine eigene Praxis auf und meine Mutter unterstützte ihn dabei. Sie hat Politologie studiert, aber kurz nach ihrem Magisterabschluss kamen ich auf die Welt und vier Jahre später mein Bruder. Deshalb konnte sie nie in ihrem Beruf arbeiten. Die Praxis bot ihr nach vielen Jahren als Hausfrau endlich eine Aufgabe, die sie forderte und bei der sie unter Leute kam, und das machte ihr viel Spaß. Zunächst jedenfalls. Die Probleme kamen erst später.

Der erste heikle Einschnitt in meinem Leben war mein Schulwechsel. Ich musste in Frankfurt auf eine Ganztagsschule gehen und die Umstellung war ein regelrechter Schock für mich. Ich hatte mich inzwischen so an das Englische gewöhnt, dass ich gar nicht mehr richtig Deutsch konnte. Und meine Lehrerin konnte mich aus irgendeinem Grund nicht leiden. Ich hatte so Angst vor ihr und vor der Schule, dass ich mich an manchen Tagen einfach weigerte, das Gebäude zu betreten. Dann musste meine Mutter mich reinschieben oder -tragen.

Oft machte sich meine Lehrerin vor der gesamten Klasse über mich lustig, wenn ich Wörter falsch oder mit einem amerikanischen Akzent aussprach. Mir war gar nicht klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Das merkte ich erst, wenn sie mich nachäffte und alle zu kichern begannen. Und dann setzte sie noch einen drauf: »Na, Sascha, du wirst ja rot wie eine Tomate! Like a tomato!« An dieser Stelle wurde aus dem Kichern lautes Gelächter. Der Einzige, der nicht mitlachte, war ich.

Wenn sie auf dem Schulhof die Pausenaufsicht hatte und ich beim Rennen oder Toben hinfiel – was damals ziemlich oft vorkam –, half sie mir nicht hoch wie die anderen Lehrerinnen, sondern verspottete mich mit Sprüchen wie: »Na, sammelst du Ameisen?« Oder: »Du hast wohl nicht genug geschlafen, dass du dich schon wieder hinlegen musst!«

Es war eine richtige Qual, machtlos ihrer Boshaftigkeit ausgeliefert zu sein. Ich glaube, ich war damals ein nerviges Kind: unaufmerksam, zappelig, laut und immer in Bewegung. Aber das war ich nicht von Natur aus. Ich wurde es erst, weil ich Angst hatte und unter Druck stand.

Nach dem Unterricht musste ich in den Kinderhort, wo sich eine andere Erzieherin um uns kümmerte. Die hatte zwar persönlich nichts gegen mich, war aber extrem streng. Zum Beispiel mussten wir immer unsere Teller leer essen und so lange am Tisch sitzen bleiben, bis alles weg war. Ganz schön hart, zumal ich mich mit dem Stillsitzen so schwertat! Im Nachhinein denke ich allerdings manchmal, dass ich dadurch vielleicht Disziplin gelernt habe.

Ab dem dritten Schuljahr wurde es für mich leichter. Ich durfte eine Schule besuchen, wo es nur Vormittagsunterricht gab. Meine Mutter arbeitete weniger, damit sie nachmittags Zeit für mich hatte. An der neuen Schule gefiel es mir, ich hatte eine nette Lehrerin und fand auch endlich Freunde.

Aber kaum lief es an der Schulfront besser, fing es zu Hause an zu kriseln. Mein Vater verdiente mittlerweile recht gut. Entsprechend repräsentativ sollte das Haus werden, das er sich bauen ließ: eine Villa mit großem Garten, mit Swimmingpool und Marmorböden und Gästebädern und allem Schnickschnack. Wenn wir zur Baustelle fuhren, konnte ich mir das allerdings noch nicht so richtig vorstellen. Da standen jede Menge Baugeräte und Material herum und es gab Sandhaufen und tiefe Löcher, in denen Mischa und ich gerne gespielt hätten, was wir aber nicht durften.

Der Hausbau ging viel langsamer voran als geplant, weil die Baufirma Pleite machte und meine Eltern eine neue beauftragen mussten. Wir hatten aber unsere Mietwohnung schon gekündigt und mussten da raus. Deshalb wohnten wir ein halbes Jahr lang in einer Ferienwohnung auf engstem Raum, bis das Haus endlich bezugsfertig war. Eigentlich fand ich das ganz cool. Es gab eine große Wohnküche, in der wir abends alle zusammensaßen. Während mein Vater Eier briet und meine Mutter Gurken schnippelte, spielte ich mit Mischa an der Xbox. Das war ein bisschen wie im Urlaub.

