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Ich kämpf um unsere Liebe

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Gail Barrett

Ich kämpf um unsere Liebe

Bei seiner Rückkehr spürt Garth Winslow es sofort: Noch immer wird er in Millstown schief angesehen, obwohl er sich nie etwas zuschulden kommen ließ. Aber sein Vater war ein Krimineller! Nur eine Frau – und auf die kommt es ihm an – steht zu ihm: die begehrenswerte junge Lehrerin Erin McCuen. Genau wie damals entflammt ihre Liebe zueinander. Obwohl Garth sie vor dem Gerede warnt, will sie ihr Glück vor niemandem verstecken. Doch die Strafe lässt nicht lange auf sich warten …

1. KAPITEL

Als Garth Winslow seine Harley beschleunigte und damit die Hauptstraße von Millstown im Bundesstaat Maryland entlangraste, hatte er nur einen Wunsch: Er wollte dieses verdammte Nest so schnell wie möglich wieder verlassen. Millstown. Seine ach-so-wunderbare Heimatstadt, für deren Bewohner er bestimmt immer noch der letzte Dreck war –egal, wie viele Jahre vergangen waren, seit er sich zuletzt hier hatte blicken lassen. Hier hielt sich ein schlechter Ruf länger als die alten Häuser, deren Fassaden die engen Straßen dominierten.

Er kämpfte gegen den Drang an, noch einen Zahn zuzulegen und die Stadt einfach hinter sich zu lassen. Es ging hier ja schließlich um Norm. Garth musste unbedingt zu ihm. Das war sein einziger Gedanke gewesen, als er Miami zwei Tage zuvor verlassen hatte – als er die Nachricht erhielt, dass der Krebs sich noch weiter in Norms Körper ausgebreitet hatte und es keine Hoffnung mehr gab. Der Mann, der Garth als Teenager bei sich aufgenommen hatte, lag nun im Sterben. Warum mussten die Leute, die er zu lieben gelernt hatte, alle sterben?

Garth wurde immer unbehaglicher zumute, als er die Geschwindigkeit auf der Höhe des Stone Mill Cafés drosselte, in die enge Gasse neben dem verlassenen Theater einbog und anschließend eine Abkürzung durch die Einbahnstraße nahm, die er in die falsche Richtung entlangfuhr.

Früher hatte Norm außerhalb der Stadt auf einer Farm am Rande der Appalachen gewohnt. Doch nach dem Tod seiner Frau Rose und nachdem Garth den Ort verlassen hatte, war Norm in eine Doppelhaushälfte in Millstown gezogen. Dort hatte die Kettenraucherei schließlich ihren Tribut gefordert.

Garth parkte seine Maschine neben einer Reihe von Autos, die bereits in der Auffahrt standen, hängte den Helm über die Rückenlehne und streckte seine schmerzenden Glieder. Dann fuhr er sich durchs Haar und schob sich das T-Shirt, das er unter der Lederjacke trug, in den Hosenbund. Auch wenn Norm schwer krank war und vielleicht nicht mehr viel mitbekam, so erwartete und verdiente er es doch, dass Garth ihm ordentlich gegenübertrat.

Seine Nerven waren angespannt, als er zur Tür ging und von dort aus direkt in eine kleine Küche kam, in der sich die Nachbarn drängten und es nach Kaffee roch: Garth erblickte Jack Fleagle, der das Theater geleitet hatte, bevor es geschlossen worden war, und Mrs. Cline, die am Postamt gearbeitet hatte und letztes Jahr in Rente gegangen war. Ja, und dann war da noch „Battle-Ax Bester“ – Mrs. Bester, die Streitaxt –, eine stämmige Frau, die ihre toupierte Hochsteckfrisur offenbar mit einer ganzen Dose Haarspray fixierte. Die hat mir gerade noch gefehlt, dachte Garth.

Als Mrs. Bester ihn erblickte, verzog sie die stark geschminkten Lippen. „Na, Sie haben ja Nerven, sich hier blicken zu lassen.“

Herrje. Mittlerweile war es zwölf Jahre her, dass Garth die High School verlassen hatte, und diese Frau tat immer noch so, als wäre er ein potenzieller Mörder, der irgendwann im Gefängnis enden würde – wie sein Vater. Garth hasste diese Kleinstadt wie die Pest.

„Garth, schön, dass du noch rechtzeitig gekommen bist.“ In diesem Moment trat Norms jüngerer Bruder Max, der inzwischen über fünfzig sein musste, hinter Mrs. Bester hervor und reichte ihm die Hand.

Garth schüttelte sie und bemerkte dabei sofort, wie angespannt Max war. „Norm ist also noch nicht …“

„Nein.“ Max legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Geh ruhig gleich durch zu ihm. Die Krankenschwester ist zwar gerade da, aber er wartet schon sehnsüchtig auf dich.“

Garth war nicht ganz wohl zumute, als er sich seinen Weg durch die vielen Menschen bahnte und anschließend den Flur hinunter zu Norms Schlafzimmer ging. Er klopfte an die Tür und öffnete sie. „Norm?“

Eine ihm unbekannte Frau wandte sich zu ihm um. „Tut mir leid, aber Mr. Decker muss jetzt …“

„Garth“, keuchte Norm. „Du bist da …“

Garth blieb fast das Herz stehen, als die Schwester beiseite trat und den Blick auf das Bett freigab. Du liebe Güte! War das etwa Norm? Der Mann, der dort lag, starrte ihn mit glasigen Augen an. Sein Gesicht wirkte blutleer, die faltige Haut hing schlaff von den Wangenknochen.

Was war bloß geschehen? Im letzten Frühjahr, als Garth auf seinem Weg nach Montana einen Zwischenstopp in Millstown eingelegt hatte, hatte Norm doch noch ziemlich gesund ausgesehen.

„Sie können aber nur ganz kurz bleiben“, mahnte die Krankenschwester. „Er hat nämlich gerade seine Medikamente genommen. Wenn Sie noch etwas brauchen – ich bin in der Küche.“ Die Frau verließ das Zimmer.

„Hab dein Motorrad gehört …“, brachte Norm hervor. „Wusste, dass du kommst …“

Das ist ja auch verdammt noch mal selbstverständlich, dachte Garth. Er war sofort losgefahren und hatte nur für ein paar Stunden an der Grenze zu North Carolina Halt gemacht, um ein wenig zu schlafen. „Ich komme gerade aus Florida. Einen tollen Strand hab ich da entdeckt, perfekt zum Entspannen. Vielleicht ziehe ich mich demnächst auch mal für eine Woche auf die Bahamas zurück.“ Nicht zuletzt, um sein kaputtes Knie auszukurieren, damit er weiter seinen Job als Feuerspringer ausüben konnte. Bei dieser Spezialeinheit sprangen die Feuerwehrleute wie Fallschirmjäger aus Flugzeugen über Brandgebieten ab, um dort mit einfachsten Mitteln Brände zu löschen.

Garth setzte sich und streckte das schmerzende Bein aus.

„Bist du verletzt?“, erkundigte sich Norm sofort.

Garth verzog das Gesicht. Der Krebs mochte zwar den Körper des Mannes zerstört haben, sein Verstand jedoch funktionierte nach wie vor einwandfrei. „Ja, ich habe mir das Knie verstaucht, beim letzten Absprung stand der Wind ungünstig, da bin ich unsanft gelandet. Ist aber nichts Schlimmes, muss mich jetzt bloß etwas schonen.“

Norm schloss die Augen. „Zum Ausruhen ist Millstown perfekt. Bleib doch hier …“ Er zuckte zusammen, dann keuchte er wieder.

Garth erschrak. „Was ist los? Soll ich die Schwester rufen?“

„Nein.“ Norm öffnete die glasigen Augen. „Verfluchtes Morphium …“

Garths Blick fiel zunächst auf die Morphiumpumpe, die mit dem Tropf verbunden war. Dann betrachtete er die Beatmungsmaschine neben dem Bett und den Rollstuhl in der Zimmerecke. Alles Hilfsmittel, die Norm den Weg in den Tod erleichtern sollten. Garth wollte etwas sagen, fand aber keine Worte. Er schluckte.

Norm bewegte erneut die Lippen, und Garth beugte sich zu ihm, um alles mitzubekommen.

„Bleib hier …“, flüsterte der Mann. „Versprich es mir. Ich brauche dich für …“

„Wofür, Norm? Wofür brauchst du mich?“, hakte Garth nach.

„Nicht hier. Garth, versprich mir …“

Bitte nicht!, dachte Garth. Bitte, lass mich Norm jetzt nicht verlieren. Nicht auch noch Norm.

„Garth …“

Auf Norms Stirn bildeten sich Schweißperlen. Nein, das durfte einfach nicht sein! Er durfte nicht sterben! Und er, Garth, konnte unmöglich hier in Millstown bleiben. Andererseits konnte er jetzt unmöglich abreisen und Norm im Stich lassen. „Ja, ich bleibe hier.“ So lange, wie Norm ihn brauchen würde.

„Nicht hier“, wiederholte der nun.

„Wie meinst du das, nicht hier?“

„Nimm dir … ein Zimmer.“

Garth runzelte die Stirn. Was sollte das denn heißen? „Ich lasse dich jetzt aber nicht wieder allein, Norm.“ Schon bei dem Gedanken zog sich ihm das Herz zusammen. „Ich schlafe einfach auf der Couch, wie immer.“

„Nein.“ Auf einmal klang die Stimme des todkranken Mannes ganz fest. „Die Schwester ist hier. Und Max. Du musst … nach Mills Ferry.“

Mills Ferry? Er sollte also in dem alten Herrenhaus am Stadtrand wohnen? Warum ausgerechnet dort, so weit weg von Norm? Garth versteifte sich. „Willst du mich nicht hier bei dir im Haus haben? Bin ich hier nicht willkom…?“

„Nein, Garth.“ Norm streckte die Hand unter der Bettdecke hervor und umschloss Garths Handgelenk. Die Finger des Mannes waren zittrig und kalt. „Mein Sohn. Du bist mein Sohn. Hilf mir … bitte.“ Seine Stimme versagte.

Panik erfasste Garth. „Aber …“

„Versprich es mir. Bitte …“ Dann glitten Norms Finger von seinem Handgelenk.

Garth erschauerte. Für diesen Mann würde er alles tun, egal, wie ungewöhnlich seine Bitte war. „In Ordnung, dann wohne ich eben dort.“

„Gut.“ Norm sank in das Kissen zurück und schloss die Augen.

„Norm? Norm?“

„Sir?“ Hinter sich hörte Garth die Stimme der Schwester. „Mr. Decker braucht jetzt Ruhe.“

Erleichtert atmete Garth auf. Norm war nicht gestorben, sondern bloß eingeschlafen. Gott sei Dank. Aber wie lange würde das noch so weitergehen?

Garth erhob sich, seine Beine fühlten sich an wie Pudding. Früher hatte er immer den Eindruck gehabt, nichts und niemand könne Norm etwas anhaben, diesem großen, kräftigen Mann mit den muskulösen Armen und den schwieligen Händen. Er war ein geduldiger Ziehvater gewesen, der ihm beigebracht hatte, wie man Tierspuren las und Wild schoss. Wie man den Transporter reparierte, mit dem Garth sich auf die Seite gelegt hatte, als er die Kurve zu schnell nahm. Und wie man sich zu verhalten hatte, wenn ein Mädchen Interesse bekundete.

Und jetzt lag dieser starke Mann im Sterben.

„Sir?“

Ein quälender Schmerz erfüllte Garths Brust, als die Krankenschwester Norm das Beatmungsgerät anlegte und ihm die Kissen zurechtrückte.

Auf einmal konnte er es nicht mehr aushalten. Er brauchte dringend Platz … und Luft. Rasch verließ er das Zimmer und bahnte sich einen Weg durch die überfüllte Küche.

„Garth. Hey, Garth!“

Er stieß die Tür auf und ging nach draußen. Dieser verfluchte Krebs! Er hob den Helm von der Motorradlehne und zog ihn sich über den Kopf. Wie hatte der Tumor nur so schnell streuen können? Und warum hatte Max sich nicht schon viel früher bei ihm gemeldet? Ungeduldig zerrte er an den Lederhandschuhen.

„Garth, nun warte doch mal!“

Er schwang sich auf die Harley und warf Max, der ihm nach draußen gefolgt war, einen mürrischen Blick zu. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass er einen Rückfall hatte?“, herrschte er ihn an. „Ich habe doch Geld, verdammt! Da hätte ich ihn ohne weiteres zu einem Spezialisten in Baltimore bringen können, er hätte doch nicht mit diesem Quacksalber hier vorlieb nehmen müssen.“

„Er ist schon bei einem Spezialisten. An der Johns Hopkins Universitätsklinik, und eine bessere Adresse gibt es für Krebspatienten wohl kaum. Seit über einem Jahr ist er dort in Behandlung.“

Garth zog sich der Magen zusammen. „Und du hast mir nichts davon gesagt?“

„Ich wollte ja. Das wollten wir übrigens alle, aber Norm hat uns überredet, damit noch zu warten.“

„Ich verstehe.“ Und auf einmal war Garth tatsächlich alles glasklar: Die ganze Stadt wusste also, dass Norm nicht mehr lange zu leben hatte, aber niemand hatte es für nötig befunden, ihm das mitzuteilen.

„Wir haben uns gedacht …, na ja, wo du doch schon so viel durchmachen musstest …“ Max war sichtlich unwohl zumute. „Da wollten wir nicht, dass du dir Sorgen machst.“

„Aha.“ Garth klappte das Visier seines Helmes herunter und ließ den Motor aufheulen. Dass ich nicht lache, dachte er. In Wahrheit war es doch einfach so, dass er nicht zur Familie gehörte. Und in Millstown war er auch nicht willkommen. Das war schon immer so gewesen und würde sich auch nie ändern. Garth legte geräuschvoll einen Gang ein und düste los.

Der kalte Wind fegte über den Potomac River, fuhr durch Baumkronen und rüttelte an den Fenstern des alten Herrenhauses Mills Ferry. Erin McCuen lehnte sich gegen die dicken Scheiben und fröstelte. Jetzt konnte sie es nicht mehr länger hinauszögern: Sie musste einfach die Heizung hochdrehen, damit ihre Großmutter nicht krank wurde.

Schnell verdrängte Erin alle beängstigenden Gedanken, die ihr sofort kamen. Sie durfte jetzt nicht in Panik geraten, selbst wenn sie sich durch die hohen Heizkosten immer tiefer verschuldete. Irgendwie würde sie schon einen Weg finden, die Rechnungen zu bezahlen.

„Warst du schon bei der Bank?“, fragte prompt ihre Großmutter, die neben ihr auf einem Stuhl saß.

„Ja, Grandma.“ Erin seufzte. „Alles in Ordnung.“

„Die stehlen mein Geld. Und glauben, ich merke es nicht.“

„Mach dir keine Sorgen. Der Kontostand ist seit dem letzten Mal völlig unverändert.“ Nämlich gleich null, und so würde es wohl auch bleiben. Erin betrachtete den roten Vogel draußen im Vogelhäuschen. „Schau mal, ein Kardinal. Der ist bestimmt wegen der Sonnenblumenkerne gekommen.“

Erin stützte die zittrigen Hände ihrer Großmutter, damit diese das Fernglas besser festhalten und sich den Kardinal genauer ansehen konnte. Zum Glück zogen diese wunderschönen leuchtend roten Finken im Winter nicht in den Süden. Durch ihren schlimmen Autounfall hatte Erins Großmutter schon so viele Einschränkungen hinnehmen müssen. Ihr Sprachvermögen, ihre Bewegungsfreiheit und ihr Kurzzeitgedächtnis hatten gelitten, und sie konnte auch keine Patchwork-Decken mehr nähen, dabei war das immer ihr liebstes Hobby gewesen. Nun konnte sie nur noch vom Wintergarten aus die Vögel beobachten – das war das einzige Vergnügen, das ihr noch blieb. Und Erin würde dafür sorgen, dass ihre Großmutter diesem Vergnügen bis zu ihrem Lebensende nachgehen konnte. Und zwar in ihrem eigenen Zuhause, egal, wie schlecht es um die Finanzen stand.

Liebevoll legte Erin ihrer Großmutter eine verblichene Patchwork-Decke um die Schultern. Seit dem Unfall hatten sich die Rechnungen gehäuft. Zwar übernahm zum Glück die Krankenkasse einen Großteil der Behandlungskosten, aber der Eigenanteil war immer noch beträchtlich. Und während Erin Anträge stellte und Zahlungsfristen im Auge behielt, nagte der Zahn der Zeit immer stärker an dem historischen Herrenhaus, in dem sie wohnten.

Schließlich hatte Erin damit angefangen, neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin an einer privaten High School auch noch Nachhilfeunterricht zu geben. Sie versuchte zu sparen, wo sie nur konnte. Aus lauter Verzweiflung hatte sie sich sogar Geld von ihrem Nachbarn, Norm Decker, geliehen. Und immer noch schien der Rechnungsstapel nicht kleiner zu werden. Sie beheizte jetzt nur noch ein paar wenige Räume im Haus, in die sie sich und ihre Großmutter umquartiert hatte. Grandma schlief ihrer Behinderung wegen im Erdgeschoss, Erin selbst oben im kleinsten Schlafzimmer des Hauses. Sie hatte auch versucht, das größte der Zimmer unterzuvermieten, aber da Millstown kein Urlaubsort war, hatte niemand auf ihre Anzeige reagiert. Nun konnte nur noch ein Wunder helfen, sonst würde Erin Mills Ferry verkaufen und ihre Großmutter aus ihrem Zuhause ausquartieren müssen. Das würde die alte Frau höchstwahrscheinlich nicht überleben …

In diesem Moment fiel die Haustür ins Schloss. Erin legte ihrer Großmutter eine Hand auf die Schulter. „Lottie ist jetzt da, Grandma. Schau dir nur weiter den Kardinal an, ich kümmere mich ums Abendessen und komme danach wieder.“

Sie durchquerte das Wohnzimmer und betrat die geräumige Eingangshalle.

„Ganz schön kalt da draußen“, begrüßte Lottie sie und hängte ihren Wollmantel über die Garderobe. „Bestimmt fängt es bald an zu schneien.“

„Ich hoffe nicht“, erwiderte Erin. Sie konnten zwar etwas Niederschlag gut gebrauchen, aber die Kälte würde ihre Heizkosten nur noch weiter in die Höhe treiben.

Lottie nahm sich die Baskenmütze vom Kopf und fuhr sich durch die kurzen grauen Locken. Die pensionierte Krankenschwester war nach dem Tod ihres Mannes ins Gästehäuschen des Anwesens gezogen. Als Gegenleistung für Unterkunft und Verpflegung kümmerte sie sich um die alte Mae McCuen, während Erin bei der Arbeit war. Und Erin wusste nicht, wie sie ohne diesen Engel in Menschengestalt zurechtkommen würde.

Nun machte Erin sich auf den Weg in die Küche. „Der Eintopf ist schon fertig. Ich hoffe, es stört dich nicht, dass es schon wieder Thunfisch gibt.“

„Ich habe nichts gegen Thunfisch, aber wolltest du heute Abend nicht mit Mike ausgehen?“

„Nein, keine Zeit. Ich muss noch Aufsätze korrigieren.“

„Wenn du den armen Mann noch weiter versetzt, hat er bald kein Interesse mehr“, ermahnte Lottie sie. „Und dabei ist er doch ein netter Bursche, so was findet man heutzutage nur noch selten.“

Erin nahm die Topflappen von der Arbeitsplatte und öffnete die Ofentür. Lottie hatte recht: Ihr Kollege Mike war wirklich ein netter und zuverlässiger Mensch, genau der Typ Mann, mit dem man sich niederlassen und eine Familie gründen konnte. Im Lehrerzimmer unterhielt Erin sich auch gern mit ihm. Sehr gern sogar. Im Moment hatte sie bloß einfach nicht die Zeit, ihn zu treffen. „Er muss selbst noch ein paar Klausuren benoten. Er versteht das schon.“

„Mag ja sein, aber du brauchst trotzdem auch mal etwas Entspannung. Du bist ja ständig am Arbeiten – oder du hilfst freiwillig bei irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung.“

Erin nahm den Eintopf aus dem Ofen, stellte ihn auf der Arbeitsplatte ab und holte anschließend das Bohnengemüse heraus. Also gut, dann mache ich eben mehr als andere Leute hier, dachte sie. Das ist mir egal. Ich helfe gern.

Lottie seufzte und öffnete die Besteckschublade. „Übrigens habe ich auf dem Heimweg kurz bei Norm vorbeigeschaut.“

„Wie geht es ihm?“

„Nicht besonders gut.“

Erin wurde schwer ums Herz. Norm war der engste Freund ihrer Großmutter und dazu der großzügigste Mensch, den sie kannte. Dass er nun im Sterben lag, konnte sie kaum ertragen.

„Immerhin hat es Garth noch rechtzeitig dorthin geschafft“, sagte Lottie nun.

Garth. Erin erstarrte, mehrere Sekunden lang fiel es ihr schwer, überhaupt zu atmen. Lottie kann nichts davon wissen, versuchte sie sich zu beruhigen. Niemand kann es wissen – außer mir und Garth.

„Das ist gut.“ Erin hängte die Topflappen wieder an den Haken neben dem Ofen und hoffte, dass ihre Stimme einigermaßen normal klang.

„Norm hat auch gesagt, dass er bei uns wohnen soll.“

„Wie bitte?“ Auf einmal konnte Erin nicht mehr klar denken. „Wer soll bei uns wohnen? Norm?“

„Nein, natürlich nicht. Garth.“ Lottie holte das Besteck aus der Schublade und schloss sie wieder. „Norm hat sich vor einigen Tagen nach dem Zimmer erkundigt, das wir vermieten wollten, das hatte ich ganz vergessen zu erzählen. Ich hatte einfach angenommen, dass du einverstanden wärst, wo du doch immer diese Anzeige schaltest.“

Erins Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Garth wollte also in ihr Haus einziehen und das Zimmer mieten? Ausgerechnet Garth?

„Er müsste gleich hier ankommen“, verkündete Lottie. „Ich decke am besten für ihn mit, vielleicht hat er ja Hunger.“

Entgeistert starrte Erin die ältere Frau an.

Lottie neigte den Kopf zur Seite. „Alles in Ordnung mit dir, meine Liebe?“

Sie blinzelte. „Ja, mir geht’s gut. Ich bin bloß …, ich meine, ich schaue mir jetzt lieber noch mal das Zimmer an. Drehe schon mal die Heizung auf und so. Könntest du wohl in der Zwischenzeit Grandma helfen?“

„Natürlich, geh nur“, erwiderte Lottie. „Ich hole Mae.“

Erin stürzte aus der Küche und eilte die Treppe hoch, dabei nahm sie zwei Stufen auf einmal. Oben lief sie in das große Schlafzimmer und schloss schwungvoll die Tür hinter sich. Dann lehnte sie sich gegen die Wand und rang nach Atem.

Garth Winslow. Hier, in ihrem Haus.

Du liebe Güte!

Sie legte die Hand aufs Herz, das ihr bis zum Hals schlug, und versuchte sich zu beruhigen. Sie musste sich unbedingt beherrschen – schließlich war die Sache mit Garth doch schon lange her. Zwölf lange Jahre, um genau zu sein. Es war in einer einzigen, unglaublich leidenschaftlichen Nacht geschehen, die Erin alles und Garth gar nichts bedeutet hatte.

Nicht, dass sie es ihm vorwarf. Schließlich hatte sie von Anfang an gewusst, dass er nicht bei ihr bleiben würde. Nein, Erin war niemand, der sich selbst etwas vormachte. Schon gar nicht, wenn es um Garth Winslow ging.

Mit wenigen Schritten war sie beim Bett. Dort nahm sie einen Bilderrahmen von der Wand. Lange Zeit betrachtete sie das zerknitterte Papier hinter dem Glasrahmen und ließ ihre Gedanken bei dem Anblick in die Vergangenheit schweifen. Garths Gedicht. Ihre unvergessliche gemeinsame Nacht. Das Motorengeräusch, als sie ihn hatte wegfahren hören. Erin spürte eine schmerzliche Mischung aus Sehnsucht und Leidenschaft, aus Zuneigung und Verzweiflung.

Schließlich seufzte sie. Diese Nacht war schon über zehn Jahre her, und Garth war nun bloß ein alter Freund, ein ehemaliger Klassenkamerad aus der High School. Und dazu ein zahlender Gast, mit dessen Zimmermiete sie einen Teil der ausstehenden Rechnungen begleichen konnte. Sie würde schon mit ihm klarkommen. Entschlossen ging sie zur Kommode und versteckte den Bilderrahmen mit dem Gedicht unter einer Patchwork-Decke, die zusammengefaltet in der untersten Schublade lag. Dann drehte sie die Heizung auf, zog die Bettdecke zurecht und hängte saubere Handtücher ins Badezimmer. Zufrieden ging sie zur Zimmertür.

Und hielt abrupt inne. Was hatte sie da eben gedacht? Sie würde schon mit ihm klarkommen? Mit Garth Winslow? Was machte sie sich eigentlich vor?

2. KAPITEL

Etwa eine Viertelmeile vor Mills Ferry hielt Garth seine Harley an. Er nahm den Helm ab, um die trostlose Landschaft um sich herum zu betrachten. Für kurze Zeit fühlte er sich in seine Jugend zurückversetzt – in die Zeit, als zuerst seine Mutter gestorben war und später Norms Frau Rose.

Nun drehte er den Zündschlüssel wieder herum, ließ den Motor aufheulen und fuhr das letzte Stück zum Anwesen einfach ohne Helm. Noch immer konnte er sich nicht vorstellen, warum Norm unbedingt wollte, dass er hier wohnte. Seit wann vermietete Mrs. McCuen überhaupt Zimmer? Und was, wenn er Erin über den Weg lief?

Bei dieser Vorstellung wurde Garth mulmig, also verdrängte er den Gedanken schnell wieder. Es kam überhaupt nicht infrage, dass er sich jetzt auch noch dadurch aus dem Konzept bringen ließ, dass er an Erin dachte. Schließlich war er so schon verwirrt genug.

Er hielt an der schmiedeeisernen Pforte des Herrenhauses an und betrachtete das kleine handgeschriebene Schild, das dort hing und dem zu entnehmen war, dass man hier ein Zimmer mieten konnte. Also hatte Norm recht gehabt. Aber warum hatte es Mrs. McCuen bloß nötig, fremde Leute bei sich aufzunehmen? Sie war doch eine wohlhabende Frau?

In Gedanken versunken fuhr Garth die kiesbedeckte und von Eichen gesäumte lange Einfahrt entlang, die zum Herrenhaus führte. Vereinzelte Schlaglöcher und Zweige, die hier und dort im Weg hingen, drohten ihn vom Motorrad zu schmeißen. Seltsam. In seiner Jugend war Mills Ferry für Garth der Inbegriff einer Welt gewesen, der er nicht angehörte. Mills Ferry bedeutete Geschichte, Tradition und Reichtum. Dazu war das Anwesen immer eine wahre Augenweide gewesen. Jetzt aber fegte der Wind vertrocknete Blätter über die ausgefahrene Einfahrt, und das Laub sammelte sich in großen Haufen an den Steinpfeilern der Umzäunung.

Garth parkte seine Harley neben einem Auto mit ausgeblichenem blauem Lack. Er war unendlich müde, und sein Knie fühlte sich auch schon wieder ganz steif an. Langsam humpelte er um die riesigen Azaleensträucher herum, die offenbar seit Ewigkeiten nicht mehr beschnitten worden waren, und ging die Stufen zum Eingang hoch. Die verzogenen Holzdielen gaben nach und knarrten.

Schließlich klingelte er. Als er nichts hörte, stemmte er die Hände in die Hüften. Was war bloß aus Mills Ferry geworden?

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