Mein Zimmer in der neuen Villa war ungefähr genauso groß wie diese Wohnküche und hatte ein eigenes Bad. Am Anfang kam ich mir darin fast ein bisschen verloren vor. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, so viel Platz zu haben, und fand es auch gut. Bloß die Lage unseres Hauses war ziemlich ungünstig. In dieser Gegend wohnten überhaupt keine Leute in meinem Alter und weit und breit gab es keine S-Bahn-Station. Der Weg zur Schule oder in die Stadt war eine halbe Weltreise. Deswegen kamen nur selten Klassenkameraden zu mir nach Hause.

Ich war inzwischen aufs Gymnasium gewechselt, und zwar auf das, das auch meine Eltern besucht hatten. An die älteren Lehrer konnten sie sich sogar noch erinnern. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass man von mir irgendwas Besonderes erwartete. Meine Leistungen waren ganz gut. Mathe und Physik lagen mir besonders. Nur ein Mal schrieb ich in der achten Klasse eine Fünf, woraufhin mein Vater total enttäuscht von mir war. Das hat mich sehr lange belastet. Er hat immer viel Wert auf Leistung gelegt und diese Haltung habe ich wahrscheinlich von ihm geerbt.

Ich setze mich selbst oft unter Druck. Ich brauche immer Ziele, und wenn ich eins erreicht habe, peile ich das nächste an. Ich will besser sein als andere. Warum ich gleichzeitig so auf Alkohol abgehe, kann ich nicht genau erklären. Vielleicht um diesen Druck wenigstens vorübergehend mal ein bisschen runterzufahren.

Als ich in der neunten Klasse war, fing die Ehe meiner Eltern an zu kriseln. In Wirklichkeit tat sie das wohl schon länger, aber meine Mutter wollte es nicht wahrhaben, weil sie als Kind selbst unter der Trennung ihrer Eltern gelitten hatte. Außerdem waren Mischa und ich noch relativ klein: Mein Bruder ist vier Jahre jünger als ich und war gerade erst elf geworden.

Einmal war ich mit meiner Mutter beim Italiener essen, da fing sie plötzlich an zu weinen. »Ich kann nicht mehr!«, schluchzte sie. »Ich halt das nicht mehr aus! Das ist doch kein Leben mehr! Immer steh ich unter Kontrolle, immer muss ich funktionieren, Papa nimmt sich alle Freiheiten und ich muss mich um alles kümmern! Ich will euch das nicht antun, dir und Mischa, aber wenn ich euch nicht hätte, wäre ich schon längst weg!«

Ich war erschrocken, weil ich nicht geahnt hatte, dass es so ernst ist. Andererseits tat mir meine Mutter leid. Ich hatte das Gefühl, sie trösten zu müssen. Aber mir fielen nicht die richtigen Worte ein. Was hätte ich sagen sollen? Was sagt ein Fünfzehnjähriger zu seiner Mutter, die sich bei ihm über ihre Eheprobleme ausweint?

In der Folge gab es immer öfter Streit zwischen meinen Eltern. Sie gingen zur Eheberatung, aber offensichtlich ohne Erfolg. Immer wieder flogen zu Hause die Fetzen. Vordergründig ging es dabei um Lappalien: um verdorbenes Gemüse (»Warum kaufst du Sachen ein, die wir dann doch nicht essen?«), um Terminüberschneidungen (»Du hättest mir ja mal sagen können, dass du schon zugesagt hast!«) oder um Schulangelegenheiten (»Und das erfahre ich erst jetzt? Mischa ist auch mein Sohn, ja!«). Aber wahrscheinlich steckte dahinter etwas viel Grundlegenderes.

Meine Mutter versuchte, aus ihrem Frust auszubrechen. Sie schloss sich der örtlichen freien Wählergemeinschaft an. Eines Abends ging sie zu einer Party ihrer Parteifreunde. Weil ihr Auto eine Ausfahrt blockierte, musste sie es umparken, hatte aber schon ziemlich viel getrunken. Und zufällig fuhr im selben Moment ein Streifenwagen vorbei. Meine Mutter erschrak so sehr, dass sie ruckartig auf die Bremse trat und den Motor abwürgte. Prompt wurden die Polizisten aufmerksam. Sie hielten an und ließen sie ins Röhrchen blasen. 1,09 Promille – das bedeutete Führerscheinentzug für einen Monat. Als mein Vater davon erfuhr, flippte er vor Wut fast aus. Ein neuer Anlass für Streit. Am meisten ärgerte ihn, dass sich meine Mutter durch ihr auffälliges Verhalten erst selbst in diese Situation gebracht hatte. »Wie kann man denn so bescheuert sein? Warum hast du auf die Bremse getreten? Das war doch klar, dass die dich sofort überprüfen!«

Damals fing es an, dass meine Mutter nachts öfter auswärts übernachtete, »bei einer Freundin«, wie sie behauptete. Mein Vater wurde misstrauisch und setzte einen Privatdetektiv auf sie an. Genau wie im Fernsehen. Der Mann fand heraus, dass meine Mutter eine Affäre hatte; er konnte sogar den Namen ihres Liebhabers nennen. Kurz darauf bekamen wir an einem Sonntagmorgen die Nachricht, dass unsere Tante – die Schwester meiner Mutter – mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus gekommen war. Meine Mutter war nicht da, sie hatte angeblich wieder bei einer Freundin übernachtet.

»Okay, du rufst da jetzt an«, sagte mein Vater. »Das ist ein Notfall. Sie muss Bescheid wissen.«

»Was? Wo soll ich denn anrufen?«

»Na, bei ihrem Lover. Sag, du bist ihr Sohn. Sag, du musst sie dringend sprechen. Die sollen kapieren, dass es außer ihnen noch was anderes auf der Welt gibt.«

Mir war das wahnsinnig peinlich und ich versuchte, mich vor dieser Aufgabe zu drücken. Wie sollte ich mich denn überhaupt vorstellen – »Hallo, ich bin der Sohn von Ihrer heimlichen Geliebten«? Was sollte ich sagen, wenn er fragte, woher ich seine Nummer hatte? War ich dann hinterher schuld, dass die Affäre aufgeflogen war? Und überhaupt: Ich hatte keine Lust, mit dem Liebhaber meiner eigenen Mutter zu reden! Aber mein Vater ließ nicht locker.

Ein Mann ging ans Telefon. Ich nannte meinen Namen und sagte: »Kann ich mal meine Mutter sprechen?« Er gab keine Antwort, es blieb ein paar Sekunden ganz still in der Leitung, dann nahm meine Mutter den Hörer. An ihrer Stimme merkte ich, dass es ihr genauso unangenehm war wie mir. Als ich wieder auflegte, waren meine Hände nass vor Schweiß.

2

Die ersten Jahre auf dem Gymnasium waren nicht unbedingt die beste Zeit meines Lebens. Ich war ein echter Spätentwickler, klein und dünn. Als die Mädchen in meiner Klasse schon Brüste bekamen und sich die Augen schminkten, sah ich noch wie ein Grundschüler aus. Kein Wunder, dass sie mich überhaupt nicht wahrnahmen.

Es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit darunter gelitten hätte, denn ich war ja auch im Kopf noch ziemlich kindlich und beschäftigte mich mit Hobbys, in denen Mädchen keine Rolle spielten. Hin und wieder verglich ich mich trotzdem mit meinen Klassenkameraden, mit den coolen und angesagten, die den Mädchen nur einen Blick aus den Augenwinkeln schenken mussten, damit sie kicherten und rot wurden, und das machte mich neidisch.

Auch der weite und komplizierte Schulweg machte mir zu schaffen. Ich konnte nur selten Freunde mit nach Hause nehmen. Die anderen wohnten alle in unmittelbarer Nähe, bei denen war immer was los – aber wer wollte schon bis zu mir rausfahren?

Ich war schüchtern und reagierte oft zu empfindlich, was auch nicht gerade dazu beitrug, mich sozial aufzuwerten. Mir mangelte es in dieser Zeit an Selbstvertrauen. Zum Ausgleich setzte ich mich unter Druck, weil ich dachte, ich könnte mir durch gute Leistung Anerkennung sichern. Das funktionierte allerdings nur bedingt. Erst als ich entdeckte, was Alkohol in mir auslöste, schien ich ein Mittel gegen dieses Unterlegenheitsgefühl gefunden zu haben. Wenn ich getrunken hatte, fühlte ich mich gut, auch wenn ich gerade keine Spitzenleistungen vorweisen konnte. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung.

Damals hatte ich einen Klavierlehrer, den ich noch heute sehr bewundere. Der Mann war nicht nur ein guter Lehrer, er spielte auch göttlich Klavier. Er kam aus Mazedonien und unterrichtete mich mehrere Jahre lang zu Hause. Früher war er in Jazz- und Pianobars aufgetreten und hatte davon auch gelebt. Dann wurde er irgendwann betrunken auf dem Fahrrad erwischt und musste seinen Führerschein abgeben, und zwar nicht nur vorübergehend wie meine Mutter, sondern dauerhaft. Ohne Auto war es für ihn schwierig, nachts zu seinen Auftritten zu gelangen, deshalb hatte er sich aufs Unterrichten verlegt.

Er war Alkoholiker und daraus machte er auch kein großes Geheimnis. Jedenfalls mir gegenüber nicht. Meine Eltern wussten es, glaube ich, nicht. Vielleicht hätten sie ihn sonst gefeuert. In meinen Augen hatte er sein Leben voll im Griff. Ich habe ihn nie betrunken erlebt, weder mit Fahne noch mit zittrigen Händen oder so. Natürlich trank er während unserer Unterrichtsstunden nicht. Da war er hoch konzentriert und außerdem ein großartiger Lehrer. Ich habe bei ihm wirklich viel gelernt, auch wenn ich nie so werde spielen können wie er.

Für mich war er damals ein großes Vorbild.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ich kannte kein Limit" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen